August 16th, 2019

Proud to be Punk Fanzine (#196, 2019)

Posted in interview by Jan

Proud to be Punk – Punk in Sachsen

Das Proud to be Punk Fanzine habe ich tatsächlich erst über mein Mitwirken beim Trust wirklich kennen und schätzen gelernt. Irgendwann befand es sich halt im Stapel der Fanzines, die hier vor jeder Ausgabe herumgereicht werden. Der erste Eindruck ist, es handelt sich um ein klassisches A5er-Zine, wo ein Protagonist auf unwahrscheinlich vielen zusammen kopierten Seiten über sein Leben berichtet, seine Lieblingsbands vorstellt und Besprechungen schreibt.

Doch würde man das Heft darauf reduzieren, täte man dem Proud to be Punk unrecht. Denn in jedem Heft steckt immer eine Menge Persönliches, Politisches und viele Anregungen, über diverse Dinge nachzudenken. Daher freue ich mich heute immer, wenn das Heft im Briefkasten liegt. Die Idee das Interview zu machen, kam auch daher, dass Jan vor Ort aktiv ist und selbst viel Mist erlebt hat. Und ich gebe zu, einige der nächsten Zeilen sind quälend [Achtung, rechte Gewalt kommt explizit vor] und gleichzeitig frage ich mich, warum die Ursachen von rechter Gewalt – vor allem, aber nicht nur in Sachsen – nicht struktureller auf- und angegriffen werden?

Wie blind ist auch unsere Punk-/Hardcoreszene gegenüber diesen Zuständen? Wie können wir helfen, unterstützen, aufbauen? Ich muss tatsächlich sagen, dass ich immer noch nicht weiß, was ich schlimmer finde: Behörden, wie das sächsischen Amt für Verfassungsschutz und ihr Aufbauen von rechten Strukturen und Vorgehen gegen vermeintliche linke Bands, oder die Gewalt in der Gesellschaft, die in den letzten 30 Jahren zu Toten und Schwerverletzten geführt hat. Gleichzeitig mein voller Respekt allen, die in solchen Umständen die Gedanken von DIY aufrecht erhalten, sich nicht einschüchtern lassen, für Menschlichkeit einstehen, für ein gesellschaftliches Miteinander.

Hallo Jan. Lass mal anfangen mit ein paar Basics: Seit 2002 veröffentlichst Du das Proud To Be-Punk Fanzine, damals noch als Teenager. Was war damals Dein Antrieb das Fanzine herauszubringen?
Hi Mika! Erst einmal vielen Dank für die Möglichkeit, dir hier zu einigen Fragen Rede und Antwort zu stehen. Wagen wir einmal eine kleine Zeitreise und lassen uns insgesamt 18 Jahre in die Vergangenheit zurück katapultieren: Wir befinden uns in einem kleinen Kaff inmitten der tiefsten sächsischen Provinz. Es sind Sommerferien, die Langeweile regiert. Mein Freund Manu sowie meine Wenigkeit mussten uns also überlegen, wie wir die Zeit in den kommenden Wochen sinnvoll totschlagen können. Aus einer Bierlaune heraus griff ich wieder einmal den Plan auf, dass wir doch zusammen ein Fanzine herausgeben könnten.

Ich hatte zuvor schon zwei Fanzine-Versuche hinter mir: zum einen ein Heft namens „Zeckenzucht“, das aus einer Handvoll am Computer ausgedruckter A4-Blätter bestand, von dem es drei oder vier Ausgaben gab und das in einer Auflage von vier oder fünf Exemplaren auf dem Schulhof an Freund_innen vertickt wurde. Zum anderen gab es noch ein gleichnamiges Fanzine im A5-Format, das ich allerdings aus Ideenmangel und fehlender Motivation nie fertiggestellt hatte. Nachdem Manus Computer ohne Vorwarnung mitsamt seinen geistigen Ergüssen, die für unsere Gazette bestimmt waren, in den ewigen Technikjagdgründen eingegangen war, hatte er die Lust an unserem Fanzine-Projekt schnell wieder verloren. Ich war jedoch Feuer und Flamme und veröffentlichte einige Monate später endlich die erste Ausgabe des „Proud to be Punk“-Fanzines.

Eigentlich sollte das Fanzine ein einmaliges Unterfangen bleiben, da ich zu dieser Zeit noch ein kleines Label namens „Zeckenzucht Records“ betrieb, mit dem ich recht gut ausgelastet war und eigentlich nur einmal wissen wollte, wie es ist, ein Fanzine auf die Beine zu stellen und herauszugeben. Da jedoch das Feedback auf die erste Ausgabe erstaunlich gut ausfiel und es in unserer Region ohnehin sehr stark an Fanzines mangelte bzw. immer noch mangelt, blieb ich weiter am Ball und muss sagen, dass das Heft im Laufe der Jahre ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden ist, den ich auch heute definitiv nicht missen möchte.
Du hast Dich ja mal länger in einem Vorwort mit dem Namen auseinander gesetzt. „Proud“, zu Deutsch „Stolz“, ist ja ein häufig sehr problematischer Begriff. Du beziehst ihn null auf die Nation, aber schon auch auf eine (imaginäre?) Gemeinschaft. Was hat Dich dazu bewogen, das Heft doch weiter so zu nennen? Was waren Deine Gedanken?
Hm, vielleicht würde ich heutzutage einen anderen Namen wählen, wenn ich erst jetzt mit der Herausgabe eines Fanzines beginnen würde. Andererseits ist es aber auch nicht so, dass ich nicht mehr hinter dem Namen stehe oder ihn sogar bereue, weshalb ich noch nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt habe, das Fanzine umzubenennen. Man muss in dieser Hinsicht schließlich berücksichtigen, dass ich das Fanzine im zarten Alter von 16 Jahren ins Leben gerufen habe und viele Dinge in meinem Leben noch nicht oder noch nicht so intensiv reflektiert habe, wie es heutzutage gewiss der Fall ist.

Ich denke, in dieser Hinsicht geht es alters- und entwicklungsbedingt wohl den meisten von uns so.
Jedenfalls hat es mich damals extrem angekotzt, dass Punks immer als die besoffenen, Kohle schnorrenden No-Future-Assis vom Bahnhofsvorplatz gesehen wurden und dieses Klischeebild durch viele Punks zum damaligen Zeitpunkt auch noch ganz bewusst bestätigt worden ist. Damit konnte (und kann) ich mich bis heute absolut nicht identifizieren, wenngleich ich meine anfängliche Abneigung gegen Straßenpunks mittlerweile so gut wie restlos abgelegt habe, da ich im Laufe der Jahre einfach einige von ihnen und ihre dazugehörigen Lebensgeschichten kennen gelernt habe.

Heutzutage akzeptiere ich, dass dies auch eine Facette von Punk sein kann, aber eben nur eine von vielen. Punk nur mit Suff, Schnorren und Gammeln zu assoziieren, war für mich persönlich allerdings schon seit jeher zu stumpf. Für mich ist Punk Kreativität und Produktivität – wer also den ganzen Tag nur herumgammelt und sich zudröhnt – sei es mit Drogen aller Art, sei es mit Fernsehen, sei es mit ziellosem Surfen im Internet, etc. –, kann das zwar gerne weiterhin so zelebrieren, aber das hat nichts mit Punk zu tun, wie ich ihn verstehe. Für mich stand schon immer fest, dass die Szene durch die Szene selbst lebt und dass hierbei alle ihren Teil beitragen können. Saufen, Schnorren und Gammeln trägt aber ganz gewiss nicht dazu bei, Szenestrukturen aufzubauen oder zu erhalten.

Das Faszinierende an Punk ist für mich das Faszinierende: Wir können alles selbst machen! Bands gründen, Songs schreiben, Alben aufnehmen, Konzerte und Touren organisieren, Fanzines herausbringen, uns untereinander vernetzen oder uns auf vielfältige Weise politisch engagieren. Wir können uns weitestgehend unabhängig machen von Booking-Agenturen, kommerziellen Clubs mit überhöhten Preisen und lästiger Security, teuren Tonstudios, kommerziellen Musikmagazinen voller Werbeanzeigen und nichtssagenden Interviews oder verlogenen Parteien. Wir alle können uns mit unserem Wissen und unseren Fähigkeiten einbringen. Die einen gestalten Flyer für Konzerte, die andere dann verteilen oder als Plakate verkleben.

Einige andere kochen für die Bands oder stellen Schlafplätze zur Verfügung, wieder andere kümmern sich um die Technik und die nächsten betreuen Einlass und Bar, während die Bands selbstgeschriebene Songs spielen, die sich an eigenen Gedanken und Erfahrungen und nicht an irgendwelchen Publikumstrends orientieren. Einige leisten wiederum wichtige Bildungsarbeit, indem sie Broschüren herausgeben, Vorträge halten und Workshops durchführen, wie wir es mit unserem Verein Bon Courage e.V. seit mittlerweile zwölf Jahren in die Tat umsetzen. Wieder andere tragen ihre politischen Ideale durch Aufkleber, Plakate und Graffitis auf die Straße oder organisieren eine Demo.

