Mai 1st, 2014

TERRORGRUPPE (#53, 08-1995)

Posted in interview by Jan

Anfangs hatte ich ja echt Bedenken die TERROGRUPPE zu interviewen, kenn ich doch zwei der Mitglieder schon sehr lange und weiß das sie gerne scheiße labern – darauf hatte ich aber keinen so richtigen Bock, die kann ich auch selbst schreiben. Ich habs dann trotzdem versucht und das Ergebnis ist eigentlich ganz ok geworden – wenn man zwischen den Zeilen lesen kann wird ein jede/r verstehen worum es bei dieser Band geht.

Musikalisch bringen sie ja nichts besonders prickelndes (sich selbst als „alternative zu Daily Terror“ zu bezeichnen ist in diesem Fall eine Aussage die sie wegen mir nicht hätten machen brauchen…), trotzdem kommen sie an.

Wen wunderts, die Musikszene entbahrt heutzutage eh jeder Logik, warum also sollen nicht auch TERRORGRUPPE groß werden, sie spielen sich ja auf jeden Fall den Arsch ab, füllen die Konzertsäle der Republik mit ihren Sprüchen, die hin und wieder sarkastisch sind, oft allerdings nur vermeintlich witzig bis schlicht platt.

Aber das kann auch nicht wirklich „angegriffen“ werden, denn die Band hat ja das Schutzschild „Wir nehmen nicht alles so ernst“ ausgefahren und dahinter kann man sich dann ganz gut verstecken.

Offensichtlich stehen Spaß und nebenbei noch ein paar Mark dazuverdienen (in der Reihenfolge) bei den vier ganz oben – und das ist ja ok, es kann ja jeder selbst entscheiden. Wie sagt eine Band die sich etwas ernster nimmt ohne dabei ihren Humor verloren zu haben: „It’s not what they’re selling – it’s what you’re buying“. In diesem Sinne viel „Spaß“ beim lesen.

***

Ezählt doch mal kurz wann, warum, wo, etc. es mit TERRORGRUPPE angefangen hat, für die Leute die noch überhaupt nichts über euch wissen.

Archie: Ich und Jacho haben vor zwei Jahren angefangen, aus Spaß, in meinem Zimmer, bei Pornos von Sat1, haben Lieder geschrieben, dann kam Finne, mein alter Freund und seine Freundin rein und hat sich tierisch totgelacht – das war der Anfang.

Dann haben wir uns gedacht, ja, laß uns das machen, alle lachen drüber und alle finden es irgendwie sarkastisch und lustig und so, daß ist ein guter Anfang für eine neue Band. Wir haben ja beide eigentlich ein Jahr nichts mehr gemacht haben und nur rumgehangen.

Wie kamen dann die restlichen Musikanten dazu?

Archie: Also, er, Zip kam ja erst ganz am Schluß, wir haben ja schon ein Basser Problem. Stoppt Basser und Rassisten. (lacht). Der Schlagzeuger war schon immer dabei, der konnte am Anfang nicht spielen aber war der beste Freund von uns und dann haben wir’s ihm beigebracht.

Zip: Mittlerweile ist er recht gut geworden, allerdings ohne Hängtoms, mit Hängetoms wäre das nichts geworden.

Sind denn die Gründe weshalb ihr die Band in dieser Form heute macht die gleichen wie zu der Zeit als Jacho und du angefangen habt?

Archie: Die Gründe warum wir jetzt weitermachen ist auf jeden Fall der Spaß, wir spielen immer noch in kleinen Clubs… Leute reden uns zwar immer den großen Erfolg an, da kann man mal drüber wegkucken, der Grund ist ganz einfach der Spaß.

Wir haben alle beide, der Jacho und ich, was zu tun, wir haben beide Arbeit, wir haben beide mit dem sogenannten größeren Business zu tun und wissen wie scheiße das ist und wissen wie wir das mit der Terrorgruppe besser machen können.

Genau das ist der Punkt, denn wenn man die Band mal so betrachtet, erweckt – ich sag jetzt mal – das Projekt durchaus den Verdacht das alles genau geplant ist. Angefangen von der momentan doch angesagten Musik über die Texte bis hin zu eurer Promotion und dem Vertrieb ist ja alles ziemlich strukturiert und hat ein gewisses Konzept.

