März 11th, 2007

SNITCH (#83, 08-2000)

Posted in interview by jörg

„Melodic Punk is not dangerous anymore“, sagt Jay Bentley, Bassist von Bad Religion und damit wohl Grossonkel dieses Genres. Es habe eine Zeit gegeben, da hätte ihm Melodic Punk die Nackenhaare aufgestellt, heute schaue er nur noch auf die Uhr. Keine guten Vorzeichen für Snitch, eine junge Melodic Punk-Band aus der Schweiz, könnte man meinen.

Ist aber nicht so. In den Staaten gilt bei Trends die Regel: ganz oder gar nicht. Sie kommen schnell und kaum haben sie einen Namen sind sie schon wieder passé. Europa nimmt diese Wellen meist mit einer ein- bis zweijährigen Verzögerung auf. Und die Schweiz, die Hochkultur des Misstrauens, braucht nochmal ein paar Prüfungen mehr. Das führt dazu, dass Musik-Szenen in der Schweiz langsam wachsen, dafür beständiger sind.

Dazu kommt, dass es kaum Labels, also auch keinen relevanten Markt gibt. „Hypes“ sind ausgeschlossen. Die Bands sind relativ frei zu tun was sie wollen. Sie tun es sowieso fast nur für sich selbst. Vor diesem Hintergrund ist „100% Fireproof“ entstanden, die erste Volllänge von Snitch aus Zürich.

Das Quartett legt damit eine der powervollsten Punk-Scheiben vor, die jemals aus der Schweiz kamen. Sie werden sich aus den Verkäufen wahrscheinlich nicht einmal ein Fahrrad leisten können. Dafür gibt es sie hoffentlich noch umso länger. Sven Wallwork, der Gitarrist und Sänger von Snitch, gibt Auskunft.

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Teilst du die Meinung von Jay Bentley? Ist der Scheiss wirklich nicht mehr heiss?

Sven: Für uns ist die Sache schon noch heiss, da wir uns viel weniger lang mit dieser Musik auseinandersetzen als Bad Religion. Ausserdem gibt es vor allem in letzter Zeit vermehrt Bands, die aus anderen Szenen in den Melodic Punk hineinrutschen. Die Streetpunker Bombshell Rocks zum Beispiel oder die Mad Caddies mit ihrem Dixieland-Jazz-Ska-Punk.

Randy, die Queers und Samiam passen auch nicht ins Melodic Punk Schema, geben dem Sound aber neue Kicks. Und dann natürlich Refused. Die haben wohl am eindrücklichsten bewiesen, dass es noch unendlich viele Möglichkeiten gibt für Punk und Hardcore.

Ich habe oben behauptet, dass die sonst so pünktliche Schweiz bei musikalischen Trends meist verspätet reagiert. Stimmst du dem zu?

Sven: Die Verlangsamung der Trends ist schon spürbar. All die amerikanischen Bands suchen den Erfolg zuerst zu Hause und so gibt es eben eine Verzögerung bis sie mal hierher auf Tour kommen. Auch eher schwache Trends wie z.B. die Emosache sind in Europa viel schwächer als in den USA; in der Schweiz ist diese Welle kaum spürbar.

Läuft denn überhaupt was zwischen Zürich und Genf?

Sven: Ja, schon. Obwohl die Schweiz und auch die Szene ziemlich klein ist, existieren recht viele Auftrittsmöglichkeiten. Jedoch gibt es nur wenige Bands. Die Konkurrenz ist ziemlich klein.

Doch im Moment ist in hier schon einiges im Aufbau. Es gibt mehr Radiosendungen, die Punk senden und ein Internetzine versucht die Szene zu vernetzen. Mehr Labels braucht es im Moment wohl nicht, dafür sind zu wenig wirklich aktive Bands da.

Wie steht denn eigentlich das Publikum zu den Bands aus dem eigenen Land?

Sven: In der Schweiz wird man als einheimische Band viel weniger kritisch betrachtet als ausländische Bands. Die wenigen Bands, die regelmässig Konzerte spielen bieten jedoch auch gute Liveshows, was die Akzeptanz zusätzlich erhöht.

Was bedeutet das denn in kreativer Hinsicht? Hat man als Melodic Punk Band in der Schweiz freie Hand und wird trotzdem noch vom Szenepublikum akzeptiert?

Sven: Ich weiss nicht, ob man das so allgemein sagen kann. Unsere neue Platte ist keine typische Melodycorescheibe, wird aber trotzdem von der trendy Szene akzeptiert. Das ist natürlich erfreulich, aber die Songs sind alle aus einer bestimmten Stimmung heraus entstanden.

Bei einem Lied fanden wir zum Beispiel, dass ein Kontrabass gut passen würde. So fragten wir Simon, den Bassisten der Peacocks, ob er Lust hätte, uns was zu zupfen. Ob wir szenekonform sind oder nicht, ist uns egal. Wir spielen und schreiben einfach die Songs, auf welche wir Lust haben.

Was wäre für euch denn Erfolg? Euch eines Tages ein Band-Bike kaufen zu können?

Sven: Wir möchten uns mit „100% Fireproof“ in der Schweiz etablieren und bis es jetzt läuft es recht gut. Im Herbst möchten wir vermehrt im Ausland, vor allem in Deutschland spielen. Ob wir uns jemals ein Fahrrad vom Erlös der Platte kaufen können, ist uns egal, aber wir freuen uns über alle die eine Platte kaufen und Freude an unserer Musik haben.

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Diskographie:

„Almighty“ (EP 1999) Leech Records

„100% Fireproof“ (LP 2000) Leech Records

Interview: Martin Schrader

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

 

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