Es gibt so viele Beispiele, die belegen, was wir erschaffen können, wenn wir zusammenarbeiten und uns gegenseitig helfen. Zu sehen, wie dieses sich daraus entwickelnde Netzwerk funktioniert, ohne dass hierbei Geld eine bedeutende Rolle spielt, macht mich immer wieder glücklich. Ebenso glücklich bin ich darüber, u.a. dank des Fanzines ein kleiner Teil eben jenes großen Netzwerkes zu sein. Und genau in diesem Punkt spiegelt sich meine Assoziation wider, wenn die beiden Begriffe Punk und Stolz in einem Atemzug genannt werden: wir können stolz darauf sein, mit Herz, Hirn und Hand selbst etwas Unabhängiges zu erschaffen, das unsere Ideale beinhaltet oder selbige widerspiegelt. Das ist einfach verdammt geil!
Wir schreiben ja jetzt 2019. Nach einer großen Schwächephase gibt es nun wieder ein paar tolle A5-Fanzines mehr. Du gehörst ja jetzt – vor allem von den Nummern her – schon zu den alten Hasen, die über viele Jahre aktiv sind. Was ist für Dich Dein Hauptantrieb heute noch ein Punkfanzine zu machen?
Ideell betrachtet motiviert mich einerseits der Drang, dieser „Szene“ etwas zurückzugeben, aus der ich so viel Energie ziehe und selbige zugleich in einer Art und Weise mitzugestalten, wie ich Punk interpretiere – als selbstbestimmte, aktiv gestaltende und politisch motivierte Lebenseinstellung. Ganz pragmatisch gesehen stoße ich aber natürlich immer wieder auf Bands und Polit-Gruppen, Bücher oder Filme, die durch die von ihnen vermittelten Inhalte mit meinen Vorstellungen von Punk und Politik im Kern konform gehen und die ich deshalb gern unterstützen möchte, indem ich sie anderen in meinem Fanzine vorstelle.

Mein Ziel ist es, Szenestrukturen zu vernetzen und zu festigen, indem wir uns kennenlernen, uns gegenseitig unterstützen und voneinander lernen – so unter anderem, indem ich Andere beispielsweise im Vorwort an meinen Gedanken teilhaben lasse oder die im Heft interviewten Leute den Leser_innen, wie auch mir, durch ihre Antworten Denkanstöße mit auf den Weg geben.
Ein äußerst schöner wie auch bereichernder Nebeneffekt hierbei ist natürlich die Tatsache, dass man über die Jahre hinweg unglaublich vielen tollen Menschen begegnet, sich austauscht, gegenseitig hilft und quasi in ganz Deutschland, aber auch im Ausland, irgendwie immer einen kostenlosen Pennplatz organisieren kann, wenn man wieder einmal auf Reisen geht.

Damit schließt sich auch wieder der Kreis zum Fanzine selbst, denn oftmals erlebt man ja auf derartigen Reisen allerhand Interessantes, das ruhig für das eigene Pamphlet zu Papier gebracht werden sollte, um es wiederum mit anderen zu teilen.
Das stimmt. Auf die internationale Vernetzung will ich später noch mal zurück kommen. Aber lass mal erst mal beim Zine bleiben. Du vertreibst einen Teil Deiner Hefte über Mailorder und Plattenkisten. Machst Du auch noch den klassischen Handverkauf aus Konzerten? Wenn ja, welche Rückmeldungen bekommst Du?
Aufgrund der dank meines damaligen Labels bestehenden Mailorderkontakte habe ich mich eigentlich von Anfang an nur sehr spärlich darum bemüht, mein Heft bewusst auf Konzerten unter die Leute zu bringen. Ich hasse es einfach, anderen irgendetwas anzudrehen, und möchte mir auf Konzerten lieber in Ruhe die Bands geben, gemütlich mit meinen Freund_innen quatschen und das ein oder andere Bierchen verhaften.

Darum bin ich auch sehr froh darüber, auf ein ganz ansehnliches Netz an Weiterverkäufer_innen in ganz Germoney sowie Österreich und der Schweiz vertrauen zu können, die mir zum Großteil schon seit vielen Jahren immer einen Schwung Fanzines abnehmen, um sie in ihren Mailordern und Plattenläden, in ihrem Freundeskreis oder auf den von ihnen organisierten Konzerten anzubieten. An dieser Stelle einmal ein dickes Dankeschön an all diejenigen, die mich in dieser Hinsicht unterstützen! Nichtsdestotrotz habe ich aber auch immer eine Handvoll Hefte bei mir, wenn ich auf Konzerte gehe – schließlich gibt es ab und zu schon Interessent_innen, die auf mich persönlich zu kommen, um ein Proud to be Punk abzugreifen.

Tja, und manchmal verschenke ich einfach Hefte, wenn ich neue Leute kennen lerne und diese mir sympathisch sind. Rückmeldungen bekomme ich natürlich in der Regel in erster Linie durch die Reviews, die in anderen Fanzines über mein Heft erscheinen und mal mehr, mal weniger tiefgründig und aussagekräftig ausfallen. Darüber hinaus werde ich im Freundeskreis hin und wieder mal auf einen Artikel oder ein Interview angesprochen und wenn es richtig gut läuft, trudeln innerhalb eines Jahres vielleicht eine Handvoll Leser_innenbriefe bzw. -E-Mails bei mir ein. In dieser Hinsicht würde ich mir mehr Feedback wünschen, da ich Fanzines im Idealfall als Kommunikations- und Diskussionsplattform ansehe – aber das ist wohl heute nicht mehr zeitgemäß …
Wir sind uns sicherlich schnell einig, dass wir unterschiedliche Dinge musikalisch als Punk verstehen. Das Proud To Be Punk fokussiert ja schon stark auf Bands aus dem Crust- und Anarchopunk-Umfeld. Wenn Du fünf All-Time-Klassiker und fünf aktuelle Platten nennen darfst, welche wären das? Wie wichtig war diese Musik (und die Texte) für Deine Politisierung?
Hm, ich finde, dass sich das Proud to be Punk nicht (mehr) auf Crust fokussiert, sondern die im Heft behandelte Genrebandbreite doch recht vielseitig ist und von Deutschpunk über Streetpunk und HC-Punk bis hin zu Hip Hop und Liedermacher_innen reicht. Musikalisch bin ich da recht offen. Wichtig ist jedoch natürlich, dass die Bands auch etwas zu sagen haben. Aber kommen wir zu deiner eigentlichen Frage: Also, folgende Scheiben gehen immer und werden von mir bevorzugt gehört, wenn es mir scheiße geht und ich etwas brauche, das mich aufmuntert oder mir als Ventil für meine miese Laune dient:
• Toxoplasma – alles (ganz besonders aber die erste Scheibe sowie die Alben „Gut und böse“ sowie „Leben verboten“)
• WWK – Bestie Mensch LP
• Paragraf 119 – Du har ikke en chance LP
• The Annoyed – Propaganda und alte Werte LP
• Conflict – alles

Zur Zeit finden sich die folgenden Alben des Öfteren auf meinem Plattenteller ein:
• Rotten Mind – I`m alone even with you LP
• Syndrome 81 – Bètonnostalgie LP
• Litovsk – Dispossessed LP
• Ashkara – In silence LP
• Rata Negra – Oido Aboluto LP

In meiner Jugendzeit, als ich als blutjunger Kid-Punker immer wieder von Dorfnazis, Discoprolls und ähnlich ekelhaften Auswüchsen der sächsischen Provinzgesellschaft angepöbelt, bedroht und geschlagen worden bin, waren es vor allem Bands wie The Annoyed, Korrupt, Toxoplasma oder Versaute Stiefkinder, die mir durch ihre Musik, aber vor allem auch angesichts ihrer explizit antifaschistischen Texte enorm viel Kraft sowie Mut gespendet und mir die Gewissheit gegeben haben, dass ich mich trotz aller Widerstände auf dem richtigen Weg befinde. Diese Bands bedeuten mir dementsprechend sehr viel, weshalb ich sie heute noch gern höre – damit sind eben viele sehr prägende Erinnerungen verbunden.
Den Anstoß für meine Politisierung haben die Texte zahlreicher Punk-Bands sicher gegeben.

Die Politisierung selbst hat sich dann aber eher im Zuge von persönlichen Erfahrungen, durch Gespräche mit Freund_innen, die mir wichtige Denkanstöße gegeben haben, oder dank der Lektüre von Broschüren und Büchern vollzogen. Dieser Umstand ist ja nicht weiter verwunderlich, wenn man sich die sehr begrenzten Möglichkeiten des Textes eines Punk-Songs anschaut, einen bestimmten Themenkomplex zu behandeln. Nehmen wir als Beispiel den großartigen Song „Independentzia“ von The Restarts: Die dazugehörigen Lyrics können Schlagwörter zu den nachvollziehbaren Unabhängigkeitsbestrebungen des Baskenlandes gegenüber Spanien aufwerfen, aber verständlicherweise nicht den gesamten historischen, politischen und sozialen Kontext erklären, um beispielsweise die jahrzehntelange Unterdrückung des Baskenlandes durch den faschistischen Diktator Franco und die damit verbundenen Aktivitäten der ETA zu verstehen.

