Dezember 6th, 2019

WOJCZECH aus #151, 2011

Posted in interview by Jan

„Da sie einen Schlagzeuger brauchten, den sie leicht herumkommandieren konnten, haben sie mich gefragt, ob ich mitmachen will. So haben wir angefangen. Alle rieten uns, schnell wieder aufzuhören, aber bald gingen wir schon das erste Mal auf Tour…“

Interview mit WOJCZECH

Es hat doch noch geklappt! Ich war schon etwas länger an dieser wunderbaren Band aus Rostock (könnte man Urgestein sagen? Könnte man, lassen wir aber mal lieber) „dran“, Ende 2010 kamen dann die Antworten. Die Band war und ist weltweit unterwegs, hat einige Tonträger eingespielt und ich spare mit weitere Worte, da alles im Interview verhandelt wird, an dem nicht Andy (Bass) und Pizzelt (Gesang), sondern Kuttre (Gitarre) und Heinrich (Trommler) teilgenommen haben. Man merkt sehr schnell: hier ist der richtige Sprit am Start und hat Humor.

Das man 2010/2011 auch noch selbstbewusst, aber ohne Arroganz und mit offenem Herzen (man verzeihe mir den pathetischen Ausdruck) Musik machen kann und was dabei zu sagen hat, geht doch. Weg kühl, also way cool.

Ach so, ja, um die Musik der Band geht es auch, aber eben auch darum, was der Grund sein mag, warum Leute eine Band machen, touren. Warum nicht also eine Band, die damit ausgiebig Erfahrung hat, sowohl als Band als auch als Tourveranstalter, nicht nach ihren Erlebnissen und Eindrücken fragen?
Mir kommt es darüber hinaus manchmal so vor, als das unser Heft Bands aus der Ex-DDR „blind“ gegenüber ist, hier und da hatten wir mal Bands aus Potsdam und so drin, aber im Vergleich zu den „wessi“ Bands (ja ja, is ja scheiss egal, woher jemand kommt, trotzdem…) doch erheblich weniger. Ok, wenn da nix is, was einen reizt, aber es gibt dort viel zu entdecken, eben zum Bleistift hier.

Bevor jetzt der Vorwurf „Outen-Ossi Interview“ kommt, sei gesagt, dass ich Wojzech in bester Erinnerung habe, von einem fantastischen live Auftritt, den unsere frühere Konzertgruppe in Leverkusen machte. Dort bekam ich auch die herrliche Platte der „anderen“ Band der WOJCZECH Leute überreicht, Jack of all trades. Ich weiß noch, dass ich „damals“ sofort im Lexikon nachschlug, was der Name bedeutete und war total froh, wieder etwas gelernt zu haben, so heißt der Name „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“. Das ist sicherlich der Grund dafür, warum ich hier konsequent immer von „Jack of all trees“ rede, haha. Auf jeden Fall, es war Ende der 90er, und …

Mit euch verbinde ich einen der besten Abende meines Lebens, ein Konzert unserer Konzertgruppe 1998 in Leverkusen mit Abuso Sonoro und Rot aus Brasilien und Oi Polloi plus euch als Zusatzgast… hab dann noch das Nebenprojekt The Jack of all trees gehört und die Platte von euch bekommen… Könnt ihr euch an das Konzert erinnern?
Heinrich: Hmm… ich glaube nicht so recht. War Gerhard Schröder da grad neuer Bundeskanzler?… Meine, mich an die Standardsprüche des Oi-Polloi-Sängers zu erinnern… Der hat so Dinger rausgehauen wie: „ Ihr hopt eine neue Buhndiskannzlerr, frroit ihrr euk ? abber dos is die gleiche Pisse in eine anderre Flasche…“ Das „Nebenprojekt“ hieß übrigens „Jack of all Trades“ nicht Tress, ha, und war eigentlich eine richtige Band, in der Kuttre und ich Musik gemacht haben. Ironischerweise ist Wojczech das Nebenprojekt von Jacks, nahm dann aber mehr und mehr Raum ein.

Kuttre: Ja, ich weiß es noch ziemlich genau. wir haben die Rot/ Abuso Sonoro Tour ja organisiert. Und da half Henne uns mit einem Konzert. Es war ein JUZ mit einem widerlich glatten Sozialarbeiter. Bolz kam und nahm auf, Rot benutzten das dann für eine LP.

