Februar 20th, 2019

WHITE LUNG (#158, 2013)

Posted in interview by Jan

Das Bei Roy in Berlin-Neukölln ist ein ziemlich außergewöhnlicher Ort für Konzerte. Nicht nur weil er knapp außerhalb des S-Bahnrings liegt, der magischen Grenze zwischen hipper Innenstadt und spießigen Randbezirken, sondern auch, weil er so am Arsch der Heide liegt. Dort ist es tatsächlich möglich, im Sommer während des Konzerts am offenen Fenster zu stehen und über das Dunkel des Gewerbegebiets hinweg auf die hell erleuchteten Hochhäuser in der Ferne zu blicken.
Den Laden zeichnet aber auch die hohe Dichte an wirklich, wirklich guten Bands aus, die dort spielen. Dass auch Terrible Feelings und White Lung ausgerechnet dort ihr Berliner Gastspiel geben würden, war also schon fast vorher klar. Da White Lung gerade mit „Sorry“ eine der besten Punkplatten des Jahres herausgebracht hatten, war eigentlich genauso klar, dass wir versuchen würden, die Band vors Mikrofon zu zerren. So saßen wir dann also mit Sängerin Mish und Bassistin Grady in dem vollgestellten Raum hinter der Bühne, der so etwas wie ein Proberaum zu sein scheint, auf allerlei Dingen, die nur im Nebenberuf Sitzgelegenheiten sind. Wir redeten über Hipster, Punk und Vancouver, während sich nebenan der Laden mit reichlich geneigtem Publikum zu füllen begann.

Ihr seid einen Tag zu spät in Berlin, ihr habt die Demonstration der „1.000 Kreuze für das Leben“ verpasst, Berlins jährliche Abtreibungsgegnerdemo mit über 1.000 Teilnehmern. Ihr habt den Spaß verpasst, Anti-Feministen und hasserfüllte, christliche Fundamentalisten zu schikanieren.
Mish: Wirklich? Ich wäre gern dabei gewesen. Wird das richtig verrückt?
Diese Menschen sind verrückt!
Grady: Es wird 1.000 Kreuze genannt?
Ja, sie tragen große weiße Kreuze durch die Stadt, die laut ihnen die 1.000 unschuldigen Kinder repräsentieren, die ihnen zufolge jeden Tag in Deutschland getötet werden.
Grady: Uuuhh…
Mish: Wir haben etwas Großes verpasst.
Habt ihr sowas in Vancouver?
Mish: Wir haben einen Slutwalk, aber das ist mehr eher eine positive, feministische Pro-Choice Sache. Pro-Choice anstatt Pro-Life. Sowas würde es in Vancouver nie geben. Das Größte bei uns sind ein paar alte Leute am Bahnhof mit toten Fötus-Schildern. Wir sagen ihnen, dass sie sich verpissen sollen. Sie sind nicht organisiert, es gibt nur organisierte Pro-Choice Aktionen.
Grady: In den USA passiert das aber aus irgendeinem Grunde viel öfter als in Kanada. Dort gibt es eine große Pro-Life Bewegung
Kanada ist einer der wenigen Staaten auf dieser Welt, in denen Abtreibung vollständig legal ist.
Mish: Und es ist außerdem sehr leicht zugänglich.
Grady: Auch wenn es gerade von unserer Regierung gerade angegangen wird.
Mish: Ja, wir haben einen Premierminister, der ein wenig idiotisch ist.
Wusstet ihr, dass Abtreibung in Deutschland eigentlich immer noch nicht vollständig legal ist?
Mish: Ist es das nicht?
Aber es wird nicht mehr verfolgt und ist akzeptiert.
Mish: Du kannst es machen, aber wirst nicht bestraft. Wie funktioniert es dann? Ist es sowas Illegales im Hinterzimmer?
Man muss eine Art Beratung bei einer sozialen Einrichtung oder der Kirche mitmachen, in der man belehrt wird, was Abtreibung bedeutet und dann kann man es durchführen lassen.
