März 21st, 2018

TOUCH AND GO RECORDS (#120, 10-2006 )

Posted in interview by Jan

Touch And Go Records: Interview mit Corey Rusk

Anfang der Neunzigerjahre erscheint im Maximum Rock’N’Roll eine Titelgeschichte über Punks, die ihren 30. Geburtstag erreichen. Das muss damals ein ziemlicher Schock gewesen sein: dass man sich mit Hardcore und Punk beschäftigt und trotzdem älter wird. Welch Überraschung. Mittlerweile feiern schon die ersten Labels – nun vielleicht nicht ihren 30. Geburtstag, aber immerhin den 25. Jahrestag. Und sind dabei immer noch relevant. Das gilt für Alternative Tentacles genauso wie für Dischord, auch wenn erstere zumindest hier in Europa mittlerweile weniger sichtbar sind und letztere gerade eine eher ruhige Phase hinter sich haben. Touch And Go sind indes genauso aktiv und relevant wie eh und je.

Corey Rusk startete das Label vor 25 Jahren in Ohio mit Hilfe der Macher des „Touch And Go“-Fanzines, Tesco Vee und Dave Stimson, vor allem um seine eigene Band Necros und The Fix veröffentlichen zu können. Anschließend gab es Platten anderer Bands aus der Gegend und später auch anderer Musikstile auf Touch And Go und dem Schwesterlabel Quarterstick – alles zusammen gerechnet bereits mehr als 400 Veröffentlichungen. Und was für welche; man könnte da ja locker ins Schwärmen kommen. Negative Approach und Big Black waren dabei, Scratch Acid und Jesus Lizard, in den Neunzigern unter anderen Girls Against Boys und Pegboy, heute Black Heart Procession und das Debüt von TV On The Radio. Woran man auch erkennen kann, wie sich eine immer größere Stilvielfalt eingestellt hat.

Anfang September feierte Corey Rusk, der das Label mittlerweile alleine führt (bis vor rund 15 Jahren war seine Ex-Frau noch mit an Bord), den 25. Geburtstag mit einem großen Festival, wo fast alle hier erwähnten Bands gespielt haben. Natürlich fehlten die Butthole Surfers, die im Interview eine Rolle spielen und deshalb hier erwähnt werden sollten. Mitte der Neunzigerjahre klagte die Band gegen Touch And Go, weil sie die Rechte für die Platten zurückhaben wollten. Die Band war überzeugt, anderweitig mehr Geld verdienen zu können. Unter anderem weil es nur einen Handschlag-Vertrag gab, verlor Rusk den Prozess. An der Labelpolitik hat sich deswegen allerdings nichts geändert. Das Interview fand vorab per Telefon statt, in der nächsten Ausgabe soll es dann einen Festival-Bericht sowie ein paar Interviews geben.

Ich hatte gerade eine Diskussion darüber, ob es heute viel einfacher ist, ein Album herauszubringen als früher und inwiefern das die Qualität der Musik beeinflusst. Entweder müssen früher die Bands generell besser gewesen sein, oder es haben damals wirklich nur die besten geschafft, ein Album herauszubringen. Wie siehst du das?

Es ist definitiv viel einfacher heutzutage, eine Platte zu machen. Die Wege, um eine Platte zu machen, sind schon etabliert. Es ist heute ja sogar möglich, mit deinem Computer, Software und ein paar guten Mikros eine Platte zu machen, die besser klingt als das, was vor 25 Jahren in den meisten Studios ging. Außerdem gibt es Dutzende Indie-Vertriebe, so dass man mehr Chancen hat, seine Platte zu vertreiben. Das gilt auch für die Herstellung von CDs. Der rein physische Prozess des Aufnehmens und Herstellens ist also leichter denn je. Das ist genauso gut wie schlecht. Vor 25 Jahren waren wir total darauf fixiert, etwas selber zu machen – wir haben immer gesagt, man solle seine Platte selber machen.

