März 1st, 2017

TWISTED CHORDS RECORDS (# 170, 02-2015)

Posted in interview by Jan

Eine Klassenfahrt mit Bekloppten – Interview mit Tobi von Twisted Chords bei der Labelparty in Münster.

Tobi wirkt ganz entspannt, als wir uns vor der bereits vollen Baracke in Münster zu einem Gespräch treffen. Heute findet hier der zweite Teil der Twisted Chords Label Tour 2014 statt. Als wir uns ein ruhiges Plätzchen zum quatschen suchen, erklärt Tobi, dass er sein Handy mitnehmen muss, weil Abfukk noch fehlen. Deren Bus hat leider auf halber Strecke zum Konzertevent den Geist aufgegeben. Genauso wie vorher der Bus der Kaput Krauts. Nix passiert, aber es verzögert den Konzertbeginn. Wir sitzen draußen vor der Baracke im Dunkeln etwas abseits vom Geschehen und Tobi nimmt sich die Zeit, meine Fragen zu beantworten. Während wir reden laufen die nach und nach eintrudelnden Konzertbesucher_innen an uns vorbei Richtung Konzertsaal.

Danke dass Du Dir trotz des stressigen Tages die Zeit nimmst, um mit mir zu sprechen. Wir treffen uns heute in Münster in der Baracke auf der Twisted Chords Label Tour, ich habe mich sehr auf den Abend gefreut und ich mag die Bands die heute spielen. Einige Konzerte der Labeltour sind schon vorbei (z.B. Hamburg und Leverkusen) es folgen noch Termine (z.B. München, Rostock), ist bisher alles zu Deiner Zufriedenheit gelaufen, was gibt es spannendes zu berichten?

Tobi: (lacht) Kaputte Busse von heute auf jeden Fall. Nee, eigentlich ist bisher alles gut gelaufen. Wir haben in Leverkusen in einem super Laden gespielt, das KAW, war sehr schön und richtig voll, ein toller Abend. Gestern in Hamburg im Hafenklang, wo wir auch schon mehrfach waren, ist es auch gut gelaufen. Heute warten wir mal ab, der Anfang war auf jeden Fall äh, sagen wir mal vielversprechend (lacht). Wir sind mit drei Bands und eigener Backline hier, das Ding läuft schon irgendwie. Nur Abfukk kommen aufgrund der Buspanne irgendwann und irgendwie. Hoffentlich. Die anderen Konzerte sind reibungsloser verlaufen, sonst säße ich auch nicht mehr hier, sondern wäre heimgefahren (lacht).

Das bringt mich gleich zur nächsten Frage: Warum organisierst Du diese Tour eigentlich? Spaß? Selbstgeißelung? Ist es gar Teil erfolgreicher Labelarbeit?

Alles so ein bisschen. Es ist schon Teil der Labelarbeit und natürlich auch die Gelegenheit die Bands nochmal zusammen zu bringen und alle zu treffen. Nicht nur die Bands, sondern auch die verschiedenen Leute vor Ort, die Veranstalter der Läden und das Umfeld.

Wonach wählst Du Bands und die Läden für die Tour aus?

Alle Twisted Chords Bands spielen zu lassen wäre zu viel, logistisch und auch vom Zeitaufwand her, deswegen wähle ich aus. Sonst müssten wir 30 Termine machen und dann machst du nichts anderes mehr. Die Bands, die auf der Labeltour spielen, sind immer ein Querschnitt aus dem, was da ist. Meist sind es Bands, die sich kennen und die einigermaßen zusammen passen. Ich gucke dann vorher, wer Zeit und Bock hat und was stilistisch zusammenpasst.