Archie: Das Konzept war immer wichtig, wenn du anfängst ’ne Band zu machen dann baust du dir das langsam auf und wenn man nicht blöd ist dann weiß man genau wie man’s macht. Wir machen das jetzt schon lang genug das wir genau wissen wie mans tun soll… das sich die erste Single so gut verkauft hat, das wußten wir nicht.

Da war auch kein Konzept da, das war ein kleines Label, da gabs keinen Vertrieb – es ging halt nur über Punk-Mailorder und es war basic. Und basic-sein, das wollten wir auch immer weitermachen und das haben wir jetzt auch sogar bei ’ner großen Firma durchgedrückt – das ist wichtig, das ist einfach Punk…

Zip: …so stilmäßig, ansonsten weß ick nich… ich hab mit Punk angefangen und jetzt bin ich halt wieder beim Punk, zwischendurch ein paar andere Sachen probiert, ist es aber irgendwie alles nicht gewesen – Punk gefällt mir einfach am besten

Archie: Man macht halt ’ne Lehre und geht dann außer Haus und guckt sich die Welt an und kommt dann wieder zurück – klar.

Zip: Natürlich, simple Musik, da muß man nicht viel nachdenken drüber, das heißt man braucht ein paar Leute die gute Songs schreiben können – das ist das einzig wichtige daran und die Leute haben wir.

Archie: Punk ist ja im Endeffekt gute Songs zu schreiben – eigentlich. Einfache gute Songs schreiben und irgendwas auf den Punkt bringen.

Zip: Ja, das ist sozusagen die Musik auf das wesentliche reduziert.

Ich weiß ja nicht wie es bei dir so ist, weiß es aber von Jacho und Archie das ihr ja schon länger Musik macht. Das heißt ja das ihr eigentlich, rein vom technischen Können, viel mehr machen könntet als ihr mit der Terrorgruppe macht, wieso…

Archie: Irgendwann denkst du dir halt: Was soll ich ein zehn Minuten Solo spielen wenn’s eh keiner anhören will und wenn mir das dann selbst sogar irgendwann nichts mehr bringt. Das muß nicht sein, lieber einfach, das dann gut klingt und das Publikum und ich haben unseren Spaß dabei. Ich mein, als Musiker….

Hast du Spaß dabei wenn du dich selbst unterforderst?

Archie: Nö, ich hab meinen Spaß dabei wenn…

Zip: Man kann es auch nicht unterfordern nennen, überhaupt nicht, weil es ist nämlich gar nicht so leicht einfache Sachen zu machen, die meisten Leute können das überhaupt nicht.

Archie: Ich mußte mich auch Anfangs tierisch zusammenreißen einfache Songs zu schreiben und alles so zurückzustecken. Mittlerweile macht es Spaß, da hast du dann Platz für irgendwelche andere Sachen, um irgendwelche Power da reinzustecken und alles super-tight spielen, was halt viel einfacher geht wenn man nur vier Akkorde spielt anstatt fünf.

Das ist also rein zufällig, zu euren eigenen Anfängen zurückzufinden – steht also in keinem Zusammenhang mit dem derzeitigen Punk-Boom.

Archie: Das ist doch das was ich die ganze Zeit sag, von Punk ist eigentlich – was ich jetzt mitkrieg, auch so mit der ganzen (Wieder)-Gründung der Appd und was ich da wieder für Leute treffe die ich früher getroffen hab, das ist so ’ne Rückverjüngung von allen Leuten die da grade mitmachen. Ich kuck mir zum Beispiel den Erich aus München an, Ober-Super-Parteivorsitzender der Appd, der Typ der führt sich jetzt wieder auf als ob er 16 wär und hat da voll seinen Spaß dabei – klasse! Ich bin auch 16 und mit 13 hatte ich tierischen Spaß und das war geil und das geht.

Lass uns da nochmal später drauf zu sprechen kommen.