Es gibt hier dieses Sprichwort „Pass auf, was du dir wünschst – du könntest es bekommen“. Und das passt hier sehr gut. Damals haben wir gedacht, das Platten veröffentlichen wäre so schwer, fanden aber bald heraus, dass es so schlimm gar nicht ist. Und wir fanden, dass es cool wäre, wenn mehr unabhängig denkende Leute ihr eigenes Ding durchziehen würden. Und jetzt, 25 Jahre später, kann so ziemlich jeder das machen, was auch bedeutet, dass ein riesiger Berg beschissener Musik existiert. Genau da wird die Ironie jenes Sprichworts Wahrheit: Der Einstieg in die Musikwelt ist so einfach, dass es eben auch viele schlechte Bands schaffen.

Aber es muss doch auch vor 25 Jahren mehr schlechte Bands gegeben haben – nur dass wir die nie zu hören bekommen haben.

Auf jeden Fall gab es die. Aber es war schwieriger, jemanden zu finden, der deine Platte machen oder vertreiben wollte. Deswegen musste man motivierter sein und härter dafür arbeiten. Wer das schaffen wollte, musste die Probleme, die sich dabei ergaben, überwinden. Normale Menschen hatten da vielleicht keine Lust drauf. Und vielleicht hat diese Qualität auch was mit der Fähigkeit zu tun, kreativ zu arbeiten. Ich weiß es nicht, aber es klingt logisch. Ich erinnere mich an etliche schlechte Bands aus der Zeit, die nie eine Platte gemacht haben oder vielleicht mal eine Single, die aber nie gut vertrieben wurde. Und das hat was mit der Motivation zu tun: Schlechte Bands waren offenbar auch immer faule Bands.

Ich habe mir vor diesem Interview euren Backkatalog angeguckt. Die meisten Bands, die du rausgebracht hast, kenne ich. Das ist doch beeindruckend, dass viele dieser Gruppen noch eine Relevanz haben. Wie bist du an diese Bands gekommen?

Ich habe wohl viel Glück gehabt. In den 25 Jahren, die wir nun existieren, habe ich mich nie wirklich bemüht, neue Bands zu finden. Aber ich habe sie auch nie ignoriert. Ich hatte immer Interesse daran, Musik zu hören, die mich begeistert. Aber bei anderen Labels waren sie sicherlich aggressiver, neue Bands zu finden. Das ist sowohl vorteilhaft wie nachteilig für mich. Ich sollte vielleicht mehr Zeit da draußen verbringen, um neue Gruppen zu finden. Gleichzeitig kenne ich genügend Menschen, die mich auf neue Sachen hinweisen. Viele der Bands, mit denen wir arbeiten, haben wir durch andere kennen gelernt, die wir bereits veröffentlichen. Die weisen dann vielleicht auf eine Gruppe hin, mit der sie auf Tour waren oder die für sie den Opener gemacht haben. Oder die ihre Freunde sind. Es passiert einfach. Und zum Glück bin ich meistens aufmerksam.

Was war schwieriger für dich: Die erste Single der Necros oder die erste Platte einer anderen Band?

Das war beides kompliziert, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Bei unseren ersten Veröffentlichungen hatten wir überhaupt keine Ahnung und mussten zunächst rausfinden, wie man das überhaupt macht. Das war sehr kompliziert. Und heute gibt es so viele unterschiedliche Wege, die Leute auf eine Band aufmerksam zu machen – über die Presse, Videos, das Internet und so. Es ist wesentlich komplizierter, heute das Richtige zu machen.

Wie viel Geld hast du damals in die erste Necros-Platte investiert?

Keine Ahnung. Wir haben die Lieder teilweise in einem richtig schlechten Studio aufgenommen und teilweise auf einem Vier-Spur-Aufnahmegerät eines Freundes. Das hat fast gar nichts gekostet. Und wir machten nur 100 Singles, was auch nicht so viel gekostet hat.

