Februar 18th, 2007

PITCHSHIFTER (#84, 10-2000)

Posted in interview by sebastian

Ich erinnere mich noch sehr genau an dieses Konzert im Keller der Kölner Rhenania. Links und rechts standen zwei Fernseher, auf denen unentwegt jene Szene aus Cronenbergs „Scanners“ lief, in der ein Kopf explodiert. Ich kannte den Film damals noch nicht, aber schon dieser visuelle Aspekt machte das Konzert faszinierend.

Pitchshifter waren es, die damals mit ihrer ersten Platte „Submit“ auf Tour waren. Die Platte erschien zunächst bei Peaceville und später noch einmal bei Earache. Der Rahmen war damit abgesteckt: Pitchshifter gehörten zu jener Gruppe von Bands auf den beiden Death-Metal-Labels, die es schafften, brutal und neu zu klingen. Godflesh und Scorn – das dürften die beiden anderen wichtigen Namen gewesen sein.

Irgendwann ging aber ausgerechnet die Gruppe, die Medienkritik am deutlichsten äusserte, zu einem Major, man erweiterte das musikalische Spektrum, und ich verlor das Interesse. Die CD „www.pitchshifter.com“ habe ich bis heute nicht gehört. Umso interessanter war dann der Auftritt der Band bei einem Festival im vorigen Jahr, wo ich sie eher durch Zufall sah. Das war zwar nicht mehr so hart und schwer wie früher, aber trotzdem richtig gut.

Und diesen Eindruck bestätigten sowohl eine EP, die in den USA auf Alternative Tentacles erschien, als auch die neue Platte „Deviant“. übrigens vermutlich die erste Major-Platte mit einem Cover aus dem Crass-Umfeld. Tja, und so rutscht mal wieder eine „grosse“ Band ins Trust. Hier das Interview mit Jonathan Seth Clayden.

***

Ich musste mich erstmal schlau machen, was „deviant“ bedeutet. Seht ihr euch als selbst als „seltsame Typen“?

Jonathan: Das war ein kleiner Scherz. „Normale“ Leute sehen uns wahrscheinlich als „deviants“ an, wegen der Musik, die wir machen, wie wir aussehen oder unseren Texten. Aber für uns sind Leute wie der Papst oder die Königin „deviants“. Gesellschaftliche Einrichtungen wie der Staat oder die Kirche sind viel schlimmer.

Ich war mir nicht sicher, ob der Begriff positiv oder negativ ist. Ich habe die Erklärung „nicht normal“ bekommen. Klingt doch gut…

Jonathan: Eigentlich ist das negativ. Es gibt zum Beispiel „sexual deviants“. Wir wollen das aber natürlich umdrehen. Die Leute sollen insofern „nicht normal“ sein, als dass sie ihre Augen öffnen. Wir haben ja selbst eine Menge Fragen. Aber es gibt Dinge, die uns wichtig sind. Wir sind alle Mitglieder bei amnesty international, und es gibt einen direkten Link zu ihnen von unserer Webseite. Wir lassen AK Press auf unseren Konzerten verkaufen, AntiFa-Gruppen haben Stände und so weiter. Wir wollen nicht predigen, aber die Leute sollen die Möglichkeit bekommen, andere Antworten zu finden.

Glaubst Du eigentlich, dass ihr erfolgreich seid damit, andere Leute zu erreichen? Oder zählt am Ende ohnehin nur, dass ihr eure Ideen verwirklicht?

Jonathan: Ich halte eh nichts davon zu predigen. Am Ende erreicht man nichts damit. Die Leute wenden sich eher ab. Wenn die Leute nur unsere Musik hören wollen, ist das schliesslich auch okay. Wir mögen unsere Musik ja auch. Wir sind keine politische Band. Wir sind erst einmal Musiker, aber wir sind auch Leute, denen bestimmte Dinge wichtig sind und die sich dafür engagieren.

Wir wollen niemals „Führer“ sein. Geht auch gar nicht, wir können keinen Weg vorgeben, wo wir uns in einigen Dingen in der Band nicht mal einig sind. Aber ich denke, dass viele Leute AK Press nicht kennen, und so etwas wollen wir ihnen näher bringen.

