August 25th, 2018

UNTERGRUND NAVIGATOR RHEIN-MAIN (#174, 2015)

Posted in interview by Jan

Ich fühle mich der linken bzw. HC-DIY-Szene noch immer verbunden und möchte durch meine Arbeit einfach einen kleinen Teil dazu beitragen, dass unabhängige Konzerte, Läden und linke Bewegungen weiter möglich bleiben.“

Interview mit dem untergrund Monatsprogramm Rhein-Main

Der „untergrund“ ist das sau coole online- und print- Monatsprogramm für HC-Punk-Unterground-Konzerte und politische Veranstaltungen im Rhein-Main-Gebiet. Klar, würde ich in Köln wohnen, wäre das Interview mit der „Punkstelle“, in Berlin mit dem „Stressfaktor“ oder in Berkeley mit „The List“, aber da ich in Frankfurt am Main residiere, spreche ich doch einfach mal mit Hotte. Er ist der Macher des Terminkalenders. Ihn hatte ich schon länger als Interview-Partner auf dem Schirm.

Denn es ist sehr beeindruckend, was er da seit vielen Jahren abzieht: monatlich aktuell kommt die Homepage daher bezüglich politischer Veranstaltungshinweise, Konzerttermine und Kneipen-Auflegerei und ebenso pünktlich liegt die Print-Version am Monatsanfang in allen wichtigen Kneipen, DIY-Konzertorten, Plattenläden, Kinos etc. aus. Umsonst natürlich. Fürs gesamte Rhein-Main-Gebiet. Es gibt also Underground-Termin-Hinweise für Punk/HC, aber auch drüber hinaus; wenn es in den „richtigen“ Läden stattfindet, dann ist auch Metal, HipHop, Techno etc. mit am Start. Gleiches gilt auch für die Termin-Hinweise zu politischen Veranstaltungen.

Hotte deckt also so ziemlich das ganze Spektrum von verschiedenen Subkulturen schön gebündelt ab. Ich mag so etwas, es ist belebend, wenn in der gleichen Terminvorschau ein Steve-Ignorant-Konzert und ein Oi-Gig angekündigt werden. Die Abgrenzung, was nun genau (nicht) Underground ist, das ist erfahrungsgemäß nicht immer einfach und soll auch in unserem Gespräch eine Rolle spielen. Denn die Underground-Bands werden ja nun manchmal zum Mainstream, und in diesem Prozess veranstalten Mainstream-Läden die Underground-Bands, die gerade dabei sind, die AJZ-Ebene zu verlassen, aber noch nicht ganz weg sind und man die Bandmitglieder noch bei einem Bier in den gewohnten Kneipen kritisieren kann… Apropos, falls sich jemand mehr für die regionale Szene im Rhein-Main-Gebiet interessiert: es gibt seit einiger Zeit einen sehr schönen online-Blog namens Rockstage Riot. Die besuchten Konzerte (Metal, Punk, HC, Psychobilly) werden ausführlich besprochen und die Macher können das gut. Noch dabei sind schicke Fotos.

Auf jeden Fall ist es immer klasse, dass in vielen Regionen verlässliche Leute sich konstant den Arsch aufreißen, und Termine zu Punk-Konzerten und Polit-Veranstaltungen aufbereiten, so dass andere umsonst immer up to date bleiben können. Diese Arbeit ist doch so unglaublich wichtig und wertvoll. So zeitsparend! Ich bin den Terminseiten-Macherinnen und Macherin immer so dankbar, dass ich da nicht jeden Monat selber die Webseiten der einzelnen Läden durchgehen oder mir blöde auf „alternativ“ gemachte Stadtzeitungen abonnieren muss, in denen ich erst 90 Prozent Schrott aussortieren muss, bis ich die Punk-Konzerte finde…

Um das Ganze etwas breiter zu formulieren: es ist einfach nicht fair, dass von Szene-Aktivisten, die geile Sachen machen und nicht in einer (bekannten) Band spielen oder kein (angesagtes) Label machen, so selten Interviews zu lesen sind. Ich nehme mich da nicht raus, irgendwie „vergisst“ man die Aktivisten hinter den Kulissen leicht, weil man ihre Arbeit als völlig selbstverständlich ansieht. Ihr kennt doch sicher auch in eurer Stadt die entsprechenden Leute, die sich seit Jahren den Arsch aufreißen für eine lebendige Gegenkultur, ohne die eure Wochenenden langweilig wären, aber die nie den „Respekt“ bekommen, weil sie auf keiner Bühne oder ihre Namen nicht hinten auf Platten stehen. Ruhig mal die Leute im Hintergrund loben, ihr wisst schon, „Unity“ und so, nech. Natürlich ist es auch so, dass Bands und Labels aus verschiedenen Gründen im Vordergrund der Berichterstattung stehen. Und natürlich sind sie sehr wichtig, wer wäre ich, das bestreiten zu wollen, völlig klar.

