Oktober 25th, 2019

SUB CITY (#79, 1999)

Posted in interview by Thorsten

Daß es ein neues Label namens Sub City gibt, interessiert mich erst mal nicht die Bohne. Daß es neue Platten von Bands wie Kid Dynamite, Fifteen oder Scared of chaka gibt, finde ich sehr angenehm, und daß diese auf diesem neuen Label sind, interessiert mich immer noch nicht die Bohne. Daß aber ca. 30 Tausend Dollar seitens des Labels seit seiner Gründung an wohltätige Organisationen überwiesen wurden, machts es zumindest für eine nähere Betrachtung gut. Schwupps also Chef Louis geschnappt und ab geht der Rekorder. Daniel.

Louis, erzähl doch mal, wer du bist, was du machst, warum es Sub City gibt – quasi einen kurzen Überblick über Deinen Werdegang…

L: Ok, die gekürzte Version – mein Name ist Louis Posen, 28 Jahre alt, und 1993 habe ich Hopeless Records gegründet, als wir ein Video für Guttermouth machten und die eine Single dazu wollten; sie hatten kein Label und fragten mich; ich brachte die Platte ohne Know-how raus, lernte dabei, wie es in etwa geht, und so begann das Label. Es bestand aus mir sowie meiner Freundin und meiner Familie, die mir halfen. 1995 fing (der jetztige Mitinhaber) Darren an, und es wurde zum Vollzeitjob. Inwizschen sind wir 8 Leute, die dort arbeiten, haben ein 3000 Quadratfuß Lager, 43 Releases von 13 Bands.
1999 haben wir mit Sub City angefangen. Der Grund hierfür war, daß wir neben der Tatsache, daß wir Platten rausbringen und damit auch relativ erfolgreich sind, daß Leute überall unsere Platten bekommen können etc, über den initialen Grund für all dies, die Freude an Musik & die gute Zeit, hinausgehen und positiv wirken. Und es ist zeitlich schwer, außerhalb des labels noch z.B. bei einer Stiftung, mitzuarbeiten, so daß ich beschloß, es dem Label einzuverleiben. Wir haben es allerdings nicht komplett Hopeless inkorporiert, sondern ein Sublabel gegründet, dessen Ziel die Unterstützung von Non-profit Organisationen ist, wie auch Öffentlichkeit zu schaffen.

Noch eine Sache mehr, zum Detail: wieviel Geld kam da bislang so rum und, zweitens, wer kriegt da eigentlich weniger? Ich kann mir nicht vorstellen, daß Vertriebe oder Einzelhändler auf ihren Profit verzichten.

L: Wir zahlen 5% des Endverkaufspreises an die entsprechende Organisation. Diese Spende wird von unseren Einkünften abgezogen und zweimal im Jahr wird überwiesen, weil wir zweimal unsere Bücher klarmachen. Für das Jahr 99 kann ich nur sagen, daß wir erst einmal abgeschlossen haben – im April – aber es dürften bis heute weit mehr als 30.000 $ sein, die die Platten wie auch die Take Action Tour eingebracht haben.
Niemand außer uns spendet oder reduziert seinen Profit, d.h. die Läden, Hersteller und Vertriebe. Die einzigen beiden Seiten, die teilnehmen, sind die Bands, und wir, beide geben jeweils 2,5 % ihrer Einnahmen ab. Da der Endverkaufspreis einer CD bei 13.99 $ liegt, bedeutet dies etwa 70 cent für die jeweilige Organisation.

Menschen sind im Normalfall zum Großteil von egoistischen Gefühlen geleitet; ich persönlich glaube keinen Deut an den altruistischen Menschen. Was muß vorfallen, damit man so etwas macht? Gab’s es da einen Morgen, wo irgendetwas anders war?

L: Erstmal muß ich dir recht geben; niemand tut Dinge, die nicht in der ein oder anderen Weise gut für einen selbst sind. Sub City ist gut für mich, sowohl auf einer emotionalen wie auch mentalen Ebene. Es wirkt gut auf mich, wenn ich daran arbeite. Es ist für alle Involvierten gut, die Bands…, es ist eben nicht nur für die Organisationen, die das Geld bekommen, sondern für alle Beteiligten. Das hat mich nicht mitten in der Nacht überkommen, sondern ich wurde so erzogen, mich auch um meine Mitmenschen zu kümmern. Klar, ich werde dennoch nicht den eigensinnigen Aspekt leugnen.

Wie wurdest du erzogen? Was ist die Arbeit deiner Eltern?

