Juni 29th, 2017

Sleaford Mods Tourbericht (# 167/08-2014)

Posted in artikel by Jan

Have we Wi-Fi here? – Auf Tour mit den Sleaford Mods

„Austerity Dogs“, das erste Album der Sleaford Mods als Duo, läuft hier noch immer rauf und runter und auch „Divide and Exit“, das neue Album, ist zu einem ständigen Begleiter geworden. Die Konzerte 2013 in Hamburg, Bremen und Duisburg Offenbarungen. „Der seltene Glücksfall, Musik zu hören, die man so noch nicht gehört hat, die neu und aufregend ist.“ Geschrieben letztes Jahr, nachdem Stone und ich die Sleaford Mods für das TRUST interviewt hatten (nachzulesen in der Nr. 162 Oktober/November 2013). Dass mich eine Band noch einmal so umhauen könnte, damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Und das ich – nach kleineren Verrichtungen und Gefälligkeiten für die Mods – die Gelegenheit haben würde, „mit einer Band touren“ von meiner „Liste-der-Dinge-die-ich-vor-meinem-Tod-noch-erleben-möchte“ zu streichen, auch damit konnte ich nicht rechnen. Lucky me!

Wer hätte ahnen können, dass die Sleaford Mods auf einer solchen Welle der euphorischen Rezeption surfen und eine solch gewaltige mediale Aufmerksamkeit, weit über den Tellerrand des Musikjournalismus hinaus, erleben würden? Fast sind sie zuletzt zu so etwas wie einer Konsensband geworden. Und Konsensband ist hier nicht negativ konnotiert. Es ist ein Phänomen, wie viele Menschen im meinem direkten Umfeld, in „unseren Kreisen“, wie viele Menschen mit Punkvergangenheit und -gegenwart, wie viele Menschen, die sonst in musikalischen Ecken, wie Avantgarde oder Noise unterwegs sind, sich für die Sleaford Mods begeistern können. So viele, dass der eine oder andere in den sozialen Medien ob der Allgegenwart der Mods schon virtuell mit den Augen rollt. Scheint so, als passiere hier etwa Bedeutendes, etwas, was viele Menschen berührt. Und weil dem so ist, gibt es hier nicht nur mein Tourtagebuch, sondern Gastbeiträge galore zu lesen. Der Dank dafür geht an Armin (X-Mist), Holger (testcard/Phantom Limbo), Junge (EA80), Michael (African Paper), Sascha (Djäzz), Michael (Beau Travail) und Lars (Konkret).

Neun denkwürdige Tage mit Jason (Mikrofon), Andrew (Laptop & Bier) und Steve („the man behind the curtain“). Here we go!

09.05.2014 Aachen – Musikbunker

Vollgepackt mit T-Shirts, CDs und Vinyl geht es nach Aachen. Ich bin nervös, wie ein Rennpferd vor dem Start. Das eine ist, ein paar freundliche E-Mails hin- und herzuschicken und ein paar Konzerte für eine Band zu organisieren, das andere ist die Aussicht, die nächsten Tage – meist eingequetscht in einem Auto – mit eigentlich wildfremden Menschen zu verbringen. Hinzu kommt mein Englisch. Selbst mir wohl Gesonnene schätzen das als „eher mittelmäßig, wenn überhaupt“ ein. Die Mods und Steve, der Mann vom Harbinger Label, wo die Platten erscheinen, warten vor dem Musikbunker. Jason und Andrew sind mit ihren Smartphones beschäftigt. Kein Netz im Bunker, der Kontakt zur Außenwelt war kurz unterbrochen. Nach ein paar Begrüßungsbieren in einer nahgelegenen Pommesbude weicht meine Anspannung der Vorfreude auf das Konzert. SM spielen in einem kleinen Nebensaal des weit verzweigten Musikbunkers, in der großen Halle wird parallel ein Reggae-Konzert gegeben. Gut 80 – 90 Leute sind gekommen und die Mods legen grußlos mit „Jollyfucker“ los. Es folgt ein Set ohne Pausen, ohne Zwischenansagen und man endet mit einem „Sleaford Mods. Thank you. Good night.“ Wie gehabt, voll auf die Zwölf, kein Firlefanz! Neuerungen? Der Auftritt ist länger geworden, es gibt Zugaben und Jason zeigt uns einen Tanz rund um das Mikro, der schwer an „Walk like an egyptian“ erinnert. Mir will „Tied up in Nottz (with a Z you cunt)“ vom neuen Album nicht mehr aus dem Kopf gehen. Andrew – auf der Bühne heute eher zurückhaltend – legt später nach der Show noch ein paar gute Moves zu „Don’t believe the hype“ auf der Tanzfläche hin. Jason schüttelt derweil Hände am Merchtisch und steht für Selfies zur Verfügung. Ich vertreibe mir die Zeit mit Schnaps. Ein Fehler.

