März 26th, 2020

SCHMUTZSTAFFEL (#167, 2014)

Posted in interview by Thorsten

An einem sonnigen Samstag Nachmittag verabrede ich mich mit zwei Mitgliedern der Band Schmutzstaffel vor dem berühmten Reiterdenkmal in Hannover.
Schmutzstaffel sind: Etienne (Bass), Schinken (Gitarre), Marvin (Drums) und Daniel (Gesang). Sie spielen eine eingängige Mischung aus klassischem Deutschpunk und Hardcorepunk. Live, bezaubern sie vor allem, mit einer großen Nähe zum Publikum. Unzählige Menschen mit Primark oder-Hollistertaschen passieren den Ort. Genauso wie aufgedrehte Junggesellinnen in albernen Kostümen, die Ramsch an Leute verkaufen die es augenscheinlich nichts anderes verdient haben.
Etwas verkatert aber hoffnungsvoll, suche ich in dem Gewusel nach meinen Interviewpartnern.
Aus der Ferne blitzt ein pinker Iro hervor. Gefunden! Schinken und Daniel begrüßen mich auf ihren Fahrrädern. Zu unseren Füßen liegt ein betrunkener Skinhead, der einen Zustand zwischen Winterschlaf und Wachkoma durchlebt.

Habt ihr was damit zu tun?

Daniel: Ne, zum Glück nicht. Ich hab den aber schon mal am Bahnhof getroffen. Er erzählte mir er sei ein Nazi, aber kein Rassist. Es war witzig den mit meinen Englischkenntnissen zu verwirren.

Es wird Zeit den Ort zu verlassen, um das Interview zu starten. Die beiden Jungs durften das Setting dafür aussuchen. Sie nehmen mich mit zum ansässigen Flüchtlingscamp in der Innenstadt.
Um uns herum, freundliche Menschen, lokale Presse und streunende Hunde.

Erzählt doch mal was über die Gründung der Band.

Daniel: Wir saßen damals einfach so rum wie heute, dann kamen wir auf die Idee, dass wir unbedingt Deutschpunk machen sollten. Wir sind eine Band die als Spaßprojekt anfing und aus der dann mehr geworden ist. Ähnlich wie bei anderen Bands mit denen wir zu tun haben.
Schinken: Mühlheim Asozial oder Rattenkönig haben auch als Spaßprojekt angefangen. Wobei man das bei Mühlheim Asozial noch verstärkt sieht.

Wie fing es bei euch an? Wie habt Ihr euch organisiert?

Schinken: Ich hatte ja durch meine anderen Projekte schon alles am Start. So haben wir uns mal an einem Wochenende getroffen zum feiern und musizieren. Nur Daniel hat Mate getrunken. Warst du da schon Straight Edge?
Daniel: Klar man!
Schinken: Ich hab mir mit dem ehemaligen Drummer von Lafftrak 2 Packungen Tütenwein geteilt. Das hat die Kreativität zwar gefördert, aber auch den anschließenden Kater. Bei der Probe haben wir dann 5 Songs aufgenommen, die zum Glück mit einer Kamera festgehalten wurden. Damit wurden wir recht schnell fertig.
Daniel: Einen Song zu schreiben hat 10 Minuten gedauert.
Schinken: Von der Session haben es 4 Songs auf unsere erste Demo geschafft.
Daniel: An dem Abend hießen wir auch noch Hartz Bier (angelehnt an ein berühmtes Springerblatt).

Schmutzstaffel klingt jetzt eher nach einem „spaßigen Namen“. Doch trotzdem hat er ja auch etwas Provozierendes. Erzählt mal was darüber.

Schinken: Die Provokation die damit verbunden war, war die Forderung an uns. Es ist natürlich angelehnt an der Deutschpunk- Ästhetik.
Daniel: Grade diese Verbindung von dieser ethnischen Reinheitsideologie und Schmutz, zielt darauf ab die deutschen Tugenden durch den Dreck zu ziehen. Wir machen uns auf jeden Fall lustig darüber und wollen nichts verherrlichen.

Hattet Ihr schon mal Stress wegen dem Namen?