Die Läden wähle ich danach aus, ob ich da schon mal Kontakt hatte, ob ich die Leute kenne, ob wir schon mal etwas dort veranstaltet haben oder ob die Bands gute Erfahrungen mit einem Laden gemacht haben. Die Läden passen auch von der Philosophie her. Schlechte Erfahrungen haben wir vielleicht auch deswegen mit den Veranstaltungsläden noch nicht gemacht. Die haben halt auch Bock drauf und es gibt durch den Laden in der Regel auch das entsprechende Publikum vor Ort. Weniger gut haben Geschichten geklappt, wo wir versucht haben raus zu gehen aus den üblichen Szenestädten, das hat vom Publikum her meistens nicht gereicht. Aber einen richtig blöden Veranstalter oder Scheißladen habe ich bisher noch nicht erlebt.

Ich kenne TC vor allen Dingen, weil ich gerne Musik höre, die bestimmte Inhalte hat. Das trifft auf die meisten Bands, die auf Deinem Label sind zu, auch Genre-Übergreifend. Wieso ist Dir der Inhalt der Musik so wichtig?

Wichtig ist es, weil Punk oder auch alles was darüber hinaus noch passiert ist, in meinem Verständnis schon immer was Politisches war. Das muss jetzt nicht heißen, dass jeder eine politische Position vor sich hertragen oder plakativ nach außen tragen muss, aber so ein Grundverständnis von Punk, Hardcore und DIY als etwas Politisches habe ich auf jeden Fall. Und das sollen auch die Bands, zumindest in gewissen Zügen, teilen. Das heißt nicht, dass man sich in jeder Position immer einig sein muss, aber so ein gewisses Grundverständnis und eine gewisse Grundkultur dessen, wo man sich da bewegt, was man macht, was man politisch von sich gibt, wo man spielt und wo man nicht spielt, habe ich und haben auch die Bands.

Vom Musikgenre her ist das ja ganz interessant bei Dir: Es gibt Punk und Hardcore, aber auch Hip Hop. Vielen erscheint diese Mischung ungewöhnlich. Wo wäre denn Deine persönliche Grenze bzgl. der Musikrichtung? Gibt es da überhaupt Grenzen?

Ich kann vieles bis alles hören. Es gibt jetzt keine stilistische Grenze, so nach dem Motto: Ich mache was nicht aufgrund des Sounds. Es gibt schon gewisse Kriterien: Es muss mir gefallen, ich muss mit den Leuten in einer gewissen Form zurechtkommen, es muss eine Grundvorstellung da sein, wo das hingeht und was man zusammen machen kann. Aber das definiert sich weniger über Stil. Also wenn morgen jemand kommt und eine Jazz-Platte aufnimmt, die mir gefällt, kann ich auch die machen. Kenne ich nur bisher einfach nicht.
„Ein Vollzeitjob von dem du nicht Leben kannst“

Du machst jetzt seit fast zwanzig Jahren TC. Prägt das einen Menschen? Wieviel Raum nimmt TC in Deinem Leben ein?

Klar, prägt das einen Menschen. Keine Ahnung wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich das nicht gemacht hätte. Aber natürlich resultieren viele Freundschaften und ganz viele Beziehungen zu Menschen daraus. Das ist ein Vollzeitjob von dem Du nicht leben kannst. Klar, das ist schon prägend und es gibt keinen Tag in den Jahren, wo nicht irgendwas mit TC zu tun gewesen wäre. In mancherlei Hinsicht ist das ganz schön und in mancher Hinsicht kann das total nerven, wenn du dir halt gewisse Freiheiten nicht rausnehmen kannst, die andere haben. Oder wenn du eben permanent, das heißt auch im Urlaub, da sitzt und gucken musst, dass das Ding trotzdem irgendwie läuft.

Wie lebt es sich in Zeiten, in denen es einerseits MP3 und Musik-Streaming gibt und andererseits das Vinyl wieder in Mode gekommen ist mit einem Label?

