März 16th, 2007

THE EVENS (#113, 08-2005)

Posted in interview by jörg

Ian McKaye bleibt auch im Jahre 2005 noch relevant. Natürlich will jeder wissen was mit FUGAZI ist – nun die Band selbst spricht von einer „nicht genauer begrenzten Pause“.

Zusammen mit Amy Farina (ex-THE WARMERS) gründete er 2001 THE EVENS. Irgendwann taucht ein erstes Lied auf der von SONIC YOUTH gegründeten Homepage www.protest-records.com auf, die dort ausschliesslich kritische Beiträge zum Irakkrieg von Künstlern wie den BEASTIE BOYS, JIM O`ROUKE oder eben THE EVENS zum kostenlosen download bereitstellen. Dann ein sehr unterhaltsames Video, das auf einer Homepage zur spielerischen politischen Erziehung von Kindern zu finden ist.

Ende 2004 dann die dezente Meldung das THE EVENS mit THE EX auf Jubiläumstour gehen und es im Vorfeld auch noch zwei Auftritte in Norddeutschland geben wird. Durch einen glücklichen Zufall befinde ich mich zu dem Zeitpunkt in der Nähe von Hannover und sehe in der Korn eines der ungewöhnlichsten und interessantesten Konzerte der letzten drei Jahre. Das jetzt erschienene, selbstbetitelte THE EVENS Album ist dann natürlich ebenfalls keine Enttäuschung. Vertrackte Rhythmik, zweistimmiger Gesang, dezente Lautstärke und eingängige Melodien sind die Stärken des Albums.

Das Layout und Design ebenso funktional und schlicht wie die Musik. Einen passenden Termin für das Telefon-Interview zu finden ist nicht einfach, aber am 24.März erreicht mich dann ein Anruf von Ian. Er sei zwar gerade sehr beschäftigt, könne sich aber jetzt etwas Zeit nehmen.

Er entpuppt sich als auskunftsfreudiger, nicht gerade einfacher aber nichtsdestotrotz sehr beeindruckender Gesprächspartner. Nach ca. einstündigem Interview bietet er an, ihn nochmals anzurufen, wenn man noch Fragen hätte. Ein Angebot auf das ich nicht mehr zurück kommen musste…

***

Du bist gerade dabei eine Tour zu buchen?

Ian: Nein nicht wirklich. Ich bin gerade dabei mich um alles mögliche zu kümmern. Ein permanenter Zustand – ich arbeite.

Kannst du dich daran erinnern, wann es mit THE EVENS anfing? Hattest du ein fertiges Konzept im Kopf? Oder hast du nur mit einem Freund „rumgejammt“ und es hat sich dann einfach weiterentwickelt?

Ian: Beides. In anderen Worten: Ich hatte schon darüber nachgedacht – was die Musik anging. Aber es war auch so das es sich klarer formte, nachdem ich mit Amy zu spielen begann. Die Idee wurde sehr konkret, mehr als ich selber je gedacht hatte. Mein Punkt ist… Ich denke ständig nach und ich hatte diese Ideen über Musik und wie man diese präsentieren könnte.

Und Dinge die ich am Musikgeschäft nicht mag. Ich sagte also zu mir selbst das ich irgendwann versuchen würde diese Ideen umzusetzen. Dann begann ich im September 2001 mit Amy Musik zu machen und diese komplett andere Sache entstand. Etwas grossartiges, eine sehr natürliche musikalische Zusammenarbeit. Von der ich dann absolut begeistert war und mir klar wurde das sich hier ganz andere Möglichkeiten eröffnen. Wir kennen uns seit vielen, vielen Jahren und haben ständig davon gesprochen zusammen zu spielen.

Und schlussendlich liessen wir es einfach drauf an kommen, versuchten es und es war grossartig. Es war nicht so das wir eine Band starten wollten, sondern wir wollten einfach nur Musik machen und taten das bei mir im Keller. Darüberhinaus haben wir uns keine Gedanken gemacht – es ging nie darum ob man in dieser Konstellation Platten aufnehmen oder Konzerte spielen könnte. Wir wollten einfach nur zusammen spielen.

Habt ihr jemals darüber nachgedacht noch jemanden mit hinzu zu nehmen?

