Juni 18th, 2019

THE WOGGLES (#86, 2001)

Posted in interview by Thorsten

Wer sind denn nun schon wieder die Woggles? Wer sie nicht kennt, sollte hier versuchen, einen kleinen Einblick in das Woggles-Universum zu gewinnen, verbunden mit der Aufforderung, sich dazu möglichst auch mal eine Hörprobe zu Gemüte zu führen. All das, was jetzt zu lesen ist, ist auch zu hören und zu sehen. Im Cookys, einem Frankfurter Club, war am 29.11.2000 die Gelegenheit dazu. Und obwohl der Publikumszuspruch sehr, sehr spärlich ausfiel, haben sich die Woggles in keiner Weise genötigt gefühlt, mit ihrer Bühnenpräsenz ein Sparprogramm zu fahren. Wer nicht da war, Pech, wer sie gesehen hat, Glückwunsch.

Kleiner Wermutstropfen war die Tatsache, daß im Cooky an diesem Abend im Anschluß an das Konzert der Discobetrieb aufgenommen wurde und sich im letzten Drittel der Show der Laden mit blödem Volk füllte, das mit der Musik natürlich nichts anzufangen wußte. Ich hingegen war auf gar keinen Fall bereit, dieses schöne Konzerterlebnis mit Unwürdigen zu teilen. Schon lange hatten mich diese Terminator-Fantasien nicht mehr geplagt, aber als der DJ dann auch noch bei der Zugabe in den Song der Woggles reinscratchte, richtete ich das unvermeidliche Blutbad an….. Da gibt es schon so wenig gute Konzerte, die einem den Alltag verschönern……

Wie ich gelesen habe, gründeten sich die Woggles während ihres Studiums an der Universität in Athens, Georgia…?

Manfred: Die Band gründete sich im Herbst 1987, Dan (dr) ist seit fünf Jahren dabei, Patrick (b) und Montague (g) sind seit sechs Jahren dabei.

Also bist du das einzig übriggebliebene Gründungsmitglied?

Manfred: Ja.

Was hast du damals studiert?

Manfred: Mein Hauptfach war „International Business“, später habe ich meinen Magister in „Telecommunications Management“ gemacht.

Und du hattest keinen Erfolg mit deinem Studium?

Manfred: Doch, doch, zur Zeit führe ich sogar eine Feldstudie durch. Ständiges Touren und Shows zu spielen ist wie eine Feldstudie zur Entwicklung einer unbekannten Band, ich arbeite an einer Doktorarbeit zu diesem Thema….
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Gab es den Wendepunkt in deinem Leben, an dem die Leidenschaft für Musik die Oberhand gewann?

Manfred: Musik war immer schon eine Leidenschaft… (Jetzt stieß Patrick zum Interview und auch an den Tisch, so daß der Rest des Satzes in Rumpeln unterging….)

Jedenfalls habe ich ein nettes Zitat dazu gefunden…

Manfred: Oh, laß‘ hören.

„Unsere Leidenschaft war schon immer die Songs zu spielen, zu schreiben und darzubieten, die die ‚passions of life‘ wecken.“ (frei übersetzt)

Manfred: Mann, ist das ein gutes Zitat, das muß wohl ich gesagt haben….

Kannst du das immer noch unterschreiben?

Manfred: Ja klar, was wir machen ist…. in der Dichtung zum Beispiel kannst du etwas machen, was aus sich selbst heraus besteht, wir aber finden unsere Erfüllung aus der tatsächlichen Action, die wir bringen, was aber in der monetären Welt nicht unbedingt zählt.

Damals im Jahr 1987 gab es keinen Garagen-Hype, sondern den Grunge-Hype….

Manfred: Nein, nein, in den frühen 80ern gab es ein großes Sixties/Rock‘n‘Roll-Revival, nicht so sehr im Südosten, wo wir herkommen, aber es gab Labels wie Vox, das ein Teil von Bomb war, es gab Westcoast-Bands wie die Miracle Workers, in New York die Fleshtones, Iris Records…
Dan: Die Lyres aus Boston, die Cynics aus Pittsburg…
Manfred: …die ihr eigenes Label am Start hatten. Doch wo wir herstammen, gab es niemanden, der das, was wir machen, regelmäßig spielte. Also beschlossen wir, an dem Ort, an dem wir uns gerade befanden, mit den Vorlieben, die wir teilten, unsere eigene Band zu gründen, um ein Ventil für die Arten von Musik zu haben, die wir hören wollten, aber dort wo wir lebten, keine Repräsentanten hatte. Du hast schon recht, wenn du sagst, daß damals größere Bewegungen in der Musikwelt stattfanden mit Grunge an der Westküste und so ‚nem Zeug, aber es gab auch immer Rock‘n’Roll, war im Untergrund präsent.

