Juli 22nd, 2019

WINO & THE HIDDEN HAND (#124, 2007)

Posted in interview by Jan

Wino / Hidden Hand

Achja, der Wino. Den (und seine Musik) kennt man nun auch schon seit Jahren. Eigentlich hätte ich ihn in der (durchaus sympathischen) Hard-Rock- und Hippie-Ecke abgestellt, aber mit Hidden Hand macht er ganz andere Musik, viel erdiger. Abgesehen davon, dass Hidden Hand tatsächlich etwas zu sagen haben, was heute für nicht mehr so viele Bands gilt. Aber vor allem ist Scott Weinrich ein sehr sympathischer, angenehmer Zeitgenosse, mit dem ich seit einigen Jahren immer wieder zu tun hatte.

Aber es war etwas anderes, was mich letztlich zu diesem Interview inspirierte. Wino taucht nämlich immer wieder, und auch mal ganz unerwartet, auf Platten und jetzt in dem Film „American Hardcore“ auf. Bei Probot spielte er mit und war auch in dem lustigen Video mit den Suicide Girls zu sehen. Auf dem Solo-Album von Joe Lally (Fugazi) spielt er bei einem tollen Song mit. Und in „American Hardcore“ redete er über alte Zeiten. Das hab ich mir mal als Vorbild genommen. Wino, lass uns mal über früher reden!

Ich habe dich in dem Film „American Hardcore“ gesehen, was ich sehr interessant fand…

… du meinst meinen kleinen Cameo-Auftritt so ziemlich am Ende?

… genau den. Ich habe mich gefragt, was für eine Verbindung du zum Hardcore hattest.

In dem Film habe ich vor allem darüber geredet, wie sehr wir enttäuscht von den Bad Brains waren. Denn das war die heftigste kick ass band, die ich jemals gesehen habe. Und dann haben sie sich total geändert. Man zahlte Geld, um die Bad Brains zu sehen, sie spielten drei Lieder, danach verliessen sie die Bühne, um auf eine völlig unbekannte Person einzuschlagen. Danach sind sie wieder auf die Bühne gegangen und haben Reggae gespielt. Nachdem ich das ein paar Mal erlebt habe, wusste ich, dass es das war für mich. Es war vorbei. Darum ging es in dem Film.

Aber um über meine Beziehung zur DC Hardcore-Szene zu reden: Die ist natürlich schon sehr alt, die bestand schon in den Tagen vor Minor Threat, Government Issue, Iron Cross oder State of Alert. Zu jener Zeit gab es schon The Obsessed, beziehungsweise zwei Inkarnationen der Band. Wir hatten zwei Gitarristen, aber keinen Sänger, die Musik war teilweise „Southern Pride“, aber noch sehr progressiv. Wir waren damas eine seltsame Band – King Crimson meets Lynyrd Skynyrd meets Chuck Berry oder so. Wir spielten sehr rohe Versionen von sehr harten Songs und dann plötzlich tanzbare Nummern wie „Sweet Little 16“. Irgendwann fanden wir, dass The Obsessed ein bisschen mehr hip werden sollten. Wir warfen den Gitarristen raus, der nicht so tight spielen konnte. Das war ein alter Beatnik. Er war schon klasse, ich habe eine Menge von ihm gelernt, aber seine Soli waren nie rechtzeitig fertig, und seine Gitarre war ständig verstimmt.

Also entschieden wir, dass wir besser einen Leadsänger holen sollten, zumal wir damals vor allem The Stooges oder The Dictators hören wollten. Wir waren jung, aber älter als die ganzen richtig jungen Punkrock-Kids – ich bin mittlerweile Ende 40. Also kannten wir die alten Platten, auch die von den New York Dolls. Wir fingen an, Shows downtown zu spielen. Die Punks liebten unsere eigenen Sachen, aber sie hassten es, dass wir Punkrock-Coverversionen spielten. Wir waren damals Jugendliche aus der Vorstadt und wollten einfach nur spielen, was wir toll fanden. Die hippe Szene im Zentrum kannten wir gar nicht. Nach einer Weile liessen wir die Cover-Versionen weg und spielten nur noch unsere eigenen Sachen, die damals sehr schnell und laut waren. Also traten wir auch regelmässig mit Hardcore-Bands auf, einige Male mit Government Issue oder Iron Cross zum Beispiel.

