Februar 12th, 2019

RVIVR (#161, 2013)

Posted in interview by Jan

Im Frühjahr waren RVIVR zusammen mit der grungigen Punkband Dogjaw auf Europatournee. RVIVR bestehen seit 2008 und wurden von Matt Canino (vormals Lattermann), Erica Freas und Kevin Rains Barry gegründet, 2013 stieß nach mehreren Besetzungswechseln Bex Berryhill am Bass zur Band. Ihr Album The Beauty Between erschien in Deutschland auf Yo-Yo Records und in den USA auf dem u.a. von Erica und Matt betriebenen Label Rumbletowne Records, auf dem auch das Album Slow To Build von Dogjaw veröffentlichte wurde.
Neben Label und Band sind die die Mitglieder von RVIVR auch an der Organisation des Queer Rock Camp beteiligt, das im Juli 2013 zum dritten Mal in Olympia, Washington stattfindet. RVIVR gelten überdies als politische Band, alle Mitglieder sind in verschiedenen Projekten aktiv. Das Interview, in dem es in erster Linie um RVIVR‘s Verständnis von Punk und Politik geht, fand am 21. März im Anschluss an ihr Konzert im Kafe Kult in München statt.

Seit wann seid ihr in der Punk-Szene involviert und habt ihr Punk von Anfang an als politisch wahrgenommen?
Erica: Für mich war Punk zuerst politisch, die Musik kam erst später. Es ging für mich darum, eine Gemeinschaft von Leuten zu finden, die wie ich das Denken außerhalb der gesellschaftlichen Normen wertschätzen, mit denen ich seit Jahren aufgewachsen bin. Damals war ich so 19 oder 20.

Und wie hast du die diesen Eindruck von Punk bekommen?
Erica: Ich traf eine Gruppe von Leuten, die sich selber als Punks bezeichneten und die auf Demos gingen, Food Not Bombs unterstützten, mit politischer Message Sachen beschädigten und dafür auch von der Polizei überwacht wurden. Ich dachte mir, dass ich genauso sein wollte wie sie, da sie sich für die gleichen Dinge interessierten wie ich.

Matt: Bei mir war das ein bisschen anders. Ich finde deine Antwort echt interessant, ich glaube nicht, dass es auf viele Leute zutrifft, dass für sie zuerst die Politik und danach die Musik kam.

Bex: Ich war ungefähr 13 war, als ich mit Punk in Berührung kam, vor allem mit männlichen Bands, die über allerlei sexistischen Scheiß sangen, also über Sachen, die für mich als heranwachsende Frau keine gute Message waren. Ich fühlte mich dennoch zu Punk hingezogen wegen der Musik und der Energie, die Punk ausstrahlte. Die Szene empfand ich als sehr machohaft und alles andere als politisch. Erst später, als ich Anfang 20 war und selber politisiert und radikalisiert wurde, fand ich heraus, dass Punk und Politik durchaus Berührungspunkte haben können. Zu dieser Zeit lernte ich auch, dass es eine politische Punkszene und generell politische Musikszenen gibt, die viele Inhalte über Musik und Texte transportieren und in denen Aktivisten beispielsweise auch in Bands spielen.

Matt: Ich habe die fehlende Antwort! In meinem Fall traten Musik und Politik zur gleichen Zeit in mein Leben ein. Als ich 13 oder 14 war und Punk wurde, sprach mich die Musik sehr an, aber gleichzeitig fand ich eben auch das Außenseiter-Element und die Subkultur Punk als solche ziemlich spannend. Was ich damals erlebt hatte, war sicher gar nicht so sehr politisch, und ich würde mich wahrscheinlich heute mit den damaligen politischen Inhalten nicht mehr identifizieren. Dennoch gab es im Punk etwas, das über die Musik hinausging und mit dem ich mich verbunden fühlte, obwohl ich es noch gar nicht richtig verstand. Ich dachte, „das ist genau das Richtige für mich“ und fing an, mit Leuten rumzuhängen, die in politischen Punkbands spielten. Ich ging zwar auch auf Konzerte von unpolitischen Bands mit sexistischen Texten und dachte kaum darüber nach, aber das kam vor allem daher, dass ich für mich das Konzept der Personal Politics noch nicht verinnerlicht hatte, ich war einfach gegen Ökonomismus an sich. Wie gesagt, Punk und Politik waren schon damals nie getrennt für mich.