L: Meine Mutter ist eine Maklerin, sie verkauft Häuser; mein Stiefvater ist ein ‚CPA‘ – ein Buchhalter. Ich habe einen sehr starken Familienzusammenhalt erfahren, der sich in einer ethischen Grundhaltung ausdückt, daß gewisse Gaben, die man nun einmal hat, verwandt werden können, anderen zu helfen.

Gibt’s da auch ein religiöses Kapitel?

L: Nicht wirklich. Die Ethik meiner Familie beruft sich eher auf humane Gesichtspunkte als ‚Gottes Ruf‘.

Glaubst du an Gott?

L: Ich weiß es nicht, ich kann es nicht beweisen, es könnte schon sein.

Zurück zum Label. Im Tourzine erklärst Du, daß sich die Bands also eine gemeinnützige Organisation aussuchen, die sie mit dieser Platte unterstützen wollen. Erzähl doch mal, was dabei so passiert, wenn man diese kontaktiert.

L: Wir hatten sowohl-als-auch Geschichten mit diesen Organisationen. Gleich anfänglich lernte ich, daß es gar nicht so einfach ist, wenn man jemandem Geld geben will und ihre Thematik verbreiten will. Sie kommen zumindest nicht und umarmen dich. Jede dieser Organisationen sind sehr konservativ im Hinblick auf ihren Ruf, bzw. Dingen, die diesem schaden können, insofern, als daß die anderen Spender zurückziehen., oder daß es schlechte Presse gibt – ein Kid in Colorado könnte seine ganze Klasse abknallen, und zuhause findet die Polizei dann die eine Platte, die diese oder jene Organisation unterstützt. Davor haben sie alle Angst. Und aus diesem Grund lehnen diese Vereine Geld ab. Ziemlich traurig.

Also wer?

L: Wer? Ich gebe mal ein Beispiel. 88 Finger Louie und Kid Dynamite haben Freunde, die an Multiple Sklerosis leiden. Sie wollten also diesbezüglich spenden. Also fragte ich bei der American MS Society an, die größte Organisation auf diesem Gebiet in den USA. Ich hatte den Veranwortlichen Geldsammler am Telephon, faxte ihm unser Anliegen, und rief ihn noch öfters (vergeblich) an, er rief nie zurück, 10-15mal. Offensichtlich mochte er das Fax nicht, daß ich 5% des Verkaufspreises der Platte überweisen wollte.

Was bedeutet das so in etwa? 70 Cents die Platte?

L: In diesem Fall ist es eine EP / 10”, 9.98 Verkaufspreis, also 50 Cent. Jetzt ist es so, daß es noch einige andere Organisationen gibt, die sich um MS Kranke kümmern, nur ist diese eine so groß geworden, daß es die anderen quasi aus dem Rennen geworfen hat. Ich fand eine andere in Florida, die MS Foundation, die waren auch nicht daran interessiert. Und dann fand ich eine ganz ganz kleine Gruppe in New Jersey, da war dann die Platte schon draußen, obwohl ich lange lange davor mit dem Suchen anfing, und sie waren am Telephon sehr sehr angetan & aufgeregt, als ich ihnen jedoch die Platte sandte, meldeten sie sich und sagte ‚hm nein, die Lyrics sind zum Teil sehr profan, damit wollen wir nichts zu tun haben‘ – woraufhin ich es zwar noch versuchte mit den Hinweis, daß sie gar nicht dirket mit der Platte oder Band in Verbindung stehen würden, nicht direkt auf dem Cover genannt werden etc, sondern einfach nur Informationsmaterial beilegen könnten, aber sie lehnten dennoch ab. Letztlich fand ich in Pennsylvania die MS Service Society, die das ganze akzeptiert. Da sich diese Platte extrem gut verkauft, werden sie einen Haufen Geld bekommen, und so hoffe ich, daß mich in 2 Jahren die MS Society anruft und fragt, ob ich nicht eine Platte mit ihnen machen möchte….

Glaubst du nicht, daß du an einem viel größeren Problem scheiterst, nämlich der Intoleranz der amerikanischen Gesellschaft? Wäre hier eine Veränderung nicht viel nötiger?

