Juni 25th, 2019

SPITFIRE (#87, 2001)

Posted in interview by Thorsten

Geographisch gesehen nimmt die Dichte an Bands, welche man im Allgemeinen so kennt, nach „Osten“ hin leider ab. Aurora aus Ungarn, Sto Zvirat und das Day After Records Umfeld aus Prag sind noch in greifbarer Nähe, zudem fliegen irgendwo bei mir noch zwei Mix Tapes von einem Kumpel aus dem lettischen Riga rum, aber dann müsste man noch etwa 15000 Kilometer weiter fliegen um in Amerika all die ach so grandiosen Ami Bands nennen zu können. Spitfire aus dem russischen St. Petersburg machen sich seit Jahren daran, diese riesige Lücke zu stopfen. Da ist es fast schon zweitrangig, dass sie erstklassigen SKA Punk spielen der den Vergleich mit den Mighty Mighty Bosstones nicht zu scheuen braucht, aber mit dem teils russischen Gesang und Ausflügen in die musikalische Tradition des Landes, nicht so ganz auf den hippen „Trans Amerika Express“ setzen will.

Dass das auch gar nicht nötig ist, beweisen die Russen wenn sie auf ausgedehnten Europatouren jeden Club in eine vor Schweiß triefende Sauna verwandeln, was ihnen auch Veröffentlichungen auf dem Vielklang-Ableger Pork Pie bescherte. Nach einem gefeierten Auftritt im Bremer Schlachthof plauderte Kostia natürlich über die Musik, Szene in Russland und ihren ganz speziellen Verbindungen in den „WESTEN“ . Da sich durch eine gemeinsame Tour im Dezember auch eine Freundschaft entwickelt hatte, nutzten wir neben den Interview Standards auch die Gelegenheit über unsere eigenen Gedanken und Vorurteile in Sachen Geld und Russland zu sprechen.

Kostia: Wir haben etwa 1993 als Trio angefangen und die Jungs an den Blasinstrumenten sind nach etwa einem halben Jahr dazugekommen und mit denen haben wir dann unsere ersten drei Songs aufgenommen. Einige Mitglieder von Spitfire und ich spielten zu dem Zeitpunkt noch in einer Swing Band und als wir mit dieser Gruppe 1994 in Berlin spielten, hatten wir auch das Demo von Spitfire in der Tasche und es den Leuten von Pork Pie gegeben, die dann einen Song auf der Compilation „United Colours of SKA 2“ veröffentlicht haben. Daraus ist dann auch schon der Deal mit Pork Pie entstanden und wir konnten unsere erste Platte machen – That´s how it goes.

Welche Einflüsse haben dich denn vorher geprägt und später den Spitfire Sound beeinflusst?

Kostia: Wie waren alle große Rockabilly und Pschyobilly Fans und haben auch in solchen Gruppen gespielt. Meine erste eigene Platte war mit 13 Jahren von den Stray Cats, von da an war ich für etwa acht Jahre auf dem Rockabilly Trip. Während der Entstehungszeit von Spitfire haben wir einfach nur rumexperiementiert und von Hardcore und Punk, Rock n Roll und Psycho bis hin zu SKA und Reggae einfach alles gespielt was uns gefallen hat. Wir haben einfach versucht was anderes zu machen, so ist Spitfire plötzlich passiert. Diesen Stilmix haben wir für uns somit gefunden, bevor wir überhaupt von Bands wie den Bosstones gewusst haben. Es gab also keine Einflüsse auf diese Art und Weise. Als wir dann später Musik von den Bosstones hörten waren wir aber wirklich beeindruckt.

Vielleicht stellen wir uns das falsch vor, aber habt ihr euren Stil vielleicht auch deshalb selber gefunden, weil es in Russland schwerer war, jede Entwicklung, jeden Trend und jede neue Platte aus Amerika und Europa mitzubekommen?

Kostia: Nein eigentlich nicht, wir haben uns weiterentwickelt, weil uns dieses reine Rock n roll Ding nach all den Jahren langsam gelangweilt hat.

