August 16th, 2019

Ventil Verlag (#196, 2019)

Posted in interview by Jan

Der Ventil Verlag feiert seinen 20en Geburtstag und existiert jetzt fast so lange, wie ich mich für (ernsthafte) Literatur interessiere. So ein Jubiläum ist stets ein guter Grund zurückzublicken, allerdings soll es sich bei diesem Text nicht um einen Nachruf handeln, denn der Verlag steckt voller Tatendrang, vielleicht so viel wie nie zuvor in seiner Historie. Davon zeugt das bereits bekannte Frühjahrsprogramm. Erinnerungen müssen bei einem Jubiläum dennoch gestattet sein und werden an dieser Stelle wohldosiert von den Verlagsmitinhabern Ingo Rüdiger und Jonas Engelmann abgegeben.

 

Von Anfang an war der Ventil Verlag für mich ein Begleiter, selbst wenn ich die Veröffentlichungen manchmal etwas, aber eben nie ganz aus den Augen verloren habe. Immerhin veröffentlichte der Verlag das erste Kochbuch, welches ich mir gleich nach dem Einzug in meine erste Wohnung beschaffte. Es handelte sich dabei um das Ox-Kochbuch, „vegetarische und vegane Gerichte – nicht nur für Punx“. Mittlerweile erscheint die Rezeptsammlung bereits in der zehnten Auflage, wie ich von den Herausgebern kürzlich erfuhr. Noch immer ist der Tortellini Salat von Seite 140 ein absoluter Renner auf jeder Wohnzimmerparty.

Manchmal fühle ich mich als umjubelter Starkoch, nachdem jeder Gast einmal probierte und anschließend anerkennend nach dem Rezept fragte. Die empfohlene Band („Descendents“ „oder für die Jüngeren The Queers“) als musikalische Begleitung habe ich bei der Zubereitung allerdings nie gehört. Oft habe ich bloß die Gerichte gekocht, von denen ich passenden Platten besaß, was nicht so viele waren. Das Ox- Kochbuch fiel mir erst bei der Recherche für diesen Artikel wieder ein, hatte ich es zwischenzeitlich mehr mit den Fanzine-Kollegen vom Ox in Verbindung gebracht als mit dem Verlag. Vorher hätte ich folgendes behauptet:

Das erste Buch, welches ich von Ventil las, waren die Tocotronic Tourtagebücher „Wir könnten Freunde werden“ von Thees Uhlmann. (Durch die ich gleichzeitig die Band Tomte kennen und, ich gebe es an dieser Stelle zu, lieben lernte – ich bin eben der Indieboy unter den Hardcoreschreibern beim TRUST). Kürzlich nahm ich das Buch erneut zur Hand, um zu prüfen, ob es mir noch immer gefällt. Zu meinem Erstaunen funktionieren die Zeilen über die Tour einer Indierockband, auf dem Höhepunkt ihres Schaffens (meine Meinung), im Jahr 1999 auch Jahre später. Viel hat sich im Livebusiness nicht geändert, iPhones gab es zwar noch nicht, Handys sehr wohl, statt DVDs wurden Videos geschaut, Rausch und Zigaretten gehörten damals ebenso dazu. Einzig die Preise von Produkten und die dazugehörige Währung haben sich geändert.

22 DM kostete das Buch, was mir im Rückblick wahnsinnig teuer vorkommt, für knapp 130 Seiten, aber es wahrscheinlich gar nicht war. 22 Mark, das waren zu der Zeit immerhin vier Schachteln Zigaretten oder fünf Bier in der Kneipe. Heute kaum noch vorstellbar. So gesehen sind Bücher (verhältnismäßig) billiger geworden. Kann ein kleiner Verlag, wie Ventil einer ist, überhaupt mit den Verkaufspreisen wirtschaften? „Die Höhe des Preises kann ich nur aus Sicht von Ventil beantworten – die Preiskalkulation anderer Verlage kenne ich nicht: An einem Buch, das 12,- Euro kostet, und sich vielleicht 600, 700 Mal im Buchhandel oder bei Amazon verkauft, verdient der Verlag vielleicht 30 Cent pro Buch. Das ist völlige Kamikaze, beziehungsweise Liebhaberei. Gottseidank habe wir eine treue Webshop-Kundschaft, die uns hier den Schnitt etwas anhebt. Bücher über 20 Euro, die sich mehr als 2.000 Mal verkaufen, sind überlebensnotwendig. Wer seine Bücher möglichst billig haben will, soll sie sich klauen“, hat Ingo dazu eine starke Meinung.

