Dezember 29th, 2017

THERMALS (#108, 10-2004)

Posted in interview by Jan

Thermals. Willkommen in frankfurt.

Also fangen wir mit Euerem Namen wie auch dem Titel der ersten LP, ‚more parts per million’ an. Mir kamen da so naturwissenschaftliche Assoziationen?

Hutch: Nein, an so etwas haben wir nicht gedacht, sondern eher an….Pyjamas. Eine Art Unterwäsche, die Leute anziehen. Das hat zwar vielleicht auch etwas mit Hitze oder Hitzeentwicklung zu tun, wo man den Term ‚thermal’ vielleicht verwendet…

Hm ich glaube, von diesem Kleidungsstück noch nie gehört zu haben

H: Sie nennen es wohl auch nur in den USA so. Aber man kann damit beliebig umgehen. Ein Kind meinte mal nach einer Show, weil wir so naßgeschwitzt waren, dass es nun wüsste, warum wir Thermals heißen würden.

Kathy: Erinnerst Du Dich an das, was mal ‚Grungewear’ hieß? Da hatten die doch immer so ein langarmiges Shirt unter dem Flanell-hemd. Das waren meistens ‚Thermals’

Ich habe noch irgendwo eine Anzeige, wo Sears mit dem Grunge-look wirbt, den man für das neue Schuljahr brauchen würde.

H: Ja, eben auch ein kleiner Witz darüber – wir stammen ja aus dem Nordwesten.

Das hat mich amüsiert: Euer Label wie auch andere Medienvertreter schaffen es, Euch sowohl mit der ‚N’-Band aus Seattle wie auch den Ramones UND Guided by Voices zu vergleichen. Da nun die Leute meist von einander abschreiben, steht in zahlreichen Magazinen, dass Euere Musik als Mischung dieser drei Bands zu verstehen sei.

H: Und die Smiths! Das hat allerdings der NME geschrieben.

Recht bekannte Namen, aber musikalisch vielleicht nicht so zutreffend?

H: Jede Band wird mit anderen verglichen – und das waren jetzt doch ganz gute Bands. Ob das dann auch zutrifft, ist eine andere Sache, wir erzählen es ja keinem, der uns fragt. Ich mag viele der Bands, aber das hat damit ja nichts zu tun.

Seid ihr alle aus Portland (Band verneint) oder dorthin gezogen? ‚Jetzt in die große Stadt’?

Hutch: Kathy und ich stammen aus der Gegend südlich von San Francisco und sind zusammen nach Portland gezogen. Jordan ist aus Florida und über San Francisco auch nach Portland gekommen.

Warum dorthin ziehen?

Hutch: Die Kunstszene ist dort sehr gut —

– also ob die Bay Area um SF herum nichts zu bieten hätte —

Hutch: aber in Portland kann man sehr viel billiger leben.

Jordan: Die beiden sind vor mir aus den Bay Area weggezogen. Das war so um 1997 herum, dem Beginn des Dot Com – Booms, was zur Folge hatte, dass die Mieten dramatisch anstiegen und all die Leute, die die Stadt für uns wichtig gemacht hatten wegzogen. Es gab auch städtische Umstrukturierungen, in deren Folge aus vielen Galerien oder Ateliers dann Wohnungen für die Computer-Techniker werden mussten.

Aber schon vor 10 Jahren oder so haben Bands immer wieder den Nordwesten der USA als sehr angenehmen Ort beschrieben. Alles wäre so sicher, einfach, sauber… warum sind dann die ganzen Besserverdiener noch nicht da?

Frau: Die ziehen auch dort hin –

H: In 6 oder 7 Jahren hat sich die Bevölkerungszahl von Portland verdoppelt, von 90 bis 96, glaube ich. Es fühlt sich zwar noch nicht so an, als ob es geflutet worden wäre…

J: Da sind es inzwischen 7,5 Prozent Arbeitslosigkeit, die Probleme kommen also langsam

Hm-hm ich lach mich kaputt…. da haben wir hier mehr. Im Buch ‚Redneck Manifesto’ des Fanzinemachers (Answer Me) Jim Goad malt dieser ein sehr düsteres Bild eines Crack-verseuchten Teils von Portland, der von zugedröhnten Schaffern bewohnt wird, die sich nur von 8 Stunden Schicht zu 8 Stunden Schicht schleppen.

H: Es gibt das da auch – eine dunkle Seite der Stadt. Man sagt, dass der Nordwesten schon immer viel mit Heroin und ‚Nose Drugs’ zu tun gehabt habe. Aber ich glaube, dass er aus Portland stammt und immer dort gelebt hat und somit ganz andere Teile der Stadt kennt. Die meisten Leute, die wir kennen, leben dort vielleicht 10 Jahre und kennen die härtere Variante des Lebens in dieser Stadt nicht.

Aber viele Clubs und Bars, die einen interessieren könnten, werden ja aufgrund der günstigeren Mieten in schlechteren Teilen der Stadt eröffnet, oder?

J: Ach die meisten machen schneller zu, als sie eröffnet haben.

