Mai 15th, 2020

Shanghai-Report (#175, 2015)

Posted in artikel, interview by Thorsten

Shanghai – Ein Fest fürs Leben

Ernest Hemingway sagte 1950 zu einem Freund: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest“. (Hemingway, Paris – Ein Fest fürs Leben, rororo). Gleiches könnte ich über Shanghai, dem Paris des Ostens sagen, wo ich von 2006 bis 2011 lebte. Der wohl aufregendsten und spannendsten Stadt dieses Jahrzehnts. Kein Zeitungsartikel und kaum ein Fernsehbericht kommen damit aus, die Gegensätzlichkeit Chinas zu betonen. Tradition und Moderne, Ying und Yang, Armut und Reichtum, oft nur durch eine Straße getrennt. Nirgendwo trifft das so extrem zu, wie in Shanghai. Es stellt keinen Widerspruch dar, erst auf ein Punkrockkonzert ins YuYinTang zu gehen, danach in einer Jazz Bar einen Cocktail zu trinken und schließlich die Nacht zu den elektronischen Klängen eines europäischen Top DJs, über den Dächern der Stadt, ausklingen zu lassen. Vielmehr sieht so eher ein gewöhnlicher Ausgehabend aus. Natürlich gilt das nur für die (westlichen) Ausländer und die Chinesen, die es sich leisten können. Jene werden zwar immer mehr, aber längst sind es nicht alle. Viele Chinesen haben kein Verständnis für den Wunsch, anders sein zu wollen, gar Musik zu machen, die nicht den traditionellen Werten entspricht oder eingängige Popmusik ist. Trotzdem ist Live-Musik auch in China auf den Vormarsch, aber nach den Konzerten ist der Abend in eben jenem Club meistens vorbei und die Nacht noch zu jung, um nach Hause zu gehen, deswegen zieht man weiter. In der Regel im Taxi. Mag dekadent klingen, ist aber einfach den Umständen geschuldet, dass die U-Bahnen ziemlich früh den Dienst einstellen, Taxifahrten extrem günstig sind, wie überhaupt alles in China, was mit Verkehr und Energie zu tun hat, und die Distanzen zwischen den einzelnen Lokalitäten meistens zu groß sind, um sie zu Fuß zu erreichen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Metropolen der Welt, gibt es in Shanghai nicht den einen großen Hotspot, wo sich alles trifft. Sondern viele kleine Ecken, mit zwei, drei oder vier Bars oder Clubs und dann in der näheren Umgebung nichts anderes.

In der Nacht ist Shanghai wundervoll. Tagsüber ist die Stadt überlaufen, die Straßen verstopft, die Luft stickig, Nachts hingegen, wenn mindestens zwei Drittel der Bewohner schlafen, die Hitze des Tages einer kühlen Nachtluft gewichen ist und die Straßen so leer sind, dass man sogar auf der Fahrbahn gehen kann, dann lebt Shanghai. An jeder Ecke gibt es kleine Lokale oder Stände, an denen die ganze Nacht über gegrillt oder eine Nudelsuppe zubereitet wird. In Convenience Stores gibt es rund um die Uhr kaltes Dosenbier zu kaufen. Menschen rufen nach Taxen, um zum nächsten Club zu kommen und alle trinken zu viel. Zu viel, um den Stress des Alltages zu vergessen. China und Shanghai im Speziellen sind anstrengend. Es gibt in der Öffentlichkeit, keine Möglichkeit des Rückzuges. Auf dem Weg zur Arbeit belagern einen die Raubkopierer in der Fußgängerzone. Auf dem Weg zurück nach Hause dann die Zuhälter. Bemerkenswert, wenn bedacht wird, dass Prostitution in China strengstens verboten ist. Natürlich heißt das übliche Zauberwort in diesem Fall „Massage“, gemeint ist aber selbstverständlich etwas anderes. Manche Zuhälter sind so dreist und bedrängen einen, obwohl der Lebenspartner nebenher geht. Der Straßenverkehr kennt keine Gesetze, sondern lediglich ein paar Grundregeln und ist eine immerwährende Gefahr für Leib und Leben. Einmal bei Grün nicht nach rechts geschaut, zack, vom Motorrad übern Haufen gefahren. In einem Land mit 1,4 Milliarden Menschen will jeder der Erste sein, sich durchsetzen, der Stärkere sein. Mit Rücksicht kommt in diesem Land niemand besonders weit. Nachts ist der Expat mit all diesen „Problemen“ weniger konfrontiert. Und auch abseits der grellen Lichter, der Pudong Skyline, des Bunds mit seinen Nobel Diskotheken und den teuren Restaurants und Chill Out Lounges, gibt es ein anderes Shanghai zu entdecken, ein Shanghai, das ebenfalls nur in der Nacht existiert.