Grady: Bei uns muss man sowas nicht zwangsläufig machen. Aber es gibt solche Beratungsangebote.
Mish: Ich weiß nicht, ob das in Nordamerika immer noch passiert, aber man bekam immer ein Ultraschallbild mit einem Baby gezeigt. Es sollte klarzumachen, dass es schon ein richtiges Baby ist. Man hofft, dass es deine Einstellung zur Abtreibung verändert, so nach dem Motto „Sieh her, dein ungewolltest Kind!“ In Nordamerika ist alles ein wenig durcheinander, weil die Leute nicht kapiert haben, dass Pro-Choice nicht zwangsweise Pro-Abtreibung bedeutet. Es bedeutet, dass man das Recht hat zu entscheiden, ob man das Kind möchte oder nicht. Man ist kein Verbrecher… Meiner Meinung nach ist es viel schlimmer, ein Baby auf die Welt zu bringen, wenn man nicht die Möglichkeit hat, sich darum zu kümmern und es aufzuziehen. Das ist viel schlimmer. Tut mir leid, aber das ist schrecklich.
Grady: Es ist deine eigene Entscheidung und dir sollte die Möglichkeit dazu gegeben werden.
Mish: Wenn du das Kind haben willst, dann ist das großartig. Wenn du damit umgehen kannst. Wenn du es aber nicht kannst, dann ist es auch okay.
Grady: Da fehlt einfach die Bildung. Sie wissen nicht, was es ist.
Die Feminismus-Themen kommen immer wieder, wenn man über White Lung spricht. Langweilt euch das, weil ihr das Gefühl bekommt, dass man euch in einen Topf mit jeder anderen feministischen Band wirft und Leute eigentlich nicht mehr über White Lung als eigene Band sprechen?
Grady: Das kommt aber auch stark durch Mishs [journalistische] Texte.
Mish: Wenn mich jemand zu meiner persönlichen Meinung zu Feminismus befragt, finde ich das gut. Ich bin eine Feministin. Ich habe feministische Philosophie studiert, ich habe viel Queer- und Genderstudien gemacht. Was mich ärgert ist, wenn Leute uns ansehen, während wir spielen und unsere Musik dann damit verbinden. Sie behaupten, dass wir eine Riot Grrrl Band sind. Das sind wir nicht, zumindest nicht vollständig. Das ist vielleicht einfach Journalismus und ich habe darüber schon oft gesprochen. Es stört mich nicht, wenn auf einen persönlichen Level gefragt wird. Aber nur etwas anzunehmen, weil wir Chicks sind, die ihre Meinung sagen…
Grady: Es gab diesen Twitter Post „Mish Way’s voice sounds like she hates men“. (lacht) Wir haben es gerepostet.
Mish: (böse) Oh ja. Diese Sängerin von White Lung klingt, als würde sie jeden hassen, aber ganz besonders Männer. (Gelächter) Irgendjemand hat mir diese Nachricht geschickt und ich habe okay gesagt. Ich habe auch schon Songs über Männer geschrieben, die ich liebe und das waren keine wütenden Songs. Aber manche sind sehr wütende Songs. Klar, jede schreiende Frau muss Männer hassen.
Und jede Band, die mehr als eine Frau an Bord hat, klingt wie Bikini Kill.
Beide: Genau.
Grady: Als wir anfingen, haben wir das noch öfter als heute gehört.
Mish: Die Sache mit diesen Generalisierungen ist, dass Leute faul geworden sind, seitdem im Internet alles vorhanden ist. Niemand muss sich mehr die Mühe machen, selbst zu forschen. Wenn irgendjemand mal geschrieben hat, dass sie wie Bikini Kill klingen, dann schreiben es danach alle ab. Ich liebe Bikini Kill. Ich habe sie sehr viel gehört, als ich jung war. Ich respektiere sehr, was Kathleen Hanna gemacht hat. Aber wir klingen nicht so, vielleicht singe ich ein wenig wie sie. Kenny spielt nicht so Gitarre wie… wie ist der Name von dem Typen bei Bikini Kill? Ich weiß es nicht mehr.
