Januar 2nd, 2020

VIC BONDI aus #148, 2011

Posted in interview by Jan

„Ich war in meinem Robespierre-Modus und wollte Jahr Null definieren. Junge Leute bilden sich ein, dass man die Revolution ausrufen kann und jeder folgen wird. Ich bin nicht mehr jung.

Punk und Hardcore sind kein wesentlicher Ausdruck von politischem Widerstand. Es ist also ein Fehler, die ganzen Bands in eine Kategorie zu werfen.

Ich denke, eines der traurigsten Dinge war mit Born Against in Deutschland zu touren. Die waren dogmatisch und ziemlich beurteilend…“

Hey Vic! Hier ist David Ensminger von Maximum Rock’n’Roll, Trust, Artcore, dem Journal of Popular Music Studies, Left of the Dial, und Lee College. Danke, dass du dir die Zeit nimmst, meine Fragen ausführlich zu beantworten. Ich habe letztes Jahr meinen 2. Masterabschluss in Punk Folklore an der University of Oregon gemacht und im Frühjahr/Sommer 2011 wird mein Buch Visual Vitriol: The Street Art and Subcultures of the Punk and Hardcore Generations mit über 80 Illustrationen und massig Zitaten von vielen verschiedenen alten und neuen Punks erscheinen. Das Buch wird wohl oder übel in die Hochschulwelt einfließen und Teil der offiziellen Diskussion über Punk werden.  Einige der folgenden Fragen beziehen sich direkt auf das Buch und andere sind für ein Interview, das ich in Magazinen hier in den Staaten und im Ausland veröffentlichen will. Wie die Kinman Brüder von den Dils, bist du in einer Militärfamilie aufgewachsen. Dennoch hast du dich brennend für die Linke eingesetzt, die die militärischen Wertesysteme damals sehr offensiv in Frage stellten. Wärst du so politisch geworden, wenn dein Vater nicht im Wehrdienst gewesen wäre?

Wahrscheinlich nicht, aber der entscheidende Punkt war ein anderer als der
durchaus naheliegende Zusammenhang, den deine Frage anspricht. Mein politisches Denken ist jedenfalls keine direkte Reaktion darauf. Stattdessen hat mich das Aufwachsen in einer Militärfamilie ein tiefgehendes und intuitives Misstrauen gegenüber Autorität gelehrt. Mein Vater war Kapitän bei der Marine und ziemlich einschüchternd drauf. Einmal war er der ausführende Offizier auf dem Flugzeugträger NAS Corry Field in Pensacola und hatte das Kommando über 20 000 Matrosen. Zuhause war er genauso der Kapitän wie auf dem Stützpunkt – streng, autoritär und tonangebend. Dazu kam noch, dass die Familie alle zwei Jahre entwurzelt wurde, und wir dann immer unsere Freunde verloren, weil wir an einen neuen Dienstort umziehen mussten.

Ohne jetzt übermäßig zu psychologisieren, aber diese Art des Umherziehens ist traumatisch wenn du ein Kind bist. Als ich 18 wurde, war ich schon 22-mal umgezogen. Was du daraus lernst, egal wie mächtig dir dein Vater erscheint, es gibt noch mächtigere Autoritäten, die dein Leben auf dramatische Weise verändern, ob du willst oder nicht. Diese Erfahrung erzeugt eine gesunde Skepsis und lässt dich ständig über den Unterschied nachdenken, wie eine Autorität repräsentiert ist und zu was sie letztlich in der Lage ist. Das ist die Erfahrung, die mich eher links geführt hat.

War es schwer, dich mit deinem Vater in einer Zeit zu verstehen, die du mal so beschrieben hast: „…die 1960er haben die Türen aufgesprengt, Nixon ist den Bach runtergegangen, und wir haben einen Kolonialkrieg verloren. Ich dachte, wir würden eine Zukunft der Vernunft, des Friedens und Wohlstands haben.“
Mein Vater wollte auch eine Zukunft voller Frieden und Wohlstand. Du musst bedenken, er war beim Militär zu Zeiten des Kalten Krieges, als der Atomkrieg eine echte Bedrohung darstellte. Eine Zukunft voller Ignoranz, Krieg und Armut wäre ihm nicht im Traum eingefallen. Außerdem war und ist mein Vater so was wie ein Progressiver. Er wuchs auf, als die GI’s die Nazis bekämpften, und so konnte ein Beitritt des Militärs durchaus als ein progressiver Akt angesehen werden.