Neben den Einnahmen aus dem Verkauf über den klassischen Buchhandel oder eben den verlagseigenen Webshop (der übrigens versandkostenfrei verschickt) bestand bisher ein Teil der Einkünfte des Verlages, aus der branchenüblichen Teilung, der Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft VG Wort, zwischen Autoren und dem Verlag. Ein neues Gesetz verpflichtete die Verlage, die vollen Beträge an die Autoren auszuzahlen. Soweit okay, wäre sicherlich darstellbar und für die Verlage in der Zukunft kalkulierbar. Allerdings griff das Gesetz rückwirkend für die letzten drei Jahre und stellte nicht nur den Ventil Verlag vor einer großen finanziellen Herausforderung. Die einzige sinnvolle und machtbare Lösung bestand in der Initiierung eines Crowdfunding, welches auf eine überragende Resonanz stieß, was noch mal die Bedeutung des Verlages für ihr Publikum unterstreicht.

„Die Gelder der Verwertunsgesellschaften haben wir stets als, sagen wir, staatlichen, systemischen Zuschuss fürs Verlegen begriffen. Es gibt Förderung de luxe für Theater, Film, Kunst etc., es gibt haufenweise Stipendien und Preise für Autor*innen, aber für Verlage, die einen Autor qua Drucklegung und Aufmerksamkeitsgewusel erst zu selbigem machen, gibt es nichts. In diesem Sinne haben wir die Gelder also begriffen; und dann waren sie nach einem Urteil am BGH nicht nur zukünftig weg, sondern wir mussten sie für drei Jahre auch noch zurückzahlen. Zumal: Um ein Buch zu einem solchen zu machen, bedarf es nicht selten einer langwierigen Lektorats- und Korrektoratsarbeit, seitens eines Verlages wird also auch zumindest Autoren-ähnliche Arbeit geleistet, selbiges gilt für die Grafik, also das Erlebnisfeld der VG Bild Kunst, die ja auch Kohle retour haben wollte. Die Crowdfunding-Kampagne haben wir gestartet, als die Rückforderungen der VG Wort und der VG Bild Kunst ins Haus flatterten.“

Auch der hier Schreibende beteiligte sich an der Aktion und trägt sein erstandenes T-Shirt mit einem Druck des Verlagslogos (eine Schreibmaschine) bei jeder sich bietenden Gelegenheit, Konzerte, Lesung, Kneipenabend – you name it.

Im Nachhinein stelle ich fest, dass mich Uhlmanns Buch nachhaltig geprägt hat. Ganze 18 Jahre später traute ich mich, genau in dem Moment, in dem die finanzielle Lage des Verlages am Engsten war, die übersetzten Tourtagebücher „The Road Beneath My Feet“ von Frank Turner dem Verlag anzubieten und tatsächlich auf Interesse zu stoßen. Ein Anfrage, eine Mail und ein Telefonat, schon waren wir uns einig und der Plan stand. Für mich war das natürlich eine große Sache. Es verwundert mich allerdings, dass Ingo nicht viel mit Turners Musik anfangen kann (verstehe ich nicht, aber wie bereits geschrieben, ich bin ja der Indieboy).

„Frank Turner war mir natürlich ein Begriff, allerdings werde ich nach wie vor mit seiner Musik nicht warm. Das ist guter Gitarren-Pop, keine Frage, aber eben nicht meine Tasse Tee, ich mag es gebrochener, weirder meinetwegen. Aber „The Road beneath my Feet“ fand ich auch ganz unabhängig von Turners Musik und Person interessant, vielleicht unfreiwillig (im Sinne von nicht vom Autor intendiert) interessant. Turners Erzählung von seiner Karriere ist auch die sehr private Sicht auf die Pop- und Kulturindustrie, dieser lange Weg vom Pub um die Ecke nach Wembley von Turner – Respekt, dass er ihn durchgehalten hat, aber der Popbiz, so wie er ihn schildert – Stichwort Dauertouren, Festivalmania –, zeigt nach meiner Meinung auch auf, warum und wie Pop seinen (vielleicht nie vorhandenen?) Anspruch als künstlerisches und politisches Korrektiv in einer durchweg beschissenen Gesellschaft verloren hat und vielleicht noch fürs Event samt Bierdusche gut ist.“

Musikthemen oder besser formuliert Popkultur im Allgemeinen sind fest im Ventil Verlag verankert. Unzählige Werke aus dem Verlagsprogramm beschäftigen sich mit Undergroundmusik und Subkultur. Maßgeblich zu dieser Linie beigetragen hat Verlagsmitgründer und viel zu früh verstorbener Journalist und Autor Martin Büsser. Sein Buch „Music Is My Boyfriend“, versammelte vor einigen Jahren einige sehr gute Texte in einem Sammelband. Dieser wurde allerdings im letzten Frühling mit „Für immer in Pop“ übertroffen. Die Sammlung verbindet Texte aus Büssers gesamter Schaffensphase, von dem Anfängen beim Fanzine Zap, über Auszüge aus Magazinen und Zeitungen bis hin zu Texten aus den Testcard Bänden, die ebenfalls von Martin Büsser mitgegründet wurde.