Wir mussten den Punks beweisen, dass wir eine echte Band waren. Das geschah eines Nacht, was ich als sehr entscheidenden Moment ansehe. Wir spielen mit Iron Cross in einer kleinen Bar, als die PA kaputt ging. Daraufhin haben wir dann das gesamte Set ohne Gesang gespielt. Das hat damals wohl einige Leute beeindruckt. Ich bin damals zu vielen Shows gegangen, Void, Minor Threat – eigentlich alle. Ich hab SSD gesehen, während ich auf einem Trip war. Grossartige Straight-Edge-Band, und ich war high. Es war eine gro§artige Zeit. Damals gab es durchaus Animositäten, weil wir lange Haare hatten. Ich hat ein paar Mal Probleme, aber mich wollte nie jemand zusammenschlagen. Wir liebten Schlägereien, wir hätten uns auch gewehrt. Vermutlich haben wir auch dann und wann nach einer Prügelei gesucht.

Haben Ian McKaye oder Henry Rollins euch damals gehasst?

Im Gegenteil. Henry liebte die Band, Ian genauso. Er war ein grosser Fan von The Obsessed. Ich hab Ian ein Tape mit Live-Aufnahmen von uns zusammengestellt, das er dann für Henry kopierte. Das ging immer so weiter. Später waren Henry und ich ja beide auf SST, als er bei Black Flag einstieg und ich bei St. Vitus. Wir haben einige Male auch mit der Rollins Band gespielt, was ich grossartig fand.

Du selbst hast aber nie Hardcore gespielt?

Nein. Obsessed waren meine Hardcore-Band. Wir waren damals sehr schnell.

Joe Lally von Fugazi hat vor einigen Jahren Spirit Caravan veröffentlicht.

Bevor Joe bei Fugazi einstieg, war er einfach nur ein Künstler. Er wollte bei seinen Eltern ausziehen und in meinem Haus einziehen. Ich habe damals Zimmer vermietet. Joe liebte meine Band und wollte Bass lernen. Er fragte mich, was ich ihm denn an Musik empfehlen würde und ob ich ihm ein paar Griffe erklären könnte. Joe hat mich für Joy Division begeistert und ich ihn für Raw Power. Ich habe ihm dann ein paar St. Vitus Riffs gezeigt, und dann ist er plötzlich Bassist bei Fugazi. Wir sind schon eine kleine Familie!

Beeindruckt dich, wie sich Joe seither entwickelt hat?

Fugazi war eine grossartige, einflussreiche Band. Und auch seine Solo-Sachen sind cool.

Eine sehr intime Platte. Du spielst ja auch auf dem Album…

… das ist keine grose Überraschung, so lange, wie wir uns kennen.

Wolltest du nie was mit Ian McKaye aufnehmen?

Es hat sich nie ergeben, ich hatte aber auch nie das Angebot. Ian und Guy waren beide bei den Aufnahmen für Joes Album anwesend, sie sind ja ebenfalls an der Platte beteiligt. Aber wir haben nie gleichzeitig gespielt. Wer weiss – vielleicht passiert das ja noch eines Tages.

In dem Film geht es auch um die Gewalt, die es Mitte der Achtzigerjahre gab. Du hast das vorhin schon mal kurz erwähnt. Wie schlimm war das wirklich? Hast du irgendwann aufgehört, zu Hardcore-Shows zu gehen?

Mir war bewusst, dass immer wieder darüber geredet wurde, dass man doch die Langhaarigen aufmischen sollte. Aber mir ist das nie passiert. Es gab die eine oder andere Szene, aber wir wussten auch, wie wir uns verteidigen sollten. Es war klar, dass die Möglichkeit bestand, dass die Leute uns angreifen würden. Deshalb waren wir immer bereit. Einmal wollte mir jemand ein Messer in den Rücken jagen. Das war in der Nähe von L.A. Wo getrunken wird, wird auch geprügelt. Deshalb trinke ich nicht mehr. Aber es sind halt die guten alten Zeiten. Viel schlimmer war allerdings, dass die Cops immer wieder versuchten, Shows zu beenden – Punkrock-Shows waren denen zu laut, zu heftig, es waren zu viele Leute anwesend. Die Cops marschierten also in die Clubs, und die Leute drehten durch. Wie in Berlin am 1. Mai.

