November 6th, 2019

SunnO))) aus #197, 2019

Posted in interview by Jan

SUNN O)))

Weiß der Herr, was hab’ ich dank Sunn O))) nicht alles erlebt: das sich verfärbende Gesicht meines Bruders, als eine geschmeidige 50 Hz-Frequenz die Membrane seiner Lautsprecher loswobbelte (“wop-wop-wop”, flatterte es noch nach)… Meine Hosenbeine, die im Schalldruck wehten, als Sunn O))) mit Attila Csihar (in seiner Paraderolle als allwissende Müllhalde) auf “Monolyths & Dimensions”-Tour waren… Diverse Trips durch Europa, um diverse Sideprojects zu sehen, vom Geschrabbel von Æthenor bis zu Tanztheater mit KTL…

20 Jahre mit einer Band, die von einem akustischen Forschungsauftrag zum nächsten dröhnt – und eine Zeitspanne, in der ich Sunn O))) zu fast jeder größeren Veröffentlichung interviewt habe. Nur: das war immer am Telefon, nie “face to face”. Wie blöd ist das denn, bitte? Okay, ging halt nicht anders: die Deadlines, die Vorläufe; ihr versteht.

Aber diesmal, ha!, dachte ich. Wenn sie das erste Mal in meiner Stadt sind. Tourauftakt in Frankfurt, Baby, mit dem neuen, funkelnd schönen Album “Life Metal”. Doch daraus wurde nix; face2face in FFM abgesagt, weil sie einen extra langen Soundcheck gebucht hatten. Also doch wieder nur Phoner. Und ich so: “Ohhhhh die Herren Künstler, ouuuh, extra langer Soundcheck… SCHMOLL.”

Was dann folgte, wurde dennoch ein “first”: Bisher hatte ich immer mit Greg Anderson gesprochen, dem grundgemütlichen Typ mit dem donnerndem Lachen, dem daheim in USA ein paar mittlerweile teenaged Kids im Bart hängen, während er versucht, das Southern Lord-Label zu betreiben. Diesmal aber ging die Telefonleitung nach Paris, zu Stephen O’Malley, der die letzten Jahre als “expatriate” durch die europäische Kunstszene schippert und allein schon dadurch in den USA nicht mehr resozialisierbar sein dürfte. Stephen wurschtelte irgendwas in der Küche und wählte seine Worte mit chirurgischer Präzision -, und was ein bisschen spröd’ anfing, bekam bald ein eigenes Tempo und Timbre…

Unterwegs mit “Life Metal”: Seid ihr aufgeregt?
Ja, Frankfurt ist der erste Termin auf der Tour, also müssen wir uns sammeln und alles an seinen Platz schubsen, sicherstellen, dass alles funktioniert… deshalb sind Interviews am erste Tourtag nie so ‘ne gute Idee. Touren zu organisieren ist so ein Haufen Arbeit – die ganze Logistik -, dass es einen dann doch überrascht, wenn es losgeht (lacht). Aber wir freuen uns, auf jeden Fall.
Habt ihr die neuen Stücke schon geprobt?
Wir proben nicht im üblichen Sinn. Wir leben ja alle in unterschiedlichen Ländern. Das heißt, die eigentliche Probe passiert in Frankfurt. Und live sind wir ja ohnehin empfänglich für Veränderungen und Mutationen. „Proben“ verstehe ich als Reproduktion von etwas einmal Festgelegtem, aber bei Sunn O))) ist die Veränderung von vornherein eingepreist. Wenn wir proben, geht es in erster Linie darum, wieder einen Draht zu den Mitspielern zu kriegen.
Nachdem ich jetzt ein bisschen mit den vier neuen Tracks von „Life Metal“ rumgespielt habe, mit „Between Sleipnir’s Breaths“, „Troubled Air“, „Aurora“ und „Novae“, hatte ich den Eindruck, der erste und der letzte – beide fordernd, ungewöhnlicher – bilden eine Klammer um die beiden mittleren, vom Klang her vertrauteren. Wie ein Schale, mit harten Wänden um einen soften Kern. – Was für eine Architektur schwebte euch vor?
Sagen wir so: Es sind vier durchkomponierte Stücke, entstanden letztes Frühjahr, und es gibt sie in vielen verschiedenen Versionen, die wir alle durchgespielt haben, bevor wir zu Steve Albini ins Studio gegangen sind; als Demos und Vorproduktion, mit denen wir unterschiedliche Aspekte ausgelotet haben. Und nachdem diese Idee, diese Band, dieses Ding namens Sunn O))) jetzt 20 Jahre in der Welt ist, werden Menschen, die uns schon eine Weile kennen, Ton, Charakter, Gefühl und Strukturen wiedererkennen. Unsere Elemente sind vertraut. Aber die Metapher, die du benutzt, finde ich interessant. So ein Bild ist mir bisher noch nicht begegnet.