Ian: Hm, eigentlich nein.Es waren eigentlich immer wir zwei, auch wenn manchmal jemand vorbei kam und einfach mit uns gespielt hat. Aber wir haben uns nie darüber Gedanken gemacht noch jemanden mit an Bord zu holen.

Hast du eigentlich von Beginn an eine Bariton Gitarre verwendet? Oder wolltest du damit ab einem gewissen Punkt die Lücke zwischen Gitarre und Bass füllen?

Ian: Wir hatten ein paar Lieder bei denen ich eine normale Gitarre benutzt habe, die jedoch anders gestimmt war. Aber dieser tiefe Klang der Bariton Gitarre hat uns auch sehr mit dem singen geholfen, da die Tonlage gut zu unseren Stimmen passt.

Und es ist einfach dieses fehlende Glied zwischen Gitarre und Bass, das ich sehr mochte. Ich liebe tiefe Frequenzen. Und es war eine gute Möglichkeit diese Frequenzen einzusetzen, ohne wirklich mit einem Bass zu spielen.

Wenn die Leute den Namen THE EVENS hören, mit was sollten sie ihn deiner Meinung nach in Verbindung bringen?

Ian: Ganz einfach – ich möchte das die Leute sich Gedanken machen. Das ist eigentlich alles. Ich möchte nicht, das sie damit etwas festes, ganz konkretes verbinden. Für uns bedeutet er, das wir uns gegenseitig „ausbalancieren“, das wir uns gut ergänzen. Und das ist etwas, was man auf das Leben an sich umsetzen kann. Wir alle Suchen im Leben nach Ausgeglichenheit. Niemand will die ganze Zeit faul sein, aber man will doch auch nicht sein ganzes Leben arbeitend verbringen. Man sucht nach Ausgeglichenheit.

Als ich THE EVENS im Korn in Hannover sah fühlte sich das sehr anders an als die meisten Konzerte die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Das ganze war sehr direkt, sehr kommunikativ. Habt ihr am Anfang der Band bewusst daran gearbeitet, eine solche Atmosphäre zu schaffen? Mit eurer selbst mitgebrachtem PA oder das die Zuschauer sassen?

Ian: Hm, in gewisser Weise schon. Wir wollten Musik machen, die direkt ist. Viele Punk Shows, oder FUGAZI Konzerte oder allgemein Konzerte bei denen ich war… Wie soll ich das jetzt erklären? Viele davon waren so abgetrennt, so ritualisiert, so unkommunikativ. Und bei Punk ging es für mich immer um Kontakt, darum den Leuten nah zu sein. Um eben wirklich zu kommunizieren und oft sah ich das einfach nicht mehr gegeben.

Bei FUGAZI lief das so ab, das wir ein Lied spielten, die Leute das höflich zur Kenntnis nahmen, wir spielten das nächste Lied und so weiter. Das war alles so vorhersehbar. Eine andere Sache war, das es oft völlig daran vorbeilief, um was es bei Musik wirklich gehen sollte.Es scheint oft so das Leute sich nicht mehr für Musik interessieren sondern einfach zu einer „Show“ gehen wollen. Das hat sich einfach auch nicht mehr gut angefühlt.

Ich wollte also mehr zu einem intimeren Rahmen zurückgehen, bei dem sich die Leute mehr involviert fühlen. Amy und ich haben dann viel darüber gesprochen und sind uns dann erst klar darüber geworden welche grosse Rolle Lautstärke bei dem ganzen spielt. Richtig laute Musik ist oft eine Barriere.

Bands schoten sich durch die Lautstärke ab, verstecken sich fast schon dahinter. Und wir wollten es drauf ankommen lassen und einfach leiser spielen. Und ich denke das hat uns dann dazu gezwungen auch bessere Lieder zu schreiben. Denn wenn du wirklich laut spielst kannst du dich ganz auf die Lautstärke verlassen. Und Leute haben sich auch dahingehend entwickelt, das sie Lautstärke mit Power verwechseln. Damit bin ich nicht einverstanden, Power und Lautstärke sind für mich nicht das gleiche.