Aber wenn man genauer hinschaut, sieht das Bild doch etwas differenzierter aus: was ist mit den Leuten, die Konzerte veranstalten, die die Läden am Laufen halten, die die Klos putzen? Die dafür sorgen, dass die Band den Auftritt bekommt? Die eine Netzwerk-Infrastruktur aufbauen und pflegen? Die Medien fabrizieren, durch die sich die Punkszene verlässlich informieren kann? Was ist mit all diesen Leuten, die gute Arbeit „im Hintergrund“ machen, ohne die die großartige Konzerte nicht klappen würde… Klar, am Ende macht die Band den Laden voll, somit könnte man sagen, dass ihnen deshalb zu Recht die allerhöchste Wichtigkeit zugesprochen wird.

Aber es ist nicht nur die Band. Oder das Label. Man kann schon mal sagen, dass für ein geiles Konzert nur die geile Band nicht reicht. Es braucht eben auch die Zeit und Energie, die andere investieren, damit ein gutes Konzert gut funktioniert. Das kann nun vieles bedeuten, ob es gute Booker (somit gut gebuchte Touren) oder gute Vertriebe sind (somit überall erhältliches Material) bedeutet. Immens wichtig natürlich auch die guten Kritiken in der Punk-Fanzine-Presse, ein gutes Review im Trust zieht natürlich ohne Ende… „Früher“ waren die Infos zu Konzertterminen ja ein wesentlicher Fanzine-Kaufgrund, das ist natürlich mit diesem Internet „etwas“ obsolet. Moment, sollten die ganzen Punk-Online-Terminkalender also etwa diejenigen sein, die „uns“ gekilled haben?

Yo Hotte, ich habe online gar kein Interview mit dir gefunden, dabei hängt doch dein Machwerk in so vielen Wohnungen an der Pinnwand. Fuckt das ab, keinen „Respekt“ zu bekommen?
Hi Jan, ich wurde in Tat schon mal interviewt. Vor ein paar Jahren hat mich mal die Frankfurter Rundschau angerufen und es wurde ein kleiner Artikel im Lokalteil veröffentlicht. Fand ich cool, ansonsten ist es oft so, wenn ich Leute kennenlerne und die dann erfahren, dass ich den untergrund mache, dann bedanken sie sich bei mir oder erzählen begeistert, dass das untergrund-Programm ihnen die Stadt und die Subkultur näher gebracht hat. Vor allem, wenn Leute neu in die Stadt ziehen, ist das untergrund die erste Adresse, um rauszufinden, wo die Leute hingehen. Auch die Veranstalter bedanken sich oft bei mir, ich kann mich nicht wirklich beklagen.

Are you a real Frankfurter oder ´nen „Eingeplackter“?
Bin ein echter Frankfurter Bub, auch wenn man das bei mir nicht hört; mein Vater kommt aus Norddeutschland, hab lange nicht in Frankfurt gelebt, jetzt aber seit guten 26 Jahren.

Vielleicht noch ein paar Takte zu deiner musikalischen Sozialisation. Woher kommst du musikalisch-subkulturell wech, HC-Punk, Metal…?
Oha, da muss ich bisschen ausholen. Sozialisiert wurde ich in den 80er, erst Hippie (klassisch mit langen Haaren und Indien-Beutel), dann Punk-, Indie- und Industrial-Hörer. Die 80er sind für mich sowieso das geilste Jahrzehnt gewesen, es gab aus heutiger Sicht eine unglaubliche Dynamik, nicht nur in der Musik, auch auf der Straße brannte sprichwörtlich der Asphalt. Slime haben mein Lebensgefühl noch am besten auf den Punkt gebracht. Später kamen dann noch Industrial-Bands dazu, alles mögliche. Beispielsweise hat Jello Biafra mit nem Kollegen eine Industrialplatte gemacht, die lief rauf und runter bei mir. Müsste ich jetzt googeln, Alter, das ist ewig her. (
lacht) [Anmerkung Jan: Lard!?]