Das waren also nicht 4000 Dollar, wo dir dann jemand gesagt hat, dass du die vielleicht besser in deine College-Ausbildung investiert hättest.

Das hat bestimmt jemand gesagt, aber ich glaube, wir haben 200 oder 300 Dollar für die Aufnahmen ausgegeben und nochmal 300, 400 Dollar für die Pressung. Wir haben definitiv weniger als 1000 Dollar für die erste Necros- und die erste Fix-Platte ausgegeben.

Für wie viel geht die erste Necros-Platte auf Ebay weg? Weißt du das?

Ich verfolge das nicht, aber manchmal schickt mir ein Bekannter einen Link, wenn ihm das auffällt. Ich habe einmal mitbekommen, dass die erste Necros-Single für 700 oder 800 Dollar auf Ebay weggegangen ist. Also vermutlich für mehr Geld, als wir damals für alles ausgegeben haben.

Kannst du das nachvollziehen, dass jemand so viel ausgibt? Magst du deine alten Sachen noch?

Da bin ich noch zu nahe dran, als dass ich das objektiv beurteilen könnte. Ich bin immer noch glücklich über jede einzelne Necros-Platte, jede hatte ihre Berechtigung. Aber ich würde niemandem dazu raten, 700 oder 800 Dollar für eine Single auszugeben.

Wann hast du realisiert, dass aus Touch And Go mehr werden könnte als ein Hobby, wo du die Singles deiner eigenen Band und deiner Freunde machst? Wann wurde daraus eine Firma oder dein Job?

Das zog sich über zwei oder drei Jahre hin. Es gab keinen einzelnen Moment, wo ich begriffen habe, dass so etwas entstehen könnte. 1984 war das erste Jahr, in dem wir Platten von Bands herausbrachten, die nicht schon vorher meine Freunde waren. Ich kannte Die Kreuzen nicht persönlich, nur ihre Musik. Das war der erste Schritt, über meinen Freundeskreis hinauszugehen. Ich bezahlte damals meine Rechnungen noch, indem ich Pizza auslieferte. Ende 1986 sind wir nach Chicago gezogen, damals hörte ich dann auf mit anderen Jobs und arbeitete ausschließlich für Touch And Go. Meine Ex-Frau und ich haben da so einigermaßen durch das Geld überleben können.

Hast du dich bis dahin nie gefragt, ob du das alles lieber sein lassen und eine Karriere beginnen solltest?

In den 25 Jahren gab es natürlich Momente, wo ich mich gefragt habe, warum ich das alles mache. Aber das ging immer vorbei. Wenn es mal eng mit den Rechnungen wurde, kam ein Album, das ein bisschen besser lief und dir Luft zum Atmen ließ. Ich bin dann immer zu Sinnen gekommen.

Welchen Beruf wolltest du eigentlich ursprünglich machen?

Ich hab das Label schon mit 16 gestartet, als ich zur High School ging. Ich wollte Fotograf werden und hatte mich bereits bei einigen Colleges dafür beworben. Aber am Ende meiner High-School-Zeit konnte meine Band auf Tour gehen und ich brachte schon Platten raus. Das war irgendwie aufregender als Schule. Also hab ich eine Weile Lkw beladen und Pizza ausgeliefert, später managte ich dann einen All-Ages-Club in Detroit. Mit Musik zu tun zu haben, war spannender, auch wenn das finanziell sehr hart war.

Hattest du denn von Anfang an so etwas wie einen „Geschäftssinn“, der ja sicherlich notwendig ist, um ein Label zu führen? Oder musstest du dir das erarbeiten?