In China gibt es ein Sprichwort: Wenn man die chinesische Kultur der letzten zehn Jahre kennenlernen möchte, muss man nach Shanghai gehen. Wer etwas über die Kultur der letzten 1000 Jahre erfahren möchte, geht nach Beijing. Seit jeher besteht eine Rivalität zwischen den beiden Städten. Für Shanghaier sind die Hauptstädter Provinzler, die unter der Knute der Partei stehen. Für die Beijinger hingegen sind Shanghaier alles arrogante Schnösel, die sich für etwas Besseres halten. Tatsächlich sind die Partei und ihre Organe, im Gegensatz zu Beijing, in Shanghai kaum sichtbar. In Beijing sind der Einfluss und die Anwesenheit der Partei immer spürbar. Vielleicht sind die Menschen gerade deswegen dort politisch interessierter und vor allem kreativer. Beijing ist der Mittelpunkt für Kulturschaffende, das gilt für die bildende Kunst genauso, wie für die (DIY) Musikszene.

Dagegen steht das wirtschaftsliberale Shanghai, die wohl mit Abstand westlichste Stadt in China. Shanghai wird vom Geld getrieben. Politik ist hier weniger wichtig. Ein Shanghaier Freund sagte mir mal, als ich eine innenpolitische Frage an ihn richtete, ich soll das doch lieber mit einem Beijinger Taxifahrer besprechen, der wüsste da besser drüber Bescheid. China entwickelt sich rasant, so schnell, dass die Menschen teilweise nicht mehr mithalten können oder wollen. Shanghai ist dabei so was, wie der Musterschüler des Turbokapitalismus. Alles muss ein bisschen schneller, etwas größer und ein wenig besser sein, als im Rest des Landes. Die Shanghaier Indie Rock Band „Boys climbing Ropes“, besingt das Leben in der Stadt in dem Song „Big City“ bereits 2010 so: „Are we busy of living too fast here? I’ve been living in this big city and I’ve been making these big plans“.

Obwohl Beijing die weitaus größere DIY Punk-/Indie Szene aufweist, ist auch in Shanghai eine sich immer weiter entwickelnde und energiegeladene Szene entstanden. Mittelpunkt war von Anfang an und ist immer noch, der Live Club YuYinTang, in dem fast täglich Konzerte von lokalen, nationalen und ab und zu auch internationalen Künstlern stattfinden.
Das alte YuYinTang befand sich am Rande der Stadt und war mit der U-Bahn nicht direkt zu erreichen. Zumal es zu diesem Zeitpunkt (2004-2006) je nur drei fertige Linien in der Stadt gab. (Bei einer Bevölkerung von knapp zwanzig Millionen) In einem Hinterhof gelegen, erinnerte das YuYinTang damals eher an eine vorm Zerfall befindliche Lagerhalle. In den Toiletten funktionierte das Licht nicht, der Eingang war nur durch eine schwach leuchtende rote Laterne zu erkennen und drinnen gab es Dosenbier für zehn Yuan (ca. ein Euro). Trotzdem oder gerade deswegen fanden bereits damals dort wilde Punk- und Indiekonzerte statt. Damit sich die Szene entwickeln konnte, war ein Umzug in eine etwas weniger runtergekommene Gegend unabdingbar. An der Kaixuan Road, direkt Gegenüber von der U-Bahn Linie drei, wurde ein perfekter Laden, bestehend aus einem Barbereich und einem Live Club gefunden. Das Bier wurde fortan in Flaschen serviert und kostet 25 – 40 Yuan, es wurde in die Soundanlage investiert und der Club schlussendlich auch von der Stadt (Regierung) lizenziert. (In China wird für jede Geschäftstätigkeit eine Lizenz benötigt, damit der Staat nötigenfalls Zugriff auf Verantwortliche hat). Hinter dem Club, gibt es einen kleinen Garten, in dem man im Sommer vor und nach dem Konzert draußen sitzen kann. Aufgrund der großen Nachfrage in den Anfangstagen, wurde das YuYinTang zwischenzeitlich noch mal umgebaut und modernisiert, sodass der Zuschauerraum größer geworden ist, und der Barbereich im Prinzip wegfiel.

