Mai 13th, 2019

Horrorspecial – Teil I (#143, 2010)

Posted in interview by Jan

In jedem Leben sollte es für jede und jeden ganz viele Highlights geben. Eines in meinem ist sicherlich die Möglichkeit gewesen, eine mehrstündige Magisterklausur im Nebenfach Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften über das Thema „Die Lust des Grauens anhand der ’Hellraiser’-Trilogie von Clive Barker“ schreiben zu dürfen. Horrorfilmfans werden den Fehler in der Themenformulierung natürlich sofort entlarven, denn Clive Barker hatte mit den drei ersten Filmen unterschiedlich viel zu tun, außer natürlich grundsätzlich mit der Novelle „The Hellbound Heart“ eine Blaupause für zahlreiche Sequels geliefert sowie ganz nebenbei mit der Figur des PINHEAD für Japaner/innen ein Pin-Up und Sexsymbol erschaffen zu haben.

Doch zuvor war mir erst 1992 das Vergnügen beschert, „Hellraiser“ (obgleich von 1986) sowie „Hellbound“ (1988) und als Deutschlandpremiere „Hell On Earth“ (1992) auf dem ersten Fantasy Filmfest in Frankfurt (in hoffentlich ungekürzten Fassungen) zu sehen. Kurze Zeit später – schließlich ging es dann schon um die Vorbereitung auf meinen akademischen Abschluss, meine Karriere, mein Leben… – folgte ein zittriger Einkauf der drei Original-Kaufcassetten im Record- & Tape-Exchange am Notting Hill Gate, der so in Deutschland zu dieser Zeit nie, nie, niemals denkbar gewesen wäre! Aber das ist Geschichte, nur das „ultimate pleasure“ am Horrorfilm und die Frage „Warum?“ blieben am Köcheln…

Dafür musste vor kurzem dann auch – und hier mag mich der sprichwörtliche Teufel geritten haben – eine Stichwortsuche mit dem Begriff „Horror“ im Schlagwortkatalog der Universitätsbibliothek Frankfurt herhalten. Die Trefferquote: traumhafte 440 Publikationen, die dieses Stichwort im Titel enthielten. Okay, Belletristisches und Programmhefte zu diversen Aufführungen der „Rocky Horror Picture Show“ waren ebenfalls aufgelistet, unterm Strich jedoch blieben unzählige akademische Abhandlungen übrig. Das Problem dabei: Es war schon Mitte der 90er im Rahmen meiner Prüfungsvorbereitungen ziemlich mühselig, sich durch schwer nachvollziehbares Eierkopfgesülze durchzuwursten.

Oftmals blieb der Eindruck haften, dass die Texte nicht von dem Horrorfilm zugeneigten Geisteswissenschaftler/innen geschrieben waren, sondern das durchaus dankbar beackerungsfähige und akademisch à la mode Thema dazu verwendet wurde, sich im Rattenrennen um wissenschaftliche Publikationen definitiv Aufmerksamkeit heischende Publikationssporen zu verdienen. Oder es gab einfach den gestreckten Pädagogikmittelfinger gegen Horrorfilme zu lesen.

Wer also könnte mir helfen, diese extrem umfangreiche Publikationsflut zu überspringen, wusste Bescheid über die Entwicklungen in Sachen Horrorfilm des vergangenen Jahrzehnts und sogar Jahrtausends!? Hier trat Marcus Menold, Chefredakteur des VIRUS Magazins, auf den Plan. Wer, wenn nicht ein Horrorfilmfan und seit fünf Jahren hauptamtlich damit Beschäftigter könnte einen besseren aktuellen Stand verschaffen als die graue Eminenz aus Frankfurt.

