Februar 23rd, 2007

SCOTT „WINO“ WEINRICH (#80, 02-2000)

Posted in interview by andreas

Spirit Caravan und der ganze Jazz

Wino war ein Typ, der in mein Blickfeld geriet, als ich anfing, mir ssT-Platten zu bestellen, was alles in allem schon etwas länger her ist.

Saint Vitus hiess damals seine Band, die bei dem Label von Ginn und Dukowski einen unglaublich schweren und so dermassen langsamen Rock veröffentlichte, dass es eine wahre Freude war.

Black Sabbath, klar, aber noch konsequenter. ‚Born Too Late‘ war der Song, der auf den Punkt brachte, was es mit der Band damals auf sich hatte. Und als Saint Vitus mit Black Flag auf Tour gehen sollten, schrieben sie extra ein paar schnellere Songs, um nicht vollends daneben zu liegen.

Mit Bierdosen beworfen wurden sie von den Punkern trotzdem. In Deutschland hatten sie unterdessen eine treue Gemeinde und ein paar Typen in Berlin trieben die Liebe gar so weit, dass sie ein Label machten, auf dem sie Platten mit den seltsamen Hippies veröffentlichten. Hellhound mauserte sich zu einer guten Adresse für schweren Rock, bis dann, und auch das hatte mit Saint Vitus und Wino zu tun, dumme Entscheidungen dazu führten, dass Hellhound heute eher Hell-Hä? heissen. Aus, vorbei.

Wino hatte damals, Anfang der Neunziger seine alte Vor-Vitus-Band The Obsessed ausgegraben und nahm mit jenen nicht nur eine Platte bei einem Major-Label auf, sondern wollte auch auf Tour gehen. Das ganze Geschacher und Gemache, was daraufhin zwischen Hellhound und dem grossen Label lief, sorgte dafür, dass Hellhound eines Tages schlicht und einfach pleite gingen. The Obsessed nützte es jedenfalls herzlich wenig, dass sie letzten Endes bei Columbia landeten, weil sie einfach zu wenig Platten verkauften. Ende der Banane.

Wino besann sich sozusagen seines Namens und machte erstmal ziemlich wenig. Dafür nahm er ziemlich viel zu sich. So viel, dass sich seine Freunde mächtig Sorgen machten, auch wenn die Geschichte, laut der er in seiner Not einen Schnapsladen überfallen und infolge dessen verhaftet worden sein soll, nur gut erfunden ist.

Nun begab es sich, dass sich vor ein paar Monaten in der Post die Platte einer Band namens Spirit Caravan befand. Spirit Caravan entpuppte sich als neue Band von Scott ‚Wino‘ Weinrich und enthielt genau die Musik, die er auch schon bei The Obsessed gemacht hatte: schweren Rock, gern auch als Biker-Rock tituliert, mit diesen typischen Akkorden, sperrig und von einer Tiefe, die deutlich auf die Siebziger verwies, ohne eindeutig als Remake von irgendwas durchzugehen. Die erfreuliche Wiederkehr eines verloren geglaubten.

Kurz darauf kam Wino mit Band auch auf Tour, und weil ich ganz gern in der Gegend herumfahre, nutzte ich die Gunst der Stunde (oder wessen Gunst es auch immer war), Spirit Caravan und Fugazi an zwei aufeinanderfolgenden Abenden in Berlin zu sehen und mit Wino zwischendurch noch ein Gespräch zu veranstalten.

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Die Rückkehr

Warum hat es so lange gedauert, bis es eine neue Platte von dir gab?

Wino: „Ich brauchte ein paar Jahre, von einer Art zu denken zu einer anderen zu gelangen. Nach zwanzig Jahren Hardcore-Alkohol und Drogen und Musik machen musste ich erst ganz unten ankommen, fünf Jahre völlig unproduktiv sein, Zeit verschwenden, um schliesslich aufzuwachen und meinen Outlook, meinen Lebensstil zu ändern und wieder fokussiert zu sein. Ich habe zwar in den fünf Jahren immer Gitarre gespielt, aber es war nicht produktiv. Eine Menge schwerer Erfahrungen um Songs darüber zu schreiben.“ (lacht)

‚Jug Fulla Sun‘ erschien auf Tolotta Records, dem Label von Fugazis Joe Lally. Wie ist deine Verbindung zu Fugazi?