Der Blogger, Musiker und Autor Andy Best kann durchaus als eine Art Chronist der Shanghai Szene bezeichnet werden. Jahrelang berichtete er in seinem Blog Kungfuology.com über Konzerte und Veröffentlichungen lokaler Bands. Für mich war sein Blog stets Informationsquelle Nummer eins, wenn es um lokale Bands, Clubs und Konzerte ging. Andy stammt ursprünglich aus Liverpool, spielte selber in Bands und kam im Jahr 2001 nach Shanghai, als die Stadt noch viel chaotischer war, als sie es jetzt noch ist. Auf seine Leidenschaft für Rock n Roll, wollte er auch fern der Heimat nicht verzichten und kam so nach und nach in Kontakt zur noch jungen Szene in Shanghai, die er selber so beschreibt: „Seit ich hier bin, gab es zwei große Momente der Veränderung. Von 2001 bis 2003 begann die Musikszene sich nach Downtown zu bewegen. Ursprünglich befand sich alles im Yangpu Distrikt um „Wujiaochang“. Damals waren dort der Hauptcampus der Universität und einige Bars, wie das „Tribesman“ und „Gua’er“ siedelten sich dort an. In Downtown gab es nur das „Ark“, wo hauptsächlich Coverbands auftraten oder bekanntere japanische Acts. Das „Ark“ befand sich in „Xin Tian Di“, einem der Hauptanlaufpunkte für Touristen und einfach viel zu teuer für junge Locals. 2004 fingen die Leute vom YuYinTang und ein paar Indie Promoter, wie Brad Ferguson, an Rock Shows in Harley’s Bar in „XuJiaHui“ zu organisieren. Später im Jahr fand das YuYinTang sein erstes Venue in „Longhua“, das war das alte Lagerhaus. Gleichzeitig fand immer noch eine Menge in „Yangpu“ statt, wo die „Live Bar“ eröffnet hatte. „696“ fing ebenfalls in Downtown an, zog aber schnell nach „Hongkou“. Auch dort gab es eine Menge Clubs die aufmachten und wieder schlossen oder für eine bestimmte Zeit Shows veranstalteten. Die Jahre 2004 bis 2008 waren so was wie das goldene Zeitalter für die Shanghaier Szene. Plötzlich waren jede Menge Aktivitäten am Laufen und trotzdem blieb es DIY und unberührt von den Leuten aus der Werbeindustrie. Einige der besten chinesischen Bands fingen zu der Zeit an Musik zu machen. Es gab billige Studios, mit einem Haufen Equipment, wie das 0093. Dies half vielen Bands sich zu entwickeln. YuYinTang hatte einen Abend pro Monat, an dem jede Band für 20 Minuten spielen konnte. Das war immer spannend und sorgte für noch mehr lokale Bands.