Ich war aber immer auch offen für neues, so hat der frühe Techno bei mir ziemlich eingeschlagen und mich auf die 90er gut vorbereitet, da ging es ab 1992 bzw. 1993 richtig ab bei mir, Omen [Anmerkung Jan (aus Wiki): gilt als eine der wichtigsten Geburtsstätten des Techno in Deutschland] und diverse Techno-Parties in Fabrikhallen und sonstigen Off-Locations. Es gab damals ´ne Menge illegaler Parties in Frankfurt. Dann gab es ´ne längere Phase, wo ich die Wochenenden draußen in der Natur mit anderen Wahnsinnigen auf Goa-Parties unterwegs war. Yo, und um noch eins dranzuhängen, kam circa im Jahr 2000 die Leidenschaft für Balkan-Beats dazu. Das war für mich – nach der langen Phase elektronischer Musik – eine Erweckung. Die konnten auch feiern, das war Punkrock mit Blasinstrumenten und einem Haufen Wodka.

Deine Terminkalender-Seite heißt copyriot.com/untergrund. Dort hast du das Cover der Ausgabe 8/2002 online gestellt, war das die Start-Nummer?
Nee, die erste Ausgabe, die ich mit raus gebracht habe, war in den frühen 90er. Das war noch mit einer guten Freundin zusammen.

Wie kamst du eigentlich auf die Idee, selber im untergrund aktiv zu werden?
Ich hab das untergrund-Programm ja damals übernommen. Das war am Anfang ein Programm von Veranstaltern in Frankfurt, die das rotierend erstellt haben. Die Läden haben sich damit abgewechselt, das hat aber dann nicht so gut funktioniert. Es hat sich rausgestellt, dass es besser ist, wenn eine Person oder eine Gruppe das verantwortlich übernimmt. Am Ende ist es bei einer Freundin gelandet, die dann nach ´ner Weile auch keinen Bock mehr hatte und mich fragte, ob ich es mir nicht vorstellen könnte. So landete es bei mir und ich hatte Bock drauf!

Es gab doch in Amsterdam ein monatliche Terminliste, die wichtig für euch war?
Klar, das Shark-Programm in Amsterdam war eine Inspiration, damals waren wir eh ständig in Amsterdam, als Kraker- und Kiff-Hauptstadt war mehrmals Aufenthalt im Jahr Pflicht.

Hast du von Anfang an Online und Print gemacht? Warum hast du dich für den Webspace von copyriot.com entschieden? Der wird ja zum Beispiel auch von einer antideutschen Gruppe in Frankfurt genutzt…
Am Anfang gab es nur Print, das Internet war ja grade erst gestartet und die Masse von Leuten konnte froh sein, dass sie Zugang über die Uni hatten, mich eingeschlossen. Online kam aber relativ schnell dazu, die erste Seite hab ich mit Netscape erstellt, der Code war grauenhaft, hat aber funktioniert. Dann hat mich ein Bekannter angesprochen, der den Webspace auf Copyriot hostet, ob ich mit dem Programm nicht dort erscheinen möchte. Und das funktioniert seither sehr gut. Ehrlich gesagt, ich weiß derzeit nicht, wer dort alles publiziert, ich kenne den Betreiber und vertraue ihm weitgehend mit der Auswahl der Projekte dort.

Wie haben sich die Rubriken „Parties und Konzerte“, „Politics“ und „Daily Specials“ entwickelt?
Die Rubriken haben sich recht schnell etabliert, weil die Kategorien einfach am zugänglichsten sind. Obwohl „Daily Specials“ im Print räumlich langsam zum Problem werden, weil der Platz knapp wird.

Es gibt natürlich auch in anderen Städten Punk- bzw. Politik-Online-Terminkalender, dort sind aber oft „nur“ Online Termine für eine eng eingegrenzte Szene in ganz bestimmten Läden (nur DIY-Crust-Punk oder nur linksradikale Politik). Ich stelle mir das ja so vor, dass all die Macher von den Punk-Szene-Terminkalendern sich kennen, stimmt das?
Ich muss leider gestehen, dass ich recht wenig Kontakt zu anderen Kalendern habe. Es gibt einen losen Austausch, aber darüber hinaus eher wenig praktische Berührungspunkte. Wie du schon richtig bemerkt hast, haben andere Kalender oft einen Schwerpunkt im HC-Bereich bzw. linksradikale Veranstaltungen. Und hier sehe ich den größten Unterschied beim untergrund-Programm, das untergrund war nie festgelegt auf eine bestimmte Szene mit nur einem Schwerpunkt. Das kommt auch von meiner persönlichen Einstellung und durch die diversen Szenen, in denen ich mich im Lauf der Zeit bewegt habe. Natürlich ist der untergrund links angesiedelt, aber eben nicht dogmatisch.

