Mai 13th, 2019

Horrorspecial – Teil II (#144, 2010)

Posted in interview by Jan

In lockerer Gesprächsrunde angelegt, gab es in der letzten Trust-Ausgabe #143 einen Abriss (Teil 1) über die aktiven Entwicklungen in der Horrorfilmkultur der letzten zehn Jahre zu lesen, doch auch geschichtliche Ausflüge wurden nicht ausgespart. Interviewpartner war Marcus Menold, Chefredakteur des VIRUS Magazins, das seit über fünf Jahren den Anspruch hat, alles, was mit dem Thema Horror zu tun hat, abzudecken.
Viele meiner persönlichen Fragen konnten durch sein lexikalisches Horrorwissen beantwortet werden, einiges blieb natürlich noch immer offen. In der Hoffnung, dass die Wissenslücken einiger Leserinnen und Leser ebenfalls geschlossen werden konnten oder zur reinen Unterhaltung folgt nun der 2. Teil des Interviews, in dem es über Horrorfilmgenres und Geschlechterrollen geht. Auch gibt es schon einen Einblick in die Fankultur, die im nächstfolgenden Teil zusammen mit Musik weiter verhandelt wird. Dabei geht es jedoch nicht um solche Horrorfans wie die nette, grauhaarige Dame aus dem Werbespot einer Online-Partnervermittlung, die als ihren geheimsten Makel enthüllt, dass sie Horrorfilme mag.

Virus Magazin: www.raptor.de
Interview & Fotos: Andrea Stork
Sekundant: Jan Röhlk

Zur Einstimmung folgt hier allerdings erst einmal ein kurzer Blick ins deutsche Strafgesetzbuch:

§ 131 Gewaltdarstellung

(1) Wer Schriften (§ 11 Abs. 3), die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt,
1. verbreitet,
2. öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,
3. einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überläßt oder zugänglich macht oder
4. herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der Nummern 1 bis 3 zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu ermöglichen,
wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer eine Darbietung des in Absatz 1 bezeichneten Inhalts durch Rundfunk, Medien- oder Teledienste verbreitet.

(3) Die Absätze 1 und 2 gelten nicht, wenn die Handlung der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte dient.

(4) Absatz 1 Nr. 3 ist nicht anzuwenden, wenn der zur Sorge für die Person Berechtigte handelt; dies gilt nicht, wenn der Sorgeberechtigte durch das Anbieten, Überlassen oder Zugänglichmachen seine Erziehungspflicht gröblich verletzt.

***

Welches Subgenre des Horrorfilms hat die höchste Indizierungsrate der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien oder den höchsten Beschlagnahmungsanteil nach § 131 StGB?
Ah, das kann ich dir ganz genau sagen, ich habe nämlich für VIRUS CHRONICLES, das ja die besten Filme des Jahres 2009 noch mal Revue passieren lässt und Tipps gibt für die Fans, so ein bisschen nach Genres geordnet, unter anderem den Slasherfilm. Da gab’s einige Filme, die entweder gar nicht erst in Deutschland rausgekommen sind oder dieses SPIO/JK – strafrechtlich unbedenklich – Siegel bekommen haben, was bedeutet, dass sie indiziert werden können, nachdem sie auf den Markt gekommen sind. Also es sind entweder Slasherfilme, Backwoodsfilme oder eben, ich nehme den Namen nicht gern, Torture Porn. Ist eigentlich ein Begriff, der nicht sehr zutreffend ist, ich sag’ immer modernes Terrorkino. Aber aus diesen drei Genres werden am meisten Filme aus dem Verkehr gezogen.