Wie sind den jetzt die Reaktionen bei euch zu Hause, wenn ihr als eine der wenigen Bands, wenn nicht sogar als die einzige, aus der Region, von einer langen Tour heimkehrt?

Kostia: Lustiger Weise gibt es immer viele Geschichten über Spitfire die so gar nicht passiert sind und manche erzählen auch wirkliche Scheiße. Manche mögen uns wirklich, aber wir sind wegen der Sache keine Stars in unserer Heimat. In Petersburg und Moskau kommen so etwa tausend Leute auf die Konzerte, es hält sich noch in Grenzen. Es gibt durchaus noch andere Gruppen die jetzt hier unterwegs sind und für die sich immer kleinere Gigs organisieren lassen, so wie wir hier auch begonnen haben. Du kannst schließlich keine großartige Unterstützung vom Publikum bekommen, wenn du nur da bleibst wo du auch lebst. Wir versuchen immer etwas Neues kennen zu lernen und wo anders zu spielen. Ich denke für uns war es einfach eine gute Entscheidung gleich nach Europa zu gehen. Wir hatten aber auch einfach ziemliches Glück, was die Sache mit Pork Pie und der Compilation angeht, wo Bands aus der ganzen Welt gesucht wurden und sie uns als Vertreter für Russland gefunden haben. Keiner hat hier viel von russischen Bands zuvor gehört, so war es für uns dann leichter einen Einstieg zu finden. Viele russische Bands nutzen aber auch die Größe unseres Landes. Sie können Touren und wenn sie wieder da sind gleich von vorne beginnen, ohne zu oft in den Städten zu spielen. Das Ganze ist dann nur auf Russland bezogen, wie auch MTV Russia und so wo auch ab und an unser Video läuft, welches Freunde von uns in Schweden gedreht haben.

Du sagst, es war irgendwie einfacher für euch hier einen Einstieg zu finden, lag das vielleicht an dem oftmals albern klingenden Exoten-Bonus. (Natürlich war das jetzt auf die Musikszene bezogen, aber irgendwie gab es dann doch ein Missverständnis)?

Kostia: Nein Nein, einen solchen Bonus gab es nicht. Dafür gab es immer sehr viel Ärger wegen entsprechenden Visa, vor allem gab es oft Stress mit den deutschen und schwedischen und manchmal auch den Ämtern in der Schweiz. Wir mussten viel Energie und auch Geld in die Sache stecken um Visa zu bekommen und überhaupt hier spielen zu können.

Wo wir vom Geld sprechen: Eine sicher nicht ganz korrekte Frage die uns aber auf den Fingern brennt? Ihr macht hier zwar sicher nicht das dicke Geld aber für russische Verhältnisse dürfte es doch schon wieder ganz anders aussehen, oder?

Kostia: Ja, das ist so schon richtig. Natürlich ist das Geld auf einmal mehr wert als hier, wo alles viel teurer ist. Durch unsere Musik und das ständige Touren können wir in Russland davon ab und an leben. Wenn wir aber lange nicht auf Tour waren und das Geld knapp wird, suchen wir uns irgendwelche Jobs. Manch einer von uns arbeitet in Clubs als Barkeeper – I was loading Trucks with boxes of wine „a wine Roadie!“. Unser Posaunist spielt zudem in einer Latino Band. Unsere Bläser sind auch ausgebildete Musiker und können Unterricht geben.

Doch euch verbindet mit Europa und Deutschland ja noch einiges mehr als das Touren und das Label.

Kostia: Ja, meine Frau lebt hier, aber wir haben uns nicht auf einer Tour oder so kennen gelernt. Sie war eine Zeit lang in St. Petersburg und wir sind jetzt seit vier Jahren zusammen und haben vor einem Jahr geheiratet. Eigentlich ist es auch nichts Besonderes, es gibt ja nur den einen Unterschied, dass sie einen anderen Stempel in ihrem Ausweis hat. Wir lieben uns halt.