Für das Interview kristallisierten sich alsbald fünf Frageblöcke heraus: Entwicklung der Horrorfilmkultur, Horrorfilmgenres, Geschlechterrollen, Fankultur sowie Musik. Den Abschluss bildete ein Trivia-Quiz, doch ich verrate schon jetzt, dass Marcus es natürlich mit traumwandlerischer Sicherheit gewann (zwar unter Einsatz eines Telefonjokers, den er jedoch eigentlich gar nicht mehr gebraucht hätte…). Für alle, die ihr Wissen testen wollen, gibt es die Fragen am Ende des Interviews, das aufgrund seiner Länge über mehrere TRUST Ausgaben verteilt sein wird. Und gesetzten Horrorfilmfans wünsche ich dann mal viel Spaß beim „trip down memory lane“…

Virus Magazin: www.raptor.de
Weekend of Fear: www.weekend-of-fear.com
Literaturtipp: Cherry, Brigid: „Horror“, Routledge 2009

Interview & Fotos: Andrea Stork
Sekundant: Jan Röhlk
(beide am Ende des Interviews ziemlich angeschickert…)

***

Als ich mich das letzte Mal intensiver mit Horrorfilmen beschäftigt habe, war das noch so eine was weiß ich faule Frucht und fünfzehn Jahre später auf dem „Weekend of Horrors“ in Bottrop breiteten sich blühende Landschaften vor mir aus – was ist in der Zwischenzeit passiert? Ich kann gerne ein paar Stichworte nennen, z. B. Fantasy Filmfest (FFF), Weekend of Fear (WoF), die sind ja Ende der 80er gegründet worden und 92 fand das FFF zum ersten Mal in Frankfurt statt. Wodurch unterscheiden sich die Festivals, weil z. B. das WoF mit dem Anspruch angetreten ist, Zitat „in Zeiten einer repressiven Zensurpolitik ausgewählte Filme, die aufgrund ihrer drastischen Inhalte keinen Verleih finden einem größeren Publikum ungeschnitten und auf einer großen Leinwand zugänglich zu machen“. Das war so die Situation damals, kannst Du was dazu erzählen?
Ja, klar.
War das Dein Einstieg?
Nee, mein Einstieg war das nicht, der fand etwas früher statt, schon im Kindesalter, als ich dann gemerkt habe beim Fernsehen, dass mich eben Horrorfilme besonders ansprechen. Worauf das zurückzuführen ist, sollen Psychologen ergründen. Ich vermute mal, ich habe eine sehr glückliche Kindheit gehabt, wurde immer verwöhnt von meinen Eltern und deshalb vielleicht irgendwie den Hang dazu gehabt, in Welten zu entfliehen, die halt nicht diesem „Heile Welt“-Klischee entsprechen, sondern böse sind irgendwie oder anders / fremd / schräg oder wie auch immer. Wo wolltest Du denn jetzt einsteigen jahrmäßig? Bei der Gründung WoF?
Es ging aus der Recherche nicht ganz klar hervor, wann sich das FFF nun eigentlich etabliert hatte, da steht als Gründungsjahr 87…
Es war gerade, glaube ich, das 22. oder 23. FFF. Auf jeden Fall hat es ja auch ganz klein angefangen, gab’s vorher nur in München und irgendwann sind die dann auch auf Tour gegangen in wenigen Städten und relativ kleinen Kinos. Ich weiß es noch, beim ersten war ich in Sachsenhausen in der Harmonie fand das statt. Ob beim ersten oder beim zweiten, irgendwann lief auch „Braindead“ und ähm…
Das war 92, da war ich auch da…
Das erste, genau, und das war ein großer Erfolg. Das Ding war, zumindest in den Filmen, die ich gesehen habe, immer knüppelvoll bis ausverkauft, gerade bei „Braindead“ erinnere ich mich noch. Und es war natürlich auch eine sehr schöne Atmosphäre, weil man unter Gleichgesinnten war, das kannte man ja gar nicht in Deutschland so was. Warum ist wieder eine andere Geschichte, da müsste man dann ganz weit ausholen und vielleicht auch mal sagen, dass der Horrorfilm in Deutschland ja eine lange Tradition hat. Es gab schon „Das Kabinett des Dr. Caligari“, „Der Golem, wie er in die Welt kam“, „Orlacs Hände“ und alle möglichen Filme, Deutscher Expressionismus, da war das schon führend und ist alles durch den 2. Weltkrieg komplett zerbombt worden. Nach dem 2. Weltkrieg haben natürlich die ganzen Studios gesagt, „um Gottes Willen, wer will denn jetzt Horrorfilme sehen“ – wollten die Leute wahrscheinlich auch nicht. Das heißt ab da war der Horrorfilm in Deutschland praktisch nicht mehr existent, und das ist leider auch heute noch so.