Also konkret kam zum Beispiel 2009 ein Film überhaupt nicht auf den deutschen Markt und zwar aufgrund der Gewaltdarstellung, weil es in den USA so einen Fall gab, bei dem ein Killer das wirklich genauso gemacht hat wie der Herr im Film, und deshalb wurde hier auf ein Release gänzlich verzichtet. Man kann ihn aber auch in England bestellen (A. d. V. – bei einem US-amerikanischen Social-Commerce-Versandhaus), ich glaub’ für umgerechnet 7 Euro. Es ist „Midnight Meat Train“, diese Clive Barker Verfilmung.
Was haben Exploitation- und Mondofilme gemeinsam, wo liegen die Unterschiede?
Was für ’ne Frage…
Babyfrage, ich hab’s angekündigt….
Jan (kräht): Na für die Bravo des Horrors!…
Das ist eigentlich eine perfekte Frage für unseren Exploitation-, Trash- und Mondo-Experten Christian Ladewig, der von diesen Genres wirklich, ich glaube, alle Filme in seiner Sammlung hat. Ich glaube, es gibt auch niemanden, der eine größere Horrorsammlung hat als er. Aber um es kurz zu machen, es ist sind ja zwei verschiedene Genres: Mondo sind diesen ganzen Filme, bei denen Filmemacher um die Welt gereist sind und beispielsweise Kannibalen im Dschungel aufgenommen haben oder irgendwelche Eingeborenen, die sich gegenseitig oder die Affen oder sonst was essen. Also es sind praktisch Halbdokumentationen, „Gesichter des Todes“ zum Beispiel ist auch so ein Fall.

Finde ich, hat eigentlich nicht viel mit Horror zu tun, weil es ja realistische Dokumentationen sind. Exploitation hingegen hat schon eher was mit Horror zu tun, das ist einfach ein Genre, in dem der Horror zum Selbstzweck eingesetzt wird. Das heißt, es wird einfach vergewaltigt, abgeschlachtet, gemordet ohne Sinn und Zweck. Wobei es da auch gerade in den 70er Jahren sehr nette Filmchen gab, die eigentlich sehr brutal damals sein sollten, aber über die man heute sich sehr gut amüsieren kann.
Gab’s mal ein Revival von Mondo- oder Kannibalenfilmen oder haben die Filmemacher schon alle Ecken der Welt abgegrast sozusagen?
Also diese Kannibalenfilme, ich glaube da hat…
…da gibt’s doch diesen „Cannibal Holocaust“….
Genau, „Cannibal Holocaust“ von Ruggero Deodato – der ist ja einer der drei Filme, sage ich jetzt mal, die am meisten verboten, verbannt und verdammt wurden auf dieser Welt. Nicht jetzt wegen der brutalen Szenen mit den Menschen, sondern weil in dem Film Tiere geschlachtet werden, das wurde gefilmt und extra für den Film gemacht, wo sich der Herr Deodato auch heute noch für verantworten muss. Ich glaube, das hat dem Kannibalenfilm auch so ein bisschen einen KO-Schlag versetzt, weil das war der halt der extremste und brutalste Kannibalenfilm und seitdem kam eigentlich nicht mehr viel. Es gab jetzt im letzten Jahr einen Film, der hieß „Cannibals – Welcome to the Jungle“, der eigentlich noch mal die gleiche Story erzählt wie „Cannibal Holocaust“, nur halt wesentlich harmloser. Den kann man sich ankucken, der ist nett, der ist schön, aber wenn man „Cannibal Holocaust“ gesehen hat, braucht man den auch nicht zu sehen.
Sind bei Gorefilmen noch die Brocken dabei und geht es bei Splatterfilmen nur um BPM – Blood Per Minute?
Seit „Braindead“ muss man eigentlich auch keine Splatterfilme mehr drehen, weil in dem Film wurde alles gezeigt, mit Rasenmäher durch ’ne Menschenmenge gelaufen, das hat seitdem kein Film mehr getoppt.
Jan: Ist das wirklich so? Weil den Film kenne ja sogar ich als Laie…
Ja. Er ist natürlich witzig gemacht und jetzt nicht sonderlich eklig, da lacht man ja eigentlich mehr als dass man sich irgendwie… aber vom Gore-Gehalt und Splatter-Faktor ist der unerreicht.
Jan: Echt, weil das ist ja schon so Allgemeingut, ich dachte, es gäbe da krassere…
Krassere gibt es natürlich, „Matyrs“ zum Beispiel finde ich jetzt wesentlich krasser als „Braindead“, aber es wird halt nicht so viel Blut vergossen und so viele Gore- und Splatter-Effekte verwendet wie in anderen Filmen.
Wo ist jetzt der Unterschied zwischen Gore- und Splatterfilmen?
Das ist im Prinzip das gleiche, Splatter heißt Geschlachte und Gore geronnenes Blut, also das sind ja nur Bezeichnungen für Filme, in denen halt möglichst viel Blut fließt. Eine Unterscheidung Gore / Splatter gibt es eigentlich nicht, wobei Splatter eigentlich die gängige Bezeichnung ist.
Was ist eigentlich mit Slasher Porn gemeint und wodurch unterscheidet er sich von Torture Porn? Also ja, Slasher, rein raus mit dem Messer, und Porn ist irgendwie schon so ‘ne offensichtliche Verbindung, aber ich habe die beiden Begriffe gelesen und wusste jetzt auch nicht, wie ich es googeln sollte…
Slasher Porn, ist ja interessant, habe ich auch noch nie gehört (lacht): Also generell kann man sagen, zu jedem guten Slasherfilm gehört ’ne Prise Sex dazu. Das definiert eigentlich auch so ein bisschen das Genre. Du hast immer einen Maskierten, Unmaskierten oder Entstellten, der rumläuft, Leute ermordet, und es gibt immer irgendwelche jungen Pärchen, die es treiben und danach abgeschlachtet werden. Das ist so vereinfacht die Essenz des Slasherfilms, insofern ist da immer ein bisschen Porn dabei. Es gibt natürlich auch, vielleicht meinst du diese Filme, „Texas Vibrator Massacre“ oder „Porn of the Dead“, aber das sind richtige Pornofilme, die auf bekannte Horrortitel anspielen.

