März 16th, 2007

STEREOLAB (#59, 08-1996)

Posted in interview by jörg

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Wie ich aus dem Promo-Zettel zur neuen LP bzw. aus einigen Artikeln erfahren habe, ist Stereolab die Nachfolge-Band von McCarthy, eine der Bands, die in England im Zuge des C-86 Samplers ziemlich erfolgreich wurden. Was habt ihr dazwischen gemacht?

Gane: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich war früher bei McCarthy, Laetitia hat auf der letzten McCarthy-Platte ein paar Background-Vocals gesungen und auf der letzten Tour mitgespielt, aber sie war nie ein richtiges Mitglied.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist, dass McCarthy eine relativ politische Band war und auch Stereolab jetzt in manchen Zeitschriften ideologisch als Marxisten betitelt werden. Habt ihr eine klare politische Message?

Gane: Naja, es ist Laetitia, die die Texte schreibt und sie ist sehr an den verschiedensten Ideen interessiert. Sie ist auch sehr kritisch im Umgang mit den Informationen, die sie bekommt. Ihr geht es mehr darum, dass die Leute die unsere Songs hören, auch kritisch die Informationen, die ihnen geliefert werden, betrachten und überhaupt ihre Umwelt genauer observieren. Sie schreibt eine Menge Songs, und diese Songs handeln von den Themen, die sie in dem Moment beschäftigen, das sind dann auch Sachen, die politisch sind, aber sie ist keine Marxistin.

Das Problem ist, dass die Sachen nicht so weit auseinander liegen, wenn du einen Aspekt ansprichst, musst du noch nicht das Gesamte unterstützen. Es wird viel zu schnell generalisiert, weil es schön einfach ist, und das ist wirklich falsch. Ich kann nur von mir persönlich sagen, dass ich kein Marxist bin.

War für dich der Wechsel zu Warner-Brothers eine natürliche Entwicklung, die eben mit dem Erfolg einer Band kommt oder…….

Gane: Es ist schon komplizierter als das. Wir haben in England unser eigenes Label, Your Funny Connects, das ist völlig independent, hat absolut nichts mit Warner zu tun, und das sind wir in England. Wir wollten auf ein interessantes Label und haben gesucht. Nun muss ich sagen, dass ich persönlich schon auf vielen Indie-Labels war und ich sie für nicht besser halte als die Majors, was Kontrolle etc. betrifft.

Die einzige wirkliche Alternative ist, sein eigenes Label zu betreiben. Wir hatten mit Too Pure mehr Probleme, unsere Platten zu veröffentlichen, als wir mit Warner je haben werden. Ich habe die Frage nach der politischen Relevanz einer Band nie mit ihrer Plattenfirma in Verbindung gebracht. Wenn ich jetzt meine 10 Lieblingsplatten aufzählen würde, wären mehr als die Hälfte auf Majors rausgekommen. Dazu kommt noch, dass wir einfach alle Punkte, die uns bei einem Vertrag mit einer Plattenfirma wichtig waren, auf eine Liste geschrieben haben und diese Liste den interessierten Plattenfirmen vorgelegt haben. Elektra war die einzige, die es trotzdem machen wollten.

Sie haben sehr wenig mit uns zu tun, vertreiben die Musik eigentlich nur ausserhalb Englands. Dazu kommt noch, dass die Band Geld benötigte, um weiterzumachen, weil zu dem Zeitpunkt alle von Sozialhilfe gelebt haben, und diese bald ausgelaufen wäre. Hätte nun ein gutes Indie-Label unsere Vorstellungen angenommen, hätten wir bei denen unterschrieben. Ich glaube auch, dass es uns gar nicht mal geholfen hat, wir hätten wahrscheinlich auf einem der grösseren US-Indies mehr Platten verkauft.

In der letzten Zeit kursiert von dir ein Zitat, in dem du neben Krautrock Burt Bacharach zu einem deiner Lieblingskomponisten und Haupteinflüssen erklärst. Ist dies wirklich ein Zitat? Burt Bacharach und dieser ganze Easy Listening-Hype ist doch reichlich peinlich.

Gane: Also peinlich finde ich Bacharach sicher nicht, aber er ist wiederum auch nicht mein Haupteinfluss, ich mag einfach nur seine Musik. Ich habe einen eigenen Musikgeschmack und viel von dem, was mir gefällt, wird heute Easy Listening genannt, nur – wir hören das seit Jahren. Besonders gut gefallen mir auch die Sachen aus den 60ern, die mehr in Richtung Elektronik gingen oder die richtig obskuren, bizarren Platten, die kaum einer kennt.

Meine persönlichen Favoriten werden von der heutigen Easy Listening-Fraktion gar nicht beachtet. Bacharach ist einfach nur ein richtig guter Songwriter. „Say A Litle Prayer“ ist kein Kitsch, kein „Easy“ Listening. Der Song ist besser als viele, die mir im Moment einfallen. Diese heutige Easy Listening-Sache ist nur eine Masche, um Platten zu verkaufen.