L: Es ist auf jeden Fall ein großes Problem. Allerdings wußten wir zu Beginn eben nicht, daß wir erst einmal diejenigen, die Mainstream America erziehen wollen, selber erziehen müssen; nämlich daß Punlrock oder andere subkulturelle Gruppen durchaus Positives leisten können. Ich werde das natürlich nicht alleine hinbekommen, aber ich trage einen kleinen Teil dazu bei. Die ‚Foundation fighting blindness‘, die vom ‚Take action‘ Sampler profitiert, lehnten nach anfänglicher Zusage ab, weil sie die Musik und die Cover nicht mochten, was mich ziemlich angekotzt hat, weil ich an einer Netzhautverkleinernden Krankheit leide (L. kann eigentlich so gut wir gar nichts sehen, braucht immer Hilfe etc. Anm D.), und sie wollen MEIN Geld nicht nehmen, um MIR zu helfen? Ich war sehr sauer, aber irgendwie haben sie es dann doch noch verstanden, und waren letztlich sehr glücklich, haben mir sogar bei ihren Jahrehauptversammlung einen Preis überreicht, für diesen innovativen Weg, Wissen zu verbreiten.

Punk und Harcdore sollten doch immer ein systemdestabilisierendes Element besitzen, so zumindest die Theorie bzw. Historie (well – je nachdem… ) – und sei es, daß revolutionäre, anarchistische oder linksextreme Theorien diskutiert werden. Mit deinem Label leistest du interessanterweise einen eindeutig system-stabilisierenden Beitrag. Wenn diejenigen, die jetzt Geld von dir bekommen, dies nicht kriegen würden, und auch all die anderen Organisationen würden sammeln oder spenden, dann würde die Lücke zwischen den Verlierern und Gewinnern noch weiter klaffen, so daß an irgendeinem Punkt die Regierung eingreifen müßte, so mal überspitzt formuliert. Durch die Zurnutzbarmachung von Non Profit Vereinen gibt es einen weiteren Grund mehr, nicht zu handeln.

L: Ich glaube nicht, daß das exakt so funktioniert. Gerade das Unterstützen von solchen Organisationen friert den Status quo ja nicht ein, sondern es führt im Kleinen zur Verbesserung der persönlichen Lage Einzelner. Wir sprechen aber nicht über Krankheiten etc, sondern durchaus Versuchen der Veränderung auf Regierungsebene – die Fifteen Platte ist ein Benefiz für das Redwood Summer Justice Projekt, daß sich mit der Behandlung des Individuums durch den Staat befaßt. Genauer geht es darum, das FBI als Kontrollorgan einer jeden Person zu verändern; die Kontrolle von Aktivisten wie auch der allgemeinen Meinungsfreiheit. Jede Band hat ergo ihre eigenen Ziele und Visionen, aber ich fühle nicht, daß wir Dinge gerade so im Gleichgewicht halten und ohne uns Wandel unausweichlich würde. Dein Punkt könnte akkurat sein, aber ich setze meine Philosophie anders an.

Na dann nehmen wir doch mal die Homeless. Neulich meinten sie im TV, daß es bis zu einer Million Obdachlose in den USA gibt. Nun gibt es die Wohnheime, in denen diese Leute unterkommen können, und die auf Spenden der Öffentlichkeit angewiesen sind. Wenn es diese Shelter nicht gäbe, wären die ganzen Obdachlosen deutlicher in eines jeden Blickfeld, so daß eine Regierung ab irgendeinem Punkt nicht mehr wegschauen kann, weil sie im Hinblick auf ihre Wählerschaft, die dies eben auch sehen, unter Druck gerät?

L: Ich gebe dir recht, daß es einen extremen Mißstand benötigt, bis die Regierung eingreift. Sofern es keine überwältigende Forderung der breiten Masse der Bevölkerung gibt, wird so nichts passieren. Aber die Leute haben keine Zeit, zu warten. Wenn es eben ein kleiner Shelter in einer kleinen Stadt ist, dann finde ich es sehr sehr gut, daß sich die Leute um die Homeless kümmern, und ihnen jetzt helfen. Es braucht Generationen, bis sich Gesetze ändern, wie lange hat es geaduert, bis es ein Frauenwahlrecht in den USA gab, wie lang mußten Schwarze im Bus hinten stehen – es dauert alles sehr lange, und ich halte es unfair, den Leute jetzt Hilfe zu versagen. Wir haben es auch mit zwei unterschiedlichen Arten von Organisationen zu tun, auf der einen Seite die, die direkte Hilfe zur Verfügung stellen und auf der anderen Seite die, die eher versuchen, lobbyistisch zu wirken, also an längerfristiger, tiefgreifender Veränderung interessiert sind. Das Ziel aller muß aber sein, sich eines Tages auflösen zu können, überflüssig zu sein. Das sagen sie auch, wobei ich nicht weiß, ob sie da lügen oder nicht.