Dazu könnte dir Thorsten (A. d. V. – Wilms – Kinkats, The Other) vielleicht mehr sagen, ich habe die gar nicht gesehen. Thorsten kennt die, die sind von Rob Rotten, der dreht bevorzugt diese Titel, die auf Horrortitel anspielen, das sind aber ganz normale Pornos. Ich glaube, bei „Porn of the Dead“ sind einfach die Darsteller so ein bisschen grün angemalt und sollen Zombies sein. Torture Porn ist ein Begriff, der heutzutage sehr oft und gerne verwendet wird, meines Erachtens aber auch völlig falsch, weil Torture Porn ein Genre ist, was es vielleicht nur in Japan gibt.

Da gibt’s zum Beispiel diese Violent Pink-Filme, die so Sex and Violence Filme sind, und „Guinea Pig“ würde ich vielleicht als Torture Porn bezeichnen. Das war eine Reihe von sechs oder acht Filme – praktisch moderne Exploitationfilme -, in denen einfach nur vergewaltigt und abgeschlachtet wurde. Aber der Begriff Torture Porn wird heutzutage auf jeden Film angewandt, in dem auch nur ein Folterinstrument vorkommt. Ich habe schon oft gehört, dass „Saw“ zum Beispiel als Torture Porn bezeichnet wird. Finde ich völlig unsinnig, also ich denke, „Saw“ bezieht sich hauptsächlich auf eine alte Filmreihe mit Vincent Price, „Dr. Phibes“. Da gab es zwei Filme, in denen sich ein Arzt dafür rächt, dass seine Frau von Ärzten umgebracht wurde und er die dann in möglichst martialischen Fallen selbst richtet. „Saw“ ist für mich einfach nur eine moderne Version davon, insofern hat „Saw“ mit Porn überhaupt nichts zu tun.
Serienmörder werden durch das Verüben von Blut- und Folterakten sexuell stimuliert – werden Slasher- und Torturefilme für Zuschauer konzipiert, die sich das Morden „nicht getrauen“ und sich lieber vorm Bildschirm einen von der Palme wedeln?
Gute Frage, keine Ahnung. Das muss jeder für sich selbst beantworten. Es gibt sicherlich Leute – gerade wenn man mit der Szene sehr vertraut ist, viele Leute aus der Szene kennt, und ich kenne viele durch das Weekend of Horrors, wo wir schon, seit es die Veranstaltung gibt, vor Ort sind mit einem Stand. Und natürlich besuche ich auch seit Jahren diverse Video- und DVD-Börsen… da gibt es alle Arten von Fans. Im Prinzip müsste man da eine Feldstudie durchführen, wie sich die Horrorfilmfans zusammensetzen. Ich denke, es sind auch viele darunter, die genauso gerne Pornofilme kucken. Weil ich sehe das immer, Leute laufen dann da rum und haben eine Tüte voll mit Texas Chainsaw und Konsorten, aber auch, was weiß ich, Feuchte Schenkel Teil 13 oder so was. Insofern gibt es solche und solche Fans. Also ich bin zum Beispiel auch bekennender und großer Slasherfan, aber ich denke nicht, dass ich mir bei Freitag der 13. einen von der Palme wedele. Mir gefallen die Filme halt, weil ich sie sehr atmosphärisch finde, weil ich dieses Motiv Camp im Wald und die Bedrohung und Belagerung dieses Camps… weil mir das einfach ganz gut gefällt. Aber wie gesagt, da gibt es ganz verschiedene Motive, aus denen heraus die Leute solche Filme kucken.
Was ist aus den Horrorfilmproduktionen in Italien, Spanien, Mexiko geworden? Gab es hier eine Blütezeit – speziell in Italien – nur solange der katholische Deckmantel die nationalen Kehlen zugeschnürt hat, wenn es um die Darstellung von Sex ging? In den 70er ging das ja nur im Kombipack mit Horror, gibt es da jetzt noch aktuelle Filmproduktionen oder hat sich das Bewusstsein geändert?
Ich glaube nicht, dass das etwas mit dem Bewusstsein der Leute zu tun hat, ich glaube einfach, es hat mit der Nachfrage danach zu tun. Die 70er waren halt die Zombiejahre. Da gab es Fulci, Romero, da war so was sehr angesagt. Und in Italien war Fulci ja ganz groß mit seinen Filmen „Ein Zombie hing am Glockenseil“ und anderen. Das gibt’s heute in allen europäischen Ländern eigentlich noch außer in Deutschland. Also Frankreich ist mittlerweile führend mit seinen Filmen und seinen Regisseuren, noch vor den USA würde ich sagen. Weil da kommen wirklich sehr harte, sehr gute, sehr atmosphärische und sehr unheimliche Filme her, „Martyrs“, „Inside“ ist, glaube ich, noch wesentlich brutaler als „Martyrs“, aber nicht so atmosphärisch, „High Tension“ war sehr gut, „Frontier(s)“, und dadurch kommen jetzt unheimlich viele neue Filme nach.