10.05.2014 Köln – A-Musik /Bremen – Friese

Auf nach Bremen. Das neue Album „Divide and Exit“ ist erst vor ein paar Tagen erschienen, vorerst nur als CD. Ein paar Pakete davon wurden bei A-Musik zwischengelagert, ein Paket bringe ich von Köln aus mit auf die Tour. Premiere, die Mods haben die CD bisher weder in den Händen gehalten, noch gehört. Es folgt ein irgendwie surrealer Moment: Mit den Sleaford Mods im Auto die neue Sleaford Mods hören. Steve, Jason und Andrew wippen mit den Köpfen, freuen sich sichtbar über die Qualität von Sound und Verpackung und lachen über die Witze und Anspielungen in den Texten. Ich lache mal ein wenig mit und ärgere mich insgeheim über mein Englisch. Der Weg von Aachen zum Zwischenstopp in Köln bei A-Musik reicht für zwei Durchläufe. Punkt 13:00 Uhr gibt es einen 15-minütigen, einen Tag vorher angekündigten Set im Plattenladen. Steve, ein Vinyl-Junkie, wie er im Buche steht, wollte eh ein paar Platten kaufen und das hier soll ein Dankeschön an A-Musik für den VVK-Stress der letzten Tage sein. Köln ist ausverkauft und A-Musik wurde zuletzt mit Anrufen und E-Mails bombardiert. Also, Laptop an, vier Stücke, Laptop aus, einpacken und weiter nach Bremen. Den knapp 20 Anwesenden wird ein „Ich hab‘ die damals noch mit ein paar anderen im Plattenladen gesehen“ – Moment geschenkt. Auf dem Weg nach Bremen ist Smartphone-Zeit. Soziale Netzwerke und E-Mails checken. Seit der Veröffentlichung des neuen Albums hat ein fortwährender Strom von wohlwollenden bis begeisterten Kritiken eingesetzt. Steve, Jason und Andrew verfolgen das genau. Und, wow, Steve Albini hat gerade ein Loblied auf die Mods rausgehauen. Not bad. In Bremen waren SM schon 2013. Das merkt man, hier liegt weniger Neugierde, aber umso mehr Vorfreude in der Luft. Die Friese ist voll bis unter das Dach, Andrew ist besser aufgelegt als gestern, ständig in Bewegung hinter seinem Laptop und der Soundmensch der Friese zaubert einen schwer pumpenden Sound. Wunderbar! Die Stimmung bei Band, wie Publikum begeistert. Besonders Andrew ist von Bremen angetan.

11.05.2014 Köln – Tsunami Club

Holger (testcard/Phantom Limbo)

Aufgeregt bin ich nicht mehr, in Köln, aber neugierig. Aufgeregt war ich ein Jahr vorher, in Aalst, als die Sleaford Mods in der belgischen Kleinstadt zum Kraak Festival auftraten. Und wer hätte damals schon gedacht, dass die zwei aus Nottingham tatsächlich binnen eines Jahres derart durch die Decke gehen würden? Unfassbar. In Köln ist der Club dann voll, die Luft dick und der Sound nicht optimal: Zu leise, zu wenig druckvoll. Egal. Williamson schimpft und spukt Gift und Galle und wenn er Luft holt, dann guckt er gewohnt und gewollt doof in die Gegend. Andrew hält im Hintergrund ein Bier in der Hand und hat die Finger ab und an am Sound: Beat an, Beat aus. Simpel – aber effektvoll. Wie immer, wie damals in Aalst. Und hier wie da frenetische Reaktionen aus dem Publikum. Endlich, so der vorherrschende Eindruck, die Band, die sich Luft macht, die allen Luft macht! Das Einverständnis zwischen Band und Publikum – Sprachbarriere plus unverständlichen Akzent hin oder her – lässt mich beinahe schon wieder argwöhnisch werden. Aber auf der anderen Seite: „I work my dreams off for two bits of Ravioli and a warm bottle of Smirnoff under a manager that doesn’t have a clue, do you want me to tell you what I think about you, cunt?“ Wozu Magengeschwüre züchten? – Ein hin gebelltes „Fuck, off!“ wirkt wahre Wunder! Es befreit, wenigstens für den Moment, auch wenn der Wecker morgen früh wieder klingelt. Sich wenigstens keine Illusionen machen (lassen). Nach dem Gig verteilt Andrew Bier ans Publikum und Jason verkauft T-Shirts und schüttelt zahllose Hände. Beide grinsen über beide Backen und genießen ihren Erfolg. Ich stehe daneben, gucke mir das Treiben an und frage mich, wie lange das noch gut gehen wird, gut gehen kann? Doch dann denke ich mir, dass beide alt und abgeklärt genug sind, um zukünftig die richtigen Entscheidungen zu treffen und fahre nach Hause. Ein Woche nach dem Konzert titelt Die Zeit: „Die tollsten Prolls seit Liam und Noel“ – hoffentlich nicht.

Weiter Schippy:
Von Stone vorzüglich beherbergt und ausgeschlafen hol‘ ich die Mods an der Friese ab. Dort ist man nicht ganz so ausgeschlafen. Andrew hat bis in den frühen Morgen gefeiert und auch die Kollegen von der Friese wirken ein wenig angeschlagen von der letzten Nacht. Ich lerne von Steve meine erste Tourbegleiter-Lektion: „Do not park in the venue!“ Irgendein Honk hat seinen Karren vor der Ausfahrt geparkt, wir können nicht weg. In der Friese ruft man nicht ganz so gerne die Polizei, aber es geht nicht anders. Die Fahrt wird mit Schlafen und Smartphones verbracht. Steve registriert die Anfragen, die fast stündlich aus allen Himmelsrichtungen einlaufen. Die Agentur XY aus Spanien würde SM gerne europaweit betreuen, die Agentur YZ aus Deutschland ist auch schwer interessiert und da kommt das Angebot für eine Neuseeland/Australien-Tour inklusive Arschlecken und Rasur frisch herein. Steve erklärt mir, dass das alles schön und gut ist, aber die Mods und er möchten die Kontrolle nur ungern aus der Hand geben. Wir haben es hier mit D.I.Y. zu tun. In Deutschland haben SM weder einen Booker, noch eine Promoagentur. Jason und Andrew versorgen die Welt da draußen währenddessen via Facebook und Twitter mit neuen Nachrichten.

Wer will, kann die Mods virtuell auf Schritt und Tritt auf ihrem Weg begleiten. In Köln warten die INTRO und eine private Radiostation. Für die INTRO soll es ein Fotoshooting geben. Der Fotograph erläutert kurz die INTRO-Idee: Eine Eisdiele, Urlaub und statt Eisbecher greifen Jason und Andrew lieber zum Bier. Ich denke so, na ja, hier wird wohl die Proll-Karte gespielt, behalte es aber für mich. Das Interview von Felix Scherlau ist danach hoffentlich besser als die Foto-Idee. Vom Auftritt selbst bekomme ich fast nichts mit. Ich helfe am Eingang. Das Konzert ist ausverkauft und wir müssen eine ganze Reihe Leute, die sich nicht für eine Karte auf den Weg zu A-Musik gemacht hatten, enttäuscht nach Hause schicken, außerdem breche ich noch einen Streit mit einem Freund vom Zaun und bin abgelenkt. Andrew erzählt mir nach dem Set, dass er das ganze Backstage-Bier großzügig im Publikum verteilt hätte, dieses Kölsch könne man nicht trinken. Ich will ihm da nicht widersprechen.