Es berührt Fragen der Abfolge, denn es ist ja eine Suite. Endurance – Reveal – Harmonic – Progression, über eine Stunde. Tatsächlich haben Greg und ich viel über die Abfolge geredet, und wir hatten durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon. Es gibt da eine „korrekte“ Abfolge, und es gibt eine „ehrgeizige“ Abfolge, in der man die Stücke präsentieren kann. Die von uns gewählte führt zu einer bestimmten Erzählung. Wäre „Aurora“ der erste Track, wäre es ein anderes Narrativ. „Between Sleipnir‘s Breaths“ bekäme ein ganz anderes Feeling, wenn der Track nach „Aurora“ käme; „Aurora“ ist ja ein sehr fluides, organisches, lebendes, bewegliches Stück, mit viel Rhythmus, Interferenz, Schalldruck, schwierigen Harmonien… Ich bin neugierig, wie die Reihenfolge die Wahrnehmung beeinflusst, daher finde ich deine Interpretation interessant.

Und das Vertraute, hoffe ich, ist ja auch was Angenehmes, zu dem man gerne zurückkehrt? (lacht) Weil, naja, seien wir ehrlich: egal, was jemand macht oder sagt, keiner erfindet das Rad der Musik neu; das haben wir auch nie für uns in Anspruch genommen. Es ist bloß so, dass sich unsere Ideen nie in nur einem Track umsetzen ließen, oder in vier. Wir sind ihnen seit 20 Jahren auf der Spur, und so lang noch Leben in dem Gaul steckt, werden wir das auch weiterhin tun.

Es war ein verrückter Trip, bis hier hin – der aber nie den Eindruck machte, er sei auf ein Ziel hin unternommen. Eher schien es, als würdet ihr alles, was ihr unterwegs findet, wieder in das Gewebe einflechten… und dann geht’s weiter.
Ah, noch mehr Metaphern, von Wegen und Straßen und Zielen… Was uns zu der Frage bringt: Warum macht man etwas? Warum folgt man seiner Neugier in einen bestimmten Sound, warum erforscht man die Dynamik von Kollaborationen, von technischen Herausforderungen? Warum baut man sich selber Equipment, und warum entwickelt man den Ehrgeiz, das Ganze als Spektakel vor einem Publikum aufzuführen und für ein paar Hundert oder ein paar Tausend Leute eine Stunde lang ein Environment zu schaffen?

Greg und ich waren die ganze Zeit dabei, und für uns ist es weniger ein Pfad als… (lacht) … ein Rad. Ein Rad, auf dem wir mitkullern, und wir sind zutiefst dankbar, das in unserem Leben zu haben. Es ist unglaublich, was uns mit Sunn O))) als Vehikel alles begegnet und widerfahren ist. Ich hätte nichts von alledem erwartet. Solchen Ehrgeiz hatten wir gar nicht. Unser einziger Plan war, zusammen Musik zu spielen. Nicht, in Russland zu touren oder mit Scott Walker aufzunehmen, oder mit Hildur Guðnadóttir. Das sind wunderbare Auswüchse von Leben und Kreativität.

Im Kern sind Sunn O))) zur Zeit du, Greg und TOS Nieuwenhuizen. Eure Gäste auf „Life Metal“ sind diesmal die – schon erwähnte – isländische Komponistin Hildur Guðnadóttir, Tim Midyett von Silkworm und der australische Neue Musik-Komponist Anthony Pateras… waren das Fernbeziehungen, oder habt ihr euch persönlich getroffen?
Mh, beides. Alle Drei haben gemeinsam, dass wir sie schon sehr lange kennen. Tim zum Beispiel seit den 90ern, noch aus Seattle, als Greg und ich dort gewohnt und in Bands gespielt haben. Er ist Bassist und war der erste, den ich mit einer Travis Bean-Gitarre gesehen habe, und genau diesen Gitarrentyp spiele und liebe ich jetzt seit 15, 20 Jahren. Jetzt wohnt er in Chicago und ist dicke mit Steve Albini. Wann immer wir in Chicago sind, hängen wir zusammen rum. Und als sich rauskristallisierte, dass wir für die Aufnahmen bei Albini sind, meinte Greg, ruf doch mal an, ob er Lust hat mitzumachen… und dann war er jeden Tag dabei. Es war großartig. Zum einen ist er ein sehr erfahrener Musiker, aber er ist auch einfach ein dufter Typ, der jetzt auch noch mit uns auf Tour geht.