Aktuell ist jetzt dieser „Mutants“, ein Zombiefilm, aber ein etwas anderer Zombiefilm, in dem eigentlich die Liebe eines Pärchens im Mittelpunkt steht. Also in Frankreich existiert nach wie vor eine sehr große Szene, in Spanien eigentlich auch, aber die machen andere Filme. In Spanien gab es früher von Ossario diese Reihe, die hier als die reitenden Leichen bekannt ist, ich glaub, da gab’s fünf Teile. Das waren irgendwelche Skelette, die von unten so bewegt wurden, total lächerlich und eigentlich auch total schlecht, aber die haben mittlerweile Kultstatus, bei so einer Trash-Nacht kann man das mal zeigen, einfach nett anzuschauen. Das waren diese besagten Filme, wo immer ein bisschen Sex drin war und dann kamen die reitenden Leichen, und das ist heute anders. Mittlerweile hat sich das ganze Genre ein bisschen bewegt und man macht wesentlich intensivere Filme, also weg von diesem Monster hin zu realen Begebenheiten. Aus Spanien kommt zum Beispiel der Film „REC“, einer der besten Zombiefilme der letzten Jahre, der auch dann gleich in den USA geremaket wurde, nur ein Jahr, nachdem er in Spanien rauskam, unter dem Titel „Quarantäne“.

In Spanien werden sehr viele Geisterhausfilme produziert, „The Nameless“ ist ein Beispiel dafür. Ebenfalls aus Spanien kommt zum Beispiel dieser Film „Ein Kind zu töten“, einer der besten Horrorfilme, denke ich, die je gemacht wurden. Wenn ich eine Bestenliste machen müsste mit den Top 10, wäre der mit Sicherheit dabei. Er ist in diesem Jahr (A. d. V. – 2009) von einem kleinen deutschen Label, Bildstörung heißen die, erstmals in Deutschland auf DVD veröffentlich worden. Und insofern gab’s da in Spanien eine Tradition von Horrorfilmen, und die ist jetzt wieder aufgelebt. Also zwischen 70ern und 80ern waren es nicht so viele, aber jetzt so im neuen Jahrtausend tut sich dort wieder was. Italien war halt Fulci, Argento. Argento gibt’s immer noch, obwohl seine Filme nicht mehr so gut sind wie einst. Also um es noch einmal kurz zu sagen, es tut sich was in allen europäischen Ländern und in den USA, Kanada sowieso, auch in Japan, Korea macht sehr viel…
Das ist die nächste Frage… Auf dem Fantasy Filmfest tauchte im Jahr 2000 erstmals die Reihe Focus Asia auf, aber ich habe in der einschlägigen Literatur gefunden, dass schon in den späten 70ern / Anfang der 80er Horrorfilme aus Korea, Hongkong usw. kamen. Warum wurde dieser Entwicklung vom Fantasy Filmfest erst so spät Rechnung getragen?
Das ist ein bisschen spät, aber das liegt auch daran, dass man, schätze ich mal, als DVD-Publisher oder auch Fantasy-Filmfest oder sonstiger Veranstalter vermutlich nicht dachte, dass diese Filme überhaupt jemanden interessieren. Durch „The Grudge“ und „The Ring“ kam der Stein erst ins Rollen, hat man gesehen, Moment mal, das ist ja ein Film aus Asien und der ist trotzdem spannend, intensiv, gruselig, kann man sich ja durchaus ankucken. Die beiden Filme haben das ausgelöst, da wurde gesehen, okay, damit kann man Geld machen, wenn man das hier auch auf DVD rausbringt, mit einer Synchro versieht, und seitdem funktioniert das.