Ich habe viel lernen müssen. Mit 16 Jahren hat man so etwas noch nicht. Aber ich denke, dass viele Leute, die ein Label starten, gut mit Leuten umgehen können, natürlich Musik mögen und gut darin sind, gute Bands zu finden und sie zu promoten. Aber sie sind nicht unbedingt so gut in den praktischen und logischen Aspekten, ein Geschäft zu führen: in Buchhaltung zum Beispiel oder darin, einen Terminplan einzuhalten, um ein Album pünktlich zu veröffentlichen. Ich bin eine sehr logische und praktische Personen, so dass ich relativ leicht mit Nummern umgehen kann. Ich bin ein paarmal gestolpert, aber ich hatte keine großen Probleme, die wichtigen Dinge zu lernen. Und trotzdem bin ich offenbar weiterhin in der Lage, interessante Bands zu finden und zu ihnen eine Beziehung aufzubauen.

Man muss aber auch einen Sinn dafür haben, wie viele Platten eine Band verkaufen könnte.

Ich frage mich nicht, ob ich mit einer Band arbeiten sollte, weil sie vielleicht viele Platten verkaufen könnte. Ich habe nur Platten herausgebracht, die ich mag. Und ich habe Gruppen abgelehnt, von denen ich wusste, dass sie sich gut verkaufen könnte, zu denen ich aber keine Verbindung habe. Ich bin aber offensichtlich gut darin einzuschätzen, wie viele Platten wir von einer Band verkaufen können, um so ein Budget aufzustellen. Das habe ich im Laufe der Jahren bei vielen Labels gesehen. Die sind sehr enthusiastisch und arbeiten hart, aber sie sind so enthusiastisch, dass das ihre Objektivität vernebelt. Dann geben sie mehr Geld aus, als sie sollten. Ich bin auch enthusiastisch, verkenne dabei aber nicht die Realität.

Wann war für dich der Punkt, wo du das Label auch für andere Stile öffnen wolltest? Wann wusstet du, dass Hardcore nicht genug sein würde?

Es gab nie die bewusste Entscheidung, in andere Richtungen zu gehen. Das passierte ganz natürlich, weil andere Bands mit uns arbeiten wollten. Als ich anfing, war ich nur ein dummer Junge, der die Musik seiner eigenen Freunde veröffentlichen wollte. Die waren allerdings auch die einzigen, die dich ihre Musik herausbringen ließen. Wenn dein Label grad mal ein Jahr alt ist, du selber erst 17 bist und du eigentlich keine Ahnung hast, wird dich niemand eine Platte machen lassen. Später kamen dann Bands hinzu, die nicht schon unsere Freunde waren. Dadurch trafen wir dann wiederum andere Gruppen. Das waren nach der Hardcore-Phase vor allem Noiserock-Bands wie Big Black oder Scratch Acid. Aber schon Ende der siebziger Jahre, als Punk anfing, mochte ich Bands, die irgendwie in diese Kategorie passten, aber nicht so richtig danach klangen.

Ich mochte die Ramones, Sex Pistols und The Clash, aber ich liebte auch Joy Division, Throbbing Gristle oder Pere Ubu. Es gab damals sehr viel „arty music“, und die war ebenfalls eine großartige Alternative zu dem, was im Mainstream passierte. Ich habe also schon viel früher andere Musik gehört. Es dauerte nur sehr lange, bis Bands aus anderen Genres uns als ernsthafte Option, ihre Musik zu veröffentlichen, wahrnahmen. Ich fing mit Quarterstick an, als ich mich gerade von meiner Frau scheiden ließ. Ich wollte damals ein Label machen, über das ich volle Kontrolle hatte, ohne über Entscheidungen diskutieren zu müssen. Zugleich wurde Touch And Go als Rocklabel gesehen, was ich frustrierend fand, weil Bands, die nicht zu diesem Stil passten, uns nicht mal als Möglichkeit wahrnahmen. Bei Quarterstick hatte ich alle Möglichkeiten wie bei Touch And Go, ohne dass es Vorurteile gab, was für Musik dort erscheinen würde. Und ziemlich schnell hatte ich ein sehr breites Spektrum zusammen: den Blue Grass der Bad Livers, Henry Rollins‘ Spoken-Word-Sachen, Pegboys Poppunk oder die pseudo-klassische Musik von Rachel’s. Das wirkte sich dann auch auf das Programm von Touch And Go aus. Ich bin sehr froh darüber, dass wir solch ein weites Spektrum haben.