Gibt’s überhaupt bei den vielen abgefahrenen Konzerten, die ihr weltweit spieltet, überhaupt noch so was wie Höhepunkte? Ihr seid in Peru aufgetreten, in Mexiko…Aisien… so exotisch das alles ist, zieht sich das alles nicht zu einer Erfahrung zusammen und alles wird austauschbar?
Heinrich: Das wird in keinster Weise austauschbar. Einiges verblasst natürlich und auf Tour gibt’s Routinesituationen, aber langweilig oder zu einer Erinnerung oder einem Bild verschmolzen sind höchstens die ewig langen Autobahnfahrten in Europa. Speziell auf solchen Touren wie denen in Asien oder Südamerika sind wir wohl eher von Höhepunkt zu Höhepunkt getaumelt… obwohl… in Peru (erste Südamerika-„Tour“) war es mehr ein Stolpern von Tiefpunkt zu Tiefpunkt.

Wir kamen in Arequipa an, ziemlich blauäugig und unerfahren, wie wir damals noch waren, und mussten feststellen, dass von den versprochenen Konzerten nicht ein einziges stand. Es war rein gar nichts organisiert, nicht mal ansatzweise. Am ersten Tag hingen wir stundenlang in einer blöden Hotel- oder Firmenlobby rum, weil ein Typ namens Otto, zu dem unser damaliger Gitarrist Stephan den Kontakt hatte, ein Sponsoring bei einer Brauerei organisieren wollte. An dem Tag sprach Otto auch das erste Mal dort vor. Wir hatten allen Ernstes geglaubt, das würde klappen.

Zum Glück war Stephan mit Cecilia, einer Peruanerin, verheiratet. Sein Schwiegervater nahm uns in seinem Haus auf und beköstigte uns. Alles in allem spielten wir, wenn ich mich recht entsinne, drei Konzerte in sechs Wochen, lernten aber ein paar interessante Leute kennen, die uns unterstützten, uns in ihrem Proberaum spielen ließen, Equipment borgten und versuchten, Gigs auf die Beine zu stellen. Meistens vertrieben wir uns dort die Zeit mit Trinken und Abhängen auf dem Placa de Armas mit besagten Leuten. Bei der zweiten Perutour lief es dann schon besser, aber da war ich nicht dabei, lag mit Hörsturz im Krankenhaus.

Na ja, du merkst schon, ich könnte hier endlos mit weiteren Stories aufwarten – es gibt also jede Menge Höhepunkte. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die große Neugier und der Enthusiasmus, den uns die Leute entgegenbrachten, speziell in Asien. Damit konnte ich manchmal nur schwer umgehen. Es fühlt sich an, als stünde man ständig unter Strom. Auf dieser Tour haben uns zwei Freunde begleitet, die das ganze Unternehmen mit zwei Kameras dokumentiert haben. Aus dem Material ist der Film „Whitey will pay“ entstanden, der einen ungefähren Eindruck von dem ganzen „Wahnsinn“ vermittelt.

Kuttre: Ich stimme da zu. Austauschbar wird da rein gar nichts. Es hat so viele gemeinsame Momente gegeben, die wir als Band durchlebt haben. Das ist schwer wiederzugeben oder zu vermitteln. Viel Euphorie in den 90ern, bsp. weise die Brasilien Tour 1999 war äußerst intensiv. Insgesamt fahren wir immer am Limit.

Was fasziniert euch so am touren… es ist nicht nervig, so lange auf die 45 Minuten zu warten, an die man ran darf?
Heinrich: Es mag bescheuert klingen, aber am Touren fasziniert mich zunächst gar nichts. Erst hinterher merke ich, durch die Erfahrungen die ich gemacht habe, dass es etwas Gutes war und aus diesem Grund lasse ich mich immer wieder darauf ein. Eine Tour zu organisieren und dann zu fahren, jeden Tag zu spielen ist in erster Linie harte Arbeit, aber es lohnt sich, wenn auch nicht finanziell. Es IST nervtötend, lange zu warten, bis man dann in Windeseile unter Stress sein Zeug aufbauen darf, aber die 20-45 Minuten, in denen es dann zur Sache geht, sind es fast immer wert. Manchmal fühlt es sich an als würde man zu viert einen Orkan entfesseln. Ein Wahnsinnskick, aber dazu muss das Publikum natürlich immer auch ein bisschen mitmachen.