Dafür sollte man dann doch mal ein Buch zur Hand nehmen oder direkt hinreisen, um sich das Land anzusehen und um persönlich mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich kann beides nur wärmstens empfehlen.
Du berichtest im Zine ja auch konsequent über die lokale Punkszene in Sachsen. Wie wichtig ist Dir dieser lokale Bezug? Wie bewertest Du die Szene in Sachsen, vor allem abgesehen von Leipzig und Dresden?
Fernab jeglicher lokalpatriotischer Scheiße – warum sollte ich mich bitteschön emotional mit einem Drecksbundesland wie Sachsen verbunden fühlen – ist es mir sehr wichtig, das Fanzine u.a. dafür zu nutzen, regionale Szenestrukturen zu unterstützen, indem ich sie z.B. im regelmäßigen Sachsen-Szene-Report vorstelle. Das ist für mich ein Ausdruck der Unterstützung und Solidarität denjenigen gegenüber, die in unserer Ecke die Szenestrukturen – oftmals bereits seit vielen Jahren schon – mit Leben füllen und am Leben erhalten.

In der Regel handelt es sich hierbei um einen Freundschaftsdienst, da ich mit den entsprechenden Leuten auf persönlicher Ebene mal mehr, mal weniger zu tun habe. Ich verfolge hierbei das Ziel, Szenestrukturen – natürlich auch über die Grenzen Sachsens hinaus – miteinander zu vernetzen, was hin und wieder durchaus auch gelingt: So freut es mich z.B. immer sehr, wenn hiesige Bands ihren Bekanntheitsgrad dank des Proud to be Punks etwas ausdehnen können, indem sie beispielsweise Konzertanfragen aus anderen Ecken der Republik abgreifen, nachdem sie in meinem Heft aufgetaucht sind.

Auch wenn Sachsen einerseits natürlich ein ziemlich brauner Sumpf ist, so gibt es andererseits aber glücklicherweise in vielen oftmals eher provinziell-kleinstädtischen Ecken dieses Bundeslandes jeweils eine Handvoll Leute, für die Punk wie oben bereits erwähnt eben keine hohle Worthülse ist, sondern eine konkrete Lebenseinstellung, die selbstorganisiert mit viel Herzblut und Inhalt ausgefüllt wird. Wen es also einmal nach Sachsen verschlägt, sollte sich – zumindest laut meiner gänzlich subjektiven Sicht – folgende Läden nicht entgehen lassen:

Da wäre beispielweise der Schuldenberg (www.projekt-schuldenberg.net) im vogtländischen Plauen, der bereits seit 1994 existiert und in dem sich neben einer gemütliche Kellerkneipe auch ein kleiner Infoladen befindet. Natürlich gehen hier hin und wieder Konzerte über die Bühne, wobei ich euch u.a. das alljährlich stattfindende Hausband-Konzi und das anarchistische Terrassenfest wärmstens empfehlen kann.

Nicht weit von Plauen entfernt liegt das erzgebirgische Schwarzenberg, in dem die Unanbeatbar (www.unanbeatbar.de.vu) beheimatet ist. Seit geraumer Zeit finden regelmäßig zahlreiche Konzerte in dem recht abgelegenen Wohn- und Kulturprojekt statt. Im September eines jeden Jahres steigt hier das Atomkinder-Festival, das sich über zwei Tage erstreckt. Darüber hinaus organisiert der sehr sympathische Agenda Alternativ e.V. (www.agenda-alternativ.de) in Schwarzenberg und Umgebung jedes Jahr das äußerst vielseitige Stains in the sun-Festival, das nicht nur auf musikalische Unterhaltung, sondern auch auf Bildungsarbeit in Form von Vorträgen, Workshops und Ausstellungen setzt – sehr zu empfehlen!

Ein Schuppen, der sehr viel sympathischen DIY-Spirit versprüht, ist die Barrikade (www.barrikade-zwickau.blogspot.de) in Zwickau, in der regelmäßig Konzerte besucht werden können. In Zwickau findet übrigens jedes Jahr auf dem Flugplatz der Stadt das sehr empfehlenswerte Störfaktor-Festival statt.
Unweit von Zwickau findet ihr Glauchau auf der Landkarte, das schon seit vielen Jahren das Cafè Taktlos (www.cafe-taktlos.de) beheimatet. Hier könnt ihr den ein oder anderen schönen Abend verbringen, wenngleich ich die Bandauswahl bei den Konzerten oftmals etwas weniger interessant finde.
Ebenso angenehm ist es im AZ Dorftrottel (www.az-dorftrottel.de) in Waldkirchen. Obwohl das AZ Dorftrottel lediglich ein gemütlich ausgebauter, ehemaliger Schweinestall ist, haben sich hier schon viele größere Bands die Klinke in die Hand gegeben.

Wer keinen Bock auf Konzerte hat, sondern sich stattdessen lieber einmal ordentlich den Wanst vollhauen oder sich mit allerlei Lesenswertem eindecken möchte, sollte ruhig einmal im Infoladen La Bombonera (www.facebook.com/infoladen.labombonera) in Limbach-Oberfrohna vorbeischauen. Einen dicken Daumen an dieser Stelle für die Leute, die sich über viele Jahre hinweg dem ganzen Nazi-Terror in Limbach-Oberfrohna widersetzt haben und immer noch widersetzen sowie diesen Infoladen aufgebaut haben, nachdem eine Gruppe von Nazis auf das erste Hausprojekt einen Brandanschlag verübt hat.

Wir arbeiten uns weiter in Richtung Chemnitz vor. Neben einem großen AJZ (www.ajz.de) kann ich euch hier die Zukunft (www.kompott.cc) – auch Kompott genannt – empfehlen. Hierbei handelt es sich um ein recht kunterbunt zusammengewürfeltes Wohnprojekt, in dem sich seit einigen Monaten gelegentliche Punk-Konzerte etablieren. Dann gibt es in Chemnitz noch den B-Hof (ohne Homepage), ein alter, eher am Stadtrand gelegener Dreiseitenhof, der auch unter dem Namen Crasspub bekannt ist. Hin und wieder gehen hier Konzerte über die Bühne, von denen man allerdings meist nur über Mundpropaganda erfährt, da Flyer entweder nicht existieren oder rar gesät sind. Sehr zu empfehlen ist das hier stets im März stattfindende Crasspub-Festival, das sich über ein ganzes Wochenende erstreckt.

Und wer Bock auf kalte Füße, heißen Glühwein und die volle Packung Punk und Pogo hat, sollte sich das Frost-Punx-Picknick (www.provinzugerilla.de) im erzgebirgischen Lugau nicht entgehen lassen, bei dem es sich um das erste Open Air im Jahr auf dem Boden Germoneys handelt und das vor ansteckender DIY-Punk-Attitüde nur so strotzt. Tja, und da wir gerade bei Festivals angekommen sind, darf das ebenfalls bereits seit etlichen Jahren stattfindende Save the Scene-Festival nicht unerwähnt bleiben, auf dem sich kleine wie große Punk-, Hardcore- und Hip Hop-Acts die Klinke in die Hand geben und das im November diesen Jahres zum wiederholten Mal im AJZ Leisnig über die Bühne gehen soll.

Auch an Bands besteht in unseren Gefilden glücklicherweise kein Mangel. In dieser Hinsicht kann ich euch z.B. Asselterror (rotziger Deutschpunk à la Schleimkeim aus Lunzenau), Crème Brüllè (HC-Punk aus Plauen), Klostein (Deutschpunk aus Zwickau) oder One Step Ahead (Antifa-HC-Punk aus Limbach-Oberfrohna) ans Herz legen.

Was Fanzines angeht, so wurde erst vor wenigen Monaten das lesenswerte Passion Means Struggle-Fanzine in Plauen aus der Taufe gehoben, das unsere sehr spärliche Fanzine-Landschaft mit einer interessanten Mischung aus HC-Punk und Politik bereichert.

Ich denke, dass anhand all dieser Beispiele recht schnell deutlich wird, dass die Szene – zumindest in dem Teil Sachsens, in dem ich lebe – doch recht vital ist. Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass es in der Regel recht wenige und vor allem immer die gleichen Leute sind, die gleichzeitig sehr viele szenerelevante Aktivitäten stemmen. Da wäre ein kleiner Schwung an motiviertem Nachwuchs natürlich wünschenswert, um gerade die Konzertläden auch zukünftig am Leben erhalten zu können. Aber das ist zweifelsohne ein Problem, das sich nicht nur auf Sachsen erstreckt…
Spannend zu lesen, wie viel in Sachsen passiert. Gleichzeitig scheinen die Repressionen zu zunehmen. So tauchten im sächsischen Verfassungsschutz im Jahr 2018 mehrere paar Punk-Bands aus Sachsen auf. Fast schon zynisch zu nennen, dass zu einer Zeit, in der das Bundesland immer wieder mit Gewalt von Rechts, rechten Terrorgruppierungen und rechten Hooligans konfrontiert ist, sich die Behörde um ein paar Punkbands kümmert. Du hast Dich in Nummer 29 des Proud To Be Punk mit dem Verfassungsschutzbericht auseinander gesetzt, aber vielleicht noch mal hier: Wie bewertest Du die Aufnahme der Bands in den Verfassungsschutzbericht? Ist Punk in Sachsen noch so groß, dass es eine Bedrohung für den Staat sein kann? Oder ist das nur der jämmerliche Versuch des VS, von anderen Problemen abzulenken?
Bis ins Jahr 2017 hinein hat das Sächsische Landesamt für Verfassungsschutz mit Dr. Ulrich Undeutsch und Sozialer Fehltritt lediglich zwei Bands innerhalb Sachsens als „linksextremistisch“ eingestuft. Infolge einer kleinen Anfrage seitens des AfD-Abgeordneten Carsten Hütter vom 22. Juni 2018, in der dieser „Auskunft über Neugründungen von extremistischen Gruppierungen bzw. von bereits bestehenden Gruppierungen, die erstmals oder wieder extremistische Ausrichtungen aufwiesen“, begehrte, wurde jedoch bekannt, dass der Verfassungsschutz unter der Rubrik „linksextremistische Musikszene“ zum damaligen Zeitpunkt bereits insgesamt acht Bands gelistet hat, unter denen sich u.a. One Step Ahead, Kommando Kronstadt, Fontanelle oder Flag Smasher befanden.