Man muss sagen, es ist ja eine andere Art, wie soll ich sagen… also zum Beispiel der Humor in den Filmen ist ja ein ganz anderer als unser westlicher Humor. Der ist dann meistens ziemlich platt und ziemlich dämlich und insofern kann man sich da auch nicht immer so mit den Filmen hundertprozentig anfreunden. In japanischen Filmen weniger, aber jetzt in Hongkongfilmen oder chinesischen Filmen und in koreanischen ist es oft so, dass da wirklich Elemente eingebaut sind, wo du denkst, haben sie das von Dick und Doof oder Pat und Patachon oder den drei Stooges, wirklich ganz dämlicher Slapstick-Humor in Horrorfilmen. Das ist ungewohnt für das Auge. Ich nehme mal an, dass das eben die Bedenken waren, diese Filme hier überhaupt zu zeigen. Aber mittlerweile geht’s und finde ich gut, also ich mag diese Filme sehr gerne.
Warum greift der Horrorfilm – eh als räudiger Filmbastard verschrien – nicht die Möglichkeit der Darstellung sozio-kultureller Veränderungen auf? Oder existiert die Angst der Männer vor starken Frauen noch immer, die dann immer wieder diese restaurativen Happy Endings reinknallt? Ripley darf zwar ein mörderisch-fieses Alien töten, muss danach dann aber wieder kuschi-kuschi das Kätzchen streicheln…
Also eigentlich bin ich für so was der falsche Ansprechpartner. Ich mach’ mir über so was überhaupt keine Gedanken, ich kucke die Filme, genieße sie und Geschlechterkampf in Horrorfilmen…
So war das nicht gemeint, sondern einfach, dass es im Horrorfilm die Möglichkeit gäbe, mal was anderes darzustellen als in den traditionellen Genres. Ich versuch’ das mal anders zu sagen: Bei „The Descent“ wird die Protagonistin am Anfang dargestellt als Familienmutti, Ehefrau und dann findet ein tierisches Gemetzel statt, Catfight, Pipapo, und am Ende kriegt sie einen Nervenzusammenbruch. Tschuldigung, da wird die Frau wieder so total als schwach und scheiße dargestellt, die sich vorher extrem gut der Situation gestellt hat und auch wirklich ihren „Mann“ gestanden hat, die wird wieder zurückgeholt, so zack, du bist ja doch nur die Hausfrau und Mutter. Und auch Ripley, klar gibt es so Texte, die darauf abheben, dass Ripley oder die weibliche Helden im Horrorfilm sehr maskulin dargestellt werden. Das haben sie ja dann bei Ripley wieder unterlaufen, indem sie am Ende dasitzt, Katze streichelt wie Mutti am Herd mit der Katze auf dem Schoß…
Jan: Wobei gerade dieser „Martyrs“… da waren ja auch Frauen…
Gerade die Chefin…
Klar gibt es auch böse Frauen oder was weiß ich Monsterfrauen… Ich finde halt, dass stellenweise gerade in den Filmen, wo es eine Heldin gibt, knallt am Ende immer wieder dieses restaurative Bild rein. Und das finde ich eigentlich schade, weil ein Horrorfilm eh nichts zu verlieren hat, doch auch mal hergehen kann und irgendwie dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen.
Klar, aber es gibt ja auch, denke ich, nicht viele Beispiele, aber es gibt einige sehr gute Beispiele dafür, dass das so ist. Aber generell ist es doch gerade im Horrorfilm so, dass der Horrorfilm mit unendlich vielen Klischees arbeitet. Gerade im Slasherfilm: Zwei Leute treiben’s und als Strafe dafür werden sie vom bösen Mann abgemetzelt. Frauen haben in den Filmen meistens die Rolle von Opfern, weil das halt ein gängiges Klischee ist, dass Frauen das ängstliche, kleine, verstörte Wesen sind, was ja in der Realität nicht so ist. Aber der Horrorfilm spielt halt mit Klischees, und deshalb ist es gerade im Horrorfilm, denke ich, sehr verständlich, wenn man das so macht. Ein Kumpel von mir, der Marc Rohnstock, ist ein Undergroundfilmer, der dreht jetzt gerade seinen 3. Film, „Necronos“. Und ich denke nicht, dass der jetzt sagen würde, hey, ich will einen Film machen… also es ist ein Zombie Film, ein sehr gewalttätiger Film, und gerade da suchen die Filmemacher natürlich auch die Möglichkeit, mal ’ne nackte Frau zu zeigen, die dann abgeschlachtet wird. Wer will denn zum Beispiel ’nen nackten Mann sehen. Ich denke, es liegt einfach daran, dass der Horrorfilm sehr klischeebeladen ist.

