März 16th, 2020

THE WEAKERTHANS aus #86/02-2001

Posted in interview by Jan

The Weakerthans. Poesie der Strasse

Wie tönt ein Punkrock-Schlaflied? Gibt’s doch gar nicht! Und ein Country-Kracher? The Weakerthans verbinden scheinbar unvereinbare Elemente, als gäbe es gar keine Widerstände zwischen ihnen. Punk und Kinderlieder, Folk und Indie-Rock werden verwoben mit dem roten Faden einer unglaublich starken Poesie der Strasse. Alternative-Rock-Hymnen atmen die Poesie der Landstrasse und wenden sich plötzlich zum Country. Ein Schlaflied, besetzt von Poesie der Stadtstrasse, ist im Grunde ein wütender Punksong. Musik zum aufstehen und die Fäuste recken und Musik zum hinliegen und tagträumen stehen beieinander, als hätten sie schon immer zusammengehört.

The Weakerthans aus Winnipeg, Kanada gehen diesen Weg seit drei Jahren. Alle vier Bandmitglieder haben Wurzeln in Punkbands. Sänger und Gitarrist John K. Samson haute früher für Propagandhi in die vier Saiten. Heute drehen sie den Fokus nach innen, anstatt anzuklagen. Aus dieser Spiegelung der Gesellschaft und der Reflexion ihres gesamten musikalischen Lebens, mischen sie jedoch dieselbe Kraft. Die Leidenschaft und das Engagement von The Weakerthans kommen aus enormer Tiefe. Auf ihrem musikalischen Weg gehen sie in einzigartiger Höhe. Hört man ihre Alben durch oder sieht sie live, dann befällt einen das Gefühl die vier Kanadier seien „the next big thing.“ Liest man die Texte, dann wird aber klar: vor den Karren eines Alternative-Hypes lassen sich The Weakerthans sicher nicht spannen.
Das Interview mit John K. Samson.

Weder Propagandhi noch The Weakerthans sind Plattenproduziermaschinen. Seit eurem letzten Album „Fallow“ sind drei Jahre verstrichen. Weshalb brauchtet ihr so lange um den Nachfolger rauszubringen?
Wir wollten den Songs einfach Zeit lassen um zu wachsen. Ein Album braucht Platz um sich zu entfalten. Das ist einer der ganz grossen Vorteile einer Indie-Band: Wir können in unserem eigenen Rhythmus arbeiten. Der Standard der Plattenindustrie ist wohl, ein Album pro Jahr zu veröffentlichen. Sowas kann ich mir gar nicht vorstellen. Wir brauchen viel Zeit um Songs zu schreiben und sie sollten sich auch live bewähren können, bevor sie auf ein Album kommen.

Eure Musik ist ein Mix von vielen Stileinflüssen. Da ist die rohe Energie des Punkrock, die Weite und Tiefe von Country und Folk, ein subversives Schlaflied und noch vieles mehr. Ihr selbst benutzt aber ganz einfach das Wort „ehrlich“ um eure Musik zusammenzufassen.
Ich dachte, es brauche eine zusammenfassende Beschreibung, weil die Berg- und Talfahrt des Albums sonst zu verwirrend ist. Wir verfolgten auf jeden Fall keine stilistische Linie, als wir diese Songs schrieben. Und so stehen nun halt diese grossen Rock-Hymnen neben seltsamen, minimalistischen Songs. „Left And Leaving“ ist sicher kein typisches Punkrock-Album, obwohl ich uns als Punk-Band betrachte. Sicher wird das Album einige unserer frühen Fans schockieren, die eher unsere lauten Sachen mögen. Doch wir konnten unmöglich an das Publikum denken, als wir diese Songs schrieben. Wir mussten die Musik machen, die uns überzeugte. Und das ist nun eben ein grundeigener Mix aus „traditionellen“ Musikstilen.

John K. Samsons Beziehung zu den einzelnen Elementen:

Punkrock:… war auf jeden Fall meine Ausbildung und „Erziehung.“ In musikalischer, politischer und emotionaler Hinsicht. Es ist eine weit verbreitete Ansicht im Bezug auf Musik und Literatur, dass man die Regeln lernen soll, um sie dann zu brechen. Der Schlüssel zum Punk ist meiner Meinung nach die Umkehrung davon: Man soll die Regeln brechen, um sie zu lernen. Das ist eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens. Deshalb verstehe ich uns auch immer noch als Punkband, auch wenn mich Iro-Punks dafür wohl verprügeln wollten. Punk ist unsere Heimat.