Also wir merken das zumindest in der breiten Masse oder auch bei den Leuten, die etwas zu sagen haben, wenn es um Anzeigen geht, um Kooperationen und Werbung. Man merkt es immer wieder, wenn wir z.B. – was naheliegt, wir sind ein Horrormagazin, ein deutsches, und suchen praktisch natürlich auch Partner, um bekannter zu werden und gemeinsam Dinge anzugreifen, zu präsentieren. Da hört man sehr oft „Moment mal, ihr seid ja ein Horrormagazin, wir sehen uns gar nicht als Horror“. Also ich kann da ein paar Beispiele nennen, z. B. dieser Pay-TV-Kanal, auf dem sehr viel Horror läuft und der auch damit wirbt, wenn du denen sagst, „hier, lass’ uns doch mal eine Koop machen“, dann kommt „wir sind ja kein Horror, wir sind ja ein Crime & Suspense Channel, mit Horror haben wir überhaupt nichts zu tun.“ Oder beim FFF ist es mittlerweile genauso.

Wir hatten vorher einen Anzeigentausch mit denen, was auch Sinn macht, denn es sind ja viele Horrorfans, die dort hingehen, und die haben uns dieses Jahr (2009 – A. d. V.) gesagt, „nee, als Horror sehen wir uns gar nicht, wir sind das Fantasy Filmfest, kein Horrorfilmfest“. Und das ist leider immer noch so in den Köpfen der Leute, Verantwortlichen oder derjenigen drin, die Budgets verwalten, was zu sagen haben, und die fürchten einfach den Begriff Horror. Er ist immer noch sehr negativ belastet, warum weiß ich ehrlich gesagt nicht, und der 2. Weltkrieg ist lange vorbei und sollte eigentlich ad acta gelegt sein. Also man merkt es bei den Nachbarländern Frankreich, mittlerweile führend, was den Horrorfilm betrifft, zumindest den etwas härteren Horrorfilm oder die Ideen im Horrorfilm, aber in Deutschland kommt halt gar nichts. Und wann immer das Thema aufkommt, merkt man schon bei Gleichgesinnten, die sich auch für Filme interessieren, kommt man ein Stück weit, aber wenn es dann darum geht, „Wie? Was? Unser Name mit VIRUS, dem Horrormagazin, nee, finden wir gar nicht so“ und viele haben auch, als wir Anzeigen z. B. tauschen wollten, gesagt, „nee, Moment, die Anzeige ist zu brutal, die nehmen wir nicht rein, können wir nicht machen“.

Also, deshalb zu deiner Frage, die Entwicklung des Horrorfilms in Deutschland sehe ich zwar, dass sich das FFF sehr entwickelt hat und sicherlich auch ein paar Leute zu dem Genre gebracht hat, aber das ist halt sehr mainstreamig geworden, findet mittlerweile in einem großen Multiplexkino statt. Die Szene als solche, die man noch in der Harmonie in Sachsenhausen hatte, die ist so ein bisschen verloren gegangen. Dem entgegengesetzt, das WoF, was ja der Mike Neun veranstaltet, was du ja vorhin auch so schön zitiert hast, das ist eine ganz andere Veranstaltung, das ist wirklich Underground und die zeigen da auch vornehmlich Underground Filme, nicht nur, aber sehr viele, und das ist so, wie das FFF beim Start war. Das heißt, es findet immer an einem Ort statt und da treffen sich Gleichgesinnte, die man von Börsen kennt, vom Weekend of Horrors (WoH), mit denen du labern und Bier trinken kannst. Da sind auch die Filmemacher anwesend, hauptsächlich von deutschen Undergroundfilmen, Andreas Schnaas, Timo Rose, Jörg Buttgereit, die sind regelmäßig da, und das ist eine sehr familiäre Atmosphäre. Du kannst mit den Leuten einen trinken, kannst mal sagen, „hier wie hast du den Effekt hinbekommen, war das sehr aufwändig“, eine Veranstaltung, die ich eigentlich sehr schätze. Und jeder, der das liest: Hingehen! WEEKEND OF FEAR, Erlangen, im Mai.
Wie haben sich die Verleih- und Vertriebsmöglichkeiten geändert? Denn z. B. auf dem WoH hast du ja unheimlich viele DVDs bekommen, und ich kann mich daran erinnern, dass wir Ende der 80er eben „Bad Taste“ auf schlecht raubkopierter Videokassette mit niederländischen Untertiteln gesehen, das Neuseeländisch eh nicht verstanden und dann irgendwann gedacht haben, was passiert denn jetzt eigentlich, flimmer, flimmer…
Das waren noch Zeiten… Ja, da hat sich natürlich Einiges getan. Ich bin ja auch in einer Zeit aufgewachsen, da gab es drei Fernsehprogramme, keinen Videorekorder, kein Internet, nichts dergleichen. Da war das wirklich so, wie du es gerade beschrieben hast, dass man, wenn man „Muttertag“ oder „Man-Eater“ hatte… das waren so zwei der Filme, die da heiß gehandelt waren, die gab’s in der Anfangsphase, als Videotheken aufkamen. Ich meine, die wären auch sehr schnell wieder weg gewesen vom Markt wegen der Bundesprüfstelle und dann sind natürlich Raubkopien umhergeschwirrt. Wenn man Glück hatte, hat man dann mal die 10. Kopie von „Muttertag“ bekommen oder „Man-Eater“, wo man dann nur erahnen konnte, was sich auf dem Bildschirm abspielt, weil halt alles total verschwommen war.

