April 20th, 2016

THUMB (#55, 12-1995)

Posted in interview by Jan

“Verloren in Münster“, so könnte der Titel dieses schriftlichen Ergußes lauten. Denn das mit Thumb am 7.10. in Münster geplante Interview wurde vor Ort kurzerhand von 6 auf 12 Uhr Nachts verschoben, so daß der Nichtmotorisierte Interviewer seinen letzten Zug verpaßte, und sich eine Schlafgelegenheit organisieren mußte. Doch auch dieses regelte sich, und so konnte man dann nach einem gelungenen Tourauftakt von Thumb, die zusammen mit Sullen tourten, das ersehnte Interview mit Sänger Claus Grabke im engen Gang des Tourbusses der Band führen. Und obwohl Claus Grabke mit einer Erkältung, Husten und zeitweiligem Stimmverlust zu kämpfen hatte, kam folgendes Interview zu Stande.

Erzähl doch mal wie Ihr zusammenge-kommen seit, wie lange es Thumb schon gibt, halt die lästige Bandhistory.

Das hat bei uns mehr so als Projekt angefangen. Wir waren alle, außer unserem DJ, in verschiedenen Bands. Wir kannten uns alle schon länger und so haben wir dann, unser Drummer, der Gittarist und ich, ohne einen Bassisten, angefangen zu spielen, und das hat total gut geklappt, und es war sofort eine musikalische Basis da. Am Anfang war das dann eben auch noch alles ‘nen bißchen hardcoriger. Später haben wir dann noch ‘nen Bassisten gesucht, und ich kannte da einen den haben wir dann angequatscht ob er nicht Bock hätte. Und so haben wir dann auch noch einen Basser gefunden, und irgendwie ging es total schnell, daß wir ‘ne musikalische Ebene gefunden haben, und so entstanden dann auch sehr schnell Songs. Dann haben wir, noch in dieser 4er Besetzung, mit einem alten Aufnahmegerät von mir ein selbstproduziertes Demo aufgenommen, und das dann damals auf der Popkomm an verschiedene Plattenfirmen verteilt. Wir dachten uns viel-leicht wird das ja etwas.

Und wie seit Ihr dann zu Emi gekommen? Ich meine Ihr seit ja gleich mit dem Debutalbum auf einem Major gelandet.

Hab ich mir gedacht, daß du das jetzt fragst. Also auf unser erstes Demo gab es schon Resonanzen, auch von der Emi schon sehr früh, und von Snoop Records, die uns mal auf einem Gig gesehen haben, und uns ganz gerne unter Vertrag genommen hätten. Aber das war uns noch viel zu früh. Naja dann kam Lupe (der DJ) noch dazu, weil wir halt so zwei Geschmacksarten haben, auf der einen Seite Hardcore und auf der anderen HipHop und Rap. Aber wir sind jetzt nicht so ‘ne Funkerband die jetzt Metal-Riffs macht, sondern halt von so ‘ner anderen musikalischen Tradition. Und dann haben wir halt so gespielt und gemacht, und hatten diesen einen Typ von der Plattenfirma schon fast vergessen, aber der hat sich immer wieder gemeldet, und dann hatten wir da noch ein Angebot von einem anderen Label, ‘nem Indielabel.

Und wir wollten gerne zu diesem Indielabel, weil dort ziemlich viele Bands unter Vertrag sind, die wir gut finden. Und wir dachten uns auch so Major muß nicht sein und so, aber wir haben auch sehr schnell und sehr ernüchternd nach einem kurzen, aber heftigen Streit, mit Rechtsanwalt, Prozess und so, wegen Nichtigkeiten, mit diesem besagten Label (Roadrunner – als Info vom Tipper, da Claus es nicht genannt haben wollte d.T.), so richtig die Breitseite des Plattengeschäftes kennengelernt. Und dieses von einer Firma, von der wir es nie erwartet hätten. Wir sind so richtig vernutzt worden, und das schwebt auch noch immer so irgendwo. Das war richtig … . Dann haben wir uns halt umgesehen, und die Leute der Emi haben uns halt so viel gegeben, das sage ich jetzt nicht nur so, sondern die haben uns auch so viel Freiheit gelassen mit dem Deal und so, vor allem auf einer musikalischen Ebene, daß wir uns gesagt haben, nach dem wir immer noch nicht bei der Emi waren, wir verraten uns und unsere Musik, wenn wir bei einer Firma unterschreiben, deren Vertrag ein definitiver Sklavenvertrag ist, bei dem wir nur draufzahlen und absolut keine musikalischen Freiheiten haben, als wenn wir beim Major unterschreiben, wo praktisch alles was wir wollen in deren Vertrag enthalten ist. Das war halt der Punkt.