Neben Easy Listening erlebt auch Kraut- und Progressive-Rock eine späte Ehrung. Diese Musik wurde ja angeblich vom Punk gekillt, nur genau diese gekünstelten, altbackenen Kamellen werden auf einmal wieder sehr salonfähig. Ihr seid ja auch grosse Krautrock-Fans.

Gane: Als ich in den Spät-70ern zur Schule ging, hörte ich auch Punk oder das, was kurz danach kam, Gang Of Four etc., aber bald darauf fing ich an, mich für elektronische Musik wie Throbbing Gristle zu interessieren. Das war für fast sechs Jahre die einzige Musik, die ich hörte, Whitehouse, Throbbing Gristle, strenge, elektronische Musik.

Zu Faust und Can und Gruppen wie sie, kam ich über Tips von Freunden, die mir rieten, in solche Platten mal reinzuhören. Ich war begeistert, weil diese Musik anders klang, als alles, was ich vorher gehört hatte. Ich finde Punk ist heute eine historische Sache, die Reaktion damals war, dass Punk alles andere wegblies, aber im Grunde genommen ist Punk von der Musik her traditioneller als Faust oder Can. Und wenn man heute eine Can-Platte hört, hat sie doch weit mehr Relevanz als eine Platte der Sex Pistols.

Die sind aber nun auch nicht das richtige Beispiel für Punk……

Gane: OK, auch Minor Threat oder Black Flag, wen immer du jetzt nennst, es bleibt dasselbe.

Ehrlich betrachtet, machen Green Day eine Musik, die es schon 10 Jahre vor ihnen gab, aber auch ihr habt viele Elemente/Sounds aus vergangenen Zeiten. Würde es dich stören oder gar beleidigen, wenn ich Stereolab jetzt als Retro-Band bezeichnen würde?

Gane: Naja, ich habe uns noch nie als Retro-Band gesehen. Du kannst heute in den 90ern jede Art von Musik machen und zeitgemäss sein. Es gibt bestimmte Musik, die du liebst und die dich inspiriert, eigenes zu machen und dadurch schaffst du es, diese Musik einen Teil weiter zu führen. Ich finde nicht, dass wir nur einfach eine Band oder einen Künstler nachmachen. Wir benutzen nur viele Elemente, manche sind schon älter, manche aus den 40er Jahren, und mischen sie mit Elementen, mit denen sie noch nicht gemischt worden sind oder mit völlig neuen Ideen von uns.

Für mich wäre Retro, wenn die Band einen speziellen Sänger kopieren würde oder so. Wir klingen nicht wie Bacharach, wir klingen nicht wie Faust. Ganz am Anfang der Band klangen wir etwas nach der Band NEU!, aber die ist so obskur, dass es sowieso niemand gemerkt hat. Ich mag z. B. auch viele Jazz-Platten und benutze auch oft Teile dieser, nur kann man das nicht hören. Es geht immer darum, was du mit einer Idee machst.

Der Sound von Stereolab hat sich inzwischen ziemlich gewandelt. Am Anfang war es eine sehr psychedelische Wall-of-Noise, die mich oft an Spacemen 3 erinnerte, die neuen Platte hat unheimlich viel Groove, wirkt manchmal wie eine Dancefloor-Platte. Wo früher eine Band zugange war, klingt es jetzt nach ein paar Leuten, die Basic-Tracks einspielen, die dann von vielen anderen mit kleinen Overdubs und sonstigen Spielereien beladen werden.

Gane: Nun, genau so ist die neue LP entstanden. Nur finde ich die Platte nicht zu „dancy“. Wir haben das auch nicht gemacht, um kommerzieller zu werden, denn eigentlich wollten alle, dass die neue Platte klingt wie die davor. Ich wollte diesen bestimmten Sound, er sollte „rubbery“ und „bouncy“ (heisst in etwa: gummiartig und hüpfend, A. d. V.).

Ich habe zu der Zeit viel die frühen Platten von Yoko Ono und Don Cherry oder auch PIL gehört. Manche Menschen finden das jetzt tanzbar, darum ging es mir aber nicht, ich wollte viele miteinander verwobene Riffs. Ich wollte die neue Platte viel rhythmischer haben. Der Entstehungsprozess ist aber immer derselbe geblieben.

Kannst du jetzt schon abschätzen, in welche Richtung sich der Sound von Stereolab entwickeln wird? Zurück zur Wall-of-Noise oder weiter in die groovige Richtung; wie zufrieden bist du mit der neuen LP?

Gane: Die jeweils aktuellen Platten spiegeln immer meine momentanen Interessen wieder. Die rhythmischen Teile der neuen LP werden wir bestimmt noch eine Weile beibehalten, dafür werden andere Teile unserer jetzigen Musik wegfallen und durch andere, hoffentlich neue, ersetzt. Für mich ist es auch wichtig, widersprüchlich zu sein, so dass die Musik, unsere Entwicklung, nicht vorhersehbar wird.

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Text & Interview: Al Schulha

Fotos: Daniel Röhnert

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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