Kuttre: Wir kriegen unheimlich viel zurück, indem wir alte Freunde sehen, alles andere kurz vergessen und öffentlich proben. Das ist so ziemlich das, was sich gar nicht ändert. Touren kann aber auch schnell in vielen Belangen nerven, wenn man sich nicht völlig darauf einlassen kann. Es ist nichts romantisch daran, täglich in einer anderen Stadt aus dem Van zu fallen.

Gerade Mexiko interessiert mich, da ich selber auch schon zwei mal da war als Rucksacktourist… wie ist es da gelaufen, habt ihr auch am Pazifik gespielt, wie war Mexiko City?
Heinrich: Also, in Geographie war ich immer eine Niete – liegt Mazatlan am Pazifik? Ich glaube ja. Wir haben dort in einer Bar gespielt, vor vielleicht 20 Leuten. Danach haben wir zusammengelegt und eine Kiste Bier gekauft, sind zum Strand gefahren und dort umgekippt. Leider habe ich den Sonnenaufgang verpasst. Mexico war für mich die Zittererfahrung dieser Tour. Nach einem Konzert in San Antonio sind wir am nächsten Tag über die Grenze. Zunächst verlief alles reibungslos, wir dachten schon, wir hätten es hinter uns, als wir doch noch mal gestoppt wurden. Ein Grenzpolizist guckte mit grimmigem Gesicht in den Bus, herrschte Jason, unseren Fahrer auf Spanisch an.

Alle guckten blöd. „No espanol, senor“, stotterte Jason zaghaft. Der Bulle marschierte um den Bus herum, riss die Seitentür auf und bedeutete uns in gebrochenem Englisch, er wolle unsere Visa sehen. Von einer Visapflicht für Mexiko hatte keiner von uns je etwas gehört. Ratlos guckten wir ihn an. Langsam dämmerte uns, was er wollte, und prompt sagte er: „ No vissa? You must pay dwenty dollares“. Einer gab ihm 20 Mäuse, aber damit war er nicht zufrieden. Er stach mit seinem Zeigefinger nach jedem von uns und bellte: „Dwenty dollars! Dwenty dollars, dwenty dollars dwenty dollars!“.

Nachdem wir alle für unser „Visum“ bezahlt hatten, knallte er die Tür wieder zu und ließ uns fahren. In Polizeikontrollen mit Straßensperre gerieten wir dann noch öfter, mal suchten sie nach Drogen, mal nach Früchten, die man nicht vom einen Staat in den anderen schleppen darf. Unser erstes Konzert in Mexico spielten wir in Monterrey in einem Laden, der aussah wie eine Stripbar, verspiegelte Wände, Schwarzlicht. Nach dem Konzert tranken wir noch ein paar Bier mit den Leuten.

Ein alter Mann betrat den Laden, er hatte einen kleinen Holzkasten, aus dem zwei Drähte ragten, an denen etwa handbreitlange, zwei cm starke Metallstangen befestigt waren, um den Hals hängen. Ein Drehregler befand sich auch an dem Kasten. Für 10 Pesos durfte einer eine der Stangen in die Hand nehmen, 3-4 weiter Leute stellten sich im Kreis auf, fassten sich an den Händen, der letzte im Kreis bekam die andere Metallstange. Der Alte drehte nun an dem Drehregler und Strom floss durch den händchenhaltenden Kreis der Leute, solange bis einer es nicht mehr aushielt und losließ.

Wenn ich so an diese ganzen Ereignisse zurückdenke, kommen nach und nach alle Eindrücke zurück und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen. Ich will versuchen, bei deiner Frage zu bleiben, ha. Zusammenfassend würde ich sagen, Mexiko war ein Abenteuer. Teilweise recht chaotisch, aber wir haben gute Leute wie z.B. Fernando und Hernan kennengelernt, ohne deren Unterstützung wir es ungleich schwerer gehabt hätten. Hernan begleitete uns auf einem Grossteil der Mexikotour und half uns aus so manch beschissener Situation heraus. Fernando beherbergte uns nach einem Konzert in Matehuala (glaube ich…) in seinem Haus.