RVIVR gelten als politische Band.
Erica: Wir sind als Individuen kritisch, analytisch und generell interessiert an sozialer Gerechtigkeit und einem Leben in einer gerechteren Welt, und das kommt ja auch in unseren Ansagen bei Konzerten und in unseren Texten rüber. Ich glaube aber nicht, dass wir eine politische Band sind. Wir sind politisch aktive Individuen in einer Band. Wir reden eigentlich über ziemlich grundlegende Dinge, aber oft sagen die Leute, „wow, Ihr seid verrückt“ – obwohl wir meiner Ansicht nach nur über alltägliche Erfahrungen reden.

Matt: Wir spielen in einer Punkband. Damit ist es für mich selbstverständlich, politisch zu sein, wie auch immer man das jetzt definieren mag.

Bex: Ich denke ich kann sowohl die Insider- als auch die Outsider-Perspektive einnehmen, da ich zwar erst seit ca. sechs Monaten bei RVIVR bin, die Band aber schon länger als Freundin kenne. Ich glaube, dass das Private politisch ist und dass alles in unserem Leben ein politisches Element beinhaltet. Die Fähigkeit, unsere persönlichen Erfahrungen mit den größeren gesellschaftlichen Kräften in Verbindung zu bringen ist, ein wichtiger Teil unseres Verständnisses, wie die Welt funktioniert und wo wir darin unseren Platz haben.

Somit ist alles, was man öffentlich macht, von Natur aus politisch. Öffentlich zu sprechen oder etwas durch Gebrauch von Sprache in die Öffentlichkeit zu tragen, sind politische Akte. Was ich immer an RVIVR und anderen Bands, die mich politisch ansprechen, geliebt habe, ist ihre Art, einen politischen Standpunkt einzunehmen. Anstatt den Leuten dogmatisch zu erzählen, was sie zu tun und zu denken haben, stützen sie ihre Politik darauf, Leuten Bilder, Ideen und Gedanken zu vermitteln. Dieser persönliche und emotionale Weg, Erfahrungen und Gedanken weiterzugeben, ist ein politischer Akt, halt nur nicht auf diese offensive, ostentativ politische Art. Er ist auch überzeugender, da er den Zuhörern Raum lässt, eigene Ideen zu entwickeln.

Erica: Dass es kein “neutral” gibt und dass wir uns durch die öffentliche Darbietung von Sprache und Bildern gegenseitig beeinflussen, ist ein interessanter und wichtiger Gedanke, genauso wie die Tatsache, dass wir als politisch wahrgenommen werden, da wir über Sachen reden, die von der Norm abweichen. Aber wenn z.B. eine Band, die nur aus Männern besteht, am Mikrofon ausschließlich über Mädchen und Bier usw. redet, ist das auch eine Vermittlung einer Message, und damit auch eine Art, Normen zu setzen und Ideen über die Welt und zwischenmenschliche Beziehungen fortbestehen zu lassen.

Matt: Wenn man auf die Bühne geht und nur sagt, wie gerne man Bier trinkt, sagt man ja damit auch irgendwie, dass man sich nicht wirklich um andere Dinge schert oder einem andere Dinge nicht so wichtig sind. Es wird allerdings allgemein nicht als politisch angesehen, wenn eine Band sagt, dass sie unpolitisch wäre und nicht über Politik reden wolle.

Erica: Was uns zu der Frage führt, wie wir Punk definieren. Heißt Punk, Bier zu trinken, Scheiße zu bauen und die Polizei nicht zu mögen? Oder bedeutet Punk, den Status quo in Frage zu stellen und für Gleichheit zu kämpfen? Alle diese Begriffe, was politisch ist, was Punk ist, was politisch an Punk ist, sind veränderlich und variieren von Person zu Person. Also ist auch die Definition von Punk keineswegs neutral. Heißt Punk, dass wir uns gegenseitig verantwortlich machen für die Art von Welt, in der wir leben wollen? Oder heißt Punk, dass wir uns um nichts kümmern und einfach nur saufen und zu Shows gehen wollen?

Beinhaltet euer Konzept von Punk Politik?
Erica: Meines schon.

Matt: Meines auch.

Bex: Meines nicht unbedingt, da ich nie stark in der politischen Punkszene involviert war. Ich kam nicht über Musik zu radikaler Politik und zu Aktivismus, und meine Haupterfahrungen mit Punk waren mit dieser beschissenen Männer-Macho-Spielart. Ich verstehe, wie Punk und Politik verbunden sind, aber das war nicht mein erster Eindruck davon, es ist eher so, dass es so sein sollte.