Aber man konnte dann sagen, „hier ich hab’ „Man-Eater“ gesehen“. Mittlerweile ist es ja so bei den Börsen, also selbst diese ganz harten Filme, diese japanischen, „Guinea Pig“ oder „Man behind the sun“ oder „Philosophy of a knife“ und wie sie alle heißen, kriegste da alle. Also es ist heute irgendwie keine Herausforderung mehr. Früher war das immer so ein sportlicher Ehrgeiz, den man entwickeln musste, um sagen zu können, „hier ich hab’ den Film oder hast du den gesehen“. Heutzutage brauchst du ja nicht mal mehr auf ’ne Börse zu gehen, kannste ja theoretisch im Internet – natürlich nicht illegal downloaden – sondern es gibt ja mittlerweile Portale, auf denen du ganz legal Filme ansehen kannst ohne sie downloaden zu müssen. Insofern ist die Zugänglichkeit der Filme natürlich wesentlich gestiegen und hat sich das Verhalten der Fans auch ein bisschen gewandelt.

Früher hat man sehr viel gesammelt, ich denke im Horrorbereich kann man sagen, ist das immer noch so, aber es gibt auch viele Leute, die sagen, was brauche ich denn die DVD, Special Edition oder Box, wenn ich mir den Film aus dem Internet ziehen kann. Einerseits ein bisschen schade, andererseits natürlich auch gut, weil auf diese Weise haben die Leute die Möglichkeit, Filme sehen zu können, die du sonst vor 20 Jahren… an die du nie herangekommen wärst, irgendein japanischer Splatterfilm wie „Machine girl“ oder „Meatball machine“ oder so hätten die Leute nie zu sehen bekommen.
Wer „Weekend of Fear“ sagt, muss auch HOWL sagen. Liegen da die Ursprünge der deutschen Horrorzinekultur?
Beim HOWL? HOWL habe ich immer gerne gelesen, aber die beiden Veranstalter vom WoF die waren da, glaube ich, nur am Rande beteiligt.
Das stimmt nicht… (Hier kommt auf dem Tape ein von mir gründlich recherchierter, doch leicht besserwisserisch anmutender Exkurs über die beiden HOWL Filmredakteure Eckhard Vollmar und Thomas Gaschler…)
Meines Wissens hatte der Mike Neun, der das WoF jetzt macht, damit gar nichts mehr zu tun, aber Leute, die ursprünglich mal…
Ja, genau, Vollmar und Gaschler, die haben das gegründet mit Sammy Balkas…
Genau. Ja, HOWL auf jeden Fall ein wichtiges Magazin. Ich habe noch alle Ausgaben Zuhause rumfliegen und natürlich habe ich mich besonders über die Singles gefreut, im Besonderen über die Antiseen Single. Ja, ob das jetzt die Ursprünge des Horrors in Deutschland waren…
Nicht des Horrors, der Horrorzinekultur, mittlerweile gibt es ja auch Besprechungen von Thomas Kerpen im OX, die ich eigentlich immer ganz gut finde (Das wollte ich eigentlich herausschneiden… – A. d. V.), der dann halt vorzugsweise Thriller oder Horrorfilme und so was bespricht.