Dass der Trend in Richtung Vinyl da ist, stimmt. Für mich ist der Trend nicht so bedeutsam, zum einen, weil Vinyl für mich nie weg war. Es gab bei TC immer Vinyl-Veröffentlichungen, dass es jetzt mehr wird merkt man aber in gewissen Bereichen, weil Presswerke plötzlich voll sind, Lieferzeiten sich verlängern, es also schwieriger wird Vinyl herzustellen, weil die Nachfrage wesentlich höher ist. Dass sich CDs verabschieden, merke ich auch. Das finde ich nicht dramatisch, das ist kein Medium was mir etwas gibt. Ich habe CDs veröffentlicht, werde wahrscheinlich auch weiterhin CDs veröffentlichen, aber es ist nie das Medium gewesen, auf das ich mich am ehesten beziehe oder das am wichtigsten gewesen wäre. Ist in der Punk/Hardcore Szene eher eine Randerscheinung. Aber die gibt es und ich versuche die mitanzubieten, aber das ist nichts, was irgendwie wichtig ist.

„Mein Denken ging immer von Vinyl-Veröffentlichung aus“

Also hast Du zu Hause eine Platten- und keine CD-Sammlung?

Ich habe eine Plattensammlung. Ich habe durchaus auch CDs, ich will das gar nicht so verteufeln. Es bedeutet mir nur einfach nichts. Es ist halt ein Medium, das du nutzen kannst, das für ein paar Leute okay ist. Vinyl ist das Medium, das mir lieber ist, wenn ich eine Veröffentlichung plane. Und wenn es dann eine CD gibt, dann ist das eine Randerscheinung, genauso wie Downloads oder Streamings. Mein Denken ging immer von Vinyl-Veröffentlichung aus.

Was geht Dir momentan bezüglich Musik, Konzerte, Labelarbeit so richtig auf die Nerven?

Das ist täglich wechselnd (lacht). Beim Label kann ich das gar nicht sagen, da gibt es permanent neue Situationen und Anforderungen. Es gibt in jeder Produktion irgendwelche Schwierigkeiten, Sachen die nicht funktionieren, die nerven, die schief gehen. Sachen die sich verzögern, Bands, die nicht fertig werden. Aber das eine große Ding, das nervt, das gibt es nicht. Kleinkram der nicht funktioniert gehört zum Alltagsgeschäft.

Hast Du schon mal darüber nachgedacht aufzuhören?

Ja (lacht). Ständig. An jedem Tiefpunkt den du hast, an jeder Sache die nicht funktioniert, wo du Zeit, Energie und Bock reingehängt hast. Dass du dann, wenn es schief läuft, denkst: Ich muss das nicht machen. Es gibt auch viele Momente, in denen mir das Label einfach Zeit oder Energie klaut. Da denke ich mir dann schon, ich wüsste durchaus noch etwas anderes mit mir anzufangen, als Platten rauszubringen. Und klar gibt es Momente, wo so eine Sehnsucht da ist zu sagen: Andere haben um 17 Uhr Feierabend und du sitzt da jetzt noch ein paar Stunden. Klar.

„Das ist keine Lohnarbeit, auf die ich keinen Bock habe, sondern ich möchte das machen“

Was hat Dich immer wieder dazu bewogen weiter zu machen? Da muss doch jetzt noch ein aber kommen…

(lacht) Ja klar kommt da ein „aber“, das ist ja alles aus einer total privilegierten Situation heraus, was ich da erzähle. Was sich da über die Jahre entwickelt hat, auch gemeinsam mit den Bands, wie TC von Leuten wahrgenommen wird, bedeutet mir natürlich total viel. Dass es TC gibt, dass es so läuft, wie es heute läuft, dass manche Sachen einfach geklappt haben über die Jahre, ist total geil, motiviert und macht Spaß. Und ich mache das natürlich gerne. Das ist ja kein Teil meines Lebens, den ich mir aufzwinge. Das ist keine Lohnarbeit, auf die ich keinen Bock habe, sondern ich möchte das machen. Und wenn der Moment kommt, in dem das Negative überwiegt oder andere Dinge wichtiger sind, dann gibt es das halt nicht mehr.