Archie: Ich mein, guck mal her, früher da haben wir dann so ’ne Rock-Punk-Band gemacht, Happy Hour, weißt du – und dann hast vor Leuten gespielt mit denen hast du gar nichts zu tun gehabt und ein paar Teenager waren da und mit denen konntest du eigentlich gar nichts anfangen und auf einmal steht irgend ein 13-jähriger Punk vor dir und prostet dir zu – ja, ist ein geiler Kerl und dreht durch und rennt raus und rein und haut sich draußen mit irgendeinem Depp den er nicht leiden kann und kommt wieder zurück und hat seinen Spaß und genießt sein Teenager-Leben aus vollen Zügen und da kann ich mich super mit identifizieren.

Ja, ja, moment mal, für den ist das ja auch ok, weil der die anderen 15 Jahre die du bereits durchlebtest noch nicht hinter sich hat.

Archie: Für mich ist das wieder auch ok, da zurückzukucken und da mitzumachen, weil das ist einfach spaßig. Es gab ja auch schon früher in der Punk-Szene ältere Leute die tierischen Spaß gehabt haben sich mit den jüngeren da durchzuschlagen und da Party zu machen. Das war für die älteren Leute sicher ein tierischer Gewinn.

Zip: Find ich nicht das es bei sowas ’ne Altergrenze geben sollte, das ist irgenwie albern. Ich kenn eine Menge Leute die waren früher halt so mittendrin, so Punk, wo ich halt auch angefangen habe, 78 – 79 oder so.

Die haben dann alle nach ein paar Jahren aufgehört, nach dem Motto: naja, jetzt sind wir älter, jetzt müssen wir vernünftig werden und endlich mal ein normales Leben führen und wenn ich mir die Leben so ansehen, die sind sowas von langweilig, da hab ich überhaupt keinen Bock zu. Abgesehen davon das es bei mir garnicht darum geht, weil ich hab halt nichts gelernt, ich kann halt nichts – was soll ich machen, ich muß weitermachen.

Nein, das ist nicht der Punkt, ich will hier auf keinen Fall irgendeine Altergrenze setzen, ich würde das dann eher eine Erfahrungsgrenze nennen. Warum soll der 13-jährige, ohne das ihr ihm sagen sollt wie er sich zu verhalten hat…Gewisse Sachen die weiß man einfach besser wenn man 20 Jahre mehr Erfahrung hat.

Archie: Man kann ihm ja irgendwann mal begreiflich machen das er aufhören soll zu saufen, wenn er nichts mehr verträgt und sich da ein oder zwei blaue Augen oder so erspart – die Erfahrung kann ich ihm rüberbringen. Ansonsten muß da jeder die Erfahrungen selber machen.

Glaubst du nicht das ihr als Band, um jetzt wieder das Wort älter zu vermeiden, als erfahrenere Band, eine gewisse Vorbildfunktion auf der Bühne habt, die euch in einne gewisse Verantwortung presst – in die ihr vielleicht auch garnicht wollt – aber in der ihr auf jeden Fall seid, wenn 13-jährige vor euch stehen. Weil die auf euch hören, was ihr sagt?

Zip: Ich glaube aber nicht das die so blöde sind das die nicht kapieren wenn wir oben unseren Spaß treiben mit allen Möglichen Sachen. Wir nehmen ja auch nicht alles ganz ernst, ich glaub schon das die das merken, die sind zwar jung aber nicht doof.

Archie: Letztens kam ein 13-jähriger Straight Edger auf mich zu und meinte: Sag mal, meint ihr das jetzt sarkastisch oder meint ihr das ernst. Dann mein ich, das kannst du dir überlegen, was denkst du denn. Und er meint: Sarkastisch. Und dann mein ich: Ja! Und er so: Ja dann find ich euch gut.

Und ich mein, wenn ein kleiner 13-jähriger Straight Edger, die ja nun wirklich noch sehr dogmatisch drauf sind noch, glaub ich so und erstmal noch ihre Erfahrungen machen und sowas sagt, dann sag ich: Die können Denken, klar logo, laß sie machen, ich hab das damals auch alles von selber lernen müssen.

Das beantwortet aber meine Frage nicht, die Frage ist: Fühlt ihr euch verantwortlich wenn ihr auf der Bühne seid? Gegenüber dem Publikum, was ihr dem Publikum sagt, ich hab euch einmal gesehen und an dem Abend waren die Ansagen dermaßen platt, ich konnte da auch keinen Sarkasmus mehr drin erkennen, hatte aber schon den Eindruck das die Kids – eben sehr unerfahrene Leute – das die das schon für bare Münze nehmen, was die Terrorgruppe da oben auf der Bühne sagt.