Michael (Beau Travail)

Gestatten Sie mir die folgende kurvenreiche Umgehung, aber: Ein solcher Konzertbericht verlangt nach dem vorgeordneten Verweis auf die popkulturelle Misere. Mit dieser ist die Musik und die Performance der SLEAFORD MODS eng verwoben, nur durch sie ist – so meine Meinung – die Dynamik und die Begeisterung gegenüber den beiden Herren zu erklären. Es ist ja ein mittlerweile schon jahrelang gehegter Allgemeinplatz, dass Popmusik nichts mehr taugt. Prekär scheint sie dabei nicht nur vorübergehend zu sein, sondern in ihrem ganz eigenen Prinzip. Vorbei die Zeiten, dass ein Pet Shop Boys-Album als dissidentes Statement proklamiert werden konnte. Plötzlich fallen die Falten von MADONNA und das Ordinäre an ihr auf. Alte Männer streiten sich Jahrzehnte später, wer sich nun von ihnen BLACK FLAG nennen darf… Die Kette der trivialen Anekdoten ließe sich schier endlos weiterführen, ohne dabei auch nur ein aktuelles Gegenbeispiel assoziieren zu können. Was die ganze Angelegenheit unangenehm macht: Die Musikproduktion wie auch -rezeption verhält sich immer noch so, als funktionierten die alten Mechanismen. Die immer gleichen Interviews mit denselben Themenclustern, die Ausrufung neuer Wellen von irgendetwas, das es schon einmal zuvor gab und jetzt als Farce neu verpackt wird, etc. Und so bilden sie alle – Musiker, Magazine, Konsumenten- ein schauriges Panorama. Überall wühlen sie in ihren sorgfältig zusammengeklaubten Verkleidungen nach neuem Kulturstrandgut. Eine schick gekleidete Armee stapft tagtäglich auf einem Riesenberg an Müll und Materie herum, in der Hoffnung, man stolperte eines Tages über etwas Verwertbares, etwas, dass dem eigenen Wunsch nach Mehrwert genüge leistete. Wo kann sich denn hier nur die Spannung versteckt haben?

Die Frage verliert sich in der kapitalistischen Wüstenei. Wandelnde Tote, mit schicken portablen Geräten in der Gesäßtasche, die Songs und Gefühle von gestern archivieren können, sie wanken ungelenk über das Meer von Angeboten und vermeintlichen Möglichkeiten im Jahre 2014. Wohin nur? Plötzlich hören sie wieder Detroit House, spielen in Bands original 80er-Hardcore, als ob dieser frisch aus dem auf absolut-Null herunter gekühlten Sarkophag aufgetaut wurde. Sie kaufen Vinyl-Reissues, die sich originaler als die Originale anfühlen sollen. In welcher Hoffnung nur?… Das besondere, ja erschütternde an den Sleaford Mods? Sie machen nichts weiter als einen handlichen Taschenspiegel mit sich zu führen und kaugummikauend dem Zuschauer vor das Gesicht zu halten: Du brauchst nicht Slumkinder in Bangladesch zu bemitleiden. Denn prekär sind du und dein Leben allemal! Atemberaubend ist dabei nicht nur ihr Vermögen, das attestieren zu können – es ist vor allem diese Mühelosigkeit, ihre offensive Unachtsamkeit und ihr gelangweilt-lakonischer Ton, in dem sie dein, mein und unser Unvermögen kommentieren. Was sich auf dem Blatt Papier (und in den Feuilleton-Artikeln von Drecksblättern wie der ZEIT und dem Spiegel) wie eine abgeschmackte Pose liest – nämlich dissident auf der Distinktionshalde zu sein – wird gerade live von den beiden Musikern Volley zurückgeschlagen. Es ist ein Durcheinander geratenes Katz-und-Maus-Spiel, mit einer gewieften, boshaften Maus, die der Katze das Leben zur Hölle macht. Das Konzert in Köln war von der Performance identisch mit der Performance, die ich ein halbes Jahr zuvor in Duisburg sehen durfte. Und ich bin kein Seher, um zu behaupten: Sie dürfte sich auch andernorts GENAU SO abgespielt haben.

Täte sie das nicht, wären die Zuschauer um die für sie bestimmten Schläge auf den Hinterkopf beraubt worden. Das wäre ein Jammer für beide Seiten! Spannend ist viel mehr die Beobachtung, wie viel Aufmerksamkeit dem Duo mittlerweile zu Teil wird, wie sehr sie so etwas wie Erfolg haben… Ich kann mich nicht an ein einziges Konzert im Tsunami erinnern, dass so viele Zuschauer wartend auf der Straße vor dem Club angezogen hätte. Und plötzlich stehen dann natürlich auch Repräsentanten des popkulturellen Betriebes unter den Wartenden. Das ist aber ja nur recht und billig. Ja, der Sound war mies (passend zu dem Club ganz allgemein, der meines Erachtens schon immer prädestiniert für enttäuschende Liveerlebnisse war). Aber so richtig wichtig ist das nicht. Für die kommende Schelte bedarf es keines Highend-Sounds… Diese kam, und sie war für mich wohltuend und reinigend. In diesem Punkt muss ich meinem schreibenden Nachbarn im Publikum entschieden widersprechen. Die Qualität der SLEAFORD MODS offenbart sich für mich in einer unüberbrückbaren Distanz, die es hier zwischen Bühne und Publikum gibt- nein, geben MUSS – und die auch hier in Köln stets präsent war. Begeistert? Ja, schon. Das Einverständnis zwischen beiden Seiten ist jedoch eher reiner Zufall, kommuniziert nicht, bleibt isoliert voneinander. Hier kann sich keiner mit irgendetwas verkumpeln. Köln hat da keine Ausnahme gemacht. Gut so. Die Mods haben das Ordinäre dechiffriert. Und zwar beim Bierholengehen im Supermarkt. Sie setzen sich einfach mitten in das allgegenwärtige Gechatte, lassen mit einem dreckigen Lächeln einen Furz fahren und amüsieren sich über das von ihnen kalkulierte aufgeregte Gegacker um sie herum. Dass sie sich diesen Spaß nicht nehmen lassen, macht sie zur bedeutendsten Punkband der letzten Jahrzehnte. Gerade live.