Ich bin in den 80ern sozialisiert worden und habe da noch bestimmte Demos mitbekommen. Ich weiss gar nicht, wie das heute ist, inwiefern Leute so etwas noch interessiert.

Jonathan: Ja, die 90er waren definitiv ein Jahrzehnt des Konsums, und die Leute kümmerten sich eher darum zu konsumieren. Aber ich denke schon, dass die Menschen politisch erzogen sind.

Sind Pitchshifter-Fans denn eher politisch als meinetwegen Oasis-Fans?

Jonathan: Ich glaube schon, dass mehr Leute politisch interessiert sind. Bestimmte Informationen liefern wir ja auf der Webseite, oder wir geben ihnen die Möglichkeit, sich zu informieren und etwas anders zu machen, auf den Shows. Es gibt ja auch einfache Dinge:

Ich habe zum Beispiel eine Visakarte, aber die ist von Greenpeace. Und je 100 Dollar, die ich ausgebe, geht ein Dollar an sie. Man kann also so etwas machen. Ich meine, wir leben auch nicht von Brot und Wasser und schlafen auf Nägeln, bloss weil wir politisch sind. Die Frage ist doch eher, was man im normalen Alltag anders machen kann.

Dieses Crass-Artwork, das ihr benutzt habt, hat mich natürlich sehr an die 80er erinnert…

Jonathan: Ja, das Cover ist vom Crass-Sänger gemacht und schon ziemlich alt. Aber ich denke, dass der Papst und die Königin zeitlose Symbole sind.

Ich musste sofort an Margaret Thatcher denken, die ja nun schon ein paar Jahre verschwunden ist. Aber ist Tony Blair nicht eigentlich viel schlimmer?

Jonathan: Wir benutzen eher ein generelles Konzept, ähnlich wie in „God Save The Queen“. Wir wollen nicht so sehr bestimmte Personen angreifen, sondern eher die Institutionen Kirche und Staat, und dafür sind die Beiden sehr gut. Ausserdem fürchte ich, dass in den USA niemand weiss, wer Tony Blair eigentlich ist.

Seht ihr euch eigentlich in einer Tradition mit Bands wie Crass, Dead Kennedys und so weiter?

Jonathan: Ja, ich denke schon, dass wir eine Punkband sind. Immerhin geht es dabei weniger um einen Sound als um eine Idee. Musikalisch sind wir vielleicht eher eine Rockband, aber ich denke, dass auch U2 streckenweise Punk waren.

Gab es eigentlich Reaktionen auf euren „Un-U.K.“-Song?

Jonathan: Ja, es gab ein paar Probleme mit englischen Radiostationen. Und ich bekam deswegen einen in die Fresse von so einem rechtsradikalen Typ, der auf eines unserer Konzerte gekommen ist. Die Leute stagediven ja bei unseren Konzerten, also war es nicht ungewöhnlich, als dieser Typ auf der Bühne stand.

Plötzlich schrie er „England – love it or leave it“ und schlug von hinten zu. Dann verschwand er. Dieser Typ ist das beste Beispiel für England. Er mochte nicht, was ich sagte, also schlug er zu.

Lass uns mal über Medien reden. Früher habt ihr schon medien-kritische Ideen verbreitet, und in der neuen CD ist ein Comic, wo es um Radiostationen geht, die Gehirnwäsche betreiben.

Jonathan: Für so viele Leute ist der Fernseher ja auch so etwas wie ein Gott – wenn ich mir zum Beispiel meine Eltern anschaue mit ihrem Fernseher im Wohnzimmer, die alles glaubten, was sie sahen. Bloss weil sich jemand als „Experte“ bezeichnete, glaubten sie ihm. Hey, ich bin ein Experte in Jugendkultur, aber ich bin nicht im Fernsehen zu sehen. Was für eine Qualifikation braucht man dafür, ein Experte zu sein? Ich denke, dass das Internet immer noch wesentlich freier ist. Okay, man darf dort natürlich auch nicht alles glauben.

Aber im Fernsehen definitiv auch nicht. Wir haben die BBC News, die British Broadcasting Corporation News, die von der Regierung bezahlt werden. Denen kann man ja nun wirklich nicht glauben. Wenn in Nordirland etwas passiert, war es immer die IRA. Wenn wir Probleme mit anderen Ländern haben, ist deren Regierung Schuld. Oh Mann… Im Internet hat man eine grössere Chance, andere Meinungen zu finden.