Also meines Wissens hat das angefangen mit einem Magazin, das nannte sich VAMPYR, es wurde herausgegeben von den Leuten, die jetzt die MOVIESTAR machen. VAMPYR ging dann über in PHANTASTISCHE WELTEN und daraus ist dann irgendwann MOVIESTAR geworden. Das war in seiner Anfangszeit auch sehr Horror/Fantasy/Science Fiction-lastig, ist mittlerweile ein ziemliches Mainstream-Magazin geworden. Ich höre auch immer von Leuten, gerade beim WoH, „früher habe ich immer MOVIESTAR gelesen, die haben jetzt auch Disney-Filme drin, seitdem lese ich VIRUS“. Aber ich denke mal, das waren so die Anfänge der deutschen – zumindest im Printbereich – Szene; dieses VAMPYR ist eigentlich deutlich noch vor dem HOWL erschienen, wobei HOWL halt mehr einen Fanzine Charakter hatte.
Und was ist mit FANGORIA? Funkelt das als hellster Stern am Himmel im System der Horrormagazine?
Nicht mehr. Das war früher so, dass man dann in Comicshops mal ein FANGORIA ergattern konnte oder wenn man in den USA in Urlaub war. Das war natürlich damals toll, weil man noch nichts anderes kannte, eines der ersten Horrormagazine, die auch so über Mainstream-Sachen oder neue Hollywood-Produktionen berichtet hat. Das war ja bei VAMPYR nicht unbedingt so, die hatten auch einen großen Buchanteil. Das ist ja in Deutschland immer so, wenn man so ein Thema anpackt, dass man immer eine etwas intellektuellere Schiene fahren muss, um nicht in die Gefahr zu geraten, dass dann die Leute sagen, Schmuddelzeug, weg damit, dieses Zeug wollen wir nicht. Und FANGORIA hatte wirklich Stills, also Szenenbilder, drin gehabt, wo die Kehlen durchgeschnitten waren, wo die Axt im Kopf gesteckt hat. Das war damals, als ich die erste Ausgabe gesehen habe, schön, später fand ich dann das Layout fürchterlich hässlich, war ja auch alles nur in schwarzweiß.

Dann kam irgendwann RUE MORGUE auf, das ist ein kanadisches Magazin, und das würde ich mal international als das beste Magazin bezeichnen, was es zurzeit auf dem Markt gibt. Es wird auch in den USA und in England verkauft, ist das einzige Horrorfilm Magazin, was ich regelmäßig lese und durch das ich, ehrlich gesagt, auch die Inspiration bekommen habe, so etwas wie VIRUS zu machen. Denn beim RUE MORGUE war es im Gegensatz zum FANGORIA eben so, dass die über alles berichtet haben, was mit dem Thema Horror zusammenhängt. Bei FANGORIA waren lediglich Filme drin und ich glaube hinten auf zwei Seiten mal ein Buch. RUE MORGUE hat wirklich alles abgedeckt: Filme logischerweise, Bücher, Brettspiele, Musik, Kunst, eigentlich alles, was mit dem Thema zu tun hat.

