November 20th, 2017

SHAKIN NASTIES (#104, 02-2004)

Posted in interview by Jan

Ich hatte früher mal einen Klassenkameraden. Er hieß Michael M. und war ein hochgradig verhaltensgestörtes, hyperaktives Arschkind. Eine fiese Laune der Natur, bzw. seiner grenzdebilen Eltern. Von jenem Tag an, als er sitzenblieb und in unsere Klasse kam, war mir regelmäßig schlecht vor Angst in die Schule zu gehen gehen, da dort die „Doppelschelle“ auf mich wartete… Jetzt ca. 20 Jahre später treffe ich in Bremen auf die Band SHAKIN NASTIES und muss feststellen, dass sie den optimalen Soundtrack zu meinem Kindheitstrauma liefern. Lauter, schneller, unberechenbarer, reuloser und gemeiner Punkrock im 77er Style. Ja, genau wie gestörte, hyperaktive Kinder auf Speed, die pro Lied einen Sack voll mit kleinen Katzen durch den Reißwolf jagen und mit dem Endprodukt das Publikum bewerfen. Hätte Michael M. damals nur aus seiner Störung Profit geschlagen, so würde er vielleicht, ähnlich wie die SHAKIN NASTIES, heute mit Bands wie den BRIEFS und den SHOCKS in einem Atemzug genannt werden.. Ich traf mich mit Jasper dem Leadsänger und plauderte, mit dem aus Wales stammenden Familienvater, bei schwarzem Tee und einigen Zigaretten über seine Wahlheimat Bremen, musikalische Einflüsse, sowie Ergüsse und den momentanen Punkhype.

Hallo Jasper! Mach doch mal kurz den Rundumschlag. Wer sind die SHAKIN NASTIES? Wann habt ihr euch gegründet? Wieso, Weshalb, Warum?

Wir haben angefangen vor etwa 2-2 ½ Jahren. Das waren damals Todd am Schlagzeug, Lutz von den LOWLÄNDERN und heute den COOL JERKS am Bass und ich an der Gitarre und Gesang. Das Problem war, dass damals Todd´s Freundin in Berlin wohnte und er die ganze Zeit weg war. Dann haben wir Nils von SUPERHELICOPTER gefragt. Er hat dann bei uns Schlagzeug gespielt, aber nicht sehr gut und wir haben ewig geprobt. Wir hatten unser erstes „disastrouses“ Konzert in Oberhausen und ein etwas weniger „disastrouses“ folgte in Bremen. Später hatten wir Todd wieder und wir wurden immer besser und haben unsere erste LP gemacht. Leider ist Lutz kurze Zeit später ausgestiegen, obwohl wir richtig gut wurden. Unsere jetzige Besetzung sind nach wie vor Todd und ich, sowie Kridde am Bass und Tim von CHUNG und den MOORAT FINGERS an der Gitarre.

Es gibt zahlreiche Überschneidungen innerhalb vieler Bands in Bremen, gerade im Punk und Mod-Punk Bereich. Was denkst Du, ist Bremen eine Inzeststadt oder ist die Szene nur so klein und möchte auf elitäre Art und Weise unter sich bleiben?

Elitär?! Also, von mir aus nicht. Frisches Blut wäre echt top. Im Grunde ist es stinklangweilig immer die gleichen Nasen auf Konzerten und auf der Bühne zu sehen. Es ist zwar praktisch, wenn man zusammen live spielt, aber ich glaub es liegt einfach nur daran, dass es nur wenige Musiker gibt, die sich für solche Musik interessieren oder überhaupt Leute die sich für diese Art von Musik interessieren heutzutage.

Eigentlich bist Du ja auch kein echter Bremer. Was hat Dich nach Bremen geführt, bzw. bewogen hier zu bleiben?

Also ursprünglich komme ich aus Wales. Am Anfang als ich nach Deutschland kam, bin ich peinlicher Weise in Gelsenkirchen hängen geblieben, weil ich keinen Plan hatte. Dann bin ich nach Berlin gezogen und war da sechs Monate lang. Anschließend über Dänemark wieder zurück nach England, aber da musste ich wieder weg. War schon komisch. Viele alte Freunde waren auf Schore oder hatten bereits Kinder, so wie ich jetzt. Durch Bremen bin ich eigentlich nur durchgereist. Ich bin aus dem Bus gestiegen und es hat mir sofort gefallen. In der Bahn hab ich einen alten Bekannten aus England getroffen, der mir angeboten hat bei ihm zu wohnen und ich hab auch gleich Todd kennengelernt, der mir aber auf´s Maul hauen wollte (he,he).

Also bist Du quasi in Bremen gestrandet?

Kann man so sagen, doch zu der Zeit bin ich irgendwie überall gestrandet. Später habe ich auch dann meine Frau hier kennengelernt, aber das ist bei den meisten hier im Grunde so eine ähnliche Geschichte.

Hast Du neben Punkrock noch andere musikalische Vorlieben?