Hat dich überrascht, dass du in „American Hardcore“ auftreten solltest?

Ich bin auch im Buch zitiert. Ich kenne Steven Blush, den Autoren, schon sehr lange. Ausserdem hatte ich Steven gefragt, ob er die Biografie von The Obsessed schreiben würde, als wir bei Columbia unterschrieben. Wir sind Kumpels.

Wirst du eigentlich nostalgisch, wenn du an deine Vergangenheit denkst?

Ich hänge dem nicht nach. Ich will einfach nur spielen. Wir treten nicht jeden Abend vor tausend Leuten auf, wir fahren immer noch im Van. Aber so ist das eben. Es ist eben schwieriger hier in den USA, wenn man keinen Radiohit hat. Ich finde es toll, wenn Leute zu mir aufblicken oder mich als Einfluss bezeichnen. Aber letztlich geht es mir nur darum zu spielen.

Welche deiner Bands ist für dich die wichtigste?

Hidden Hand, weil das die Gegenwart ist. Das Klima ist richtig für diese Musik. Es gibt die passende Leinwand, um ein Bild zu malen. Wir haben einen tollen neuen Drummer, mit dem wir grossartig spielen – teilweise werden unsere Proben zu Jazz-Jams. Das ist unglaublich. Deswegen kann ich kaum abwarten, bis wir wieder aufnehmen. St. Vitus ist auf eine bestimmte Weise auch wichtig, weil wir einen bestimmten Sound hatten und die Betonung auf Langsamkeit legten. The Obsessed sind wichtig, weil das meine erste Band war – unsere psychedelische Acid-Band. Und Spirit Caravan hatten eine positivere Einstellung. Jetzt gibt es alles auf einmal: das Positive und die Wut, ein bisschen Punk und etwas Prog und so weiter. Nun kommt auch noch Jazz dazu. Wir sind genau da, wo wir sein wollen.

Das neue Album ist dafür mehr down to earth, auch wenn du jetzt über Improvisationen redest.

Das ist wahr. Wir haben Lied für Lied fertig gemacht, damit sie in die Story passen – wie Stücke eines Puzzles. Aber die Improvisationen werden wichtiger. Zum einen entstehen so gute Song-Ideen, zum anderen ist es eine Herausforderung, die Spass macht. Wir werden ein bisschen davon auch auf der Bühne machen.

Aber nicht auf einem Album?

Keine Ahnung. Das hängt von dem Moment ab. Auch auf den alten Platten hatten wir immer wieder Improvisationen. Man sollte halt immer die Mikros angeschaltet haben, wenn ein magischer Moment kommt.

Was ist denn eigentlich die Geschichte hinter „The Resurrection of Whiskey Foote“?

Whiskey Foote ist eine mystische Figur, die wir erschaffen haben. Er ist eine Art Held – ein Kriegsheld, der einen mysteriöen Tod gestorben ist. Er ist kein Weisser, eher eine Mischung aus amerikanischem Ureinwohner und einem Weissem, vielleicht auch schwarz. Er ist weder gut noch schlecht, aber er ist ein Orakel. Er wird herbeigerufen durch die Bedürfnisse der Menschen. Und ein Mädchen ist seine Stimme. Das ist sehr abstrakt. Die Leute können gerne hinein interpretieren, was sie möchten. Die Lieder sind dennoch sehr direkt. Die Geschichte ist nur insofern politisch, als wir ein düsteres Bild der Zukunft malen. Es fehlt etwas, die Menschen wirken irgendwie leblos, das Spirituelle fehlt. Deshalb erscheint Whiskey Foote, der wie ein messianischer Rockstar ist (lacht).

Das klingt seltsam…

… du wirst das alles schon verstehen.

Mal sehen. Hidden Hand waren immer eine politische Band, oder?

Würde ich sagen. Weil wir immer das Gefühl hatten, Dinge aussprechen zu müssen. Dass die Zeiten schlecht sind zum Beispiel. Ich will vorausschicken, dass ich durchaus stolz bin, Amerikaner zu sein. Zugleich ist mir bewusst, dass wir unsere Stellung in der Welt verloren haben. Eine Menge Leute in dieser Welt hassen uns jetzt. Vor dem Krieg bezweifelte niemand, dass Bush in den Irak marschieren würde. Darum geht es auf ‚Divine Propaganda‘. Das basierte auch auf diesem Zitat eines Generals, der das Christentum als einzige akzeptable Religion bezeichnete. Jetzt, Jahre später, sehen wir, dass ein unglaubliches Fiasko herausgekommen ist. Damals wäre diese Ansicht sehr kontrovers gewesen ist. Spirit Caravan war sehr mellow, aber ich fand es wichtig, dass The Hidden Hand wütender sind.

