März 17th, 2007

THE PLOT TO BLOW UP THE EIFFEL TOWER (#119, 08-2006)

Posted in interview by andreas

The Plot To Blow Up The Eiffel Tower sind: Willy (Bass), Brandon (Vocals/Saxophon), Brian (Drums) und Chuck (Gitarre). Die Band stammt aus San Diego, Kalifornien und die Bandmitglieder sind allesamt ziemlich aktiv in der Musikszene dort drüben.

Da sie sich in ihrer Musik rasch entwickeln ist es schwierig, ihren Sound auf etwas Bestimmtes festzumachen. Wo das noch aktuelle Album sehr chaotischen Hardcore enthielt, sollen die neueren Sachen immer verträglicher und melodischer werden. Wir werden sehen, was das nächste Album bringt. Interessant war zumindest für das „Love In The Fascist Brothel“ Album die von der Band exzessiv benutzte Symbolik. Aber lest selbst.

***

Hallo Brandon. Wir haben ja schon zwei mal versucht, dieses Interview hier hin zu bekommen – beim ersten mal auf dem Krakfest in Trier, wo ihr auch gespielt hattet (leider zerstörten sich erst mein Diktiergerät und später die Kassette) und das zweite mal war in San Diego, bei dir zu Hause (allerdings war hier die Zeit knapp und du musstest arbeiten gehen). Jetzt muss es eben per E-Mail geschehen und das ist etwas ärgerlich. Nun aber zu den Fragen: Das erste mal habe ich den Plot auf dem Krakfest 2005 gesehen und war begeistert. Ihr hattet einen klasse Auftritt und es hat Spass gemacht. Vor eurer Tour las ich auf der Homepage eurer damaligen Bookingagentur (was ein Name, schrecklich!), dass ihr zu diesem Zeitpunkt ein wenig nervös wart. Das betraf die anstehende Tour und die in Internet Foren umherstreifende Behauptung, ihr wäret Nazis (hauptsächlich auf Grund des Bühnenoutfits) und allerhand anderer Mist, der nur wieder einmal zeigt, dass sich einige Leute nicht mit euch und eurer Musik beschäftigt haben und statt dessen drauflos redeten (wie das eben die meisten dummen Menschen tun). Ihr habt gerne einmal schwarze Hemden mit einer roten Binde, auf der PLOT steht auf der Bühne an. Diese Sache und der Fakt, dass euer aktuelles Album „Love In The Facists Brothel“ heisst, war also Anlass für Spekulationen und Gerüchte. Eigentlich unglaublich, wenn man bedenkt, dass beim Plot homosexuelle und jüdische Bandmitglieder vertreten sind. Haben die Konzerte in Europa bzw. in Deutschland dann eure Nervosität/ängste dem gegenüber verdrängt?

Brandon: Zuerst waren wir ziemlich nervös wegen der Europa Tour, da wir einige Drohungen erhalten hatten und wir auch wussten, dass einige nicht so gut mit uns klar kommen. Amerika ist ein Land voller Gewalttätigkeit und als Band hatten wir immer wieder Probleme mit Menschen, die anders dachten wie wir und unsere Band hassten. Als wir dann jedoch unsere erste Deutschland Show in Münster spielten und sahen, wie freundlich und offen die Kids auf uns zugingen, waren wir sehr erleichtert.

Die meisten Leute, die auf uns zukamen, wollten einfach nur mit uns reden. Als wir ihnen unseren Standpunkt erklärten und die Gründe für Outfit, Lyrics, Show etc., akzeptierten sie das und waren auf unserer Seite. Wir schlossen in Deutschland auf dieser Tour eine Menge Freundschaften und die meisten Shows in Europa waren super. Nur England war ziemlich hart, aber wir hatten trotz allem viel Spass.

Was war denn mit England?

Brandon: Wir hatten dort eine tolle Zeit, wie gesagt, nur kamen leider wenige Leute auf unsere Konzerte. Es war weit entfernt von den Zuschauerzahlen Resteuropas. Das machte es uns dann ziemlich schwer, uns über Wasser zu halten, da wir kaum das Geld machten, um unsere Kosten zu decken. Wenn niemand auf der Show ist und Merch kauft, dann gibt`s auch nicht zu beissen. Die Folge war eben, dass wir ziemlich abmagerten aber dafür grossartig in unseren Badeklamotten aussahen.