12.05.2014 Esslingen – Komma

Weiter Schippy:
Übernachtung bei uns und die Mods sind trotz der nicht gerade komfortablen Unterbringung überaus höfliche Gäste. So höflich, dass Sabine beim Frühstück bemerkt, Jason müsse sich nicht für jede Tasse Kaffee einzeln bedanken. Jason joggt noch eine Runde draußen und dann geht es erstmals für die Mods in den Süden der Republik. Neuigkeiten? Steve erzählt, dass es Kontakte zu Mike Patton gibt und die Single-Kollektion, die es im Paket aktuell nur als Download gibt, vielleicht in den Staaten über Ipecac auf Vinyl rauskommt. Arte hat sich gemeldet. Die „Tracks“-Redaktion möchte in Berlin filmen. Und auch der NME will in Berlin vorbeischauen. Ansonsten? Gästelisteanfragen, Gästelisteanfragen und noch ein paar Gästelisteanfragen. In Berlin, der letzten Station der Tour, braut sich anscheinend etwas zusammen. In Esslingen haben die Veranstalter den fetten Online-Beitrag der Stuttgarter Zeitung ausgedruckt. Ein durchaus kundiger Artikel, nur die Überschrift „Die neuen Arschlöcher im britischen Pop“ ist selten dämlich. Für einen Montagabend finden erstaunliche 150 Leute den Weg nach Esslingen. Ich freu‘ mich, Armin zu treffen und Marco, der bei TREND getrommelt hat. Beim Auftritt sind die Reaktionen wohlwollend, aber nicht so euphorisch wie in Bremen, eine Atmosphäre konzentrierter Aufmerksamkeit liegt in der Luft.

Armin (X-Mist)

Ich hatte mir die SLEAFORD MODS zweimal angeschaut. Das überhaupt erste Mal für mich in Esslingen. Dementsprechend vorbelastet und extrem hoch war meine Erwartungshaltung und Anspannung. Wahrscheinlich lag es an mir selbst, dass ich dann während des Auftritts eher zwiespältige Gefühle und Gedanken entwickelte. Vielleicht hat auch nicht alles 100%ig gepasst (in erster Linie der Sound), vielleicht hatten die SLEAFORD MODS auch einen etwas angespannteren Tag hinter sich, vielleicht lag es auch an der allgemeinen Erwartungshaltung des Publikums, die ich zu spüren glaubte… Meine ganz subjektive Wahrnehmung. Einerseits fand ich den Auftritt an sich schon toll, interessant und vor allem bemerkenswert. Aber mich beschlich auch dieses unangenehme Gefühl, wie bei einem Besuch im Zoo zu sein, vor dem Affenhaus zu stehen und darauf zu warten, dass die Beiden ihre Kunststückchen aufführen, die mich und den Rest in Begeisterung versetzen sollten. „Entertain us!“ – Der konsumistische Konzertgedanke, Eintritt bezahlt zu haben und nun geliefert zu bekommen. Entsprechend gelöster, ohne die Nervosität und die zwanghafte Vorstellung etwas Historisches sehen zu „müssen“, konnte ich dann einige Tage später die Reise nach Schaffhausen antreten. Da war dann einfach nur noch die schlichte Freude auf ein Wiedersehen. Vielleicht lag es dann wieder nur an mir selbst und meiner subjektiven Wahrnehmung, aber ich hatte in Schaffhausen von Anfang an das Gefühl, dass es „anders“ ist. Schon vor dem Konzert schienen mir Andrew und Jason „lockerer“ und entspannter als in Esslingen.

Vielleicht lag es auch an der allgemeinen Haltung des Publikums, das bestimmt zu einem Großteil wegen der Schweizer Vorgruppe da war – und es schien als wäre der ganze mediale Rummel um die SLEAFORD MODS in der Schweiz bis zu dem Zeitpunkt nur zu „Insidern“ vorgedrungen… Jedenfalls glaubte ich zu spüren, dass das Publikum neugierig und offen war, dementsprechend auch unvoreingenommen mit diesem „Oh! WOW!“ Gefühl auf die Band reagierte. Der Sound war übrigens auch bombastisch gut, Jason und Andrew liefen zu Hochform auf, das Publikum wurde geradezu euphorisch! Es war ein kongeniales gegenseitiges Geben und Nehmen, wie man es selten oder nie bei einem Konzert erleben darf. Ich war hin und weg, komplett aus dem Häuschen und kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahrzehnten ein dermaßen großes Glücksgefühl nach einem Konzert gehabt zu haben, etwas wirklich Tolles, Mitreißendes und vor allem auch Aussagekräftiges erlebt zu haben. Es war im wahrsten Sinne des Wortes in mehrerlei Hinsicht eine Befreiung! Und haargenau DAS (ganz abgesehen von der Musik) war es, was mich ursprünglich zu Punk brachte und was leider im Laufe der Jahrzehnte verloren ging. Ich glaube das größte Kompliment kam von Ute, die keine Ahnung hatte von der ganzen Medienpräsenz der SLEAFORD MODS, an der das Alles (bis auf ein paar Erzählungen von mir, aber mir glaubt sie so was eh‘ nicht…) spurlos vorbeiging, die die Musik zuvor so gut wie gar nicht gehört hatte (und alles was nach Hip Hop oder Rap klingt, sowieso nie sonderlich mag…) – also von Jemandem der wirklich unvorbelastet und unvoreingenommen zu dem Konzert nach Schaffhausen ging. Sie meinte nachher zu mir: „Ich habe selten, oder vielleicht noch nie, etwas derart Authentisches bei einem Konzert gesehen und erlebt“. Letztlich war es dann genau das, was ich gar nicht mehr erwartet hatte: Ein Ereignis von historischer Bedeutung für mich. Eines das mich den Rest meines Lebens begleiten wird – und mir wieder einen enthusiastischen „Kick“ gab, in einer ansonsten von Belanglosigkeit geprägten Welt weiter zu machen.

