März 28th, 2020

SHEMALE TROUBLE aus #102, 2003

Posted in interview by Jan

She-Male Trouble

Die letzten Monate waren nicht einfach, zumindest nicht für diejenigen, die schon seit längerer Zeit heiß auf das letztendlich im August erschienene erste Album der Berliner She-Male Trouble. Und das lange Warten hat sich gelohnt! „Back From The Nitty Gritty“ haut uns 14 abwechslungsreiche und tolle Songs um die Ohren. Bei der Vielfalt der musikalischen Eindrücke, die man auf diesem Release sammeln kann, verstummt auch mein Schrei nach dem „Ich brauche mehr davon„, zumindest im Moment… Alles Grund genug das folgende Interview mit Torsten zu führen:

Am 4. August ist nun euer langersehntes Album erschienen – kurze Geschichte zur Entstehung?
Diese kurze Geschichte ist eine lange. Also auf die Schnelle:

– Mitte 1999: zwei Mädchen verlassen „Female Trouble„ und drei Jungs kommen dafür rein. Wir zahlen der Geschlechtsumwandlung unserer Kapelle Tribut und benennen uns um in „She-Male Trouble„.

– Januar 2000 erscheint die Debüt CDM/7 Inch „Burner„ mit 4 Songs und wir wollen so schnell wie´s geht ein ganzes Album nachlegen.

– Oktober 2000: wir haben so langsam die Songs für ein ganzes Album zusammen, aber die Touren mit „Dover„ und den „Peepshows„ haben gezeigt, dass wir fünf nicht dafür gemacht sind unser Leben gemeinsam in einem Tourbus zu verbringen (oder so ähnlich). Folge: 2 Jungs steigen aus und wir sind wieder bei „Null„. Wir finden mit einem Anruf 2 sehr nette Jungs und legen unter dem Motto „einfach nur Spaß haben„ wieder los.

– Mai 2001: erste kleine Tour (5 Tage – 4 Länder).

– Juni 2001: wir nehmen die ersten 8 Songs für´s Album auf.

– ca. August 2001 (wir verwerfen die ersten Songs wieder) jetzt beginnt eine endlose Odyssee durch verschiedenste Studios, mit verschiedenen Produzenten, Engeneers …. über Momente totaler Verunsicherung …. am Ende machen wir fast alles selber (den Rest der Recordings jedenfalls) …. singen zuhause im Schlafzimmer.

– 30.12. Hildesheim „Trans Gender Rocks Tour Nr. 2„: unser Album ist so gut wie fertig. Es fehlen noch die Gesänge bei ca. 5 Songs, was direkt im Anschluss an die Tour gemacht werden soll. Carola fällt bei der Zugabe um und verbringt die nächsten Wochen in diversen Krankenhäusern und auf ihrer Couch.
– Irgendwann singt Carola wieder und irgendwann haben wir uns gesagt „wenn die Platte dieses Jahr noch raus kommen soll, dann muss sie bis Tag X fertig sein. Was bis dahin nicht fertig ist hat Pech gehabt„. Ein Song blieb wirklich auf der Strecke und einer musste am letzten Mixtag noch morgens im eigenen Schlafzimmer gesungen werden.

– Und plötzlich waren 3 ½ Jahre seit „Burner„ vergangen!

Drei der Songs waren mir ja schon von eurer MCD bekannt. Trotzdem war ich überrascht, wie rockig SMT auf „back from the nitty gritty„ rüberkommen – Absicht?
Liegt vielleicht daran, dass es einfacher ist bei 14 Songs das ganze Gesicht einer Band zu sehen, als bei 3 Songs. Und die Auswahl der 3 Songs für die „Don´t Tell Me What To Do„ MCD war ja auch nicht ganz frei. Nachdem Carola umgefallen war, dachten wir uns „Wir nehmen was wir haben und hauen erst mal eine Vorab-Single mit 3 Songs raus„. So war der Stein wenigstens schon mal los getreten. Dass wir Freunde des Rocks sind lässt sich ja nicht verleugnen, aber für ´ne Absicht sind wir dann doch zu konzeptlos in dem was wir tun.