Eine eurer letzten Touren ging nach Neuseeland und Australien. Hattet ihr dort ähnliche Erfahrungen?

Brandon: Als wir diese Tour machten, trugen wir schon seit längeren keine „Uniformen“ mehr, somit gab es dieses Problem, das wir auf der Europa Tour hatten schon mal nicht mehr. Ansonsten hatten wir ähnliche Erfahrungen in so fern, dass wir mal wieder viele Freundschaften geschlossen haben und deshalb so viel weg gingen, dass wir kaum Schlaf bekamen. Die Konzerte in Australien waren mit die besten Shows, die wir je gespielt haben.

Der Unterschied zur Europa Tour war, dass scheinbar in Europa viele Kids eher verwirrt durch unsere Musik und unser Auftreten waren – das war in Neuseeland, besonders aber in Australien nicht der Fall. Dort liebten die Leute das.

Als ihr vor zwei oder drei Jahren nach Kanada wolltet, um dort zu touren, verweigerte man euch die Einreise, richtig? Warum dass denn? Auch noch wegen irgendwelchen doofen Gerüchten?

Brandon: Hahaha. Nein, damit hatte es nichts zu tun. Der Grund waren Polizeiakten über uns. Sie dachten, wir seien Kriminelle!

Und warum das?

Brandon: Nun, einige von uns waren schon einmal im Knast.

In den USA hattet Ihr noch mehr Probleme, was? Nenn da doch mal ein paar seltsame Beispiele – da war z.B. der grosse Punk Laden, der Eure „Love In The Fascist Brothel Platte nicht verkaufen wollte (auf Grund des Covers) und zensierte Cover forderte.

Brandon: Hahaha dass wir hier Probleme hatten ist noch untertrieben. Wir gerieten als Band über die Jahre so viel in Scheisse Wir wurden zusammen geschlagen, bekamen die Reifen von unserem Van aufgeschlitzt, im gesamten Internet verleumdet und alle haben sie uns schlecht gemacht. Einige der wildesten Gerüchte, die ich je über eine Band gehört habe, waren über uns. Die Sache mit dem Punk Laden stimmt, er heisst Hot Topic, nennt sich Punk und wollte jede Menge Kopien unseres Albums von unserem Vertrieb kaufen.

Als sie das Cover sahen, sind sie total ausgeflippt und meinten, sie würden die Platten nur nehmen, wenn das Cover zensiert würde. Unser Label klebte dann einfach schwarzes Klebeband über die zu sehenden Brüste der Cartoons und das wars. Es war damit nicht permanent zensiert, sondern nur geschützt vor Leuten, die mal eben schnell durch die Regale flitzen und die Platten überfliegen. Im Endeffekt half uns das dann sogar und ich wundere mich noch immer, wie viele Leute das Album nur auf Grund der Kuriosität, dass es mit Klebeband zensiert war, gekauft haben.

Dann erklär mir, wenn wir schon beim Cover sind, doch jetzt einmal, warum ihr so viele Nazi- oder Faschistensymbole benutzt – das Bühnenoutfit, das Album Cover, die Lyrics, die Namen Eurer Platten, euer Bandname etc. Einfach nur mal die Idee dahinter und was Ihr damit bezwecken möchtet?

Brandon: Das Thema haben wir mittlerweile nun durch. Textlich bedienten wir uns einigen starken Symbolismen. Alles, was irgendeine Referenz zu Nazisymbolik etc. beinhaltete war damit metaphorisch genutzt, denn wir sprachen nicht einmal wirklich über Nazis. Wir benutzten zudem viele andere Bilder bzw. Vorstellungen, denn niemand von uns versuchte sich nur auf diese Symbolik zu fokussieren. Was unsere Uniformen betrifft: hier haben wir die Punk/Hardcore Szene etwas verarschen wollen.