Innerhalb der vergangenen Monate hat diese Übersicht weiteren Zuwachs erhalten, so dass sie mittlerweile insgesamt zwölf Bands umfasst, die der sächsische Verfassungsschutz als „linksextremistisch“ einstuft – darunter nunmehr auch Social Enemies, Selbztjustiz, SharpXCut oder Spartanics. Am Rande sei erwähnt, dass es kein anderes Bundesland gibt, das auch nur annähernd so viele Bands unter dem vermeintlichen Label „linksextremistisch“ beobachtet.

Wenn wir diese Entwicklung einmal zusammenfassen, so lässt sich folglich festhalten, dass sich die Anzahl der vom sächsischen Verfassungsschutz als „linksextremistisch“ eingestuften Bands von 2017 auf 2018 – also innerhalb nur eines Jahres – versechsfacht hat, was definitiv nicht darauf zurückgeführt werden kann, dass die neu hinzugekommenen Bands erst 2018 gegründet worden wären, denn selbst der Verfassungsschutz hat mittlerweile ermitteln können, dass die angeführten Bands zum Teil bereits wesentlich früher ins Leben gerufen worden sind.

Ich würde hier vielmehr von einer Offensive des sächsischen Verfassungsschutzes sprechen, die sich gegen vermeintlich „linksextremistische“ Bands richtet und meines Erachtens nach ein Symptom der allgemeinen, gesamtgesellschaftlich immer weiter nach rechts zusteuernden Situation in Sachsen darstellt. In deren Zusammenhang sollen vor allem linke Akteur_innen und Strukturen überwacht, öffentlich diffamiert und eingeschüchtert werden.

Darüber hinaus wird mit dieser Offenlegung einer vermeintlich „linksextremistischen“ Szene zudem der Versuch übernommen, rechte Strukturen und Aktivitäten innerhalb Sachsens zu verharmlosen, indem der Verfassungsschutz ganz im Sinne der so genannten „Extremismustheorie“ darauf abzielt, das Konstrukt einer angeblich immer größer werdenden, sich radikalisierenden „linksextremistischen“ Szene in die politische Waagschale zu werfen. Ziel hierbei ist es – gerade nach den rassistischen Demonstrationen und Ausschreitungen infolge des Todesfalls von Daniel H. in Chemnitz im August des vergangenen Jahres –, Sachsen von dem Image reinzuwaschen, ein brauner Sumpf zu sein. Tja, und ganz nebenbei schafft sich der Verfassungsschutz somit selbst seine Existenzberechtigung, indem er möglichst viele Personen und Strukturen als „beobachtungswürdig“ labelt.

Der Grünen-Abgeordnete Valentin Lippmann, der gern einmal wie z.B. beim desaströsen Prozess gegen die Freie Kameradschaft Dresden kritisch bei den Behörden nachhakt, forderte in seiner kleinen Anfrage vom 11. September 2018 schließlich eine Begründung vom sächsischen Verfassungsschutz ein, warum ausgerechnet die genannten Bands als „linksextrem“ eingestuft werden. Der Verfassungsschutz verzichtete in seiner Antwort gänzlich darauf, konkrete Songtitel oder gar Textzitate der Bands anzuführen, um seine Zuordnung zur „linksextremistischen Musikszene“ zu belegen, sondern beließ es lapidar bei sehr allgemein formulierten Vorwürfen.

Folglich wird Dr. Ulrich Undeutsch beispielsweise vorgeworfen, dass „,Antirepression’ (…) als Reaktion auf vermeintliche ,Gewalt des Systems’ verstanden“ werde. Flag Smasher wird zur Last gelegt, dass deren Songs „neben ,Antifaschismus’/,Antirepression’ auch den ,Klassenkampf’“ behandeln würden. Fontanelle hätten sich zu Schulden kommen lassen, sogar einen „aggressiven ,Klassenkampf’“ zu vertreten. One Step Ahead würden „ihre Zugehörigkeit zur autonomen Szene durch die Verwendung des Symbols der ,Antifaschistischen Aktion’ im Bandlogo“ dokumentieren.

SharpXCut wird zur Last gelegt, „[a]uf Konzerten (…) im kommunistischen Duktus die Entwicklung eines ,revolutionären Klassenbewusstseins’“ anzusprechen. Social Enemies würden „im Internet und in ihren Texten Positionen der autonomen Szene“ vertreten. Spartanics wird verübelt, dass sie sich u.a. Antifaschismus als Themenfeld für ihre Texte auserkoren haben und so weiter.

Dass der sächsische Verfassungsschutz bei mehreren Bands ausgerechnet Antifaschismus als vermeintliche Begründung für deren Einordnung als „linksextremistisch“ anführt, den Begriff Antifaschismus gar in diffamierende Anführungszeichen setzt und somit eine öffentliche Diskreditierung antifaschistischer Gesinnung forciert, stimmt nachdenklich, ist bei genauerer Betrachtung letztendlich aber kein Novum.

Dabei wäre es gerade jetzt, gerade nach den rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz im vergangenen Jahr, gerade in Hinblick auf die bevorstehende Landtagswahl und den damit drohenden Wahlerfolg der AfD umso notwendiger, Antifaschismus in der Öffentlichkeit nicht noch stärker als „extremistisch“ zu brandmarken, sondern dessen gesellschaftliche Wichtigkeit zu betonen, dem voranschreitenden Rechtstrend wenigstens stückweit Einhalt zu gebieten.

Dass wir in dieser Hinsicht beim Verfassungsschutz jedoch definitiv an der falschen Adresse sind, braucht hier nicht näher ausgeführt zu werden, ist der Verfassungsschutz doch nicht Teil der Lösung, sondern schwerwiegender Teil des Problems, indem er im Sinne der so genannten „Extremismustheorie“ linke und rechte Ideologien vollkommen unreflektiert gleichsetzt und die Forderung nach einer befreiten Gesellschaft auf der einen und rassistische Menschenverachtung auf der anderen Seite fröhlich in einen Topf wirft.

Und dass der Verfassungsschutz beim Themenkomplex Klassenbewusstsein bzw. Klassenkampf hellhörig wird, verwundert auch nicht weiter, stellt er doch eine staatliche Institution in einem kapitalistischen System dar, deren vermeintliche Aufgabe eben nicht nur primär darin besteht, den Staat durch die Beobachtung seiner vermeintlichen oder realen Gegner_innen zu schützen, sondern somit sekundär zum Erhalt kapitalistischer Wirtschaftsprozesse beizutragen. Dabei wäre es so wichtig, dass sich die Arbeiter_innen hierzulande nicht im kapitalistisch gelenkten Konkurrenzkampf verrennen, sondern sich stattdessen organisieren, sich ihrer Rechte, ihres verschleierten Einflusses bewusst werden und dementsprechende Forderungen zur Verbesserung ihrer Arbeits- und damit ihrer Lebenssituation stellen.

Dass Songtexte, die sich gegen staatliche Repression richten, dem Staat ein Dorn im Auge sind, ist aus dessen Sicht natürlich logisch, fühlen sich die staatlichen Repressionsorgane doch durch Antirepressionsarbeit wie jene des Roten Hilfe e.V. oder szeneinternen Solidaritätsaktivitäten in ihrem – wie wir wissen gesetzlich nicht immer gedecktem – Treiben doch gestört. Dass Unterstützung und Solidarität jedoch gerade in stressigen Situationen enorm wichtig sind, wenn die Cops beispielsweise im Zuge einer Demo wieder einmal mit völlig überzogener Gewalt durchgreifen, wissen wir zweifelsohne alle selbst …
Wie reagieren die Bands? Welche Auswirkungen hat das für die Bands an Auftrittsmöglichkeiten zu gelangen und gibt es Konsequenzen für die Bandmitglieder?
Gibt es Überlegungen, diese Überwachung zu instrumentalisieren, wie es damals Feine Sahne Fischfilet gemacht haben? Oder anderweitig dagegen vorzugehen? Wenn ja, wie, wenn nein, warum nicht?
Der Großteil der Bands reagiert mit Galgenhumor und lässt sich in seiner inhaltlichen Ausrichtung – zumindest meiner Einschätzung nach – nicht beirren. Dass die Einstufung als „linksextremistisch“ über kurz oder lang für die betroffenen Bands jedoch nicht ohne Folgen bleibt, liegt auf der Hand – wir befinden uns schließlich in Sachsen. So berichten beispielsweise One Step Ahead in einer darauf bezogenen Stellungnahme, dass bei ihren „letzten Konzerten in Sachsen (…) sich (…) wiederholt das LfV [Landesamt für Verfassungsschutz] Sachsen im Voraus bei den Veranstalter_innen und den Stadtverwaltungen mit der Bitte gemeldet [hat], dass sie uns doch lieber nicht spielen lassen sollen. (…) In unserer Heimatstadt Limbach-Oberfrohna zum Beispiel hat sich dann der Präventivrat zusammen mit der Polizei in einer Sitzung unser Album angehört, um nach ,problematischen’ Textzeilen zu suchen.“