13.05.2014 – Duisburg – Djäzz

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Next stop: Duisburg. Die Nachrichtenlage ist heute vergleichsweise entspannt. Zeit für ein paar Fragen. Was machen die Sleaford Mods eigentlich, wenn sie nicht als Sleaford Mods unterwegs sind? Steve arbeitet als Busfahrer in Nottingham (an dieser Stelle das Video von „Tied up in Nottz“ auf YouTube schauen), Andrew ist arbeitslos und bekommt ein wenig Geld vom Staat für die Pflege eines Familienangehörigen und Jason arbeitet bei der Stadt Nottingham in einem Call-Center, welches sich den Fragen von Bürgern in Steuersachen annimmt. Jason ist liiert und hat ein Kind, die Hochzeit ist geplant. Angesichts der ganzen Aufregung um die Band könnte man doch den Sprung wagen und ein Leben aus den Mods machen? SM sind da eher vorsichtig, mal gucken, was die nächste Zeit noch bringt, nichts überstürzen. Jason ist ein wenig in Sorge um seine Stimme. Nimmt man den Auftritt in Brüssel dazu, wird Duisburg der sechste Auftritt in Folge sein. Eine Herausforderung angesichts der Textmenge, die Jason jeden Abend zu bewältigen hat. Ich stelle ab sofort das Ketterauchen im Auto ein und ziehe ab und zu an Andrews E-Zigarette. Auch Duisburg ist mit Hilfe von Max und Sabine vom Onkel Stereo ausverkauft. Auf dem Weg zum kurzen Besuch im Onkel Stereo werden Jason und Andrew auf der Straße erkannt und angesprochen. Der erste Fall von street fame auf der Tour. Jason wird vor dem Auftritt im Bett verklappt. Schonzeit. Das hier ist der zweite Auftritt in Duisburg, die Vorfreude regiert, fast jeder, der beim ersten Mal dabei war, ist heute wieder hier. Cargo, der Vertrieb für die Mods, ist mit einer neunköpfigen Delegation angereist und sammelt Sympathiepunkte fürs Eintritt zahlen ohne Murren. Nix Gästeliste, ist ja auch für einen guten Zweck. Auch eine Truppe von (Ex-) Plastic Bombern wird gesichtet. Der Auftritt dann umjubelt, die Mods werden mit „Sleaford Mods, Sleaford Mods“ – Sprechchören verabschiedet. Das ist neu. Jason hat es natürlich mit seinem Smartphone aufgenommen.

Sascha (Djäzz)

Wo, wenn nicht in Duisburg, passen die Sleaford Mods und ihre Pöbel-Motzen-Schimpfen-Lyrics ins Straßenbild, wie die geballte Faust in der Tasche? Am Konzertabend finden sich dann auch mehr Menschen an der Börsenstraße ein, als man gemeinhin nach 20 Uhr im gesamten Duisburger Kernstadtbereich auf der Straße antrifft. Auffällig ist der hohe Anteil Düsseldorfer Musikschaffender im Publikum. Tut sich hier etwa eine Marktlücke auf? Duisburg als Ausweichort für das Düsseldorfer Publikum, das Besuche in Köln möglichst vermeiden möchte? Ebenfalls auffällig: der Altersschnitt liegt bei konservativ geschätzten 40+, die Punkvergangenheit ist einem großen Teil der Anwesenden ins Gesicht oder zumindest auf die Lederjacke geschrieben. Auch jenen, die sich trotz Profimuckertum mit Platinplatten im Abo, nicht zu blöd sind, Gästelistenplätze in Anspruch zu nehmen. Um halb zehn geht’s los. Die Retro-Tapete im Rücken des Duos hat schon bessere Zeiten gesehen, Andrew drückt den Start Button am Laptop und Jason lässt der Sprachdiarrhö freien Lauf. Mit Kraftausdrücken wird genauso wenig gespart, wie mit schlauen Wortspielen aus einem schier riesigen Popkultur-Referenzuniversum. Ein unendlicher Spaß für Populärkulturforscher – wen wundert´s also, dass der Akademikeranteil im Publikum um ein einiges höher sein dürfte, als bei Aufführungen der ebenfalls in Duisburg beheimateten deutschen Oper am Rhein.

Die beiden Mods wissen inzwischen genau, wie ihr Liveset funktioniert. Mit der inklusive Zugaben exakt richtig dosierten Menge an Hits wird das Publikum euphorisch zurückgelassen. Andrew und Labelbetreiber Steve kippen sich nach dem Gig umgehend Alkohol hinter die Binde, während der vom Tourleben bereits mit Heiserkeit bestrafte Jason ins Nachtquartier verschwindet – allerdings nicht ohne noch das ein oder andere Selfie mit Besuchern zu schießen. Und wie geht’s nun weiter mit dem Hype im Nacken? Dass sich das Sleaford Mods-Konzept beliebig nach oben skalieren lässt, ist schwer vorstellbar. Zwei Typen und ein Laptop auf Augenhöhe mit ein paar Dutzend Zuschauern – läuft! Zwei Typen und ein Laptop auf einer fußballfeldgroßen Festivalbühne vor 30.000 Leuten, die sich das Nicht-Geschehen auf Videoleinwänden anschauen? Will man überhaupt wissen, ob sowas laufen kann? Bestenfalls gelingt es den beiden, den aktuellen Status zu konservieren und aus dem großen Fundus des Postpunks noch genügend originelle Samples für ein halbes Dutzend weiterer Alben zusammen zu klauben. Und ausreichend viel Scheiße, über die man dazu motzen kann, passiert eh. Falls wider Erwarten nicht, bitte abbrechen, solange es noch cool ist.