Texcoco war das letzte Konzert der Mexiko-Tour. Seit einigen Tagen hatten wir Konzerte eingebettet in ein Porno-Goregrind Package von abendlich circa 6-8 Bands gespielt. Mexico City war auch das am schlechtesten besuchte Konzert. Nachdem wir gespielt hatten, dachten alle nur noch daran, so schnell wie möglich zu verschwinden. Mehrere Abende Gurgelgrind mit schlechtem Sound sind schwer auszuhalten. Dies war gar nicht so einfach, denn Mexico City ist eine Stadt von unvorstellbaren Ausmaßen. Wir mussten uns Hilfe holen, um überhaupt aus dem Viertel rauszufinden. Auch wenn das alles vielleicht nicht so gut klingt, war Mexico eine gute Erfahrung und beim nächsten Mal klappt es mit der Organisation sicher besser, da wir ja einige Kontakte geknüpft haben. Ich würde es jedenfalls wieder tun, haha.

Kuttre: Kommt alles darauf an, an wen du gerätst. Haroldo/Catheter hat das organisiert und es war so „try and error“. Die Metal Kids, an die wir geraten sind, waren unbeschreiblich Panne, als wir das hinter uns hatten, haben wir die Leute kennengelernt, die wir das nächste Mal fragen würden. ABC DIABOLO ist eine große Band in Mexico!

Gibt’s das legendäre AJZ Neubrandenburg noch, kann man sagen, dass ist eurer zweites Wohnzimmer?
Heinrich: Das AJZ gibt es noch und wir spielen mehr oder weniger regelmäßig dort, aber als unser zweites Wohnzimmer würde ich es nicht bezeichnen, obwohl dort zu wohnen sicher schön wäre, es liegt etwas abgeschieden und ruhig an einem Hang mit herrlichem Blick auf den Tollensesee. Wir kennen eine Menge Leute dort und werden immer herzlich aufgenommen.

Kuttre: Andi ist aus Neubrandenburg, wir haben früher viel da abgehangen.

Wohnt ihr alle noch in Rostock?
Heinrich: Ja, wir wohnen alle in Rostock. Pizzelt pendelt zwischen Rostock und Neubrandenburg.

Was macht ihr alle so von Montags bis Freitags?
Heinrich: Tja… Pizzelt ist so eine Art Handlungsreisender in Tonträgern, verbringt viel Zeit mit seiner Tochter und strapaziert seine Stimmbänder auch bei „Entrails Massacre“. Andy macht Messebau und veganes Catering auf Festivals, eine zweite Band „Who’s my Saviour“ betreibt er auch noch. Kuttre und ich haben Jobs im Sozialbereich Kinder und Behindertenbetreuung. Kuttre spielt noch Gitarre bei „Bad Luck rides on Wheels“ und ich trommle neben Wojczech bei „Ellen Schneider“. So oft es geht versuchen wir zu proben, im günstigsten Falle 2x pro Woche. Ich übe oft auf dem Instrument, wenn meine Faulheit nicht siegt. Ansonsten geht jeder seiner Wege, ab und zu treffen wir uns auch außerhalb der Band, besuchen uns gegenseitig… heben ab und an ein Gläschen.

Kuttre: Ich arbeite bei einem außerschulischen Bildungsträger. Wir sind alle mal mehr, mal weniger im JAZ (Jugendalternativzentrum) aktiv. Vokü, Konzerte, Booking. Wir proben da. Schon seit 1994. Ist die Stubnitz mal in der Stadt, dann organisieren wir dort auch Events.

Wie ist die Tour mit Capitalist Casualities dieses Jahr gelaufen, ihr wart der BRD-support oder wat? Kanntet ihr die aus den Staaten persönlich?
Heinrich: Die Tour mit CC ist gut gelaufen, jedenfalls als beide Bands zusammen gefahren sind. Die meisten Konzerte waren gut besucht, speziell in Osteuropa. Persönlich kannten wir nur Haroldo, der ja auch bei Catheter trommelt. Mit denen unterwegs zu sein hat viel Spaß gemacht, ich habe selten jemanden getroffen, der soviel Blödsinn quatschen kann wie Spidermike (Gitarrist).

Leider mussten CC, als sie dann allein weiter nach Italien und England reisen sollten, einige herbe Rückschläge in Form von Krankheitsfällen (Jeff- Lungenentzündung) und verpassten Flügen hinnehmen. Wir haben uns dann in Berlin für das Abschlusskonzert der Tour im Koma F wiedergesehen, aber CC spielten nicht, weil Jeff schon nach Hause geflogen war. Allgemein war die Stimmung da etwas gedrückt und viele Leute waren ziemlich enttäuscht, da sie extra wegen CC kamen… oder waren die wegen des letzten Cold War Gigs da ?…Jedenfalls war’s gerammelt voll und gewohnt stickig in dem Kellerloch.