Im Falle von Dr. Ulrich Undeutsch haben die Beamt_innen dann gleich einmal persönlich vorbeigeschaut, wie einem Artikel der Wochenzeitung Jungle World mit dem Titel „Hardcore im Kriminalpräventiven Rat“ zu entnehmen ist: „Nachdem das LfV im vergangenen Jahr der Polizeidirektion und dem Landratsamt des Erzgebirgskreises ein Konzert der Band Dr. Ulrich Undeutsch im ,AZ Dorftrottel’ angezeigt hatte, stand denn auch prompt die örtliche Bau- und Brandaufsicht vor der Tür, um die Veranstaltungstauglichkeit des kleinen alternativen Zentrums zu prüfen.“

Eine Kleine Anfrage des bereits erwähnten Grünen-Abgeordneten Valentin Lippmann ergab zudem, dass während des Konzerts über 20 Cops – davon übrigens vier in ziviler Kleidung – vor Ort waren, um laut deren Aussage die öffentliche Sicherheit und Ordnung in der 1.000-Seelengemeinde zu gewährleisten. Es wird also deutlich, dass nicht nur auf die Bands selbst, sondern auch auf die Veranstalter_innen, die diese Bands einladen, Druck ausgeübt werden soll. Wenn dabei unter fadenscheinigen Begründungen sogar noch eine Begehung eines linken Kulturprojektes herausspringt, um die Strukturen noch intensiver zu durchleuchten, freuen sich die Behörden natürlich umso mehr.

Inwiefern der sächsische Verfassungsschutz seine Aktivitäten noch intensiviert, die Auftritte der von ihm als „linksextremistisch“ eingestuften Bands zu vereiteln, wird die Zukunft zeigen. Vollkommen unklar ist darüber hinaus, ob eben jene Beobachtung nur die Bands als Gruppe betrifft oder ob sich die Aktivitäten des Verfassungsschutzes auch konkret auf einzelne Bandmitglieder und deren Privatleben beziehen, indem beispielsweise die private Telekommunikation dieser Einzelpersonen ausgeleuchtet wird. [Anmerkungen Mika: 2017 flog ein Abhörskandal in Sachsen auf, als gegen Fußball-Ultrás von Chemie Leipzig ermittelt wurde. Mindestens 240 Personen waren von Abhöraktionen betroffen, 41 Aktenbände wurden gefüllt. Knapp 70.000 Verkehrsdatensätze wurden aufgenommen. Am Ende wurde keine_r der 20 Verdächtigen wegen Paragraph 129, Bildung einer kriminellen Vereinigung, verurteilt, alle Verfahren eingestellt.]

Einige Bands haben mittlerweile in Erwägung gezogen, juristisch gegen die Einstufung als „linksextremistisch“ vorzugehen, um der Einschränkung von Auftritten, die immer Probleme für die Veranstalter_innen mit sich bringt, wie auch der Ungewissheit, inwiefern die Privatsphäre der Bandmitglieder ausgeleuchtet wird, entgegenzuwirken.

Andere Bands wiederum lehnen diesen Schritt ab, da sie befürchten, im Zuge des damit verbundenen Gerichtsprozesses weitere Informationen, wie z.B. Klarnamen, preisgeben zu müssen, mit denen der Verfassungsschutz seine Überwachungsmaßnahmen noch intensivieren und ausweiten kann. Derzeit steht zudem die Idee im Raum, einen LP-Sampler zu veröffentlichen, auf dem alle als „linksextremistisch“ eingestuften Bands aus Sachsen vertreten sind, um dieser Situation auch mit einer Portion Trotz zu begegnen – eine schön punkige Reaktion, wie ich finde…
Gab es bisher eine Öffentlichkeit für diesen Missstand? Wie haben Medien und Parteien reagiert? Gab es Rückmeldungen und Interesse aus der Punkszene?
Es gab insofern eine Öffentlichkeit, als dass die hiesigen Medien – so z.B. der MDR – artig das wiedergekäut hat, was ihm seitens des Verfassungsschutzes brühwarm serviert wurde. So wurde in dieser Hinsicht unter anderem fleißig die These verbreitet, die Songtexte rechts- und linksextremistischer Bands würden sich von ihrer inhaltlichen Ausrichtung und Qualität her ähneln beziehungsweise sogar gleichen, wenn man nur einmal die angesprochenen Feindbilder wegdenken würde. Extremismustheorie olè! Der einzige mir bekannte kritische Artikel, der die betroffenen Bands hat zu Wort kommen lassen, ist der bereits erwähnte Text in der Jungle World.

Auch ich habe in dem Vorwort der 29. Ausgabe meines Fanzines die hanebüchene Überwachung vermeintlich „linksextremistischer“ Bands durch das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz thematisiert, darauf aber abgesehen von meinem direkteren Umfeld und der Tatsache, dass ich für eine Leipziger Radiosendung ein Interview zu diesem Themenkomplex gegeben habe, kaum nennenswertes Feedback bekommen. Das ist schon ein bisschen enttäuschend, dass sich die Szene da meinem Empfinden nach eher zurückhaltend bis uninteressiert verhält.
Wie empfindest Du persönlich diesen Rechtsruck in der Gesellschaft, der sich ja nun auch in den Behörden widerspiegelt? Ist es ein Ruck? Oder nur eine Sichtbarwerden?
Die Bezeichnung der politischen Entwicklung in Sachsen, Deutschland, aber auch europaweit als „Ruck“ verharmlost die Situation meiner Meinung nach, da hiermit ja impliziert wird, es handle sich lediglich um einen kurzen Moment, nach dem sich anschließend wieder (politische) „Normalität“ einstellen würde. Wenn wir uns aber einmal beispielhaft die Situation in Sachsen anschauen, dann lässt sich problemlos feststellen, dass sich hier über Jahrzehnte hinweg rechte Strukturen etablieren konnten, spontan fallen mir Neonazikameradschaften wie „Skinheads Sächsische Schweiz“, „Terrorcrew Muldental“, „Sturm 34“, „Gruppe Freital“ oder die „Freie Kameradschaft Dresden“ ein, rechte Securityfirmen wie die „Haller Security“, rechte Fanszenen bei Fußballvereinen wie Lok Leipzig, Dynamo Dresden oder dem Chemnitzer FC, rechte Kampfsportgruppen wie das „Imperium Fight Team“, Labels und Mailorder wie „Front Records“ oder „PC Records“, Läden, in denen wie in Staupitz regelmäßig Nazikonzerte über die Bühne gehen.

Hinzu kommt die Tatsache, dass auch der „Nationalsozialistische Untergrund“ gleich in zwei sächsischen Städten – Chemnitz und Zwickau – unentdeckt untertauchen konnte. Die Liste rechter Strukturen in Sachsen ist sehr lang und kann hier selbstverständlich nur exemplarisch angerissen werden. Einige dieser Strukturen sahen sich in der Vergangenheit mit Razzien und Gerichtsprozessen konfrontiert, manche – so z.B. die Kameradschaften „Skinheads Sächsische Schweiz“ oder „Sturm 34“ – sind in diesem Zusammenhang verboten worden.

Diese Strukturen damit aber zerschlagen zu haben, ist ein fataler Trugschluss seitens Politik und staatlicher Repressionsorgane. Es werden von den gleichen Neonazis einfach neue rechte Strukturen geschaffen, so dass es nicht unüblich ist, bei Recherchen innerhalb der Neonaziszene immer wieder auf einen recht konstanten Personenkreis zu stoßen.

Abgesehen von dieser seit Jahrzehnten ohnehin existenten Neonaziszene ist in den letzten Jahren jedoch sehr deutlich sichtbar geworden, wie viel Rassismus innerhalb der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft geschlummert hat, der nun mit der Ankunft geflüchteter Menschen in Deutschland unverhohlen seine hässliche Fratze offenbart. Einerseits schockiert mich die Quantität der rassistischen Proteste und Ausschreitungen, wenn sich den PEGIDA-Demonstrationen zu Höchstzeiten bis zu 25.000 Menschen angeschlossen haben oder wenn kaum eine Woche verging, in der nicht von Asylunterkünften berichtet worden ist, die angegriffen, geflutet oder gar angezündet worden sind.

Andererseits beunruhigt mich die Qualität, mit der dieser Rassismus zutage tritt, wenn z.B. bei PEGIDA-Demonstrationen lautstark der auf die über das Mittelmeer Flüchtenden bezogene Slogan „Absaufen! Absaufen!“ skandiert wird. Oder man denke an all die pogromartigen Ausschreitungen rassistischer Mobs in den letzten Jahren, wie sie sich beispielsweise in Freital, Clausnitz oder Heidenau ereignet haben.

