März 23rd, 2019

THE HIRSCH EFFEKT (#154, 2012 )

Posted in interview by Jan

Es wird langsam Herbst. Der laue Herbstwind weht einem um die Ohren und es wird kälter. Ein idealer Abend für ein Konzert der post-mortalen Jungs aus Hannover – Ladies and Gentleman: The Hirsch Effekt. Vor dem Konzert traf ich mich mit Nils und Ilja (Gitarrist und Bassist) im Innenhof des Exhauses in Trier. Auf Bierbänken sitzend wird der Zweidrittel-Hirsch Effekt nun ausgequetscht. Wir reden über das Album, Liebe und eine wirklich skurile Tourgeschichte.
Stellt euch doch mal kurz vor…
Nils: Also so jung sind wir gar nicht mehr. Phillipp ist nämlich schon 31 und ich bin 27.
Ilja: Und ich bin 23.
Nils: Also ich bin Nils. Ich spiele Gitarre und singe und schreie.
Ilja: Ich bin Ilja ich bin der Bassist.
Nils: Genau und es fehlt Philipp der Schlagzeuger.
Die Frage hört ihr garantiert sehr oft. Hirsch Effekt. Wieso dieser Name?
Nils: Also, wir saßen in unserem Proberaum. Ich und Philipp damals noch alleine ohne Ilja und haben im Kopf nach ’nem Bandnamen gesucht und Philipp hatte mal was von dem Hirsch Effekt gelesen, wusste aber auch nicht mehr was das ist. Er meinte dann ‘Was hältst du denn von Hirsch Effekt‘ und dann meint ich halt ‘mhm‘. Da meint er dann ‘Wir können ja noch ein The davorpacken‘. Alle guten Bands fangen mit The an. The Metallica und The Iron Maiden.

Ist unser Standardwitz haha und dann haben wir im Nachhinein gelesen, was der Hirsch Effekt tatsächlich ist und fanden das halt so witzig, weil jeder assoziiert ’nen Hirsch damit oder manche wohlmöglich auch so ‚en Kräuterschnaps oder so aber keiner denkt halt daran, dass es ein medizinisches Phänomen ist, was nach einer Frau benannt worden ist, die grade Hirsch hieß. Diese Frau hat dann auch noch eine recht interessante oder bewegende Lebensgeschichte. Obwohl sie halt eine Pionierin auf ihrem Gebiet war, als erste Frau im preußischen Reich zugelassene Ärztin, ist sie halt dann vereinsamt und auch wohl ziemlich verrückt in ’ner Irrenanstalt gestorben. Dieser ganze Hintergrund ist halt so tiefgreifend und trotzdem ist der Name irgendwie so catchy, dass wir das gut fanden.
Ich hab gelesen, ihr spielt heute Abend neue Songs. Neues Material, wie ist das, hebt sich das von dem alten Material ab oder bleibt ihr bei dem Stil, den ihr auf der ersten Platte hattet?
Ilja: Ziemlich schwierige Frage…
Nils: Richtig, ist ’ne schwierige Frage für einen selbst zu beantworten aber ich habe – ich weiß nicht mehr auf welchem Konzert – aber auf einem der Konzerte gehört, dass jemand gesagt hat, das ist irgendwie… Man brauch einen Moment um da reinzukommen, aber am Ende denkt man ja es ist wieder ganz typisch Hirsch Effekt. Sofern sind wir uns offensichtlich in irgendeiner Weise treu geblieben. Obwohl man sagen muss… Also die Songs auf dem alten Album sind ja auch nicht alle gleich und man kann da auch nicht sagen ‘Das ist jetzt DER Stil‘. So wird das auch bleiben.
Ilja: Eben und ich glaub auch jetzt, die zwei Songs, die wir spielen das ist nicht ausschlaggebend, wie das ganze Album klingen wird. Weil ich glaube, dass es wieder extrem divers sein wird. Das sind jetzt nur zwei Songs, die wir im März geschrieben haben. Da entstehen halt noch weitere Songs und ich würde jetzt, wie gesagt, von den zwei Songs nicht auf’s ganze Album schließen.
Nils: Der große Unterschied zum alten Album ist glaube ich, dass wir uns vorher gesagt haben ‘Wir müssen jetzt nicht jeden Song live spielen können, den wir auf dem Album haben‘. Wir Haben ein paar Songs auf dem alten Album, die wir sowieso weiterhin spielen werden, wir brauchen die nicht alle für’s Konzert. Wir haben die Freiheit, auch Songs zu schreiben – und davon wird es auch mindestens zwei geben auf dem Album – die sich einfach Live nicht umsetzen lassen, mit der Besetzung die wir haben.
Dazu gehört dann warscheinlich auch dieser Übergang, ich meine zwischen Laxamentum und Vituperator, diese Chor-Sache? Die könnt ihr wohlmöglich auch nicht unbedingt live machen.
Nils: Ne, genau. Es gibt ja auf dem alten Album vier Interludes, die haben wir auch noch nie live gespielt Sowas wird’s auf dem neuen Album auch geben. Aber es wird auch ganze Songs geben, die nicht live performt werden können. Ohne Hilfe von Streichern, Bläsern und Klavier, weil das halt nicht bandlastig ist. Es wäre dann zuviel Playback.
Das Album von euch, Holon:Hiberno, war also ’ne ziemlich bunte Mischung. Ich hab gelesen, wie eine Süßigkeitentüte. Wie kamt ihr dadrauf die ganzen Sachen so zu vermischen? Also, ist Einfluss-mäßig irgendwas da gewesen oder kamt ihr einfach von selber dadrauf?
Nils: Also wir haben einfach das gemacht, wodrauf wir Bock hatten. Also, ein schönes Beispiel ist glaube ich dieser Hiberno Song, der sehr elektronisch ist und glaub ich so der poppigste und der so am meisten raussticht. Den hab ich zuhause am Rechner vorbereitet, da hatte ich Bock drauf, sowas mit Elektro-Kram zu machen. Ich hatte ja erst gar nicht gedacht, dass das überhaupt was für die Band ist. Ich dachte ich mach’s einfach so für mich und dann stieß es irgendwie auf Anklang und ließ sich dann doch mit der Band verbinden und dann haben wir das halt gemacht.