Er hat die Bürgerrechtsbewegung unterstützt, Werte wie Vielfalt und Toleranz waren keine Fremdwörter für ihn. Andererseits war er ein Nixon-Republikaner und wählte Reagan, und aus verschiedenen Gründen, einige davon politisch, hatten wir in den frühen 1980ern eine sehr schwierige Beziehung. Aber seine Haltungen haben sich enorm entwickelt und die Bush-Jahre haben ihn dazu gebracht mit einigen seiner rückläufigen Standpunkte zu brechen – er verachtet Bush und seine Regierung für das was sie dem Land und der Welt angetan haben.

Die politischen Meinungen meines Vaters und meine eigenen gehen, vor allem heutzutage, weniger auseinander als du denkst. Leute, die zum Militär gehen, sind nicht unbedingt starr in ihren Anschauungen. Oft sind es Soldaten, die aus Kriegsgebieten kommen und durch ihre Erfahrungen so verdorben und verwundet sind, dass sie zu ausgewachsenen Nihilisten werden. Mir fällt es nicht schwer zu glauben, dass einige Leute, die zum Militär gehen, es in der Tat aus idealistischen Motiven tun – wie auch immer dann die eigentlichen Praktiken des Militärs als Institution aussehen. Einige meiner Verwandten sind beim Militär und sie sind keine Faschisten.

Einige der führenden Politiker der letzten 10 Jahre – Leute wie Dick Cheney und Karl Rove – sind in dem Sinne faschistisch, dass sie eine verachtende und zynische Haltung gegenüber Menschlichkeit haben, und diese Ansicht bringt sie dazu, das Militär in Abenteuer zu schicken, wie z.B. der Morast, durch den wir heute im Nahen Osten waten. Einige von ihnen glauben ernsthaft, dass Menschen von Haus aus dumm sind (und geführt werden müssen); dass Krieg unausweichlich ist (und tatkräftig forciert werden muss); und dass Armut ein Zeichen von moralischer Schwäche ist (deswegen müssen die Armen isoliert und, wenn möglich, dezimiert werden).

Ich würde sagen, dass Mitglieder des Militärs, die diese vergiftete Philosophie teilen, zum Faschismus tendieren, aber heutzutage gibt es eher mehr Leute außerhalb des Militärs, die dieses Hexengebräu an veralteten Auffassungen vertreten. Diese Haltungen werden immer gängiger, je mehr unsere Elite immer größere Gruppen von Menschen aus der Mittelklasse und in die Armut treibt – das ist ein Teufelskreis.

Und das krasse ist, das ausgerechnet die Opfer dieser Philosophie, bei dem vergeblichen Versuch mit den Umständen klarzukommen, die sich gefühlt ihrer Kontrolle entziehen, so zu deren Anhängern werden. Vieles davon hast du auch heutzutage im Punk Rock und in Musiksubkulturen. Zum Teil habe ich immer gehofft, dass meine Musik als ein Mittel gegen solche Haltungen fungieren kann. Aber ich bin mir nicht sicher, ob z.B. mein Vater und Menschen wie er diejenigen sind, die ich eigentlich bekämpfe.

Mike Sukow, ein Ex-Marinesoldat, half die 7″ EP What We Want is Free zu finanzieren und Konzerte finanziell zu unterstützen. Gab es auch andere Veteranen, die dieselben Traditionen ablehnten, die du stürzen wolltest, und die Bemühungen von Articles of Faith (AoF) unterstützten, „Musik zum Angriff auf die breiteren Konventionen der Gesellschaft“ zu nutzen?
Nein, kann mich da an niemanden erinneren. Mike war auch kein richtiger Veteran; er war ein AWOL Soldat [Absent Without Official Leave = unerlaubte Entfernung vom Militär]. Es gab sicher eine Menge Punks, die Veteranen waren; aber mir fallen konkret keine ein, die in Punk Bands gespielt haben – obwohl es sein könnte. Die meisten Veteranen von damals hörten Classic Rock. Heutzutage hören viele Veteranen Punk; ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ich lese, dass GI’s die Ramones oder Black Flag bei Einsätzen in Irak oder Afghanistan spielen.