Ab 2009 kamen immer mehr Expats in die Stadt. Es gab die ersten großen Festivals und auch die Werbebranche entdeckte die Musikszene. Während der EXPO 2010 hatte die Polizei und die Stadtregierung ein besonderes Auge auf die Musiker und Veranstalter. Die neue Soundanlage vom YuYinTang wurde konfisziert und „Top Floor Circus“ bekamen ein neunmonatiges Auftrittsverbot. Die meisten lokalen Bands wussten nicht, was sie tun sollten und verhielten sich ruhig und so ist es eigentlich bis heute. Ich glaube, alle warten auf eine neue Ära, auch wenn die neue Regierung für die Musiker und Künstler noch schlimmer ist, als die vorherige“. (Anm. d. A. Der geplante Auftritt von The (International) Noise Conspiracy am Nationalfeiertag 2010, wurde ebenfalls ohne Angabe von Gründen kurzfristig abgesagt.)

Ist das YuYinTang trotzdem noch der Mittelpunkt der Szene?

Es wird immer das Herz der DIY Szene in Shanghai bleiben. Aber alles ändert sich. Der Club hatte einige Probleme mit der Regierung, die immer wieder neue Bedingungen stellen und Probleme kreieren, obwohl das YuYinTang im Besitz einer gültigen Lizenz ist. Auch wenn immer genug Expats auftauchen und dort etwas trinken, haben die kein Interesse daran den Community Gedanken zu entwickeln. Trotzdem ist das YuYinTang immer noch der beste Ort, um eine Band zu sehen und der beste Platz, um als Band zu spielen.

Dein Blog ist seit einiger Zeit nicht mehr aktiv. Für mich war es immer die Informationsquelle Nummer eins, um mich über Veranstaltungen und Bands zu informieren. Warum hast Du damit aufgehört?

Okay, der Blog. Ich fing 2003 an auf Konzerte zu gehen. Aber ich habe bis 2008 nicht daran gedacht darüber zu schreiben. In Beijing gab es einen Blogger, der über die Musikszene dort schrieb. Der Blog hieß „Chai Le“ (Demolished). Das war großartig und in Shanghai gab es so was nicht. Also dachte ich, dann mache ich es eben. Zunächst habe ich versucht für Shanghaiist (ein großer Boulevard Blog) zu schreiben, aber die wollten, das ich auch über andere Themen schreibe. Also fing ich 2008 mit meinem eigenen Blog an. Es sollte werbefrei und jeder Artikel nicht länger als eine Seite sein. Jake Newby half mir anfangs. Wir dachten, das Internet gibt so viele Möglichkeiten her, dass wir Musik nicht bewerten wollten, sondern die Stücke gleich als Video oder Sounddateien vorstellen und jeder selber entscheiden konnte, ob ihm/ihr das gefällt. Wir verstanden es mehr als ein Archiv.

Ich erinnere mich an jede Menge Expats, so um 09/10 rum, die mir eine Menge Mails schickten, meistens waren sie sauer auf mich und sagten mir, ich solle mich nicht um lokale Bands wie „Pinkberry“ kümmern, weil sie schlicht nicht gut genug seien. Die haben den Blog und worum es uns ging nicht verstanden. Ich wollte nie ein Richter oder Gralshüter sein und Musik bewerten. Locals mochten das, was ich machte sofort, während die Expats ständig über Einträge diskutieren wollten, auch mit mir persönlich. Das fand ich anstrengend und ich habe eine Menge daraus gelernt.

Ich hörte auf mit dem Blog, weil ich an etwas längeren arbeiten wollte, wie an meinem Roman. Ich fand auch, dass es Zeit wird, für jemanden anderen Platz zu machen. Auch wenn seitdem eigentlich nichts passiert ist. Entweder hörten die Leute, wenn sie mit etwas ähnlichem begannen, nach sechs Monaten wieder auf oder versuchten Geld damit zu verdienen. Ich bin wirklich stolz auf einige Einträge, besonders auf die Geschichte mit dem Pepsi Fiasko. (kungfuology.com/andybest/ 2009/12/pepsi-fiasco-shanghai-scene-st.html)

Erzähl doch bitte etwas über Dein Buch und Du spielst auch in einer Band (Astrofuck)?