Es war jetzt nicht so, dass wir vorher gesagt haben, okay wir brauchen jetzt hier noch was elektronisches und da brauchen wir noch was post-rockiges, sondern es war einfach so das worauf wir Lust hatten und daraus sind dann halt diese Mischungen entstanden. Das ist, glaube ich, sowieso das, was uns am Musik machen reizt. Sich nicht irgendwo festzulegen oder das muss so / das darf nicht so sehr so. Wir sind an einigen Stellen ja auch grenzwertig kitschig und an manchen Stellen dann auch… wie sagst du so schön Ilja?… Dann ist das übelstes ‘Geschrupp‘. Wir haben halt auf beides Bock. Wir hören auch beide extreme.
Wo wir gerade eben beim Thema waren, Orchester und Chor. Wie kamt ihr dazu?
Nils: Auf dem letzten Album haben ausschließlich Freunde von uns oder Bekannte gespielt, Ilja, Ich und Philipps Freundin studieren oder studierten an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und ich komm sowieso aus der Klassik, ich studiere klassische Gitarre und dann hatten wir die Leute an der Hand und konnten die fragen, ob die Bock hatten. Dann haben wir das arrangiert, ich hab das notiert in und dann haben die das gespielt. Ist gar nicht so weit hergeholt, wie das für manche Leute wirken mag.
Thema Aktuelle Musik. Habt ihr da Favoriten?
Ilja: Ich bin auf Nine Inch Nails gestoßen vor kurzem. Das ist an mir völlig vorübergegangen und find das ist einfach nur eine unglaublich großartige Band. Hab mir dann auch alle Platten gekauft. Fahr total drauf ab. Zumindest von meiner Seite.
Der Schlagzeuger, Philipp, kommt kurz dazu, weil er den Schlüssel von Nils haben möchte.
Ilja: Philipp, erzähl du doch mal grade. Was hörst du denn grade? Grade die Frage. Musikalische Tipps.
Nils: Philipp, wenn du das nächste mal in ein Interview springst, sag mir doch Bescheid.
Philipp: Haha. Wenn du einen heißen Tipp brauchst: Knalpot. (Reinhören, total irre.)
Songs wie ‘Zoetrop‘ – das ist ja mit ‘der böse Staat, das liebe Geld‘. Das ist ja sozialkritisch oder generell kritisch gehalten. Ist das ein Einfluss für euch?
Nils: Die Kernaussage von dem Song ist ja irgendwie: Das ist so, weil wir den ganzen Dreck hier haben wollen. Das ist eher ein sich-selber-an-die-Nase-fassen. Wenn man das runterbricht, geht es gewissermaßen um Geld, um Besitztümer und überhaupt Kapitalismus wenn man das jetzt platt sagen will. Also die Frage: Warum ist das eigentlich alles so? Da muss man sich auch mal an die eigene Nase fassen, man will ja diesen ganzen Scheiß auch haben. Sieh mich an, ich hab Klamotten an. Irgendwoher müssen die kommen. Die sind auch relativ ‘modisch‘.