Beabsichtigt ihr, Geld mit der Musik zu verdienen?

Manfred: Das wäre sicherlich sehr angenehm. Das wäre ein Problem, mit dem ich mich liebend gerne beschäftigen würde….
Dan: Ich glaube nicht, daß jemand von uns unter dieser Prämisse angefangen hat, Musik zu machen.
Patrick: Ich habe eigentlich den Glauben daran aufgegeben….
Dan: Es wäre schön, wenn wir Geld damit verdienen könnten, aber für das, was wir tun wollen und worin wir interessiert sind, wird es sehr schwierig sein, das liegt in der Natur des Geschäftes, des Spiels.

Ihr könntet ja jetzt Emocore machen….

Dan: Wir würden komplett verrückt werden!
Manfred: Das ist nicht einmal Musik, ich will jetzt nicht beleidigend sein. Aber für mich ist der Antrieb… zählt die Verbindung zwischen Aspekten populärer Musik angefangen mit Country Blues, Appellation Folk Music (?) in den USA von den 20ern bis 30ern, hin zu Jump Blues in den frühen 40ern, frühem R‘n‘B in den 50ern, Rock‘n‘Roll und Rockabilly in den späten 50ern bis hin zu Surf und den ersten Garagen Bands in den frühen bis Mitte 60ern und zur gleichen Zeit mischt sich der Beginn des Punks in den 70ern mit rein……….. Für uns gibt es wirklich eine Verbindung zwischen all diesen Musikarten und den Quellen, aus denen sie schöpfen, sowie den Sachen, die sie spielen. Das ist für mich eine Art Rock‘n‘Roll-Familie. Für andere Musikgenres- oder arten könnten wir nicht die Leidenschaft aufbringen, sie zu spielen, sei es Emocore, Indierock oder Techno.

Können die Fleshtones oder die Makers als Brüder im Geiste bezeichnet werden und Dick Dale oder die Trashmen dann als Väter?

Manfred: Gewissermaßen, all diese Bands haben Aspekte von dem an sich, wahrscheinlich sind es gemeinsam geteilte Bezugspunkte, worum es uns geht. Die Trashmen sind vielleicht ein wirklich gutes Beispiel in der Weise, daß sie alle Arten von Musik, verschiedene Arten von Rock‘n‘Roll, zu ihrer Zeit gespielt haben. Sie haben mehr als nur Instrumentals gespielt, und sie wollten das Publikum unterhalten, eine Verbindung herstellen und haben eine komplette Showexperience geliefert.

Die Showexperience ist auch für euch sehr wichtig?

Manfred: Du kannst Zuhause sitzen und eine Platte hören, warum solltest du dann zu einer Show gehen, wenn nicht für die zusätzlichen Aspekte neben der Musik wie das Einbezogen sein in die Show, die Spannung. Es gibt zwei verschiedene Hörerfahrungen, die eine eben ist das reine Zuhören, die andere schließt den visuellen, sensorischen Aspekt mit ein.

Eine euerer frühen Platten war eine Compilation von Singles, stand bei den späteren Sachen ein Konzept dahinter?

Jeder Song ist wie die Geburt eines Babys und muß daher mit Liebe und Respekt behandelt und aufgezogen werden. Einige Songs schaffen es auch nicht bis zum Ende. Aber meistens versuchen wir die Songs auf diese Weise zu erschaffen, und das Konzept des Albums ist, daß es diese Sachen enthält, sie im besten Licht präsentiert und sie in der Weise arrangiert werden, um das Beste für jeden einzelnen Song herauszuholen. Ich denke es ist sehr schwer, in einem Popmedium Songs zu schreiben und ein Konzeptalbum zu erschaffen, bei dem es Spaß macht, zuzuhören. Bei 2 ½ Minuten Popsongs sind die individuellen Songs an sich besser, wenn der Schwerpunkt auf dem einzelnen Stück oder der Idee liegt im Gegensatz zum Konzept.

Wer ist verantwortlich für das Tour-Tagebuch auf euerer Homepage?

Manfred: Das ist Dan.

Dann bist du quasi der Chronist?

