Juli 15th, 2019

SHELLAC aus (#146, 2011)

Posted in interview by Jan

„To the one true God above: here is my prayer – not the first you’ve heard, but the first I wrote. (not the first, but the others were a long time ago). There are two people here, and I want you to kill them. Her – she can go quietly, by disease or a blow to the base of her neck, where her necklaces close, where her garments come together, where I used to lay my face…

That’s where you oughta kill her, in that particular place. Him – just fucking kill him, I don’t care if it hurts. Yes I do, I want it to, fucking kill him but first make him cry like a woman, (no particular woman), let him hold out hope that someone or other might come then fucking kill him Fucking kill him. Kill him already, kill him. Fucking kill him, fucking kill him, Kill him already, kill him… Amen“

Ein Interview mit Bob Weston / SHELLAC

Shellac. Noise-Rock aus Chicago. Präzise. Gefährlich. Unglaublich erregend. Geil. Fies. Ein Uhrwerk. Die Überschrift der Text von dem Song „Prayer to God“, ein mächtiger abgefuckter Ripper vor dem Herrn, ein Schlag mit Ansage in die Weichteile und du willst immer noch mehr. Die „Terraform“ könnte man weglassen und die „Italien Greyhound“ auch, aber den Rest brauchst du!

Shellac und ihre autarke Haltung zum Musikbusiness ist immer auch Teil der Band neben ihrer unbestrittenen großartigen Musik. Die Betrachtung von Shellacs Underground-Begriffes lohnt sich. Im Vergleich zu Green Day, Toten Hosen, Ärzten, The Gossip und Rage against the machine sind Shellac radikale Gralshüter einer völlig anderen Underground-Welt und ein dicker Mittelfinger gegen „das Music Biz“. Alleine, dass man die Leute der Band direkt anmailen kann (und das die antworten (könnten)).

Shellac ist natürlich etwas ganz anders als an neue Releases gekoppelte Touren wie bei Slayer, Radio-Einspielungen wie „You are listenting to SWR 1 and my name is Steve Albini“, Bauzaunplakatierung, „ihr seid das beste Publikum der Welt“, „Hurriance Festival“ etc. Wie radikal erscheint Shellac, wie ich es z.B. bei ihrem Gig in Strasburg 2007 sah, alle drei stehen nach ihrem Konzert vor ihrem kleinen Van, ansprechbar, völlig ohne Schutz. Natürlich sind Shellac auf dem geilsten Underground Label aller Zeiten neben SST und Dischord, Touch and Go Records. Shellacs deutsche Bookingagentur vertritt nur geile Bands a la xbxrx, Wire, Caspar Bötzmann Massaker etc. Righty right.

Mich stört was eigentlich, genau, z.B. der Eintrittspreis von 25 Euro AK; der ist normal, also viel zu teuer, gerade wenn die Band eben keine Profis sein will, sondern nur Amateure, die voll auf das Biz scheissen. Shellac ist in Relation zu der mehr als 25 Jahre alten europäischen Netzwerk-Welt aus AJZs/Squats, großen Kapazitäten Hallen auf Non Profit Basis, betrieben von ehrenamtlichen Konzertveranstaltern, die Adolescents oder Youth Brigade veranstalten, 350 Leute kommen und die Band pennt teilweise beim Veranstalter auf der Couch, von dem „normalen“ Underground im DIY-HC-Punk ganz zu schweigen, Booker buchen ami-Bands auf ein Mann-Labels einfach so, für ohne Geld, diese fahren ihre Tour selber und bespielen für eine Kiste Bier und veganen Reis mit Scheiss auch dein Jugendzentrum in Leinenfeld-Echterdingen und erzählt dir mit glänzenden Augen beim Frühstück, wie toll Europa doch wäre im Vergleich zu den barshows in USA… Hier wäre Shellac natürlich irgendwie „kommerziell“.

Als es ein Okay für ein pre-Tour Phoner- oder Email-Interview gab, mailte ich Schlagzeuger Todd, Gitarrist / Sänger Steve und Bassist / Sänger Bob von der Band an, sie wollten es per E-Mail machen, klasse. Geantwortet hat Bassist Bob Weston (Todd gibt keine Interviews, dafür wären Bob und Steve zuständig). Das bei den Fragen auch ein größerer Block an den „Ich bin kein Produzent“- Meister vorhanden waren, überhaupt sehr viel Mühe in der exakten Formulierung der englischen Fragen drinsteckte… lassen wir das.

