Juni 24th, 2020

STUN (#188, 2018)

Posted in interview by Thorsten

Die übriggebliebene Band

Was tun mit einer Band, von der alle Mitglieder restlos überzeugt sind, die im Besitz eines Netzwerks, eines kleinen Labels und sogar eines Vertriebs ist, für die aber die Zeit nicht reicht, um die nächsten Schritte zu gehen. Label und Band tun zwar ihr Möglichstes, stoßen allerdings an finanzielle und zeitliche Grenzen. Vielleicht ist STUNS Musik zu sehr aus der Mode gekommen, vielleicht zu komplex, zu sehr zwischen allen Stühlen oder ganz einfach zu gut, um große Aufmerksamkeit zu bekommen. „Wir gehören einer Jugendbewegung an, die sich Ende der 90er Jahre in alle Einzelteile zerlegt hat“, gibt Marco Goerlich, Sänger, Texter und Gitarrist etwas selbstironisch zu Protokoll. „Wir sind die Übriggebliebenen.“
STUNS letzte Album OK HUNTER blieb trotz überwiegend guter Kritiken, professioneller Hilfe bei der Vermarktung und nicht zuletzt drei sehr schönen und anspruchsvollen Musikvideos, ungerechterweise nur ein Geheimtipp für Eingeweihte.

Trotzdem bleibt der Anspruch der Band bestehen, auf hohem Niveau Musik zu machen, zu schreiben und zu produzieren. Musik – das sollen nicht bloß Songs sein – sondern ein einheitliches Ganzes. Tonträger, Cover, Layout, Texte, Komposition und nicht zuletzt dazugehörige Videos. So stellen STUN sich ihr Schaffen vor.

„Wenn Videos richtig gut sind, können sie einen guten Song doppelt so gut machen. Starke Bilder zu geiler Musik – da sind wir selbst Fans von und wir haben Spaß daran, zu unseren Songs Bilder zu entwickeln. Für Marco ist es eh so, dass er beim Schreiben der Lyrics bereits Bilder im Kopf hat“, sagt Moritz Vandreier (Schlagzeug). Marco ergänzt: „Ich kann Stunden damit verbringen, im Laden durch Platten zu stöbern. Genauso gerne stöbere ich aber nach Musik bei youtube. Auf dem Weg habe ich schon einige Bands für mich entdeckt, deren Platten ich dann unbedingt brauchte. Bewegte Bilder wirken dabei auf mich, als würde ich bei einer Zugfahrt aus dem Fenster gucken und dabei Musik hören. Zudem weiß ich häufig schneller warum es in dem Song geht. Ich bin so altmodisch, ich interessiere mich noch dafür, worüber eine Band singt.“

Darüber hinaus hadert die Band, neben der knappen Zeit, am klassischen Album. Als Gesamtkunstwerk ist es nahezu ausgestorben. Vinylboom hin oder her, der Tonträgermarkt funktioniert nur für etablierte Bands. So sieht es die Band. Die Alternative, viel live zu spielen, fällt aus eingangs erwähntem Grund (Zeit) weg. Eine Band steht am Scheidepunkt, zwischen professionellen Anspruch und mangelnder Zeit und Geld. So könnte man meinen, dennoch will STUN weitermachen, bzw. wollten die Jungs nie aufhören.

„Es ging immer nur darum, WIE wir mit STUN weitermachen. Einerseits wollen wir uns künstlerisch gemeinsam weiterentwickeln, andererseits ist die Zeit dafür durch unsere Jobs und Familien knapper geworden. Da ist Kommunikation extrem wichtig, damit keiner frustriert zurückbleibt. Zudem sind wir 100% DIY, d.h. wir müssen unsere Musik irgendwie finanzieren, worüber man auch immer wieder reden muss, weil es kein Fass ohne Boden werden darf. Wir sehen es aber immer noch als enormes Glück an, dass wir uns menschlich und musikalisch gefunden haben und das aufzugeben, würde uns glaube ich allen sehr schwerfallen.“