Als Journalistin kennst du die andere Seite vom Schreibtisch genauso.
Mish: Ja klar und ich verstehe, dass es passiert und es verärgert mich nicht besonders. Schließlich habe ich es selber auch schon gemacht. Ich habe einen Artikel über diese Band Heavy Cream aus Nashville, Tennessee geschrieben, die aus drei Frauen und einem Typen besteht. Und ich habe über die Ladys von Heavy Cream geschrieben, was dämlich ist. Aber das ist genau, was die Magazine mich tun lassen wollen, vermute ich. Du gibt dein Bestes, um mehr als nur über ihre Musik zu schreiben.
Mish, Du schreibst viel als Autorin für das Vice Magazin und das scheint auch der Kontext zu sein, in dem sich White Lung bewegen. In Deutschland assoziiert man damit die Hipsterszene. Aber eure Platte ist bei Deranged Records erschienen, diesen absolut glaubwürdigen d.i.y. Punklabel. Hier in Deutschland ist eine wirkliche Überschneidung von diesen zwei Szenen schwer vorstellbar.
Mish: Ich weiß, was ihr meint. Vice hat einen recht schlechten Ruf als Hipstermagazin. Aber sie haben vor fünf Jahren eine komplette Veränderung durchgemacht und ihr Inhalt hat sich vollständig gewandelt. Ich kenne eine Menge Leute, die sagen „bäh, du arbeitest für Vice“. Ich sage ihnen, komm mal drüber hinweg, sieh dir die unterschiedlichen Schreiber und den vielfältigen Inhalt an. Es ist eine riesige Firma und ja, daher kommen auch eine Menge Sachen, die ich nicht unbedingt unterstütze. Die Leute, mit denen ich dort zusammenarbeite, waren immer nur gut zu mir. Ich liebe Vice und es ist großartig für mich. Aber ja, sie haben einen schlechten Ruf. Es ist lustig, dass ihr das auch sagt. Ich weiß nicht warum. Weil es ein cooles, hippes Zine ist.
Grady: Als Pitchfork über uns geschrieben hat, war es das gleiche. Leute hielten uns für eine Hipsterband. Warum? Nur weil ein bestimmtes Magazin über uns geschrieben hat?
Mish: Die Leute glauben, dass sich unsere Inhalte und Musik verändern, weil uns ein bestimmtes Ding unterstützt. Wir haben darüber doch keine Kontrolle, wenn sie über uns schreiben.
Vielleicht geht es nur um die typische Anti-Hipster-Ideologie im Punk, weil wir Punks es wirklich hassen, wenn Leute, die anders als wir sind, die gleiche Band mögen.
Mish: Jede Subkultur wird besitzergreifend. Ein Geheimnis, von dem es besser ist, wenn es keiner kennt. Wenn es jeder kennt, dann ist es nichts Außergewöhnliches mehr. Als Band ist es schwer, damit umzugehen. Lustig, dass es mir persönlich eigentlich nur darum geht, zu spielen.
Welche Rolle spielt Vancouver für eure Band? Vancouver ist Teil des pazifischen Nordwestens. In Seattle war Grunge und der Battle of Seattle, Portland hatte seinem Ökoanarchismus und Olympia brachte Riot Grrrl hervor. Das ist alles nicht weit von euch.
Mish: Das ist mir erst so beim Reisen aufgefallen. In Vancouver sind die Menschen sehr nostalgisch, was Grunge betrifft. Ich mag Grunge sehr, aber ich habe Grunge an anderen Orten nicht bemerkt. Also ist das vielleicht ein Vancouver-Ding. Außerdem ist Vancouver eine sehr inzestuöse Stadt, wo jeder sich mit jedem datet und was mit jedem hat. Du bist in einem Raum und denkst „oh mein Gott, ich hatte Sex mit fünf Leuten hier“. Es ist eine sehr kleine, verwickelte Szene und das hat Einfluss auf meine Musik. Außerdem regnet es acht Monate im Jahr, es ist grau und sehr langweilig. Also muss man neue Dinge finden, um sich zu unterhalten. Das macht wahrscheinlich auch einen Unterschied aus.