Dass menschenverachtendes Denken und Handeln jedoch mittlerweile nicht nur auf der Straße, sondern auch in Teilen der Politik Hochkonjunktur feiert, belegen die bewusst medial inszenierten verbalen Hasstiraden von AfD-Abgeordneten wie Höcke oder Andre Poggenburg (Aufbruch Deutscher Patrioten). Diese werden in ihrer Qualität nunmehr nur noch vom III. Weg übertroffen, der vergangene Woche in unserer Region Wahlplakate an Laternen aufgehängt hat, auf denen „Reserviert für Volksverräter“ zu lesen ist …

Nicht minder bedenklich ist zudem die Sammelwut von AfD-Abgeordneten, wie dem bereits erwähnten Carsten Hütter, was Informationen rund um politische Gegner_innen angeht. So hat Hütter beispielsweise zahlreiche kleine Anfragen an den sächsischen Landtag gestellt, welche antirassistisch engagierten Initiativen staatliche Fördermittel erhalten, inwiefern diese termin- und sachgerecht genutzt und anschließend korrekt abgerechnet worden sind – unter diesen Initiativen fand sich übrigens auch unser Verein Bon Courage.

Meines Erachtens nach sollen hier gezielt Informationen über Personen und Strukturen zusammengetragen werden, die sich antirassistisch bzw. antifaschistisch engagieren, um sie im Anschluss an die Landtagswahl im September unter Druck setzen oder ihnen Fördergelder kürzen bzw. gänzlich streichen zu können, so dass das Engagement der Betroffenen nur noch eingeschränkt, schlimmstenfalls gar nicht mehr möglich ist.
Als Punk in der Öffentlichkeit aufzutreten war ja über Jahre hinweg in vielen Regionen überhaupt kein Problem. Auf der anderen Seite hattest Du die sehr schockierende, zweiteilige Serie über ermordete Punks in Deinem Heft. Kannst Du noch mal kurz zusammen fassen, worum es darin ging und was für Dich eine Motivation war, im Heft an die Personen zu erinnern?
Der Beweggrund, diesen zweiteiligen Artikel zu verfassen, bildet die Tatsache, dass ich selbst, wie auch mein gesamter Freundeskreis, immer wieder mit Gewalt von Neonazis konfrontiert war/waren bzw. bin/sind. Die damit verbundene Palette an verschiedenen Formen der Gewalt ist lang und reicht von verbalen Pöbeleien und Bedrohungen auf der Straße über körperliche Gewalt in Form von Angriffen und Schlägereien bis hin zu „Hausbesuchen“, bei denen Freund_innen meinerseits in ihren Wohnungen bzw. die Häuser, in denen sie leben, attackiert worden sind.

Ich wurde erstmals im zarten Alter von 14 Jahren von Neonazis verprügelt. Auf dem Heimweg vom alljährlich in Chemnitz stattfindenden Weihnachtspogo hielt abrupt ein Auto mit getönten Scheiben neben mir und meinem Kumpel, zwei Nazis sprangen heraus, aus dem Inneren der Karre erklang der Song „Scheiß Punks“ von Kraftschlag. Wie elektrisiert begann ich, die Beine in die Hand zu nehmen, was sich angesichts des völlig vereisten Fußwegs und der Handvoll Platten, die ich unterm Arm trug als äußerst schwierig erwies. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis mich die beiden Kameraden eingeholt hatten. Dann gab`s auf`s Maul … Dieses prägende Erlebnis ist nun 20 Jahre her.

In diesem Zeitraum gab es noch etliche Auseinandersetzungen mit diesem widerwärtigem Pack: als Kid-Punks mussten wir an Hitlers Geburtstag einmal kreuz und quer durch eine Baustelle flüchten; vor einer Dorfdisco haben wir uns ordnungsgemäß mit einer Meute zugerotzter Nazis geboxt, wobei mir ein Nazi ein kleines Stück Oberlippe herausgetreten hat; auf dem Heimweg hatte eine Handvoll mit Zaunlatten bewaffneter Nazis in einer Einfahrt auf uns gewartet, um uns heimlich von hinten zu attackieren, woraufhin zwei von uns im Krankenhaus behandelt werden mussten; während einer Party an der Elbe sind wir von Nazis mit Baseballschlägern und Quarzsandhandschuhen attackiert worden usw.

Die Liste dieser Auseinandersetzungen ist lang – und zwar bei so gut wie allen in unserem Freundeskreis, da quasi alle von uns diese Erfahrungen am eigenen Leib durchleben mussten. Das hat uns enorm geprägt. Viele von uns haben angefangen zurückzuschlagen.

So beschissen all diese Erfahrungen oftmals waren, wir haben sie ohne ernsthafte körperliche Schäden überstanden. Wir haben überlebt. Andere haben ihr Leben gelassen; gequält, zu Tode getreten, erstochen. Unter den 179 Menschen, die seit 1990 im Zuge rechter Gewalt in Deutschland ermordet wurden, befinden sich meinen Recherchen zufolge zehn Opfer, die getötet wurden, weil sie Punks waren. Allerdings habe ich hierbei weder Anspruch auf Vollständigkeit – die Dunkelziffer kann durchaus höher liegen – erhoben, noch wollte ich Punks als Betroffene rechter Gewalt im Vergleich zu anderen Opfergruppen als etwas Besonderes herausstellen.

Mein Anliegen lag lediglich darin, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, die Erinnerung an die Betroffenen wachzuhalten, zumal viele von ihnen staatlicherseits nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt worden sind: Matthias Knabe (Gifhorn 1991), Thorsten Lamprecht (Magdeburg 1992), Mario Jödecke (Schlotheim 1993), Michael Gäbler (Zittau 1994), Sven Beuter (Brandenburg an der Havel 1996), Frank Böttcher (Magdeburg 1997), Patrick Thürmer (Hohenstein-Ernstthal 1999), Falko Lüdtke (Eberswalde 2000), Enrico Schreiber (Frankfurt an der Oder 2003) und Thomas Schulz (Dortmund 2005).

Besonders einprägsam ist mir der Mord an Patrick Thürmer in Erinnerung geblieben, da Patrick aus unserer Region stammte und einige Freund_innen damals auf dem Konzert waren, in dessen Nachgang Patrick erschlagen worden ist. Ich selbst habe damals als 14-jähriger Kid-Punker durch die Fernsehsendung „Kripo live“ von seiner Ermordung erfahren. In der Nacht des 2. Oktober 1999 befand sich der 17-jährige, aus dem erzgebirgischen Oelsnitz stammende Patrick gemeinsam mit einem Freund auf dem Heimweg von einem Punk-Konzert, das im Jugendzentrum „Off is“ in Hohenstein-Ernstthal stattgefunden hatte, als gegen 3:30 Uhr plötzlich ein Kleinbus neben ihnen hielt.

Drei Männer sprangen aus dem Fahrzeug und begannen sofort, mit einem Axtstiel und einem Billardqueue auf den schmächtigen Malerlehrling einzuprügeln. Nachdem Patrick gegen 7.30 Uhr gefunden worden ist, erlag er seinen schweren Verletzungen bereits am Vormittag im Krankenhaus in Zwickau, in das er eingeflogen worden war.

Noch bevor Patrick überfallen und quasi in den Tod geprügelt worden ist, hatten bereits mehrere Dutzend Neonazis eben jenes Konzert angegriffen. Als die Polizei, die mit Zivilstreifen vor Ort war, eingriff, gab es unter den Konzertbesucher_innen bereits zahlreiche Verletzte. Nachdem sich ein Teil der Neonazis in die nahe gelegene Diskothek „La Belle“ zurückgezogen und die Polizei nicht auf den rechten Angriff reagiert hatte, holten rund 30 Punks zum Gegenschlag aus und versuchten, in die Disco einzudringen. Daraufhin rief die Security des „La Belle“ weitere Neonazis aus Chemnitz und Umgebung herbei, die nun begannen, die Punks zurück ins Jugendzentrum zu drängen und selbiges regelrecht zu belagern.

Patrick gehörte nicht zu denjenigen, die von der Polizei in Gewahrsam genommen worden waren. Als er nachts auf dem Heimweg mit einem Freund die Waldenburger Straße in Oberlungwitz erreicht hatte, wurden sie von drei Männern aus dem Umfeld der „Haller-Security“ in einem Ford Galaxy verfolgt, in dem die einschlägig vorbestraften Täter Nico N., Michael O. und Thomas W. saßen.