Wie viele Punks (von Youth Brigade’s Shawn Stern zu Randy Biscuit Turner von den Big Boys), hast du als Kind schwarze Musik, wie z.B. Marvin Gaye, die O’Jays, Stevie Wonder und Sly Stone gehört. Trotzdem beschreiben viele Leute Punkmusik unaufhörlich als ein weißes Phänomen. Gibt es starke Verbindungen zwischen Punk und schwarzen Kulturen (neben Bad Brains, The Clash, etc.), die gern ignoriert werden oder unterrepräsentiert sind, vor allem wenn man AoF als Teil einer multiethnischen Rocktradition sieht (Chuck Berry!)?
Klar, sicher – es ist mehr als nur eine Rock Tradition, vor allem wenn man Rock über seine musikalischen Konventionen definiert. Leute haben seit jeher über ihre Unterdrückung gesungen, sowohl auf den Plantagen im Süden vor dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert, als auch in den Fabriken des viktorianischen Englands. Auf dem neuen Album New Normal Catastrophe haben wir dieses Stück „Hammer Song“, das mit einem Arbeitergesang aus einem texanischen Gefängnis von 1938 beginnt.

Wir haben es bewusst mit hineingenommen, weil wir ganz explizit an diese Tradition anknüpfen wollten.
Die vielleicht größte Veränderung oder Entwicklung in meinem Denken über die Jahre dreht sich darum, welche Rolle Musik in dieser Tradition des Widerstands spielt. Als ich damals bei AoF war, wollte ich solche Traditionen zerstören – alles… ich war in meinem Robespierre-Modus und wollte Jahr Null definieren. Junge Leute bilden sich ein, dass man die Revolution ausrufen kann und jeder folgen wird. Nun, ich bin nicht mehr jung.

Wenn deine Inspiration vom Politischen herkommt, begreifst du früher oder später, dass du Teil einer breiteren Revolution bist, und dass es über Generationen hinweg Ausdauer und Durchhaltevermögen brauchen wird. Dort stehe ich gerade. Während ich jetzt schreibe, höre ich Sly Stone’s „Family Affair“ und denke, das Interessante an deiner Frage ist, wie sehr ich diese Musik liebe, und wie wenig sich davon in meiner Musik äußert. Ich habe einfach nicht die Stimme und das Können um auch so ein Soul Sänger zu sein, und habe mir auch niemals die Mühe gemacht, es zu versuchen.

Die Form und der Stil von Hardcore, den ich gemacht habe, haben fast nichts mit schwarzen musikalischen Formen, wie Soul oder Hip Hop gemeinsam. Aber die Stimmung ist da. Ich verstehe den Blues in Sly Stone’s Stimme.

Hätte es AoF überhaupt in der Form, zumindest so wie wir sie kennen, gegeben, wenn du die Bad Brains nicht gesehen hättest?
Keine Ahnung…, wenn man bedenkt wie inspirierend sie waren. Aber gib der Band ruhig etwas Anerkennung für IHREN Sound: wir klingen nicht wie die Bad Brains. Dave, Virus und die Jungs sind einfallsreich und haben’s drauf. Ich nehme an, wir hätten diesen Sound früher oder später auch so gefunden.

Du bist in Dekalb, Illinois zur Schule gegangen, wo du auch Direct Drive gegründet hast – kaum eine halbe Stunde entfernt von Rockford, wo ich aufgewachsen bin. Dort gab es kaum so etwas wie eine Punk Subkultur, mal abgesehen von den nahegelegenen Subverts. Gab es da aber radikale Studenten oder irgendwelche Verbindungen zum Beloit College oder Madison College, die deine politischen Ansichten gerührt haben?
Nein – ich war nicht direkt in diese Studentenbewegungen involviert. Die waren am Abklingen als ich zum College ging. Das Institut für Geschichte an der Northern Illinois Uni war ziemlich radikal, und das hat mich sehr beeinflusst. Genauso wie die Revisionisten der Sechziger, vor allem William Appleman Williams. Ich hatte eigentlich mit Architektur angefangen, aber der Geschichtsunterricht hat mich so gefesselt, dass ich dann meine Hauptfächer einfach getauscht habe.

“Ich wollte Joe Strummer sein,” hast du mal einem Zine erzählt, aber du hast nie gesagt warum. Der politische Hintergrund ist vielleicht offensichtlich, aber wie sieht es in musikalischer Hinsicht aus? In den Liner Notes zu AoF Complete hast du geschrieben, du warst nicht so an „Reggae, Jazz und Funk“ interessiert, wie der Rest der Band. Warst du ein Fan von Clash’s späteren Fusion Styles?
Nein, nicht wirklich. Ich denke, jene Platten sind eher durchwachsen. Für mich war die größte Clash-Platte Give Them Enough Rope. Die schaffte es als eine der ersten Punkplatten nach Pensacola. Von dem Moment an, als ich den ersten Snare Schlag von „Safe European Home“ hörte , war ich hin und weg. Zu dieser Platte habe ich Gitarre spielen gelernt – jedes Riff und jeden Akkord. Das Jazz und Reggae Zeug – das sind mehr Dave, Virus und Joe. Ich bin erst nach AoF zum Jazz gekommen.

