April 30th, 2020

Punk in Indonesien-Special aus #162, 2013

Posted in artikel by Jan

Punk in Indonesien

Im Frühjahr 2013 war die Anarcho-Hardcoreband Kami Ada aus Berlin auf Tour in Indonesien. „Kami Ada“ ist indonesisch und bedeutet: uns gibt es. Die Band besteht aus einer Kolumbianerin, einem Polen, einem Deutschen und dem Indonesier Cimot, der seit drei Jahren in Berlin lebt. Cimot hat gemeinsam mit seinen alten Freunden eine fünfwöchige non-Profit-Tour durch Malaysia und die indonesischen Inseln Sumatra, Java und Bali organisiert. Unsere Reisegruppe bestand zunächst aus sechs, dann aus acht Leuten. Nach einem Zwischenstopp in Dubai landeten wir nachmittags im verregneten Singapur.
Arbeitsameisen im Big-Brother-Staat.

Die fünf Millionen große „Löwenstadt“ Singapur ist faszinierend gut organisiert. Alles scheint perfekt, ruhig, sauber und gelassen. In der Stadt sind überall gut aussehende, fancy gekleidete junge Asiatinnen und Asiaten, die wie selbstverständlich einkaufen, zur Schule oder zur Arbeit gehen oder über ihren Mac gebeugt studieren. Für Sauberkeit, Ordnung, Aufbau und Begrünung sorgt ein Heer von schweigenden Arbeitern. Restriktive Verbote und Kameraüberwachung besorgen den Rest. Ein perfekter Big-Brother-Staat. Irgendwie Asien, aber irgendwie auch eine Fantasiewelt, eine Blase aus Wohlstand, Sauberkeit und Sicherheit, eingerahmt von Zwang und Arbeitsdruck. So sieht also ein Tigerstaat aus.

Knapp 80 Prozent der Bevölkerung sind chinesischstämmig, es gibt ein paar Inder, sonst Malaien; untereinander wird oft „singlish“ gesprochen. Die Unternehmer heißen hier Dong Fang und Heng Seng. China ist nah – gerade wurde auch das chinesische Neujahrsfest gefeiert, es gibt rein vegetarische chinesische Restaurants mit einem unglaublich vielfältigen Angebot. Bier ist teuer; man darf auf der Straße trinken, aber nur in bestimmten Bereichen rauchen.

Am nächsten Tag regnete es immer noch. Wir verbrachten zwei Tage bei dem Pärchen Ipi und Ein. Sie wohnen in einem 40stöckigen Hochhaus, in einem Neubauviertel, alles sauber, alle fleißig. Ipi und Ein freuten sich, dass sie die Wohnung kaufen konnten, obwohl sie die jetzt 30 Jahre lang abbezahlen müssen. Außerdem waren Konzertveranstalter James und der blondierte Hafiz mit uns in Singapur unterwegs. Hafiz spielt(e) bei diversen D-Beat/Crust-Bands, zur Zeit bei Vaarallinen. Das Konzert fand heimlich in einem Studio im Kneipenviertel statt, der muslimische Besitzer durfte nichts davon wissen. Es kamen 30-40 Leute und neben Kami Ada spielten zwei Bands, deren Videos wir am Abend zuvor auf Youtube präsentiert bekamen: Abrasion (Grindcore) und The Psalms (Mischung aus Hardcore, Indie, Surf und New Wave).

Seit der Unabhängigkeit 1965 regiert dieselbe Partei. Wer demonstrieren will, braucht dafür eine Lizenz. Und selbst dann sind nur Kundgebungen möglich. Dank dieser Restriktionen ist Protest extrem langweilig; dazu kommt, dass alle zufrieden sind, bzw. ihre Schulden abarbeiten müssen. Politscher Aktivismus ist also schwer und auch nicht angesagt. Es gibt auch nicht viele Punks und auch kaum Venues, eigentlich nur ein Arts Cafe, nachdem das selbstverwaltete Blackhole212 im September 2010 schließen musste. Ab und zu gibt es Konzerte mit 50-80 Leuten, bei großen Sachen wie Tragedy kommen auch mal 150. Die Punk/HC-AktivistInnen und Bands fahren da lieber nach Malaysia und Indonesien, da ist es billiger und da geht auch mehr.

KL – Pantherstaat und Feuerhaus
Aufgrund sehr restriktiver Einwanderungsbestimmungen für die berüchtigten KolumbianerInnen waren wir gezwungen, per Flugzeug nach Malaysia einzureisen. Die malaiische Zeitung im Flugzeug berichtete auf den ersten drei Seiten nur über den Präsidenten. Die Landschaft strukturiert, überall nur Felder, Forst, Stauseen und immer mehr Palmölplantagen.

In Kuala Lumpur wurde noch deutlicher, wie irreal Singapur ist. „KL“ ist eine ‚richtige‘ Großstadt, ebenfalls mit viel Geld, aber eben auch Lärm, Verkehr, Dreck, Durcheinander. Normal halt. Bauweise, Vegetation, Klima und Farben erinnern erstaunlich stark an Kolumbien, speziell Medellín. Im Gegensatz zu Kolumbien ist hier der Islam Staatsreligion und etwa 60 Prozent der Bevölkerung sind muslimisch. Auch mindestens zwei unserer Gastgeber, Dien und Sang, waren Moslems. Sie holten uns netterweise mit Autos ab und organisierten unseren Tag: Essen, ausruhen und Sightseeing in den Batu Caves, eine Hindu-Höhle, vor der eine riesige Statue steht. Alles voller Touristen, Pilger und frecher Affen.

Zum Konzert ging es nach Syahalam, ein Randbezirk. Obwohl die Stadt KL offiziell nicht mal zwei Millionen Einwohner hat, dauerte jede Fahrt eine Stunde. Das Konzert in Syalaham fand wieder in einem Studio statt und wegen den Teppichen hieß es diesmal für alle Punks: Schuhe aus! Also musste man auch barfuß aufs Klo, zum Glück standen dort Badeschlappen bereit. Insgesamt knapp 50 Leute, ein paar 13-15jährige Punkkids standen aufgereiht wie aus’m Ei gepellt; leider mussten sie schon um Mitternacht nach Hause. Außer den beiden Frauen unserer Reisegruppe waren nur zwei weitere Frauen da; sie waren die Freundinnen von irgendwelchen Bandmitgliedern und blieben im Vorraum. Eine durfte immerhin mal die Becken halten. Die Atmo war wie schon in Singapur wieder sehr respektvoll, freundlich und familiär. Alkohol wurde fast gar nicht getrunken.

Das Konzert hat mir dennoch nicht gefallen – zu männlich, zu unpolitisch. Die Szene wirkte wie eine eingeschworene Hardcore-Gemeinde, wo man die Bands abfeiert und es ansonsten keine Inhalte gibt. Nach den guten Naked Weapon spielten Wwhrr so Grindcore-Blödelkram. Bei KA waren dann die Mikros ziemlich durch, was die Leute aber nicht störte. Die Ansagen waren unverständlich, wurden aber dennoch mit Jubel oder irgendwelchen englischen oder deutschen Wörtern quittiert. Mir tat die Band leid, die sich voll ins Zeug legte, obwohl man fast nichts verstand, aber die Stimmung war trotzdem prächtig. Nur Fun, keine Inhalte.