Daniel: Bisher recht wenig. Wir mussten mal eine Stellungnahme bei einem Veranstalter abgeben. Doch es gab nie wirklich Probleme.
Schinken: Die beste Geschichte dazu passierte uns in Freiburg. Die Veranstalterin war zunächst skeptisch uns auftreten zu lassen. Bei ihr im KTS gab es wohl Stimmen gegen uns. Sie entschied sich trotzdem für uns und so verschwieg sie es der betroffenen Person. Interessanterweise war dann ausgerechnet diese eine Person an dem Abend da. Die meinte dann später zu der Veranstalterin: „Ihr wart ganz geil, aber ihr moralisiert zu sehr“
(Allgemeines Gelächter)

Erinnert Ihr euch noch an unser letztes Zusammentreffen im Papagei (Minden)?

Daniel: Ich kann mich nur noch an Szenarien aus diesem Ort erinnern. Dort habe ich schon so oft gespielt. Nenn doch mal eines.

Ich kann mich auch nur noch daran erinnern, wie wir (auf Daniel zeigend) Arm in Arm ins Mikro gebrüllt haben.

Daniel: Bestimmt irgendein Coversong.
Schinken: Wir haben dort zwei Mal mit Schmutzstaffel gespielt, vorher waren wir hervorragend indisch essen.
Daniel: Das erste mal dort war schon richtig geil.
Schinken: Etienn hat eine Razzia Platte geklaut.
Daniel: Unser sturzbetrunkener Bassist wollte diese eine Platte haben. Wie hieß die noch mal?
Schinken + Jens: (fast gleichzeitig) Tag ohne Schatten!
Daniel: Der hat erst gesagt die wäre geschenkt. Später mussten wir Mutti spielen und ihn in den Laden zurückschleifen.

Plattendiebstahl ist auf jeden Fall keine feine Sache. Lasst uns über die hannoveraner Szene sprechen. Wo treibt Ihr euch rum?

Daniel: Hannover hat das Glück, ein weitgefächertes Spektrum von Läden und Leuten zu haben, die sich für Punk und Hardcore interessieren. Wir sind selbst aktiv in der Korn und der dazugehörigen Konzertgruppe. Innerhalb der Korn gibt es viele verschiedene Konzertgruppen. Mittlerweile hat ja auch das Stumpf wieder aufgemacht. Wir verstehen uns gut mit den Leuten hier und es gibt wenig Diskussionen um Bands oder bestimmte Konzerte. Man kennt sich.

Gibt es auch Konflikte mit sogenannten Altpunks?

Schinken: Es gibt die Szene rund um die Kopernikus von denen haben auch Leute Hausverbot in der Korn.
Daniel: Ich hänge halt mehr in der Hardcoreecke ab und da gab es auch nie Konflikte mit anderen Szenen. In Hannover gibt es wie gesagt ein großes Spektrum an Läden und jeder geht dahin worauf er bock hat.
Schinken: Ich bin am liebsten in der Korn, da die Leute dort auch eine politische Motivation haben.

Über eure politische Motivation. Wofür setzt Ihr euch ein?

Schinken: Wir unterstützen ein Projekt, welches mit Gay Edge Liberation kooperiert.
„Let’s keep Hardcore positve“ Bei unseren Gigs ermöglichen wir unserem Kumpel Flo seinen Stand aufzubauen. Wir denken das Hardcore nicht nur eine Mode ist, es gehört auch ein bestimmter Lebensstil dazu.
Schinken: Daniel hatte zum Glück die Wohnwelt in Wunstorf. Ich kam vom Lande obwohl es nur wenige Kilometer dort hin waren, mangelte es doch oft an der Mobilität.. Mit 19 oder 20 habe ich mich vom Punk etwas distanziert. Die Szene aus meiner Region wurde mir zu unpolitisch. Meine Einstellung zum Punk hat sich jedoch durch die Gründung von Schmutzstaffel und die damit verbundene politische Message, wieder verbessert.

Wie war das Leben als Punk auf dem Dorfe damals?