Als ich bei Jones Very war, habe ich viel Miles und Coltrane gehört. Und – ich wollte Joe Strummer sein, weil er der coolste war! Als Teenager war er mein Elvis. Ich hatte wirklich Glück ihn ein paar Mal zu treffen. Er war privat derselbe Typ wie in der Öffentlichkeit. Engagiert und lebendig. Er starb viel zu jung.

Du hast öfters mit Ironie beschrieben, dass die Skinheads in Chicago damals eigentlich die Söhne der Evanston Eliten waren. Du hast aber auch die Washington DC Szene als „Gang-ähnlich“ und die Kids als Vorstadtblagen beschrieben. Aber die haben sich nicht so angezogen und auch nicht so verhalten, als wären sie etwas, was sie nicht sind. Für Außenstehende symbolisierten Punks oftmals Bandenbedrohungen – vom Klon-Stil der Ramones, den eigentlichen Gangs im Fleetwood zu den umherstreichenden Hardcore Kids aus DC. Denkst du, dass dieses sippenähnliche/stammesbewußte Verhalten eine Art Selbsterhaltung war, oder oftmals familienähnlich – Punks, die Punks helfen, welche von ihren Eltern und Schulen entfremdet waren – oder waren sie wirklich nur Rowdys?
Nun, nach so vielen Dekaden sehe ich solche sozialen Sitten eher zeitlich begrenzt. Oder besser, aus der Zeit heraus zu erklären. Teenager hängen zusammen rum. Dasselbe tun junge Erwachsene auch. Wir sind soziale Tiere, und dieses Stammesgefühl ist wahrscheinlich eine der ausgewählten evolutionären Eigenschaften, die in unserer Biologie verankert ist. Das Faszinierende daran ist, wie sich das zerstreut wenn man älter wird. Es gibt einfach keine herumstreunenden Gangs von Erwachsenen.

Je älter du wirst, desto schwächer wirst du. Und somit könnte man auf einem instinktiven Level annehmen, dass ältere Leute sich Gang-ähnlicher als Kids verhalten. Aber das ist nicht der Fall. Wenn man älter wird, wird man sich wahrscheinlich eher der Grenzen und Kehrseiten dieses natürlichen Stammesgefühls bewusst. Dies ist ein instinktiver Teil der Konformität, Engstirnigkeit, des Tratsches, von Rassismus und Nationalismus. Viele Leute nehmen es aus ihrem Verhaltensmuster heraus, oder wandeln es produktiv und für sie greifbarer zu Kleingruppenbeziehungen wie Familien oder Arbeitsteams um. Selbst wenn Rudelverhalten biologisch bestimmt ist, so heißt das noch lange nicht, dass wir daran gebunden sind. Ganz im Gegenteil.

Du hast oft über Hüsker Dü gesprochen, von Bob Mould‘s Aufnahmetechniken, ihrem Drogenkonsum zu ihren persönlichen Höhen und Tiefen. Sind sie in mancher Hinsicht zu den Black Flag des Mittleren Westens geworden, die Tour-Netzwerke, den Klang der Platten und die Geschichte geprägt haben? Du hast zugegeben, „ ich denke, dass es ohne sie (ebenso wie Toxic Reasons und Dead Kennedys) keinen echten DIY Ethos gegeben hätte.“
Ich weiß nicht, ob sie nur die Black Flag des Mittleren Westens waren. Wie bei Flag, war ihr ständiges Touren und ihre Unterstützung von anderen Bands von landesweiter Reichweite. Obwohl sie sicherlich auch ausschlaggebend für die Szene im Mittleren Westen waren. Sie waren einfach eine großartige Band.
Warst du dir damals eigentlich der ambivalenten Sexualität von Bob Mould und Grant Hart (Hüsker Dü) bewusst? Während meiner Arbeit mit Gary Floyd (the Dicks) und Randy Biscuit Turner (Big Boys), ist mir die Homophobie im Hardcore immer mehr aufgefallen, was laut Dave Dictor (MDC) wohl daran gelegen haben könnte, dass die „Crews“ der jüngeren Kids nicht wirklich Verbindungen zum Punk der 1970er Jahre hatten.