Erica: Da stimme ich zu. So sollte es auch meiner Meinung nach sein, und so ist es auch für mich, aber nur wenn ich drei Schritte zurücktrete. Einige meiner besten Freunde halten Punk nicht für politisch und das ist okay, das ist ihre Version davon.

Wie sieht es mit eurem politischen Aktivismus aus, seid ihr als Band oder Individuen politisch aktiv?
Erica: Alle von uns machen verschiedene Sachen.

Könnt ihr das weiter ausführen und Beispiele geben?
Erica: Alle vier von uns, nicht als Band, sondern als Individuen, veranstalten das Queer Rock Camp, das nach dem Vorbild des Girls‘ Rock Camp organisiert ist, einem Camp, in dem Frauen Instrumente lernen können. Worum es bei uns aber wirklich geht, ist, einen Raum zu schaffen, in dem man frei und damit auch verwundbar seine eigene Identität erkunden kann, und in dem man hoffentlich ermächtigt wird, neue Fähigkeiten zu erlernen.

Es gibt viele Workshops rund um Themen wie Selbstverteidigung, von Jugendlichen geleitete Anti-Oppression oder Drag und andere Arten, die eigene Genderrepräsentation zu erkunden, also z.B. dass sich Jungs nicht wie Jungs und Mädchen nicht wie Mädchen anziehen müssen. Queer Rock Camp ist ein Ort, an dem Leute herausfinden und ein Gefühl dafür kriegen können, was ihre persönliche Geschlechteridentität sein könnte. Matt, Bex und ich sind alle engagiert als Lehrer für Songschreiben und Instrumente und so. Kevin, unser Drummer, ist ein unglaublich guter Koch und war die letzten Jahre unsere „Lunchlady“. Er hat für über 100 Leute täglich gekocht. Wir sind also alle auf die eine oder andere Weise nach unseren Fähigkeiten involviert.

Bex: Das Queer Rock Camp ist doch von Haus aus politisch ist, da es um Gender und die Ablehnung von Geschlechter-Zwei- oder Dreiteilung geht und darum, ein fantastisches Umfeld für Selbstermächtigung von Jugendlichen zu schaffen.

Erica: Und es fordert uns echt heraus. Wir freiwillige Mentoren sind alle in unseren späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern und arbeiten mit Teens, wir alle lernen andauernd voneinander und es ist fast so, als würden wir uns gegenseitig erziehen. Über dieses Thema könnte ich stundenlang reden…

Matt: Wir sind alle, in unterschiedlichem Maße, am Emma Goldman Youth and Homeless Outreach Project (EGYHOP) beteiligt. EGYHOP ist ein Programm, das mit Obdachlosen Straßensozialarbeit macht. Wir gehen an 365 Tagen im Jahr in Downtown Olympia auf die Straße und haben Notfallausrüstung dabei für Leute, die auf der Straße wohnen und keine Hilfe in den städtischen Unterkünften bekommen. Wir haben Decken, warme Klamotten, Medikamente, manchmal Lebensmittel, Campingsachen, Kerzen und andere Sachen dabei, die einen durch die Nacht bringen, wenn es draußen verdammt kalt ist. Es ist eine coole Sache, und manchmal geradezu lächerlich dezentralisiert organisiert. EGYHOP gibt es seit mittlerweile 15 Jahren. Ich war im letzten Jahr nicht mehr so aktiv wie die Jahre davor, da ich ziemlich mit RVIVR beschäftigt war, aber die fünf Jahre davor waren Erica und ich ziemlich engagiert. Immer montags sind wir für vier oder fünf Stunden rausgegangen, sind mit den Leuten rumgehangen, haben uns mit ihnen unterhalten, nach ihnen geguckt. Ein richtig tolles Programm!

Erica: Ein weiterer politischer Aspekt davon ist, dass es mit einem nicht-hierarchischen Harm-Reduction („Schadensminderungs“)-Ansatz arbeitet. Es gibt auch ein Programm, in dem Süchtige ohne Nachfragen und ohne Stress ihre gebrauchten Nadeln gegen neue umtauschen können. Süchtige Menschen brauchen saubere Nadeln, um gesünder und glücklicher zu leben und zu spüren, dass auch sie in unserer Gesellschaft einen Wert haben. Wir bringen ihnen nicht bei, dass sie minderwertigere Menschen wären weil sie auf der Straße leben und Drogen nehmen. Denn es ist selbstmörderisch, wenn du keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung, Sicherheit, Mitgefühl und Blickkontakt mit Menschen und all den anderen Dinge hast, die für uns selbstverständlich sind.