Archie: Ja, das ist für uns natürlich klasse, wir können da oben auf der Bühne platte Ansagen machen und dann kucken wie die Leute drauf reagieren. Natürlich ist eine Verantwortung da, natürlich kucken die Leute auf die Bühne und hören was man sagt und manche kriegens mit was wir wollen und manche nicht – vielleicht hab ich auch ’nen schlechten Tag gehabt, aber ich hab da kein Problem mit Verantwortung zu haben. Soll jeder wissen was er selber tut und wenn ich den Leuten sage sie sollen ihrem Lehrer vor die Tür scheißen und die tuns dann, dann find ich das auch lustig – klar.

Ich seh das ganze immer so: Eine Band von routinierten alten Leuten, mit einem gewissen zynischen Anspruch, der auch durch die ganze Lebenserfahrung da ist – vor einem Haufen junger Leute spielt die selbst nicht wissen was sie überhaupt wollen. Es wäre ja schön wenn sie sich selber was überlegen und darüber nachdenken was ihnen da vorgesetzt wird – aber im Endeffekt nur etwas suchen mit dem sie sich identifizieren können. In diesem Fall eben Punk Rock.

Archie: Es gibt zwei verschiedene Seiten, du stehst 50 : 50 auf der Bühne, du stehst 50% für dich selber auf der Bühne und manchmal macht es mir einfach Spaß plattes Zeug zu erzählen, mich dabei vielleicht auch noch selber zu verarschen.

Die anderen 50% sind für die Leute und was die damit machen das ist eigentlich scheiß egal, wenn sie irgendwie darauf voll abfahren und Blödsinn hinterher bauen, dann kann ich auch noch drüber lachen und wenn sie sich damit auch identifizieren können und wissen was ich meine, diesen Sarkasmus, wenn sie den begreifen dann ist das geil.

Zip: Abgesehen davon, schlimmere Sachen als eben: Dem Lehrer vor die Tür kacken. oder so kommen dann sowieso nicht bei raus und von daher gesehen, was solls. Wenn das alles ist, dann, na ja…

Archie: Nee, wir sagen manchmal schon schlimmere Sachen…

Zip: Echt, was denn?

Archie: Frag lieber nicht nach.

Zip: Fick deinen Hund oder so.

Archie: Ne, nee, nee, so grade so mit Kinderwahnsinn, mit der Abtreibungsmethode nach 5 Jahren nach der Geburt.

Zip: Naja, also wer das ernst nimmt, der muß schon einigermaßen – naja.

Also, die Leute heutzutage kommen ja zum Teil schon durch Mtv zum Punk und da kann man natürlich schon in versuchung geraten an deren IQ zu zweifeln.

Archie: Ich muß dazu sagen, ich bin auch durch Bravo zum Punk geworden und habs irgendwann mal kapiert. Schau doch was dabei rausgekommen ist – kann man das den jungen Leuten nicht ersparen… (gelächter)

Gut lassen wir das, was gibt es denn momentan für Bands die für euch musikalisch wetvoll sind, vielleicht grad im spezuiellen deutsche Bands.

Zip: Deutsche Bands – ? Weiß ich nicht, für mich persönlich nicht besonders viel, aber ich kenn mich allerdings auch nicht so gut aus mit den deutschen Bands.

Archie: Musikalisch wertvoll sind ganz ganz wenig deutsche Bands…

Zip: Die Ärzte zum Beispiel find ich recht wertvoll für die deutschsprachige Szene vor allen Dingen – für die Kids.

Archie: Die Ärzte sind wertvoll, find ich auch.

Zip: Die Hosen sind eigentlich auch nicht ohne.

Archie: Die sind zu Spd-mäßig.

Zip: Die Ärzte sind ein bißchen gröber, das kommt schon besser find ich, von den Texten auch.

Archie: But Alive ist musikalisch sehr wertvoll.

Zip: Von denen hab ich noch nicht so viel gehört, aber was ich gehört habe fand ich sehr geil.