Hildur ist genauso unglaublich. Ich kenne sie schon lange. Sie hat uns bereits ein paar Mal mit ihrer Anwesenheit auf der Bühne beehrt. Als sie das erste Mal mit uns aufgetreten ist – okay, das gibt das jetzt sträflich vereinfacht wieder, aber – war das, als hätte die Band von Moll auf Dur geschaltet. Ihre Lebhaftigkeit und Power im Sound zu erleben, ist irre.  Zu beiden hatten wir auch außerhalb der Musik ganz besondere Beziehungen. Und Anthony Pateras aus Australien ist ebenso ein alter Freund, ein unfassbar guter Komponist, Synthiespieler und Improvisator. Sein Orgelpart ist der einzige Bestandteil der Platte, das nicht in Chicago entstanden ist.

Wir haben telefoniert, „Hey Mann, wir nehmen jetzt unser verdammtes Album auf“, und er so: „Bin dabei! Hier, ich hab‘ gerade dieses Stipendium in Deutschland in dieser völlig irren Kapelle, ich komponiere für die Orgel hier und hab‘ das Aufnahme-Equipment am Start. Sag einfach, was ihr braucht!“ Wir haben ihm eine Rohversion von „Troubled Air“ geschickt und er hat uns dazu eine Orgelbegleitung geschrieben. Das Ganze kam auf Tape nach Chicago.  Der Track, auf dem man die Orgel hört, ist auf jeden Fall ein vertrauter Sound, aber das Ganze dient als Kontrapunkt zu dem Fließenden, der flüssigen Steinmasse von „Aurora“. Das ist die Geschichte dieser drei super-großzügigen Leute. Ich hoffe, sie können alle mal live mit uns auftreten. Hildur ist super-busy, sie macht Filmmusik, und Anthony hat auch viel zu tun, aber vielleicht klappt es doch mal.

Witzig, dass du sagst, Hildur sei das Dur zu eurem Moll; ich habe mir für den Gesangspart auf „Between Sleipnir’s Breaths“ „hellblau“ aufgeschrieben.
Woher kommt der Farb-Ansatz, hast du was mit Auras am Gange oder so?

Nee, nee gar nicht. Ich finde nur, das Album bringt ein paar neue Farbwerte ins Spiel. Ich find’s eh schwer, die Musik von Sunn O))) NICHT mit anderen Disziplinen oder Wahrnehmungsfeldern zu verknüpfen – sie ist so mehrdimensional.
Das ist großartig. Darin schwelge ich total: wenn du unsere Musik auf so vielen Ebenen als sensorisch empfindest. Zugleich ist es so radikal subjektiv, von Person zu Person. Am passendsten finde ich, dass unsere Musik die Subjektivität der Person herausfordert. Also, Sunn O))) ist abstrakte Musik, darauf können wir uns einigen, oder? Ohne weitere Information könnte sie ganz unterschiedlich präsentiert werden. Das ist eine Sache, die mir als, naja, sagen wir: künstlerischer Direktor von Sunn O))) großen Spaß macht: es immer wieder von unterschiedlichen Seiten, in anderem Licht zu präsentieren. Bei „Life Metal“ ist das zum Beispiel – jetzt mal ganz direkt – das Coverbild: bunt, abstrakt, post-romantisch… Ich finde interessant, wie herausfordernd manche Leute abstrakte Formen finden, wie anspruchsvoll. Hm, falsches Wort. Na gut, Sunn O))) HABEN anspruchsvolle Seiten, aber das ist ein anderes Thema. – Also, die Hauptarbeit macht dein Verstand. Und das kann sehr katalytisch sein. Ich glaube, es nur wenig zeitgenössische Musik, von der man das sagen kann.