Schinken: Punk ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, die Leute zu schockieren.
Was zugegebenermaßen hier im Umkreis recht einfach ist. Hätte ich früher in der Stadt gelebt, wäre ich viel früher politisiert worden. Ich wäre viel früher mit meinen Dingen voran gekommen. Damals hat der ehemalige Drummer von Lafftrak eine „The Exploited“-Platte gekauft und wir waren weggeblasen.
Daniel: Derbster Underground-Punk!
Schinken: Und heutzutage googelt man kurz „Punk“ und man hat alles bereit.
Daniel: Dann findet man die neue Egotronic-Platte. (gelächter)
Schinken: In der Szene ist es klasse, dass man so viel Unterstützung von allen Seiten (Freiräume etc.) bekommt. Egal ob es jetzt eine Musikempfehlung ist oder das Intoleranz nicht gestattet wird. Da ich als Punk und wegen meiner Bi-sexualität auf dem Dorf oft angepöbelt wurde, hab ich mein eigenes Verhalten reflektiert. Doch in der Stadt hätte ich dasselbe machen können mit Menschen die mich besser verstehen.
Über diesen Sachverhalt haben wir einen Song geschrieben…
Daniel: „Pure Feindschaft gegen eure Dorfgemeinschaft!“ Ich finde diese Spaßpunk schiene mega lahm, nur Lieder übers saufen und dumm sein… In der Wohnwelt gab es damals abwechselnd HC und Deutschpunkkonzerte. Ich mochte zwar die Stimmung, die Musik und den Kleidungsstil. Doch die besoffenen Leute dort und die herrschende Nix-Gut Attitüde haben mich genervt. Mit Schmutzstaffel ist es mir wichtig ernste Texte zu schreiben, natürlich mit der Deutschpunk Ästhetik, aber die Sachen die wir ansprechen sind schon ernst. Deutschpunk feiern wir ja auch ab.
Schinken: Alte Slime Sachen zB. sind gut zum feiern, doch sind die Songs auch zu parolenhaft.

Anderes Thema… Montagsdemos was sagt ihr dazu?

Daniel: Ich hasse Hippies, Verschwörungstheoretiker und so weiter. Wenn die BRD GmbH von den Echsenmenschen übernommen wird, dann werde ich mich natürlich für alles was ich dagegen gesagt habe entschuldigen.
Schinken: (Stimmt zu)

Was ist eure Meinung zur weiblichen Rolle in der Punk/HC-Szene?

Daniel: Es gibt eindeutig zu wenig Frauen in Bands. Ich persönlich kenne nur wenig Frauen die in dieser Schiene sind. Ich liebe jedoch Bands wie Bikini Kill oder Beyond Pink. Aber auch aktuelle Riot-Grrl-Bands wie xfirstworldproblemx oder Landverrad sollten mehr Support aus der Szene bekommen!
Daniel: Ich war öfters schon mit der Band WolfXDown auf Tour, die haben auch eine Sängerin. Was sich Larissa als Frontfrau alles anhören und gefallen lassen muss geht einfach mal gar nicht klar. Leider das beste Beispiel dafür, dass Sexismus immer noch ein riesiges Problem in der Szene ist.

Was haltet ihr von Bands wie Black Fag oder Gayrilla Buisquits?

Daniel: Black Fag habe ich schon mehrfach live gesehen und es gefällt mir gut wie diese Bands mit den typischen Hardcore-Klischees umgehen.
Kann ich bestätigen. Disko gemischt mit den Texten von Henry Rollins ist eine feine Sache. (Ein ausschweifendes Gespräch über die Ausstrahlung von Rollins wird geführt…)

Ich wollte euch noch nach diesem Poster was fragen? Ihr habt das zur Bestellung dazu gelegt.

Daniel: Das ist ein Poster von der Demo gegen die Einheitsfeier am 3.Oktober. Deutschland feiert sich selbst. Wir finden es sinnvoll die Gegenveranstaltung zu unterstützen, da die offizielle Feier große Teile der Vergangenheit ausblendet.
Dazu ist das Design eine Anspielung auf „Judge“, nenn mir eine bessere HC-Band. Ich kenne keine.

Was feiert ihr sonst musikalisch ab?

Daniel: Wir sind alle aus verschiedenen Richtungen. Etienne mag Indie, ich höre hauptsächlich den Über-Mosh-Hardcore und Schinken hört hauptsächlich so Elektrogedudel.
Schinken: Nein, nenn es Nintendocore.
Daniel: Nintendocore, sehr anspruchsvolle Musik.
Schinken: Elektro ist mehr als nur Techno und House.
Daniel: Marvin pendelt so zwischen Goa und Grindcore. Wir hören im Auto auf Tour hauptsächlich die Ärzte, This Routine Is Hell, Tocotronic, Derbe Lebowski und wenn die anderen schlafen schmettern wir beide Ton Steine Scherben. Nicht zu vergessen Kackschlacht! Mit denen waren wir auf Tour und wir müssen gestehen, das sie die Könige des Deutschpunks sind. Jeder Song ist großartig wir lieben diese Band!

Okay, jetzt zum berühmten entweder/oder? Typische Frage zum Start:
AC/DC oder Kiss?

Daniel: Wir hassen AC/DC besonders wenn‘s um langsamere Stücke geht.
Die sind einfach lahm.