Wino:Ich kenne diese Leute seit vielen, vielen Jahren. Joe Lally und Ian Mackaye… Und Ian mochte The Obsessed schon zu der Zeit, als es mit Minor Threat gerade zuende ging. Henry Rollins begann sich dafür zu interessieren. Sie mochten die Musik. Und so wurden Ian und ich Freunde. Joe wusste damals noch nicht, dass er einmal bei Fugazi sein würde. Er war einfach ein Typ. Er lebte bei mir im Haus und war sehr interessiert an Musik. Eines Tages gab ich ihm eine Kopie von ‚Raw Power‘ von den Stooges, und das änderte etwas in seinem Kopf, und er beschloss, Bass zu spielen. Also fragte er mich, ob ich irgendwelche Ideen hätte, welches Equipment gut wäre und so weiter. Wir halfen uns gegenseitig. Und Joe hat The Obsessed immer geliebt. Als ich nach DC zurückkam, entschlossen, etwas Neues zu machen, beschloss er, eine Single rauszubringen. Also machten wir die erste Shine-Single. dann entschied er, auch das Album zu machen. Das war es. Wir wurden gute Freunde. Wir waren schon vorher Freunde, aber jetzt sind wir noch besser befreundet“.

Nachdem ein paar Typen aus Arizona sich bereits die Rechte an dem Namen Shine gesichert hatten, benannte sich Winos Band schliesslich nach einem Obsessed-Song, der sich übrigens auf dem gerade erschienenen ‚Incarnate‘-Album befindet, das neben der ersten Obsessed-Single noch eine Menge Schätze birgt.

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Die Quellen

Vergleicht man die frühen Obsessed-Sachen mit dem, was Wino heute macht, bleibt bei allen Unterschieden deutlich eine Handschrift erkennbar. Nach dem Konzert der Spirit Caravan im Knaack schlenderte ich durch die warme Septembernacht und überlegte, was das eigentlich für Einflüsse sind, die da immer wieder durchschimmern und konnte es nicht so richtig auf den Punkt bringen.

„Das liegt daran, dass es so viele verschiedene sind“, lacht Wino. „Ich begann damit, die Beatles zu hören. Viele Leute halten nicht soviel von den Beatles, aber sie waren sehr, sehr innovativ, ihre frühen Sachen mit Mellotronen, ihre Mix-Techniken waren erstaunlich. Und die Beatles waren verdammt heavy. ‚Hey Bulldog‘ war verdammt heavy, ‚Happiness Is A Warm Gun‘ ist verdammt heavy… Dann fing ich an, Hendrix zu hören, klar. Dann sah ich Black Sabbath 1972 an meinem 12. Geburtstag auf der Paranoid-Tour. Und als 12-Jährigen blies mich das ziemlich um. Das war ein grosser, grosser Einfluss auf mein Leben und mein Spielen. Ausserdem fuhr ich auch auf Frank Zappa ab, auf seinen Gitarrenstil. Das war für mich wichtiger als sein Zynismus und sein Humor. Wie er das Wah benutzte, der Ton. Zur gleichen Zeit hörte ich zum ersten Mal das Mahavishnu-Orchestra. Das war ein weiterer Wendepunkt in meinem Leben, denn ich hatte noch nie jemanden so Gitarre spielen gehört. Ich hatte noch nie gehört, wie jemand Jazz und östliche Skalen zu so einem ‚blistering‘ Stil verschmilzt.