Im Dezember ging es mit der Claus Tour (Spitfire tourten mit den deutschen Schwarz auf Weiss – die das hier gerade tippen – und den Amis von Eastern Standard Time) auch auf Band-Ebene sehr international zu, wie hat dir die ganze Sache gefallen? Schließlich war die Zusammenstellung der Länder ja schon interessant, so habt ihr euch des Öfteren mit den Amis verarscht was die Vergangenheit als Klassenfeinde anging?

Kostia: Oh ja das war wirklich Super. Mir hat das Line Up wirklich gefallen und auch die Kids waren jeden Abend gut drauf. Die Sache mit den Amis war echt nett. Schließlich hatten wir ja diesen kalten Krieg der eigentlich erst Anfang der 90er langsam zu Ende ging. Davor war es wirklich hart, denn jeder Amerikaner galt einfach als Feind der Sowjetunion. Es gab eine unglaubliche Propaganda und richtige Gehirnwäsche. Die Amis erzählten uns, dass sie das ganz genauso erlebt haben in ihrer Jugend. Vielleicht war es hier zwischen Ost und Westdeutschland ganz ähnlich. Man konnte ja nicht einfach so nach Amerika und umgekehrt.

Besitzt Gorbatschow für dich eine wichtige Rolle als Figur des Umbruchs, oder ist das nur bei uns so dargestellt worden?

Kostia: Nein, ich denke schon dass er wirklich wichtig war – because he broke up this fucking system. Aber viele Russen mögen ihn leider nicht mehr, weil das Leben härter wurde.

Du hast mit der Musik, egal ob jetzt Punk oder noch Rockabilly orientiert, schon vor diesem Umbruch begonnen, gab es damals verstärkt Probleme für euch?

Kostia: Ja, die Polizei hat einen schon stärker unter Druck gesetzt. Aber mit dem Einsetzen der Gorbatschow-Ära gab es zum Ende der 80er wirklich mehr und mehr Freiheiten für uns. Als ich dann richtig angefangen habe selber aktiv in einer Band zu spielen, gab es eigentlich keine Probleme mehr.

Wie denkst du den über das jetzige System?

Kostia: Sie versuchen natürlich sehr kapitalistisch zu arbeiten, aber es ist ein sehr wilder Kapitalismus, vielleicht wie in den 20er Jahren in Europa und Amerika. Und es gibt auch die gleiche große Depression der Wirtschaft. Es gibt viele Arbeitslose, einfach viele durch das System und die Wirtschaft ausgelöste Probleme. Die Leute haben nicht mehr viele Dinge an die sie noch glauben. Zur der Zeit der Sowjetunion glaubte jeder eben einfach nur an die Existenz des Kommunismus in einer fast schon religiösen Form. Heute gibt es keinen Kommunismus mehr und nicht viele Leute haften sich an die Religion – the new Religion is American Dollar today. Ich denke wirklich nicht, dass das ein guter Weg ist. Zudem gibt es jetzt auch großen Ärger mit den Rechten. Es ist eine gute Zeit für Nazis und jede weitere Form sehr extremer Politik. Die einfachen Leute versuchen dort ihre Antworten zu finden, warum ihr Leben so hart geworden ist.

Es gibt auch so Gerüchte, dass der neue Glaube an das Geld auch in unsere Szene reicht. Bands bekommen ihre Gagen von ominösen Dunkelmännern in grauen Anzügen ist das richtig?

Kostia: Es stimmt schon dass die so genannte Russische Mafia Einfluss auf viele Clubs etc. besitzt, aber auf unsere Subkultur bezogen haben ich da nichts gespürt. Einige Läden bezahlen Schutzgeld, aber das spielt sich auf einem anderen Level ab, eher in dem Pop Bereich wo dann auch wirklich Geld dahinter steckt. Bei uns ist für sie nicht genug drin, somit sind Underground Clubs uninteressant.

Ich hab diese Frage zwar noch nie gestellt, aber jetzt kann auch ich nicht anders und stelle die Gartenpartyfrage, welche ja so langsam aber sicher zum Trust Interviewabschluss avanciert?

Kostia: Es gäbe so viele Leute die ich einladen würde, das ist wirklich hart. Hendrix und für die Partymusik James Brown und als Band definitiv Fishbone.

Interview: Harm und Malte

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.