In der TRUST Ausgabe #190 berichtete ich bereits ausführlich über das Buch und seitdem lässt es mich nicht wirklich los. Es ist nicht so, dass ich es regelmäßig in die Hand nehme, sehr wohl aber, denke ich an einzelne Texte, beispielsweise an einen Text, der sich nicht mit Pop beschäftigt, sondern die Vorzüge mittelgroßer Städte beschreibt und hervorhebt. Das kann ich gut nachvollziehen. Zwar gilt Bremen mit seinen halben Millionen Einwohner als Großstadt, aber dafür fehlt der Stadt schlichtweg das großstädtische Flair. Büsser‘s Hingabe zu Themen, die ihm wichtig waren, begeistern und überzeugen noch immer, selbst wenn er manchmal mit dem Kopf durch die Wand wollte.

Für mich stellt „Für immer in Pop“ eins der wichtigsten Bücher aus dem Bereich Popjournalismus dar, weil Büsser stets eine Meinung in seine Texte einfließen ließ und auf diese Weise streitbar blieb, aber stets eine Reaktion beim Leser auslöste, was viel Wert ist, mehr jedenfalls als bloßer Konsum oder zur Kenntnisnahme. Im Übrigen schrieb Büsser Ende der 90er Jahre auch einige Texte fürs TRUST, sowie Werke zu den Themen „Emo“ oder auch „Anti-Folk“, bevor dieser in der musikalischen Heimat USA überhaupt Aufmerksamkeit erfuhr. An dieser Stelle möchte Ingo weder etwas zu dem Buch, noch zu Martin Büsser selbst sagen, was selbstverständlich respektiert wird. Wer mehr erfahren möchte, greife entweder zu der Backissues der erwähnten TRUST Ausgabe oder besucht eine der vielen Lesungen von Jonas Engelmann zu dem Buch, in dem der Besucher, neben ausgewählten Texten, private Anekdoten erfährt und im Anschluss dem Herausgeber Fragen stellen kann.

Die wohl wichtigste Institution des Verlages bleibt die, ebenfalls von Martin Büsser mitgegründete, ungefähr jährlich erscheinende Reihe „testcard“ – Beiträge zur Popgeschichte – mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunktthemen mit, im weitesten Sinne, popkulturellen, Schwerpunkten. Es kann um Feminismus, Pop, Kritik oder Subkultur gehen. Nachdem verschwinden der Magazine Spex und Intro wird die Reihe sicherlich an Bedeutung zunehmen, weil eben kaum noch eine theoretische Auseinandersetzung mit Pop existiert.

Mehrere Autoren setzten sich mit einem Thema auseinander, bilden Theorien und verbinden diese mit dem aktuellen gesellschaftlichen Umfeld. In der im Frühjahr 2019 erscheinenden nächsten Ausgabe wird es um Utopien gehen. Die einzelnen Beiträge dazu lieferten Mitherausgeber Jonas Engelmann, Diedrich Diederichsen, Jan-Niklas Jäger und viele andere. „testcard stellt die Frage, wann und wo die Utopie aus der Popkultur verschwunden ist. Denn Pop war ja mal Soundtrack einer besseren Welt, die Utopie des befreiten Daseins. Zumindest war das der Mythos von Pop, der über Jahrzehnte Generation für Generation angezogen hat. Gleichzeitig war Pop natürlich auch eine Lüge von der Freiheit, die Lüge, dass Utopien leicht zu haben sind, wenn man den richtigen Soundtrack hat. Um diese historische Dimension von Utopie wird es einerseits gehen, und um die Frage, was es heißt, wenn in der Gegenwart die Utopien auf der einen Seite scheinbar verschwunden sind, aber die Popmusik zaghaft versucht, sich das utopische Potential zurückzuerobern, wenn man die Utopie-Platten von David Byrne, Björk und anderen aus den letzten Jahren mal so deuten will“, führt Mitherausgeber Jonas Engelmann aus.