Keine Ahnung, wie das heute aussieht. Mich würde es nicht wundern, wenn viele Hardcore Kids heute homophob sind. Ich war als Teenager ziemlich homophob. In mancher Hinsicht ist das ein normaler (wenn auch abscheulicher) Effekt der komplexen Sexualität und der überwältigenden Rolle, die sie im Leben von jungen Leuten spielt. Sex wird wohl beängstigend, wenn sich jeder zweite Gedanke darum dreht. So war es für mich. Du versuchst es einzuordnen und es an gewöhnlichen Dingen festzumachen.
Homosexuelles Verlangen ist umso schwieriger, weil die Gesellschaft so viel Wert auf heterosexuelle Konvention legt.

Also versuchen besonders Jungs dies unter den Teppich zu kehren, oder es mit einem Lachen abzutun – ich bin mir sicher „Das ist so schwul,“ ist immer noch ein gängiger Spruch unter Jungs. Da Hardcore eine sehr männerbündlerische Subkultur war (und es wahrscheinlich immer noch ist), kann diese Verweigerung und Panik sehr akut werden. Wir kennen alle jemanden, der extrem homophob ist, gerade weil er sich zum selben Geschlecht hingezogen fühlt. In einer offeneren Gesellschaft wäre das weniger ein Problem, weswegen wir an einer offeneren Gesellschaft arbeiten müssen.

Ich weiß nicht mehr, wann mir Bob gesagt hat, dass er schwul ist. Aber es war sehr wichtig für mich, weil es mir geholfen hat meine eigenen Ängste bezüglich meiner Sexualität zu überwinden. Bob hat viele Stereotypen, die ich mit mir herumtrug, aus dem Weg geräumt. Ich hoffe, heutzutage löst das eine oder andere öffentliche Coming-out etwas häufiger den Druck auf der Brust so mancher jungen Leute…

Als Teenager habe ich verleugnet, wie sehr Drogen und Alkohol in die Hardcore Bewegung integriert waren. Ich habe den Preis nicht begriffen, bis ich Geschichten über Hüsker Dü, MDC und viele andere gehört habe. Leute wie Sid Vicious und Johnny Thunders haben das ohne Zweifel symbolisiert, aber denkst du, dass der Verlust gegenüber Hardcore-Punks viel größer ist als wir annehmen? Zum Beispiel auch Peter Hines von Alloy…
Nun ja, Pete war ein Alkoholiker, und wenn du weiter zählst, hat der Alk Musiker bedeutend mehr ruiniert als die Drogen. Ich weiß nicht, ob Hardcore in der Hinsicht anders ist als Jazz oder Rock. Es gibt viele Theorien darüber, wie Künstler sich selbst behandeln, oder sich aufgrund ihrer Gehirnchemie zu Drogen hingezogen fühlen – ich habe gerade ein Buch, Pandora’s Seed, gelesen, in dem der Autor argumentiert, dass kreative Menschen den Schizophrenen ähnlich sind, und deshalb eher zu Drogen greifen. Ich habe definitiv Leute erlebt, deren physische Tendenzen sie zu Süchtigen gemacht haben.

Pete war ein körperlicher Alkoholiker – du konntest sehen, wie der Alk ihn veränderte. Ich kenne auch Depressive, die ohne ihre Medikamente körperlich nicht funktionieren können. Dennoch weiß ich nicht, ob ich die Verbindung zwischen Drogen und Kreativität als so gegeben hinnehmen will. Es wird ja immer gesagt, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander liegen, und dass Kreativität und Halluzination daher verbunden sind.

Aber ich habe einfach zu viele Leute gesehen, die einem gewissen Lifestyle-Image mit der Einnahme von möglichst vielen Drogen nachzueifern suchten, und das hatte nun nicht wirklich etwas mit Kreativität zu tun. Bei vielen Leuten, die ich kannte, wie Grant Hart, hat es alles zerstört. Bob wurde ein besserer Musiker als er die Drogen aufgab. Ian MacKaye von Minor Threat und Fugazi und Dead Kennedys-Mastermind Jello Biafra haben das Zeug nie angefasst. Somit weiß ich nicht, wie ausschlaggebend das für echte Kreativität ist.