Matt: Einmal, als wir auf Tour waren, haben wir ein paar tausend Nadeln nach Denver gefahren, was ein paar tausend Kilometer entfernt ist. Wir hatten Freunde in Denver, die in einer Fixerstube arbeiteten. In Denver wurden keine Nadeln mehr ausgegeben, aber wir kriegen hier frische Nadeln von der Stadt. Ich bin froh, dass die Polizei uns nicht aufgehalten hat.

Erica: Es gab eine Zeit, als das städtische Nadeltauschprogramm aus Finanzierungsgründen gescheitert war. Aber dank eines hart arbeitenden Harm Reduction-Verfechters in Seattle, der tausende Nadeln gebunkert hat, konnten die Leute ihr Nadeltauschprogramm ohne städtische Beteiligung aufrechterhalten und sich der städtischen Klienten annehmen. Als das städtische Programm scheiterte, konnten sie so ihr Programm für drei Monate weiterführen. Das war aber nicht EGYHOP.

Bex: Ich habe die letzten vier oder fünf Jahre für ein kollektiv geführtes Fahrrad-Bildungszentrum gearbeitet, in dem Leuten von einem Standpunkt, der sozial gerechte Beförderung propagiert, aus beigebracht wird, wie man Fahrräder selber repariert, und der den Leuten Wissen und Werkzeug an die Hand gibt, Bewegung und Beförderung außerhalb der Autokultur zu organisieren.

Außerdem habe ich an der Organisation einer radikalen, anti-autoritären Leihbücherei in Seattle mitgearbeitet. Eins meiner Lieblingsprojekte ist das Rhizobia Collective in Seattle, für das ich als Straßensanitäterin arbeite. Es begann als Kollektiv von Leuten mit medizinischer Notfallausbildung, die bei Demos und Protesten medizinische Hilfe anbieten, und entwickelte sich zu einem Gemeinde-orientierten Gesundheitskollektiv, das sich nicht nur auf Demos oder Hilfe für Leute, die Opfer von Polizeigewalt wurden, beschränkt, sondern auch generell medizinische Unterstützung außerhalb von oft traumatisierenden, sehr teuren Systemen anbietet, die oft mehr Schaden anrichten als dass sie helfen. Diese Erfahrung hat mich auch gelehrt, dass ich selber helfen kann.

Matt: Ich habe mich neulich in den Finger geschnitten und Bex hat mir super geholfen, haha.

Bex: Das Thema, das alles durchzieht, von dem wir erzählt haben, ist doch, dass es alles unglaublich politische Projekte sind, die außerhalb der organisierten Politik funktionieren und die auf unmittelbare Hilfe abzielen und darauf, eine Welt aufzubauen, die nicht nach einem Top-Down-Modell funktioniert, sondern durch Gemeinschaften und Selbstermächtigung, und wo die Menschen lernen, wie sich sie sich selbst helfen können. Mit unserem Straßensanitäter-Projekt beispielsweise geben wir in erster Linie Schulungen. Wir gehen nicht einfach raus und bieten Gesundheitsdienste, sondern leiten die Leute an und bringen ihnen die Fähigkeiten bei, die sie brauchen. Wir teilen. Es geht dabei um dezentralisierte Macht, Wissen und Kontrolle. Wir arbeiten außerhalb des Systems, um den sozialen Wandel weiterzubringen.

Matt: Anstatt Lobbyarbeit zu betreiben oder eine politische Botschaft zu verbreiten, auch wenn es eine wäre, der wir zustimmen würden. Ich toure seit ich 16 oder 17 bin mit Punkbands, und die zentralen Themen, über die ich dabei geredet habe, waren normalerweise Sexismus und Homophobie. Ich mache das schon lange, aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Sachen, die ich z.B. im Bike-Kollektiv gemacht habe oder mit EGYHOP oder die Sachen, die die anderen in der Band machen, wichtiger, realer und aktiver sind als das Gerede am Mikrofon. Nicht dass das nicht wichtig wäre, Musikmachen ist ja die Fähigkeit, in der ich am besten bin, ich bin z.B. ein echt schlechter Fahrradmechaniker. Ich sehe Musik schon als ein Vehikel an, um politische Inhalte zu transportieren und Leute zu erreichen, die dann darüber reden und diese Ideen teilen. Aber eigentlich halte ich es mittlerweile für besser, jemanden der friert eine Decke zu geben oder Leuten bei Konfliktbewältigung zu helfen, solche Sachen.