Wie kommt man als Label mit Bands wie Amen 81 oder Mad Minority in Kontakt, die sich ja nicht gerade darum bemühen im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen? Sprechen die Dich an, kennt man sich? Wie kommt man ins Geschäft?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche Bands kenne ich oder habe ich über die Jahre kennen gelernt. Wenn ich Konzerte mitveranstalte, da lernt man natürlich Bands kennen, manche lernt man durch Bands, die schon beim Label sind, kennen, weil die zusammen touren oder weil eine Band vielleicht eine Split mit denen machen möchte. Die Wege sind ganz unterschiedlich. Was eher selten ist, ist dieses klassische: Eine Band schickt ein Demo an das Label, du findest es gut und machst es. Das ist in all den Jahren vielleicht zwei- oder dreimal passiert. Alles andere ist, man kennt sich und weiß zumindest voneinander, weiß, die Band will vielleicht bald eine Platte machen und das könnte etwas für dich sein. Dann sprichst du die entweder direkt an oder halt über Dritte, weil du Leute kennst, die mit denen befreundet sind. Irgendwie ergibt sich das schon und ist es schon ein Netzwerk von Leuten, die zumindest voneinander wissen.

Das überrascht mich jetzt, ich hätte gedacht, dass Du zugemüllt wirst mit Demo-Tapes und Bands die unbedingt wollen, dass Du Ihre Platte raus bringst.

Zugemüllt inzwischen gar nicht mehr. Es war mal mehr. Es kommen schon Sachen rein, aber das sind meistens schon Dinge, die du eher nicht machen möchtest. Eine Band, die irgendwie 30 Demos verschickt und dabei kein Label findet, die ist vielleicht noch nicht so weit, eine Platte zu machen. Die meisten Sachen ergeben sich über ein Netzwerk, das sich über die Jahre gebildet hat. Es gibt halt unzählige Labelbands, die unterwegs sind, die touren, die mit anderen Bands zusammen spielen und die halt dann irgendwie erzählen: Hey, gestern haben wir mit denen zusammen gespielt, das war ganz geil, die Platte war ganz gut, hör mal rein. Da ergeben sich dann eher Sachen. Und bei Bands ist es ja nicht anders, die tauschen sich genauso untereinander aus: Wer bringt eure Platte raus, hat es gut funktioniert? Du hast halt so einen Ruf, der Dir vorauseilt.

Wie beurteilst Du denn generell Deinen Einfluss auf die Musik-Szene?

Keine Ahnung, das müssen andere beantworten. Ich glaube nicht, dass Twisted Chords da sonderlich prägend ist. Mag sein, dass es einzelne Leute gibt, denen das etwas bedeutet oder die einige Bands mögen, aber einen generellen Einfluss würde ich mir nicht zuschreiben. Das haben Labels sowieso nur beschränkt (von einigen Ausnahmen vielleicht mal abgesehen), weil sie eher im Hintergrund stehen und eine Band naturgemäß viel eher beachtet wird als ihr Label. Und es gibt einfach hunderte von Labels, die größer, umsatzstärker, professioneller, etc. arbeiten als ich das hier kann und will. Und es gibt auch nicht wirklich den ausformulierten „Twisted Chords-Style“, mit dem man sich identifizieren könnte oder der irgendwie trendy sein könnte. Das kriegen andere viel besser hin und ist denen dann gerne überlassen.Insofern kann es sein, dass die Geschichte für ein paar Leute in einer Sub-Subkultur irgendeine Bedeutung hat – und das ist natürlich sehr cool und bestärkend – aber Einfluss oder Pionierstatus haben ganz andere.

Jetzt mal ganz ehrlich, was hast Du in den letzten 20 Jahren mit TC gemacht, was Du heute nicht mehr so machen würdest. Gibt es irgendwelche Leichen im Keller?