Auf der Fahrt zum Pennplatz quatschte ich mit dem Sänger der Grindcore-Band, der ein bisschen wie mein ehemaliger Chef beim Getränke-Kollektiv aussah. Er heißt Coi, macht glaube ich IT und Fotografie und ist chinesisch-stämmig. Er erklärte, dass es neuerdings viele muslimische Kids in der Punkszene gibt, die alle aus der malaiischen Bevölkerungsmehrheit kommen. Aber er als Chinese fühlt sich überhaupt nicht ausgegrenzt, sondern absolut akzeptiert. Unity. Und ja, die Leute kommen aus der Mittelklasse und ja, es wird nicht protestiert und Punk in Malaysia ist auch nicht wirklich politisch. Das liegt für ihn an den Massenmedien und den nicht existierenden Alternativmedien – und außerdem an dem gesellschaftlichen Ethos, dass man hart arbeiten muss und deswegen keine Zeit für Protest und keine Ahnung von politischen Prozessen hat. Coi erwähnte auch, dass das Internet die Möglichkeit bietet, Punk easy zu konsumieren. Und die wenigen Frauen in der Szene sind dann meist auch muslimisch, dürfen nicht so lange wegbleiben und sollen eigentlich auch nicht so eng mit Männern rumhängen.

Zum Pennen gings ins Rumah Api, dort gab es Matratzen und vor allem einen Ventilator. Das Rumah Api („Feuerhaus“) ist ein seit sechs Jahren bestehendes Hausprojekt mit großem Konzertraum; das einzige seiner Art in Malaysia. Da direkt gegenüber die Bullenwache ist, kamen die Bullen bei Konzerten auch öfter mal vorbei und nervten rum, vor allem forderten sie Geld. Dieses Problem wurde gelöst, indem die Leute vom Rumah Api den Eingang zum Konzertraum einfach in den Hinterhof verlegten. Aber schon 2014 oder 2015 soll mit der selbstverwalteten Idylle Schluss sein, eine Autobahn ist geplant im Pantherstaat (eine Stufe unter einem Tigerstaat).

Nach einer Sightseeingtour zu Wohnblöcken, Petronas-Towers, Food not Bombs und Jalan Petaling war abends Konzert im Rumah Api mit circa 80 Leuten, darunter ein paar mehr Frauen. Gute Bands, gute Stimmung. Line-Up: Anti, Dum Dum Tak, Naked Weapon, Wwhrr, Jalan Sehala, Kami Ada (wie die Bands waren hab ich mir irgendwie nicht aufgeschrieben, aber einen guten Konzertbericht gibt es adriansol2.blogspot.de/2013/02/kami-ada-rumah-api-2172013.html). Wieder machten die Mikros schlapp und wieder haben sie’s einigermaßen hingekriegt. Nett wars. Ich wollte unbedingt noch zwei Interviews machen die dann aber irgendwie nichts wurden und nach nur anderthalb Stunden Schlaf hieß es schon wieder: Aufstehen und zum Flughafen!

Punktreffpunkt Bambushütte
Frühmorgens kamen wir völlig im Arsch am Flughafen in Medan an. Jetzt also Indonesien. Hier war es nochmal heißer, dafür holte uns niemand ab und die Verwirrung war erstmal komplett. Wir fuhren dann irgendwann in die Stadt, die aber nur aus überfüllten Straßen bestand. Wir saßen bestimmt nochmal anderthalb Stunden in der Mittagshitze planlos am Straßenrand, vor uns endloser Verkehr aus Autos, Mopeds und Bussen, alle glotzten uns extrem an, Weiße war man hier nicht gewöhnt und tätowierte Frauen schon gar nicht.

Endlich kam das Abhol-Komitee und brachte uns aufs Land bzw. an den Stadtrand. ‚Indonesien empfängt uns mit einer Vielzahl an Eindrücken‘, dachte ich. Der Wind verdrängte die Schwüle und wehte das Gejammer der Imame herüber. Hier schien es total friedlich. Die Leute waren neugierig und sehr freundlich. Kinder spielten, Hähne kämpften, Bananen, Papaya und Mais wuchsen entlang des Überlaufkanals mit der typisch milchigen Brühe vom Brauchwasser gewaschener Wäsche.
Und mittendrin ein Bambushaus mit Wellblechdach, gut gebaut, bis zum Hals tätowierte Punks in schwarzen T-Shirts die lachten und alberten und Geschichten erzählten. Das Haus gehört Tulang, der in seiner ca. 36 Quadratmeter großen Hütte mit (Punk-)Frau und Tochter lebt. Tulang und seine Freunde quatschten und tranken und machten nebenbei Siebdruck, T-Shirts und Aufnäher für das Festival, dass sie organisiert haben. Eine Riesenplane haben sie ebenfalls mit dem Konzertflyer bedruckt, bestimmt sechs qm, wir haben später darauf geschlafen. Tulangs Haus dient zusätzlich als Punktreffpunkt und Raum für Besprechungen.

Nachmittags ging es wieder mit dem Kleinbus durch die Stadt zum Konzertort – war schon ein Unterschied, diesmal alles mit wachen Augen zu sehen. Der Club lag in einer nagelneuen Residenz namens Imperial und die Saalmiete kostete zwei Millionen Rupien, das sind 190 Euro, also eine Stange Geld. Jede Band die spielte sollte 200.000 zahlen, jeder Gast nur 4.000, das sind 35 Cent. Trotzdem war das Konzert bei den ersten Bands enttäuschend leer, nur ca. 50 Leute verloren sich in dem 200-Personen-Saal. Stimmung war allerdings super, ständig pogten zehn bis 20 Jungs wild umher und fielen lachend übereinander. Sah wüst aus, aber niemand hat sich verletzt und Streit gab es gar nicht. Die Leute stürzten sich auf alle Aufkleber und Flyer, die von der Bühne geworfen wurden. Irgendwann habe ich aufgehört, die Bands zu zählen; insgesamt waren es aber zwölf, die aber alle nur 15 Minuten spielten. KA gaben ein umjubeltes Konzert, es war etwas voller, auch der Sound war gut. Als letzte spielten Raw Resistance (Grindcore) und Assault (D-Beat). Beide Bands aus Jakarta sollten uns die kommenden Tage begleiten.

Mit der Zeit wurde es voller, draußen standen vielleicht 50 Mopeds rum und insgesamt waren schätzungsweise 150 meist sehr junge Leute da, von denen viele aber nicht reingingen. Wir waren als „Bule“, als Weiße DIE Attraktion, viele riefen:“Mister, Foto, Foto“ und wollten Fotos MIT uns. Was für ein Klischee. Die Kommunikation war schwierig, wir konnten ja kein indonesisch, aber die Sprache ist nicht schwer und mit der Zeit lernten wir ein paar Brocken.

Am Ende traf ich noch ein paar angereiste Punks aus Banda Aceh; sie hatten das Konzert im Dezember 2011 organisiert, mit dem die indonesische Punkszene weltweit bekannt wurde: In der autonomen Provinz Aceh hatte die Sittenpolizei auf einem Konzert 65 Punks verhaftet und in ein Umerziehungslager gesteckt – denn dort gilt die Scharia und neben unverheirateten Paaren und Frauen in enger Kleidung sind die Punks das Feindbild Nummer eins. Auch die jungen Punks Poloh und Kiki, die das Konzert mitorganisiert hatten, waren davon betroffen: „Punks in Aceh werden stark diskriminiert. Es gibt keine Gleichheit, wir werden anders behandelt. Die Scharia ist ihr Gesetz, nicht unseres. Es ist unmenschlich. Wir sollen etwas befolgen woran wir nicht glauben.“ Die Umerziehung hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Von den circa hundert Punks in Aceh sind jetzt nur noch 50 übrig. Poloh und Kiki planten trotz allem ein weiteres Konzert: „Wir werden weiter dafür kämpfen, uns zu kleiden wie wir wollen, für das Recht, frei zu sprechen und für unsere demokratischen Rechte in Indonesien!“.