Was auch klischeebeladen ist, dass Frauen in qualvollen Folterszenen durch die noch immer vorherrschenden tradierten Rollenbilder viel überzeugender wirken als Männer (wie z. B. in „Hostel 2“). Gibt es denn Filme, in denen Männer so effektvoll wie trivial gequält werden wie in John Schlesingers „Marathon Mann“ und dabei nicht – wiederum als klischierte Geschlechterrolle – als Weichei abgestempelt werden? Oder warum gibt es sie nicht?
Okay. Also ich habe mich mit so was noch nie beschäftigt, ich sehe die Filme aus anderer Perspektive. Mich interessiert, bewirkt dieser Film bei mir, dass ich Angst hab’ oder wirkt der auf mich irgendwie… regt der Angstgefühle oder nicht, das ist so das Hauptaugenmerk bei mir, wenn ich ‘nen Horrorfilm kucke. Ob das jetzt Männer oder Frauen sind oder wie die Frauen oder wie die Männer sind, das geht mir eigentlich, ehrlich gesagt, komplett am Arsch vorbei.
Jan: Vielleicht jetzt ganz billig gesagt, die meisten oder bekanntesten Horrorfilmregisseure sind ja auch Männer und die machen ja dann Filme für Männer.
Aber ich denke, das hängt auch mit diesen Klischees zusammen. Wenn du einen Horrorfilm drehst, was weiß ich, „Psycho-Duschszene“, wär’ die genauso gewesen, wenn’s ein Mann gewesen wäre?
Es gibt eine total schöne Duschszene mit Kevin Bacon, aber das ist keine Horrorfilm, und er wird auch nicht abgeschlachtet.
Jan: Gibt es eine bekannte Horrorfilmregisseurin?
Andrea: Diese eine, die „Jennifer’s Body“ gemacht hat.
Jan: Und macht die was anderes?
Richtige Regisseurinnen wüsste ich jetzt eigentlich keine. Also es gibt zwar Frauen, die hin und wieder mal so einen Genrefilm drehen, aber es ist jetzt nicht so wie bei Fulci oder Romero, dass man sagt, der dreht nur solche Filme. Ich weiß gar nicht, wie es bei „All the Boys love Mandy Lane“ ist, weil’s da zum Beispiel eine sehr starke Protagonistin gibt. Aber das ist jetzt auch nichts Neues, also ich denke, es gab schon immer starke Frauen in Filmen, kuck dir „Ich spuk auf dein Grab“ an, 1974 oder 77. Ich denke, das hängt wirklich vom Blickwinkel ab, wie man so ‘nen Film sieht, also mir geht’s da nicht um Mann oder Frau oder Kind oder Opa, ich betrachte den Film und für mich ist entscheidend, hat dieser Film ‘ne Wirkung auf dich, löst der Angst, Beklemmnis aus bei dir, oder ist es ein Film, der einfach atmosphärisch ist, den du anschaust und sagen kannst, wow, jetzt war ich anderthalb Stunden im Kino und da wirklich anderthalb Stunden in ‘ner anderen Welt und kehr’ erst jetzt wieder zurück in die Realität. Danach beurteile ich einen Film, ob einem Film eben das gelingt. Wie schon gesagt, das ist, denke ich, ‘ne interessante Frage für die Herren vom SPLATTING IMAGE, die können dir sicherlich zu dieser Frage einen Tag lang antworten…