Ihr nutzt die Medien intensiv…

Jonathan: Ja, weil man die Sprache der Leute sprechen muss. Die Menschen verstehen die Werbesprache, also benutzen wir so etwas auch. Wir haben jetzt ein paar grosse Shows in London, bei denen wir zusätzlich Videoprojektoren einsetzen können. Die Musik ist nur der Ausgangspunkt, für mich ist die Webseite genauso wichtig. Immerhin wird die von sehr vielen Leuten besucht. Ich finde es gut, dass man da direkt mit Leuten kommunizieren kann. Wir machen die auch selbst und haben keine grosse Firma dafür beauftragt.

So viele andere Bands nutzen sie einfach nur, um T-Shirts zu verkaufen. Für mich ist es eher die Möglichkeit, Informationen zu verbreiten. Wenn man mich etwas fragt, kann ich mit der passenden Webseite antworten. Ich weiss gar nicht, ich glaube wir verkaufen zwei T-Shirts oder so.

Wo wir bei Medien sind: Ihr seid auf MCA, also auf Universal, die nun Seagram gehören, einem Getränkeproduzenten. Ist das nicht seltsam, bei solch einem Medienkonzern unter Vertrag zu stehen? Ihr versucht einen Unterschied zu machen, aber letztlich will die Firma nur verkaufen – egal, ob das Getränke oder Platten sind.

Jonathan: Genau genommen ist die gesamte Plattenindustrie legalisierte Prostitution, und ich sehe überhaupt keinen Unterschied zwischen MCA und Earache. Beide interessieren sich absolut nicht für die Bands. Sie wollen nur Geld machen. Und solange man nicht reiche Eltern hat, muss man eben einen Plattenvertrag unterschreiben. Da bin ich dann lieber auf einem grossen Label.

Man wird ohnehin abgezockt. Wichtig ist aber, was zwischen Band und den Fans passiert. Plattenfirmen sind ein notwendiges übel. Aber es war natürlich grossartig, eine Platte auf Alternative Tentacles zu machen, auch wenn es nur eine Lizenzveröffentlichung ist. Jello Biafra ist ein Freund von uns.

Er singt ja auch auf der neuen Platte.

Jonathan: Wir wollten das schon lange machen, aber irgendwie klappte es nie. Wir nahmen dann in Los Angeles auf, und Biafra bot an, ins Studio zu kommen. Es war eine aufregende Erfahrung, ihn zu produzieren. Wenn mir vor Jahren so etwas vorausgesagt hätte, hätte ich das nie geglaubt.

Wollt ihr nicht mal eine ganze Platte zusammen machen, so wie Lard beispielsweise?

Jonathan: Das bin ich jetzt oft gefragt worden. Es wäre auch sehr cool, aber wir sind alle ziemlich beschäftigt.

Ihr habt all diese Samples auf der CD, die man benutzen kann. Kriegt ihr da eigentlich Resultate zurück?

Jonathan: Ja, eine Menge sogar. Einige sind sogar ziemlich beeindruckend. Das Meiste ist natürlich eher Techno-orientiert. Es gibt leider kaum Rockbands, die die Sachen benutzen.

Auf der CD ist auch das neue Video. Früher habt ihr immer Ausschnitte aus Cronenberg-Videos genutzt…

Jonathan: Die visuelle Seite war auch immer sehr wichtig für uns. Wir haben es auf die CD gepackt, damit die Leute zum einen mehr für ihr Geld bekommen und zum anderen damit sie besser verstehen, um was es uns geht. Das Video hat ein Freund von uns auf einem iMac gemacht nach einem Skript von mir.

Er macht auch all die Projektionen für die beiden Londoner Shows. Es war aber auch klasse, damals einfach hart und laut zu spielen und dazu Cronenberg-Videos zu benutzen. Er weiss davon aber nichts, also erzähl ihm nichts. Wir würden ja ganz gerne mal was für einen Film von ihm machen, aber leider werden im Filmbusiness immer nur ganz bestimmte Bands auf ganz bestimmten Labels genutzt.

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Interview: Dietmar Stork

Links (2015):
Wikipedia
Facebook
Discogs

 

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