14.05.2014 – Siegen – VEB

Weiter Schippy:
Andrew hat gestern nach dem Auftritt noch ein paar Stunden mit dem DJ des Abends aufgelegt. Meine Bewunderung für die Kondition dieses Mannes steigt. Fast scheint es so, als gingen die Mods arbeitsteilig vor. Jason auf der Bühne mit Tonnen von Text, vor und nach dem Auftritt freundlich, aber eher zurückhaltend. Andrew bis in den frühen Morgen unterwegs, in zahlreiche Gespräche verwickelt. Jason geht es wieder besser. Ich frage Steve bei einer Pinkelpause, warum man nicht einen „Day off“ eingeplant hat. Steve erklärt mir, dass man gemeinsam testen wollte, ob eine Tour mit dieser Schlagzahl funktioniert. Bisher sind die Mods drei-, höchstens viermal hintereinander aufgetreten. Der News-Ticker: Ein Typ von Prodigy hat die Mods irgendwo öffentlich abgefeiert. Freude und Zeit für high fives. Und auch Spiegel Online zeigt sich in der Rubrik „Die wichtigste Musik der Woche“ schwer begeistert. Eigentlich gut, trotzdem ärgert mich der Artikel maßlos. „Manchmal muss Fearn das Live-Programm der Sleaford Mods auch allein bestreiten, wenn Williamson, wie neulich in Brighton, zu besoffen vom Vorabend ist und einfach nicht auftaucht.“, schreibt Andreas Borcholte. Ach, der NME-Artikel, Borcholte hat ihn also auch gelesen, aber nicht richtig. Kein Wort davon, dass Jason „zu besoffen“ war, um aufzutauchen. Da ist stattdessen von „alten Dämonen“ die Rede, die Jason am Kommen gehindert haben. „Besoffen“ passt aber wohl besser zu einem Klischeebild von den Chavs aus Nottingham. Wer oder was die alten Dämonen waren, verrät Jason dem NME nicht. Borcholte hat „zu besoffen“ also exklusiv. Siegen ist nicht unbedingt der Ort, wo Auswärtige für ein Konzert hinfahren. Trotzdem ist der Volkseigene Betrieb gut besucht. Ich treffe ein paar TRUST-Leser, die durch das TRUST auf die Mods aufmerksam wurden. Das gefällt mir. Der Soundmann packt beim Auftritt zwischendurch Hall auf Jasons Stimme. Jason und Andrew bemerken davon nichts, Steve schickt eine SMS auf die Bühne, der Fehler wird korrigiert.

Michael (African Paper – Internetmagazin)

Die Sleaford Mods mag man als upgedatete Version von Punk betrachten, eine Version, bei der allerdings selbst die sprichwörtlich gewordenen drei Akkorde nicht mehr vonnöten sind – stattdessen ist die von Andrew Fearn komponierte Musik herunter gebrochen auf das Allernötigste: ein paar wenig komplexe Beats, Bassloops, ab und an ein Sample. Im Fokus stehen Jason Williamsons Schimpfkanonaden, Invektiven gegen (fast) alles und jeden, gegen die „St George’s flag twats“ ebenso wie die „zombies“ an ihren Smartphone, Hipster bekommen genauso wie die königliche Familie ihr Fett weg. Mit den aus Nottingham stammenden Sleaford Mods haben die East Midlands endlich einen Platz im aktuellen Popgeschehen, und es wird zudem deutlich, wie wichtig Frustration, Wut und Zorn sind, um Musik zu machen, die aufregend ist und (gerade deswegen) Indifferenz kaum zulässt. „Liveable Shit“ aus dem aktuellen Album „Divide and Exit“ gibt einen guten Einblick in Williamsons Art mit Sprache umzugehen:

Reflexionen über Allzu menschliches, wie hier den morgendlichen (immer gleichen) Gang zur Toilette („it’s the same stink“), werden zu einer allusionsreichen Beschreibung des Zustands Englands: „the prime minister’s face hanging in the clouds like Gary Oldman’s Dracula as Keanu Reeves climbed up to the fucking castle“, um gegen Ende vermeintliche Heroen der counter culture zu desavouieren: „the grass is always greener on the other side/break on through and end up in a posh cemetary in Paris/ It’s not bad“. Bei ihrem Auftritt im Siegener VEB wird noch etwas anderes deutlich: Fearns Art das Laptop in die Liveperformance zu integrieren, ist vielleicht die einzig aufrichtige: Er kommt auf die Bühne, platziert einige Flaschen Bier in Griffweite, um dann ganz lapidar die Backingmusik mit einem Druck auf die Tastatur zu starten. Für den Rest des Abends genügt ein Tastendruck pro Song, ansonsten unterstützt er den lediglich mit einer Flasche Wasser ausgestatteten Williamson mit Tanzen und Mitsprechen der Texte. Williamson rennt während des gesamten Auftritts um das Mikro, schimpft, wütet, gestikuliert und grimassiert ohne Unterlass. Das hat durchaus Campcharakter, nimmt dem Auftritt aber nicht seine Wucht. Stücke wie „Pubic Hair Ltd“ oder „Jobseeker“ werden dann auch vom Publikum, das in den vorderen Reihen manchmal erstaunlich textsicher ist, begeistert aufgenommen. „Who gives a fuck about yesterday’s heroes who seem to think that they are still today’s heroes? “ heißt es -auf Johnny Marr anspielend- im Stück mit den Schamhaaren im Titel. An diesem Abend und auf dieser Bühne sind die Sleaford Mods wahrlich nicht die Helden von gestern.