Ich denke das Lautstärke durchaus kraftvoll sein kann, aber um ehrlich zu sein: Die Dinge die mich wirklich berührt haben, die mich wirklich weggeblasen haben waren nicht laute Dinge. Diese wirklich grossartigen, „heavy“ Lieder waren meistens sehr ruhig. Diese Dinge die da komplett nackt und verwundbar vor dir sitzen. Mit FUGAZI haben wir über 15 Jahre extrem laute Konzerte gespielt und die Orte in denen wir gespielt haben waren oft wie Fabriken. Es war jeden Abend fast das gleiche und es war für mich an der Zeit etwas anderes auszuprobieren.

Und wie schafft man es aus dieser Fabrik rauszukommen? Man hört auf damit auf ihre Werkzeuge angewiesen zu sein. Und was sind diese Werkzeuge? Ein grosses PA System, all diese Teile der Rockindustrie. Und wir sagen einfach „wir wollen das nicht, wir brauchen das nicht“ und bringen stattdessen unsere eigene kleine PA. Und es fühlt sich gut an sich einfach von dem ganzen loszulösen und das ganze ausserhalb der Fabrik neu aufzubauen. Ich denke nicht das alle Clubs furchtbar sind, aber ich denke das es Raum für andere, neue Ideen geben sollte.

Wenn man über die Anfänge von FUGAZI liest, hört man ständig davon das ihr in Gallerien und anderen Orten gespielt habt, in denen niemals zuvor eine Rockshow stattgefunden hat. Habt ihr das mit THE EVENS auch wieder geschafft?

Ian: Klar, wir machen das ständig! Deutschland war dann auch der Ort wo es am schwersten war etwas passendes zu finden. In Holland und Deutschland war es nicht möglich etwas anderes zu finden, was sehr frustrierend war. Zum Beispiel das Konzert in der Korn. Das ist ein normaler Konzertort und dadurch erwarten manche Leute bestimmte Dinge. Und sagen uns dann das wir zu leise sind, oder ähnliche Dinge.

Die sind dann in einem Raum den sie kennen und in dem alles in einem immer gleichen Rahmen ablaufen muss! Ein Kerl sagte mir „ihr wart zu leise, es war langweilig“. Ich ich fragte ihn wo er stand und er meinte „hinten an der Bar“. Du bekommst halt nur zurück, was du auch in eine Sache reinsteckst.

An dem Abend haben dich ja immer wieder Leute auf FUGAZI angesprochen. Stört es dich das viele THE EVENS nur als Nebenprojekt zwischen zwei FUGAZI Platten sehen?

Ian: Nein, das stört mich nicht. Es stört mich auch nicht wenn Leute auf mich zukommen und mit mir reden wollen. Aber die Leute sollten auch respektieren das THE EVENS eine echte Band sind. THE EVENS sind bei weitem eine „echtere“ Band als es FUGAZI gerade sind – das ist verdammt sicher! Wir spielen Konzerte, wir nehmen Platten auf. Oft sind Leute halt auch unhöflich, aber das ist in Ordnung. Ich bin an unhöfliche Leute gewöhnt.

Hm, das ist ja ein Problem das Leute/Bands aus den USA oft haben, wenn sie in Deutschland angesprochen werden.

Ian: Ja, das ist bis zu einem gewissen Grad auf alle Fälle eine deutsche Sache. Ich denke das Leute oft zwei Sachen durcheinander bringen: Ehrlichkeit heisst nicht immer sofort das zu sagen, was man gerade denkt! Das ist nicht automatisch ehrlich! Denn oft denken Leute Dinge die verletzend oder angreifend sind. Und sagen diese ohne sich über eventuelle Folgen Gedanken zu machen… Ausser sie wollen mich bewusst verletzen oder beleidigen.

Jetzt wo das THE EVENS Album veröffentlicht ist und ihr bestimmt ein grösseres Publikum ansprechen werdet: Glaubst du ihr könnt diese Intimität und diese Atmosphäre auch auf grössere Bühnen übertragen?

Ian: Ich habe keine Ahnung. Warum nicht? Wir werden sehen was passiert. Was habe ich für Möglichkeiten? Uns aufzulösen bevor wir bekannter werden?

Hoffentlich nicht!