Wie ich schon sagte, empfand ich es als erfolgreiche Tour, sehr gut organisiert, geile Konzerte mit guten Bands wie z.B. Gride, Lookin for an Answer, Suffering Mind… und oft schön verrücktes Publikum.

Kuttre: Wir waren nicht BRD Support, wir haben denen die Tour auf die Beine gestellt. Bus, Backline, Konzerte. Wir kennen Haroldo lange, so kam das zustande. Mit Jeff schreib ich mich auch schon länger, aber als Athena im Jahr davor mit Voetsek tourte, kam zwischen uns die Idee.

Euch gibt’s ja seit Mitte der 90er, ich finde das super, dass ihr einfach weitermacht, egal ob Grind im „Trend“ liegt wie die Powerviolence-Welle Ende der 90er oder null im Trend ist –zurzeit sind (zumindest was ich an Fanzineberichterstattung sehen kann) Oi und DOOM total in – … lebt ihr euch in Nebenprojekten wie die erwähnten Jack of all Trees aus?
Heinrich: Wie weiter oben schon angesprochen, brät jeder nebenbei noch Extrawürste. „Jack of all Trades“ liegen seit Jahren auf Eis. Kuttre und ich haben noch Kontakt zu unserem damaligen Gitarristen, der auch Gründungsmitglied von Wojczech war. Es steht die Idee im Raum, mal 1-2 Songs zum Leben zu erwecken und aufzunehmen, aber wir sind alle vielbeschäftigte Mecklenburger, d.h. zum Zeitmangel kommt auch noch ein gewisses Phlegma hinzu – jedenfalls bei mir. Ich halte es mit einer vielbemühten Phrase: Wir machen die Musik, auf die wir Lust haben.

Wenn das grad zufällig im Trend liegt- bitte sehr, wenn der Trend verblasst: Scheiss drauf. Ich denke, Bands wie „Who’s my Saviour“ und „Bad Luck rides on Wheels“, entstanden aus Freundschaften und dem Drang, gemeinsame Ideen zu verwirklichen – so wie Wojczech auch. Entrails Massacre gabs ja schon lange vor Wojczech, na ja, und bei „Ellen Schneider“ bin ich so reingerutscht, weil es Freunde von mir sind und sie einen Drummer wollten.

Kuttre: Wir wohnen hier in der Provinz, klar kommt hier jeder Quark auch mal an, aber trendy Kids, denen das abgeht, ziehen schnell nach Hamburg oder Berlin. Was nicht heißt, dass wir ignorante Bauern sind. Nur: Grindcore betreffend, sind wir fast alle seit den späten 80ern damit sozialisiert und aufgewachsen.

Euer Hauptlabel ist sensitivewormrile? Ihr macht da ja auch Konzerte in Rostock, wie schaut da die Szene aus, viel los? Man kennt Rostock ja eher irgendwie von Amöbenklang, Force Attack und so…
Heinrich: Haha, Amöbenklang, bei dem habe ich einige meiner ersten Tonträger gekauft, z.B. die Roir-Sessions von Bad Brains. Ich habe schon ewig nix mehr von Alge gehört. Sensitive Wormrile Hauptlabel… weiß nicht, ob man das so sagen sollte. Unter Sensitive Wormrile veröffentlicht Kuttre hin und wieder Sachen. Es ist sein persönliches Projekt, welches natürlich auch mit Wojczech verwoben ist. Ich möchte hier unbedingt noch auf Selfmade God verweisen. Die Promoarbeit, die Karol für uns geleistet hat, geht auf keine Kuhhaut. Allein hätten wir das nie hingekriegt, da wir, was Öffentlichkeitsarbeit und „sich verkaufen“ betrifft, totale Landeier sind.

Über die Szene in Rostock kann ich nicht viel sagen, da ich die Entwicklung nicht verfolge. Es gibt jede Menge Bands, das habe ich schon mitbekommen. Mit einigen Leute wie z.B. denen von Entrails Massacre, Los Crachos, Schrotz, Obscure Mortuary, Snoopy von den Caspars sind wir mehr oder weniger eng befreundet. Außer dem JAZ, wo u.a. Kuttre Konzerte macht, gibt es noch das MAU- ein etwas größerer Rock-und Indieladen mit gelegentlichen Metalshows, das Toxis mit kleineren Konzerten aber auch großen Metalsachen. Entrails Massacre haben da ihren Proberaum.