Emocore:… hat mich nie besonders berührt. Die Elemente in unserer Musik, die sich wie Emocore anhören, stammen eher aus Mainstream-Musik, die wir immer auch hörten. Vielleicht tönt Mainstream-Rock’n’Roll so, wenn man ihn durch die Punkrock-Mühle dreht?

Country:… ist die Musik der Arbeiterklasse in Nordamerika. So ist auch die Verbindung zum Punk näher als viele Leute denken. Denn der beste Punkrock war und ist Musik der Arbeiterklasse. Dasselbe gilt für Folk. Ich war schon immer fasziniert von Protest-Musik aller Stile.

Ist die Liebe zum Country eine Frage des Alters?
Ich denke schon. Man muss über die kulturellen Differenzen hinwegsehen können, um zu erkennen, dass es sehr viel Ehrlichkeit gibt im Country. Schlaflieder und Kinderlieder sind die erste Musik, die wir erleben. In Kinderliedern kommt zum Ausdruck, wie Melodien kommunizieren können. Sie können beruhigen oder erklären, ohne dass der Text eine Rolle spielt. Das hat mich schon immer fasziniert.

Angesichts eurer musikalischen Bandbreite, ist es da nicht frustrierend, dass ihr immer wieder auf eure Punk-Vergangenheit reduziert werdet; vor allem auf deine als Bassist bei Propagandhi?
Manchmal schon. Aber ich bin mir auch bewusst dass Propagandhi weit über 100’000 Alben verkauft haben und wir vielleicht 10‘000. Ich werde noch lange Zeit mehr Leuten als Bassist von Propagandhi bekannt sein, als von The Weakerthans. Das stört mich ganz und gar nicht, denn ich bin stolz auf meine Vergangenheit. Doch was das Konzert-Publikum angeht, da ändert sich das jetzt langsam. Die Leute kommen nicht mehr nur auf unsere Konzerte, weil „Ex-Propagandhi“ auf dem Plakat steht. Und wenn es trotzdem so ist, dann ist das eine gute Herausforderung für uns. Meistens schaffen wir es, dass die Leute den Saal nicht verlassen…

Propagandhi verfolgt in den Texten eine sehr geradlinige, aggressive und anklagende Linie. Die Songs von The Weakerthans spiegeln die grosse Politik hingegen im kleinen täglichen Leben.
„In your face“-Politik ist sicher wichtig, doch ich konnte das in meinen Texten nie. Auch als ich noch bei Propagandhi war. Unsere Lieder handeln vom Scheitern. Aber gleichzeitig davon, nicht alleine zu sein im Scheitern. Das ist ein sehr politisches Thema. Deshalb macht es mich auch verrückt, dass viele Leute, vor allem auch Jounalisten finden, diese Platte sei nicht politisch. Das stimmt nicht. Es geht um den Versuch der Menschen, sich miteinander zu verständigen und miteinander zu verstehen und wie oft wir darin scheitern. Sich mit den Beziehungen, die unser tägliches Leben beeinflussen, zu beschäftigen, kann eine sehr politische Sache sein.

Welche Reaktionen wünschst du dir von Leuten, die eure Lieder hören und versuchen, deine Texte zu verstehen?
Ich wünsche mir, dass ich die Aufmerksamkeit auf das Kleine im Leben lenken kann, das unser tägliches Dasein mitbestimmt. Und vielleicht animieren meine Betrachtungen meiner Umwelt jemanden dazu, seine oder ihre Umwelt genauer zu betrachten. Und ich hoffe, dass die Leute realisieren, dass jede und jeder Kunst machen kann. Und sollte!

Etwas kleines, dass in deinen Texten immer wieder vorkommt ist das Stehlen. Du stiehlst Melodien von Country-Rock-Stars oder Teller von 24-Stunden-Restaurants. Was hat es damit an sich?
Stehlen ist eine Form der Auflehnung gegen das kapitalistische System, welches den Besitz zu sehr in den Mittelpunkt rückt. Wir stehlen aber auch Momente oder Aufmerksamkeit. Ich denke wir brauchen das. Und es ist cool. Es geht einem für kurze Zeit besser, wenn man Etwas stiehlt.

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Discografie:
„Fallow“ 1997 B.A. Records
„Left and leaving“ 2000 B.A. Records

Website: http://www.theweakerthans.com/

Interview: Martin Schrader

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