Ich persönlich beschäftige mich seltener mit theoretischer Literatur, bevorzuge Romane oder noch lieber Kurzgeschichten. Eines der ersten Bücher, neben dem erwähnten Tocotronic Tagebuch, welches ich unbedingt aus dem Ventilumfeld lesen wollte, war „Zuckerbabys“ von Kerstin Grether, deren Reportagen und Berichte im Intro ich, neben denen von Büsser (immer wieder dieser Name), am liebsten mochte. Ich kam allerdings erst Jahre später dazu dieses Buch zu lesen. Erst kürzlich freute ich mich bei der Lektüre von Wolfgang Herrendorfs Sammlung „Stimmen“, über eine Erwähnung von „Zuckerbabys“ in einer Geschichte. Ich mag diese Form von popkulturellen Querverweisen sehr gerne und es erfüllte mich für einen Augenblick mit einem guten Gefühl, den Zusammenhang zu erkennen.

Trotz meines generellen Interesses für den Verlag ging der Griff in der Vergangenheit (leider) allzu oft, zu den bekannten Autoren der großen Publikumsverlage. Natürlich besitze ich die beiden im Ventil erschienen Bücher von Nagel und auch an Jan Off kam ich, als Punkrock interessierter Mensch, Indieboy hin oder her, nicht vorbei. Dennoch habe ich längst nicht alle Bücher aus dem Prosa Bereich des Verlags gelesen. Vieles ist leider auch nicht mehr lieferbar.

Hier bewahrheitet es sich wieder, man muss die Chance beim Schopfe packen und darf Dinge nicht hinauszögern, denn dann kann es schlichtweg zu spät sein. Ein Konkurrenzdenken mit anderen Verlagen kommt bei Ingo allerdings selten auf. „Ja, es gibt Titel, die andere Verlage anbieten, die wir auch gerne gemacht hätten … aber auch umgekehrt. Es wäre völlig vergeblich, sich mit großen Verlagen in Konkurrenz zu setzen, die haben eben die Mittel, sich teure Buchprojekte zu leisten, die wir nicht haben. Ventil hat, wie sagt man, treue Fans, und die erreichen wir über unsere Kanäle eigentlich recht gut.“

Die Beziehung mit dem Intro war von Anfang an freundschaftlich geprägt, neben Kerstin Grether veröffentlichten schließlich auch die ehemaligen Chefredakteure Thomas Venker Sammlungen und vor allem Linus Volkmann Romane und Kurzgeschichten, die sich humorvoll mit dem Musikgeschäft auseinandersetzten und stets unterhaltsam blieben. „Der Kontakt zur Intro entstand vor meiner Zeit bei Ventil, also etwa so ums Jahr 2000. Im Wesentlichen kam dieser Kontakt durch den Umstand zustande, dass Martin Büsser für die Intro regelmäßig Kritiken etc. geschrieben hat, und wir die Bücher von Linus Volkmann herausgeben. Um es mal als Scherz zu formulieren: Redaktionellen Einfluss hatten wir leider nicht aufs Intro, und die gottseidank keinen auf uns.“

Im April feiert der Verlag nun seinen zwanzigsten Geburtstag, was der Anlass für diesen Text ist. Zwanzig Jahre – es klingt wahrscheinlich abgedroschen, aber so dürfte es sein, Herzblut, Fleiß, Enthusiasmus, Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Alleine davon leben können die Inhaber trotzdem nicht. Umso höher sind ihre Anstrengungen anzurechnen.

Zwanzig Jahre, da darf auch einmal zurückgeblickt werden, obwohl der Blick sicherlich fest nach vorne gerichtet ist. Das ist auch so eine Sache, die ich bewundere, trotz finanzieller Engpässe, kämpfen ums, private und geschäftliche, Überleben, immer weiter machen, mehr Bücher, mehr Themen, die den Menschen rund um den Verlag wichtig sind und vor allem ein nicht aufhörende Mut, sein Ding durchzuziehen.

Ursprünglich wollte ich von Ingo und Jonas zum Abschluss für diesen Text etwas über die Höhe- und Tiefpunkte aus 20 Jahren des Verlages erfahren, habe mich schlussendlich aber gegen die Aufnahme dieses Abschnittes entschieden, weil der persönliche Verlust offensichtlich ist und hinreichend (auch von mir) erwähnt wurde und die Höhepunkte schwer zu benennen sind, wenn sich die Menschen im Verlag in einem dauerhaften Schaffensprozess befinden, der scheinbar niemals aufhört. Jonas findet dann aber doch noch passende Worte: „Vielleicht noch spontan ein Schlusswort von mir: 50 Jahre Punk nehmen wir auf jeden Fall noch mit, dann schauen wir mal weiter.“

Ich nehme ihm beim Wort. Auf die nächsten zehn (oder zwanzig) Jahre. Herzlichen Glückwunsch Ventil!

Text und Fragen: Claas Reiners

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