Deren Büros sind in einem ehemaligen Bestattungsunternehmen untergebracht mit einer Kapelle drin, dort haben sie ein Kino reingebaut. Und die sind wirklich ganz groß, machen nur dieses Magazin, aber dadurch, dass sie den amerikanischen Markt haben, können sie wirklich davon leben. Auf ihrer Website gibt es Riesen Merchandise von denen, sie haben ein eigenes Festival und einen Radiosender. Es lohnt sich übrigens den Podcast zu abonnieren, sehr interessant, viel Musik drin, wenn man auf Rock’n’Roll steht, der mit Horror kombiniert ist, und Filmkritiken hören will.
Wie positioniert sich das VIRUS im Bereich der Horrormagazine? Also ich habe jetzt mal anhand von zwei Ausgaben hochgerechnet, dass die Besprechungen im Bereich Manic Movies und Digital Dungeon in den fünf Jahren (seit Bestehen des Heftes – A. d. V.) auf ca. 900 Filme kommen. Seid ihr Verwalter?
Ok… da habe ich mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht…
In den Rubriken Cult Cinema, Time Tunnel, Digital Underground und DVD Garage gibt es auch noch mehr Filme, die ihr da abhandelt. Das ist schon eine richtige Menge, mit der ihr die Leser da quasi so zuscheißt…
Kann man schon sagen…
Ja… Position?
Also unser Anliegen ist es natürlich, ein Magazin auf den Markt zu bringen, das den kompletten Bereich des Horrors abdeckt. Also wir wollen nicht in andere Bereiche gehen, wir haben keine Actionfilme drin, keine Thriller, wir wollen wirklich sagen, wenn sich jemand fürs Thema Horror interessiert, dann ist er mit diesem Magazin super beraten, denn da sind alle Filme und alle Themen drin, die damit zu tun haben. Hier und da schauen wir auch ein bisschen über den Tellerrand, deshalb haben wir z. B. Rubriken wie Time Tunnel, d.h. hier werden nur Filme vorgestellt, die jetzt als DVD auf den Markt kommen, aber älteren Datums sind, sprich alte Hammer Filme, Universal Klassiker usw.

Darüber hinaus haben wir eine Rubrik, die heißt Cult Movies, da gehen wir halt so ein bisschen in die Kultecke, da gibt es genug Filme, die ein bisschen finsterer und düsterer angelegt sind. Hier und da ist mal ein bisschen Science Fiction drin, wenn uns das nicht zu schwul ist, also (Insider Joke-Gelächter) – kannste ja rausschneiden – ähm, wir haben z.B. solche Filme wie „Twilight“ nicht drin. Das ist ein Teeniefilm und hat mit Horror meines Erachtens nicht so viel zu tun. Sollen die Leute in der BRAVO lesen oder sonst wo, nicht bei uns.
Jaaa, da ist meine nächste Frage… die muss ich jetzt vorlesen, sonst kommt vielleicht der richtige Ton nicht rüber: Die sehr informativen und fundierten, aber teilweise doch recht einfach gehaltenen Inhaltsbeschreibungen dieser Besprechungen drücken das VIRUS – polemisch ausgedrückt – auf BRAVO Niveau. Schießen differenzierte und analytische Betrachtungen (wie z. B. in SPLATTING IMAGE veröffentlicht) am Zielpublikum vorbei?
JA! (Gelächter)
Jan: Was ist SPLATTING IMAGE?
Andrea: Das ist ein Horrormagazin aus Berlin, die dann schon so akademisch oder was weiß ich soziokulturelle Essays über Horrorfilme abdrucken.
Genau, und das ist auch, wie ich auch vorhin angedeutet habe, so ein Problem, was ich mit der deutschen Horrorszene habe, dass alle Leute, die so was machen oder gemacht haben in Richtung Horror, dass die das wissenschaftlich angehen und möglichst intellektuell Filme abhandeln. Ich habe SPLATTING IMAGE auch lange gelesen und fand das dann wirklich amüsant über den 7. Teil von „Freitag, der 13.“ in einer soziologisch-philosophische Abhandlung über drei Seiten zu lesen, dass der Film ja sehr sozialkritisch sei, was natürlich der totale Quatsch ist, und das will, glaube ich, auch niemand, der sich „Freitag, der 13.“, Teil 7 anschaut, lesen, höchstens Mal, um sich zu amüsieren.

Aber hauptsächlich wollen die Leute doch wissen, wie viel Leute werden umgebracht in dem Film, auf welche Art und Weise geschieht das, ist es kreativ, weniger kreativ, wie ist Jason in Szene gesetzt und ist der Film spannend, blutig und was gibt es ansonsten zu berichten über den Film. Wie viel Titten sieht man, das interessiert die Leser auch, die Slasherfans. Da bin ich eigentlich ganz stolz drauf, dass wir als VIRUS sagen, uns interessiert diese intellektuelle Kacke nicht, wir machen ein Magazin von Fans für Fans praktisch. Wir sagen den Leuten, was in dem Film abgeht, ist der sehenswert oder nicht und alles andere sollen sie in wissenschaftlichen Büchern nachlesen oder im SPLATTING IMAGE.