Im Punkerhaus am Bagehl sind auch hin und wieder Konzerte. Bliebe noch die Stubnitz zu erwähnen, ein wirklich außergewöhnlicher Ort für Konzerte verschiedenster Musikstile. Leider hat die Stubnitz einen permanenten Kampf gegen den Untergang auszufechten.

Kuttre: Sensitivewormrile mach ich seit 1992. Anfänglich Tapes, dann 7inches und vor allem Wojczech LPs. Danilo war eine Zeit lang mal sehr aktiv, split7inches rauszubringen auf seinem Label Towerviolence. Amöbenklang funktioniert als Neubauwohnungsvertrieb irgendwo im Ghetto, Alge wohnt meines Wissens in Hamburg. Das Force Attack hat auch einen Labelunterbau (Dröönland). Es gibt ein junges Drone/Rock Label, Revolvermann Records.

So verschieden die Zugänge auch sind, es gibt ein selbstverwaltetes Lokalradio (LOHRO), in dem dass u.a. alles läuft, je nachdem wie stark man sich reinhängt, um sein Zeug zu featuren. Rostock ist ok bzgl. Subkultur. im Bundesdurchschnitt unterbewertet. Die Stadt liegt geografisch unattraktiv, außer für skandinavische Kleinfamilien, die hier ihren Alkohol kaufen. Es gibt viele Russen, Rostock ist eine korrupte Hafenstadt und vor allem: hier passiert alles später. Schwierig ist es, wahrscheinlich durch das eher unterkühlte norddeutsch- kauzige Temperament, sich zu integrieren.

Wie kam es zur Split mit WOJCZECH/ BLACK HOLE OF CALCUTTA Split „7 ?
Heinrich: Die hatten eine Tour in Europa, haben uns via Myspace gefragt, ob wir Lust hätten, eine Split mit ihnen zu machen. Kuttre und mir gefiel die Idee und die Musik von BHOC und Andy und Pizzelt waren auch bereit. Also haben wir es einfach gemacht. Raus gebracht wurde die 7“ von Fucking Kill Records.

Kuttre: Vielen Dank an Chris/ Fuckin Kill Rec. Die Spilt Seveninch kam in Rekordzeit zustande. So gab es sogar eine gemeinsame Release Show beider Bands und wir konnten die Split am Einlass rausgeben. Sie klangen live wie Hail of Rage. Jawoll!

Was für Sachen von euch gibt’s eigentlich überhaupt noch zu kaufen?
Heinrich: Ich habe darüber keinen Überblick, bei E-Bay schwirrt einiges herum. Mit Sicherheit ist erwähnte 7“ mit Black Hole of Calcutta noch zu kriegen, unsere LP „Sedimente“, die live-LP „Grinding the Ruins“ und die Split-LP mit Instinct of Survival sind auch noch erhältlich. Wie es mit älteren Sachen aussieht, weiß ich nicht. Da wir eine moderne Band sind, haben wir auch etwas Merchandise anzubieten. Diverse Printmotive können auf unserer Myspace Seite in Augenschein genommen werden.

Kuttre: Split“7 mit Catheter (2007), Split „7 mit Black Hole of Calcutta (2008), LP/CD „Sedimente“(2005), LP „Grinding the ruins“ (2009), Split LP/CD mit Instinct of Survival (2001), LP/CD „Pulsus Letalis“. Es gibt auch noch Tourshirts von der WOJCZECH/ WEEKEND NACHOS Tour. 2 farbig auf schwarz, front/back/ärmel.

Würdet ihr sagen, es gibt noch Unterschiede, so hier Wessi-Ossi-Problematik? Ich persönlich finde ganz eindeutig ja. In meiner dreijährigen Zeit als Potsdam schwang das immer irgendwie mit, auch wenn man selber null so aufgetreten ist, „der reiche Wessi, wa“… was meint ihr?
Heinrich: Haha!! Ich hasse Ossis und Wessis gleichermaßen!! Die dämlichen Ostpocken für ihre einfältige Blödheit und die blasierten Wessis für ihre beschissene Arroganz. Aber ich will die Frage sachlich beantworten. Meiner Meinung nach gibt es Unterschiede zwischen Ossis und Wessis, das hat was mit Erziehung, sozialem Umfeld /Gesellschaftsordnung, in dem/der man aufgewachsen ist usw. zu tun. Wenn man möchte, kann man daraus ein Problem machen.