Ian: Wir haben schon vor grösserem Publikum gespielt, haben ein „richtiges PA-System“ benutzt. Uns ist es nicht wichtig mit einer kleinen, selbstgebauten PA zu spielen. Sondern das wir ein differenziertes Verhältnis zu Lautstärke haben. Und ein grosses Problem ist es, das Mischer und PA Leute das oft nicht verstehen. Und du umgehst das Problem in dem du dein eigenes Sound-System mitbringst.Das nimmt sie aus der Verantwortung. Und was die Zukunft angeht, keiner weiss was passieren wird! Bis wir es versuchen.

Du hast ja auch Recht. Ich habe durchaus schon sehr leise Konzerte vor grossem Publikum gesehen die sehr gut funktioniert haben.

Ian: Sicher! Es geht doch wirklich nur darum das einer sich traut, die Dinge anders anzugehen. Mit FUGAZI war es das gleiche! Jeder sagte uns, das „ihr das jetzt schon noch so machen könnt, aber später auf gar keinen Fall mehr“. Mein ganzes Leben höre ich diesen Scheissdreck schon.

Und ich denke einfach das es Falsch ist, immer so zu denken. Warum denken Leute immer so negativ, das fühlt sich für mich so hoffnungslos an! Ich war in der Hinsicht immer kreativ. Ich denke ständig über solche Probleme aber auch über Lösungen dazu nach. Ich sehe auch gar nicht ein warum ich jetzt damit aufhören sollte.

Hm, vielleicht habe ich den oberflächlichen Dingen zuviel Aufmerksamkeit geschenkt. Wie z.B. der selbst mitgebrachten PA. Und das waren für mich Dinge die sich in einem grösseren Rahmen nicht mehr umsetzen lassen.

Ian: Stell dir vor du triffst jemanden und du sagst zu dir selbst: „Diese Person ist wirklich sehr kreativ“. Und wenn du sie das nächste Mal triffst – willst du das sie wieder komplett gleich aussieht? Natürlich nicht! Wenn Leute kreativ sind werden sie ihr Aussehen verändern. Und die Idee hinter THE EVENS ist nicht das wir jedesmal gleich sein werden wenn wir auftreten. Wir werden INTEREssANT sein.

Und interessant bleiben.

Ian: Klar! Weisst du, nach 25 Jahren in denen ich in Bands spiele sollte es eigentlich klar sein. Ich habe Prinzipien denen ich folge. Aber ich habe keine strikten Regeln die ich einmal aufstelle und die für den Rest meines Lebens gelten. Ich denke lieber über Situationen und Probleme nach wenn sie entstehen.

Anfangs waren FUGAZI sehr klein und dann wollten uns plötzlich mehr Leute sehen und wir mussten andere geeignete Räume finden. Die Idee dahinter ist immer kreativ zu bleiben, sich immer über die Präsentation der Musik Gedanken zu machen. Und bei THE EVENS ist es genauso. Fakt ist das wir als wir von der Westküste zurückkamen plötzlich Konzerte für 400 – 500 Leute gaben. Und es hat trotz kleiner PA grossartig funktioniert.

Natürlich haben sich Leute beschwert das es hinten zu leise war. Was bleibt mir da übrig als ihnen zu sagen das sie einfach nur weiter nach vorne kommen müssen? Aber wir werden uns natürlich in grösseren Räumen überlegen müssen, wie wir den Klang über den gesamten Raum verteilen können, ohne die Leute wieder mit Lautstärke zu erschlagen. Wir wollen das die Leute in unsere Musik eintauchen können und sich nicht dahinter verstecken, wenn du weisst was ich meine.

Was mir beim Konzert in der Korn im Gedächtnis hängen blieb: Du sagtest „Music is sacred“. Sacred ist im deutschen ja ein sehr religöses, sehr genau definiertes Wort. Was bedeutet es für dich in diesem Zusammenhang?

Ian: Klar, ich benutze diese Wörter wie „heilig oder „gesegnet“ und das wirft Leute oft aus der Bahn. Das ich diese „christlichen Wörter“ benutze.

Das war jetzt auch gar nicht als Angriff gemeint.