Wovon handelt der Text von „Between Sleipnir’s Breaths“?
Ich muss nachschauen, ich hab‘ den Namen vergessen, es ist das Gedicht eines mesoamerikanischen Fürsten und Dichters aus dem 15. Jahrhundert. Sorry, mein Gedächtnis ist am Arsch. Es ist voraztekisch, aus einem der drei Königreiche, die später das aztekische Imperium bilden sollten. Ich habe in der letzten Zeit viel über die vorkolumbianische Geschichte von Süd- und Mittelamerika gelesen: wie kulturell reich und bevölkerungsstark diese Zivilisationen waren. Wie der Kontakt von Europa mit den beiden Amerikas verlaufen ist, nämlich geprägt von Völkermord und der Einschleppung tödlicher Krankheiten… Eine Hypothese besagt, dass 95 % der Urbevölkerung diesen Kontakt nicht überlebt haben.

Das meiste, was uns an geschichtlichen Berichten vorliegt, dreht sich im Grunde nur noch um die vergleichsweise wenig Überlebenden. Bei meiner Lektüre bin ich über die Schönheit und Weisheit dieser größtenteils verlorenen Kulturen gestolpert. Zum Vergleich: das Ausmaß des Verlorenen, die Verheerung ist so groß, als hätte der Kontakt von Europa mit China (inklusive Südostasien) den Fernen Osten zerstört. Einige der Beispiele aus Mesoamerika waren Dichtkunst und Philosophie – was damals fast das gleiche war. Einige dieser Gedichte finden sich in „Between Sleipnir’s Breaths“ wieder. Sie sind so lebendig und bildhaft, aber sie haben auch einen daoistisch-buddhistischen Kern, wo es um Dauerhaftigkeit, um Schönheit und Verfall des Lebens geht.

Zu „Between Sleipnir’s Breath“ habe ich mir auch „zärtliche Liturgie“ notiert; es hat diese dramatischen Untertöne.
Das hat vielleicht mit Hildurs duotonischem Gesang zu tun; sie beherrscht diese mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Formen gut. Das passt; auch, wenn das Duotonische älter ist als der Text. Es gab mehr solche Texte, aber die meisten Codices wurden zerstört, von der Kirche, die Ketzerei vermutete. Die wenigen Sammlungen, die überlebt haben, hat man erst im 20. Jahrhundert entschlüsseln können. Ich habe mich gefragt: Was, wenn die Begegnung zwischen Europa und Mesoamerika nicht in Völkermord gemündet wäre? Welche Früchte hätte das künstlerisch tragen können?

1520 reiste Albrecht Dürer an den Kaiserhof nach Brüssel und war einer der ersten in Europa, der mesoamerikanische Artefakte, Gebrauchsgegenstände und Kunstwerke zu sehen bekam. Er war begeistert vom Können und der Schönheit dieser ihm fremden Kultur – und er ahnte, dass diese Kunstwerke, das feinst bearbeitete Gold, vernichtet und eingeschmolzen werden würden.
Darin steckt eine Menge: Was sagt das, als Schatz aufbewahrt zu werden, nach diesem ersten Kontakt? Was ist der Wert von Dingen, über den Materialwert hinaus? Im kommerziellen Bereich lautet die Frage ja immer gleich, was ist es wert? – Ich bin jedenfalls total fasziniert von den jüngsten anthropologischen und archäologischen Studien dieser verlorenen Zivilisationen, ihrem Terraforming… es gibt sogar Thesen – und auch Belege – dass das Amazonasgebiet nicht immer „nur“ wilder Dschungel war, sondern kultiviert wurde. Das klingt fast wie SciFi, ich weiß, oder Verschwörungstheorie, aber es gibt wissenschaftliche Studien. Versuch dir vorzustellen, wie unglaublich viel verloren gegangen ist: Dürer bedauerte den Verlust von einigen wenigen Dingen, die er gesehen hatte; Sachen, die hierhergebracht wurden, weil sie für die Eroberer Materialwert hatten – wie viel mehr hat er nicht gesehen? Faszinierendes Thema, huh?

Zurück zur Musik: Bei „Aurora“ und „Novae“ war ich beides Mal sehr überrascht, ein „kaltes“ Ende zu hören. Da sitzt man schon mal aufrecht, das ist ungewöhnlich für euch. Was steckt dahinter?
Aufhören. (lacht)

Aufhören.
(Lacht) Ja, das ist Komposition, Mann. Aber mal was Technisches: Wir haben nicht viele Effekte im Mix benutzt; etwas, das wir früher viel intensiver gemacht haben. Hier glaub‘ ich nur zwei Mal mit Hall –in „Novae“, vor dem Concerto mit dem Halldorofon. Da gibt es diesen weit offenen Widerhall, der sich auflöst, und dann den Moment, wo das Halldorofon durchbricht. Alles andere ist im Kern die festgehaltene Performance. Es gibt ein bisschen Multitracking, Overdubs, aber nicht viele Studioeffekte. Es hat was mit der Methode des Aufnahmetechnikers zu tun.