In Texas waren drei der größten Clubs in drei Städten, Raul’s, das Tacoland und das Island in lateinamerikanischer Hand. Ihr konntet einen Veranstaltungsort nutzen, der Guatemalteken gehörte (der Centro-America Social Club). In LA gab es das Vex. Es scheint da Verbindungen zwischen Randgruppen zu geben – Lateinamerikaner und Punks – die zusammenarbeiten konnten. Wie wichtig war es für AoF außerhalb der Bar-/Clubszene, des Tuts, COD und Metro (wo ihr auch aufgetreten seid) zu spielen?
Für AoF war das sehr wichtig. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es das auch für die Szene war. Die Chicagoer Bar-Szene war Punk gegenüber offen: OZ, O’Banion’s, Exit, Club COD, Lucky Number, Tuts, Metro – es gab viele Orte zum spielen, und AoF sind in all diesen Bars aufgetreten. Aber viele dieser Clubs waren nicht für Minderjährige offen, und wenn du mit und für die Kids spielen wolltest, musstest du eben deine eigene All Ages Show veranstalten. Also haben wir das gemacht. Aber die Szene brauchte das nicht. Als sich AoF auflösten, fanden die All Ages Shows auch nicht mehr statt.

Demzufolge war die DIY Szene für andere Bands, die weiterhin in den Bars spielten, nicht so wichtig. Mir scheint, du romantisierst die Inklusivität der Szene. Heutzutage gibt es in Chicago eine sehr lebendige lateinamerikanische Hardcore Szene, aber die gab es 1984 nicht. Die Guatemalteken blieben nicht zu den Shows, was nicht heißt, dass sie nicht konnten – sie taten es einfach nicht. Wir haben sie bezahlt und das war auch schon die Grenze ihres Interesses an dem was wir taten.

Deine Kritik an Sänger John Kezdy (The Effigies) ist detailliert und direkt (er ist „vom Temperament her und in ästhetischer Hinsicht ein Konservativer…der den Status Quo verteidigt“), und in den letzten Jahren haben die politischen Ansichten von Leonard (the Dickies), Dave Smalley (Dag Nasty/Down by Law) und John Paul (Really Red) einige Wut im linken Flügel des Punk verursacht. Wie sollen wir mit solchen Differenzen umgehen, die schon frühzeitig zutage gekommen sind, wie z.B. in deinem Maximum R’n’R Interview mit Ian Mackaye und Dave Dictor. Gibt es einen gemeinsamen Nenner zwischen den Mentors, Meatmen, Crucifix und den False Prophets?
Nein, den gibt es nicht. Außer der musikalischen Konvention, gab es damals kaum einen gemeinsamen Nenner. Konservative wie Tesco Vee hassten AoF. Er tut das wahrscheinlich immer noch. Da gibt es sicher noch mehr als nur’n paar von diesen Typen, die mich immer noch hassen. Es ist eher ungewöhnlich, dass du mit jemanden von dem Ende des Spektrums klarkommst – Dave Smalley, zum Beispiel.

Im Punk gab es immer eine starke rechte Bewegung. Die Sex Pistols waren in ihren Ansichten doppeldeutig genug, dass ihre Fans in beide Richtungen gingen. Selbst heutzutage bin ich erstaunt, wie sehr mich die Leute missverstehen. Als AoF in Deutschland spielten, gab es eine Show, bei der ein Typ ständig Sieg Heil brüllte während wir „Remain in Memory“ spielten. Somit hatte er die Zeile „Remember me!“ in einer Art interpretiert, wie ich es nun echt nicht vorhatte.

Punk und Hardcore sind kein wesentlicher Ausdruck von politischem Widerstand. Es ist also ein Fehler, die ganzen Bands in eine Kategorie zu werfen. Oftmals ist es so, dass sich solche Positionen über die Zeit entwickeln, weswegen ich Fugazi mehr als Minor Threat mag. Es gibt Leute wie mich, z.B. auch Biafra und Dictor, die über die Jahre in ihrer Perspektive sehr konsequent geblieben sind – aber keiner von uns ist so geboren worden, und wir sind keine Dogmatiker.

Eines der traurigsten Kapitel in diesem Zusammenhang war für mich mit Born Against in Deutschland zu touren. Die waren sehr kompromisslos und ziemlich beurteilend, Teil dieser dogmatischen Punk Richtung, die Maximum R’n‘ R in den 80ern eingeschlagen hatte. Die konnten es einfach nicht akzeptieren, dass wir tranken und Fleisch aßen, und haben uns ständig alle möglichen „Ausverkauf“ Motive angedichtet nur weil wir uns nicht ihrer ideologischen Richtung unterworfen haben. Es ist schwer, dass irgendwohin mitzunehmen – man landet in einem puritanischen Kult und gibt sein Mitgefühl und seinen Verstand an der Tür ab.