Doch viele! Man kann ja nicht nur Punkrock hören, da wird man doch blöd oder? Ich mag auch gerne Rhythm ´n´ Blues, speziell aus den sechziger Jahren. Den britischen Sound. Im Grunde gehört das ja alles irgendwie zusammen. Anfang der 90´er Jahre hab ich auch ab und zu Hip Hop gehört, weil es da nix Vernünftiges gab, nur winselige, melodische Hardcore Bands. Da hab ich lieber so etwas wie PUBLIC ENEMY gehört, weil das klang wenigstens noch ein wenig gefährlich. Aber niemals so eine Scheisse wie heute.

Kommen wir doch mal zu eurem neuen Album, welches ihr „Refrigerated“ getauft habt.

Ja, aufgenommen haben wir es Anfang Juni 2003. Über meine alte Band MOORAT FINGERS hatten wir gute Beziehungen zu Radio Blast Records. Ich hab dann einfach da angerufen und unseren Kram rübergeschickt. Die fanden es gut und wollten es schließlich auch rausbringen.Tom ist ein netter Kerl. Die haben gute Connections und einen guten Vertrieb. Denen kann man vertrauen, zwar ein wenig schlampig, aber…he,he! Auf Radio Blast ist jetzt auch eine Split-Single mit uns und den SHOCKS erschienen. Eigentlich wollten wir uns gegenseitig covern. Die SHOCKS uns auf deutsch und wir sie auf englisch, aber leider haben sie die Idee dann mit den BRIEFS verwirklicht. So haben wir einfach nur so eine Split mit denen rausgebracht.

Profitiert ihr eigentlich von dem momentanen Punkhype und dem aufflammenden Retrofieber?

Ich würde gerne davon profitieren. Ich mein, ich sehe die Kiddies am Freitag im Tower mit ihren teuren „H&M- Punkklamotten“ und natürlich hätte ich auch lieber ihr Geld, anstatt von denen die Bierflaschen wegzuräumen. Da hätte ich nichts dagegen! Von dem Hype merken wir als Band aber eigentlich nichts, zumindest kommen keine H&M-Punks auf unsere Konzerte. Dann schon eher so junge Iropunks oder so. Ich glaub, das ist momentan einfach so eine Modegeschichte. Mit Musik hat das nicht viel zu tun.

Irgendwie ist es doch aber unfair, dass Bands wie ihr oder z.B. THE NEW BOMB TURKS am Hungertuch nagen und THE HIVES erlangen Weltruhm.

Im Grunde schon, aber man darf nicht vergessen, dass es die HIVES auch schon lange gibt. Die haben in Berlin auch mal vor den MOORAT FINGERS gespielt, aber selbst als Vorband waren die schon größer als wir damals. Ich denke im Grunde ist es eine reine Promotionsache. TURBONEGRO gab es auch schon seit 10 Jahren, aber wenn niemand weiss, dass man existiert, kann man auch nichts erwarten. Wenn ich mit meiner Musik gutes Geld verdienen könnte, hätte ich da auch nichts gegen. Es kommt natürlich immer darauf an, aber es ist von Vorteil, wenn man nicht mehr arbeiten brauch und seine Stromrechnung bezahlen kann. Den BRIEFS hat natürlich die Tour mit den TOTEN HOSEN einen großen Schub gegeben. Man wird sehen was da noch kommt. Ich mach mir darüber eigentlich keine großen Gedanken. Mir würde es erstmal reichen, wenn die Leute unseren Namen kennen und wir in Clubs immer so vor 150 Leuten spielen können.

Was würdest Du sagen, wenn Dein Sohn später eine Banklehre anstrebt?

Puh?! Ich hätte nichts dagegen. Das wäre nicht schlecht, wahrscheinlich würde er mehr Geld verdienen, als ich je verdient habe. Mein Vater z.B. ist Schriftsteller und einer der ärmsten Menschen den ich kenne. Er wohnt mitten in Barcelona. Also, es wäre gar nicht so schlecht, wenn wenigstens eine Generation ein bisschen Geld verdienen würde. Man kann auch bei der Sparkasse arbeiten und trotzdem Bücher schreiben, Bilder malen oder in einer Band spielen.

Am Ende möchte ich mit Dir noch ein kleines Frage/ Antwort-Spiel spielen: 70er oder 80er?
70er!

Deutschland oder England?
Ein bisschen von beiden!

Beck´s oder Hansa?
Beck´s!

Oral oder Anal?
Ach, leck mich doch!

Schwarz oder Pink?
Zusammen. Ist ein guter Kontrast!

Kaputthauen oder Zusammenbauen?
You got to destroy and create!

Kern- oder Windkraft?
Windkraft!

Sado oder Maso?
Das geht Hand in Hand!

Schlitzed oder Refrigerated?
Refrigerated!

Danke für das Interview. Hast Du noch ein letztes Wort?
Buy the records! Come to the gigs and tell your friends in the H&M-Klamotten! They can pay twice as much!

Interview: Harm Solo

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