Fangen wir mit der Band an, die hat einen interessanten Ursprung hinsichtlich einer bestimmten Theorie über die Shanghaier Szene. Brad Ferguson und ich sind ungefähr zur gleichen Zeit hier angekommen und haben die Entwicklungen in der Stadt beobachtet. Eine Band, die neben dem normalen Job läuft, braucht ungefähr zwei Jahre, um einen respektablen Erfolg in Shanghai zu erreichen. Wir legten uns ein paar Strategien zu Recht, mit dem Ziel ein 45 minütiges Set als Headliner im YuYinTang zu spielen und den Club auszuverkaufen. Wir stellten fest, dass es ist nicht gut ist, zu oft Konzerte in Shanghai zu spielen, ein Konzert muss von der Band selber organisiert und promotet werden, eine Bandseite sollte unterhalten werden und all so anderer kram. Für den Westen vielleicht alles selbstverständlich, aber nicht in China. Als wir dann eine Band hatten, haben wir das genauso umgesetzt.

Ich wollte meine Gitarre mit etwas Electronic-Kram mixen, wie 8-bit, es sollte lofi und immer noch Punk sein. Zwei Freunde machten auch noch mit und wir setzten den Plan um, den Brad und ich uns schon überlegt hatten. Genau ein Jahr später organisierten wir unsere Samstagabend Show im YuYinTang, spielten 50 Minuten und verkauften alle Tickets. Es hatte funktioniert. Vielleicht sollte ich die Strategie aufschreiben und ein Buch daraus machen. Wir haben das schneller erreicht, als jede andere Band vor uns und ich weiß wie wir das schafften. Brad müsste dafür eigentlich die Credits bekommen, aber der ist wieder in den USA. Wir lösten die Band 2014 auf. Unsere Videos und Demos kannst Du noch immer auf Douban (chinesische Myspace) finden.

Das Buch heißt „Parkour Girl and Yellow Fish Car“ und ist bei Amazon für Kindle erhältlich. Es handelt von all den Dingen, die zwischen 2001 und 2010 in Shanghai passierten. Ich würde gerne mehr Drehbücher und Romane schreiben. Es ist immer leicht große Töne zu spucken und schwer sich hinzusetzen und wirklich was auf die Beine zu stellen. Für mich war es ein Selbstversuch das Buch zu schreiben. Es hat ein paar gute Reviews bekommen. Ich hasse all die bekloppten Bücher darüber, wie China wirklich ist, geschrieben von ein paar weißen Typen. Ich benutze Fiction. Es ist eine Superhelden Geschichte, in der ein Amerikaner versucht eine Bürgerwehr aufzubauen, weil er seine Frustration überwinden will, allerdings feststellt, dass es schon genügend chinesische Helden gibt. Es ist eine Metapher über die Entwicklung, die jeder hier macht, der lange genug bleibt. Obendrein ist es lustig, nun ja, ich habe es geschrieben und muss es wohl sagen.

Neben dem YuYinTang, welches überwiegend für lokale und nationale Indie/Punk Bands geeignet ist, gibt es noch das Mao Livehouse in der Chongqing Road. Der Club fasst locker 1500 Leute, liegt im dritten Stock eines Lagerhauses, direkt am Nord-Süd Highway, und kann über einem Fahrstuhl erreicht werden. Hier spielen überwiegend Internationale Künstler, welche meistens nach einer Japan Tour einen kurzen Abstecher nach Shanghai und Beijing wagen. Mao Livehouse stammt ursprünglich aus Beijing und der Club in Shanghai ist ein Ableger. Eels, Black Rebel Motorcycle Club, Frank Turner oder auch Tricky spielten dort, um ein paar Namen zu nennen, selbst Revolverheld durfte dort schon spielen. Natürlich vor überwiegend deutschem Publikum. Ansonsten bestehen die Gäste meistens zu gleichen Teilen aus Chinesen und Ausländern. Andy geht ebenfalls zu diesen Konzerten, hat aber eine ganz eigene Meinung dazu: „Diese Konzerte helfen nicht der Szene. Was helfen würde, ist eine Infrastruktur. Billige Proberäume, vielleicht auch mit Equipment, das billig gemietet werden kann. Bands die eh touren und kommerzielle Events veranstalten, in so eine kleine Szene zu packen, nimmt nur Kapazitäten, die dann für die lokalen Bands fehlen, wenn es nicht sorgfältig gemacht wird. Stell Dir vor in Austin, Texas, ein vollständig entwickelter und normaler Ort, müssen unbekannte und lokale Bands den Clubbesitzer bezahlen um einen Support Slot zu bekommen. Sie müssen die eigenen Verstärker und das Schlagzeug in einen Van stopfen, dahin fahren usw… . Soll das in Shanghai auch so werden? Ich hoffe nicht. „Mid Scale“ Touren und DIY sind zwei unterschiedliche Szenen“.