Archie: Dann natürlich die genialen Kassierer, die musikalisch weniger wertvoll sind, aber textlich oberwertvoll. White Trash, sag ich da nur, im wahrsten Sinne des Wortes.

Was unterscheidet diesen „White Trash“ von genau den Leuten die du in einigen von deinen Texten angreifst?

Archie: White Trash, die ganze Bewegung ist ja eigentlich die, das … das ganze White Trash, das so von Amerika rüberkam und so deutsche Bands noch nicht mal wissen, das die davon beeinflußt wurden – die zeigen den Leuten durch den Spiegel wie dumm sie sind. Das machen zum Beispiel Die Kassierer auch, die sind völlig verrückt, tiersich schlau und was die da teilweise singen das meinen die so. Wenn du dann 50 Csu Skinheads vor dir stehen hast, die sich dann selber als konservativ fühlen, aber keine Nazis sein wollen und über die Ansagen von dem Wendland (Kassierer Sänger) lachen, dann muß ich eben, wenn ich da in letzter Reihe stehe und mir das reinziehe, mitlachen, weil die das gar nicht verstehen und das irgendwie voll genial ist wie der die Leute verarscht:

Dann verstehts ja wohl niemand, weder die vermeintlichen 50 Csu-nicht-nazi-aber-konservativ-skins genausowenig wie die vermmeintlich linken-feministinnen.

Archie: Ja, die machen einen Rundumschlag, ich mein, wir dürfen auch nicht im Kob oder in der Flora spielen.

Zip: Die verstehen das auch nicht, die haben keinen Sinn für Humor.

Archie: Was wir für Texte machen ist gegen die ganzen deutschen, da zieh ich mir die linken rein und da zieh ich mir die rechten rein und dann find ich dann ’nen Konsens, immer.

Würdest du die dann auch gleichstellen?

Archie: Ich würde die von ihrer politischen Einstellung auch nicht gleichstellen. Nee, die anderen die haben wahrscheinlich Ziele hinter denen ich mich mehr stelllen kann als wie die der rechten, das ist natürlich ganz klar. Aber von der Durchführung und der Polemik sind sie vollkommen gleich.

Ich kann doch nicht den Kampf des Proletariats auf die Straße bringen, bla bla bla ich kann sowas nicht machen. Da mach im Prinzip das ganz selbe wie: Den Kampf des Nationalsozialismus wieder nach vorne bringen und gegen rote Zecken und so, das ist für mich alles das gleiche und das ist dogmatisch, Scheuklappentum. Das hat nichts mit Punk zu tun, Punk Rock ist hedonistisch und rundumblickend. Jetzt. No Future ist out. Das gibt nicht mehr, das gabs schon in den 80er Jahren nicht mehr.

Mal kurz was ganz anderes, wie ist die Vollplakatierung zu verstehen, ist das rein die Werbung für die Cd oder ist das einfach um die Band ins Gespäch zu bringen?

Zip: Beides würd ich sagen.

Archie: Metronome kam auf die Idee mit dieser Vollplakatierung, weil sie es total dufte fanden wie No Fx Plakate in Hamburg hingen und jeder eigenlich dieses Plakat gesehen hat – und jeder eigentlich dieses Plakat gesehen hat ohne das irgendwie teure Bauwände beklebt werden mußten mit Hinweisen auf die Cd oder was weiß ich was. Sonder einfach Plakate aufhängen und den Namen zu zeigen, zu provozieren, ich mein, Musik für Arschlöcher in gewissen konservativen Gegenden in Deutschland das ist nicht ohne.

Zip: Ja, wir hatten da schon diverse Probleme mit irgendwelchen Konzerten weil da drauf steht: Live zur Pogo und Fick-Party – das fanden einige Leute nicht so lustig….

Archie: So Sozialpädagogen haben sich dann gemeldet…

Zip: …Politiker und Bürgermeister.

Archie: Und vor allem das ganze auch noch wild zu plakatieren, das war so die Idee die wir dabei hatten. Das funktioniert, kommt auf jeden Fall viel response…

Wärs dann verkehrt zu sagen, daß ihr professionell organiesierte Punker seid, die eigentlich genau wissen was sie machen und nach außen den Spaßvogel und Chaoten rushängen lassen?