Ian: Schon ok, ich versuche ja auch nur deine Frage zu beantworten. Also ich denke das wir unsere eigene Sprache besitzen und auch benutzen sollten. Wenn ich also diese Dinge sage wie „Music is sacred“ dann will ich damit folgendes sagen: Musik ist kein Witz, das ist nichts das mal kurz für Zerstreuung sorgt.

Ich bin mir sicher, das es Musik gab bevor wir sprechen konnten. Und das alleine lässt mich sicher sein das es falsch ist, Musik nur als Unterhaltung zu sehen. Für mich ist Musik ohne Zweifel heilig! Ich denke jeden Tag über Musik nach, ich arbeite jeden Tag an Musik! Ich bin von Musik umgeben.

Und bei fast allen wichtigen Ereignissen in der Welt war Musik zugegen. Und Musik ist eine der wenigen Gelegenheiten bei denen Leute sich versammeln und zusammenkommen. In Amerika gibt es keine regelmässigen Treffen mehr, die Leute kommen nicht mehr zusammen. Die Leute sitzen alleine vor ihrem Fernseher, vor ihrem Computer oder ziehen sich komplett in die Familie zurück. Da ist eine Menge Isolation und Musik ist noch immer eine der wenigen Gelegenheiten wenn Leute daraus ausbrechen. Um gemeinsam Musik zu hören.

Sie ist also nicht nur dazu da um uns zu unterhalten, Musik ist der Soundtrack zu unserem Leben! Was ich also damit sagen will wenn ich Musik als „heilig“ bezeichne ist folgendes: Der Grund warum ich an dem Abend in Hannover war, war nicht um ein „Show“ zu spielen, ich war nicht dort um Platten zu verkaufen, ich war nicht dort um ein paar Freunde zu treffen. Ich war wegen der Musik da.Wenn es nicht für die Musik gewesen wäre, dann wäre ich auch nicht nach Hannover gekommen.

Interessierst du dich heute eigentlich tiefer für Spiritualität oder Religion?

Ian: Nein. Nicht in der Art wie die Frage vielleicht gemeint war. Ich bin kein Mitglied irgendeiner religiösen Gemeinschaft. Wenn Leute mir diese Frage stellen sage ich meistens das ich ein „faithfull agnostic“ bin. Was soviel bedeutet wie das ich durchaus den Gedanken mag an etwas zu glauben, ich aber nicht wirklich gläubig bin. Es gibt durchaus Sachen die ich bei Religionen sehr kritisch sehe, aber ich habe kein Problem mit dem Glauben an sich, ich bin sogar froh wenn Leute etwas haben an das sie glauben können.

Wenn es ihrem Leben Sicherheit gibt, wenn es ihr Leben besser macht oder ihnen Kraft gibt – das ist durchaus eine gute Sache! Meine eigene Erfahrung oder meine Gefühle…hm… ich bin einfach nicht daran interessiert dieses komplett fertige Glaubensschema vorgesetzt zu bekommen. Den es braucht eine Menge Vertrauen gläubig zu sein, da es etwas sehr unlogisches ist. Da ist ja auch eine grosse Grauzone. Viele Leute sind ja auch der Meinung das du entweder religös oder eben extrem anti-religigös eingestellt bist. In meinen Augen sollten wir alle erstmal Leute sein dürfen.

Warum müssen wir eigentlich immer Mitglieder von irgendetwas sein? Irgendjemand hat mal zu mir gesagt „du hast alle diese christlichen Werte die du vertritts“. Ich wollte wissen welche meiner Werte jetzt speziell „christlich“ seien. Und er meinte „dein Pazifismus, deine Gewaltlosigkeit sind doch christliche Werte“. Und da frage ich mich warum den in aller Welt die Christen ein Vorrecht auf Gewaltlosigkeit haben sollten?!?

Das sollte eigentlich mehr mit gesunden Menschenverstand zu tun haben…

Ian: Weisst du, das ist etwas so offensichtliches! Aber das hat damit zu tun das…wirf einen Blick auf Amerika – diese Arroganz in diesem Land. Der Glaube das Amerika das einzige freie Land auf der ganzen Welt wäre. Das ist so ein Witz, so lächerlich! Freunde von mir sagen immer wieder Amerika wäre für sie das freieste Land und ich versuche sie immer von Gegenteil zu überzeugen.