Grady: Ich habe keine offensichtlichen Einflüsse bemerkt. Aber es stimmt, jeder scheint eine Affinität für Grunge zu haben. Du warst sehr jung, als Grunge zum ersten Mal hochkam. Aber seitdem scheint es immer wieder durch einen Zyklus zu laufen.
Mish: Irgendwann passierte das, was wir gerade besprochen haben, dass Grunge wieder cool und modisch wurde. Ich habe durch ein blödes Celebrity-Tratsch-Magazin geblättert, US Weekly oder so. Sie haben weiter hinten Modeseiten und es waren Flannels abgebildet. Und sie bezeichneten sie als „punky Flannels for sale“. Und Mariza hat Nirvana gecovert. Aber nein, covere niemals Nirvana!
Grady: Lana Del Rey – Heart-Shaped Box.
Mish: Ach komm… aber ja, das war großartig.
Grady: Dann hat Courtney Love getweetet „es geht um meine Vagina“. Erinnert ihr euch?
Mish: Ja, Lana Del Rey hat Nirvanas Heart-Shaped Box gecovert und dann postete Courtney Love auf Twitter „Der Song ist über meine Vagina und wenn du es das nächste Mal singst… blablabla“.
Lana Del Reys Platte ist derzeit mein Lieblingsalbum.
Mish: Du magst es? Ich kann das nicht. Ich weiß, es ist etwas mit ihrer Stimme… sie hat eine sehr eigene Stimme.
Ich mag die Art, wie sie frühe 90er Jahre HipHop Beats mit der gewaltigen Streicherarrangements verbindet. Das spricht mich in irgendwie an.
Mish: Aber ich muss sagen, dass ich ihre Fingernägel mag, wenn sie das Mikrophon anfasst. Sie hat diese schönen, langen, nuttigen Fingernägel. (Gelächter)
Es gibt auch eine sehr gute Coverversion von der malaysischen Sängerin Yuna.
Mish: Und es gibt eine gute von Cibo Matto. Welchen Song haben sie noch gecovert? Es ist super. Ich bin mir sehr sicher, dass es eine japanische Frauenband ist.
Grady: Ich glaube es ist „Sliver“.
Mish: (grimmig) Nein, ist es nicht. Egal, es ist super, weil sie es wirklich zu ihrem eigenen Song machen.
Wir klingen wirklich wie Hipster, wenn wir so reden.
Mish: Und wenn schon, wen interessiert das? (Gelächter)
Weniger als 50 Prozent der Menschen in Vancouver sind Weiß. Mehr als 40 Prozent sehen sich nicht als religiös und es wird eher liberal und links anstatt konservativ gewählt. Das steht im krassen Gegensatz zu den anderen kanadischen Städten, mit denen ich die Daten verglichen habe. Ist Vancouver der Rückzugsraum für Punks, linke, feministische und alternative Menschen?
Mish: Man ist einfach sehr tolerant dort. Wenn man aber in anderen Städten an der kanadischen Küste ist, wie zum Beispiel in Toronto, fühlt es sich nicht anders an. Allerdings habe ich da auch nie besonders drauf geachtet.
Grady: Viele Künstler sind in den 90er Jahren nach Vancouver gezogen, zu der Zeit als Grunge groß war. Das könnte etwas damit zu tun haben.
Mish: Vancouver hat eine sehr solidarische Schwulenszene.
Grady: Die Menschen dort sind sehr teilnahmslos, wenn es um Demonstrationen und für seine Rechte Kämpfen geht – sogar verglichen mit Edmonton, Toronto oder solchen Orten.
Wahrscheinlich ist der Situation weniger angespannt als an anderen Orten.