Erica: Es braucht alle diese Dinge: die Punkband, die dich in ihren Bann zieht und diese großen Ideen am Mikrofon vertritt, und die Leute die dann denken “wow, darüber habe ich nie nachgedacht, ich ging zu dieser Punkshow und habe nun diese tolle neue Idee“. Und es braucht die Leute, die nachts um 11 Uhr auf die Straße gehen und heißen Kaffee ausgeben, und es braucht wohl sogar den Lobbyisten, der innerhalb des Systems arbeitet. Zum jetzigen Zeitpunkt bei Punk zu stoppen bedeutet, das große Bild nicht zu sehen, wie es eventuell auch der Lobbyist nicht tut. Und wir können auch bis ans Ende unserer Tage Decken austeilen und das System wird sich nicht ändern. Aber wenigstens können wir dabei von den Leuten lernen, mit denen wir zusammen die Decken ausgeben und uns gegenseitig beeinflussen.

Man hört immer so viel über politische Apathie in den USA, aber mir kommt es oft so vor, wenn man sich mit Leuten und gerade jetzt mit euch unterhält, dass es viel Engagement auf kommunaler Ebene gibt. Vielleicht auch, weil oft alles so abgefuckt ist und die Menschen darauf angewiesen sind, sich selber und gegenseitig zu helfen?
Erica: Echt schwer zu sagen. Du hast im Vorfeld ja schon kurz über Occupy gesprochen, wo wir ja auch spielten. Wir waren damals gerade auf einer zweimonatigen Tour, als Occupy Wall Street richtig losging und sich ausgebreitet hat. Wir dachten uns „oh nein, das passiert ausgerechnet jetzt, wenn wir in Europa auf Tour sind, und wir können nicht mitmischen.“ Einen Monat später spielten wir in San Diego und wurden gefragt, ob wir nicht am nächsten Tag bei Occupy L.A. spielen wollten. Das machten wir dann auch, am Nachmittag vor der Show in Inland Empire, L.A. Unsere Beteiligung an Occupy fühlte sich sehr mächtig und stark an, wir spielten auf der Treppe des Rathauses von L.A.!

Matt: Ich konnte sogar “Fuck You” zu ein paar Leuten schreien, die in den Fenstern des Rathauses standen!

Erica: Aber wir waren keine Sprecher oder Repräsentanten von Occupy. Ich habe versucht, bei Occupy Olympia mitzumachen, und es war so deprimierend, dass ich nicht mehr hin konnte. Ein paar dieser Leute kannte ich schon von meiner Streetwork. Ich wusste, dass sie auf der Straße lebten und nun eben ihre Zelte in einem öffentlichen Park aufstellen und dort zwei Monate wohnen konnten. Aber es waren halt immer noch Zelte im Regen und machtlose Menschen, die erfolglos versuchten, Druck auf die Mächtigen auszuüben und die schließlich mitten in der Nacht von Bullen geräumt und in den Regen rausgeworfen wurden.

Als wir dann auf Tour in Brasilien waren, kamen Leute und fragten uns, wie es bei Occupy war. Ich glaube die USA und die Welt sind heiß darauf, dass die Vereinigten Staaten und die Leute dort was ändern, weil unsere Gesellschaft eben einfach so apathisch und abgefuckt ist. Ich denke nicht, dass Occupy das geschafft hat. Es erfuhr eine Menge Aufmerksamkeit, aber es war leider nicht gut genug. Ich hoffe, dass Occupy zumindest einen Samen gesät hat, der überwintern und später in einer größeren politischen Szene aufgehen wird.

Bex: Ich stimme zu, dass Occupy nicht gut genug war, denke aber schon, dass der Samen überwintern wird. Occupy politisierte Leute, die noch nie mit Ideen wie Direkter Aktion oder kollektiven, nicht-institutionalisierten Entscheidungsprozessen in Berührung gekommen sind. Für mich war das nichts Neues, aber ich war erstaunt und erfreut, Menschen zu sehen, denen diese Dinge neu waren und die das richtig motiviert hat. Ich glaube, die Bewegung wird wachsen.