Aber das liegt an der amerikanischen Art wie wir erzogen werden – dieser Anspruch auf das Wort Freiheit. Genauso sagen Leute, das „liebe deinen Nächsten“ ein christlicher Wert ist. Ich bin mir dagegen ziemlich sicher das es schon lange bevor Jesus auftauchte und bevor das alte Testament geschrieben wurde Menschen gab die ihren Nächsten liebten. Bevor es Krieg gab, hatten wir Frieden.

Soweit ich weiss haben FUGAZI nie eine Coverversion gespielt oder aufgezeichnet. Siehst du jetzt THE EVENS mehr in einem „Folk-Music-Context“ in dem es üblich ist die Musik von anderen neu zu interpretieren? Gibt es da Künstler die du gerne covern würdest?

Ian: FUGAZI haben durchaus mit ein paar Cover-Songs rumgespielt, aber mehr zu unserer eigenen Belustigung. Ich weiss was du sagen willst, aber die Sache mit dem „Folk-Context“… Ich persönlich denke das FUGAZI ja auch eine „Folk“ Band war, aber das hängt dann mehr von deiner Definition des Begriffes „Folk“ ab.

Hm, mal abgesehen von der Musik die man heute als „Folk“ bezeichnet würde ich sagen: Folk ist Musik „from the people for the people“.

Ian: Dann sehe ich aber gerade nicht warum THE EVENS mehr Folk sein sollten als FUGAZI.

Es ist glaube ich wiedereinmal die Tatsache wie THE EVENS auftreten. Diese sehr direkte, intime Art und auch die Tatsache das es wesentlich ruhiger ist als FUGAZI.

Ian: But it fucking rocks, man!

Das stimmt – ihr seit sehr rhythmisch und manchmal sehr treibend.

Ian: Siehst du! Es ist auch nicht so das wir jetzt Lieder anderer Künstler covern müssten, nur weil wir jetzt ruhigere Musik spielen. Wir würden das bestimmt tun wenn uns ein grossartiges Lied unterkommt. Aber bis dahin spielen wir lieber unsere eigenen Sachen.

Können wir uns kurz über dein neues Label „Northern Liberties“ unterhalten?

Ian: Was möchtest du darüber wissen?

Zum Beispiel was der Grund ist einen Künstler auf „Northern Liberty“ zu veröffentlichen.

Ian: Ich kann das wirklich nicht beschreiben…es gibt auf alle Fälle etwas was alle Künstler verbindet. Wenn ich etwas höre bzw. sehe und es mich bewegt, dann will ich es veröffentlichen. Leute die ich sehr schätze und deren Kunst ich schätze – das ist ein Grund deren Alben zu veröffentlichen. Aber es gibt kein Konzept das ich dir erklären könnte.

Und wie entscheidest du ob etwas auf „Dischord“ oder „Northern Liberty“ veröffentlicht werden soll?

Ian: Da gibt es eigentlich nie Konflikte. Die Platten die auf DISCHORD veröffentlicht werden, haben das Potential sich zu verkaufen. Bei NORTHERN LIBERTY hingegen presse ich bloss 500 Stück pro Veröffentlichung. Es wäre also nicht im Interesse einer DISCHORD Band ihr Album auf NORTHERN LIBERTY zu veröffentlichen und damit ihre Möglichkeiten zu beschneiden. Nehmen wir eine Band wie Q AND NOT U. Es wäre Wahnsinn ihnen nicht die Möglichkeit zu geben eine Menge Platten zu verkaufen.

ET AT IT dagegen – sinnlos sie auf DISCHORD zu veröffentlichen weil es dafür kein grosses Interesse gibt. Aber versteh mich nicht falsch. Erfolg hat für mich überhaupt nichts mit der Anzahl der verkauften Platten zu tun. Was mich interessiert ist es Musik in einem passenden Rahmen zu veröffentlichen. Mir ist es echt egal ob ich von einer Platte 500, 5000 oder 50 000 Stück verkaufe. ABER – wenn eine Band bloss 500 Stück verkauft will ich davon nicht 50 000 pressen und den Rest im Lager stehen haben. Es ist so einfach.