Mish: Exakt, die Leute fühlen sich nicht, als müssten sie dahin gehen. Sehr wichtig sind den Leuten Peace und Marijuana. (lacht)
Die Mieten in Vancouver sollen unglaublich teuer sein?
(beide stimmen lauthals zu)
Grady: Vancouver ist eine der teuersten Städte der Welt.
Wie überlebt ihr dann dort?
Grady: Wir arbeiten sehr viel.
Mish: Ich habe nie bemerkt, wie teuer es eigentlich ist, bis ich anfing, herumzureisen. Teuer sind eigentlich nur Essen, Alkohol, Zigaretten und Miete – also die vier wichtigsten Dinge (lacht). Warum ist das so? Weil es so eine lebenswerte Stadt ist. Ich weiß aber nicht, ob es der lebenswerteste Ort ist. Und man wird abgezogen. Wenn du dahin gehst, niemanden kennst und eine Bleibe suchst, wirst du viel dafür bezahlen müssen. Ich habe eine günstige Wohnung, aber auch nur, weil ich jemanden kannte, der in dem Gebäude lebt und jemand anderen kannte… ihr wisst schon, was ich meine. Alles was in der Zeitung oder im Internet inseriert wird, ist unfassbar teuer. Wenn du in Vancouver allein bist und dir niemand die guten Sachen zeigen kann, ist es scheiße.
Grady: Und auch noch sehr langweilig.
Mish: Wahrscheinlich ist es überall so, aber in Vancouver ist es besonders so. Die Menschen in Vancouver können auch sehr kalt und nicht einladend sein.
Grady: Wenn Du Leute kennst, wirst du aber tolle Sachen entdecken, denn dort passiert hinter der Oberfläche sehr viel.
Sie können nur schwer weniger offenherzig sein als die Menschen in Berlin.
Mish: Das glaubst du?
Ja. Jetzt verkaufen sie T-Shirts mit der Aufschrift „Willkommen in Berlin – und jetzt verpiss dich wieder“ und sowas.
(Gelächter)

Mish: Werden die Leute Sachen auf mich werfen, wenn wir spielen? (lacht)
Nein, hier sicher nicht. Aber es gibt Touristen gegenüber eine sehr ablehnende Haltung.
Grady: Das ist in Vancouver das gleiche.
Mish: Wir fahren morgen wieder, dreht nicht durch. (lacht)
Punk scheint eine Jugendrebellion zu sein, aber offensichtlich bleiben die Menschen für längere Zeit und werden eben alte Punks. Aber geht das? Wäre es mit 40 möglich Musik wie White Lung zu spielen und gleichzeitig seine Legitimation zu haben?
Mish: Ich halte Punk eher für eine Einstellung als für ein physikalisches Alter. Das müsst ihr mich aber fragen, wenn ich 40 bin.
Grady: Du wirst ein anderer Mensch sein, weil du dich veränderst, während du älter wirst. Es passiert so viel in deinem Leben.
Mish: Ich möchte über Punk nicht mit so einer eingeengten Sichtweise denken. Das zerstört den ganzen Grundgedanken daran, dass dort diese ganzen Gesetze nicht gelten sollten, den ich ursprünglich so attraktiv fand.
Wir sind gespannt auf das kommende Negative Approach Konzert in Berlin. Sie spielen zusammen mit Punch, dieser großartigen, jungen Powerviolence Band aus Kalifornien. Punch sind so viel besser als Negative Approach es sein können, denn das sind nur alte Leute.
Mish: Wenn man sich Videos von den Adolescents ansieht, (gequält) dann ist es auch einfach nicht mehr das gleiche.
Adolescents spielen wahrscheinlich alle zwei Jahre in Deutschland. Wenn man einen großen Namen hat, kann man immer wiederkommen und eine Revival Tour spielen, bis man alt und grau ist.
Mish: Okay, lösen wir uns auf und lassen es wachsen. Und wenn wir 50 sind, steigen wir wieder zusammen in den Van. Vergesst alles andere.