Dan: Ich habe Tour-Tagebücher auf den Websites anderer Bands gesehen und dachte mir, es sei eine andere Weise, Sachen weiterzugeben…. Das Publikum sieht sich normalerweise die Show an und verliert dann den Kontakt, sie haben vielleicht die Platten, sie lesen womöglich ein Interview, aber sie haben keine andere Verbindung mehr zur Band. Also dachte ich, es wäre nett, zu zeigen, wie verrückt und wahnsinnig Touren sein können. All die verrückten Sachen, die passieren. Eine Menge ist herausgelassen worden, denn niemand will lesen, wie wir acht Stunden im Tourbus gefahren sind und uns im Elend gegenüber gesessen haben. Sie möchten natürlich die lustigen Geschichten lesen.

Wer ist der Bowler von euch?

Wir alle.

Denn ich habe gelesen, daß ihr wenigstens einmal im Jahr in Japan und einmal in Detroit zu bowlen versucht, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt…

Dan: Es gibt eine großartige Bowling-Alley in Detroit, eine der ältesten noch existierenden in den Staaten. Das Café ist im 50er/60er Jahre-Stil und wenn wir dort zum Bowlen hinfahren, spielen sie immer gute Musik, Soul, R‘n‘B, Garage, Surf.
Patrick: Wir betrinken uns gewöhnlicherweise und je mehr wir getrunken haben, desto besser wird unsere Bowling-Technik…. Das ist der wahre Grund, warum wir das tun….
Manfred: Wir sind nicht unbedingt gute Bowler, aber wir haben Spaß daran.
Dan: Wir haben Shows dort gespielt, das war der Grund, weswegen wir da hin kamen und unsere Freunde, die Hinchmen sind aus Detroit, Freddie Fortune von den Freddie Fortune and the Foregone Conclusions und Dave Rockedon.
Manfred: Und du darfst umsonst bowlen, wenn du dort auftrittst!

In Altavista habe ich bei der Recherche mit dem Begriff „woggle“ Verbindungen zu Pfadfindern entdeckt…..???

Manfred: Das ist richtig. In England und auch nur da, wird der Clip des Pfadfinder-Halstuches so bezeichnet.

Warum dann dieser Bandname?

Manfred: Es hat gar keine Bedeutung, das ist das Tolle daran. Na ja, es hat verschiedene Bedeutungen, in den 50ern war es ein architektonischer Begriff für einen dekorativen Bogen, eine Gebilde, das keinen Zweck erfüllte, was für mich einfach eine wunderbare Definition ist. Es ist ein witziger Name ohne bestimmte Bedeutung, also geben wir ihm die Bedeutung.

Heute ist Ramadan und von euch gibt es den Song „Ramadan Romance“. Hat einer von euch einen muslimischen Background?

Dan: Ich habe eine Freundin, die halb britisch, halb libanesisch ist, und sie wuchs in Beirut auf. Dieser Song ist nicht unbedingt über sie, sondern ist aus diesem Bezug entstanden. Im Song gibt es eigentlich Textstellen aus vielen verschiedenen Religionen. Ich versuche mich an die Zeit des Jahres zu erinnern, als ich ihn schrieb, aber ich weiß nicht mehr, woher diese Phrase kam, es war so eine Sache, die einem in den Kopf schießt.
Manfred: Wir haben auf dieser Tour in Villingen-Schwenningen gespielt. Der Veranstalter selbst hatte dort auch eine Kneipe. Auf der Toiletten zeigte er uns das Graffiti einer lokalen Band, die sich ‚Ramadans‘ nannte und er meinte, daß sie sich nach uns benannte hätten und auch unser Lied spielen würden. Das ist wirklich cool.
Dan: Wir reisen also herum und pflanzen Samen für den Rock‘n‘Roll!
Manfred: Was auch interessant ist, vor zwei Jahren haben wir eine Platte auf einem britischen Label herausgebracht. Bevor es soweit war, meinte der Typ, daß wir ein Video aufnehmen sollten. Wir haben alle Freunde in einer kleinen Bar in Atlanta zusammengebracht, spielten den Song eine Million Mal, haben die Videokamera mitlaufen lassen und jeder tanzte herum. Wir haben Kopien an verschiedene Videokanäle geschickt und der Grund, weswegen wir das letzte Mal hier touren konnten war, daß dieses Video auf, wie heißt das, VIVA, gezeigt wurde. Es war auch auf MTV Europa zu sehen, aber offensichtlich diese VIVA Show…..