Nachdem sie Patrick brutal zusammengeschlagen hatten und dieser bereits regungslos am Boden lag, zertrümmerte Michael O. mittels eines „Kontrollschlages“ noch dessen Kniescheibe, um zu überprüfen, ob Patrick „nur simuliere“… [Anmerkung Mika: Die Haller Security wurde gegründet von Thomas Haller. Thomas Haller gründete die Vereinigung HooNaRa, was für Hooligans, Nazis, Rassisten steht. Er verstarb im März 2019 und der Fußballverein Chemnitzer FC ließ eine Gedenkveranstaltung im Stadion für ihn zu, da er langjähriger CFC-Fan war und dort auch den Ordnerdienst stellte. HooNaRa regierten das Stadion und ließen das nicht-rechte Anhänger_innen immer wieder spüren.] Morde wie diese dürfen einfach nicht vergessen werden, wenn wir uns aufrichtige Antifaschist_innen nennen wollen.
Würdest Du sagen, dass es in Sachsen / Deutschland wieder gefährlicher wird, als Punk auch optisch aufzutreten?
Soweit ich es einschätzen kann, war und ist es nie ungefährlich, vor allem in Sachsen sichtbar als Punk aufzutreten, wenn man nicht gerade in einem Szenekiez wie Leipzig-Connewitz lebt. Sicher gibt es immer wieder intensivere und ruhigere Phasen, wenn es um rechte Gewalt auf der Straße geht, was hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, wie viele Neonazis in einem Dorf, einer Stadt oder einer Region leben, in welchem Stadium der Organisation sie sich befinden, wie aktionsorientiert sie sind und mit welchem Grad an effektiver Gegenwehr sie zu rechnen haben.

Ich für meinen Teil meide Dorf- und Stadtfeste oder checke in den Abend- und Nachtstunden an Tankstellen erst einmal ab, ob sich dort Nazis aufhalten, bevor ich dort zum Tanken halte. Nachdem ich zweimal aus einem Auto heraus auf dem Heimweg von Nazis überfallen worden bin, achte ich zudem auf Fahrzeuge, die verdächtig langsam oder mehrfach an mir vorbeifahren, wenn ich abends oder nachts unterwegs bin. Ich bin also aufgrund meiner Erfahrungen aus der Vergangenheit durchaus darauf konditioniert, meine Umgebung stets aufmerksam zu beobachten, wenn ich unterwegs bin, um mich gegebenenfalls möglichst schnell auf brenzlige Situationen einstellen zu können.
Das Proud To Be Punk hat ja neben ausführlichen Interviews immer wieder Politik und eine tiefer gehende Beschäftigung mit der deutschen Geschichte. Was motiviert Dich, über Reisen nach Osteuropa, die Geschichten von Ghettos und Lagern, den jüdischen Partisanen und der Beschäftigung mit Spuren des Deutschen Reiches bzw. seinen Auswirkungen, zu schreiben? Wie wichtig ist Dir diese Auseinandersetzung? Was motiviert Dich besonders oder was überrascht Dich?
Ja, es handelt sich in erster Linie um Bildungsreisen nach Osteuropa – genauer gesagt nach Polen, Tschechien oder Litauen –, die ich selbst mitorganisiere bzw. an denen ich teilnehme, aber darüber hinaus hat es mich in diesem Zusammenhang beispielsweise auch nach Griechenland oder Israel verschlagen.

Einerseits möchte ich mit Hilfe der in der Regel sehr ausführlich ausfallenden Berichte über diese Reisen die Leser_innen mit meinem doch sehr stark ausgeprägten Interesse an Geschichte und Erinnerungspolitik anstecken, um sie bestenfalls dafür zu motivieren, sich selbstständig intensiver mit der nationalsozialistischen Ideologie und den daraus resultierenden Verbrechen auseinanderzusetzen oder selbst an derartigen Bildungsfahrten teilzunehmen. Wer hieran Interesse hat, sei an unseren Verein Bon Courage e.V. (www.boncourage.de), das Jugendhaus Shalom in Gera (www.ej-shalom.de) oder das Bildungswerk Stanislaw Hantz (www.bildungswerk-ks.de) verwiesen, die alle wirklich sehr empfehlenswerte Bildungsreisen und Gedenkstättenfahrten organisieren.

Andererseits empfinde ich es angesichts des europaweit um sich greifenden Erstarkens der Rechten und den damit einhergehenden geschichtsrevisionistischen Tendenzen und Verschwörungstheorien umso wichtiger, sich genau mit der Vergangenheit zu beschäftigen, um in der Gegenwart, die ja das Resultat der Vergangenheit ist, Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden zu können und politisch klar Stellung zu beziehen. Darüber hinaus sollten wir uns gerade vor eben jenem historischen Hintergrund auch mit den Formen kontinuierlicher Feindschafts- und Ausgrenzungsmuster, wie z.B. Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus/Antiromaismus oder Sozialdarwinismus sowie mit der dazugehörigen psychologischen Täter_innenforschung auseinandersetzen, um gesellschaftliche Gefahrensituationen, wie sie ja heute angesichts von AfD & Co. durchaus wieder vorherrscht, schneller erkennen und besser analysieren zu können. Bestenfalls lernen wir an bzw. aus den Erfahrungen der Geschichte, um einstmals begangene Fehler nicht zu wiederholen – so z.B. Nazis zu unterschätzen, wie es im Rahmen der Machtübernahme 1933 von vielen leider getan wurde.

Überrascht bin ich immer wieder, mit wie viel Mut, Aufrichtigkeit und Solidarität sich Menschen mit oftmals einfachsten Mitteln gegen die Nationalsozialist_innen aufbegehrt und zum Teil symbolischen, zum Teil effektiven Widerstand gegen sie geleistet haben. Ich werde nie vergessen, wie ich vor einigen Jahren in Athen dem fast neunzigjährigen Manolis Glezos während eines Zeitzeugengesprächs gegenüber gesessen und gebannt seinen Ausführungen gelauscht habe. Manolis hat sich 1941, als Griechenland von Deutschland besetzt worden ist, heimlich mit einem Freund auf die Akropolis geschlichen, um die dort über die Stadt thronende, übrigens stark bewachte Hakenkreuzfahne zu stehlen und stattdessen die griechische Flagge zu hissen.

Dieser symbolische Akt ermutigte viele Griech_innen, sich dem antifaschistischen Widerstand anzuschließen. Ebenso wenig werde ich vergessen, wie uns letztes Jahr die 96-jährige (!) Fania Branzowska-Iocheles zu einem ehemaligen Lager der sowjetischen Partisan_innengruppe „Kersytojas“ (deutsch Rächer) in den Rudnitzky-Wäldern in der Nähe des litauischen Vilnius geführt hat. Nachdem es der jüdischen Fania 1943 gelungen war, aus dem Ghetto von Vilnius zu fliehen, schloss sie sich dieser Gruppe an und führte zahlreiche Gefechtsaufgaben aus, zerstörte Telefonleitungen, sprengte Brücken und Eisenbahnen und betätigte sich als Melderin. Schließlich nahm die Partisan_inneneinheit an der Befreiung von Vilnius im Juli 1944 teil. Das sind einfach Erlebnisse, die ich nicht vergessen werde und die mir sehr viel Kraft für eigene antifaschistische Aktivitäten geben.

Abgesehen von diesen aktiven Widerständskämpfer_innen dürfen wir aber unter keinen Umständen all die Millionen Menschen vergessen, die keine Möglichkeit hatten, sich zu wehren, weil sie eingeschüchtert und verängstigt, unbewaffnet und unorganisiert oder krank und körperlich geschwächt waren. All die Millionen Menschen, die in den Erschießungsgruben, den mobilen Gaswagen oder den Gaskammern von den Nationalsozialist_innen ermordet worden sind, die in den Ghettos, Konzentrationslagern und sowjetischen Kriegsgefangenenlagern verhungert oder aufgrund von Krankheiten gestorben sind, dürfen einfach nicht vergessen werden. Ich empfinde ihr Schicksal als eine an uns gerichtete Mahnung, dem wiedererstarkenden Faschismus mit aller Entschlossenheit entgegenzutreten.
Du bist ja generell eher rastlos, habe ich das Gefühl. Du hast ein kleines Label gehabt (Zeckenzucht Records), bist aktiv im Verein Bon Courage e.V. und nebenbei engagierst Du dich aktiv, um Jugendliche mit der Geschichte, vor allem der NS-Zeit in Deutschland und Osteuropa, in Verbindung zu bringen. Erzähl mal, was macht ihr bei Bon Courage? Warum ist es wichtig in Borna – wo liegt das überhaupt – politische Arbeit zu machen?
Gegründet wurde unser Verein Bon Courage e.V. bereits im Januar 2007 in Borna, einer Kleinstadt südlich von Leipzig. Den Hintergrund für die Gründung des Vereins bildete die Tatsache, dass gerade innerhalb der Jahre 2005 und 2006 sehr aktionsorientiert und vor allem auch extrem gewalttätig auftretende Neonazis eine rechte Hegemonie in Borna etablierten, der wir nicht länger tatenlos zuschauen wollten. Es verging fast kein Wochenende, an dem es nicht zu Angriffen von Neonazis auf Punks und alternative Jugendliche oder Menschen mit Migrationshintergrund kam. Leute wurden angepöbelt, bedroht und verprügelt, Autos beschädigt, das ganze Stadtgebiet war häufig regelrecht übersät mit rechten Aufklebern, Plakaten und Graffitis.