Du bist was deine eigenen Bands angeht in jedes Detail involviert. Hast du dir jemals gewünscht einer dieser „normalen“ Künstler zu sein, die eine Platte veröffentlichen, sie ans Label schicken und dann warten bis der Manager anruft und ihnen sagt wann sie auf Tour zu gehen haben?

Ian: Das ist jetzt nicht das was ich normal nenne würde. Kennst du jemanden der so arbeitet?

Na ja, ich kenne Bands die gerne so viel Verantwortung und Arbeit abgeben wie möglich.

Ian: Sei doch mal ehrlich. Das war so eine offensichtliche Frage! Eigentlich weisst du ja schon wie meine Antwort sein wird, oder? Wenn ich das gewollt hätte, dann hätte ich diese Arbeit schon lange abgeben. Ich möchte nie in einer dieser Bands sein.

Aber jeder hat doch seine schwachen Momente, oder?

Ian: Für mich sind alle diese Dinge die andere als lästig ansehen Teil der Musik. Zum Beispiel FUGAZI. All die Arbeit die wir uns gemacht haben, das Buchen der Touren das ich selbst gemacht habe bis hin zum Fahren unseres Vans… Es ist interessant das Leute oft denken das Musiker diese Dinge nicht tun sollten, aber es ist für mich ein wichtiger Bestandteil der Musik! Es ist wie ein Kind grosszuziehen. Da kannst du dich auch nicht weigern das Kind zur Schule zu fahren oder andere nicht so angenehme Dinge zu tun – denn das ist es wobei es beim grossziehen eines Kindes geht! Und bei einer Band sehe ich es genauso.

In einer Band zu sein heisst sich darum zu kümmern wo man spielt, es heisst sich dafür zu interessieren wie man vermarktet und beworben wird. Ich habe heute mit jemanden geredet und er hat mir erzählt das er auf etwas keinerlei Lust hatte, es aber trotzdem gemacht hat weil die Plattenfirma es verlangt hat! Warum tut man so etwas? Wie kann man sich selbst so von seiner eigenen Musik loslösen und abschotten lassen? Musik ist kein Witz – Musik ist heilig!

MILLIPEDE RECORDS aus Nürnberg hat ja gerade ein „A TRIBUTE TO DISCHORD RECORDS“ Album veröffentlicht. Hast du eine Ahnung warum Bands, die ja praktisch aus dir und deinen Freunden bestehen auf der ganzen Welt so einen Einfluss haben?

Ian: Nein, ich habe wirklich keine Ahnung. Vielleicht weil es Musik ist und Musik diese universelle Art hat Menschen zu erreichen. Aber es haut mich wirklich um, ich fühle mich wirklich sehr geschmeichelt. Ich würde mich ja niemals hinsetzen und ein Lied schreiben in der Hoffnung das es ein paar Leute in Deutschland irgendwann nachspielen.

Sondern ich schreibe Musik die mir in diesem Moment etwas bedeutet. Ich will ehrliche Musik machen, ohne mir Gedanken darüber zu machen wie es den Leuten gefällt. Wenn es dann aber jemanden so berührt finde ich das grossartig. Wenn es aber niemanden gefällt ist das für mich auch völlig in Ordnung.

Ist es für dich eigentlich seltsam, das Leute so grosses Interesse an deiner Person haben? Das sie dich interviewen, Interviews lesen oder mehr über den Künstler hinter der Musik erfahren wollen?

Ian: Nein, ich bin selber oft sehr daran interessiert wie Künstler gelebt haben.

Und wer im speziellen?

Ian: Ich bin ein riesiger JIMI HENDRIX Fan. Ich war so fasziniert von ihm, ich habe eine Menge Bücher über ihn, die BEATLES oder JANIS JOPLIN gelesen. Wenn ich ein Buch über BIG BALLS AND THE GREAT WHITE IDIOT finden könnte – ich würde das sicher lesen!

Ich bin immer interessiert daran was Leute antreibt und bewegt. Seit ich Musik höre war ich davon fasziniert wer diese Musiker sind und was ihre Motivation war. Ich habe eine riesige Büchersammlung und viele dieser Bücher setzen sich mit Musik auseinander. Ich habe sie nicht alle gelesen, wer weiss ob ich das jemals schaffe. Aber ich will immer etwas lernen, ich will immer mehr wissen.