Ein weiterer Höhepunkt für die lokale Musikerszene ist das JUE Festival. Es findet einmal im Jahr, im März, simultan in Beijing und Shanghai statt, vornehmlich in kleineren Clubs und beschränkt sich nicht bloß auf Musik, sondern bietet auch Lesungen, Ausstellungen und Filmvorführungen. Jedes Jahr kommen beeindruckende 35.000 Gäste zu den insgesamt fast 120 Veranstaltungen in Shanghai und Beijing. Gegründet wurde das Festival von Archi Hamilton, der mittlerweile zusammen mit seinem Partner Nathaniel Davis, eine Booking Agentur mit dem Namen Split Works in China führt, die sich neben dem JUE Festival auch um die Touren von vielen ausländischen Künstlern kümmert. Allerdings lassen die beiden Inhaber von Split Works auch und gerade auf dem JUE Festival viele lokale Acts auftreten, die so die Chance haben, ihr Talent auf einer größeren Plattform zu präsentieren. Jedoch ist die Bandauswahl nicht nur auf Shanghai und Beijing beschränkt. „Hangzhou New Noise“ ist eine Plattform, die junge und kreative Bands aus Hangzhou (Hauptstadt der Provinz Zhejiang und in der Nähe von Shanghai – wenn fünf Stunden Fahrt noch in der Nähe sind, in China ist es auf jeden Fall so) promotet, war 2014 innerhalb des JUE Festivals eine Attraktion. Ebenso die Premiere des Filmes Yangon Calling, über die Punkszene in Myanmar. Es findet also durchaus ein Austausch statt, sogar über die Grenzen hinweg. Darum geht es auch bei DIY. So problematisch und kompliziert China manchmal auch ist, so einfach kann es andererseits auch sein. Kompliziert ist es, weil niemand am Anfang weiß, wo man anfangen soll, wen er/sie um Hilfe bitten kann, wo es Informationen gibt. Einfach ist es, weil es praktisch noch immer keine Infrastruktur gibt. Ein Magazin wie das TRUST, ist in China schlicht unvorstellbar, könnte aber genauso eine Chance sein. Nun verhält es sich allerdings so, dass Presseerzeugnisse durch die staatliche Zensur müssen. Hier fangen die Probleme, speziell für Ausländer an (abgesehen davon, dass eine ausländisch betriebene Zeitung in China eh verboten wäre), weil diese nicht wissen, an wen sie sich wenden müssen, um überhaupt eine Erlaubnis fürs Publizieren zu bekommen. Hier ist ein Blog, wie der von Andy, sicherlich die bessere Alternative. Das Internet wird zwar ebenfalls zensiert und teilweise gesperrt, aber solange niemand zur Revolution oder Umsturz der Regierung aufruft, kann sich jeder mehr oder weniger frei im Internet, sei es auf Blogs oder in Kommentarspalten, zu Wort melden.