Nach einem schönen Abend vor Tulangs Haus mit Geschichten erzählen und selbst gebranntem Tuak gab es am nächsten Morgen ein wildes Mix an Geräuschen: Hähne, Mopeds, Regen und um fünf ein vielstimmiges muslimisches Gejaule, es kam aus vielen Häusern und klang wie Wölfe, die den Mond anheulten. Später wurde es unruhig und heiß und die Kinderlieder aus der nebenan liegenden Grundschule mischten sich mit Punkrock aus der Konserve.

In Tulangs Haus war ewig warten angesagt, weil der Bus erst um vier kam. Vor uns stand eine 26-Stunden-Ochsentour mit einem alten und unbequemen Reisebus. Kaum Schlaf, die ganze Nacht nicht. War echt ne verdammte Ewigkeit. Alle paar Stunden hielt der Bus an einem Restaurant, zum Essen und Pissen. Die Klos waren der absolute Hass. Es gab kein Klopapier und auch nirgends Seife. Alles stank nach Pisse und das Wasser sah durch die Kacheln auch ganz gelb aus. Wenn man sich also ohne Klopapier den Arsch abwischt und sich dann in dem pissigen Wasser ohne Seife die Hände wäscht, setzt man sich an den Tisch und isst, theoretisch auch mit den Händen (es gibt aber auch Besteck für diejenigen, die sich zu fein sind). Zum Händewaschen gibt es auf dem Tisch eine Schale mit fettigem Wasser.

Last Brotherhood
Am Abend (des nächsten Tages!) waren wir dann endlich in Padang – mega im Arsch. Die Leute vom Kollektiv „Last Brotherhood“ waren wieder sehr freundlich und zuvorkommend. Sie brachten uns zum Konzertort, eine steril gekachelte Kneipe im ersten Stock. Diesmal spielten 20 Bands, der Eintritt kostete 10.000 und Einlass machten zwei indonesische Skinheads. Der Ort war touristischer, mehr Leute kamen mit „Hello, how are you?“. Zweimal machten die Leute sogar so Scherze wie „do you like my sister?“ – das war dann schon eher schräg.

Das Konzert hatte logischerweise schon längst angefangen, diesmal wars voller, so 150 Leute und deutlich mehr Hardcore-Publikum, die auch die ganzen üblichen Gesten nachahmten. Aber die Stimmung war wieder super, auch der Sound war gut. Bands alle so D-Beat, Hardcore, Grindcore. Gähn. Die Bands werden angesagt, kommen auf die Bühne, spielen ihr Set, immer jeweils 15 Minuten, gehen ohne Zugabe, der Moderator sagt Danke und kündigt die nächste Band an, die kommen auch schon auf die Bühne, stöpseln ihre Gitarren ein und los geht’s. KA spielten ziemlich gut, fand ich.
Der Pennplatz war ein islamisches Kulturzentrum mit hübschen Pagodendächern und mehrzweck-Rondell in der Mitte. Aus religiösen Gründen waren die zwei Schlafräume nach Geschlechtern getrennt. Pech für uns Typen: Wir waren zwölf, die Frauen nur zu dritt.

Vormittags an den Strand, Obst, Kaffee, Bier und baden, das war echt geil. Endlich Meer, endlich Sonnenbrand! Die Leute wie gesagt super nett, auch unsere Mitreisenden von Assault und Raw Resistance waren klasse. Unsere Gastgeber zeigten uns dann noch einen schicken Fluss, erfrischend, Felsen, Stromschnellen und kaum touristisch. War echt wunderschön, aber zum bewundern blieb nicht viel Zeit, nach einer halben Stunde mussten wir schon wieder los zur nächsten Bustour. Aber bevor der Bus losfuhr, war erstmal 40 Minuten Beten angesagt. Wahrscheinlich betete der Fahrer dafür, dass Allah uns sicher ankommen lassen möge, denn die anschließende nächtliche zwölfstündige Berg-und-Talfahrt ließ das Handgepäck aus den Fächern regnen und der Ausblick auf den lichthupenden Gegenverkehr war alles andere als beruhigend. An Schlaf war wieder einmal nicht zu denken.

Punk im „Dschungel“
In der Morgendämmerung fuhren wir an frisch überschwemmten Häusern vorbei; die Leute saßen mit ihrem bunten Hausrat frühmorgens auf der Treppe vor ihren Häusern oder mit ihren Rindern an der Straße. Sie sahen dabei ziemlich ratlos aus, wirkten aber irgendwie auch gelassen. Überall in Süd-Sumatra waren die Flüsse über die Ufer getreten, aber die Leute sind das wohl gewohnt, viele Häuser stehen auch auf Stelzen.

Die Organisatoren des kleinen Festivals holten uns frühmorgens am Terminal in Jambi ab und brachten uns zum Ausruhen in die Wohnung der Eltern. Das geräumige Wohnzimmer lag direkt hinter einer Tischlerei, in der gerade Särge zusammengezimmert wurden. Die Eltern waren überzeugte Christen und wollten unbedingt ein Erinnerungsfoto mit uns machen. Der Vater war schon 74, sah aber 20 Jahre jünger aus. Er erklärte, das liege an seiner Liebe zu Gott.

Cimot hatte uns das Konzert als „Festival im Dschungel“ angepriesen, aber der Dschungel war eher so ein Ökopark am Stadtrand mit Affen und Kautschukbäumen. Auf dem zweitägigen Festival spielten pro Tag zwölf Bands; bei 80-100 Kids wirkte das eher wie eine öffentliche Bandprobe. Das Konzert fand in einer Outdoor-Neonhalle statt, die die sehr jungen mittelklassigen Hardcore-Kids umsonst nutzen durften. Es gab „Food not Bombs “, eine solidarische Armenküche – mittlerweile die größte politische Bewegung innerhalb der indonesischen Punkszene. Chicha vom lokalen Food not Bombs-Kollektiv saß allerdings ziemlich einsam vor den Kochtöpfen: „Food not Bombs ist Teil der anarchistischen Idee. Außerdem hat es eine positive Energie: Es geht nicht nur um Essen, sondern wir helfen Punks, wir machen etwas Gemeinsames und nach dem Essen sprechen wir miteinander.“ Nicht nur Punks seien daran beteiligt, sondern Leute von verschiedenen Communities.

Die wenigen Aktivisten standen im krassen Gegensatz zum Publikum; das war sehr jung, männlich und unpolitisch. Der Pogo war eine Mischung zwischen Circle Pit und Nahkampf. Die Mädchen konnte man an einer Hand abzählen und waren auch nur die Freundinnen irgendwelcher Bandmitglieder; zwei von ihnen trugen sogar einen Hijab. Zwischen 18 und 19 Uhr war freiwillige Pause, um die Nachbarn nicht beim Beten zu stören. Nach Vokü und Konzert wurde dann ausgerechnet „Noise and Resistance“ vor nur 15 gelangweilten Hardcore-Kids gezeigt.

Do It Yourself
Mit 250 Millionen Menschen ist Indonesien das viertbevölkerungsreichste Land der Welt. Fast 90 Prozent sind Muslime und sowohl die Gesellschaft als auch die Punk-Subkultur sind von dem eher moderaten Islam geprägt. Die Hälfte aller Indonesier lebt auf der dicht besiedelten Insel Java. Java ist nicht nur bevölkerungsreicher, sondern auch trockener, industrieller und ärmer. Hier ist auch die Szene größer, politischer und besser vernetzt; über das Internet, über CDs, Konzerte und Fanzines. Die Punks sehen sich als Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft und machen alles selbst. Die gegenseitige Unterstützung steht dabei im Vordergrund, nicht so sehr der Protest. Viele Konzerte sind Benefizveranstaltungen für Waisenkinder oder die Antikorruptionsbewegung; immer mehr Punks sind im Umweltschutz aktiv oder beteiligen sich eben an „Food not Bombs“.