Ich ziehe jetzt einfach mal einen Vergleich mit einer Band aus der zweiten Hälfte der 80er – JINGO DE LUNCH – könnt ihr damit leben?
Auf jeden Fall! Ich war damals ein echter Fan seit ich das erste Mal die „Perpetuum Mobile„ gehört hatte. Überhaupt: die ersten 4 Alben von „Jingo De Lunch„ waren großartig (und ich weiß, dass mindestens Andre da mit mir ist). Ist natürlich auch keine Überraschung wenn man als 4-Jungs-eine-Frau-Rock / Punkrocktruppe aus Berlin mit „Jingo De Lunch„ verglichen wird.

„Venus„ – Ihr habt den Klassiker von Shocking Blue (oder etwa Covercover von Bananarama) gecovert. Warum gerade diesen Song?
Das war die Idee von unserem ehemaligen Gitarristen Olli. Das haben wir schon in den ersten „She-Male Trouble„ Tagen gemacht. Und da wir nach Konzerten sehr oft gefragt wurden, auf welcher Platte denn „Venus„ wäre, dachten wir dass er schon mit auf´s Album muss. Und natürlich haben wir uns am Original von „Shocking Blue„ und nicht an „Bananarama„ oder den „No Angels„ orientiert!

Aus der Rubrik „was wäre wenn…„: Sollte sich ein Major-Label bei euch melden, wie reagiert ihr?
Bei allem was ich über Major Labels weiß, kann ich mir a) nicht vorstellen dass sich eines für uns interessieren wird und b) dass uns eines etwas anbieten will, das uns wirklich interessiert. Und es hat natürlich seinen Grund warum wir diese Platte im Alleingang raus gebracht haben.

Wann präsentiert ihr euer Album live, evtl. in Form einer Tour?
Anfang Oktober geht´s erst mal nach Spanien und vielleicht auch ein bisschen drum herum und im November kommt dann „die große ‚Back From The Nitty Gritty‘ Tour„. Und danach spielen wir einfach weiter und weiter wie wir´s immer gemacht haben.

Genug übers Album gesprochen. Musikszene Berlin 2003 aus eurer Sicht?
Es gibt keine Musikszene Berlin. Es gibt wahrscheinlich zig-Hunderte von Musikszenen in Berlin die alle gar nicht so viel miteinander zu tun haben. Es gibt sogar eine Menge verschiedener Punkrock-Szenen in Berlin mit denen es sich ähnlich verhält.

Die Punk/HC Szene in Deutschland bekommt langsam aber sicher einen langen grauen Bart. Wie ist eure Meinung dazu?
Hhm – liegt doch alles in unser aller Hände – wir müssen ja keine Langweiler sein! Wenn sich die Dinge nicht mehr bewegen, bekomme ich persönlich immer irgendwann ein flaues Gefühl und fange an nach neuen Ufern zu suchen. Ich finde allerdings, dass unsere deutsche Punk/HC-Szene in den letzten Jahren durchaus ein paar Bands hervor gebracht hat, die es geschafft haben etwas Frisches & Eigenständiges zu machen (z.B. „Smoke Blow„, „Beatsteaks„ …) und die vor allem (und das ist mir sehr wichtig) nicht nach Kopien der momentan angesagten US/UK-Größen aus MTV o.ä. klingen.

SMT on tour: Was taugt euch, was ist nicht so euer Ding?
Wir hassen Sprüche wie „Bei Guano Apes hat es auch gepasst„ (damit ist meistens die mangelhafte Technik, schlechte Unterbringung oder Essen gemeint). Wir hassen respektlose Veranstalter! Es kostet echt keine Unsummen ein liebevolles Catering zusammen zu stellen und es ist wirklich schön wenn man irgendwo ankommt und sofort das Gefühl hat, dass sich die Leute Mühe geben, damit man sich wohl fühlt. Wir proben ja schließlich auch mehr als einmal im Monat, damit es ein schöner Abend wird! Denn wir lieben es zu touren!

Was macht ihr, wenn ihr nicht gerade Musik macht?
Catering-Service, Plattenlabel, Plakatierer, Kneipe, Student (für immer), Psychologe … die meisten von uns haben sich ihre Jobs so eingerichtet, dass wir flexibel genug sind um immer mal wieder auf Tour zu gehen.

Famous last words:
to be continued!

Interview: Howie B. Hlava

Band: www.she-maletruble.com

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