Du bist ja quasi der „Last man Standing“, schon mal ans Aufhören gedacht? Wie organisierst du dich mit den Deadlines?
Was viele nicht wissen: ja, der untergrund ist eine One-Man-Show. War nicht immer so, siehe oben. Es ist schon ein Haufen Arbeit und ich hatte schon mehr als einmal den Gedanken, den Krempel hinzuwerfen. Allerdings fühle ich mich der linken bzw. HC-DIY-Szene noch immer verbunden und möchte durch meine Arbeit einfach einen kleinen Teil dazu beitragen, dass unabhängige Konzerte, Läden und linke Bewegungen weiter möglich bleiben. Es gibt aber noch eine weitere wichtige Motivation für mich, das untergrund-Programm hat mir letztendlich meinen derzeitigen Job möglich gemacht! Ich bin mittlerweile in einem Medienunternehmen gelandet und das auch durch das untergrund-Programm, da es damals eine gute Referenz war.

Ist also auch ein guter Teil Nostalgie dabei. Die Arbeit am untergrund läuft bei mir immer so nebenbei mit, ich arbeite auch beruflich u.a. viel mit InDesign und kann daher vieles automatisieren bzw. die weitreichenden Programmmöglichkeiten prima nutzen. Viele Word-Dokumente, die ich von den Veranstaltern erhalte, sind ja voll von unnötigen Formatierungen und Zeugs, da ist die Hauptarbeit oft das löschen und umsortieren. Der Rest geht dann halbwegs flott, bisschen HTML und CSS drüber und fertig sind die Webseite bzw. die Druckdaten für das Printprogramm.

Wie kommen die Print-Programme zu den Läden?
Ich verschicke die meisten per Post, alles bündelweise eingetütet und zur Postfiliale gefahren. Die wenigsten Programme fahre ich selbst durch die Gegend. Die Deadline ist meistens so um den 25. des Vormonats gelegt, das kommt meiner Arbeitsweise (immer auf den letzten Drücker) und der Veranstalter sehr entgegen, so sind oft Last-Minute-Termine möglich. Da hab ich einen echten Vorteil gegenüber normalen Magazinen, die oft am 10. die Deadline haben.

Du hast ja mal erzählt, dass bei den politischen Hinweisen auch manchmal programmatisch entgegengesetzte Veranstaltungshinweise in der gleichen Monatsausgabe drin sind, sowohl porNo-Diskussionsabende als auch Underground-Porn-Filmvorführungen. Hattest du so schöne Gegensätze noch mal bei anderen Veranstaltungen?
Grundsätzlich sind im untergrund ja diverse Läden drin. Deren Konzerte etc. werden immer mit rein genommen, genau wie politische Veranstaltungen. Klar kann es da zu gegensätzlichen Veranstaltungen kommen, aber ich halte nichts davon, Zensur auszuüben. Debatten sollten innerhalb des linken Spektrums immer möglich sein. Das untergrund-Programm macht sich ja die Inhalte der Veranstaltungen nicht zu eigen, sondern teilt nur die Termine mit. Was die Leute draus machen, ist deren Problem. Ich glaube, da ist auch nochmal der Unterschied zu anderen Kalendern zu sehen.

Bekommst du Kritik an deiner Auswahl hinsichtlich Konzerten und Politik? Nichts sitzt ja in der linken Szene so locker wie die„Sellout- /Sexist- /Nazi-“ Vorwürfe, leider….
Kritik und Vorwürfe kommen sehr selten vor, zum Glück. Ich nehme ja nur die Termine von bekannten Läden rein, da funktioniert die Vorauswahl über die Veranstalter sehr gut. Also Fascho-Bands oder Bands, die sich in einem Dunstkreis befinden, der nicht mehr ok wäre, kommen so erst gar nicht rein. Allerdings hätte ich auch keine Zeit, alle Bands oder so abzuchecken, das sehe ich auch nicht als meine Aufgabe. Manchmal regt sich die eine oder andere Stimme, wenn es um bestimmte Läden mit einem eher breit angelegten Programm geht. Stichwort Kommerz.