Sind ja auch keine 100 Jahre alten Klamotten aus dem Second-Hand-Laden. Ich will auch ’nen geilen Verstärker haben und ’ne geile Gitarre. Es ist nicht so ein ‘Mach das so‘ oder ‘Ihr seit schlecht‘ sondern es soll eher ein bisschen zum Nachdenken anregen. Deshalb ist Gesellschaftskritik jetzt auch irgendwo das falsche Wort. Wir haben auf keine der Fragen, die wir aufwerfen eine Antwort.
Ilja: Wir hätten viellecht Antworten, aber das würde alleine in der Band schon so unterschiedlich ausfallen, weil doch jeder anders geprägt ist und ein Individuum für sich selbst ist.
Da gibts jetzt auch Songs, die ziemlich emotional gehalten sind. Lentevelt würde mir dazu einfallen. Habt ihr da aus eigener Erfahrung geschrieben, erzählt ihr Geschichten oder wie haltet ihr das?
Nils: Der Text von Lentevelt, zumindest die Zeile ‘Und Antworten spart man sich, das nicht funktionieren des Pulsmessers, das einfach viel zu stumpf ist. Wir werden uns morgen also wiedersehen‘ stammt gar nicht von mir sondern von Herbert Hindringer. Steht auch im Booklet. Ist also nicht so, dass ich das geklaut hab. Er weiß das auch. Stand in einem Buch, was mir jemand mal geschenkt oder geliehen hat. Was ich damit verbinde ist… es geht ja um das Thema Trennung und die Idee dahinter. In Lentevelt wird ja behauptet, wenn wir uns wirklich wollen, wird das auch morgen funktionieren. Also, wir können jetzt auseinander gehen und wenn wir uns wirklich lieben, werden wir auch wieder zusammen finden. Das steht ja im Widerspruch und ich glaube auch nicht, dass das funktioniert, ist eher ein gelogener Trost.
Wo holt ihr den so die Texte her zum Beispiel ‘Mein Kopf ein Arsch, mein Herz ein Loch‘
Nils: Das ist jetzt wiederrum von mir. Das was ich eben zitiert habe war Herbert Hindringer und ab dem…
Ilja: …und an jenem Tag wird genüg Frühling sein.
Nils: Genau. Was damit gemeint ist. Eigentlich soll sich ja jeder soll sich selber ein bisschen das erschließen… Es gibt immer zwei Sachen in einem, also einmal der Kopf und einmal das Herz – so geht mir das jedenfalls oft. Ist schwer, das immer alles in Einklang zu bringen. Der Kopf will meistens was anderes als das Herz und andersrum. Diese Ambivalenz oder dieser Zwiespalt soll eigentlich durch diese Textzeile ausgedrückt werden. Also dass das Herz manchmal wie ein Loch ist, das dort soviel reinfällt und auch dass es so viel schwerer ist für ein Herz etwas loszulassen, auch wenn man im Kopf schon damit abgeschlossen hat.
Mal ein kompletter Themenwechsel. Midsummer Records. Wie kamt ihr dahin?
Nils: Der hat mich angeschrieben der Tim (von Midsummer Records) über Myspace, das war ja damals noch ziemlich präsent. Irgendwie ist der auf uns gestoßen und hat gesagt ‘Ich hab gesehen, ihr habt ja nen Trailer für ein Album. Ihr wollt ja offensichtlich ein Album aufnehmen‘. Dann hab ich geschaut und hab gesehen, dass da Dead Flesh Fashion sind. Die waren mir halt ein Begriff. Wir fanden das gut, dass er nicht nur eine Musikrichtung hat, sondern er hatte damals noch so ne Indie Band, die hießen Kismet.. Auch The Black Atlantic, die sind Songwriter, auch so Folk-mäßig, die ich auch sehr gut fand. Ich fand halt, dass alles was er da am Start hatte, Qualität hatte, aber trotzdem sehr unterschiedlich ist. Dann hab ich mich mit ihm getroffen, wir haben uns gut verstanden und das war dann ne gute Sache.
Ihr habt ja mit Caleya schon getourt?
Nils: Ja, das sind gute Freunde von uns. Ich war auch mit dem Gitarristen letztes Jahr zwei Wochen im Urlaub mit dem Wohnmobil und bin auf seiner Hochzeit eingeladen. Die laufen uns halt immer wieder über den Weg auf Tour. Aber eine richtig lange Tour haben wir mit denen noch nicht gespielt, sondern immer nur mal so ein Wochenende mit Caleya oder auf der Tour haben die uns dann zwei Tage begleitet. Aber eine ganz lange Tour haben wir noch nie zusammen gespielt. Ich habe die allerdings zwei mal gefahren. Einmal fünf Tage und einmal sieben Tage. Da war ich dann als Fahrer und als Roadie so dabei.
Habt ihr sonst so Kontakt zu den anderen Midsummerbands?
Nils: Nicht wirklich. Doch zu Akela, die kennen wir persönlich. Neuerdings. City Light Thief kennen wir auch.
Habt ihr das neue Album von An Early Cascade schon gehört?
Nils: Ne noch nicht, ich hab nur gesehen, dass die im Fuze unter den Top 5 ist. Das ist natürlich mal eine Leistung. Das hat mich dann dazu angeregt, mich damit nochmal zu befassen, aber dann ging die Tour los.
Die beste Konzertlocation?
Nils: Dresden Ostpol ist auf jeden Fall bei mir ein Favorit.
Ilja: Kann ich jetzt nicht genau beantworten. Da gibts einige Orte. Was mir jetzt spontan einfällt, wäre das Substage in Karlsruhe. Es gibt viele…
Nils: Aber auch aus verschiedenen Gründen. Mal liegt es an den Leuten, mal ist der Sound da total genial, mal das Ambiente. Treue in Bremen find ich auch sehr schön. Chez Heinz in Hannover fühl ich mich immer sehr wohl.
Was tut ihr, wenn ihr nicht mit Hirsch Effekt auf Tour seid? Habt ihr ‘Jobs‘?
Ilja: Wir studieren alle. Nils studiert klassische Gitarre, ich studier Popularmusik – auch in Hannover.
Nils: Der Philipp studiert Informationsmanagement.
Mein Gott, ich kann meine eigene Schrift nicht lesen… Habt ihr noch eine Story, die sich so ein wenig von dem regulären Tourleben abhebt?
Ilja: Stichwort Solingen sag ich nur…
Hau raus!
Nils: Ganz skuril…
Ilja: Ganz komische Leute…
Nils: Es gibt da so zwei Herren jenseits der 30, vielleicht auch der 40, die total musikbegeistert sind, in Solingen. Die haben seit so einem Jahr einen Internetblog und jetzt auch angefangen ein paar Konzerte in Solingen zu machen. Die haben ein kleines Festival organisiert. Also, ein Indoor-Festival an einem Tag, sieben Bands für neun Euro. Das war das erste Festival in dem Umfang und es war auch alles super, bis auf die Schlafmöglichkeit.