Wenn ich im Westen bin (wie sich das anhört…), begegne ich aber niemandem mit Vorurteilen, na ja, sagen wir ich bemühe mich. Im Grunde ist mir egal, wo jemand herkommt, entscheidend ist, wie man sich verhält. Es gibt natürlich vermeintlich typische Eigenheiten / Verhaltensweisen, über die man sich gern lustig macht oder auch ernsthaft erzürnt, aber wie gesagt, sehe ich das nicht als Problem, welches einem im Umgang miteinander im Wege steht.

Kuttre: Dito.

Wie seid ihr überhaupt früher zu dem ganzen Punkscheiss gekommen? Schleimkeim und so?
Heinrich: Mit Punk und Bands wie Schleimkeim habe ich weniger am Hut, bin eher so der tumbe Metalhead. Meine einzigen Punkscheiben waren anfangs „Pöbel und Gesocks“ von „Becks Pistols“, „Tod und Wahnsinn“ von „Inferno“ und – das muss ich zugeben – „Der Adler ist gelandet“ von „Normahl“. Vor ca. 15 Jahren habe ich Kuttre kennengelernt und über ihn auch HC Bands wie Youth of Today, Gorilla Biscuits und einschlägigere Sachen. Wie es den anderen ergangen ist, kann ich schwer sagen. Ich glaube, bei Andy kam das übers Skateboardfahren. Er stammt ja aus NB-Punkrockcity.

Tja und Pizzelt hat, seit ich ihn kenne, nur Gedresche gehört. Kuttre hat damals schon Konzerte organisiert, Tapes getauscht und ist auf Konzerte gefahren. Irgendwann haben Kuttre und der erste Wojczech-Gitarrist Stephan beschlossen, selber Musik zu machen. Da sie einen Schlagzeuger brauchten, den sie leicht herumkommandieren konnten, haben sie mich gefragt, ob ich mitmachen will. So haben wir angefangen. Alle rieten uns, schnell wieder aufzuhören, aber bald gingen wir schon das erste Mal auf Tour.

Kuttre: So war‘s ungefähr. Wir haben in der achten Klasse (1988) schon eine Noisecoreband gehabt. Sie hieß erst Nuclear Death (wie die Amis) und dann Bundeswehr. Es wurde nicht geprobt. Es lief so ab, dass wir mit einem Mono Ost Rekorder aufgenommen haben. Fünf Leute haben davorgestanden und gebrüllt, eine Holzgitarre wurde per Mic über eine Stereoanlage verstärkt. Später wurde die Gitarre dann verbrannt und es wurden gleich Bandfotos gemacht. Das alles in einem Eigenheimrohbau eines Schulkumpels, dessen Vater ein Blueser war.

Ich fuhr oft nach Leipzig, um Tapes zu tauschen. Wir hatten viele der Amiplatten in 25mal überspielten Unterwasseraufnahmen auf Tape. Eher Hardcore/ Speedcore als Deutschpunk. Danilo lernte beim Fischfang, konnte dadurch „reisen“ und brachte aus England die ND „Scum“ auf Vinyl mit. Das war prägend. Diese Platte veränderte ALLES. Über die Nachwendejahre und die damit zusammenhängenden Hausbesetzerhegemonien wurde mittlerweile ja schon viel geschrieben. Ich glaube, da sind einige Leute romantisch drauf kleben geblieben.

Wir haben auch in Squats gewohnt. Rostock hatte ca 10-15. Das war auch alles nicht so außerordentlich extrovertiert, individuell oder aktionistisch. Es war einfach so. Bitte, bitte nicht noch mehr OSTpunkdokus und -bücher. Aljoscha ist tot, Feeling B heißen jetzt Rammstein, die Erlöserkirche steht auch noch und all die (un)freiwilligen Punker Stasi IMs haben auch ihren Platz in der Geschichte, die mittlerweile nun schon mehr als einmal zu oft wie die Sau durchs Dorf gescheucht wurde.