Andy Best ist bezüglich des JUE Festivals ebenfalls voll des Lobes: „Das ist super. Split Works hat das wirklich langsam entwickelt und es ist immer größer geworden. 2013 durfte ich dort, mit meiner Band spielen. Wir spielten im YuYinTang und die Gäste waren fast zu 90% Chinesen. Also müssen Split Works etwas richtig machen, denn normalerweise brauchst du für so eine Veranstaltung die Expat Gemeinde, damit es voll wird. Wir hatten eine tolle Show. Ich denke, diese kleinen Festivals, die über eine Woche oder noch länger dauern und sich über die ganze Stadt erstrecken, sind eine großartige Möglichkeit die gesamte lokale Szene zu unterstützen und hoffentlich einigen Leute auch neue Orte, Bands und Möglichkeiten aufzeigen. Ich mag so was lieber, als die großen Sommer Open Airs“.

Eins dieser großen Open Airs ist das dieses Jahr zum ersten Mal stattfindende Echo Park. Mit seinen 57 auftretenden Künstlern, auf zwei Bühnen und einer Mischung aus Internationalen, nationalen und einigen lokalen Bands, ist Echo Park das bislang größte Festival in China. Headliner auf dem Festival sind u.a. die R’n’B Künstlerin „Kelis“, der K-Pop Star „Jay Park“ und „Gerad Way“ (My Chemical Romance). Aber auch die Punkrockhelden von „Pennywise“ stehen im Line Up, sowie die lokale Noise Größe „Duck fight Goose“, die eine Mischung aus westlichen Noise mit chinesisch-traditionelle Musik kreuzt. Abgerundet wird das Programm mit Bands aus unterschiedlichen Genres aus Taiwan, Japan und Festland China. Seltsamerweise sind auf diesem Festival wenige Bands aus der Hauptstadt vertreten.

Ich hatte immer das Gefühl, Beijing ist ein besserer Ort für Punk und Indie Musik, was sagst Du dazu?

Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht viel über die Szene dort. Es sieht so aus, als ob es die größere Szene ist, aber die lokalen Bands und Labels kommen mir immer etwas unorganisiert vor. Es gibt viele Horror Storys, die ich erzählen könnte. Ein Freund zog vor ein paar Jahren nach Beijing, er sah sich in der Szene um und dachte an all die DIY Alben, Konzerte und Touren, die er in Shanghai geplant hatte, er erzählte mir: „Wenn nur eine Band aus Shanghai hierher kommen würde, mit der gleichen Einstellung und dem gleichen Aufwand, wie in Shanghai, würde sie spätestens sechs Monate später die Helden in Beijing sein“. Leute aus Beijing werden das wahrscheinlich nicht gerne hören, aber es scheint wirklich so zu sein. Natürlich gibt es dort trotzdem eine Menge gute Bands. Viele kommen allerdings ursprünglich aus dem Süden. Nimm z.B. Yang Hai Song und PK14, die kommen eigentlich aus Nanjing. Meine Lieblingsband von dort ist „Streets Kill Strange Animals“. Ihr Album „Plan B“ klingt wirklich nach chinesischem Post Punk, der den Sound der großen Städte wiedergibt, gepaart mit experimentellem und spielerischen Elementen.

Und Deine Lieblingsband aus Shanghai?

Ich kann nicht jemanden auswählen, den ich kenne. „Non plus of Color“ sind eine gute Band, nicht wirklich mein Geschmack, aber Heimu, der Songschreiber ist ein wirkliches Talent und alles was er macht ist gut.

Wo sollte jemand hingehen, der nur eine Nacht oder ein Wochenende in Shanghai hat und sich für Alternative Music interessiert?

YuYinTag natürlich!

Sehe ich auch so. Danke Andy.