Punk in Indonesien begann um das Jahr 1990 herum. Damals hatten Kids aus der Oberschicht Punk und Hardcore aus den USA importiert. In Jakarta gründeten sich die ersten Bands: Antiseptic mit Hardcore und The Idiots mit Anarcho-Punk. „Damals war es schwer, irgendwo noch einen Punk zu finden“, sagt Aca, der bei der Straight Edge Band „Straight Answer“ singt und mit seinen 37 Jahren schon ein Veteran ist. Mit der Protestbewegung gegen das repressive Suharto-Regime wurde auch die Punkbewegung größer und politischer. „Jetzt gibt es überall Punks und Hardcore-Kids, selbst in kleinen Orten.“
Der Gitarrist von The Idiots ist immer noch mit seinem Label Anti-Music aktiv, betrachtet Punk aber wohl eher als eine Art Bandenwesen, bei der seine Gang das Sagen haben muss. Er hat wohl einige bzw. viele Anhänger und ist sowas wie der Punk-Chef in Jakarta. Andere Meinungen duldet er nicht; Abweichler, die gleichzeitig wie er Konzerte organisieren oder Food not Bombs kochen oder Turnschuhe tragen (zu westlich) werden schon mal öffentlich erniedrigt oder kriegen eine aufs Maul. Trotzdem spielt er in Jakartas Punkszene eine wichtige Rolle.

Jakarta destroy
Jakarta ist eine Megacity, wohl eine der größten der Welt. Von der Autobahn sieht die Stadt endlos aus. Hochhäuser, Hotels, Parks, Flüsse – Slums, Armut, abgewrackte Arbeiter, Verkehr und jede Menge Müll. Überall werden Moscheen neu gebaut, Kampfhähne warten unter Körben auf ihren Einsatz. Die Benzinflaschen am Straßenrand sehen wie Molotow-Cocktails aus, werden aber tatsächlich zum Tanken verwendet. Es gibt kaum Bettler und gar keine Alkoholiker auf den Straßen.

Wir lieferten unsere Sachen bei Tian ab und fuhren dann abends zum Bahnhof Pondok Jati, kurz „Ponti“. Sechs Jahre lang haben die Punks dort gelebt, gefeiert, Food not Bombs serviert und eine Distro betrieben. Die Konzerte mussten immer unterbrochen werden, wenn ein Zug durchfuhr. Hier haben Leute wie Ronald, Cimot und Armbone gelebt. Erst drei Wochen vor unserem Besuch ist der „Ponti“ geräumt und abgerissen worden. Jetzt haben die Leute fünf Minuten entfernt einen neuen, winzigen Laden angemietet. Dort wartete auch schon Cimots Willkommens-Komittee, ca. zwölf Leute saßen im Kreis und tranken selbstgebrannten Ciu. Die Leute waren eher so Mitte bis Ende 20, supernett und machten einen politischen Eindruck. Wir gingen dann rüber zum Ponti und hingen dort am Bahnsteig ab, unter den misstrauischen Augen der Security. Die Leute wurden sentimental. Armbone erzählt: „Viele Bands aus Indonesien und außerhalb haben hier im Ponti gespielt. Jetzt haben sie unser Haus gestohlen. Aber wir brauchen einen Freiraum, vor allem hier in Jakarta, wo wir schon so viel verloren haben. Wir werden darum kämpfen und wir werden einen Freiraum finden!“ Und er lacht.

Streetpunk in der Vorstadt
Wir schliefen bei Tian, der mit seiner Mutter in Depok, einer Vorstadt von Jakarta, lebt. Am Morgen rief die Polizei bei Tian an und fragte nach dem geplanten Konzert mit einer ausländischen Band. Er wisse von nichts, antwortete Tian, cancelte dann das Konzert und musste sich nun schnell um einen neuen Auftrittsort kümmern. Ausländische Bands brauchen eine teure Genehmigung und jemand hatte Tian bei den Cops verpfiffen. Doch schon am Mittag hatte er Ersatz gefunden, ein Platz mit angrenzender Ladenzeile. Der Besitzer der Ladenzeile, Johnny, ist Motorradfan und steht vor allem auf deutsche Marken; deshalb hingen dort neben den Fahnen Großbritanniens und der USA auch Hakenkreuzflaggen. Alles nur Deko, wiegelte Johnny auf Nachfrage ab.

Doch am Abend waren die Hakenkreuz-Fahnen verschwunden und wurden durch Che-Guevara-Fahnen ersetzt. Wieder so 120 Leute, diesmal hauptsächlich Punks, die mit diesem gefährlichen Ciu vorglühten. Wieder Interesse, Begeisterung, Fotos – ich glaube, keiner von uns ist so oft fotografiert worden wie in diesen Wochen. Das Publikum war klar Streetpunk-dominiert, so ab elf Jahren aufwärts. Es waren aber auch Punkeltern dabei, die ihre Kleinkinder mit zu den Konzerten brachten und sie ab und an vor der Bühne platzieren, natürlich ohne Ohrenschützer. Ein Kleinkind auf den Schultern seines Vaters bekam von einem Stagediver einen Tritt an den Kopf. Ein anderer Diver sprang über die ersten drei Reihen und landete kopfüber auf dem Pflaster.

Beim Konzert in Depok war auffällig, wie konzentriert und trotzdem sauschlecht einige Bands spielten. Bei einigen passte gar nichts zusammen, aber die „Musiker“ waren trotzdem mit größtem Ernst bei der Sache. War es mangelhafter Sound? Oder übermäßiger Alkohol? Eine umjubelte Reunion aller ehemaligen Mitglieder von Assault, der Nahkampf-Pogo und der anschließende KA-Gig gaben den Mikros mal wieder den Rest, noch zwei Bands, dann wurde das Konzert abgebrochen, insgesamt spielten neun Bands, von Oi-Punk bis Grindcore.

Johnny der Besitzer kam und wurde empfangen wie woanders ein Präsident. Man war ihm dankbar, dass er ermöglicht hatte, dass das Konzert auf seinem Platz stattfinden konnte. Er dürfte wohl der Einzige sein, der sowohl eine Hakenkreuz-Fahne als auch ein Kami-Ada-Shirt sein Eigen nennt – hoffe ich zumindest, aber wer weiß…

Danach war das Konzert wie gesagt zu Ende und es wurde aufgeräumt. Plötzlich Aufregung: Ein betrunkener Punk rüttelte an irgendeiner Glaswand! Es kam zum Streit mit einem Ladenbesitzer, der sich irgendwie verantwortlich fühlte. Obwohl sich Leute schlichtend einmischten und eigentlich alles geklärt schien, lief der Typ in seinen Laden, kam mit einem großen Schraubenschlüssel wieder raus und zog diesen dem Punk über die Birne. Der blutende Punk wurde mit dem Moped direkt ins Krankenhaus gefahren, wo die Platzwunde dann wieder zusammengenäht wurde. Keiner stoppte den Typen, keiner schrie rum, alle schienen das zu akzeptieren. Hinterher verteidigten sogar einige das Vorgehen des Ladenbesitzers; Nachbarn würden das Verhalten auf alle Punks schieben und dann gäbs keine Konzerte. Nur Tian war frustriert – der verletzte Punk war ein Freund von ihm. Dennoch blieb das erste Punkkonzert in der Ladenzeile auch das letzte: Die Polisi verlangte zuviel Geld für die Genehmigung.