Aber die harten Enden – gerade im Vergleich zu „TERRESTRIALS,“ das so majestätisch auf- und niederging…
Naja, die Aufnahmen dafür lagen ja fast zur Gänze auf Ulver-Territorium, und deren Hauptinstrument ist das Studio. Dagegen haben wir diesmal fast einen Kontrapunkt gesetzt. Aber ich finde unglaublich, dass wir uns mit unserer Musik mühelos zwischen diesen beiden Extremen bewegen können.

Gab es einen Moment im Studio, wo Steve Albini die Augen aus dem Kopf geploppt sind?
Als wir ihn angefragt haben – das hab‘ ich auch im Waschzettel zitiert – sagte er wirklich, „Keine Ahnung, was das wird“. Bei unserem ersten Treffen meinte er, „Okay, was passiert hier jetzt? Weil: ich hab‘ keine Ahnung, was das jetzt hier gibt?“ Und wir so – lach -, „Wir haben hier Musik, die wollen wir aufnehmen!“ Steves Ruf eilt ihm voraus, das stimmt schon. Und wir hatten eine fantastische Session mit ihm, er ist ein toller Teamplayer, sehr offen. Ich denke, er hat generell Respekt vor uns als Projekt. Wir sind wirklich gut miteinander ausgekommen, was wichtig ist, wenn man 12, 14 Stunden im Studio aufeinander hockt. Es gab Momente, wo wir was ausprobiert haben, das nicht funktionierte, und er ist der erste, der dir sagt, das wird nichts. (lacht) Aber mit so jemand will man arbeiten, auf diesem Level von Vertrauen. Im Sound hat er uns sehr gut getan.

Es gibt zwei Sorten von Produzenten: die einen schaffen viel Material rund um die Musik. Du hast eine Idee, einen Samenkorn für die Musik, und der Produzent lässt das mit seinen Werkzeugen und seinem Wissen wachsen. Und es gibt diejenigen, die eher Kameramänner sind: du kommst mit deinem Sound und deinen Ideen, und sie bilden das perfekt ab. Sie könnten zwar künstlerischer sein, aber sie halten sich meist zurück; das ist ziemlich old schoolig. Ein „künstlerischer Produzent“ zu sein, war viel schwerer, d’oh, bevor es Computer gab. Und wie du weißt, arbeitet Steve nicht mit Computern. Er ist eher einer dieser super-erfahrenen Kameramänner.

Er hält sich und seine Meinung über vieles zurück – im Grunde ist es ihm sogar egal, aber wenn es nicht funktioniert, wenn es halbherzig oder einfach dumm ist, bringt er schon mal einen Text wie „Ey, es ist deine Band… Wenn du das unbedingt so machen willst, ist das dein Problem…“ (lacht) Greg und ich waren darauf vorbereitet, wir waren sogar ein bisschen nervös (lacht). Aber er ist so nett! Und er hat uns nicht angepflaumt.

Tatsächlich hab‘ ich schon mal mit ihm gearbeitet: meine allererste Platte habe ich bei Steve Albini aufgenommen, das erste Burning Witch-Album, 1996. Da gab es solche Momente. Er hat sich sogar noch daran erinnert – und uns erzählt, dass er das damals toll fand. Das hat mich weggeblasen, weil wir bloß diese dauerbekiffte Black Doom-Band waren, und ich noch weiß, wie er damals sagte, „Ey, Mann, es ist DEINE Platte. Willst du das so machen? Echt? – Naja, ist deine Platte.“ Und ich so, „komm schon, Mann, jetzt steh‘ doch mal hinter meiner Idee!“ – Aber warum sollte er eine schlechte Idee unterstützen?