Jeder ist in dieser Szene so angepasst und niemand ist das mehr als die Nazis. Sie sind so lächerlich konform, dass wir das alles in einem sehr sarkastischen Licht dastehen lassen wollten. Das ist dann der Punkt, den die meisten Leute nie auch nur Ansatzweise nachvollziehen konnten: wir sind sarkastisch. Nebenbei sind zwei von uns Juden – wir sind also offensichtlich keine Nazis. Heutzutage nimmt man alles so direkt und niemand versucht hinter etwas zu blicken, viele haben nicht versucht, hinter unsere Metaphern und unseren Sarkasmus oder sonst etwas zu blicken.

Wie kommt die Verbindung von Nazi- und Sexsymbolen zustande? Ich meine z.b.: „sex concentration camp, „nazi hats and sex regimes, „lipstick ss etc. – kannst Du mir das noch erklären?

Brandon: Der erste Song z.B. von dem Du spricht heisst „love in the sex prison und er sagt natürlich gar nichts über Nazis, die anderen sind übereinstimmend. Wir machen keinen Fetisch aus Faschismus oder irgendetwas in dieser Richtung. Es ist hier, wie ich sagte: wir nutzen eine Menge Metaphern und Symbole in unseren Texten: sexual imagery, political imagery, etc.

Eure Lyrics handeln oft von Unterwerfung in irgendeiner Form, das letzte Cover sah ebenfalls danach aus.

Brandon: Alle unsere Songs enthalten autobiografische Elemente aber die sind in einer so stumpfen, so verfremdeten Art und Weise eingeflossen, dass es vielleicht schwierig ist, diese noch klar zu erkennen. Ich komme damit ganz gut klar – auch mit der von Dir genannten Unterwerfungssymbolik.

Die letzten Texte, die ich geschrieben habe, waren z.B. minimaler und konfessionellerer Art. Ja, auf dem letzten Album handelten tatsächlich viele Lyrics von der Unterwerfung. In einigen Momenten kann Liebe die totale Unterwerfung des Herzens und des Partners/Liebhabers sein. Faschismus, für das einzelne Individum, ist übrigens die totale Unterwerfung für den Staat.

Gut, eine letzte Frage noch zu Eurer Symbolik: sicherlich fragen alle Interviewer Euch in irgendeiner Weise reichlich dazu aus – stört Euch das?

Brandon: Da hast Du schon recht und ich kann auch verstehen, warum die Leute sich für diese fragen interessieren. Aber ja, es ist so, dass nun nach über einem Jahr des Antwortens der oft selben Fragen ein wenig Langeweile eintritt. Ich habe mich davon fort bewegt und weiter gedacht.

Wenn Du sagst, du hast Dich da weiterentwickelt – wohin und was kommt als nächstes?

Brandon: Nun, wir entwickeln uns als Musiker ja ständig weiter, wie ich finde, und oft schneller als unsere Fans. Unsere neuen Sachen sind nicht so hektisch, nicht so geschrieen, aber dafür melodischer. Wir sind noch immer recht düster und experimentell, aber eben nicht mehr die ganze Zeit das komplette Chaos. Wir werden ja sehen, wie es die Leute aufnehmen.

Magst Du denn noch Euer erstes Album? Es kommt ja nicht selten vor, dass sich Bands von den frühen Werken abwenden.

Brandon: Ich bin schon froh, dass wir so etwas gemacht haben – etwas, dass nicht wie alles andere zu der Zeit klang. Manche der Songs bringen mich heute in Verlegenheit, wenn ich die höre und ich hasse die Produktion. Trotzdem bin ich froh, dass wir das gemacht haben. Heute würde ich niemals so etwas machen aber ich war damals 19 oder so. Der Geschmack ändert sich. Ich denke, es ist eine gute Platte.

Schön. Brandon, Du hast auf dem ersten Album recht exzessiv Saxophon gespielt – was ist mit der aktuellen Platte? Ich weiss, dass Du James Chance verehrst und dass Du einige Saxophon Klänge auf der ersten Crime Desire Platte gespielt hast. Was wird aus der nächsten Platte?

Brandon: Oh, ich habe auch auf der aktuellen Platte sehr viel Saxophon gespielt – sogar in eigentlich jedem Song. Aber anstelle wilder Saxophon Solos – wie auf unserem ersten Album – habe ich das Instrument weiter nach hinten verlegt und versucht, es wie eine Gitarre zu nutzen und meine eigenen Parts geschrieben – damit konnte ich dann vervollständigen, was Charles an der Gitarre machte.