15.05.2014 – Münster – Gleis 22

Weiter Schippy:
Die Mods machen noch schnell ein paar Selfies mit Henning, dem Veranstalter in Siegen und weiter nach Münster. Der Lacher im Auto: Der „The Guardian“ hat die Mods neben dem Blockbuster Godzilla am oberen Rand der Titelseite untergebracht. Titelseite. Godzilla. Sleaford Mods. Was denn noch, bitte? Die mediale Präsenz wird langsam unheimlich. In Münster ist dann der Wurm drin. Das Billing mit Die! Die! Die!, Sleaford Mods und Rah Rah passt nicht so recht zusammen und Steve ist „not amused“, dass die Mods unten auf das Die! Die! Die! – Poster gequetscht wurden. Steve und Jason betrachten stirnrunzelnd den Berg an Equipment, den Rah Rah in das Gleis 22 schleppen, während Andrew sein Laptop aus der Tasche zieht. Insgesamt ist die Laune heute nicht die beste. Andrew und Steve treten in der Disziplin „Schnell-viel-Backstage-Bier-wegtrinken“ an, ich sage auch nicht nein. Jason ist disziplinierter. Ich höre mir den Soundcheck von Rah Rah aus Kanada an. Gar kein schlechter Indie-Pop mit Geige. Neben den Sleaford Mods wirkt das aber irgendwie läppisch. Den Abend vorher haben Future Islands das Gleis 22 ausverkauft und heute gibt es Konkurrenzveranstaltungen. Voll wird es heute nicht werden. Am Abend dann doch mehr Publikum als erwartet. Der Auftritt gut, ein wenig kürzer, als die Tage davor, die Reaktionen freundlich, trotzdem ist Münster ein Dämpfer. Steve fasst den Abend trocken mit „Sleaford Mods. The not so awesome band“ zusammen und Andrew twittert etwas Unfreundliches über „Brainiacs“ nachdem ich ihm erklärt habe, dass Münster eine große Universitätsstadt ist.

16.05.2014 – Hamburg – Golden Pudel Club

Wir sind früh in Hamburg. Andrew nimmt eine Mütze voll Schlaf, Jason schnürt die Laufschuhe. Zeit für Steve und mich, die Hamburger Plattenläden abzugrasen. Ich schließe ein paar SST-Lücken, was Steve mit einem mitleidigen Lächeln quittiert. Steve ist in Sachen Punkrock unterwegs und Spezialist für deutschen Punk und frühe Neue Deutsche Welle. Steve schießt ein paar obskure Singles, die Mittagspause-LP und die Wirtschaftswunder-LP in einer Coverfarbe, die er noch nicht hat. Das Geld muss raus! Er besitzt mehrere tausend Punkrock-Singles, darunter so Perlen wie die Honkas. Als Jäger und Sammler steckt nicht zuletzt er hinter der Single-Veröffentlichungspolitik der Mods. Vier Singles auf vier verschiedenen Labels. Kleine Auflagen mit unterschiedlichen Coverfarben und mit der Matador-Club-Single ist schon jetzt ein begehrtes Sammelobjekt in der Welt. Steve erzählt mir von der geplanten „Tied up in Nottz“ – Single, die wird es nur bei einem Aufritt in Nottingham geben. Er verspricht, mir eine zu schicken. Die Schanze und St. Pauli sind mit Sleaford Mods – Plakaten gepflastert. Ein fetter Cop, der den kleinen, schimpfenden Jason an der Hand hält. Tolles Motiv! Eine Arbeit von Alex Solman, der auch schon die Sleaford Mods – Beer cans gezeichnet hat.

Zurück zum Hotel der Mods. Hier trudeln nach und nach Freunde, Bekannte und Fans der Band ein. Die Stimmung ist aufgekratzt. Mehr street fame. Jason hat noch Zeit gefunden, um sich mal eben „A little Ditty“ frisch auf den Unterarm tätowieren zu lassen. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich für Jason der Dienstag anfühlen mag, wenn er, nach dem ganzen Rummel um die Mods, wieder seinen nine-to-five job in Nottingham antreten muss. Sehr seltsam, vermute ich. Ein paar Schritte zum Pudel. Der Rolling Stone wartet auf ein Interview. Die ersten sitzen schon auf der Treppe, um sich den Eintritt für den Abend zu sichern. Auch die Pudel-Crew dreht ein wenig am Rad. Viel mehr Menschen, als in den kleinen Pudel-Club passen, haben sich für den Abend angesagt. Nach dem Interview verschwinden Andrew und Jason noch mal für eine Auszeit. Die Treppe füllt sich weiter mit Wartenden und bei Kassenöffnung ist der Pudel binnen Minuten ausverkauft. Steve und ich holen den Merchkram aus dem Auto und treffen Andrew und Jason auf dem Weg zurück zum Club. Andrew hat sein Chief Wiggum – T-Shirt rausgeholt, extra aufbewahrt für den heutigen Auftritt. Es geht die Treppe runter mit Panoramablick auf die erwartungsfrohe Meute unten. Die Szenerie hat etwas Unwirkliches, hier, auf dieser Treppe, in diesem Moment, verdichtet sich die Aufregung um die Mods, so als wäre sie mit Händen zu greifen. So ist das also, wenn man als das „nächste große Ding“ gehandelt wird. Andrew scheint genau das zu fühlen und murmelt „I need a Schnaps.“ Ich besorg ihm ein halbes Wasserglas voll, trinke auch eine Ladung und verschwinde in die Merchecke, da ist noch Platz.

17.05.2014 – Hamburg – Markthalle

Junge (EA80)

Die Wahl der SLEAFORD MODS als Support für das offizielle EA80 35 Jahre Jubiläumskonzert in der Markthalle in Hamburg war eine ganz bewusste. Nicht nur sollte die zweite Band des Abends etwas Besonderes sein, etwas Überraschendes, sie sollte vor allem das Problem der großen Bühne (in einem ansonsten für seine Größe sehr familiären Saal) meistern können. Sie sollte PUNK sein und Anti-Rock, sie sollte eher reduziert sein, anstatt pompös, sie sollte das machen, was wir auch tun, aber trotzdem auf eine eigene, etwas andere Art. Ich hatte die Sleaford Mods letztes Jahr im Djäzz in Duisburg gesehen und wusste, sie bringen all diese Voraussetzungen mit und würden überzeugen… eben mehr sein, als eine x-beliebige Vorband und eben auch anders, als die Bands, deren Support eher auf der Hand gelegen hätte. Als Jason und Andrew am Abend Backstage rein schneiten, war zudem klar, dass es sich um grundsympathische, freundliche Typen handelt, die auch die Herzen hinter der Bühne im Sturm nahmen. Auf der Bühne selbst schwitzten und tranken, agierten und unterhielten sie, hinterließen 900 neue Fans und verschwanden vom Ort, noch bevor wir unser Konzert beendet hatten. In den Reaktionen in den Tagen danach, fiel ihr Name fast immer und immer mit einem ehrfurchtsvollen Unterton. Beste Wahl, beste Band (und die Einzige, denen ich ein Laptop auf der Bühne durchgehen lasse)!!!