Archie: Nee, wir sind so wie wir sind und so sind die Texte und so ist die Show und wir sind Spaßvögel, bzw. Spaßvögel ist ein blödes Wort, wir haben Spaß bei der Sache die wir da machen.

Zip: Hat einen ernsten Hintergund, wir wissen aber auch wie man sich amüsiert.

Archie: Und wir wissen wie man es organisiert. Soll ich ne Band machen und zehn Jahre lang vor 50 Leuten spielen, das macht mir irgenwann keinen Spaß mehr, ich volle Club haben. Ich will wenn ich was aufnehme und das unter die Leute bringe, daß die Leute das auch kaufen – sonst hat das keine Sinn. Ich weiß nicht wer irgendwann gesagt hat das Punk Rocker ihre Platten nicht mehr verkaufen dürfen.

Das andere Ding, wo ich jetzt die Frage insoweit versteh, mit profesionell und so – ich hab mir kein anderes Label vorstellen können auf dem wir diese Platte rausbringen – als das was wir jetzt haben. Weil ich irgendwann mal mitgekriegt habe das alle Punk Rock Independent Label bei uns angeklingelt haben, weil sie dachten man kann mit uns Geld machen. Die Leute die uns jetzt unter Vertrag haben einfach nur auf uns abgefahren sind.

Das ist jetzt im speziellen Gringo Rec.

Beide: Ja.

Archie: Die waren so hart hinter uns her und zwar mit keinen Vertrauensblödsinn-Argumenten und Marketing-Scheiße, sondern einfach nur, wie kann man das was wir machen so unter die Leute bringen das die das verstehen und das die sich das anhören und die dann auch ihren Sinn daraus ziehen. Und das war mir und Jacho auf jeden Fall am aller wichtigsten überhaupt.

Damit bejahst du im Endeffekt meine Frage…

Archie: Ja, wir sind gut organisiert…

Zip: Wir haääten das auch abgeben können an jemanden der das organisiert, aber dann wirst du über die Rolle gezogen und das muß ja auch nicht sein. Man muß ja nicht irgendwie ins offen Messer rennen.

Archie: Jacho zum Beispiel der ist echt ein stilist, weißt du, wenn der sich von irgendjemandem Cover zeichnen lassen würde oder so und das wär nicht wirklich haargenau so wie er sich das vorstellt. Mit allen Hintergünden, was dazugehört, wie das ganze rüberkommen soll, wie das die Band darstellen soll dann würde er einen kolerischen Anfall kriegen. Deswegen haben wir bei der Cd alles selber gemacht, von der Produktion angefangen bis zum Cover – so kam das dann auch raus. Incl. Werbung, wir haben auch volle Kontrolle auf die Werbung, wie die ausssehen soll.

Noch ’ne Sache zu der Kpd/Rz (Kreuzberger Patriotische Demokraten/ Realistisches Zentrum) ich habe von Leuten aus Berlin gehört das Leute von denen andere bei den Bullen verpfiffen haben.

Zip: Was?? Ich kenn die alle eigentlich, halt ich für schlicht unmöglich.

Archie: Halt, halt, halt, ich glaub ich weiß was du meinst, bei den „Klasse gegen Klasse“, da gabs Leute die sich gegenseitig verpfiffen haben, die superpolitischen. Die Kpd/Rz, wir haben große Demonstrationen gegen zum Beispiel die Postleitzahlen – wir sind die Post, dann fordern wir zum Beispiel Rucksackverbot in Kneipen ab zehn Uhr, weil man sich da nicht mehr aufhalten kann mit solchen Leuten.

Zip: Oder: Keine Hauptstadt ohne Hochwasser, da sollte eigentlich ’ne Eimerkette zum roten Rathaus gebildet werden… (kurze Unterbrechung, Jacho und Bert kommen vom Radiointerview zurück) Es ist ja so, wir sind ja eigentlich alle Anhänger der Kpd/Rz und die Appd, die ham uns ja ge-shanghait – die haben uns betrunken gemacht und dann haben wir für die die Werbung da gemacht.

Archie: Ich hab mich dann dafür gerächt, wir haben dann den Musikteil zu dem Lied geschrieben, obwohl es eigentlich eine Partei des Friedens des Friedens sein sollte – da hab ich mich mit diesem Soundtrack gerächt.