Aber auch Läden und die Leute dahinter haben eine Entwicklung hinter sich, ein gutes Beispiel ist der Schlachthof in Wiesbaden. Mittlerweile laufen da Konzerte in einer Größenordnung, wo mensch schon diskutieren kann, ob das noch „Underground“ etc. ist. Ich bin da nicht zu 100 Prozent dogmatisch, es kommt auf den Kontext an und auch wie die Veranstalter sich selbst definieren. Beispielsweise sind die Leute bei der Batschkapp wesentlich kritischer eingestellt, da hatte ich auch schon einen kleinen Mini-Shitstorm, weil ich mal eine einzige Veranstaltung übernommen habe. Kann ich nachvollziehen. [(1) siehe Anmerkung Jan am Ende]

Erkläre uns doch mal die Finanzierung. Es ist ja bekannt, dass bei linken Projekten immer welche dabei sind, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Kommt das bei dir auch vor? Und zahlt das JUZ Mannheim einen anderen Preis für die Publikation der Termine als der eher für Spex-Leser geeignete Frankfurter Mousonturm?
Alle Läden, die im Programm fest mit drin sind, zahlen einen Monatsbeitrag. Die Höhe hängt von der Größe des Ladens, der Anzahl der Konzerte etc. ab. Also Infoläden zahlen einen viel niedrigeren Beitrag als größere Konzertläden, die einfach auch mehr Umsatz machen. Viele politische Veranstalter zahlen gar keinen Beitrag, die werden sozusagen quer-finanziert. Das funktioniert ganz gut so. Die Zahlungsmoral ist eigentlich im Großen und Ganzen gut. Ich stehe mir beim Thema Geld eher selbst im Weg, weil ich so unglaublich faul bin, wenn es um das Schreiben der Rechnungen geht.

Nach welchen Kriterien kürzt du?
Wenn ich kürzen muss, dann meist ziemlich radikal. Dann fliegt sämtlicher „überflüssiger“ Text raus, also zum Beispiel ausufernde Bandbeschreibungen. Kann mensch ja online nachlesen, falls Bedarf ist. Oder auch cool bei politischen Veranstaltungen, da kommt oft seitenlanger Text. Geht im Print aber leider nicht, kein Platz für die Darstellung des jeweiligen Problems in all seinen Facetten.

Wie du schon sagtest, man könnte es ja echt kritisch betrachten, warum der Elfer in Frankfurt oder der Schlachthof Wiesbaden drin sind, gerade auch in Bezug auf deine Aussage bezüglich der Aufnahme von Veranstaltungen, „die in den normalen Programmzeitschriften eher weniger vertreten sind“, was ja für die beiden Beispiele nicht zutrifft. Wie ist das mit der Aufnahme von Konzerten von Veranstaltungsläden im Bereich der alternativen kommerziellen Musikindustrie?
Es gibt zwei wichtige Kriterien für die Aufnahme in das untergrund-Programm. Ist es ein selbstverwalteter Laden und passt der Laden programmatisch rein? Im Idealfall passt beides zusammen. Wie schon oben erwähnt, bin ich da nicht 100 Prozent dogmatisch bzw. wähle im Zweifel auch mal nach dem Programm aus. Läden wie der Elfer oder der Schlachthof finanzieren eben auch Veranstalter quer mit, die sich den Beitrag gar nicht leisten können. Würde ich hier knallhart eine Linie ziehen, könnte ich das Programm schließen oder müsste den Beitrag entsprechend so erhöhen, dass ich in der Konsequenz wahrscheinlich das Programm auch kicken könnte. Mit dem Kompromiss fährt das untergrund-Programm aber nicht so schlecht, denke ich. Ich lehne übrigens auch viele Veranstalter ab, die auch gerne ins Programm rein möchten, weil sie einfach nicht passen. Eine Country-Party in Karben oder ein Mozart-Konzert in Bad Homburg… nun ja.

Was ist nach deinen langen Jahren aktiver Szene-Dokumentation dein Eindruck bezüglich der Männer-Dominanz?
Mein persönlicher Eindruck von den Läden und den Konzertgruppen ist da nicht so eindeutig, ich sehe hier enorm viele Frauen, die sich einbringen.