Und was ist diese “Under my Thumb Edition“, die auf Eurer CD als Publis-herangegeben ist? Inwieweit hat das mit Euch zu tun?

Das ist halt unser eigener Verlag. Das war auch so eine Sache, bei dem anderen Label mußten wir halt alles abgeben, z.B. die Verlagsrechte und die Merchandisingrechte, und wir hätten auch nur extrem wenig Prozentpunkte pro Platte bekommen. Außerdem wäre alles “recoupable“ gewesen, d.h. Die zahlen erst für ´ne Tour, aber wir hätten alles durch Plattenverkäufe zurückzahlen müßen, da kriegst du halt nie Kohle so. Und bei der Emi lief das halt alles genau umgekehrt. Wir durften die genannten Rechte behalten, und auch die erste Tour zahlen die für uns. So hat man als Band halt die gute Aussicht nicht nur draufzuzahlen, man will sich ja nicht unbedingt doof und dämlich zahlen. Und es war eine der ersten Sachen für uns, daß wir unseren eigenen Verlag gegründet haben, “Under my Thumb“ , sprich unter meiner Kontrolle. Wir haben ja auch die Platte mitproduziert, das Cover gemacht und solche Sachen. Das sind halt so Geschichten die wo anders nicht gelaufen wären. Wir sind ja praktisch als fertige Band gekommen, mit Live-erfahrung, fertigen Songs, das letzte Stück “Down“ von der Platte ist komplett vom Demo übernommen, also hat die Firma praktisch uns als Act nur noch “eingekauft“.

Wie würdest Du die Musik von Thumb definieren, als Crossover? Dieser Begriff ist ja ziemlich in Verruf geraten.

Ja, ich denke mir, was soll man da noch Namen erfinden. Es ist eine Kreuzung aus verschiedenen Musikstilen. Diese Musik ist halt noch neu und noch nicht so definiert. Wir machen Crossover, aber einen anderen, mehr aus dem Hardcoreverständnis heraus. Wir werden viel zu oft mit Bands wie den H-Blockx oder Mr. Ed in einen Topf geworfen, besonders von Interviewern. Sie sehen nicht, daß wir zwar auch Hip-Hop verarbeiten, aber allein textlich und wie auch immer ist der Ansatz ein anderer.

Wie kommt es eigentlich, daß Ihr, noch bevor Euer Debut rausgekommen ist, mit Bands wie den Megavier, Biohazard oder Dog Eat Dog gespielt habt?

Über weitersagen und gesehene Livegigs sind wir an solche Sachen gekommen. Zum Beispiel die Leute die auch diese Tour organisieren, haben uns einfach angerufen und gesagt, daß wir nächste Woche mit Biohazard spielen sollen. Wir sind dann halt mit denen 3 Dates gefahren, und haben inzwischen jetzt auch etliche andere Dinge gemacht. Es ist auch nicht immer leicht mit einer Band loszugehen, die jetzt auch so richtig passt. Bei Biohazard ging das ja noch so halbwegs, aber z.B. mit den Foo Fighters ist das was anderes.

Habt Ihr auch mit den Foo Fighters gespielt?

Ja, in Köln. Aber da muß man als Band dann Profil genug haben auf der Bühne sein Ding durchzuziehen, auch wenn die Leute nicht drauf stehen. 44 X ES haben heute auch einen schweren Stand gehabt, weil sie halt ein anderes Publikum anziehen.