Jan: Würdest du so ein bisschen die Theorie vertreten Horrorfilm als Eskapismus? Du gehst ins Kino für anderthalb Stunden, dir wird so was ganz anderes vorgeführt, ‘ne neue Welt der Bedrohlichkeit, davor fürchtet man sich und dann geht man halt raus und dann, Mensch, das war aber hier auch geil, aber das normale Leben geht weiter…
Das muss jeder für sich selbst entscheiden, also ich denke, jeder kann dir eine andere Begründung geben, wenn du zehn Leute fragst, warum schauen sie Horrorfilme, wird jeder was anderes sagen. Einer sagt, wie geil ist das Gesplatter, der andere sagt, mich interessiert die kunstvolle Darstellung oder die Aufgreifung traditioneller literarischer Werke wie „Frankenstein“ oder „Dracula“, wie das umgesetzt wird. Für mich ist es einfach so, dass ich mich freue, wenn ich wirklich ‘ne Stunde oder anderthalb Stunden in ‘ner anderen Welt bin. Ich mag zum Beispiel überhaupt nicht so realistische Filme, also „Hostel“, „Eden Lake“ ist ein sehr gutes Beispiel, mit dem kann ich überhaupt nichts anfangen, weil der mir einfach zu realistisch ist. Da gehe ich rein, gehe aus dem Kino raus und sag’, hm, das war ja gar nicht die andere Welt, die ich sehen wollte. Deshalb mag ich auch am liebsten Filme, von denen du gefesselt wirst und denkst, das ist ja irgendwie ganz anders.
Ich habe in einer Untersuchung gefunden, dass weibliche Zuschauer andere Horrorfilme präferieren als zum Beispiel männliche, wir sind da jetzt irgendwie so ein bisschen bei beiden Themen, Geschlechterrollen und Fankultur… dass die Frauen eher an Gänseschauer und imaginativen, atmosphärischen unheimlichen Formen des Horrors interessiert sind und männliche Zuschauer Ekel und Übelkeit im Horrorfilm suchen. Hast du das selber festgestellt? Ihr habt ja auch einen guten Frauenanteil im VIRUS.
Das kann ich eigentlich so nicht bestätigen. Also wir haben… und ich habe auch sehr viele Frauen kennengelernt, die ganz große Fans sind von „Texas Chainsaw Massacre“. Wir hatten im vorletzten Heft eine drin, die ihr ganzes Zimmer im Texas Chainsaw Design eingerichtet hat und die jetzt 2010 vorhat, die Drehorte zu besuchen und die auch den Darsteller des Leatherface beim Weekend of Horror näher kennengelernt hat. Also das kann ich nicht so sagen. Es gibt natürlich, ganz klar, auch ganz aktuell Filme, die sehr für ein weibliches Publikum gemacht werden, bestes Beispiel ist natürlich „Twilight“, wo ich gesagt hab’, hey, mit Horror hat das nichts zu tun, das ist ‘ne Teenie Love Soap.