Schon unser Dietmar bekam keine Audienz beim Meister, obwohl er aufgrund des 25 Jahre Touch and Go Festivals in Chicago verweilte und ein Hammerfeature schrieb (vgl. Trust # 120). Und Albini muss auch nicht immer dabei sein. Wenngleich er zumindest einmal auf eine der Mails hätte reagieren können. Legt die „At Action Park“ oder „1000 hurts“ bereit, viel Spaß mit Bob Weston (BW).

Hallo, beginnen wir mit einem kleinem aufwärme-Teil. Ich stelle euch ein paar kurze Fragen mit der Bitte um kurze Antworten. „Can´t help falling in love“ von Elvis oder Dead Moon?
Bob Weston (BW): Selbstverständlich Elvis.
Volcano Suns sind auf eurer myspace-Seite als Einflüsse genannt, Bob, du hast ja auch bei ihnen mitgemacht, habt ihr andere Favoriten auf SST?
BW: Wir haben keine myspace-Seite. Double Nickels on the Dime, Zen Arcade, Damaged.
Waren CRASS eine wichtige Band für euch?
BW: Für mich persönlich waren sie nicht soo außergewöhnlich wichtig. Ich habe einige Platten und mag sie gerne. Aber sie waren natürlich eine wichtige Band, ein wichtiges Kollektiv für Punkrock. Ich bin sicher, dass Steve zu diesem Thema elaborierter etwas beitragen kann als ich.
Es gibt diese wunderschöne myspace-Seite von einem Steve Albini aus der Bay Area, er spielt italo-Jazz, dabei handelt es sich nicht um eine ganz geheimes Shellac-Nebenprojekt?
BW: Nein.
Welche dieser drei Chicago-Bands (Naked Raygun, Articles of Faith oder Screeching Weasel) mögt ihr am meisten? Warum?
BW: Naked Raygun. Weil sie einer der besten Bands aller Zeiten sind.
Die Aussprache eures Bandnamens, meine Freundin spricht es immer so aus, als ob da ein dreifaches a dabei ist („Shellaaac“), ich meine immer, es heißt einfach kurz Shellac. Vielleicht könnt ihr dieses total wichtige Problem klären, ha?
BW: Deine Freundin hat Recht. Wie sonst würdest du es denn aussprechen? Ich glaube, die Briten tendieren dazu, es etwas fälschlich zu sagen, „shAAlick“.
KISS oder AC/DC?
BW: AC/DC.
Ok, stoppen wir hier. Shellac kommt im Oktober auf Europa-Tour, ich freue mich sehr auf den München-Auftritt, wo spielt ihr und wie lange ist die Tour?
BW: Wir spielen 12 Konzerte in 12 Tagen, und zwar in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Italien, Deutschland und der Tschechien Republik
Es sind wieder nur wenige Gigs in Deutschland, gibt´s einen Grund dafür?
BW: Normalerweise gibt es null Auftritte in Deutschland in einem normalen Jahr für Shellac. Wir touren einfach nicht oft oder sehr lang, da die Band nicht unser Beruf ist. Ein Auftritt in Deutschland, das ist mehr, als wir in den meisten Ländern der Erde in 2010 spielen.
Euer Auftritt in Strasburg war total geil, mir fiel während dem üblichen „Publikum kann Fragen an die Band stellen“ Prozedere auf, dass ihr sehr viele „Amis vs. Franzosen„- Witze hattet, ist das eine Parodie auf das alte Klischee, nachdem alle Amis die „arroganten“ Franzosen hassen müssen?
BW: Wir versuchen einfach, absurd oder lustig mit unseren Antworten auf die Fragen zu sein. Ich bin sicher, dass wir uns über die stereotypischen Sichtweisen im Hinblick auf die Franzosen-Amerikaner Attitüden lustig machen. Aber wir wissen nie, wie ärmlich unser Humor dann in denn jeweiligen Kulturen und Sprachen rüberkommt. Wir beantworten die Fragen, um die Zeit zu überbrücken, wenn einer von uns sein Instrument stimmt oder wenn wir eine kleine Pause brauchen. Ich freue mich, dass dir der Auftritt gefallen hat. Wir hatten eine großartige Zeit dort .
Wie einigt ihr euch auf die Setliste für die Tour, steht die in den Staaten bei den letzten Proben schon fest oder debattiert ihr vor jedem Auftritt über die Songs?
BW: Wir haben eine Liste auf der Bühne, mit allen Songs, die wir in der Lage sind, zu spielen. Kurz bevor wir auf die Bühne gehen, entscheiden wir die ersten drei oder vier Songs und den letzten. Dann wird einfach kurzfristig alles auf der Bühne entschieden, derweil wir auftreten.