Hättest du Calexico oder Rachel’s schon 1981 gemocht?

(lange Pause) Ich denke schon. 1981 oder 1982 mochte ich zum Beispiel Gun Club, und meine Hardcore-Freunde haben darüber sehr gelästert. Diese Musik war anderes, aber sehr beeindruckend.

Wenn du jetzt auf diese ganze Butthole-Surfers-Geschichte zurückblickst, auf diesen ganzen Rechtsstreit – was denkst du darüber?

Ich sehe das immer noch so wie vor Jahren. Das war eine große Enttäuschung, weil ich dachte, ich arbeite hart mit Freunden, um etwas zu erreichen. Und ich dachte, das galt auch für die Butthole Surfers. Offensichtlich habe ich sie falsch eingeschätzt, wie sich ein paar Jahre später herausstellte.

Hatte das irgendwelche Konsequenzen für deine Arbeit? Misstraust du Bands eher?

Das erste Jahr nach dem Rechtsstreit habe ich viel über die Sache nachgedacht. Das war auch ein Punkt, wo ich aufhören wollte. Aber nach einem Jahr änderte sich das. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Uns gab es da schon fast 20 Jahre, und die Sache mit den Butthole Surfers war die einzige negative Erfahrung, die wir gemacht haben. Viele konventionelle Labels, die so lange existieren, haben vermutlich mehr schlechte Erfahrungen gemacht. Also müssen wir auch was richtig machen. Dann müsste ich mich aber nicht damit beschäftigen, ob ich das Label sein lassen oder Bands anders behandeln soll. Wenn so etwas nun jedes Jahr passieren sollte, dann mache ich wohl was falsch, und es gibt ein Problem. Aber sonst…

Was hättest du gemacht, wenn du den Rechtsstreit gewonnen hättest? Hättest du die Butthole-Surfers-Platten weiter im Programm behalten? Oder hätte es sich dann sowieso erledigt, weil ihr vor Gericht ziehen musstet?

Ich habe darüber so oft nachgedacht, aber ich habe nie eine richtige Antwort gefunden. Vermutlich, weil ich es nie musste. Selbst bei einer Entscheidung zugunsten von uns hätte ich einen grausigen Geschmack im Mund gehabt wegen der Leute, die in die Sache involviert waren. Zugleich bin ich aber stolz auf die Alben, die bei uns erschienen sind. Trotz dieses Beigeschmacks sind die Platten großartig.

Aber sie sind auf eurer Webseite nicht einmal erwähnt. Als hätten sie nie existiert.

Dafür sehe ich auch keinen Grund.

Bist du eigentlich tief in dir drinnen ein bisschen schadenfroh, dass diese große Karriere, die die Butthole Surfers sich erhofft haben, nie zustande kam? Letztlich war der Rechtsstreit aus ihrer Warte heraus eine ziemlich dumme Entscheidung.

Ich weiß nicht, ob sie glücklich sind, was seitdem passiert ist. Ich habe nie mit ihnen geredet. Vielleicht laufen die Alben ja immer noch gut. Aber ich sehe sie nie. Also lief es wohl nicht so besonders für sie. Ich würde lügen, wenn ich leugnen würde, dass das vielleicht was mit Karma zu tun hat.

Mit den anderen Bands, die zu einem Major-Label gingen, gab es nie Probleme?