Ist die Band insgesamt lahm oder würdet ihr eine Phase ausklammern?

Daniel: Ich hab AC/DC früher gerne gehört, doch ich hab mit einem Kumpel eine AC/DC Diss-Sache am Start darum darf ich jetzt nix gutes über die Band sagen.
Schinken: Kiss! Glamrock das ist doch geil.

Chemtrails oder Aliens?

Schinken: Das ist hart.
Daniel: Jeder weiß, dass es Aliens gibt, ich hab nen Titel in Präastronautik (Gelächter) und darum kann ich euch alles zu extraterrestrischen Begebenheiten erklären.
Schinken: The truth is out there!

Slayer oder Metallica?

Daniel: (ganz sicher) Metallica.
Schinken: Ich find Metallica scheiße, aber mit Slayer kenn ich mich nicht aus. Darum sag ich mal nix. Wobei ich sagen muss die Countryversionen von Nothing else matters find ich geil.
Daniel: Wenn ich jetzt vor meinem Plattenregal stehen würde und denke ziehe ich jetzt Reign in Blood oder Ride The Lightning ist die Frage klar. Aber Slayer ist natürlich auch ein Brett!

Du hast erst gesagt Metallica.

Daniel: Na gut dann bleib ich dabei.

„Für immer Punk“ oder „Weil wir einverstanden sind“?

Daniel: Für immer Punk. Die habe ich neulich mal gesehen und ich fands geil.
Den Song haben sie sogar gespielt.

Seid Ihr Menschen die bei einem solchen Konzert in der ersten Reihe stehen und FÜR IMMER PUNK schreien?

Daniel + Schinken: Nä…
Schinken: Nintendo oder Sega?

Ganz klar Nintendo!

Daniel: Bad Brains oder Minor Threat?

Hey ich stell hier die Fragen!
Habt ihr noch eine Anekdote auf Lager?

Schinken: Meine Lieblingsgeschichte passierte mit der Band Rattenkönig. Die haben mit uns gespielt in der Korn und immer wenn eine Flasche auf dem Boden zerdepperte wurde gerufen „Ey ihr Hunde!“. Der Bassist von Rattenkönig stürzt mit der Bierflasche in der Korn die Treppe runter und man alle riefen „Ey ihr Hunde!“ Unbeschreiblich. Nicht zu vergessen: „Was habt ihr eigentlich gegen Eisenpimmel?“
Daniel: Wir haben einen Song namens „Fühlst du das“? In dem Song sage ich, dass man neuen Kids in der Szene helfen soll sich zu orientieren. Wir haben in Gotha gespielt und ich sage auf der Bühne kauft euch eine Bad Brains oder Minor Threat-Platte und ein besoffenes Antifa-Kid im Publikum schreit Bad Brains? Homophobe Kacke! Dann stand er vor der Bühne und zeigte uns den Mittelfinger. Nach der Show kam dieser Kerl setzt sich zu mir. Wir haben noch diesen anderen Song Bikinikill statt Eisenpimmel. Ich erwartete die heftigste Homophobie/Bad Brains Diskussion (welche gerechtfertigt gewesen wäre). und er fragt „Was habt ihr eigentlich gegen Eisenpimmel?“ Dann habe ich ihm erklärt das es in dem Song nicht gegen die Band geht, sondern das es einfach wertvollere Musik gibt als Eisenpimmel. „Aber dann könnt ihr auch die Onkelz scheiße finden!“ „Natürlich sind die scheiße!“ Dann meinte er „Bikini Kill hassen Männer, das ist doch voll sexistisch“ und ich meinte nur „Dich würde ich auch hassen!“. Darauf bin ich weggegangen.

Letzte Frage: Was sind eure angehenden Ziele? Irgendwelche Veröffentlichungen?

Daniel: Ein realisierbares Ziel ist es den Weekender mit Landverrad zu spielen.
Schinken: Yo!

Ihr spielt doch bald auf einem Umsonst & Draussen…?

Daniel: In Nienburg, wird gut.
Daniel: Auf jeden Fall mehr spielen und das Album veröffentlichen, wir schieben das schon seit Wochen … Monaten vor uns hin.

War mir eine Ehre Jungs!

Schinken+Daniel: Immer wieder gerne.

Wer jetzt Interesse an der Musik von Schmutzstaffel bekommen hat, der kann sich ihre Demo aus dem Jahr 2013 gratis auf Bandcamp runterladen.

Check: schmutzstaffel.bandcamp.com

Interview: Jens Schneberger

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