(lacht) So richtig nicht, also klar gibt es Sachen, gerade aus der Anfangsphase, aber auch durchaus später, die man mit ein paar Jahren Nachgang nicht mehr so geil findet. Aber es ist nichts dabei, was nicht okay war, jedenfalls zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht. Ich muss die Platte in dem Moment wo sie rauskommt rechtfertigen können. Wenn ich die jetzt zehn Jahre später nicht mehr so geil finde, dann ist es vielleicht auch meine Veränderung. Aber es gibt nicht die eine große Geschichte, die ich total bereue oder die völlig nach hinten losgegangen ist. Klar gibt es Leute, mit denen du irgendwann nicht mehr so gut auskommst, oder Bands, die einen anderen Weg gehen, aber das ist bei mir alles in einem guten Bereich.

„Sozialisation legt man eben nicht durch das Hören von Musik ab und Geschlechterzuschreibungen sind im Punk/HC auch nicht anders verteilt als im Rest der Gesellschaft“

Ich habe den Eindruck es gibt, was die aktive Gestaltung der Punk Rock/Hardcore Szene angeht nur wenige Frauen – Du hast Bands auf Deinem Label, in denen Frauen dabei sind. Ist Musik generell eher ein männlich dominiertes Feld? Woran könnte das liegen? Welche Frauen kennst Du noch, die die Musik-Szene aktiv mitgestalten oder prägen? Ist Sexismus ein Problem?

Spannende, aber auch altbekannte Frage: Grundsätzlich gebe ich Dir Recht, dass die aktive Gestaltung im Punk/HC überwiegend männlich dominiert ist. Ich glaube aber nicht, dass es die eine Erklärung dafür gibt, sondern mehrere Faktoren und man verschiedene Aktivitätsbereiche wie Musik machen, Label, Mailorder, Fanzine schreiben, Konzerte veranstalten, Touren buchen, etc. unterschiedlich bewerten muss. Grundsätzlich wird gesellschaftlich das Bild des „Machers“ und damit eben Labelmachers, Konzertveranstalters, whatever… eher Männern zugeschrieben und das ist im Punk/HC nicht anders. Tanja, die früher für Gate to hell zahlreiche Touren gefahren hat, hat mir vor Jahren mal erzählt, dass sie aus ihren Touren und Erlebnissen vor Ort den Eindruck hat, dass Frauen im Konzertbereich gar nicht so unterrepräsentiert sind, aber eher die unauffälligen Jobs im Hintergrund machen. Das geht natürlich auch wieder gesellschaftlich konform, sprich: die Macher im Vordergrund, die gegenüber Bands und Bookern als Veranstalter auftreten und den Kontakt halten, sind eher Männer. Die weniger repräsentativen Jobs im Hintergrund, wie Plakatieren, Kochen, Organisieren, Flyer designen etc. haben den höheren Frauenanteil.

Was Labelarbeit angeht, dürften die Kräfteverhältnisse noch erheblich mehr „männerdominiert“ sein, zumindest sind mir nur ganz wenige Frauen bekannt, die ein Label oder einen Mailorder betreiben. Das mag – neben den o.g. Faktoren – zusätzlich auch daran liegen, dass Sammeln generell und Plattensammeln im Speziellen eine Männerdomäne sind. Was Musikmachen angeht, ist es noch mal eine andere Baustelle: Ein Instrument zu spielen ist ja schon wieder etwas Technisches und wird damit eben Jungs viel eher zugeschrieben. Es gab / gibt auf TC einige Bands mit weiblichen Mitgliedern und auch da Klischees: am ehesten Sängerinnen, aber natürlich sind das – genauso wie im Rest der Szene – im Verhältnis wenige. Ich will sagen: Sozialisation legt man eben nicht durch das Hören von Musik ab und Geschlechterzuschreibungen sind im Punk/HC auch nicht anders verteilt als im Rest der Gesellschaft, vielleicht gibt es in Teilen der Szene eher ein Problembewusstsein dafür, aber es wäre vermessen zu behaupten, dass hier alles anders ist.