Matt: Die Leute erfuhren auch eine Menge Unterdrückung durch die Polizei. Erst hieß es, man lasse die Leute gewähren, und auf einmal nicht mehr, die Menschen wurden rausgeschmissen und verprügelt, das passierte immer wieder. Das Maß an polizeilicher Repression in den USA ist beängstigend.

Was ich an Occupy nicht mochte war unter anderem die Tatsache, dass sich allerlei Gruppierungen, auch obskure und eher rechte, beteiligen konnten, dadurch wirkte Occupy auch beliebig und schlecht fassbar.
Bex: Ja, das passierte echt bei Occupy, aber auch schon früher. Immer, wenn Leute sich organisieren, gibt es jemanden, der sich aufschwingt und behauptet, er hätte die Patentlösung, Leute die dich und die wachsende Bewegung ausnutzen wollen und die einer gefestigten politischen Ideologie folgen. Das ist echt gefährlich, aber eben auch so vorhersehbar.

Spielt Punk eine Rolle bei all den Dingen, über die wir sprachen? Waren Punks z.B. involviert als ihr bei Occupy spieltet?
Matt: Unsere Beteiligung war so klein im Vergleich zu dem Engagement der Person, die uns angefragt hat, dort zu spielen. Sie war Punk.

Erica: Sie war echt cool, hat wesentlich zur Organisation und Sicherheit des Camps beigetragen.

Matt: Ja, aber was EGYHOP und das Queer Rock Camp angeht, dort sind es echt viele Punks, die mitmachen, beim Queer Rock Camp auch durch uns selbstverschuldet. Wir wollen gar nicht unbedingt, dass jeder dort in einer Punkband ist. Aber das Gute daran ist, dass alles das, was vom Punk kommt, das Queer Rock Camp ausmacht, also der DIY-Spirit, dass jeder alles einfach machen kann, sich ein Instrument schnappen, eine Band gründen und so.

Bex: Ich persönlich habe vom Queer Rock Camp viel gelernt. Ich habe vor gerade mal sechs Monaten angefangen, Bass zu spielen, und jetzt bin ich einer Band, das ist verdammt nochmal Punk!
Matt: Ich bin echt ein Arsch was das angeht, ich wertschätze musikalisches Können und denke dass das echt wichtig ist, aber gleichzeitig schätze ich den DIY-Gedanken. Das wird echt manchmal verwirrend für mich, da ich beide Dinge als wirklich wichtig ansehe.

Erica: Ich bin gerne politisch aktiv mit Punks und mit Leuten, die sich nicht dem Label Punk zuschreiben lassen. Und ich bin oft unglaublich frustriert über die Menge an Gerede im Vergleich zum wenigen Handeln im Punk. Es gibt so viele Leute, die sich in einer Gruppe oder auf Partys als so politisch aktiv gerieren und nicht verstehen, dass das Persönliche politisch ist und dass man am besten bei sich selber anfängt, bevor man auf andere zeigt. Punk hat persönlich und politisch einige meiner besten Freunde und Verbündeten hervorgebracht, aber oft auch ein abgestumpftes Chaos mit Potential für ein Affentheater.
Wenn ihr Punk auf eine Ideologie oder ein Set von Ideen runterkochen müsstet, was wäre das, gibt es so etwas überhaupt?
Erica: Ich glaube nicht.

Matt: Es kommt echt darauf an, wen du fragst. Die letzten Jahre hat Punk ein paar neue Ideen und Denkansätze angenommen, die Freiheit, fortschrittliches Denken und Wandel fördern. Jemand anderes sagt vielleicht, dass sich Punk nie geändert hat, und sie haben irgendwo auch recht, einige scheußliche Sachen ändern sich nie, wie zum Beispiel beschissenes Getanze bei Konzerten, die Leute machen das einfach immer noch. Meine Idee von Punk ist verwurzelt in Rebellion gegen gesellschaftliche Normen und im Aufbau einer Gemeinschaft von Leuten, in der du offener mit deinen Idealen umgehen und versuchen kannst, eine kollektive Kraft gegen die patriarchale, rassistische und frauenfeindliche Mainstream-Gesellschaft in den USA zu formen.