H: Die Wipers haben ja diesen Song Doomtown (Over the Edge LP, einer dieser 10 Platten, die auch du besitzen musst – pj). Ihre Vision der Stadt Portland ist sehr, sehr grimm. Chuck Palukniak, der Autor, der Fight Club geschrieben hat, brachte unlängst ein neues Buch, eine Art Stadtführer von Portland, heraus, in dem nur verrückter Kram beschrieben wird – er lebt dort seit 1980, seine Stadtansicht ist merkwürdig und bizarr.

Die Wipers…die waren hier echt bekannt, viel bekannter als bei euch…

H: Bei uns kannte die niemand, bis Nirvana ihre Songs nachspielten. Und selbst dann haben sie ja nicht viele Platten verkauft.

Mal zur neuen Platte. Die Beschreibung, die ich zuerst las, schien so überhaupt nicht zum LP Titel, zum Coverstyling zu passen, das sieht eher nach einem wüsten Anarcho-Geprügel aus.

H: Wir sind ja keine Hardcoreband, aber wir stammen ja aus einem solchen Umfeld, aber wir denken schon, dass die Platte ‚gritty’ ist – wir dachten dass das Cover etc. dem Sound unserer Aufnahme entspricht. Es sollte nicht überzogener als die Songs sein, sondern denen entsprechen.

Da ist ja nun ein ‚Explicit Content’ Sticker drauf. Gut, SubPop gehört jetzt zu Warner oder wem auch immer –

H: — nicht ganz, sie haben einen Anteil, aber nicht die Mehrheit –

ok, aber selbst dann: Vor einigen Jahren, schon unter den gleichen wirtschaftlichen Verhältnissen, kamen da die von mir sehr geschätzten Murder City Devils heraus, deren Texte nur vor Crime und allen ach so bösen Wörtern strotzen, aber die hatten den Sticker / Aufdruck NICHT. Und bei euch wird vielleicht einmal Fuck gesagt, ist das nicht ein wenig überzogen?

H Es gibt schon ein paar Fluchereien… 10 oder 12 Fucks

und einer von der Firma zählt die und entscheidet dann?

H: Die Firma überlegt sich, an wen sie die Platte verkaufen will. Wenn sie die Platte so einschätzen, dass sie sich eher im Underground verkauft, lassen sie den Aufdruck weg; wenn sie aber die Platte in größeren Ketten / Läden verkaufen wollen, kommt der Sticker drauf. Das ist ihre (wirtschaftliche) Entscheidung. Theoretisch ist es aber so, dass wenn z.B. Tipper Gores Firma – nicht die PMRC, ich komme jetzt gerade nicht auf den Namen – die Murder C.D. Platte finden, können sie SupPop verklagen. Aber es muß nicht jede Platte an sie geschickt werden – daher dieser Graubereich. SubPop muß abschätzen, wie viele Platten verkauft werden und wie groß die Chance ist, dass jemand sie dann verklagen würde.

Die Lyrics auf der Platte bestehen ausschließlich aus kurzen, knappen, prägnanten Statements, die zum Teil sehr phrasenhaft daherkommen.

H: Das stimmt genau. Für die Band lag das auf der Hand, Dinge, die Du rausbrüllst, eben Slogans, auf der anderen Seite will ich versuchen, hier nicht käsig zu klingen, aber es soll auch lyrisch sein, an Gedichte erinnernd, keine vollen Sätze und Gedanken.

Ich habe bei vielen Lieder nicht herauslesen können, wovon sie handeln. Man kann da alles reinlesen.

H: Bei manchen Lidern ist das in meinem Kopf schon so, aber das merkt ja keiner sonst. Es soll ja jetzt auch nicht absichtlich abstrakt wirken – es passiert eben.

Ein sehr einprägsames Lied der aktuellen Platte ist ‚God & Country’. Glaubt ihr an Gott?

H: Vielleicht gibt es etwas Übernatürliches, aber nicht im Sinne eines christlichen Gottes – ich wurde katholisch erzogen und habe da meine Abneigungen. Eigentlich die gleichen Gefühle, die ich auch nicht für ‚Regierung’ hege – daher der Titel.

Was ist die Sache mit Euerer anderen Band?

K: Damit haben wir aufgehört, als wir mit den Thermals anfingen. Das waren nur wir beide, wir haben folkige Popsongs gespielt, bei Leuten auf Parties, ganz kleine Auftritte nur.

Euere Promotionfirma erzählt lustige Geschichten über die Anzahl an Shows, die ihr angeblich nicht gespielt hättet, weil das dann ja auch ‚wilder’ klingt – ausserdem hattet ihr euere eigene Platte, die SubPop mehr oder minder direkt übernommen haben.

H: Wir hatten sie nicht rausgebracht, sondern nur einige Kopien als CD-R vervielfältigt, die wir unseren Freunden gaben. Ben von Death Cab for Cutie gab die an die SubPop Leute weiter. Die Leute von der Firma fragten dann an, ob wir nicht einmal in Seattle spielen wollten…. und weil wir zum einen sehr gerne auf Subpop sein wollten und zum anderen die Platte so bleiben sollte, wie wir sie aufgenommen und gemischt hatten, ging das alles sehr schnell.