Im Hardcore Bereich gibt es wieder zunehmend mehr Personen die so ne Mucke machen und die das hören, andererseits gibt es aber auch viele Bands in dem Bereich mit starken Macker-Tendenzen und inhaltlicher Oberflächlichkeit. Was denkst Du dazu?

Die gab es aber in den letzten 20 Jahren auch schon immer. Dass Punk/HC vielseitig interpretierbar ist und es nicht die eine reine Lehre gibt, ist schon vielfach niedergeschrieben worden und dass letztlich jede Generation von neuen Kids sich ihren eigenen Weg sucht und neue Interpretationen findet, ist auch völlig legitim. Ich muss damit dann ja nicht immer konform gehen…  Oberflächlichkeit war immer schon da, was sie nicht besser macht, sei es im Macker-Hardcore, sei es im Stumpf-Deutschpunk, bei irgendwelchen vermeintlich unpolitischen Oi-Leuten und und und. Das mag immer mal wieder im neuen Gewand ankommen, aber ich glaube nicht, dass das heute stärker oder schwächer ist als in den 90ern.

Das soll diese Tendenzen nicht verharmlosen, natürlich sind die da und muss man sich explizit dagegenstellen, aber sie sind eben nichts Neues und es ist offensichtlich niemandem gelungen in den letzten Jahrzehnten ein wirksames Gegenmittel zu finden. Punk/HC/wasauchimmer waren und sind keine Bastion gegen Dummheit oder Stumpfheit und werden es wahrscheinlich auch nie sein. Letztlich geht es doch darum in diesen ganzen Genres und Sub-Sub-Subkulturen sich seine coolen und unterstützenswerten Sachen auszusuchen, die Leute zu finden, mit denen man klar kommt, die einigermaßen auf der gleichen Wellenlänge sind und daraus was Konstruktives entstehen zu lassen.

An Deinem Merchstand bietest Du auch eine Kiste mit Büchern zum Verkauf an: Vegane Kochbücher, aber auch politische Bücher, wie z.B. Message in a bottle, in dem es um anarchistische Bewegungen geht. Sind das Themen die Dich auch privat umtreiben?

Am Stand / im Mailorder gibt es einige Bücher und das ist mir auch wichtig: Zum einen weil ich Bücher sehr mag, weil ich unterstützenswerte Verlage und Autoren gerne supporte und natürlich weil die Themen mir am Herzen liegen und durchaus nahe an Punk/HC sind. Die ganze Geschichte hatte für mich immer einen explizit politischen Charakter und entsprechend liegt es nahe, eben auch politische Bücher anzubieten. Mir ist es oft auch lieber, jemand kauft sich ein Buch anstatt der 500sten Platte. Die Buchabteilung ist lange nicht so ausgeprägt wie ich mir das oft wünschen würde, aber auf jeden Fall ist sie ein elementarer Bestandteil. Und klar, genauso wie alles andere bei TC gilt auch hier: Wenn es mich nicht interessieren würde oder ich es komplett daneben fände, würde ich es nicht machen. Insofern habe ich da natürlich auch ein privates Interesse daran.

„Mich hat heute real nichts anderes beschäftigt, als dass eben zwei Busse kaputt sind und dass wir heute Abend in Münster in einigermaßen guter Verfassung mit allen ankommen“

Welche Themen bewegen Dich denn aktuell? Privat, vielleicht auch politisch?

Ich war jetzt drei Tage unterwegs, ich bin echt leer im Kopf (lacht). Du musst Dir eine Tour so vorstellen, dass du die Tage völlig raus gerissen bist aus allem, was normalerweise um dich herum passiert. Sei es bezüglich der Menschen, mit denen du sonst deine Zeit verbringst, sei es bezüglich des Tagesablaufs. Mit allem, was du sonst so machst. Das ist halt echt Klassenfahrt mit Bekloppten. Mich hat heute real nichts anderes beschäftigt, als dass eben zwei Busse kaputt sind und dass wir heute Abend in Münster in einigermaßen guter Verfassung mit allen ankommen. In den Bereichen, in denen wir uns bewegen, ist es für alle Beteiligten nur ein Herumfahren mit Freunden, mit Leuten, die ein Stück weit aus ihrem Alltag heraus gerissen werden, die alle auch eine ganz andere Realität kennen und nichts anderes ist touren in dem Kontext.