In der Sechziger Jahren gab‘s ne Menge Veränderung durch die Straße. Es gab einen zumindest von einem signifikaten Teil der Gesellschaft getragenen Wunsch nach Veränderung. Heutzutage denke ich ist dies nicht mehr möglich – glaube ich. Wie siehst du das?

L: An einigen Orten sind die Leute komfortabler geworden, auch konservativer, so daß es dort im Moment nicht passieren könnte, 500.000 Leute auf der Straße zu sehen. Ich glaube aber schon an zyklische Aspekte in der Geschichte; wobei aber zB heute die Leute Dinge wie das Internet nutzen, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, so was bekomme ich jeden Tag… ich glaube nicht, daß es weniger Bestrebungen gibt, sondern, daß sie anders ablaufen.

Woher beziehst du deinen Enthusiasmus bezüglich deiner oder aller anderer Möglichkeiten? Warum nicht ‚fuck’em!‘?

L: Oh, mindestens 2 Tage die Woche habe ich keine Lust darauf, und möchte lieber gar nichts tun und Bier trinken. Aber die 5 anderen Tage denke ich anders; und das hängt sicherlich am ehesten von meinen Eltern ab. Meine Mutter ist eine sehr selbtsichere und starke Person, die mir immer gesagt hat, geh raus, tu etwas, du kannst es. Wenn ich es nicht tue, also die zwei Tage ‚einlege‘, dann fühle ich mich am dritten nicht so doll, schon fast schuldig, daß mir nicht gelingt.

Mir ist oft aufgefallen, daß ‚aktivisten‘ – ein Term, der eigentlich nur in den USA benutzt wird, oder ? -, die sich ganz in den Dienst einer Sache stellen, die auch sehr sehr vernünftig sein kann, vergessen, daß sie – sofern sie tatsächlich an Mehrheiten interessiert sind (wären?), an Rhetorik, Aussehen, allgemeiner Vermarktbarkeit ihrer selbst arbeiten müssten, um effektiver zu wirken. Sonst heißte es ‚ah die Fuselhippies und Bombenleger wollen jetzt den Regenwald retten – pfft‘. Wie siehst du das?

L: Oh, da gebe ich dir recht, Auf der einen Seite sollte man natürlich schauen, daß man sich selbst treu bleibt und nicht verstellt, auf der anderen Seite ist es sehr unrealistisch zu erwarten, daß man Veränderungen durchsetzt, während man sich vom Rest der Gesellschaft abkapselt. Es ist wohl das Übliche ‚give & take‘ und man muß den richtigen Mittelweg finden.

Gibt es spezielle Schallplatten, die dir über die Jahre Inspiration vermitteln konnten?

L: Oh, da gab’s viele…. die wichtigsten…. das rote Album der Beatles, Simon & Garfunkel Greatest Hits, eine Ramones Platte vielleicht, X- Los Angeles, daß waren alles Wendepunkte in meinem Leben, wo ich durch eine Sache stark verändert werden konnte.

Ich frag’ das sowieso jeden, auch ohne in einer Band zu sein, wen in welcher Band würdest du gerne eine Weile ersetzen?

L: Es müßte schon jemand sein, der am Zahn der Zeit saß, eine Veränderung mitformte. Vielleicht jemand von den Ramones oder den Clash. Oder jemand, den ich früher in meinem Leben mochte, Police oder Tom Petty- Das sind Bands, die ich gesehen habe, und die haben mich damals schwer beeindruckt. Ich bin kein großer Exhibitionist, von daher würde ich als Bassist starten, ich könnte es mir nicht vorstellen, ein Frontman zu sein, und bin zu unkoordiniert, um Drums zu spielen. Stell mich dann hinter den Band.

Die Bands, die du genannt hast, bis auf die Beatles oder Clash, sind nicht wirklich so politisch in ihren Aussagen, wie ich die Antworten von dir erwartet habe. Ich dachte, da käme jetzt Crass oder Dead Kennedys oder so was.

L: Weil ich meine politischen Ansichten nicht aus Musik beziehe. Als ich heranwuchs, wurde ich eher mit Sechziger Jahre politischer Musik als Achtziger Jahre konfrontiert. Ich habe früher viele Filme gesehen, die mich diesbezüglich weit mehr beeinflusst haben; wie auch die Nachrichten etc. .

Wirst Du die Hot Water Music / Braid (rip-schade) 13” machen?

L: Ups, das kann ich dir im Hinblick auf das Format nicht versprechen…

Nun laßt uns denn ein Zapfhähnchen pflanzen…

Both comments and pings are currently closed. RSS 2.0