Ich verstehe schon die Perspektive dieser Leute, die besagt, dass Kompromisse mit dem Status Quo ein Kompromittieren seiner Bekenntnisse bedeutet – derjenige, der Nonnen fickt, tritt der Kirche bei. Aber auf der anderen Seite kannst du so auch zu einem Monster werden: wenn deine Ansichten so dogmatisch werden, dass du intolerant der breiteren Menschheit gegenüber wirst – der sich entwickelnden Menschlichkeit von Leuten – dann hast du den kompletten Grund für Widerstand verloren, weil das genau das ist, was der Status Quo macht.

Auf AoF Complete diskutierst du das Thema Widerstand – den elektrisierend romantischen Trotz der G7 Randalierer, der Attica Gefangenen und sogar Singer-Songwriter Woodie Guthrie. Viele Leute haben Punk als Folk Musik beschrieben: Musik von und für die Leute, über aktuelle Themen des Tages. Für dich scheinen AoF auch Teil dieses Kontinuums zu sein. Haben das die anderen Bandmitglieder ähnlich gesehen oder waren sie eher an ästhetischen Dingen interessiert? Ich weiß, dass Dave ein Heavy Metal Fan war, aber Virus und Bill waren ideologischer ausgerichtet.
Wie die Jungs selber den Platz der Band im Kontinuum des Widerstands sehen, kann ich dir nicht sagen. Als wir jedoch für das neue Album zusammengekommen sind und für das Riot Fest geprobt haben, hat es sofort für uns gepasst. Auf der musikalischen und politischen Ebene ticken wir unbewusst sehr nah beieinander. Wir haben sofort dort weitergemacht, wo wir aufgehört hatten. Das fühlt sich verdammt gut an. Wir werden sehen wie die Reunion funktioniert, aber ich hätte momentan kein Problem damit, wenn wir die Band als Aufnahmeprojekt über die nächsten Jahre fortführen. Es ist großartig wieder mit ihnen zusammen zuspielen.

Ist deine Arbeit mit Rage Against the Machine-GitarreroTom Morello und dein eigenes Cover von „Fortunate Son“ mehr eine Art Hommage an dieses Ideal, als z.B. das letzte AoF Album, welches von Abstrakter Poesie durchdrungen schien?
Ich will das nicht totdenken. Ich mache seit 30 Jahren in 4 verschiedenen Bands und solo Musik. Die Sachen mit Tom passen da hinein. Trotz der ganzen Unterschiede in dem was ich gemacht habe, fühlt sich das immer noch ziemlich schlüssig an.

Zwei deiner unerbittlicheren Aussagen möchte ich gern näher betrachten – “Die Plattenindustrie verdient es zu sterben.” Aber hat denn die Plattenindustrie nicht Bands wie Elvis Costello, die Ramones und die Clash in dein Leben gebracht? Gibt es denn keinen Weg, die Industrie für eine neue Ära umzugestalten?
Was mich betrifft, ich bleibe dabei, dass die abgrundtief kapitalistische Plattenindustrie es verdient zu sterben. Für jeden Elvis Costello, Ramones und Clash gibt es einen Nightranger, Britney Spears oder Lady Gaga. Die Dimensionen und Ziele dieser Industrie sind unmenschlich und so gestaltet, dass sie Talent und die Arbeit von Leuten zum allumfassenden Vorteil anderer ausbeuten, die meiner Erfahrung nach weder Fantasie noch eine Spur von Leidenschaft in sich haben.

Das Spannendste an digitaler Technologie ist, dass sie das Monopol der Plattenindustrie auf die Verbreitung und die Produktion von Musik zerstört hat. Das eröffnet einen völlig neuen Raum für Folk Musik: Leute können in ihrem Keller Musik machen und es anderen im Netz zugänglich machen. Das passiert gerade. Leute finden sich und die Klänge die ihnen gefallen, ohne dass Mittelsmänner im Spiel sind.

Das ist sehr aufregend und bringt viel spannendere Musik zutage, als die alte Plattenindustrie, welche immer noch an den letzten Überresten der Starmaschinerie hängt (á la American Idol). Bei LastFM gibt es viel interessantere Musik als im Radio. Und die meisten Bands dort haben keinen Plattenvertrag.