Wir sitzen zwar in verschiedenen Fahrzeugen, aber wir sind zusammen unterwegs und du entwickelst ganz schnell so eine Gruppendynamik. Verschärfend kommt hinzu, dass es alles Leute sind, die sich schon kennen, du hast schon eine Vorgeschichte mit den Leuten. Außerdem bist Du völlig fremdbestimmt, wenn du unterwegs bist. Du hast über nichts selbst die Kontrolle. Du stehst auf, du bist auf den Veranstalter angewiesen, der dir dein Frühstück hinstellt, du lädst den Bus ein, du fährst Autobahn und guckst vier Stunden aus dem Fenster und versuchst dich abzulenken. Du kommst irgendwo an, bist wieder fremdbestimmt, irgendwo sagt dir einer, bring deinen Kram auf die Bühne, mach Soundcheck, geh Essen. Und da funktionierst du irgendwann nur noch als Gruppe, anders kann es auch gar nicht gehen. Wenn da zwanzig Leute wären, die ihren persönlichen Film durchziehen wollen, dann geht das Ding am ersten Tag auseinander.

Gibt es denn auch spaßige Gegebenheiten auf so einer Tour? Oder etwas das typisch ist?

Viel Kleinkram, der toll ist und super funktioniert. Ich habe jeden Abend bestimmt zehn Leute aus den jeweiligen Städten getroffen, die ich extrem selten sehe und mich total freue wieder zu treffen. Das ist auch mit eine Motivation dafür, solche Touren zu machen, dass man mit unendlich vielen Leuten zu tun hat und das durchaus Spaß macht und spannend ist. Auch wenn nicht ständig zwei Busse kaputt gehen, ist es dennoch ein permanentes Krisenmanagement, dass da drin steckt. Wir sind ja keine Riesenagentur die mit zehn Leuten zwei Bands vier Wochen lang superprofessionell durchorganisiert durch die Gegend schickt, sondern das ist natürlich alles ein Stück weit chaotischer, unorganisierter und weniger planbar, als bei richtig großen Touren mit strikten Zeitplänen. Du musst halt permanent gucken, ob es läuft.

Bist Du denn eigentlich der Mensch, der das Ganze zusammenhält, der guckt, dass alle in annehmbarem Zustand auftauchen, dass alle da sind, der das Ganze managed?

Natürlich gibt es Absprachen, wer welches Equipment mitbringt, wo die Busse herkommen, wer da mitfährt. So eine Grundorga muss natürlich da sein. Ein Freund von mir fährt noch mit, der kümmert sich mit um das Organisatorische und den Merch, aber niemand von uns spielt Kindergärtner. Wir zwei waren letzte Nacht am frühesten im Bett, der Rest war noch irgendwo in Hamburg. Natürlich telefoniere ich da nicht hinterher, wo die jetzt stecken und ob die jetzt klar im Kopf sind, sind sie nicht, das ist auch okay so. Nicht, dass das jetzt so negativ klingt: Alle Bands, mit denen ich zu tun habe, haben schon so ein Mindestmaß an Selbstorganisation und Disziplin, ist ein Scheiß-Wort, aber das trifft es halt. Und selbst wenn sie bis fünf saufen waren, kriegen sie trotzdem klar, dass sie irgendwann los müssen und 400 Km Fahrstrecke halt eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen.

„Du hast Sachen im Kopf, trägst sie ein halbes Jahr mit dir rum ohne was zu machen und dann ergibt sich der Zeitpunkt dass du jemanden triffst, der dir weiterhelfen kann oder eine Idee dazu hat und dann kann das alles relativ schnell gehen“

Welche Pläne gibt es für die Zukunft, welche Veröffentlichungen stehen in den Startlöchern, was wird es spannendes bei TC geben?