Weiter Schippy:
Auch der Auftritt im Pudel war umjubelt, soweit ich mich erinnern kann. Ich habe lange geschlafen und von den Begebenheiten nach dem Moment auf der Treppe gibt es nur Fragmente in meinem Kopf. Es war Schnaps im Spiel. An ein Selfie mit Andrew kann ich mich noch erinnern, der alte versoffene Mann neben Andrew muss ich gewesen sein. Und Felix Kubin fällt mir wieder ein, auf der Suche nach den Mods im Gewusel nach der Show, um ein Geschenk zu überreichen. Heute für mich nur Kaffee, Wasser und Zigaretten. Ich hole SM am Hotel ab und es geht in die Markthalle. EA80 haben die Mods eingeladen. 35 Jahre EA80. Ohne Unterbrechung, wenn ich mich nicht irre. Eins meiner ersten Punkkonzerte waren EA80 zusammen mit den Clox und noch ein paar anderen. 1983 war das, im Haus der Jugend in Düsseldorf. Die „Vorsicht Schreie“ kann ich in Teilen immer noch auswendig. Ich bin gespannt, ob SM bei den EA80-Fans ankommen und wie sie auf einer größeren Bühne funktionieren. Gregor, zusammen mit EA80 der Veranstalter, hat den Einlass ein wenig chaotisch organisiert. Es gibt wohl Probleme mit den reservierten Karten. Kein Beinbruch, als die Mods loslegen, gibt es aber noch Schlangen am Eingang. Ein kurzer Blick in die schon gut gefüllte Halle. Das Publikum ist neugierig und aufmerksam. Das hier ist kein Vorprogramm, bei dem man nach ein paar Minuten rausgeht. Andrew hat mehr Platz für seine Moves und seine Biervorräte, Jason tigert in größeren Kreisen um sein Mikro herum. Es funktioniert. Die Mods sind auch auf dieser Bühne mehr als präsent. Ich löse Steve wieder am Merchtisch ab, damit er sich auch davon überzeugen kann. Steve kommt grinsend zurück. Es läuft.

Lars (Konkret)

Was interessieren mich EA80?! Zuletzt habe ich etwas im Zap über sie gelesen; auch das liegt ein gefühltes Jahrhundert zurück. Jetzt also irgendwas zwischen Re-Union-Tour, Wiedergang und elaborierter Kaffeefahrt? Und warum ist das eigentlich so voll hier? Auf dem großen Balkon der Markthalle, einer zugigen und vergitterten “Aussichtsplattform” mit der Gemütlichkeit einer entglasten Bushaltestelle, drängt sich ein beachtlicher Pulk von Punks. Die Uniform ist dieselbe wie ‘77: Schwarzes Leder, wohin das Auge blickt. Es wird geraucht, gelacht, gejohlt. Ab und zu hört man sogar einen Becher knacken, und mit etwas Fantasie ist aus der Ferne des unweit liegenden Hauptbahnhofes das Zersplittern eine Flasche zu vernehmen. White Riot! Doch irgendwas fehlt. Genau, Musik! Nachdem sich unsere kleine Rasselbande dem Versagen des öffentlichen Nahverkehrs zum Trotz komplettiert hat, stürmen wir das Foyer und versuchen als ersten Akt des Ungehorsams am Merch-Stand Schippy alle CDs zu klauen. Der schickt uns empört in die Halle.

Das Konzert hätte längst begonnen, behauptet er. Davon ist zwar nichts zu hören, aber die Sleaford Mods stehen tatsächlich auf der breiten Bühne der s.g. „großen Markthalle“ (im selben Gebäude-Komplex gibt es noch eine „kleine Markthalle“, MarX genannt) und bringen wohl gerade irgendwas von “Divide & Exit” zu Gehör. Ich habe hier hunderte von Konzerten gesehen und das ist definitiv das leiseste in der Geschichte dieser ehrwürdigen Hallen. Direkt vor der größten Box an der Seite der Bühne ist der Sound noch ganz passabel. Dennoch schreit es die ganze Zeit in mir: LAUTER! Nicht härter, nicht schneller, LAUTER! (Die örtlichen Powers That Be sollen mir später verraten, dass es die beiden nicht anders wollten; CUNTZ – with a Z!). Ansonsten ein Auftritt ohne Makel, alles wie erwartet und konsequent in der Reduktion auf das Nötigste. Andrew Fearn wirkt wie ein Statement gegen Knob-Twiddler, die Betriebsamkeit faken und Jason Williamson schlägt sich den Schweiß mit den Handkanten vom Kopf. Seine von zahlreichen Fucks und Cuntz gespickten Rants & Raps bekommen dadurch noch mehr von dem, was mein schlaueres Alter Ego mal “Tough-Times-Tourette” nannte.

Schippys Fazit:
Nach dem Auftritt merke ich, dass es das jetzt für mich war. Ich fühle mich schlapp, schlapp, schlapp, wie Gracchus Überdrus, den Präfekten von Lutetia. Eine Erkältung ist im Anmarsch und ich glaube, ich habe schon Fieber. Meinen Plan, Berlin auch noch mitzunehmen, lasse ich fallen. Wie gerne hätte ich mir das „große Finale“ auch noch gegeben und wäre weiter auf dieser Welle mit geritten. Steve ist sich sicher, dass diese Welle in Berlin einen neuen Scheitelpunkt erreichen wird und natürlich wird er damit recht behalten. Trotzdem, Montag geht es zurück in das normale Arbeitsleben, es war bis zu diesem Moment schon unfassbar genug. Ich sammele Steve, Andrew und Jason ein und es geht raus zum Hinterausgang, zurück nach St. Pauli. Andrew prallt beim Laufen gegen die Treppenhauswände, wie eine Flipperkugel gegen die jet bumpers, Jason setzt draußen noch einen Strahl gegen die Hauswand und ich denke bei mir, hoffentlich könnt ihr ein Leben aus all dem machen und bin raus.

Text: Schippy

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