April 14th, 2019

Tagebuch eines Handelsreisenden Teil I (#105, 2004)

Posted in kolumne by Jan

Letter from an intern in Orange County
von Jan Roehlk, 02/2004

Hola Gente,
Es ist Februar, der 26te 2004 und in Deutschland muesste es jetzt so ungefaeher 20:00 sein. Ich befinde mich in Orange County, ein Bezirk von Californien direkt neben Los Angeles County, genauer gesagt in Huntington Beach und ganz genau gesagt, an einem Schreibtisch vor einem Apple Computer bei Revelation Records. Es ist 12:00.

Bei Revelation Records in Huntington Beach, California, mache ich ein Praktikum fuer ein paar Wochen, packe Cd’s ein, sortiere Garrison Lp’s aus, verschicke Briefe und soll im Internet nach Leuten recherchieren, die die Musik von Revelation in die Filme bringen. So etwas nennt man Music Supervisors Research. Viele Fanzines nach Reviews abklappern auch.

Cro Mags bei der Arbeit hoeren, Gorilla Bisquits Cd’s verpacken und aus einem Revelation Kaffeebecher zu trinken, dabei sich mit Leuten unterhalten, die in der Melrose Ave wohnen, frueher bei Bomp Records gearbeitet, die Bad Brains in New York Anfang der 80iger Jahre und Anfang der 90iger Jahre NWA und MC Hammer auf dem gleichen Konzert in Los Angeles live gesehen haben, ist zumindest fuer mich faszinierend.

Die Arbeit bei Revelation macht schon Spass – klar, ich meine, die verdienen ja hier Geld mit Gorilla Bisquits, insofern verfliegt der Reiz, hier die heiligen Klassiker a la Start today zu verpacken, recht schnell. Aber sehr nette Leute hier, auch nette Orange County Praktikanten.  Ich weiss, viele finden USA zum kotzen, aber so schlecht die Regierung auch ist, dieser Traum verstaerkte sich bei mir so, dass ich allein beim studieren der Landkarte von LA dachte, dort ist da gelobte Land. Naja, fast.

Um einem unbezahlten Praktikumsplatz bei SST, AK Press San Francisco, Touch and Go, Punk Planet, Maximum Rock’n’Roll, Dischord, Lookout, Taang, Alternative Tentacteles, Epitaph (Europe), Last Gasp, Fat Wreck, KROQ Radio, Rock City News, BYO Records oder den Los Angeles Greens zu bekommen, habe ich Briefe mit Lebenslauf an die genannten geschrieben. Man wird meistens mit offenen Armen genommen, wenn man denn ueberhaupt eine Antwort bekommt (manchmal gehts aus Kapazitaetsgruenden nicht oder die haben genug Arbeit fuer sich selber, z.B. bei Dischord, oder koennen keinen betreuen und sagen das fairerweise vorher, so Epitaph Europe in Amsterdam). Fuer den ganzen Rest (Visum etc) beantworte ich gerne emails, einfach an Fehler: Referenz nicht gefunden.  Man weiss, dass es anders wird, aber dass es anders wird, als wie man denkt, dass es anders wird, weiss man nicht.

Huntington Beach mit seinem Ruf als Surf City USA (nach dem Jan and Dean Lied aus den 60igern) und seinen 100 000 Einwohnern liegt ca. 30 Minuten im Sueden von LA, ist der Speckguertel von LA, d.h. very rich and very much private and gated community.  Was Huntigton Beach wohl auf die Landkarte des Punkrocks gebracht hat, war die 1979 auf Posh Boy Records erschienende Compilation namens Beach Boulevard, benannt nach einer der Hauptstrassen des Ortes, wo sich heute ein sehr schoener Plattenladen (Vinyl Solution) befindet.