Ende erster Teil

Anfang zweiter Teil
Unterwegs

Java ist wie Cimot gesagt hatte: etwas trockener, heißer, bessere Infrastruktur, mehr Industrie, mehr Landwirtschaft, viel mehr Menschen, weniger Natur. Chaotischer Verkehr, Dieselsmog in den Straßen, alle fahren japanische Autos v.a. Toyota. Hier auf Java gab es Autobahnen, die den Busreisenden eine Dosis Dösen erlaubte. Es gibt viele, viele Mopeds wie Bienenschwärme, die Helme sind verspiegelt und haben eine Beschichtung wie ein Ölfilm, sieht irgendwie fies aus. Küste und Flüsse sind verdreckt, in den Hinterhöfen stehen Kühe. Wir fahren vorbei an Reisfeldern, Reisbauern mit breiten Hüten, bunten Booten. Die Internet-Cafes haben keine Stühle.

Mit Chaos gegen Korruption
Brebes ist ein sehr langgezogenes Städtchen bzw. hat kaum eine richtige Stadtstruktur. Der Ort war wohl in der 1960er Jahren eine Hochburg der kommunistischen Partei, bis diese dann von Militär und CIA zerschlagen wurde; Brebes war damals der Schauplatz eines der größten Massaker der Kommunistenverfolgung.

Die Veranstaltung in Brebes war kostenlos und hatte am Nachmittag mit Food not Bombs und Videos begonnen. Als wir ankamen war es mal wieder schon dunkel. Kami Ada war die erste ausländische Punkband überhaupt, die nach Brebes kam; überall saßen hunderte Punks rum, in der Mehrzahl Streetpunks, fast alles Jugendliche, sogar ein paar Kinder – und natürlich fast nur Jungs. Nervöse Polizisten regelten den Verkehr und sammelten von uns Ausländern die Pässe ein, damit wir keinen Ärger machen konnten.

Das Konzert mit ca. acht Bands fand in einem großen Innenhof statt. Um ein solches Konzert zu ermöglichen, zahlen die lokalen Bands dafür, dass sie spielen dürfen; aber auch Kami Ada bestanden darauf, ihren Anteil zu zahlen (im Gegensatz zu Tragedy zum Beispiel). Bei Kami Ada wurde es richtig voll, ich schätze es waren 400 oder 500 Leute, die sich vor der Bühne drängelten. Allerdings konnte man die Band weder richtig hören noch sehen: Sie war auf der Bühne umringt von Leuten, die sie entweder filmen, beschützen oder ihr einfach nur auf die Finger gucken wollten. Auch neben und hinter der Bühne war alles voller Leute; Eigentlich gab es keine Stelle, wo nicht noch ein Gesicht hervorlugte. Der Sound war miserabel, trotzdem ging es vor der Bühne richtig rund. Die Kids, alles Jungs, warfen sich in die Menge (oder AUF die Menge) und versuchten, sich eher umzureißen als aufzuhelfen. Ansonsten ahmte man Kampfsportbewegungen nach, sah jedenfalls ziemlich gefährlich aus. Auch von den anderen Bands war nicht viel zu hören. Sapu Bitinx spielten als letzte und machten guten Punkrock. Nach dem Konzert bedruckten zwei Leute noch kostenlos die Klamotten der Punks mit dem Plakatmotiv dieses Konzerts, der Andrang war groß.

Eine kleine Motorradgang brachte uns zum Pennplatz, das Haus einer NGO namens Gebrak, die gegen Korruption kämpft und ihre Räume auch anderen sozialen Gruppen zur Verfügung stellt. Ein Neubau, große hohe Räume mit Säulen und Vasen, nur die Decke wartete noch auf ihre Innenverkleidung. Ansonsten war das Haus absolut feudal, und feudal wurden wir auch empfangen: Ein hagerer, irgendwie elegant wirkender Mann mit Che-Guevara-Shirt hieß uns willkommen, brachte uns Tee und Essen und zeigt uns unsere Schlafräume – jeweils einen für Männer und Frauen. Es gab Teppiche und Matratzen und vor allem saubere Klos und Wasserbecken. Einziger Haken war die unerträgliche Hitze zumindest in unserem Raum. Auch geöffnete Fenster linderten die Hitze nicht, brachten dafür aber einen Schwarm blutrünstiger Mücken, die sich auch durch erlesenste Pestizide nicht von ihrem gewissenlosen Treiben abhalten ließen.

Als ich am nächsten Morgen als erster aus dem Zimmer kam, stand der hagere, langhaarige Che-Guevarist schon vor der Tür, begrüßte mich überschwänglich und deutete auf das schon bereitstehende Frühstück. Es gab wie immer superleckeren Tofu, Tempeh, frittiertes Gemüse und Reis und später Obst und süße Pfannkuchen. Während des Frühstücks kamen immer mehr Leute vorbei und sogar ein Fotograf. Es schienen die sozial Engagierten des Städtchens zu sein und anscheinend dachten die wirklich, wir seien Rockstars – jedenfalls wurden wir so behandelt. Das Interesse und der Respekt waren groß, trotz einiger Verständigungsschwierigkeiten. „Wir sind offen für die Punks“, erklärte der hagere Typ von Gebrak, „denn sie wissen, was in dieser Gesellschaft falsch läuft“. Zum Abschied wieder Gruppenfotos; „hatur nuhun“, vielen Dank auch. Danach wieder schwitzen im Bus.

Punk auf dem Parkplatz
Als wir in Semarang ankamen war es schon dunkel und regnete. Wir warteten an einer Straßenecke auf Abholung, ich starrte auf die Kreuzung, als sich plötzlich aus dem Verkehrsgetümmel eine zehnköpfige Motorrad-Armada löste und genau vor mir anhielt. Es war wieder unser Transportkomittee zum Konzert. Das Konzert hatte natürlich auch schon angefangen, es fand in einer Art Bistro statt, das Publikum stand auf dem Parkplatz. Hardcore für maximal 50 Leute.

Es blitzte und tröpfelte ununterbrochen. KA musste fast direkt auf die Bühne und ich erfuhr so nebenbei, dass wir auch die nächsten zwei Nächte im Bus verbringen würden. Das Konzert war irgendwie schnell vorüber, danach gab es aber noch eine Diskussion über Food not Bombs, an der fast alle Besucher teilnahmen. Und dann war immer noch nicht Schluss, es wurde ausgerechnet der deutsche Dokumentarfilm „Punk im Dschungel“ gezeigt, mit deutschen Untertiteln, sehr sinnvoll. Der Plot: Die abgehalfterte Schwabenband „Cluster Bomb Unit“ wills nochmal wissen und räumt in Indonesien ab. Danach brachte uns die geduldige, mittlerweise angetrunkene Motorrad-Armada im Gewitter zur Autobahn, wo wir im Regen auf den Bus warteten.

Sidoarjo Mud Flow
Nach einer weiteren durchgerockten Nacht im Bus stiegen wir direkt neben einer Moschee aus, aus der der Imam ununterbrochen und in einer Höllen (!) Lautstärke plärrte. Guten Morgen Allah! Aber: Der extra-Bus fürs Konzert in Porong kam und kutschierte uns in die Pampa. In Porong gibt es seit 2006 eine Umweltkatastrophe: Die Minenfirma Lapindo Brantas hatte das Grundwasser angezapft und dadurch regelmäßige Schlammeruptionen aus einem nahegelegenen Vulkan verursacht. Jetzt sind die ganzen Felder voller Schlamm, Verbindungsstraßen und Eisenbahnlinien sind unterbrochen. Viele Leute verloren ihre Lebensgrundlage, einige wurden vom Konzern entschädigt, andere nicht. Am Anfang gab es viel Protest, auch die Punks waren dabei; doch inzwischen bröckelt der Widerstand, die Leute ziehen weg.