Oder „Jennifer’s Body“ ist auch so ein Film, klar, es spielt da irgend so ein amerikanisches Püppchen mit und werden wahrscheinlich auch ein paar Jungs rein rennen, aber für Mädels ist es natürlich eine nette Figur, eine starke Frau. Also ich denke, ganz aktuell gibt’s da sehr viele Filme, die ein weibliches Publikum ansprechen, nur wage ich zu bezweifeln, dass es die Horrorfans als solche sind, die männlichen und die weiblichen, die jetzt sagen, „oh ‚Twiligh’ ist ja super“. Also bei den Hardcore Horrorfans gibt’s mit Sicherheit auch viele Frauen, die sagen, „Twilight“, das ist ja überhaupt nichts.
Was ich auch interessant fand, das war, sie (A. d. V. – Cherry Brigid: „Refusing to Refuse to Look: Female viewers of the horror film“, in: hg. von Maltby, Richard / Melvin Stokes, Identifying Hollywood Audiences, BFI 1999) hatte wirklich so eine bestimmte Gruppe von Horrorfilmfans ausgesucht und dann auch festgestellt bzw. gemeint, dass Frauen weniger ins Kino gehen, als dass sie sich die Filme vielleicht alleine Zuhause ankucken auf DVD oder vielleicht mit einer Freundin, weil sie zum einen keine Leute finden, die mit ihnen hingehen, und auf der anderen Seite vielleicht dieses gesellschaftliche Stigma fürchten. Hast du schon mal Frauen kennengelernt, die gesagt haben, „oh ich getraue mich nicht ins Kino, aber ich mag gerne Horrorfilme kucken“?
Generell denke ich ist es so, dass Horrorfilme ja nicht nur ein Thema sind, indem man ins Kino geht und sich anschaut, sondern es ist ja in erster Linie auch etwas, was mit Sammeln zu tun hat und Sammeln von Dingen ist ganz klar eine männliche Domäne, also angefangen von… ich kenne keine Frau, die ‘ne Plattensammlung hat oder Fußballsticker oder…
Jan: Andrea. Mehr als ich auch…
Aber zum Beispiel so Aufkleber, diese Sammelalben mit Fußballbildern… Ich hab’, als ich klein war, alle möglichen Dinge gesammelt, sammel’ jetzt Platten, DVDs, so Scheißdreck Designerfiguren. Und ich kenne sehr wenige Frauen bis gar keine, die auch irgendetwas sammeln, sei es irgendetwas. Ich denke, damit hängt es auch ein bisschen zusammen, dass es jetzt da nicht sooo viele Frauen gibt, also auch auf Börsen gibt’s eher wenige Frauen, wenn, dann gehen die mit ihren Freunden mit und sehen vielleicht mal einen Film…
Jan: Halt mal die Jacke, ich muss nach DVDs kucken…
Wenn jetzt ‘ne Frau wirklich so Hardcore Horrorfan ist, wie ich ein paar kennengelernt habe, dann haben die eigentlich den gleichen Geschmack wie Männer, also ich hab’ da jetzt keine großen Unterschiede festgestellt, wohlgemerkt bei den Horrorfans. Ich denke, wenn du jetzt die breite Masse fragst, ganz normale Kinogänger, die mal in „Shrek“ gehen, mal in ‘nen Horrorfilm und mal in ‘nen Actionfilm, dann wird das wieder was völlig anderes sein.
Jetzt bleiben wir am besten bei der Fankultur… doch hätte ich noch eine Frage zum schwul-lesbischen Horrorgenre, weiß aber nicht… Also, da gibt es einige Filme, du hast mir mal einen Link geschickt auf „Hellbent“, dann gab’s in den 70ern „Daughters of Darkness“, „Vampiros Lesbos“ – sind das Ausreißer und werden von einem Heterohorrorfilmfan nicht mit dem Arsch angeschaut? Oder hat das schwul-lesbischen Horrorgenre eine Zukunft, ein Publikum?
Warum nicht, also mein Eindruck ist, es gibt immer mehr Schwule, die sich auch dazu bekennen, das war ja früher nicht so, und die auch ganz öffentlich sagen, ich bin ein schwuler Filmemacher, ich kenne auch einige, und was spricht dagegen? Wobei, wenn ich mir deren Filme ankuck’, ist es jetzt nicht so, dass die Filme so richtig, also so einen homosexuellen Touch haben. Gut, in dem „Hellbent“ ist es so, aber in den anderen Filmen, die ich kenne, die sind ganz normal. Da würdest du jetzt nicht sagen, ha, der Regisseur ist schwul, sondern das sind ganz normale Horrorfilme, in denen auch Frauen gefoltert werden, vielleicht weil es eben grad angesagt ist oder dem gängigen Klischee entspricht. Aber ich denke, in der Zukunft, warum nicht, also ich kuck’ mir solche Sachen immer gerne an, warum nicht mal irgendeinen neuen Aspekt dem Horrorgenre zufügen.
Dann bin ich froh, die Frage doch noch gestellt zu haben…

 

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Teil I aus #143, 2010:
https://trust-zine.de/horrorspecial-teil-i-143-2010/

Teil II aus #144, 2010:
https://trust-zine.de/horrorspecial-teil-ii-144-2010/

Teil III aus #146, 2010:
https://trust-zine.de/horrorspecial-teil-iii-146-2010/

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