Er hält dich von nichts ab… aber er lässt dich wissen, was er für beknackt hält. Ein anderer Produzent würde vielleicht sagen, „Ohhh, ja, ich verstehe, worauf ihr hinauswollt; versucht doch mal dies… oder das…“ Steve macht das manchmal auch, aber es war nicht nötig, weil wir alle richtungweisenden Entscheidungen schon getroffen hatten. Es ging nur noch darum, ein bisschen Fleisch und Dreck auf die Knochen zu bekommen. (lacht)

Er war fucking nice, die ganze Zeit über, er ist super. Wir haben ja schon öfter mit Shellac auf der Bühne gestanden – und immer, wenn er und Bob Weston um unsere Verstärker rumlinsten, haben Greg und ich uns fast in die Hosen gemacht: „OH MIST, DIE ZWEI SIND DAS!“ Bob Weston ist ja auch ein grandioser Aufnahmetechniker. Und ich glaube, wir teilen mehr als ein paar gemeinsame Freunde: nämlich eine radikale Herangehensweise an die Musik, die wir schreiben… Wir wissen, dass wir damit niemandem gefallen wollen.

Als ich das Cover von „Life Metal“ gesehen habe, dachte ich sofort, ah guck, Jean Delville, „Die Schätze Satans“, das Gemälde im Brüsseler Musée Fin-de-Siècle, das Morbid Angel 1991 auf „Blessed Are The Sick“ hatten… Hand aufs Herz, bist du über Morbid Angel darauf gestoßen?
Ja, natürlich. Ich war 16 Jahre alt und habe in einem Vorort von Seattle bei meiner Mutter gewohnt. Wie sollte ich da an Kunst in Brüssel rankommen? Der Vergleich mit Delville kam aber erst später, als ich mich schon mit Samantha Keely Smith ausgetauscht hatte und sie bei uns im Studio war. Sie ist eine unglaubliche Künstlerin, wir hatten viele Berührungspunkte. Als es um ein emblematisches Bild ging, wollte ich eine Sprache finden, die das Ganze mit Metal verbindet (lacht), zumindest ein bisschen, um der Subjektivität einen kleinen Schubs in die richtige Richtung zu geben. Ich bin jetzt 45 und habe „Blessed are the sick“ mit 16 auf Kassette bekommen, 1990 oder 1991… Manche Sachen bleiben einem halt einfach im Kopf, und irgendwann fangen sie an, zu viel Platz einzunehmen, und dieses Gemälde gehört dazu.

Delville als Referenz ist ungewöhnlich, weil bei ihm so viel unter den Vorzeichen von „Rose + Croix“ zu sehen ist, dieser esoterischen Gesellschaft, die er mit Joseph Péladan am Laufen hatte – das ist schon ein sehr spezialisiertes Interesse…
Bist du Kunsthistorikerin?

Nein, nur ein Nerd.
Für Esoterik?

Nee, Symbolisten.
Cool. Das ist cool, so ‘ne Leidenschaft.

Von Delville gibt’s ein paar Gemälde im Brüsseler Justizpalast, arg schlecht ausgeleuchtet und schwer zu finden, in diesem schlimmen Kafka-Gebäude. Man verirrt sich da drin, und dann gibt es *noch* ein paar Delvilles, im Schwurgerichtsssaal… Wir sind da ewig drin rumgeirrt, ohne angehalten zu werden; in einem Fenstersturz stand ein winziges Graffitto in Bleistift: „Der Teufel existiert, und dies ist eine sehr Wohnstätten“…
(lacht) Ja, nee, du lagst schon richtig, Morbid Angel. Aber das ist natürlich nur der erste Schritt. Damals war ich ein Kid. Und wenn man die Kunst entdeckt, öffnet einem das so viele Wege. Deine ganze Vorstellungskraft, Leidenschaft und Neugier. Zum Beispiel: wir reden jetzt darüber, wie wir Delville entdeckt haben, und du erzählst mir von deinen Abenteuern in Brüssel auf der Jagd nach Symbolisten… In ihren Lebensspannen haben diese Leute so viel Kunst und Kreatives erschaffen; das zu entdecken ist so aufregend. Dem zu begegnen. Zu mehr und tieferem Verständnis kommen. Und sie dann vielleicht sogar selber mal zu sehen oder zu erleben. Wie du beschrieben hast, im Justizpalast. Das klingt total unglaublich.

Da musst du hingehen, wenn du das nächste Mal in Brüssel bist. Und versuchen, dich nicht zu verirren. Wird dir aber nicht gelingen.
Ist da keine Security?

Nach den Terror-Anschlägen ein bisschen mehr, aber es ist immer noch frei zugänglich.
Ich versuche es, danke für den Tipp!