Kommt es vor, dass du mal vergisst, ein Konzert ins Programm aufzunehmen? Da gibt es bestimmt „nette Mails“ von den Konzertmachern.
Da ich ja oft auf den letzten Drücker arbeite, zumindest in den Tagen vor Druckabgabe, kommt es auch mal vor, dass ein Termin „verlorengeht“. Das ist unschön, aber nachts um zwei brennen die Augen vor dem Rechner und da kann das auch mal vorkommen. Cool ist immer, wenn last-Minute-Mails kommen und die Leute vergessen, das Datum mitzuschicken. Kommt öfter vor, als Mensch denkt. Online wird natürlich alles nachgetragen und aktualisiert.

Du hast sicher auch viele Läden kommen und gehen erlebt, was ist oder war deine Lieblings-Apfelwein-Trinkstätte in der City? Du bist doch gewiss so einer, der den ganzen Abend Vorträgen zu Feminismus lauscht, aber dann schön die „Ein Euro Weizen Party“ auf der Party-Bums-Meile zu Sachsenhausen aufsucht… kleiner Scherz.
Meine Lieblingskneipe ist die Volkswirtschaft in Bockenheim. Ich weine aber auch immer noch einigen Läden hinterher, in denen ich viele Stunden meines Lebens zugebracht habe. Die Tanke an der Isenburger Schneise zum Beispiel, falls die noch jemand kennt. Oder G7 im alten Güterbahnhof in Frankfurt. Beides verschwunden, G7 und Güterbahnhof.

Was hältst du von folgendem provokativ zugespitzten Gedankengang: es gibt zu viele DIY-Läden in Frankfurt, dem Angebot steht einfach keine adäquat gestiegene Nachfrage gegenüber, so differenziert sich alles aus und verläuft sich, manchmal sind es mehrere Konzerte an einem Abend…
Das ist aber ein grundsätzliches Problem in Frankfurt, das sich alles verläuft. Deiner zugespitzten These kann ich nicht wirklich zustimmen, es kann nicht genug DIY-Läden geben, finde ich. Das Publikum wächst auch am Angebot. Wenn ich jetzt ins Ex [
Anmerkung Jan: das Exzess, Konzert- und Politikladen seit 1986] gehe, kenn ich kaum noch jemanden, da sind neue Generationen nachgewachsen, der Bedarf ist doch eindeutig da! Klar ist es nervig, wenn es mehrere Konzerte am Abend gibt, aber möchte das irgendjemand einschränken? Glaube nicht. Dann wirf halt ´ne Münze. (lacht)

Wenn sich nun jemand inspiriert fühlt, auch einen Terminkalender aufzuziehen, was wären deine drei heißen Ratschläge?
Klar machen, dass es richtig Arbeit ist. Hab Ausdauer. Treibe immer rechtzeitig die Kohle ein. Du weißt nie, wie lange der Laden noch existiert.

Ich danke dir für das Interview.

Anmerkung Jan:
(1) Da die Batschkapp in Frankfurt der bekannteste kommerzielle Laden mit alternativem Anspruch ist oder war, hierzu noch folgende Bemerkung: Mir ist aufgefallen, dass in bestimmten Läden, die im Untergrund stehen, keine Werbung von der Batschkapp ausliegt. Ich unterhielt mich mal mit einem früheren Batschkapp-Booker und versuchte, dahingehend zu spekulieren, dass es vielleicht auch mit einer Frustration zusammenhängt, nach dem Motto, dass die Batschkapp die Bands aus der Underground-Szene klaut: da baut die Underground Punk-Szene erst Bands auf, und die gehen bei den ersten Anzeichen von Erfolg zu den fetten alternativen Läden. Der Booker meinte, dass das aber auch der Batschkapp genauso gehen würde, weil erfolgreiche Bands erst bei ihnen oft spielen und wenn sie dann noch erfolgreicher werden, spielen sie halt auch nicht mehr in der Batschkapp, sondern in der Festhalle und da müssten wir doch alle zusammenhalten… Das fand ich irgendwie lustig, dass man das Spiel auch aus der Ecke so spielen kann (wobei in der Batschkapp seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, auch keine Flyer oder Plakate anderer Läden – kommerziell oder nicht – geduldet werden).

Interview: Jan Röhlk
Kontakt: www.copyriot.com/untergrund

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