Dann begann ich, ein paar Underground-Bands zu hören, wie die 13th Floor Elevators mit Rocky Erickson, Bang aus Florida, eine verdammt gute Live-Band, die nie bekannt wurde, Leftend aus Ohio, die kennt niemand, sie hatten ein Album auf Polygram, verdammt geil. Atomic Rooster aus England. Später kam hartes Zeug dazu, John Can, Andromeda (da ist der übersetzer doch überfragt, ob er richtig gehört hat) und natürlich die Klassiker. Deep Purple, nicht alles davon, Humble Pie, aber auch High-Energy-Stuff, wie ‚Raw Power‘ von den Stooges. Was für eine Platte! ‚Deathtrip‘ – der Gitarrensound, das ganze Feeling, great shit! Motörhead natürlich. Seit kurzem fahre ich wirklich auf Government Mule ab. Zwei typen, die bei der Allman Brothers Band waren, der Gitarrist und der Bassist, sie haben sich von der band getrennt. Sie sind eine Kombination aus einem Jazzrock-Schlagzeuger, einem phantastischen Gitarristen, bluesig-tiefem Gesang und einem tollen Bassisten. Eine erstaunliche Band.“

Es ist aber keiner von den alten Gitarristen?

Wino: „Es ist der Gitarrist, der mit Dickey Betts gespielt hat, als sie ihr Comeback hatten. Sie sind so eine tolle Band. Das letzte Mal als ich sie sah, begannen sie mit einem Instrumentalstück von Zappa. Dann spielten sie ihre Songs, und inmitten eines ihrer Songs gingen sie auf ein Mountain-Riff, und plötzlich spielten sie die Mahavishnu-Version von Coltranes ‚A Love Supreme‘. Sehr tief. Alle diese Dinge schwingen mit. Aber Spirit Caravan ist immer noch sehr basic. Für uns ist es wichtig, uns nicht zu weit von Rock zu entfernen.“

Das ist natürlich eine etwas andere musikalische Genesis, als Jungspunde wie wir sie aufweisen könnten.

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Das Sendungsbewusstsein

Wie er so da sitzt jedenfalls, durchs Fenster fällt ein mittäglicher Sonnenstrahl, und ins Glas kommt ihm höchstens Mineralwasser, auch wenn er für später einen kleinen Stick dabei hat, wirkt er ausgeruht und spricht mit Gelassenheit über seine Vergangenheit. Und da gibt es schon einiges zu erzählen. Jedenfalls verbreitet er die Aura von einem, der am Abgrund stand, hinuntergeschaut hat und fast gefallen wäre, und jetzt geläutert ist, weise und abgeklärt.

Wino: „Ich merke, dass das zu tun, was ich tue, mir wahrscheinlich keine Platinalben einbringen wird. Als ich aufwuchs und anfing, Musik zu machen, war da immer die Hoffnung, dass ich irgendwann Erfolg haben würde und davon leben könnte. Eines Tages unterschrieben wir bei einem Majorlabel und ich dachte: Endlich habe ich die Lizenz zum Fliegen. Endlich kann ich mich auf die Musik konzentrieren, unsere Miete wird gezahlt, es ist jetzt unser Job, Musik zu machen. Das war es eine kurze Zeit, aber wir verkauften nicht genug Platten. Im Grunde genommen war meine Philosophie von Anfang an, dass ich die Begabung (gift) habe, Musik spielen zu können, zu sprechen, zu denken, Musik zu schreiben. Du musst realisieren, dass diese Begabung wie eine Pflicht ist. Ich bin hier, um das Geschenk der Musik anderen Menschen zu geben.

Wenn meine Musik jemand anders glücklich machen, jemandem helfen kann oder sein Leben auf eine positive Weise beeinflusst, dann ist das etwas, was mich froh macht. Ich muss meine Füsse auf dem Boden behalten und in einem positiven mentalen Zustand sein, um etwas schaffen zu können. Das tue ich. Nichts mehr, als zu versuchen, hart zu arbeiten und so glücklich wie möglich zu sein. Es ist nicht immer leicht, glücklich zu sein. Manche Leute suchen ihr ganzes Leben nach einem kleinen Strahl von etwas, was sie glücklich macht. Drogen waren das viele Jahre für mich.