Was ich noch fragen muss: „Life Metal“ – im Gegensatz zu Death Metal?
Warum sind Leben und Tod einander entgegen gesetzt?

Sind sie? Sind sie nicht.
Eben. Der Tod ist Teil des Lebens und umgekehrt. Das ist kein sonderlich tiefer Gedanke, aber ich denke, es stimmt. Und: es gab mal einen Zeitpunkt in der Geschichte des Metal, als bestimmte Leute, die sich eine individuellere Identität verleihen wollten, sich bewusst von allem abgrenzen wollten, was sie für „Life Metal“ hielten.  Was, wenn du mich fragst, natürlich auch einen kommerziellen Aspekt hat. Das wäre eine Interpretation, oder ein Querverweis, wenn du so willst. Eine andere Interpretation wäre: wir machen das jetzt seit 20 Jahren. Und: es ist ein lebender Sound.

Wir spielen diese Musik in Echtzeit, und die Energie ist massiv. Das sind nicht bloß Riffs, zusammen mit ‘nem Drummer. Es hat so viel Tiefe, da einem widerfahren kann. Klar ist der Titel ein bisschen provokant. Überhaupt interessant, dass ein Begriff wie „Life Metal“ einige Leute innerhalb der Metalszene provozieren kann! Wie kommt das? Herrschaft, sogar Archgoat galten denen als „Life Metal“, als zu positiv. Weißt du, aus dem Metal-Suicide-Kult bin ich raus, ziemlich lange schon. Klar bot das eine interessante Einführung in bestimmte Philosophien, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Und ich halte es für gut, ein Statement abzugeben, indem wir uns für so einen Titel entschieden haben. Er ist ikonisch, er ist offen, und er schränkt einen nicht im Genre ein, auch wenn „Metal“ drin vorkommt. Ist das akzeptabel für dich? (lacht)

Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mir über den Titel keine großen Gedanken gemacht.
Sunn O))) ist mit ein Grund dafür, warum der Titel passt: Wir hatten immer das Glück, ein sehr offenes, diverses, neugieriges Publikum zu haben, ein kultiviertes dazu, das uns im Lauf der Zeit mit einem immer multidimensionaleren Ansatz begegnet. Wir hätten auch auf mehr Widerstand treffen können. Ich glaube, viele Musiker wissen nicht zu schätzen, was für eine Ehre einem die Hörer erweisen. Wir haben jetzt keine Million Hörer, aber wer uns auf dem Schirm hat und die Musik respektiert, verwendet Zeit darauf: Zeit, um tiefer einzusteigen und Themen und Ideen zu erforschen.

Was ist mit dem zweiten neuen Album „Pyroclasts“, das später dieses Jahr erscheinen soll und in derselben Session aufgenommen wurde wie „Life Metal“? Was ist die Idee dahinter?
Darüber erzähle ich mehr, wenn es rauskommt. Was ich aber schon mal sagen kann, ist, dass wir jeden Tag mit einer Improvisation, einer Art strukturierten Übung begonnen haben, um den Ton für den Arbeitstag mit den anwesenden Leuten zu setzen. Dabei haben wir verschiedene Harmonien erforscht. Steve hat das natürlich mitgeschnitten, jeden Tag… und es ist wirklich interessant geworden. Aber „Life Metal“ sind die eigentlichen, durchkomponierten Stücke, die wir geschrieben und vorbereitet haben.

Dann lass ich dich jetzt gehen, und du kannst dich frischmachen vor dem nächsten Interview….
Okay, eins will ich noch sagen: Ich bin froh, dass du nicht gefragt hat, „WO IST ATTILA“, denn das habe ich in diesem Interview erwartet.

Soll ich noch?
Er ist beschäftigt mit Tormentor, seiner Band. Er ist selbstredend ein Teil von Sunn O))), absolut, das möchte ich klarstellen. Er ist halt einfach nicht auf diesem Album drauf.

Hm, scheinbar nehme ich Sunn O))) so sehr von Release zu Release wahr, dass ich mich nie frage, warum ist Person X nicht auf diesem Album, und stattdessen die Personen Y und Z.
Das ist perfekt, das ist genau, was wir uns erhoffen. Wir haben sehr viel Glück, dass wir von Menschen auf diese Art gehört werden. Es muss nicht immer alles in Stein gemeißelt sein.

Interview: Melanie Aschenbrenner

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