Die sind dann auch, als das Konzert vorbei war, zum Teil gefahren und es blieben auch noch ein paar Leute von diesem Verein da – da gehört wohl auch noch so en Verein dazu. Es war halt nicht so wirklich klar, wer schläft jetzt hier und wer nicht und auf einmal lagen auch irgendwelche Zuschauer in den Band-Betten. Es waren halt auch sehr skurile Typen. Ein junger Mann, der da fotografiert hat, erzählte dann, dass er aus psychologischer Rache ein Verhältnis mit der Mutter seiner Ex-Freundin beginnen wollte.
Ilja: Was dann auch noch zur Hälfte hingehauen hat und er uns auch noch die SMS hinterher gezeigt hat so nach dem Motto ‘Guck mal, die hat mir geschrieben‘.
Nils: Wirklich unfassbar skuril wo man echt so dachte ‘Was ist denn hier los?!‘ Dann ließ in dem Bandraum, wo die Bandbetten waren, auch nicht schlafen. Da waren Hochbetten drin. Ich hab mich dann irgendwann auf die Bühne mit meinem Schlafsack gelegt und irgendwann fiel auch noch irgendjemand betrunken auf mich drauf, den ich dann barsch weggeschubst habe mit den Worten ‘Verpiss dich‘. Das fand er dann wiederrum nicht so witzig, aber ich glaube, das ist dann die natürlichste Reaktion wenn im Schlaf jemand auf dein Gesicht fällt… Das ist so ziemlich das krasseste.
Ilja: Es waren wirklich alle Leute betrunken und du hattest das Gefühl, niemand hat den Laden mehr irgendwie unter Kontrolle. Läuft so ein halbnackter Typ durch die Gegend und sagt ‘Hallo ich bin Casper, willst du mich ficken?‘ Ganz, ganz komische Leute.
Nils: Auch der Typ, der mir erzählte, das nach der Blinddarm-Operation seiner Freundin die Mutter seiner Freundin ihm einen geblasen. Erst mal: Was will ich das wissen? Und was ist das auch für ne Geschichte? Nach der Blinddarm-Operation. Das kann mir keiner erzählen, dass das die Wahrheit ist.
Ilja: Ja, soviel dazu…
Habt ihr irgendwelche letzten Worte zu dem Interview?
Ilja: …Rock’n’Rohl. (Auf Wunsch von Ilja: Rohl anstatt dem üblichen Roll)
Nils: Ja, Vielen Dank. Sorg mal dafür, dass das neue Album ins Trust kommt.

Autor:  Stefan Pramel

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