September 29th, 2007

SOUTH POLE RECORDS (#122, 02-2007)

Posted in interview by jörg

In den unendlichen Weiten des Internets stiess ich, per Zufall auf der verzweifelten Suche nach qualitativ hochwertigen Riot Grrrl Zines (idiomatic English), auf South Pole Records. Es war ein Link auf der postfeministischen Plattform „http://www.hot-topic.org/riotgrrrl/“ der mich auf die noch sehr einfach gehaltene Homepage von Carlos Palacios führte.

Jedenfalls schlug mich diese Entdeckung fast vom Stuhl, da das Label in Schwäbisch- Gmünd, also unweit der Landeshauptstadt situiert ist und ich diesen Namen, trotz meiner jahrelangen Sendung beim freien Radio in Tübingen, trotz der Tatsache dass ich seit nunmehr 25 Jahren hier am Fusse der schwäbischen Alb lebe und trotz meines ausgeprägten Interesses am Thema, noch nie gehört hatte.

Es war für mich glasklar, dass ich mehr über dieses Label erfahren wollte. Erstrecht, weil es ein Mann ist, der mir meine E-Mail beantwortete und weil ich es immer bedenklich finde, dass es in der Gegend trotz der mehrere jahrzehntealten Punkrocktradition (man nenne nur das Urgestein KGB aus Tübingen, ein Band die unlängst ihren 26 ten Geburtstag gefeiert hat oder das Epplehaus in dem seit circa 30 Jahren Konzerte stattfinden) doch verschwindend wenige Frauenpunkbands gibt.

***

Aus welcher Stadt kommst du?

Carlos: Lima in Peru.

Wie lange lebst Du schon in Deutschland?

Carlos: Ich wohne hier jetzt schon seit fast 4 Jahren. Die härteste Zeit stellt immer der Winter dar, erst recht wenn man sich überlegt wie es bei uns in Peru zu dieser Jahreszeit aussieht. Am kältesten Wintertag hatten wir noch immer 22 Grad Ceslsius!!!

Worin liegen die Hauptunterschiede zwischen den städtischen Szenen in den USA und den lokalen Szenen hier?

Carlos: Ich hab wirklich keine Ahnung, was in den USA abgeht. Zu Lima kann ich nur sagen, dass die Szene ziemlich gross ist. Unter der Woche werden bis zu 7 oder 8 Konzerte angeboten, zu unterschiedlichen Musikstilen.

Was war Deine persönliche Motivation ein Girl Punk Label zu gründen, und treibt diese Dich noch immer voran?

Carlos: Ich hatte es satt nach Frauenbands zu suchen und fast jede der Bands, die ich gefunden hatte, stammte aus den USA. In Lateinamerika existieren kaum welche und in Europa auch nur ein paar. Hinzu kam noch, dass ich Erfahren darin bin, wie es ist ein Label zu führen denn ich betreibe Entes Anomicos Recs schon fast seit 1996. Ich fand die Vosrstellung cool, vertragslose Bands zu unterstützen und mein ganz eigenes Label zu haben.

Die Reaktionen darauf waren umwerfend. So viele Bands wollten Ihre Platten bei und veröffentlichen. Zuerst haben wir zusammen mit einem peruanischen und einem deutschen Label, eine Compilation herausgebracht. Die Platte hiess „Breaking The Boys Club“.

Woher stamen deine KünstelerInnen?

Carlos: Sie kommen aus den USA, aus Argentinien, aus Finnland, und bald wird es eine All- female Band aus Peru geben.

Was sind Dir zufolge die Kernthemen in den Texten deiner Künstler?

Carlos: Für mich ist es wichtig, dass die Lyrics einerseits Gefühle ausdrücken aber auch gleichzeitig den Respekt vor anderen Sichtweisen. Homophobe und rassistische Scheisse ist natürlich total inakzeptabel.

Inwiefern verkörpern die Texte und der Ton die weibliche Perspektive?

Carlos: Nun, diese Frage ist leicht zu beantworten. Es ist den Frauen inhärent, dass sie die Welt mit anderen Augen betrachten. Das ist einer der Hauptpunkte, die es sehr interessant machen Frauenbands zu hören. Ich wollte solche Bands mit meinem neuen Label unterstützen.

Kannst du mir ein Beispiel zu der weiblichen Perspektive aus einem Text nennen?

Carlos: Männer und Frauen haben unterschiedliche Blickwinkel. Ich will nicht behaupten, dass der eine den anderen überlegen ist. Es handelt sich aber dennoch um unterschiedliche Welten. Es gibt ein gutes Beispiel von einer argentinischen Band namens Penadas Por La Ley. Der Text besagt Folgendes: „Männer halten sich für die Stärkeren, aber ich weiss das ich als Frau sogar die Stärke besitze ein Kind zu gebären.

Die Jungs behaupten sie seinen mächtiger, aber ich besitze die Fähigkeit der Welt ein weiteres Leben zu schenken“ Als ich so um 1994, in Lateinamerika, diesen Song hörte war ich erstaunt darüber, dass es überhaupt Bands gibt die über so etwas singen würden. Ich war damals bereits sehr an Frauen-Hardcorebands interessiert.

Wie finanzierst Du Deine Bands finanziell wenn sie auf Tour gehen wollen?