Nein, und auch die Butthole Surfers waren schon seit Jahren auf einem Major-Label, bevor der Streit losbrach. Anfangs, als eine Band ging, hat mich das persönlich getroffen, schon weil ich eine enge Beziehung zu ihnen hatte. Ich musste dann meine persönlichen Befindlichkeiten trennen von dem Geschäft. Ich glaube nicht, dass die Bands aus persönlichen Motiven gingen, weil sie mich nicht mehr mochten oder so. Sie gingen alle aus ähnlichen Gründen: Ein Indie-Label kann zwar im Prinzip genauso viele CDs verkaufen wie eine große Firma. Das passiert alle paar Jahre. Aber Major-Labels geben für die richtigen Bands sehr hohe Vorschüsse, und das ist sehr verlockend. Wenn diese Entscheidung also für sie Sinn macht, dann müssen sie es tun. Letztlich vergleicht man Äpfel und Orangen: Beide können viele Platten verkaufen, werden das aber auf anderem Weg erreichen. Wenn also jemand ein Major-Label wählt, entscheidet er sich für einen ganz anderen Weg.

Das war auch der Grund, warum TV On The Radio gegangen sind? Das hatte mich sehr überrascht.

Ich war sehr traurig, dass sie gegangen sind. Die Platten, die wir gemacht haben, sind großartig, und sie liefen bestens. Deswegen hätte ich auch gerne die nächste CD gemacht, die sich sicherlich ebenfalls gut verkauft hätte. Wenn eine Band zu mir kommt, weil sie gehen will, hat sie ganz offensichtlich schon etliche interne Diskussionen geführt und ist zu einer Entscheidung gekommen. Denn es ist nicht so einfach, das vorzutragen. Es ist also sinnlos, ihnen das auszureden. Selbst wenn man ihnen Schuldgefühle macht und sie überzeugt zu bleiben, weiß man, dass das nicht ist, was sie eigentlich wollten.

Offensichtlich musst du ja gute Kontakte zu all den alten Bands haben, wenn die auf dem Festival spielen.

Da fühle ich mich auch sehr geehrt, das Bands, die eigentlich schon lange aufgelöst sind, sich für dieses Festival zusammen tun.

Wie hast du denn Scratch Acid dazu gebracht zu spielen?

Wir haben niemanden unter Druck gesetzt. Wir haben nur mit Leuten geredet, dass wir ein Festival machen wollen. Scratch Acid waren die ersten, die zusagten. Ich hab nicht mal selbst mit David Yow geredet, der von selbst sagte, dass „wir da vielleicht spielen könnten“.

Macht David überhaupt irgendwas?

Er ist in keiner festen Band. Er sang ein paar Songs mit den Melvins beim All Tomorrow’s Parties, das Slint organisiert haben.

Wird es Live-Aufnahmen vom Festival geben?

Ich habe darüber lange nachgedacht. Ich bin kein Fan von Live-Platten. Die Qualität eines Konzert lässt sich kaum auf Platte wiedergeben. Ich höre sie deshalb sehr selten. Ich weiß, dass es eine Menge Leute gibt, die das anders sehen. Aber wir haben dann 25 Stunden mit Live-Aufnahmen – wo sollte man da überhaupt anfangen?

Aber irgendein Dokument, eine Boxset mit drei, vier Liedern von jeder Band, wäre schön großartig.

Wahrscheinlich wird es eine DVD geben – nicht mit professionellen Konzertaufnahmen aus drei verschiedenen Winkeln, sondern mit Interviews von Leuten und ein wenig Live-Material. Wir wollen eher das Gefühl des Festivals wiedergeben und nicht jedes Detail dokumentieren.

Dann verrat mir noch, welche Platten im Laufe des nächsten Jahres erscheinen.

Ich musste einige Platten auf das erste Halbjahr 2007 verschieben, weil wir so mit dem Festival beschäftigt sind. Das werden dann tolle sechs Monate. Pinback, !!!, Coco Rosie, Shellack bringen neue Platten. Ted Leo bringt auch was Neues raus. Im zweiten Halbjahr 2007 sollte es dann ein neues Three Mile Pilot geben.

 

Interview: Dietmar Stork

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