Denn es gibt eine Handvoll neue Lieder, die sich gut anfühlen. Sechs Stücke sind es an der Zahl. Entstanden über fast ebenso viele Jahren. Es geht den Bandmitgliedern um Qualität, nicht Quantität, und die braucht ihre Zeit. Eingangs erwähnte Job- und Familiensituation begünstigen den langsamen Arbeitsfluss. Dennoch oder gerade trotzdem haben die Bandmitglieder nie die Lust am Musikmachen verloren, wie Moritz bestätigt:

„Die Lust am Musikmachen haben wir nie verloren. Wenn überhaupt ist die Lust an dem ganzen Drumherum verloren gegangen. Sieh Dir den Weg von STUN einmal genauer an; wir haben jede Veröffentlichung, immerhin zwei Alben, eine EP und zwei Split-Projekte, aus eigener Kraft, mit eigenem Geld und einer Menge DIY-Spirit auf die Beine gestellt. Das ist ein großer Kraftakt, wenn eine Band nach Feierabend betrieben wird und ein hohes Level halten möchte. Ich kann für mich sagen, dass ich nach unserem letzten Album OK HUNTER, das wir u.a. über die Förderung der „Initiative Musik“ veröffentlicht haben, eine Zeit gab, wo ich mir nicht mehr sicher war, ob ich noch mal ein Album veröffentlichen möchte.“

Trotz dieser Aussage spinnen Moritz und Marco eines Abends über einem gemeinsamen Bier rum, mit wem und wie die neuen Lieder aufgenommen werden sollen. Moritz hörte zu dieser Zeit häufig NIRVANA’S NEVERMIND und schwärmt Marco vor, wie unfassbar gut das Album nach über zwanzig Jahren noch klingt. Marco wirft darauf ein, wenn nur annährend ein Sound wie auf NEVERMIND in Deutschland produziert werden soll, gäbe es nur eine Person, die das umsetzten könnte: Kurt Ebelhäuser.

Ebelhäuser ist Mitgründer, Gitarrist und kreativer Kopf der Bands BLACKMAIL und SCUMBUCKET. In Koblenz betreibt der Musiker ein Studio, indem er unter anderem ESCAPADO, PASCOW oder auch FRAU POTZ produzierte und/oder aufnahm. Er gilt aktuell als einer der begehrtesten Produzenten des Landes. Ein viel beschäftigter Mann. Hat es überhaupt einen Sinn ihn zu kontaktieren, fragten Marco und Moritz sich.

In Bremen, der Heimatstadt von STUN, gibt es ein altes Sprichwort. Buten und Binnen – Wagen und Winnen, was so viel bedeutet, wie draußen und drinnen – es wagen und gewinnen oder anders ausgedrückt, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Warum nicht probieren das scheinbar Unmögliche möglich zu machen?

„Marco hat Kurt dann angeschrieben und ein paar Tage später war er am Telefon. Ab da war alles klar. Er war super angetan von unserem Sound, kannte uns natürlich vorher nicht, aber hatte sich schon vor dem ersten Telefonat in viele Songs reingehört. Da waren wir ganz baff und er hat uns direkt eingeladen, zu ihm zu kommen, 2-3 Songs aufzunehmen und sich mal kennenzulernen. Alle unsere Erwartungen wurden übertroffen“, berichtet Moritz und Marco ergänzt:

„Wir kannten Kurt nur aus der Zuschauerperspektive, als Gitarrist von BLACKMAIL und hatten ihn anders eingeschätzt, als er in Wirklichkeit ist. Um ehrlich zu sein, hatten wir anfangs auch etwas Schiss mit ihm aufzunehmen, weil wir nicht einschätzen konnten, in wieweit er uns in unser Gitarrenspiel und unser Songwriting reinquatschen würde. Als er dann anrief, übernahm er gleich das Wort und sagte, dass er unser Gitarrenspiel, das Songwriting und den Gesang großartig findet. Er hatte sich durch unsere vorherigen Platten gehört und meinte sofort, dass wir eine eigene musikalische Identität hätten, die er auf keinen Fall verfälschen möchte. Außerdem fragte er, ob wir ihn auch in den musikalischen Kreativprozess einbinden wollen oder ob er uns lediglich aufnehmen soll. Ich sagte ihm, dass wir Bock haben mit 100% Kurt Ebelhäuser aufzunehmen und von unserer Seite alles erwünscht ist, was die Songs nach vorne bringt. Dann rückte er damit raus, dass er zwar nicht mehr wisse, wie es unsere OK HUNTER in sein CD-Regal geschafft hatte, aber die schon seit einiger Zeit dort steht. Anschließend redeten wir über Bands wie BUILD TO SPILL, SPIRITUALIZED und am Ende des Gespräches wollte er noch wissen, was wir neben der Musik noch alles so machen und wie wir ticken.“

Begeisterung herrscht auf beiden Seiten – in zwei Sessions gehen STUN ins Studio und nehmen die sechs Stücke auf. „Wir hatten uns für die erste Aufnahmesession drei Songs vorgenommen. Kurt hat uns einfach spielen lassen und über weite Strecken merkten wir zunächst kaum, dass er da war. Bei der Produktion der Gitarren war er dann aber voll präsent. Wenn Du Gitarren mit Kurt aufnimmst, unterziehst Du Dein Gitarrenspiel halt wirklich einer vollumfänglichen Betrachtung“, schwärmt Marco, selber einer von zwei Gitarristen bei STUN. „Da geht es schnell um Anschlagstärken jeder einzelnen Saite und natürlich wird jeder Gitarreneffekt sehr kritisch von ihm untersucht. Das hat uns anfangs auch mal wahnsinnig gemacht.

Moritz wirft einen eher persönlichen Blick auf die Zusammenarbeit: „Kurt ist ein supersympathischer Kerl, mit dem wir locker drei Wochen durchquatschen, Anekdoten erzählen und Musik hören könnten. Geht ganz leicht mit ihm. Wir hatten aber immer ein enormes Pensum, sodass wir bei jeder Session einen straffen Zeitplan vor uns hatten. Daher war es immer ein Spagat zwischen sehr konzentriertem Arbeiten und einer Reise in seine sehr unterhaltsame Anekdotenwelt.“

Schnell nehmen die Stücke Formen an. Kurt greift hier und da selber zur Gitarre und spielt ein paar Melodien ein. Die sechs Songs, dies stellt sich bereits beim erstmaligen Hören raus, sind für die Band ein gewaltiger Sprung nach vorne. „Ebelhäuser hat für uns eine keyboardartige Fläche aus rückwärts abgespielten Gitarren gebastelt. Bei unserem Song LEVEL UP ERRORS ist kein einziges Keyboard und kein einziger Powerchord gespielt worden, das sind alles Gitarrenmelodien! Das wird wahrscheinlich niemanden außer uns interessieren, aber uns kickt diese Tatsache immer noch enorm. Bei dem Song hatte er übrigens auch die Idee einer zweiten Gesangmelodie. Ich finde, unsere Stimmen harmonieren an dieser Stelle sehr gut.“