Und schnipp schnapp, Redefluß ab, reagierte Al als Mann aus dem Hintergrund mit der Information, daß Jens Bumper von den in Frieden ruhenden Jet Bumpers als Fan der Woggles dieses Video dort lanciert hätte und brachte den redseligen Manfred damit völlig aus dem Konzept…

Manfred: Also letztes Jahr, als wir versucht haben, nach Deutschland zu kommen, und obwohl wir schon die ganzen Platten draußen hatten, rief der Tourveranstalter in den Clubs an und hat uns angeboten. Niemand wußte, wer wir sind, aber als der Tourveranstalter darauf zu sprechen kam, daß unser Video auf VIVA lief, waren die Leute begeistert und wollten uns unbedingt haben.

„Ramadan Romance“ war also verantwortlich für eueren Durchbruch in Deutschland…

Manfred: Yeahhh, that‘s right!!! The top of the charts!

Hier noch ein anderes Zitat von euch, das einen sehr postmodernen Ansatz zu haben scheint: „Wir benutzen etwa 50 Jahre populärer Musik als Bezug. Wir wollen nicht oder hätten uns nicht gewünscht, in irgendeiner dieser Zeitepochen zu leben, aber wir beziehen aus dieser Musik Dinge, von denen wir finden, daß wir sie mit unseren heutigen Erfahrungen in Verbindung setzen können und verarbeiten sie in Songs, die unsere heutigen Vorstellungen ausdrücken.“ (frei übersetzt)

Manfred: Ein Teil des Statements kommt daher, daß die Leute meinen, wir seien eine Sixties-Garagen-Band, aber nein, wir sehen uns als Rock‘n‘Roll-Band, wir leben jedoch momentan in einer Zeit, in der alles in Schubladen gesteckt wird, und es sehr schwer gemacht wird, die Musik zu beschreiben, die wir spielen, außer zu sagen, daß es Rock‘n‘Roll ist und alle Sachen beinhaltet, die ich vorhin aufgezählt habe. Das bedeutet aber nicht, daß wir denken, uns im Jahr 1966 zu befinden und nicht unser jetziges Leben zu leben, das wäre idiotisch. Wir spielen Musik, die aus unseren eigenen zahlreichen Bezugsrahmen entsteht. Ich meine, wenn ich 1966 leben würde, hätte ich nicht soviel Spaß wie ich jetzt habe! Wir kämen nicht in den Genuß, die ganze andere Musik, die es bis jetzt gibt, zu entdecken.
Patrick: Was, du sagst, es ist nicht 1966? Welches Jahr haben wir?
Manfred: Jetzt kann ich mir die ganzen ‚Pebbles‘-Compilations anhören und sagen, Mann, die 60er waren so klasse. Das ist richtig, die Musik existierte, aber wenn ich zur damaligen Zeit gelebt hätte, wären mir wahrscheinlich nur die Top-Hits bekannt gewesen, vielleicht ein oder zwei lokale Bands, aber nie hätte ich den Überblick über die ganze andere tolle Musik gehabt.

An dieser Stelle stellte Al dann die Daniel-Frage und wollte wissen, welchen Musiker aus welcher Band die Woggles gerne ersetzt hätte, wenn in irgendeiner Weise die Möglichkeit dazu bestanden hätte und viele Namen, die ich nicht zuordnen konnte, weder kannte, purzelten durcheinander:

Montague: Jim Neigbours
Dan: John Mc Powell
Patrick: Slim Hop
Dan: Ich denke, am Ende des Tages hatte Keith Moon mehr Spaß als Ringo Starr, also ich würde Keith Moon wählen. Und du, Manfred?
Patrick: Rod Stewart
Manfred: Nee, ich will meinen Magen nicht ausgepumpt bekommen… Ich weiß nicht, ich möchte niemanden ersetzen, denn dann wäre ich nicht da….

Aber das ist doch nur hypothetisch…

Manfred: Ich mag bestimmte Songs lieber als jetzt bestimmte Künstler….

Siehst du, das ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern, Frauen sind auf Bands fixiert, Männer auf Musik…

Manfred: Ja, ja….
Montague: Ich sage Mike Maker…
Manfred: Montague stell‘ dich vor… Warum bist du bei den Woggles?
Montague: Ich bin der Fahrer.
Patrick: Wieviel Geld hast du mit dieser Band schon verloren?
Montague: Seit ich dazugestoßen bin? Vielleicht 20.000 Dollar….

War es das wert?

Montague: Hölle, nein. Aber jetzt stecke ich drin.
Manfred: Er war der Booker in einem Club in Athens, Georgia und wollte die Woogles auftreten lassen. Wieviel Geld haben wir verlangt? 500 Dollar? Warum wolltest du uns buchen?
Patrick: Er hatte Mitleid.
Montague: Niemand anderer wollte euch haben…

Interview: Andrea Stork
Fotos: Al Schulha

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