So waren die Saxophon Parts von mir nicht gedacht, als ein an der Spitze unserer Musik sitzendes Element, sondern mehr etwas, was sich in die Musik integriert und zum Rest passt. Genauso habe ich meine Stimme zum Wohle des Rests verändert. Ich wollte eben wie jedes andere Instrument klingen und ins Ganze passen. So ist meine Stimme im Endmix natürlich sehr laut. Wir haben eine neue Single und einer der Songs ist ein David Bowie Cover – auf diesem Stück spiele ich ein ziemlich dreckiges und gemeines Saxophon Solo.

Ich dachte, Ihr hättet ein Nick Cave Cover für eine Single geplant. Was ist denn daraus geworden?

Brandon: Genau, das kam nun auch raus. Es ist seit April in den USA zu haben aber ich bin nicht sicher, ob Ihr das in Europa bekommen könnt. ThreeOneG hat hier eine Compilation veröffentlicht und die heisst „Release the Bats. Auf dem Sampler ist unser Cover Song mit vielen anderen Nick Cave Covers enthalten. Das ging mit der Veröffentlichung ziemlich schnell. Meine Lieblingsstücke sind von: Cattle Decapitation, Melt Banana, Some Girls, and ssion. Ach ja: und natürlich unser eigenes, hahahaha

Ich bin gespannt und werde mir den Sampler mal besorgen, danke. Da fällt mir noch eine nette Geschichte ein, die ich von Euch gelesen habe: Ihr habt mal in einem Museum irgendwelche Yuppie-ärsche auf äusserste genervt – was war das?

Brandon: Haha. ja, wir wurden eingeladen für einem Museum für zeitgenössische Kunst zu spielen, das mitten im Herzen von San Diego liegt, indem die ganzen Banken etc. stehen. Es war ein Outdoor Event, kostenlos und begann gegen 17 Uhr, also als alle Businessmenschen nach Hause gingen. Wir kamen dort ziemlich früh an, um den Soundcheck zu machen und der Promoter gab uns einen Wodka nach dem anderen. Der Typ meinte, er hätte gerne, dass wir möglichst „punk“ sind. Er war ein Idiot. Als es dann los ging, waren wir ziemlich betrunken.

Jede Menge Yuppies plus deren Familien waren vor Ort, ausserdem vielleicht 50 Punks ganz vorne vor der Bühne. Eigentlich sind wir damals dann gar nicht besonders von unserer normalen Live Show abgewichen – vielleicht waren wir etwas destruktiver als gewöhnlich – aber die Leute waren schockiert. Sie wollten geschützte, sichere Kunst, haha. Der Promoter gab mir einen Schlag auf den Kopf nach der Show.

Das war doch eine passende Geschichte für den Schluss. Wenn Du noch etwas anmerken möchtest, bitte!

Brandon: Ich denke, ich erzähle einfach ein bisschen was von den anderen Projekten, die der Plot so laufen hat: Chuck spielt Gitarre bei Some Girls (www.somegirlshaveallthefuck.com) und wir beide spielen zusammen in einer Band, namens Rowland and the Vultures (www.myspace.com/charlesrowland). Willy, Brian und ich haben eine Band, die sich The Prayers (www.myspace.com/theprayers) nennt. Der Plot wird früher oder später nach Europa zurück kehren, denn wir würden das sehr gerne tun. Also, jeder der dies liest kann uns gerne Flugtickets schicken, danke!

Danke auch.

***

Homepage: www.blowuptheeiffeltower.com

Bilder: Die habe ich von der Plot Homepage und von Brandon, ausserdem eine handvoll selbst geschossen.

Interview: Andreas Lehnertz

The Plot To Blow Up The Eiffel Tower Diskografie:

2003 – If You Cut Us, We Bleed 7 (Can’t Never Could Records)

2003 – If You Cut Us, We Bleed CD-EP (Happy Couples Never Last)

2003 – Dissertation, Honey CD/LP (Happy Couples Never Last)

2004 – Spit With Neckie Party 7 (Can’t Never Could Records)

2005 – Love In The Fascist Brothel LP (Three One G)

2005 – Love In The Fascist Brothel CD (Revelation Records)

2006 – INRI/Boys Keep Swinging 12/CD-EP (Art Fag Records)

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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