Und ich denke auch, wir sind das einzige Medium, das das so macht, es gibt andere Magazine, die auch in die Richtung gehen, da steht dann auch „frei verkäuflich“ drauf, „keine Jugendgefährdung“ oder so, das machen wir gar nicht. Wir stehen zu dem Thema, VIRUS ist ein Horrormagazin und wir werden auch nicht sagen, nee, es ist eigentlich ein Science Fiction Magazin oder ein Magazin für Leute, die Vampirfilme mögen, wir sind ein Horrormagazin. Punkt. Ich denke, das Bewusstsein, das zu sagen, ist bei vielen Medien einfach nicht vorhanden oder sie zieren sich, es zu sagen, weil das halt immer noch verpönt ist.
Jan: Würdet ihr die intellektuelle Ebene ganz ausschließen, weil z. B. der Zombiefilm, wo sie sich ins Kaufhaus zurückziehen, das gehört ja schon irgendwie zum Allgemeinwissen, dass da Gesellschafts- und Konsumkritik geübt wird. Würdest Du da schon die intellektuelle Ebene zulassen, aber bei Jason, Teil 18 ½ ist es übertrieben?
Ja, also wir sagen ja auch nicht, dass wir nur eine Auflistung machen von den Titten, die man sieht, und von den Morden. Das hängt natürlich vom Film ab. Und bei einem Romero-Film, der ja immer gewisse Gesellschaftskritik drin hat, kann man das auch mal in einem Nebensatz erwähnen, aber da legen wir nicht den Schwerpunkt drauf. Also wir werden über den kommenden Romero-Film „Survival of the Dead“ nicht drei Seiten darüber schreiben, inwiefern Romero da die amerikanische Gesellschaft skizziert und kritisiert.
Würdet ihr ihn das in einem Interview fragen, dass ihr das auf so eine Ebene abhebt oder geht es dann auch nur um die Effekte?
Nee, das würden wir schon fragen, ich glaube, das habe ich ihn auch schon mal gefragt. Aber ich glaube, der sieht das auch nicht so eng. Es ist ein Anliegen von ihm, das da unterzubringen, aber er muss es nicht breittreten. Er ist hauptsächlich auch Horrorfan und Fan von Zombiefilmen und sieht sich da auch irgendwie nicht als der große Botschafter, der irgendwelche Messages in seinen Filmen unterbringt, sondern hauptsächlich ist es für ihn ein Zombiefilm und dann sagt er ok, wenn es ein Zombiefilm ist, will ich einen gewissen Anspruch in den Film reinlegen und baue halt so was ein.
Du hast vorhin schon mal die Digitalisierung angesprochen, um an Filme zu kommen. Wie sieht es aus mit Online-Fanzines versus Print-Fanzines. Wo siehst du die Vor- und Nachteile?
Der Vorteil ist natürlich ganz klar Aktualität. Es gibt sehr, sehr gute da.
Kannst Du ein paar Tipps geben?
Wer sich für Horrorfilme interessiert und über aktuelle News informieren will, der sollte unbedingt auf BLOODY-DISGUSTING.COM gehen, das ist eine der besten amerikanischen Seiten. Es gibt natürlich auch deutsche Seiten, die das dann ganz einfach von denen kopieren. Es gibt ein paar mehr DREAD CENTRAL, SHOCKTILLYOUDROP, ARROWINTHEHEAD usw., das sind so die Seiten, die ich auch immer, wenn ich die News für das Magazin zusammenstelle, besuche.
Und Horrorzines, die deinen kritischen Augen standhalten können – also jetzt außer RUE MORGUE?
Mit französischen Magazinen kenne ich mich nicht so aus, was natürlich auch an der Sprache liegt. Die haben ein großes Horrormagazin, dessen Namen ich jetzt nicht weiß. In den USA gibt es sehr viele Magazine, die sich dann auch – was ich sehr gut finde – wieder auf bestimmte Subgenres des Horrorfilms spezialisieren. Es gibt PSYCHOTRONIC z.B., da sind dann eher so Sixties Exploitation Sachen drin. Es gibt das VIDEO WATCHDOG, wo neue Veröffentlichungen drin sind, allerdings mehr so aus dem Underground-Bereich. Das finde ich ganz sinnvoll, wobei man sagen muss, das ist natürlich ein anderes Kaliber in den USA. Da ist das Thema Horror wesentlich größer. Es gibt hunderte von Conventions, wesentlich mehr Publisher, die die Filme rausbringen und dementsprechend auch mehr Fans, die sich für verschiedene Sachen interessieren.
Wie kommen die Kooperationen mit INSIDE ART Fanzine und KINKATS zustande? Sind das einfach auch personelle Überschneidungen?
Beim KINKATS ist es ganz einfach zu erklären, Thorsten (Wilms – A. d. V.) ist ein Autor von uns und der hat sich bei mir gemeldet, als eine der ersten VIRUS-Ausgaben erschienen ist, die 2. oder 3. Da rief er mich an und meinte, er fände das großartig, was wir machen, ob er sich nicht daran beteiligen könnte. Fand ich natürlich super, zumal er ja in der Horrorpunk-Szene etabliert ist, sehr viele Bands aus der Musikrichtung kennt und auch seine Magisterarbeit über Stephen King geschrieben hat. Er ist praktisch unser Stephen King Experte, wann immer ein neues Stephen King Buch besprochen wird, macht das Thorsten.