Auf diesem Sampler waren neben F-Word und Rik L Rik auch The Crowd (die ich hoffentlich diesen Freitag live sehen werde) und The Simpletones (I have a date is nen wahnsinns Song, kannte nur deren Song California auf diesem Zap-Surf Sampler Anfang der 90iger) und gibbet seit 1991 wieder als Reissue (auch auf Vinyl).  Ganz erstaunlich eigentlich, wer noch so aus Orange County kommt: einer von der Band Radio One, Dough, erzaehlte mir, dass er mit Mike Ness von Social Distortion auf die Fullerton Elementary School ging (Fullerton is auch in Orange County), Offspring und die Adolescents kommen aus Orange County, der Saenger von MIA, Mike, hat ne Bar names The Avaloon in Costa Mesa (20 Minuten von Huntington Beach entfernt), direkt gegenueber dem alten Punkladen Chuckos Nest, wo sich Anfang der 80iger Black Flag und FEAR die Klinke in die Hand gegeben haben, und der 1983 oder so dicht gemacht wurde und heute Hank Electronics heisst.

Ich habe nie verstanden, warum Bands wie Bad Religion, die doch in meiner Traumstadt LA leben und Palmen, Pazifik und sunny beaches um sich haben, ein Plattencover der Stadt machen koennen und das ganze noch How could hell be any worse nennen – jetzt habe ich es verstanden.  Was mich am meisten weghauen hat, war das banale – einfach mal hier fuer ne Stunde die mainstreet ablaufen, im Supermarkt einkaufen, durch die suburbs spazierengehen, mit dem Bus fahren, ist ebensowichtig fuer ein vollstaendiges Amerikabild als hier nur ueber die tollen Konzerte und Plattelaeden zu erzaehlen. Und genau diese alltaeglichen Sachen haben mich so ueberwaeltigt, ich weiss auch nicht wieso. Es sieht hier tatsaechlich alles aus wie im Fernsehen, diese komischen weissen Holzhaeuser mit den Amiflaggen, so dass man erst nicht weiss, ob nun zuerst das Fernsehen da war und dann die Haeuser oder andersherum.

Und dann die klischee Surfer, Skater, selbst die Punks fahren dicke Trucks und irgendwie wuenscht man sich recht schnell in seine Strasse in Deutschland zurueck, mit ganz normalen Kiosks, kleinen Laeden, gruenen Wegen.  Bei mir ist es so, dass die ersten Tage in der Fremde, sei es Orange County oder bei meinem Umzug von Leverkusen nach Potsdam, fuer mich immer extrem seltsam sind und meistens das Gefuehl von Heimweh ausloesen. Ich weiss, das klingt vielleicht laecherlich, aber so ging es mir am Anfang und man muss ja immer ehrlich sein.

Sicher, natuerlich gibt es hier abgefahrene Plattenlaeden, es gibt punkige Musik im Radio, pyschedelische Sonnenuntergaenge und man kann in sehr netten RocknRoll-Bars rumhaengen und bei dem Neil Young Song I am wondering sehr melancholisch werden. Letztendlich, der Traum ist es nicht mehr – es gibt noch so viel zu leben, zu entdecken auf der Welt und trozt aller Vielfalt reichen da LA und Californien nicht aus.

Manchmal frage ich mich allerdings, ob wirklich hier so eine Vielfalt ist. Diese Marketing-Mentalitaet in Restaurants – how do you like your burger, is it good, darf ich mich ihnen zu Fuessen werfen und ihre Coladose einpacken und dabei auch noch lachen – ist furchtbar und ekelerregend offen. So sollten aufgeklaerte Menschen mit aufrechten Gang statt gekruemmten Ruecken nicht miteinander reden, aber genauso ists hier halt – wer das Geld hat, bestimmt die Musik.

Trotz aller notwendigen Kritik, man muss beides sehen, dass schlechte und das gute an USA. Vor dem USA-Trip habe ich nur das Gute gesehen, war dann ueberrascht, dass Schlechte zu sehen und beginne so langsam, beides wieder zu vereinen. Aber so einen Prozess kann man nur durchmachen, wenn man da ist. Insofern sollte man weiterhin versuchen, seine Ideen zu realisieren, auch und besonders gerade dann, wenn man einen Haufen Fehler machen koennte oder auch schon gemacht hat. Das sich so eine Position nur die leisten koennen, die wie ich aus reicher Ober-Mittelschicht kommen, ist mir bewusst und kann auch nur fuer solche Leute gelten.

So long,
Nur das beste,
Jan

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