Besonders die jungen Indie Bands aus der Stadt, verarbeiten das Leben, in einer immer schneller, lauter und sich verändernden Stadt in ihrer Musik und bilden somit die Gegenwart ab. Wer aber das „alte Shanghai“ kennenlernen möchte, sich für einen Abend zurück in die „roaring 20‘“ begeben will, das goldene Zeitalter der Stadt, als Glücksritter, Seeleute, Ganoven und Abenteurer sich in die Stadt über dem Meer (Shanghai) verliebten und bis 1949 blieben, der muss in einen der vielen Jazz Clubs gehen. Herauszuheben ist der JZ Club in der Fuxing (West) Road, mitten in der ehemaligen französischen Konzession, dem schönsten Teil der Stadt, nicht weit entfernt vom amerikanischen und dem iranischen Konsulat, auch das ist nur in Shanghai möglich, beide Konsulate liegen sich praktisch gegenüber. Der JZ ist ein Jazz Club, wie ihn sich jeder vorstellt, in einem höhlenähnlichen Keller gelegen, Stehtische und Barhocker, viele rote Polster, eine kleine Bühne, eine Bar, mit den besten Cocktails der Stadt und jeden Abend live Musik. In der Zwischenzeit hat sich die Shanghai Jazz Szene, rund um die Protagonisten des JZ Clubs auch einen internationalen Namen gemacht. Der Club besteht seit 2004 und hat 365 Tage im Jahr geöffnet. Am Freitag spielt die Latino Band und am Samstag gehört der JZ All Star Band der Abend. An diesen Tagen wird stets eine wilde Mischung aus Standards, Eigenkompositionen und chinesischen Klassikern geboten. Wie die Bandnamen schon vermuten lassen, stehen freitags eher südamerikanische Rhythmen im Kurs, während die All Star Band am Samstag sich deutlich Richtung Swing und Artverwandtes orientiert. Sowohl auf der Bühne, als auch vor der Bühne, herrscht nicht nur eine ausgelassene Stimmung, sondern vor allem ein Miteinander der Nationalitäten. Chinesen, Peruaner, Amerikaner, Franzosen, Griechen, Chilenen, Mexikaner, Engländer, Mischlinge (ABC/EBC), alle feiern zusammen und sind durch die Musik verbunden.

Jeden Oktober organisiert und veranstaltet der Club das International Shanghai Jazz Festival. Mittlerweile findet das Festival dieses Jahr zum elften Mal statt und hat sich zu dem größten und bekanntesten Jazz Festival Asiens gemausert. Genau wie im Rock Bereich, taucht Shanghai mittlerweile immer öfter auf den Tourkalendern bekanntere Acts auf. Headliner dieses Jahr ist niemand geringeres als „Joss Stone“, aber auch „Dee Dee Bridgewater“ dürfte Jazz Fans ein Begriff sein. Selbstverständlich haben auch die, mit dem Club verbundenen Musiker, Möglichkeit auf dem Festival aufzutreten und sich einem größeren Publikum zu präsentieren. Das JZ Latino Project wird ebenfalls zu sehen sein, genau wie Coco Zhao, der sich vor allem auf traditionelle und alte chinesische Klassiker festgelegt hat.

Neben dem Club und dem Festival betätigten sich die Macher, auch als Label und veröffentlichen in unregelmäßigen Abständen CD’s von lokalen Künstlern wie vom Saxofonisten „Alex Haavik“, dem Gypsy Jazz Trio „Waynes Basement“ oder dem „Far East Quartett“ rund um den Gitarristen „Lawrance Ku“, die mittlerweile alle in Asien, den USA und auch Europa, u.a. auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg, touren und Konzerte geben konnten. Alle genannten Künstler spielen in der Regel auch in der All Star Jazz Band, an den Samstagen im Club.

Das Interessante an Shanghai bleibt stets die Internationalität in Verbindung mit einer starken chinesischen Identität. In dem Moment, in dem Vorbehalte und Schranken im Kopf fallen, sich (blöd gesprochen) West und Ost treffen, dort entsteht eine unwiderstehliche Symbiose, die aus einer musikalischen und künstlerischen Sicht, nur in Shanghai (und in anderer Form, natürlich auch in China) entstehen kann. Aber es ist eben Shanghai, das sich stets zuerst für einen westlichen Einfluss interessiert hat. Und andersrum war Shanghai immer, der erste Anlaufpunkt für Westler, die sich von China angezogen fühlten. Aus dieser Geschichte, entstehen noch heute neue Projekte, die unvergleichbar sind.

Text und Interview: Claas Reiners

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