Um euch einen Eindruck der damaligen Atmosphäre zu vermitteln, möchte ich an dieser Stelle einmal beispielsweise drei dieser Vorfälle anführen, die wir im Rahmen einer Chronik rechter Übergriffe dokumentiert haben:

„In der Nacht vom 23. auf den 24. September 2005 greifen 15 bis 20 mit Schlagstöcken und Ketten bewaffnete Personen, die dem rechten Spektrum zuzuordnen sind, eine Gruppe von alternativen Jugendlichen an, die sich im Bornaer Stadtpark aufhalten. Fahrräder, Kleidung und Rucksäcke der Jugendlichen werden zerstört und in den Teich geworfen; auf wehrlose, teilweise am Boden liegende Personen wird eingetreten und eingeschlagen; nach Personen, die in den angrenzenden Park flüchten konnten, wird mit Hunden und Taschenlampen gesucht. Ebenfalls angegriffen wird das Fahrzeug eines besorgten Vaters, der seine Tochter aus dem „Gefahrenbereich“ abholen will. Die überfallenen und traumatisierten Jugendlichen erleiden teils schwere Verletzungen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Am 22. September 2006 wird ein 15-jähriger Jugendlicher von Personen aus dem rechten Spektrum aus einem sich in Borna befindlichen Bandproberaum entführt, mit dem Auto zum Volksplatz verschleppt und dort zusammengeschlagen. Er muss daraufhin in der Helios-Klinik stationär behandelt werden. Parallel zu diesem Vorfall wird in den Proberaum eingebrochen und Ausstattung sowie Technik entwendet.

Am 07. April 2007 wird ein Vater im Beisein seiner Kinder in der Bahn von Borna nach Neukieritzsch von insgesamt sechs Personen aus dem rechten Klientel über die ganze Fahrtdauer hinweg brutal zusammengeschlagen. Anstoß zu der Gewalttat gibt der Migrationshintergrund des Mannes.“
Ich bin über meine damalige Freundin, die übrigens von dem oben erwähnten Angriff am Breiten Teich betroffen war, zum Bon Courage e.V. gestoßen.

Gerade in den ersten Jahren unseres Bestehens lag der Fokus unserer Vereinsarbeit auf antifaschistischer Aufklärungs- und Bildungsarbeit, um einerseits die regionale Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass Borna ein krasses Problem mit Neonazis hat. Andererseits war es uns wichtig, mit dem Verein eine organisierte Struktur aufzubauen, um einen Gegenpol gegen diese rechten Aktivitäten zu erschaffen. Ergänzt wurde unser Wirken in den folgenden Jahren durch verschiedene kulturelle Angebote, die von Filmvorführungen über Workshops bis hin zu kompletten Projekttagen reichten und das magere Angebot für Jugendliche in und um Borna etwas bereichern sollten.

Der derzeitige Schwerpunkt der Vereinsarbeit liegt heutzutage auf der Asylarbeit. Hierzu zählen Projekte wie unsere Frauengruppe „Ladykracher“, in der sich einheimische und asylsuchende Frauen treffen, das gemeinsame Volleyballspielen oder gelegentliche Tagesausflüge, vor allem aber die regelmäßig stattfindende Beratung von Asylsuchenden. Alle nötigen Informationen könnt ihr unserer Homepage unter www.boncourage.de entnehmen.
Du berichtest ja nicht nur über Deine Reisen zu Gedenkstätten und Sachsen-Punk, sondern auch immer wieder über Punk in Europa, sei es ausführlicher über Frankreich, Spanien oder in einer der letzten Nummern über Punk in Osteuropa. Wie wichtig ist Dir die Vernetzung über Deutschland hinaus und wie siehst Du da Limitierungen mit einem Fanzine, das auf Deutsch erscheint (wie 99,9% aller Fanzines aus Deutschland)?
Die Vernetzung über Deutschland hinaus spielt für mich durchaus eine wichtige Rolle, schon allein um zu erfahren, wie sich die Szenen anderer Länder gestalten und welche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zur hiesigen Szene festzustellen sind. Darüber hinaus interessiert mich natürlich immer sehr, welche politischen Entwicklungen sich in den jeweiligen Ländern vollziehen. Das Fanzine dient mir hierbei jedoch nicht als Ausgangsgrundlage, um eben jene internationale Vernetzung zu initiieren. Dieser Vernetzungsprozess vollzieht sich vielmehr im Zuge von Konzerten bzw. Touren, die ich mit den Bands im Ausland gespielt habe, in denen ich aktiv war bzw. bin.

Durch den persönlichen Kontakt während der Konzerte und Touren ergibt sich recht schnell ein reger Austausch, der für mich dann wiederum die Grundlage bildet, individuell zugeschnittene Interviewfragen für die entsprechenden Bands zu konzipieren, um sie im Rahmen meines Fanzines zu supporten. Diese Interviews sind für mich eine Möglichkeit, mich bei den jeweiligen Bands für die Unterstützung ihrerseits und die großartige Zeit, die wir zusammen verbracht haben, zu bedanken. Beispielhaft seien an dieser Stelle Los Rezios aus Peru, Ginnungagap aus Tschechien oder RPG 7 aus Spanien genannt – viele liebe Grüße an dieser Stelle an die ganzen Verrückten!
Nachdem wir jetzt sehr viele ernste Themen besprochen haben. Wo hast Du in den letzten Jahren positive Veränderung gesehen? Was macht Dir Mut?
Hm, ehrlich gesagt habe ich sehr lange gebraucht, um eine Antwort auf diese schwierige Frage zu finden, da mir angesichts all der Scheiße, die hier passiert, erst einmal gar nichts eingefallen ist, was ich als positive, Mut machende Veränderung betrachten würde. Ich habe im Gegenteil eher das Gefühl, dass alles immer beschissener wird. Nichtsdestotrotz gibt es aber natürlich auch solche positiven Entwicklungen, die dazu beitragen, nicht gänzlich die Hoffnung aufzugeben. Was ich szeneintern beispielsweise als großen Fortschritt empfinde, ist das Entstehen einer sehr aktiven, gut untereinander vernetzten RASH-Bewegung, die sich klar gegen jegliche rechtsoffene Grauzonenscheiße positioniert und dem Begriff Klassenbewusstsein wieder Inhalt und Gewicht verleiht.

Es gab eine Zeit, da habe ich alles gehasst, was kurze Haare hatte, weil es abgesehen von Nazi-Glatzen auch immer wieder Stress und Schlägereien mit angeblich „unpolitischen“ (Was soll das sein?!) Skinheads auf Konzerten gab. Da ist es schon schön zu beobachten, wie sich einige fitte Skins und Renees diese Subkultur zumindest ein stückweit zurück erkämpft und mit positiven Inhalten besetzt haben. Positiv überrascht bin ich zudem von der Entwicklung, die Chemnitz und Dresden seit jüngster Vergangenheit durchlaufen. Nachdem Chemnitz etliche Jahre lang mehr oder weniger tot war, was Punk anging, finden dort mittlerweile wieder häufiger durchaus gute Konzerte statt, die auf erfreulichen Zuspruch stoßen.

Mit dem Sub-KMS hat sich zudem ein fanzineartiger, regelmäßig erscheinender Newsflyer etabliert, der monatlich alle szenerelevanten Termine für Chemnitz zusammenfasst und darüber hinaus Texte zu tagespolitischen Themen enthält. Und was Dresden betrifft, so war ich doch erstaunt, wie viel antifaschistisches Engagement in den letzten Monaten auf den Straßen der sächsischen Landeshauptstadt gezeigt worden ist. Am meisten Kraft spendet mir allerdings die Tatsache, dass es auch in der Provinz immer wieder sehr engagierte Menschen gibt, die hier mit viel Herzblut Szenestrukturen – so z.B. in Form von Hausprojekten oder Konzertorten – aufbauen und am Leben erhalten.

Das sind Leute, die sich eben nicht in die Anonymität von Leipzig, Berlin oder Hamburg verpissen, sondern die das Hinterland nicht aufgeben, Anlaufstellen gerade für Jüngere schaffen und diese Strukturen auch gegen alle Widrigkeiten – seien es nun Nazis, Cops oder Behörden – verteidigen. Beispielhaft fallen mir in dieser Hinsicht die Barrikade in Zwickau, der Schuldenberg in Plauen oder die Siebenhitze im thüringischen Greiz ein. Diese Leute verdienen einfach Respekt und Unterstützung!
In zwei Jahren wird das Proud to be Punk 20 Jahre. Feierst Du das? Wenn ja, wie? Wenn nein, welche vier Bands würdest du live gerne sehen bzw. würden das Heft und die 20 Jahre angemessen repräsentieren?
Puh, jetzt wo du das so konkret sagst, wird mir das erst einmal richtig bewusst. Ich denke, eine Feier im Freundes- und Bekanntenkreis mit befreundeten Bands in einem kleinen Provinzschuppen wird es schon geben, aber ich werde es sicher nicht an die große Glocke hängen. Ansonsten würde ich gern Toxoplasma, (frühe) Anti-Flag, (frühe) Casualties, Aus-Rotten, The Annoyed oder Paragraf 119 sehen, aber die drei Letztgenannten existieren ja leider nicht mehr. Oh, das waren jetzt nicht vier…egal. Ich denke jedenfalls, dass diese Bands das Fanzine und dessen Entwicklung angemessen repräsentieren würden.
Vielen Dank für das äußerst interessante Interview und viel Erfolg mit der politischen Arbeit! Vielleicht sehen wir uns mal in Sachsen … oder in Berlin!

Interview Mika

Bitte gebt Jan und uns doch gerne Feedback zum Interview. Jans Email: jan.sobe@t-online.de. Bestellt so sein Heft auch direkt mit!

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