Er ist natürlich auch im Zeitschriftengeschäft tätig und die Idee mit KINKATS hat sich dann später entwickelt, da arbeiten wir natürlich gerne zusammen, weil die Magazine eigentlich keine Überschneidungen haben; es sind komplett andere Themen und trotzdem gibt es so kleinere Sachen, also beim VIRUS könnte man z.B. sagen, der „Ghoul of the Month“, das Mädel oder der Junge, die wir zweimonatlich im Heft haben, könnte jetzt auch im KINKATS Magazin sein und umgekehrt haben wir auch Musik drin. Insofern ist das eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Was das INSIDE ART Zine betrifft, das hat sich einfach ergeben, muss grad mal überlegen, ob ich das schon kannte, bevor ich Jens kannte… Auf jeden Fall ist der Betreiber des INSIDE ART Zines Jens Diekmann aus Trier und der ist seit Ausgabe 29 unser VIRUS Graphiker.

Wir haben uns auch über das INSIDE ART Zine kennen gelernt, dass ich ihn irgendwie gemailt habe, ob wir es nicht mal im Heft vorstellen sollen oder umgekehrt. Das passiert öfters mal, also dass sich Graphiker melden oder Leute, die Magazine machen. Der jüngste Schreiber jetzt z.B. Timo aus Münster, ist auch Illustrator und macht den BLOG OF THE LIVING DEAD, ein Blog, mit dem er sich zum Ziel gesetzt hat seit Oktober 2008 jeden Tag einen neuen Zombie zu zeichnen und ihn dann auf die Seite zu stellen. Fand ich natürlich eine großartige Idee, und ich habe ihm vorgeschlagen, seine Zombies regelmäßig zu veröffentlichen. Ab Ausgabe 32 haben wir hinten jetzt die neue Rubrik Gallery of Horrors. Da merkt man schon, wenn man so ein Magazin macht, kommen die Leute auf einen zu, die wirklich solche Sachen mögen. Im Verlauf der fünf Jahre, die wir das jetzt machen, haben sich halt auch wirklich Leute gefunden, die allesamt große Horrorfans und auf verschiedene Dinge spezialisiert sind. So habe ich eigentlich ’ne ganz gute Crew, um das Heft sehr fundiert zu machen, obwohl auf BRAVO-Niveau… (Gelächter & Rauchpause). Teil 2 folgt.

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Teil I aus #143, 2010:
https://trust-zine.de/horrorspecial-teil-i-143-2010/

Teil II aus #144, 2010:
https://trust-zine.de/horrorspecial-teil-ii-144-2010/

Teil III aus #146, 2010:
https://trust-zine.de/horrorspecial-teil-iii-146-2010/

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