Konsequenterweise fand das Konzert in einem verlassenen Regierungsgebäude statt, in dem noch alte Akten rumlagen und Fotos der jeweiligen Provinzfürsten an der Wand hingen, hatte schon was von nem Squat. Der schrottige Raum mit kaputter Dachverkleidung war nachmittags mit 150 – 200 jungen, aufgedrehten Punks und Dorfjugend gut gefüllt. Ich erinnere mich an keine einzige Band, aber KA spielten irgendwie in der Mitte und der Sound war mies – man hörte eigentlich nur das Schlagzeug. Dementsprechend zufrieden war hinterher der Schlagzeuger:“Heute wars richtig geil!“
Wir mussten dann noch während des Konzerts los, wieder standen Motorräder bereit und karrten uns durch den ganzen Ort. Die Nacht im Bus war nicht so übel wie befürchtet und wir setzten in der Morgendämmerung nach Bali über. Obwohl das sehr idyllisch war, saßen die meisten Leute im Warteraum und zogen sich auf dem Trashsender Trans 7, der überall läuft, eine kreischbunte und laute Comedy-Show mit einem radfahrenden Affen rein.

Hinduisten und Hakenkreuz-Glücksbringer
Bali ist hübscher als die anderen Inseln, hügelig und sehr grün, die Straßen sind enger und gewundener, viele Blumen und natürlich das Meer. Hinduismus wird hier großgeschrieben, überall stehen Tempel und Götzen, alles ist irgendwie verziert oder mit bunten Tüchern, Räucherstäbchen und Opfergaben garniert. Die Gläubigen trugen weiße Gewänder, hingen singend in ihren Tempeln rum und bauten große Pappmachéstatuen, die zum Neujahrsfest am 10. März ausgiebig gefeiert und am nächsten Tag dann wieder verbrannt wurden.

Auch diese Insel ist voller Reisfelder und es gibt kaum Wildnis, dafür umso mehr Verkehr. Wegen Tourismus sind die Leute etwas mehr an Weiße gewöhnt und im Gegensatz zu den muslimisch geprägten Inseln gibt es hier mehr Straßenköter. Auf den Friedhöfen grasen Kühe und sehr viele der Werkstätten stellen hübsche graue Steinkunstwerke her, die dann in Tempeln und vor Häusern Verwendung finden. Auf Toren, Zäunen und Kalendern sind Hakenkreuze zu sehen und auf vielen Orts-Steinen prangt zur Begrüßung: ein Hakenkreuz. Ist natürlich nur das hinduistische Glückssymbol, kennen wir ja.

Denpasar
Auch die Leute vom Denpasar Kollektif waren sehr jung und sehr nett und brachten uns im Haus einer Öko-NGO unter. Sie konnten kaum Englisch und ihr Indonesisch hatte so nen balinesischen singsang-Dialekt. Danke heißt auf balinesisch: Suksma.

Abends mit dem Moped eine Stunde zum Konzertort, vorbei an Tempeln voller weiß gekleideter, singender Gläubigen. Das Konzert war in einem neugebauten Metal-Shop außerhalb der Stadt, mit eigenem Equipment und Außenbühne. Wieder Food not Bombs, etwa 80 Leute, vielleicht zehn davon Frauen, zwölf Bands. Ich war nicht in Konzertlaune, endlos Bands, alles eher Hardcore, ziemlich laut, aber sehr guter Sound. Auch KA hatten nen guten Sound, die Gitarre war megalaut, dementsprechend selbstzufrieden stand der Gitarrist hinterher rum. Die Band des Abends war aber Ugly Bastards mit richtig gutem Hardcore/D-Beat.

New Negara Hardcore
Nach einem kurzen Zwischenstopp an einem einsamen Badestrand erreichten wir die Konzerthalle in Negara. Wieder ordentlich was los, wieder Regen, wieder 200 junge Punks, diesmal aber nicht nur Typen. Eine der Organisatorinnen, Mimi sagt dazu: „Die meisten Frauen, die zu den Gigs kommen, wollen nur Typen kennen lernen; aber ich und meine Freundin wollen, dass sich die Szene weiter entwickelt. Hier in Negara sind Punk und Hardcore getrennt. Aber ich will erreichen, dass die Leute verstehen, dass es dasselbe ist.“ Ferry erzählte bei einer Flasche Arak, dass er 2004 zum ersten Mal in Indonesien war; Punk sei früher noch nicht so groß aber gemeinsamer gewesen; jetzt sei alles professioneller und die Leute mehr an ausländische Bands gewohnt.

Bei diesem Konzert waren mehrere Teenie-Gangs im Team-Dress zum Kräftemessen angetreten, mit einer Mischung aus Breakdance und Nahkampf, was sie wohl für 90er NYC-Mosh hielten. Die Roten waren als Erste da, dann kamen die Blauen, die Weißen und die Schwarzen. Das war irgendwie putzig, aber teilweise sah es doch eher wie ein Kampf aus. Die Band nahm das zum Anlass, endlich mal eine Ansage über violent dancing zu machen, woraufhin sich die Gangs trotzig auf den Boden setzten und sich gar nicht mehr bewegten.  Nach zweieinhalb Tagen Urlaub, die wir an einem Kiesstrand verbrachten und in Korallenriffen schnorchelten, trafen wir die anderen in der Touristenhochburg Kuta wieder.

Speichelbroiss im Ballermann
Der balinesische Ballermann wurde 2002 und 2005 von Bombenanschlägen radikaler Islamisten heimgesucht. In einer hochgejagten Disco starben 200 Menschen, hauptsächlich Australier. Wo die Disco stand ist jetzt nur noch ein Denkmal und um die Ecke, in der Triple Bar, fand ein Hardcore-Konzert u.A. mit Ugly Bastards statt. Ugly Bastards spielten als zweite und waren echt wieder gut, dann kam eine deutsche Band, Speichelbroiss. Sie hatten extra T-Shirts gedruckt auf denen mal lesen konnte, dass sie zuvor schon in Thailand und Malaysia waren. Speichelbroiss spielten ein bodenständiges Set aus rockigem Punk, der an Tote Hosen oder auch an Böhse Onkelz erinnerte. Keine Ansagen, kein gar nix; ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Speichelbroiss den Film „Punk im Dschungel“ gesehen hatten und irgendwie hofften, genauso abzuräumen. Das Publikum blieb allerdings verhalten.

Als letztes spielten The Djihard; „1% Hardcore“, aber eigentlich eher Japan-Hardcore gemischt mit Oi-Punk. Der Sänger war eindeutig ein Exploited-Fan und die ab und zu in die Songs eingebauten oi-oi-oi-Rufe ließen darauf schließen, dass The Djihard es mit politischen Inhalten nicht so genau nahmen. Der (wie immer) wüste Pogo mündete bald in ein Duell zwischen zwei Alphamännchen, die dann mit ihrer jeweiligen Anhängerschaft nach draußen strömten, um die Angelegenheit zu regeln.

Wir wollten frühmorgens nach Yogya auf Java fliegen, also tranken wir bis drei weiter Arak und Bier. Während die anderen dann in Unterwäsche eine Pool-Bar heimsuchten, machte ich einen Rundgang über die Clubmeile, die aber auch schon in den vorletzten Zügen lag (auch hier war off-season). Dicke oder sportliche, braun- oder rotgebrannte Australierinnen und Australier bandelten hier miteinander oder mit den Eingeborenen an, tranken dabei viel Alkohol und hielten sich für die Geilsten. Überall das Gleiche. Der einstündige Flug nach Yogya bescherte uns einen wunderschönen Blick auf gleich fünf Vulkane.