Könnt Ihr eigentlich von der Musik leben? Ich meine bei den vielen Touren die Ihr macht, habt Ihr da noch einen Job nebenbei?

Nein, wir haben keinen Job nebenbei. Wir machen nur Musik. Wir hatten alle Jobs, die wir aufgegeben haben. Bis jetzt haben wir noch kein Geld hiermit verdient. Wir haben zwar einen kleinen Vorschuß erhalten, dafür haben wir uns dann bitter nötiges Equipment gekauft, und leben momentan praktisch von Null. Aber ich denk mir, Musik ist eigentlich auch kein Beruf, sondern mehr so ‘ne Berufung. Das steckt irgendetwas merkwürdiges hinter, warum man das macht weiß man eigentlich auch nicht so genau. Aber es ist einfach ein super Gefühl, wenn man ein gutes Stück geschrieben hat und das ist für mich einfach mehr, als wenn man ‘ne gute Kohle mit einem Bankjob verdient.

Was erwartet Ihr Euch von der Tour mit Sullen jetzt?

Für uns ist das jetzt die erste zusammenhängende Tour. Was erwarten wir uns von der Tour? Eigentlich das gleiche wie von der Platte. Naja, wir müßen uns erst einmal einen Namen erspielen und den Namen Thumb weitertragen. Das ist bei uns, in unserer Situation, halt der Kick, daß wir uns den Namen erarbeiten müßen, und so viel Publikumskontakt haben.

A propos Name, wie seit Ihr eigentlich an Howie Weinberg gekommen, der Euer Debut in NY gemastert hat?

Wir haben uns einfach so ein paar Platten rausgesucht die uns vom Sound her gefielen, und da hatten wir halt die beiden absoluten Koriphäen auf diesem Gebiet rausgesucht, nämlich Bob Ludwig und Howie Weinberg. Und als wir dann gefragt wurden, ob wir die Platte gemastert haben wollten, da sind so aus Spaß diese beiden Namen gefallen. Und dann dachten wir, wir würden jetzt ausgelacht, aber wir haben halt die Platte ziemlich billig produziert, mit einem unbekannten Produzenten, der noch nie eine Platte selbst produziert hat ……

der, der auch schon Euer Demo gemacht hat?

Genau, richtig. Wir haben das auch bewußt gemacht, denn wir arbeiten gern mit Leuten zusammen, die noch eine Chance hatten so etwas zu machen. Wir haben zum Beispiel auch Live-Mitschnitte mit Video 8 gemacht, so wie auch Proberaumaufnahmen und so. Das hat auch eine Frau gemacht, die noch nie ein Video gemacht hat das gesendet wurde. Der Vorteil dabei ist einfach, die Leute geben viel mehr als jemand, der einfach nur seinen Job macht. Um zurückzukommen. Im Fall von Howie Weinberg hat die Emi gesagt, alright, nach den Aufnahmen fliegt ihr dahin. Dann bin ich mit dem Uwe (Sabirowsky, der Produzent) dahin geflogen, und es war total gut. Das gibt dann nochmal einen fetten Druck auf der Platte.

Auf der Platte befindet sich dieses “offiziel von der PeTA lizensierte” Intro von No more blood. Was hat es damit auf sich?

Das ist von einer Platte die von ‘82 ist, ich bin halt so ein älterer Typ der auch noch alte Platten hat (jaja), und die “animal liberation“ heißt. Wir sind alle Vegetarier, und der Song dealt halt subtil mit dem Thema. Und deswegen hab’ ich halt mal die Platte in den Proberaum mitgeschleppt, und wir haben das mit ein Paar Scratches zusammen eingebaut. Nur wir haben uns gedacht, sowas sollte man sich genemigen laßen, da wir die PeTA auch gut finden, und dann haben wir uns da halt gemeldet. Dann mußten wir den Song und den Text schicken, und der ging in die USA, und nach einiger Zeit kam dann die positive Antwort zurück. Wir haben uns dann bereit erklärt, deren Logo und ihre Addresse mit auf die Platte zu packen. Wir wollen zwar nicht zu so Greenpeace-wannabes werden, aber hier haben halt der Text und das Sample von der Platte perfekt zusammengepaßt.