Viele Jahre war ich nicht froh, wenn ich nicht wirklich drauf war. Es wurde irgendwann zu viel. Die Drogen brachten mich nicht gut drauf, sondern sie zogen mich runter. Ich merkte, dass ich diesen Geisteszustand nicht brauche, um glücklich zu sein. Mich macht es glücklich, wenn Leute über unsere Musik reden wollen. Meine Musik hat mich hierher, nach Europa gebracht. Die Leute sind interessiert, sie mögen die Platte, sie wollen mit mir darüber reden… Ich bin hier, um das Wort zu verbreiten. Es ist wie eine Botschaft. Es geht alles um Arbeit. Die Arbeit hört für mich nicht auf. Wir spielen den Gig, wir beladen den Van, und wenn ich wieder zuhause bin, fange ich an zu arbeiten. Aber das ist okay, denn was sonst wäre da, weisst du?“

(pause)

Wino: „Vielleicht spare ich genug Geld, um nochmal auf der Pyramide von Teotihuacan stehen zu können. Das würde mich glücklich machen. Ich habe das schonmal gemacht, aber ich würde es gern nochmal machen.“ (lacht)

Was arbeitest du denn?

Wino: „Ich bin Stagehand in einem wirklich netten Club in der Gegend von Washington, DC. Wir machen nationale Acts, wie die Smashing Pumpkins, The Cult, Motörhead. We load em in, we load em out, y’know? Wegen meines Wissens über Musik und Equipment habe ich eine spezielle Aufgabe in dem Club. Wenn eine Backline gemietet werden muss, weiss ich wie man ein Schlagzeug zusammenbaut und wie man das Equipment benutzt. Es ist ein Job im Musikbusiness, ein bisschen spezialisiert, es ist cool.“

So findet er sich ab mit den Notwendigkeiten und schaut optimistisch nach vorn. Als ich schliesslich nach Saint Vitus frage, erweist sich das auch als ein entscheidender Grund für das Zerwürfnis zwischen deren Gitarristen David Chandler und Wino.

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Die Ungnade der späten Geburt

Wino: „Ich mochte Davids Ansichten nicht mehr. Seine Sicht der Dinge ist sehr düster. Ich mochte seine Texte nicht mehr. ‚Born Too Late‘ passte in jener Zeit zu meinem Denken, und ich stand wirklich zu dem Album. Aber ich merkte ziemlich schnell, dass ich nicht zu spät geboren war. Ich bin nicht so drauf. Ich bin eher ein Typ, der nach vorn schaut. Eines Tages sagte ich zu David:

Denkst du nicht darüber nach, eines Tages mal an deinem Spiel zu arbeiten, zu wachsen? Und er sagte: Nee, ich werde mich immer besaufen, und ich kümmere mich nicht ums üben. Ich will nur der König des Krachs sein. Das fasste es für mich irgendwie zusammen. Ich realisierte, dass alles, was er tun wollte, vor dem Fernseher sitzen und trinken war. Und obwohl ich zu der Zeit schwerer Alkoholiker war, war es nicht mein Ding, vor dem Fernseher zu sitzen und ein Bier nach dem anderen zu trinken.

Das andere war, dass ich David sagte, ich würde gern die Obsessed-Sachen bei Hellhound rausbringen, und er sagte: Okay. Und Hellhound sagten: Wir wollen dass ihr tourt. Also fragte ich David, und er sagte: Das ist okay, ich will nur nicht, dass du Saint Vitus aufgibst. Also machten wir die Obsessed-Tour. Als ich zurückkam, hatten Saint Vitus die neuen Stücke für ‚Children Of Doom‘ geprobt, und David sagte: Wir haben hier ’ne Menge toller Songs. Komm vorbei und check sie aus! Ich ging in den Proberaum und mochte die Sachen nicht. Davids Texte waren nicht gut… Da war einfach nichts.

Ich sang also diesen schnellen Song, von dem David meinte, dass es ein Pop-Song würde. Und ich dachte: David Vitus versucht einen Pop-Song zu schreiben?! Was soll das? Er gab mir den Text, und ich sang den Song und mochte ihn nicht wirklich. Als wir fertig waren meinte David: Wow, du hast genau wie Axl Rose geklungen, Mann. Das war’s, Mann, das war’s. Ich ging aus dem Proberaum und schaute nie mehr zurück. Nicht nur, dass er mich beleidigt hat, sondern weil ich merkte, dass er auf einem Flug nach Nirgendwo war.“

***

stone

Links (2015):
Wikipedia
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Discogs

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