Carlos: Unsere Bands stammen aus unterschiedlichen Ländern. Der Deal mit uns besteht nur darin, dass wir sie soweit es South Pole möglich ist in ihrer Produktion unterstützen wollen. Sie müssen sich um den finanziellen Teil Ihre Touren leider selbst kümmern.

Welche der Bands sind schon in Stuttgart aufgetreten?

Carlos: Wir wollten eigentlich letztes Jahr, dass die Band „Riots Not Diets“ aus Berlin auftritt. Es war aber sehr schwierig eine Location, in der sie hätten spielen können, zu finden. Das war echt traurig, weil wir unbedingt einen Gig für die Band besorgen wollten. In Schwäbisch-Gmünd gibt es eigentlich nur einen Veranstaltungsort, wo man Punkrockshows besuchen kann. Die Veranstalter planen dort aber immer für 6 Monate im Voraus. Es ist überhaupt fast unmöglich dort einen Gig zu bekommen.

Inwiefern sind Frauenbands wichtig für die Musikszene?

Carlos: Sie sind wichtig, weil sie zum Einen ein ganz anderes Soundfeeling mit einfliessen lassen und weil sie zum Anderen noch zusätzliche Perspektiven integrieren können. Immer nur Musik zu hören, die von Männern geschrieben wurde, ist für mich eben auf Dauer echt langweilig geworden.

Was ich an der Szene auch störend finde, ist dass man immer wieder Frauen antrifft die diese Musik nur hören weil es Ihre Partner tun. Ich versuche immer wieder in Gesprächen zu vermitteln, dass die Szene viel mehr zu bieten hat als Konzerte auf denen man sich halb tot säuft.

Organsierst Du selber eigene Konzerte?

Carlos: Hier in Deutschland klappt das noch nicht so gut wie in Peru mit meinem anderen Label „Entes Anomicos“. Ich organisiere jedes Jahr ein grosses Festival mit Bands, Essen, und einem Musikmarkt. Das war bisher immer eine sehr bereichernde Erfahrung, aber manchmal auch sehr stressig. Es hat aber trotzdem viel Spass gemacht.

Wer sind Deine Labelpartner?

Carlos: Unsere erste Veröffentlichung wurde zusammen mit zwei anderen Labels names Matula Records (Deutschland) und Dirty Records (Peru) coproduziert. Diese Platte war eine Compilation mit 23 Bands. Sie ist momentan ausverkauft, aber wir werden den zweiten Teil bald veröffentlichen.

Hast Du Transgender- oder Queerbands, da diese ja einen festen Bestandteil der Riot Grrrl Bewegung darstellen, unter Vertrag?

Carlos: Traurigerweise nicht. Ich hab versucht solche Bands auf South Pole Recs zu unterstützen, aber es ist einfach so verdammt schwierig überhaupt nur eine zu finden. Ich habe viel im Internet nach solchen Bands geforscht, aber bin dabei auf kein Ergebnis gestossen.

Wie hat, von Deiner Perspektive aus gesehen, die Punk/HC Szene in Gmünd zu bieten?

Carlos: Gmünd ist für mich einfach eine verdammt kleine Stadt, aber irgendwie gibt es hier trotzdem immer irgendwas womit man sich beschäftigen kann. Es wird Dir dort zum Beispiel viel Streetpunk geboten (sehr viel mehr als HxC). Ich kenne hier ein paar Leute die auf Melodic HC, oder auf EMO stehen aber an den Wochenenden spielen trotzdem immer fast nur Oi -oder Streetpunkbands. Ich finde das zwar grundsätzlich nicht schlecht, aber ich würde mir schon wünschen mal andere Konzerte besuchen zu können.

Wo gehst Du denn an den Wochenenden so aus? Hast du irgendwelche Lieblingsclub in Gmünd?

Carlos: Nun, es gibt das Esperanza wo man sich günstig Shows anschauen kann und man sich auf ein Bier trifft. Ich gehe regelmässig in einen kleinen Pub, in dem man günstige Getränke bestellen kann und im Hintergrund schöner Alternativesound läuft.

Inwiefern bist Du in aktives Mitglied Deiner lokalen Szene?

Carlos: Ich versuche die Leute immer wieder durch Gespräche zu motivieren am Ball zu bleiben und versuche den Veranstaltern unter die Arme zu greifen. Ansonsten verkaufe ich öfters Releases auf Kassette oder CDs.

Was ist Deiner Erfahrung nach zu urteilen der Hauptunterschied, bezüglich des Rollenverhaltens, zwischen deutschen und peruanischen Frauen?

Carlos: In Lima, so wie eigentlich in ganz Lateinamerika, ist es typisch für die Frauen die Hausmütterchenrolle einzunehmen. Das ist aber eine Sache die eigentlich nicht ausstehen kann. Es wird noch immer ein archaisches Gesellschaftssystem aufrechterhalten, in dem Frauen überwiegend für die häuslichen Angelegenheiten verantwortlich gemacht werden. Allerdings muss ich hier dazu erwähnen, dass es durchaus regionale Unterschiede gibt und sich bezügliche dessen in den Städten schon sehr viel getan hat.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview und wünsche Dir viel Erfolg.

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Links:

http://www.clik.to/southpolerecs

http://www.myspace.com/southpolerecords

Interview: Annabell Weimar

 

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