Was haltet Ihr denn von diesen im Cross-over vorherrschenden “harder than you “ Klischees?

Wir stehen nicht drauf, wie wir es auch im Stück “deny“ sagen. Wir sind aus Gütersloh, was nunmal nicht Brooklyn ist. Und bei uns gibt es nur eine kleine Mini-Gang, von denen sich einer letztens beim Waffenputzen umgebracht hat, und mir hat bis jetzt auch niemand eine Knarre vorgehalten, warum sollte ich dann einen Text darüber schreiben? Das wäre mir zu klischeehaft, und ich singe nur über das, was mich direkt betrifft.

Wie kommt es eigentlich, daß Du nach deiner Skaterlaufbahn Sänger geworden bist?

Auweia. Wir halten das eigentlich ziemlich raus, bei uns skaten auch mehrere in der Band. Das steht auch gar nicht in der Platteninfo drin. Es soll nicht lauten: “Nach dem Skateboardfahren auf die Bretter, die die Welt bedeuten! “, oder solche Sprüche. Ich war auch schon Sänger, als ich noch geskatet bin. Ich skate zwar immer noch, nur nicht mehr professionell. Ich schätze, Phil Collins spielt auch Fußball, obwohl er singt und Schlagzeug spielt. Man macht halt mehr als nur Musik, wie alle in der Band. Aber ich denke ich bin ja nicht dumm, nur weil ich ‘ne Sportart ganz gut konnte….

…das habe ich nie behauptet.

Neenee, (leicht erregt) aber die Gefahr besteht bei uns, daß die Leute sich darauf fixieren. Deshalb haben wir der Plattenfirma einfach mal “verboten“, dieses Thema in die Platteninfo zu schreiben. Ich habe allerdings nichts dagegen, daß du mich fragst. Die andere Plattenfirma zum Beispiel, die wollte ihre ganze Kampagne darauf aufbauen. “Ihr geht dann mit Dog Eat Dog auf Tour, wir stellen dann ‘ne Halfpipe auf die Bühne, und ihr fahrt dann mit Dog Eat Dog spielen.” Das ist auch ein Grund, warum wir der Emi einen Riegel vorgeschoben haben, bei uns geht es um die Musik….

…aber Ihr habt ja auch bei der Skate WM gespielt.

Richtig, aber das sagt ja nichts. Wir haben da schon letztes Jahr gespielt, und das war so einer unserer ersten größeren Auftritte. Wir haben das dann gerne angenommen. Das war außerdem außerhalb der Halle, getrennt, und ich glaube das mausert sich neben dem Sportcontest zu einem ernstzunehmenden Konzert. Daher hab’ ich da kein Problem damit. Es war auch ein gutes Billing, und da macht man das dann. Aber ich meine, wir stehen nicht mit ‘nem Board auf der Bühne. Da haben wir echte Berührungsängste damit, nicht weil wir uns schähmen zu skaten, sondern weil die meisten Leute das zu stereotyp sehen, und das für ihre Schlagzeile haben wollen. Wir wollen aber lieber mit unserer Musik auf uns aufmerksam machen.

Was plant Ihr jetzt so in Zukunft?

Ja also erst einmal touren ohne Ende, im De-zember ziemlich fest drei Wochen mit Head-crash, und dann werden wir uns im Januar wahrscheinlich trauen, so ‘ne kleine Head-linergeschichte zu machen, klein aber fein.

Und jetzt zum Schluß, die famous last words.

( … äh … ) Putzt Euch die Zähne! Mehr fällt mir nicht ein. Ende.

 

Interview & Fotos: Peter Rupprecht


Links (2016):

Thumb Homepage
Thumb auf Discogs

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