Man erwartet ja eher, dass eine Band Jahre lang spielt, das Land auf und ab tourt —

K: Das haben wir gemacht – nur nicht mit dieser Band!

Welche Bands waren das?

K: Urban Legends, Hutch & Kathy, hmm ich glaube nicht, dass die Leser diese Bands kennen

Wie alt seid ihr denn?

Alle: 25,28,29 (Rate mal mit Rosenthal!!)

J: wir spielen jetzt alle seit weit über 10 Jahren in irgendwelchen Bands…

Meine Standardfrage – in welcher Band könntet Ihr Euch vorstellen, ein Originalmitglied für den Zeitraum eines Sommers (oder so) zu ersetzen? Neue oder alte Bands….

K: Drums für Guided by Voices

J: Bass für die Smiths

H: Vielleicht der zweite oder dritte Gitarrist für die Velvet Underground – oder einfach nur bei denen hinten rumstehen, trinken und Krach machen. Dann müsste ich allerdings so tun, als ob ich auch auf H wäre ;’ich bin so voll Jungs’

Die Smiths waren eine Scheißband – alle Mädchen, die meine Freunde oder ich kennen lernen wollten, fanden die Smiths gut —

H Sie waren die zurückhaltenden, schüchternen Jungs?

Wohl kaum, Morrissey in seinem pathostriefendem Selbstmitleid, immer in Pose… ihr habt ne Menge Presse bekommen. Ein Freund vom Trust sah Euch unlängst in Hannover und meinte, dass er selten so viele gutaussehende Menschen in der entsprechenden Halle gesehen habe…. die man sonst nie bei einer solchen Show – aus musikalischer Sicht – erwarten würde. Euer Video wurde wohl auch im TV gezeigt.

H: Das hat man uns gestern erzählt. Meinst du, dass deshalb gutaussehende Menschen zur Show kommen?

Leute, die sich sonst keine Bohne für meinen Musikgeschmack interessieren fragten mich, ob wir uns dann denn heute hier sehen würden.

H: Wegen dem Hype? Ich hoffe, dass ihnen die Musik gefällt. Auf der einen Seite willst du den Hype, auf der anderen Seite aber auch niemanden enttäuschen. Die Leute sind dann sauer auf die Band, weil die Erwartungen zu hoch waren.

…sicherlich machen die entsprechenden Leute bei SubPop eine gute Arbeit in ihren Promotion-Tätigkeiten.

J: Glaubst du, dass die Werbung Leute abschreckt, denen unsere Musik gut gefallen könnte?

Diese Leute würden nicht in diesen Club hier gehen, auch weil Eintritt und vor allem Bier sehr teuer sind.

J: Wo würde man denn sonst spielen?

Im besetzen Haus oder einem ähnlich geführten, na, Kulturzentrum. Warum passiert das eigentlich mit Band A und mit Band B eben nicht?

H: Das ist das wirtschaftliche Geschick der Labelleute – kann ich das hier gut verkaufen oder nicht.

J: Was mich dabei ängstigt ist der Gedanke, dass die Leute, die dann die Platte einer Band kaufen, auch dem nächsten Hype wieder verpflichtet sein werden und die alten Sachen dann vom Tisch räumen. Und durch diese Maschinerie haben wir vielleicht nie die Leute als Fans gewonnen, die unsere Musik eine lange Zeit gut finden würden.

Allerdings geht es ganz ohne Artikel, ohne jemanden, der die Platte wie auch immer anderen zugänglich macht, seinen Freunden vorspielt oder im Radio auflegt, ohne all dies würde man gar keine Band kennen. Und das wäre auch blöde.

Die Thermals sind eine der wenigen Bands, deren Platte mich in den letzten Jahren schier umgehauen hat. Als erstes dachte ich an unsere alten holländischen Freunde von NRA, weil der Gesangsstil vom Thermals Sänger Hutch Aziz von NRA sehr ähnlich klingt. Wenn man den Faden weiterspinnt und den Hardcore aus dem NRA’schen Soundgewitter extrahiert und nur den klassichen, amerikanischen Punkrock darunter liegen lässt, ist man schon bei Fuckin’ A, der eben angesprochenen LP. Sicher driften sie bei zwei, drei Lieder in ein sehr eingängiges Rock-gefilde, dem man meinentwegen unter Zusatz von nem Dutzend Bier auch eine schrabbelige Lo-Fi-Rock-Attitüde unterstellen kann, aber es bleibt bei den Atompilzen auf dem Cover: Guter Punkrock alte Schule. Den Rest müsst Ihr bitte selber rausfinden. Bei der Show war übrigens niemand, den ich dort erhofft hätte, auch wenn der Laden, eine alte Disco im Frankfurter Zentrum, so gut besucht wie schon lange nicht mehr war. In den paar Wochen seit dem Konzert habe ich nichts mehr von der Band gehört, vermute, dass der Hype zu klein war und sie nicht die neuen Nirvana wurden. Gut für mich, beim nächsten Mal wieder dabei…

Daniel

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