Liberale Studentenhochburg
Martin und Mita leben in einem Haus am Rand eines wunderschönen Dorfes etwas außerhalb der Stadt. Das Haus wurde nach einem Erdbeben vor ein paar Jahren neu aufgebaut. Gegenüber liegt ein Reisfeld, drum herum überall Moscheen, deren Vorbeter natürlich schon morgens um fünf Uhr loslegen. Mehrere Zimmer, ein tiefer Brunnen, eine schattige Veranda, neugierige Nachbarskinder.

Beim Sightseeing in Yogya machte der sypathische Jovan den Guide und er machte seine Sache extrem gut. Wie sich rausstellte, hatte er zuvor als Guide in einer Kunstausstellung und im Spielzeugmuseum gearbeitet. Früher trug er einen riesigen Iro und zog mit Cimot um die Häuser. Mit seiner Melone und den irren Augen hatte er was von einem Magier. Er erzählte von seinem Kollektiv, dass den Widerstand gegen eine Zementfabrik trägt. Im Dezember hatten sie eine Demo organisiert, zu der 2.000 Menschen kamen. Das Kollektiv besteht aus zehn Leuten und sie organisieren auch Infoveranstaltungen und Performances. Die geplante Fabrik „Cement Gresik“ verschmutze die Umwelt, sagte Jovan; doch den Politikern sei das egal, solange das Geld stimmt.

Das Konzert des „Smash Division“-Kollektivs wurde kurzfristig in ein Studio verlegt. Mal wieder Teppich, mal wieder Schuhe ausziehen. Der Proberaum wurde bei gut 40 Leuten schnell zur Sauna. Der Sound war echt seltsam: Man konnte die Instrumente gut hören und ungeahnte Details erkennen. Aber jeder Ton wurde verschluckt, die Höhen, die Bässe, der Hall – alles weg. Auch die Bandmembers konnten sich nicht untereinander hören, dementsprechend neben der Spur spielten alle Bands. KA waren so gesehen mit Abstand am Besten. Die sechste und letzte Band hat mal wieder „Police Bastard“ von Doom gecovert. Manchmal musste man schon ziemlich viel Fantasie aufbringen, um die Covers zu erkennen. Neben „Police Bastard“ stand noch „State Control“ von Discharge hoch im Kurs, aber auch „Bastards in Blue“ von Partisans wurde gecovert, sowie Cock Sparrer mit „England belongs to me“.

Ultras in Cilacap
Es war schon wieder dunkel, bis wir in der Sporthalle ankamen, die außerhalb der Stadt lag. Konzert lief natürlich schon, war auch wieder viel los, so 150-200 Jugendliche. Als wir die Halle betraten, applaudierten plötzlich alle; ganz schön peinlich. Danach gabs eigentlich keine ruhige Minute, immer wollte irgendjemand ein Foto mit uns machen, wir wurden behandelt wie irgendwelche Rockstars. Die Leute waren natürlich saunett aber mega-jung und einige waren auch betrunken. Die ganz Betrunkenen mischen den Arak mit Tabletten, bis sie wirklich nicht mehr geradeaus gucken können. So wie der eine Punk, der mich fragte, wo ich herkomme. Als ich „Jerman“ antwortete, fragte er nur: „Anti-Zionist?“ Ich wusste erst nicht, was ich antworten sollte, weil ich bezweifelte, dass er den Unterschied zwischen Antizionismus uns Antisemitismus kannte und antwortete daher vorsichtig: „Anti-Fascist!“. Er: „Genocide Israel!“. Ich: „No good!“.

Das wars dann auch schon mit der interkulturellen Kommunikation. Das Konzert: Sound schlecht, Stimmung gut, Pogo wild. Zwei Jungs schützten die ganze Zeit die Stangen für das Volleyballnetz. Der nette Organisator Ivan hatte aus seiner Zeit in Bandung die Ultras mitgebracht und die erste Ultra-Sektion in Cilacap gegründet – antifaschistisch und antirassistisch natürlich. Ab und zu riefen die Kids dann auch: „Fuck Police“ oder „Antifa!“, wussten aber vermutlich nicht so recht, was das bedeutete. Der Chef allerdings schon, er hatte seinerzeit schon mit den Bandung Punks gegen Suharto demonstriert und versucht nun, den Kids antirassistische Ideale beizubringen. Auch in Indonesien gibt es Rassismus, der sich anscheinend aber nicht nach der Hautfarbe, sondern nach Herkunft/Ethnizität richtet. Chinesen sind besonders unbeliebt, da sie angeblich viele Geschäfte besitzen.

Nach dem Konzert gaben uns die Ultras noch ein lautstarkes Ständchen, dann ging es zum Essen in Ivans Laden, der – na was wohl – einen Fanshop betreibt. Danach wurden wir wieder mit Motorrädern zum schlichten Gästehaus an der Landstraße kutschiert, dass wir uns mit der dort lebenden Familie teilten.

United Punks in der Islamisten-Hochburg
In Tasikmalaya erwartete uns ein Festival unter dem Namen „Punk Unite #1“. Es war das größte und auch das schlechteste Konzert der Tour. Von 9.00 bis 17.00 Uhr sollten im schon bekannten 15-Minuten-Takt ganze 31 Bands über die Bühne gejagt werden. Wir kamen so gegen 15.00 an und brachten ein Gewitter mit. Hunderte jugendliche Streetpunks (die Veranstalter sprachen von 1.000 Gästen), ziemlich viele Besoffene. Auch der Punk vom Vorabend war da, keine Ahnung, wie er das geschafft hat, jetzt sah er noch fertiger aus.

Viele warteten draußen auf freien Eintritt, drinnen waren vielleicht 400 Leute in einer riesigen Mehrzweckhalle mit Blechdach, auf das der Regen trommelte. Der Boden war teilweise nicht gefliest, es gab eine Menge Pogostaub. Auch hier sorgte unsere Ankunft wieder für sehr viel Aufmerksamkeit, aber wenigstens gab es keinen Applaus. Die erste Band die wir mitbekamen war ziemlich gut, Punkrock mit Violine. Könnte Kapalang Punk gewesen sein, aber so genau wusste das keiner. Ich dachte, ich frag mal das ältere Männchen, das etwas planlos hinter dem Mischpult stand: „Do you know the band that just played?“ – „ja“ (“Ja” ist Indonesisch und heißt: ja). – „and what’s their name?“ – „ja“. (Pause). – „Do you understand me?“ – „ja“. – „So what was the band called?“ – “ja, ja”. (Pause). – “OK, thank you”.

Dann war Stromausfall, das heißt, das Benzin für den Generator war alle, der die ganze Anlage betrieb. In der halben Stunde Pause haute leider die Hälfte der Leute ab, so dass Krasskepala aus Bandung und die anschließenden KA vor stark reduziertem Publikum spielten. Bei KA war auch noch der Sound zu einem fast unhörbaren Brei geworden, so dass sich die Stimmung stark in Grenzen hielt. KA unterbrachen kurz ihr Set, weil sich der überdrehte lokale Punk-Chef mit einem anderen Irokesen prügeln wollte, doch sein Kontrahent rannte Hals über Kopf aus der Halle. Danach war die Luft endgültig raus.

Aus der verranzten, düsteren Streetpunk-Halle gings dann mit Minivan direkt in eine nagelneue gated Community namens Andalucia; hippe Einfamilienhäuschen in hellen Farben, mit Vorgarten und Balkon, wie aus dem Fernsehen. Nach dem Essen bei den Eltern gingen wir mit unseren Gastgebern (das T-Shirt eines Jungen war von einer Band namens Holocaust, darunter ein Totenkopf und der Spruch: stronger than ever) zum nahegelegenen großen Angelteich.