Tatsächlich ist TODAY WE ESCAPE, so der Titel des Werkes, im Gegensatz zum Vorgänger, deutlich rhythmusgetriebener. Die Powerchords und Pickings stehen gleichberechtigt neben den sauber durchgespielten Saiten, und werden nur zwecks Steigerung eingesetzt, um ein Stück final auf die Spitze zu treiben. Dies gibt den Songs mehr Struktur als zuvor. Gleichzeitig strotzen die Lieder vor Wechseln, Ideen und unerwarteten Wendungen. Im ersten Moment erinnert beispielsweise das Gitarrenriff des Eröffnungsstück SELL YOUR SOUL an eine alte SONIC YOUTH Nummer, bevor ein stampfendes Schlagzeug den Song in eine andere Richtung treibt, und nach etwa einer Minute sich der Beat ändert, die zweite Gitarre eine weitere Nuance zufügt, um das Ganze etwas hochzuköcheln, bevor nach einer kurzen Pause das Stück vollkommen ausbricht, der Gesang wütender und kratziger wird und schließlich abrupt endet. Stehen SELL YOUR SOUL und auch LAW als lose Songs, entsteht bei den Stücke STATE OF MIND, THE COTERIE und LEVEL UP ERRORS ein Sog, der den Hörer förmlich in die Musik zieht und ihn zwingt zuzuhören. Die Stücke gehen ineinander über, beide Gitarren ergänzen sich und bilden zusammen mit Bass und Schlagzeug ein dichtes Gemisch aus Noise-Anleihen, klassischem Indie-Rock, Laut/Leise Postcore Elementen, etwas 90er Emo und sogar ein klein wenig Grunge, welches nahezu einmalig ist und internationale Vergleiche in keiner Weise scheuen muss. Denn die Musik ist einerseits laut und druckvoll, bewegt sich aber dennoch in einem Popformat, hinsichtlich Melodieführung und Arrangements. Selten gab es ein beeindruckenderes Bespiel, wie (Indie-) Rock’n‘Roll stilvoll altern kann, ohne den Biss zu verlieren und, fast wie im Vorbeigehen, so leicht wirkt die Platte, ein ganz eigener, ja einzigartiger Sound gefunden werden konnte, der unbedingt bei voller Lautstärke gehört werden sollte, denn dann entfaltet die Musik seine größte Kraft.

Ein genaues Veröffentlichungsdatum steht noch nicht fest, im April soll es aber so weit sein. Wie die Veröffentlichung allerdings aussehen soll, da haben Moritz und Marco genaue Vorstellungen: „Wir haben uns für Vinyl entschieden, weil wir Vinyl-Liebhaber sind. Natürlich bekommt man die Platte dann auch als Download, da Plattenspieler beim Reisen sehr unpraktisch sind. Es ist natürlich auch möglich die Platte nur digital zu bekommen, da einige heutzutage einfach keine physischen Tonträger mehr besitzen wollen.“

Zurück bleibt eine Band, die das Paradoxon sucht. Einerseits auf hohem Standard zu arbeiten und ein vollständiges, wertiges Produkt anzubieten. Gleichzeitig aber einen Markt, der als verloren betrachtet wird, und seine Mechanismen nicht mehr bedienen zu wollen. Ein wenig erinnert dies, an alte DIY Zeiten, als Bands wie FUGAZI einfach auf alles geschissen und ihr eigenes Ding im Underground durchgezogen haben. Auch bei STUN werden diese Schritte nicht mit Unbehagen oder aus Verzweiflung gegangen, sondern aus einer Überzeugung und einer Haltung heraus. Vielleicht ist dies ein Modell für andere Bands in der Zukunft. Songs hochwertig zu produzieren und sofort, in welcher Form auch immer, zu veröffentlichen. Sei es als digitale Single, als Video oder als klassischer Tonträger. „So oder so ähnliche stelle ich mir die Anfangstage der Beatles oder der Stones vor: Die haben erst mal Singles veröffentlicht – an ein ganzes Album war nicht zu denken. Irgendwie dreht sich die Entwicklung wieder ein bisschen in diese Richtung zurück. Zumindest in unserer Wahrnehmung.“ STUN wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, wann und wie sie ihre Musik veröffentlichen. Sie wollen aufnehmen, wenn genügend Songs geschrieben sind und diese dann sofort veröffentlichen. Das kann, wie in diesem Fall auf Vinyl sein oder auch einfach als Video oder digitaler Download. Was zählt und bleibt sind die Songs.

Mehr Infos:
www.stun-musik.de
www.facebook.com/stunmusik

Text: Claas Reiners

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