Gerade im Presswerk ist die neue LP von Amen 81 und eine Single von Easy Lover, einer recht neuen Hardcore Band aus Berlin. So gut wie im Presswerk ist die neue Abfukk Platte, wenn sie denn fertig gemastert ist, aber aufgenommen ist sie auf jeden Fall schon mal. Die Sachen sollen in diesem Jahr noch raus kommen. Für nächstes Jahr gibt es viele Ideen, die aber so halb-konkret sind. Wo noch die Aufnahmen oder sogar die Studiotermine fehlen. Ich finde es blöd, Platten anzukündigen, die eigentlich nicht wirklich terminierbar sind, nicht fix sind. Fix sind die drei benannten, die kommen dieses Jahr und damit war das auch das veröffentlichungsreichste Jahr, soweit ich es erinnern kann. Und ich habe noch jede Menge Sachen, die mir im Kopf rum schwirren. Das ist auch ein permanenter Prozess. Du hast Sachen im Kopf, trägst sie ein halbes Jahr mit dir rum ohne was zu machen und dann ergibt sich der Zeitpunkt, dass du jemanden triffst, der dir weiterhelfen kann oder eine Idee dazu hat und dann kann das alles relativ schnell gehen. Ich habe nicht den einen großen Plan, so nach dem Motto: Das will ich 2015 alles veröffentlichen. Das ist immer ein Prozess, aus dem sich Sachen entwickeln können oder auch nicht.

Eine letzte Frage habe ich noch zu Deiner Homepage: Ich finde die FAQ`s interessant. Die sind so geschrieben, dass man eigentlich nichts mehr falsch machen kann, wenn man was bei Dir bestellt. Basiert das auf Erfahrungswerten? Hast Du entsprechende Fragen bekommen?

(lacht) Ja, ein Teil ist zusammen geschrieben, aus Anfragen, die schon mal kamen oder die mir eingefallen sind. Dann verfeinert sich das so über die Jahre, wenn dann tatsächlich irgendwelche Anfragen kommen. Das ist so die Mischung aus Theorie und Praxis.

Danke für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

 

Wir bleiben noch eine Weile sitzen und unterhalten uns über das Ruhrgebiet, Leerstände in Wohnräumen und der Umgang damit in verschiedenen Bundesländern, über Rostock und Duisburg, über Hip Hop auf Punk Konzerten, wie heute mit Pyro One bei den Kaput Krauts, Abfukk und Todeskommando Atomsturm. Die Mischung von Punk und Hip Hop kommt laut Tobi beim Publikum immer unterschiedlich gut an. Manchmal fegt er die Hallen leer und dann wird die Abwechslung von den Leuten gefeiert. Inhaltlich passt es dann halt doch. Nach einer Weile fragt Tobi telefonisch nach, ob Abfukk sich gemeldet haben, es sei 21 Uhr, das Konzert sollte starten. Die Antwort seines Anrufpartners ist positiv.

So fügt sich dann doch noch alles zum Guten. Das Konzert ist sehr gut besucht und bei Pyro One´s Hip Hop Show sehe ich nicht weniger feiernde Menschen als bei den Kaput Krauts. Abfukk hat zwar die meisten Zuschauer_innen im Raum, Todeskommando Atomsturm das Problem, dass der letzte Bus des Abends an der Baracke leider auch einen Teil des Publikums mitnehmen musste. Auch der Sound macht den ganzen Abend lang leider ein paar Probleme – eine Box der Baracken-Soundausstattung hat wohl einen Wackelkontakt. Dennoch: Gute Stimmung und gut gelaunte Bands mit Spaß an der Sache und Inhalt über die Mucke hinaus sind offenbar wichtiger als astreiner Sound, Szenezugehörigkeit und Musikrichtung.

Sabrina Schramme

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