Auf der anderen Seite gibt es diese unpolitischen Bands, Typen, die einfach Punkmusik machen. Das verwirrt mich, und vermutlich verwirrt auch sie es wirklich, wenn sie uns sehen. Es gibt viele Leute im Punk, die nicht politisch sind und sogar offen feindlich gegenüber politischen Idealen eingestellt sind und gegen uns, weil wir unsere Ideen verbreiten und so auftreten, wie wir sind. Sind diese Leute Punk? Ich weiß es nicht, meiner Meinung nach nicht, aber was hat das schon zu bedeuten. Eines der Dinge, die an Punk besonders sind ist, dass du Punk bist, wenn du sagst du wärst einer. Ich kann sagen ich bin Punk und dass Punk eine kreative Angelegenheit ist und dass wir zusammenarbeiten und sein können, was wir wollen.

Erica: Bezeichnungen sind wichtig, um auf den Punkt zu kommen, wenn es um bestimmte Gitarrensounds oder Drumbeats geht, aber dann bin ich auch schon mehr interessiert daran, was dahintersteckt, und um das zu beschreiben braucht es mehr als ein Wort. In meinen frühen Zwanzigern sah ich Leute, die für mich nach Punk aussahen und ich ging auf sie zu und sagte „hey, wir sind Punks“, und vielleicht wurden wir dann Freunde. Heute juckt mich nicht mehr, ob sich jemand als Punk identifiziert, die Person könnte trotzdem total uninteressant für mich sein. Oder eben auch ein wundervoller Mensch, mit dem ich gerne rumhängen würde.

Matt: Mir gibt es Kraft, mich als Punk zu identifizieren, es ist einfach Teil von mir, seit ich ein Kind war. Als kleines Kind fühlte ich mich verloren, und Punk gab mir einen Platz, an dem ich sein konnte und herausfinden, wer ich bin. Aber wie alles hat Punk natürlich auch schlechte Dinge an mir verstärkt. Was ich daran begrüße ist die Möglichkeit, solche Gespräche führen zu können. Es überrascht mich am meisten, wenn andere Menschen überrascht sind und fragen, was ich damit meine, politisch zu sein und warum ich über politische Themen rede. Das ist doch die Crux an der Sache. Punk ist der eine Ort, an dem wir über solche Sachen reden und diskutieren können.

Ihr habt in Griechenland gespielt, habt ihr dort auch mit Leuten über die dortige ökonomische Situation und die sogenannte Krise gesprochen?
Erica: Wir haben so oft wie möglich gefragt, haben aber kaum Antworten bekommen.

Matt: Wir waren ja auch nur für drei Tage dort.

Erica: Eine Person hat erzählt, dass er seinem Boss gefragt hätte, ob er ihm nicht 10 Euro weniger pro Nacht geben könnte, um ihn so wenigstens als Wächter weiterbeschäftigen zu können.

Bex: Es war in der kurzen Zeit echt schwer herauszufinden, was die Leute denken und fühlen. Ich sprach mit Leuten und bekam verschiedene Antworten die von „ es ist eigentlich nicht so interessant, es ist hart, aber so ist es halt“ reichten bis hin zu „willkommen in dem besetzten Haus in dem ich mithelfe, toll, dass ihr hier seid, wir wünschten, mehr Leute würden kommen“, diese 30-Sekunden-Gespräche in der Warteschlange an der Toilette.

Erica: Ich hatte ein interessantes Gespräch darüber, was Häuser besetzen in Olympia, Washington und in Griechenland bedeutet, da wir in den USA kein Squat-System haben wie dort. Es ging dabei weniger um die Krise als um das internalisierte Konzept, das Menschen als Bürger verschiedener Staaten von öffentlichem Raum haben. Und ich habe ihr Konzept nicht wirklich verstanden.

Bex: Ich habe auch ein paar Mal gehört, dass Leute außerhalb Griechenlands die Situation dort glorifizieren, z.B. in Seattle, wo gewisse anarchistische Gruppen meinen, es sollte dort sein wie in Griechenland, wo Leute dort auf der Straße kämpfen würden. Es ist wichtig zu verfolgen, wie verschiedene Widerstandsbewegungen auf der ganzen Welt aussehen und sich mit ihnen in Verbindung zu setzen und auszutauschen. Es war interessant, von den Leuten zu hören, wie es ihnen geht und was sie tun, aber diese romantisierende Idee von Leuten, die auf der Straße alles machen können, traf sicher nicht zu.

Interview: Wolf Seiler

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