Grady: Natürlich fahren wir auch mit dem gleichen Minivan. Ich stelle es mir gerade vor. (lacht)
Mish: Oh Gott. Ich will nicht 50 sein. Hör auf, darüber zu reden! Ich möchte für den Rest meines Lebens 27 bleiben.
Nicht wenige taten das.
Mish: Das ist das Selbstmordalter, ich weiß. Ich bin gerade 27 geworden.
Wir haben es vermasselt.
Mish: Nein, das ist eine gute Sache. Ich will nicht sterben, es gibt noch so viele Sachen, die ich machen will.
Mish, von dir wissen wir, dass Du in Holland studiert hast…
Mish: … ihr scheint alles über mich zu wissen…
… Grady, wir wissen nicht, ob du vorher hier warst.
Grady: Ich bin in Schottland aufgewachsen und bin auch mal zurückgereist.
Ist eure Wahrnehmung von Europa aus dem Van heraus und von der Bühne herunter eine andere als eure ursprüngliche Wahrnehmung von Europa, als ihr hier gelebt hat?
Grady: Ja, für mich persönlich schon. Ich habe erst heute darüber nachgedacht. Man sieht Dinge einfach in einem anderen Kontext. Man fährt von einem Ort zum nächsten und sieht die Welt nicht aus den Augen eines Touristen.
Mish: Es ist anders, weil wir Leute treffen. Als ich in Holland zur Hochschule gegangen bin, habe ich meine Zeit in feministischen Kreisen verbracht und mich mit akademischen Fragen auseinandergesetzt. Es gab eine winzige Punkbar in der Nähe, also bin ich manchmal da hingegangen. Jetzt kommen wir aber durch unterschiedliche Szenen. Wir sind aber gerade erst am Anfang unserer Tour und freuen uns noch darauf. Außerdem kümmert sich jeder hier so um uns. Das ist großartig, das würde auf Tour in den Staaten niemals passieren. Niemand würde für dich kochen. Hier ist jeder so nett und in den Staaten heißt es nur (grimmig) „geht jetzt bitte sofort auf die Bühne“.
Grady: Und jede Nacht muss man erneut darum kämpfen, einen Platz zum Übernachten zu finden. Weiß irgendjemand, wo wir heute Nacht schlafen können?
Jede Band erzählt das, wenn sie nach Europa kommt. Warum ändert es niemand?
Grady: Ganz selten ist es so, dafür ist dann aber auch jemand verantwortlich, der selbst mal in einer Band gespielt hat.
Mish: Es funktioniert nur, wenn man größer wird und einen Agenten hat, der durchsetzt, dass man ein Abendessen und ein Hotel bekommt. Für große Stars mag es funktionieren, es gibt aber keine Gastfreundschaft für die kleinen Leute. Wenn man in Kanada genügend Bier anbieten wollte, dass sich jeder in der Band betrinken könnte, würde es 250 Dollar kosten. Das kann sich niemand leisten.
Und diese schönen besetzten Häuser gibt es bei uns auch gar nicht. Ich liebe es, es ist so neu für uns und ich bin einfach begeistert.
Werdet ihr das alles zu Hause vermissen?
Mish: Oh ja. Vielleicht werden wir zu Diven, die es gewohnt sind, Essen zu bekommen. (lacht) Ach, es ist schon okay. Aber ich will jetzt schon so schnell wie möglich wieder herkommen.
Letzte Frage: gibt es etwas, was ihr auf dieser Tour gelernt habt und das ihr mit nach Hause nehmen werdet?
Mish: Ich weiß nicht, ob ich das gerade jetzt beantworten kann, denn es waren bisher nur ein paar Tage. Aber ich bin mir sicher, dass da definitiv etwas sein wird. Es gibt immer etwas. Wenn man nichts vom Herumreisen und Touren lernen würde, wofür sollte man es dann tun? Ich schreibe euch eine Email und erkläre es euch. Es wird eine große Offenbarung und mein Leben verändern. (lacht)

Interview: Jan Tölva / Benjamin Schlüter

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