Um nochmal auf die Interviews zurückzukommen. Wenn jemand an dem Interesse hat was ich tue oder zu sagen habe – und die Tatsache das du mich anrufst lässt darauf schliessen – und eine Frage hat, dann werde ich die gerne beantworten. Nur fürs Protokoll – du hast mich nicht über meinen Presseagenten kontaktiert, oder?

Nein. Hast du denn sowas?

Ian: Natürlich nicht! Das einzige Problem das ich oft mit Interviews habe ist folgendes: Ich will nicht das Leute denken das es wie bei all diesen anderen Bands ist, wo Interviews einfach nur dieses Vermarktungswerkzeug sind. „Ah – Ian McKaye hat ne neue Platte draussen und gibt wieder Interviews“ oder so… Wenn du heute rausgehst und all diese Musikmagazine anschaust und diese eine Person ist auf allen Titelblättern.

Das ist so dumm, denn man weiss ganz genau das so etwas nicht natürlich entstanden ist. Irgendjemand im Hintergrund hat die Fäden gezogen und für dieses „Interesse“ gesorgt. Es war bestimmt nicht so das alle diese Magazine gleichzeitig die Idee hatten diese eine Person anzurufen und zu interviewen. Stattdessen hatte die Band jemanden die bei all diesen Magazinen anruft und ihnen sagt „schreib über diese Band“.

Und die dann noch sicherstellt das alle Magazine im selben Monat die Band auf dem Titelblatt haben.

Ian: Ja, und zwar genau dann wenn das neue Album erscheint! Ich will mir über sowas aber keine Gedanken machen. Meiner Meinung nach ist eine Platte dazu da, um die Show zu unterstützen, nicht anders rum. Viele Bands gehen aber nur auf Tour um die Platte zu supporten. Ich bin sehr glücklich darüber, das die THE EVENS Platte draussen ist, damit die Leute die Lieder kennen wenn wir live spielen.

Aber ich bin nicht in der Band um Platten aufzunehmen. Sondern ich bin in THE EVENS um Musik zu spielen. Und ich bin sehr glücklich in dieser Position sein zu können! Ich bin glücklich diese Musik mit anderen Teilen zu können. Ich habe hunderte, wenn nicht sogar tausende von Platten. Ich liebe es zu Hause Musik zu hören.

Und bin deshalb auch wirklich froh darüber Musik aufzunehmen, damit andere sie zu Hause hören können. Aber schlussendlich ist das wirkliche Spielen doch das wichtigste. Und für die Interviews heisst das: Wenn jemand wirklich Interesse daran hat was Amy, ich oder THE EVENS tun oder zu sagen haben – dann bin ich glücklich darüber ein paar Fragen zu beantworten. Aber ich will nicht unsere Platte promoten. Und das ist das einzige was mich an Interviews stört. Das Leute denken könnten ich will das gleiche Spiel mitspielen wie alle anderen.

War das Interview angesichts dessen für dich in Ordnung?

Ian: Ich hoffe ich war nicht zu verrückt für dich.

Nein, gar nicht. Ich habe mir nur Sorgen gemacht das Interviews für dich eher lästig sind. Schliesslich hast du ähnliche Fragen schon tausendmal beantwortet.

Ian: Weisst du – ich habe über die letzten Jahre eine Menge Fragen beantwortet. Aber niemand hat mir diese Fragen heute gestellt. Und ich bin heute schon nicht mehr die gleiche Person die ich gestern war. Im Leben geht es doch darum sich ständig weiter zu entwickeln.

Ich habe also überhaupt kein Problem damit die gleiche Frage mehrfach zu beantworten. So lange mir jemand die Fragen auf eine respektvolle Art und Weise stellt. Wenn mich also jemand fragt „MINOR THREAT war viel besser als FUGAZI, warum hast du MINOR THREAT aufgelöst?“ Weisst du, was soll ich dazu sagen?!

Na ja, zumindest diese Frage konnte ich dir heute ersparen.

***

Interview: Oise Ronsberger

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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