Am interessantesten in eurer mypsace Einflussliste ist ja neben den üblichen Kloppbands die Nennung von Faust, KRS One, Public Enemy… Ihr spielt aber am meisten mit Krachbands zusammen oder zumindest in Deutschland oder ist das weltweit so, dass alle Szenen für sich bleiben? Mischt sich das eventuell in Asien mehr, also das neben ner Grindband ne Ska oder Hiphop -Band spielt?
Heinrich: In Asien haben wir auch größtenteils mit Krachbands zusammengespielt. HC, Grind, Punk… in Jakarta war eine schräge Truppe dabei, die hatten Spikes und Iros bis nach Meppen und haben nur Bob Marley Songs gecovert, aber Verzerrer an, scheppernde Drums und alles total schief und kantig gespielt mit verstimmten Gitarren – die besten Bob Marley-Cover, die ich je gehört habe, besser als die Originale, ich war begeistert, obwohl ich Bob Marley nicht ausstehen kann.

Ich würde sagen, dass überall vorherrschend die Genres unter sich bleiben. Es gibt natürlich Ausnahmen, was gut ist und mehr werden sollte. Grindcore ist eine feine Sache, aber ich kann mir maximal zwei Bands hintereinander live anhören, dann habe ich genug. Eine Erfrischung in Form einer stilfremden Band tut da gut, Ska muss es aber nicht sein, ha.

Kuttre: In Lima haben wir mal in einer Metaldisko mit einer peruanischen Black Sabbath Coverband gespielt. Sie mussten zwei Sets spielen und wir auch. Der Pisco war räudig. Auf der Show waren nur Black Metaller. In den Staaten haben wir auch mit Countrybands gespielt (ich glaube Austin Lucas mit Digger Barnes. – das ist korrekt (Anmerkung Heinrich)). Letztes Jahr beim Zoro Fest in Leipzig ein Covercontest mit/gegen Rene Biname. (Wavepunk/Bel).

Heinrich: Das war fies, das Publikum hatte Spaß und wir und Rene Biname auch, aber wir mussten unsere Coversongs in wochenlanger Plackerei einstudieren und die Typen von Rene Biname haben sich einfach 20 min vor der Show im Bus zusammengesetzt und überlegt, welche Songs sie nachspielen, sie hatten eine gute Auswahl getroffen und haben die Lieder sehr geistreich und kreativ interpretiert, aber wir hatten „Copkiller“ von Bodycount, „fast as a Shark“ von Accept und gleich 2 Black Sabbath Nummern im Programm, dadurch und durch eine halbnackte HulaHoop-Einlage gewannen wir um Haaresbreite, obwohl wir spieltechnisch nicht den Hauch einer Chance gegen Titi und seine Mannen hatten.

Ach so, … AND malaysian folk music… was / wer /Wie jetzt? Ha ha…
Heinrich: Das hat Kuttre geschrieben und ich denke, er meint das ernst. Ich fühle mich nicht so sehr von malaysischem Folk beeinflusst. Ich glaube, das Kuttre da auf das Tape anspielt, welches wir in Penang von Ong (zu sehen in dem Film „Whitey will pay“, der Typ, der aussieht wie ein chinesischer Kung Fu Meister), der unser Konzert dort machte, erhalten und rauf und runter gehört haben, meistens abends. Ich habe dieses Tape geliebt und es mir auf Minidisc überspielt… irgendwo muss ich das Ding noch haben, werds gleich mal hervorkramen.

Kuttre: Ich meine es ernst. Ich mag das.

Was für Touren stehen bei euch 2010 an?
Heinrich: Im Oktober fuhren wir mit „Weekend Nachos“ durch Europa. Tourdaten sind noch auf unserer Mayspace-Seite ersichtlich. In der nächsten Zeit halten wir erstmal die Füße still. 2011 fahren wir evtl. für jeweils eine Woche nach Italien und Griechenland, mal sehen…

Kuttre: Wir haben im Frühling mit FUCK THE FACTS vier Konzerte gespielt und gerade zurückliegend die Europa Tour mit Weekend Nachos.

Zwei kurze Fragen noch… AC/DC oder Kiss?
Heinrich: Mayhem.

Kuttre: MC 5.

Bester Rancid Song?
Heinrich: Wer ist Rancid?

Kuttre: Fürchterliche Band.

Habt ihr noch nen Gruß an die Leser?
Heinrich: Wir sehen uns beim Konzert! Danke für euer Interesse und eure Unterstützung! Schreibt uns! Alles Gute und qualmt nicht so viele Zigaretten, dat stinkt immer so…

Kuttre: „Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!“ (Horst Hrubesch).

Interview: Jan Röhlk
Kontakt: myspace.com/wojczech13

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