Beim Rückweg hörten wir ein Jaulen und bargen einen weißen Hund aus dem Straßengraben. Er war so steif und aufgebläht, dass man ihn für einen Plüschhund hätte halten können, wenn er nicht so laut gewinselt hätte. Alles deutete auf eine Vergiftung hin. Hunde haben im Islam ungefähr den Status von Ratten und werden wohl gerade in Tasikmalaya öfter vergiftet. Das Mitleid der Indonesier hielt sich denn auch in Grenzen, einer dachte sogar, der Hund würde singen (!). Trotzdem halfen alle mit, dem Hund Wasser und Milch einzuflößen in der Hoffnung, er würde das Gift wieder auskotzen. Doch wenn man den Plüschhund nach vorne kippte, lief das Wasser einfach wieder raus. Nach einer Stunde gings mit dem Plüschhund zu Ende: Weißer Schaum kam aus dem Maul, ein letzter Schiss und das wars dann. Zurück bei unseren Gastgebern stand dann wieder Essen auf dem Tisch.

Das Konzert wurde vom Barbiraga Kollektiv organisiert. Trotz der vielen Besucher haben sie ein Minus gemacht, weil die meisten keinen Eintritt gezahlt haben. Dennoch waren sie mit dem Konzert zufrieden: „Wir haben daraus gelernt. Wir haben auf jeden Fall Lust, noch einen Event zu organisieren. Denn es geht doch nicht um Musik: Viele Punks sind gekommen, wir treffen Freunde und lernen neue kennen, alle Punks kommen zusammen.“ Aber Tasikmalaya ist sehr ‚konservativ‘, was hier eher islamistisch bedeutet. Es ist die Stadt der Koranschüler. Vor zehn Jahren haben Islamisten den Punks die Haare abgeschnitten und es gibt immer wieder Übergriffe auf Punks. „Die Community hier akzeptiert uns als Punks, weil wir ihnen zeigen, dass wir nicht nur saufen und rumhängen, sondern dass wir kreativ sind. Doch die Leute von der Islamic Defenders Front hassen uns.“

Pepep und Godeh vom Kollektiv erzählen von einem Konzert in der Nähe von Tasikmalaya, dass sie im Dezember organisiert hatten: „Es war ein legales Open-Air-Konzert im Stadtpark von Singaparna. Um 15.00 kamen plötzlich 100 maskierte und bewaffnete Faschisten (sic) und drohten, die Bühne anzuzünden, wenn wir das Konzert nicht stoppen. Doch obwohl wir das Konzert beendet haben, wurden vier Punks mit einer Machete verletzt und mussten ins Krankenhaus.“ Dass sie trotzdem weitermachen, ist für sie selbstverständlich. Man muss untereinander solidarisch sein, meint Godeh: „Wir können nicht einfach alles schweigend hinnehmen. Leben heißt für mich, kreativ zu sein und zu kämpfen!“.

Pirate Punks Headquarter
Umgeben von einfachen Häusern, Tofu-Fabriken, ein paar Villen und den unausweichlichen Moscheen liegt das „Rumah Pyrata“, das (angemietete) Hauptquartier der Bandung Pyrate Punks; es ist eine der wenigen politischen Hausgemeinschaften in Indonesien. Seit einem Jahr drucken die „Pirate Punks“ hier T-Shirts, beherbergen Bands, kochen „Food not Bombs“ und seit Neuestem gibt es sogar ein Internetradio. Fast alle Punks leben noch bei ihren Eltern, denn für Männer und Frauen, die nicht miteinander verheiratet sind, ist es fast unmöglich, zusammen zu wohnen. „Einerseits müssen wir unsere Eltern respektieren und andererseits sind Leute wie ich auch sehr arm und können uns keine eigene Wohnung leisten“, erklärt Kung von den Piratenpunks. „Die Leute fangen jetzt erst langsam an, kollektiv zusammen zu leben.“

Ausländische Bands brauchen, wie schon erwähnt, eine besondere Genehmigung, die vor allem teuer ist. In solchen Fällen schreiben die Piratenpunks auf ihre Plakate, dass das Konzert im „Club Racoon“ stattfindet. Den gibt es aber gar nicht, stattdessen müssen die Leute ihre Bekannten fragen oder die Bands. In unserem Fall war der Club Racoon ein Studio mit etwas über 100 Anarchopunks. Konzert und Stimmung waren super. Alles wirkte sehr familiär, politisch und irgendwie – gesittet, ich weiß nicht, wie ich das besser sagen soll. Es war jedenfalls niemand nervig oder ätzend, obwohl sich alle tierisch mit Arak betranken. Milisi Kecoa und Krasskepala waren sehr gut und kamen auch gut an, KA übrigens auch. Krasskepala und Kontrasosial waren ziemlich bekannt, waren schon in Europa auf Tour und hatten Smeagol (aus Bremen) in guter und bleibender Erinnerung. Der Abend klang mit Ukulele und Arak am Punk-Treffpunkt vor einem Hotel aus, zum Leidwesen der Security.

Jakarta
In Jakarta, unserer letzten Station, schliefen wir in einer fetten Villa von irgendjemand. Das Haus mit Klimaanlage, Fischbassin und Golfpokalen hatte seine besten Tage schon hinter sich. Es war wahnsinnig heiß. Wir machten uns auf den Weg zu Cimots eigentlicher Familie im Viertel Manggarai. Dieser Teil von Manggarai besteht aus selbst gebauten Holz- und Steinhütten, direkt an einem reißenden, völlig verdreckten Fluss. 400 Familien in Manggarai sollen 2014 geräumt werden – alle paar Jahre dasselbe Wahlversprechen, seit den 90ern. Hier gibt es Widerstand, aber die umgebenden Viertel sind reicher. Hier in Manggarai hatte Cimot gewohnt, bis er ins Ponti gezogen ist, zum Teil auch bei dieser Familie. Daher gab es schon auf der Straße von den Kids schon ein großes Hallo.

Zur Hütte selbst führten super-enge Gänge, ich glaube, da hat kein Fremder was verloren. Bei den Überschwemmungen im Januar starben dort Leute, aber der Familie wurde „nur“ die Küche weggerissen. Inzwischen war sie aber schon wieder aufgebaut, nur die Wände waren noch nicht verputzt. Aisa erzählt: „Wir haben Geld von den Familien gesammelt, die mit im Haus leben. Wir haben gehofft, dass der Gouverneur von Jakarta kommt, um unsere Realität zu sehen. Doch er hat uns nie besucht.“

KA’s letztes Konzert fand in einem Reggae-Club namens Cocktail statt, mitten auf der Tourimeile Jalan Jaksa. Es spielten circa sechs Bands, Eintritt war Spende. Das Konzert war schön und wüst, vor allem bei KA stürzten sich die Leute von alles Seiten in den Pit; ein würdiger Abschied.

„Jeder versteht unter Rebellion etwas anderes“, sagt Aca von Straight Answer. „Einige halten es für rebellisch, sich zu besaufen. Andere prügeln sich. Aber nach all den Jahren denke ich, dass es die wahre Rebellion ist, so lange in der Punk und Hardcore-Szene zu sein. Denn in Indonesien musst du als Punk oder Hardcore-Kid zuerst gegen die Familie kämpfen, weil die Familie will, dass du normal bist. Der Familiendruck ist hier sehr groß.“

Nachtrag: Die politischen Punks in Indonesien haben sich toll um uns gekümmert und leisten Großes – trotz aller Widerstände seitens Behörden und Gesellschaft. Besonders gut sind uns die Leute in Medan, Jakarta und Bandung in Erinnerung geblieben. Von deren Gastfreundschaft können sich die Europäer einige Scheiben abschneiden!

Kami Ada hingegen machen Pause – vielleicht für immer. Schon auf der Tour waren die Kommunikationsprobleme unübersehbar geworden, geknallt hat es aber erst hinterher.

Text: Darius Ossami

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