Als großer AC/DC-Fan liebe ich natürlich euer „Jailbreak“ Cover, habt ihr das mal live gespielt? Vielleicht kommt es ja auf dieser Tour, ha?
BW: Wir wussten, wie man es spielt, und zwar für die wenigen Stunden, die es benötigte, ihn zu lernen und aufzunehmen. Erwarte keine live Version. Wir haben einfach zu viele Shellac-Songs, dir wir für euch in einer begrenzten Zeitspanne spielen möchten.
„Shellac spielt lieber in Reykjavik als Detroit“, ein Zitat euer myspace-Seite; habt ihr schon in beiden Städten gespielt und war‘s tatsächlich in Reykjavik besser?
BW: Wir haben keine myspace-Seite und so was auch nicht geschrieben. Aber wir spielten in beiden Städten und die sich draußen befindenden mineral-Thermal Bäder in Island waren viel besser als die in Detroit.
Touch and Go hat seine „Manufacturing and Distribution“ Dienste vor einiger Zeit eingestellt, wie wurdet ihr davon beeinflusst, habt ihr überlegt, nach einem neuen Label zu suchen?
BW: Wir wurden überhaupt nicht davon beeinflusst. Touch and Go Records ist immer noch unser Plattenlabel. Da wir nicht auf einem ihr vertriebenen Labels wie Merge oder Thrill Jockey sind, gab es keinen Wechsel für uns. Touch and Go ist immer noch ein Plattenlabel. Wir werden nie auf irgendeinem anderen Label sein.
Könntet ihr euch vorstellen, woanders als in Chicago zu leben? Stimmt es, dass Chicago ein guter Kompromiss aus den Vorteilen einer Großstadt plus der initimeren Netzwerk-Szene einer Kleinstadt darstellt?
BW: Ja. Ich könnte in Sonoma, Los Angeles, Martha’s Vineyard, Hawaii, Maine, San Francisco… leben. Aber ich liebe Chicago sehr und es ist mein Zuhause. Die Stadt hat alle kulinarischen, kulturellen und verkehrsmässigen Vorteile einer der größten Städte in den USA, und doch bin ich in der Lage, in einem Stadtteil zu wohnen, mit einem Garten, netten Nachbarn und einem leckeren Gemüseladen an der nächsten Ecke etc.
Habt ihr das „Touch and Go Fanzine“ Buch von Tesco Vee schon gelesen, falls ja, war das „euer“ Zine damals, als ihr jung wart?
BW: Ich hatte bis gerade jetzt keine Ahnung von dem Buch.
Das letzte Shellac-Interview, das ich kenne, war vor einigen Jahren in der „intro“, und zwar erklärte Steve in der Rubrik „Kochen mit…“ sein Rezept für ein Steak. Ist das eine Mahlzeit, die alle in Shellac schätzen?
BW: Ich bevorzuge Lachs oder Schwein. Aber ich liebe ein Filet Minon.
Shellac arbeitet in seiner selbst bestimmten Autarkie von der Musikindustrie, die die Ablehnung einiger Regeln zur Folge hat. Eure ablehnende Haltung (zum Beispiel keine Promotion, keine Gästeliste etc.) erinnert mich an Fugazi und ihre Attitude, die Konzertpreise niedrig zu bestimmen und mit kleinen Agenturen zu arbeiten. Auf der anderen Seite leben beide Bands in einer kapitalistischen Gesellschaft, beide Bands spielen professionell Musik, d.h. verkaufen diese. Ist wahrscheinlich alles eine Frage des Kompromisses, oder? Seht ihr im Vergleich des Shellac- und Fugazi-Weges, alternative Touren zu realisieren, mehr Gemeinsamkeiten oder mehr Unterschiede?
BW: Wir fühlen eine Seelenverwandschaft zu Fugazi´s Methoden.
Wenn euch jemand bei den Q&A´s während des Sets fragen würde „Ist Shellac nicht ein Sellout, ihr sagt ihr seid Untergrund, aber spielt normale Rockclubs/Shows, die 25 Euro Eintritt kosten?“, was würdet ihr antworten?
BW: Flugtickets nach Europa sind nicht billig. Das ist halt die Summe, die es kostet, uns hier rüber zu bringen. Die Alternative ist kein Shellac-Konzert.
Vielen Dank für das Interview. Habt ihr noch einen Gruß an unsere Leser?
BW: Ja. Grüsse an eure Leser!

Einleitung, Interview, Text: Jan Röhlk
All praise and thanks to: Stone und Dietmar
Photos, Logos: Shellac
Kontakt: tgrec.com/bands/band.php?id=22

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