Falls die Plattenindustrie stirbt, wird damit auch Alternative Tentacles untergehen? Ich weiß, du hast mal behauptet: „Indie Labels können genauso habgierig wie Major Labels sein. Jade Tree hat das bei mir nie wieder gutgemacht.“
Nun ja, wie viele Indies beißen sich AT durch. Sie mussten sich einschränken, als die Rezession eintrat. Aber ich finde es interessant, dass viele Leute eher für die Musik bezahlen wollen, die sie auf Indie Labels hören. Denen bedeutet es etwas, dass diese Labels im direkten Kontakt zu den Bands stehen, und dass das Geld, das sie für Downloads bezahlen auf direkterem Wege an die Bands geht.

Ehrlich gesagt, braucht heute niemand mehr ein Label. Man kann es selbst in die Hand nehmen. AoF und RSA haben mit AT mehr aus Solidarität für deren breitere Ziele als aus Notwendigkeit gearbeitet – deswegen, und leider auch weil ich in manchen Dingen einfach faul bin. Ich habe seit knapp 4 Jahren nicht mehr meine eigene Webseite auf den neuesten Stand gebracht…

“Man braucht nur an christliche Radiosender denken, um den ganzen Bankrott des Hardcores ohne das Hardcore-Ethos zu begreifen.“ Kann denn das Ethos im Internetzeitalter und der unkomplizierten Downloads dasselbe wie in den (frühen) Hardcore Jahren bleiben? Wie können wir das beibehalten, wenn, wie Devo kürzlich behaupten haben, Musik kulturell entwertet worden ist und niemand mehr wirklich dafür bezahlen will?
Jeglicher Inhalt ist kulturell entwertet worden – aber das liegt daran, dass er überbewertet war. Das Schreiben, Musik machen und Geschichtenerzählen steigt manchmal sicherlich auf die Ebene der Kunst und hat das Vermögen Einstellungen und Leben zu entwickeln und zu verändern, aber ich glaube nicht, dass das mit Wissenschaft und Technologie mithalten kann. Ohne Elektrizität gibt es keinen Rock n‘ Roll. Und Strom kann viel mehr bewirken als Verstärker. Man muss das in der Perspektive behalten. Digitale Technologie demokratisiert gerade die Produktion und Verbreitung von Kunst und Unterhaltung, und das ist gut so. Wir haben das in der Vergangenheit überbezahlt und überbewertet – zum Teil, weil es so direkt an einen industriellen Prozess gekoppelt war, der Mangel erzwungen und Preise in die Höhe getrieben hat.

Talent und Kreativität sind nahezu universell. Jeder hat etwas zu erzählen. Je mehr Leute diese Geschichte gestalten und strukturieren können, desto mehr verstehen sie sich und ihren Platz in der Welt. Die Tatsache, dass gewisse unbekümmerte Individuen nun keine obszönen Summen an Geld mehr mit ihren Geschichten verdienen, stört mich nicht im Geringsten. Deren Lebensgeschichten waren niemals erstrebenswerter oder wichtiger als die vom ganzen namenlosen Rest.

Ich kenne viele Leute, wie z.B. Bob Mould oder Kristin Hersh (Throwing Muses), die durch die bescheidenen Einnahmen ihrer Musik ein ziemlich gutes Leben führen können. Aber selbst wenn sie geringer bezahlt würden, sie würden weiter Musik machen. Ich konnte noch nie von der Musik leben und ziehe es trotzdem durch. Mir war und ist es das immer wert gewesen, unabhängig von der breiteren Kultur und dem Drum herum.

Selbst wenn die Plattenindustrie morgen verschwinden würde, wäre das kein Grund zur Sorge. Die Leute würden trotzdem weiter Geschichten erzählen. Man wird sie digital und persönlich teilen – verdammt, das Live-Konzertbusiness war noch nie profitabler als heute. Die Menschen wollen sich treffen und sich über ihr Leben und die Leidenschaften, für was auch immer sie brennen, austauschen.

Die digitale Technologie hat das Potenzial Hardcore zu tragen, gerade weil es beim Hardcore nie wirklich um ein musikalisches Genre ging. Es ging um eine ganze Reihe an Ideen, die in der Musik ausgedrückt wurden: Dynamik, Leidenschaft, Wut, Intelligenz und Hoffnung. Einiges davon ist ein besonderes Merkmal der Jugend, bei anderem wächst man mit. Aber alles ist generell übertragbar auf andere musikalische Genre und Ausdrucksformen. Auf Tour haben wir mehr Johnny Cash im Van gehört, als all die anderen. Er war Hardcore, bevor es Hardcore überhaupt gab. Und diese Einstellung wird das bestimmte Hardcore Genre, mit dem ich assoziiert wurde und werde überdauern und damit überleben.

Übersetzung: Franziska Pietschmann

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