Zur Zeit von „Mother, Teacher, Destroyer“ waren wir ziemlich frustriert, weil das Album während der Wahlen entstand. Ich habe damals sehr viel gelesen, was die Republikaner gemacht haben. Und man hat das Gefühl, nichts tun zu kšnnen. Selbst wenn Hunderttausende demonstrieren, ändert das nichts. Aber mittlerweile gab es politische Veränderungen. Solche Sachen kommentieren wir.

Waren die anderen Bands weniger politisch?

Ich denke schon, wir waren wohl sehr hedonistisch. Ich habe damals nur über meine persönlichen psychedelischen Erfahrungen geschrieben. Ich glaube nicht, dass ich damals den richtigen Weitblick hatte.

Ist die Musik, die du heute machst, insofern wichtiger?

Es ist schwer festzulegen, was wichtig ist. Es gibt Dinge, die damals nicht wichtig erschienen, aber es heute sind. Auf jeden Fall ist es für mich wichtig, denn wenn man eine kleine Stimme hat, muss man sie auch benutzen.

Wie wichtig ist es für dich, nach gut 30 Jahren noch in einer Band zu spielen?

Mir ist klar geworden, dass die Musik solch ein wichtiger Bestandteil von mir ist, dass sich etwas nicht richtig anfühlen würde, wenn ich sie wegnehmen würde. Aber als wir nach diesem Album unseren Schlagzeuger verloren, war das frustrierend. Der Drummer, mit dem wir dieses Album aufgenommen haben, hatte einige Probleme und musste gehen. Der jetzige Schlagzeuger ist der, den ich haben wollte, als Dave ging, um nur noch Ostinato zu machen. Dave half uns ja nur aus. Wir wussten also, dass er uns verlassen würde. Meine erste Wahl für den Posten nach Dave war Matt, der in einer Hardcore- und einer Psychedelic-Band spielte. Beide waren grossartig. Aber er hatte keine Zeit. Als Evan jetzt ernsthafte Probleme mit seiner Familie und seiner Arbeit hatte und völlig überarbeitet war, implodierte alles. Und Matt hatte Zeit, weil sich die anderen Bands aufgelöst hatten.

Eigentlich wollte ich ja wissen, was dich weiterhin motiviert…

Das ist einfach etwas, was man tun muss. Man muss aber schon seinen Lebensstil anpassen, was harte Arbeit ist. Man muss schon zielstrebig sein. Vor 30 Jahren war ich einfach nur hedonistisch, da ging es mir nur darum, betrunken zu werden. Jetzt weiss ich, dass man auch Pläne machen muss. Es macht mir Spass, mein Kopf sitzt am richtigen Platz. Es wäre Verschwendung, keine Musik zu machen.

Was sagen deine Frau und die Kinder dazu? Wie viele Kinder hast du jetzt eigentlich?

Zwei, und eins ist auf dem Weg. Wir haben eine sehr nette Babysitterin, die uns hilft, wenn ich auf Tour bin. Ich muss also auch Zuhause eine Menge machen. Lass mich das so sagen: Sie bekommt ein weiteres Kind, ich darf für eine Weile auf Tour gehen (lacht). Aber jetzt haben wir genügend Kinder.

Wie war das eigentlich, als du das Probot-Video gedreht hast? War deine Frau eifersüchtig?

Nein, sie hat mir das erlaubt. Ich habe sie gleich gefragt, als ich gehört habe, was das für ein Video werden sollte. Ich glaube, der einzige Grund, warum ich es drehen durfte, war Lemmy. Ohne Lemmy und Dave Grohl hätte sie mir das Video wohl verboten. Sie wusste, wie wichtig das Video ist.

Und wie waren die Dreharbeiten?

Lemmy und ich redeten nur blödes Zeug.

Lemmy hätte der Grossvater von den Mädels sein können…

… und mich nannte ein Mädchen „Dad“. Das war sehr lustig.

Interview: Dietmar Stork

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.