Ihr findet diese ganze Appd wiederbelebung also in Ordnung?

Archie: Du mußt Leuten was zu tun geben und das ist das richtige.

Zip: Eben und die Jugend von heute braucht Vorbilder.

Archie: Man kann das ganze auch anders nennen, in Rosenheim war dann ’ne Münchner Fraktion da, da hieß es dann Aichacher Pimmel Party Dienst und die fanden es trotzdem noch lustig. Da merkt man schon, die Jungs haben Humor…

Was unterscheidet dann die Leute vom – sagen wir mal Kaninchenzüchter – Verein (oder allen anderen) die zum Teil auch Humor haben und auch beschäftigt sein wollen?

Jacho: Guck doch mal das Programm der Appd an, das ist ja wohl völlig entgegengesetzt zum Kaninchenzüchterverein…

Es geht ja nicht um die Inhalte der beiden „Vereine“, sondern es geht um die Beschäftigungstherapie die dahintersteht, ihr habt damit angefangen.

Jacho: ich find nicht das es ’ne Beschäftigungtherapie ist…

Was denn sonst?

Archie: Das is ’ne Beschäftigungtherapie.

Zip: Für Moses auf jeden Fall.

Archie: Also wenn’s die Appd nicht gäbe dann würden auf jeden Fall wesentlich mehr Leute auf Konzerten Pogo tanzen. Weil die Appd’ler die warten immer auf ihr Lied und singen dann mit – und gehen dann wieder. Die haben auch vollkommen verlernt Pogo zu tanzen, die rennen alle immer wie die irren von Rechts nach Links.

Zip: Stimmt, die sind alle Jogger geworden mittlerweile, die joggen immer durch Konzertsäle.

Zum Abschluß noch was zu diesem Text von „Sozialer Mißerfolg“ – da kann der Eindruck entstehen wie ein total „Zielgruppen angepaßter Text“ die Frage dazu von meiner Seite wäre: Warum singen Leute um die 30 über die Probleme von 13 jährigen?

Jacho: Ja ist ein Stück Kindheit, aber dummerweise ist Kindheit der heutigen dreizehnjährigen gar nicht mehr so wild. Weil die hängen alle vor Computerspielen und so, das gabs eben zu meiner Zeit nicht.

Damals war das Kirmes Autoscooter und so, Videothek, wenn man reinkam. Nicht zuhause sitzen vor dem Amiga, daß merkst auch, die Kids sind gar nicht mehr auf die Straße. Wenn ich in mein altes Heimatkaff komme dann spielen da keine Kinder mehr auf der Straße. Da wo ich damals war, da war so ein alter Bauspielplatz, da waren dann hundert Kinder die sich alle gegenseitig verhauen haben und irgend so’n Mist, Bäume angefunden haben mit Benzin das sie gefunden haben – da ist heut keiner mehr.

Hättest du den selben Text gemacht wenn du gewußt hättest das eure Musik – aus irgendeinem Grund – fast nur von 20 – 30 jährigen gehört wird.

Jacho: Weiß ich nicht, ich weiß ja nichmal von wem unsere Musik gehört wird. Ich glaub die wirdd sogar von einer ganzen Menge 20 – 30 jähriger gehört.

Archie: Wird aber auch von Teenagern gehört.

Jacho: Ja, aber viele Altpunks, die jahrelang gar nichts mehr mit Punk Rock zu tun hatten, die kommen auch sehr gerne zu unseren Konzerten.

Archie: Alt Punks, die zum Beispiel jahrelang nur Daily Terror als alternative hatten, die kommen jetzt wieder – oder nur amerikanische Bands, wo sie die Texte eh nicht verstanden haben.

Zip: Jetzt gehen se halt zu deutschen Bands wo sie die Texte nicht verstehen.

***

Interview: Dolf

Links (2015):

Wikipedia
Homepage
Discogs

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One comment

  1. TRUST FANZINE » TERRORGRUPPE (#104, 02-2004) says:

    […] Links (2015): Vgl. Interview-Fussnoten aus dem Terrorgruppe-Interview in der TRUST # 53 von 1995 […]

    Juli 10th, 2015 at 2:06 pm

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