Januar 24th, 2019

PHANTOM WINTER (#190, 2018)

Posted in interview by Jan

Erinnert sich noch wer an Omega Massif? Die Würzburger Gewalt-Instrumentalisten hatten sich zwischen 2005 und 2011, vor allem dank der Alben „Geisterstadt“ und „Karpatia“, als erste Adresse für poetischen Postrock ohne Worte etabliert, aber 2014 war es vorbei. Wann weiß man, dass so ein Vehikel ausgereizt ist? „Vielleicht“, mutmaßt OM-Gitarrist Andreas Schmittfull, „wenn man vier Jahre lang versucht, ein neues Album zu schreiben und letztendlich zu dem Entschluss kommt: Bevor wir Müll produzieren, lassen wir es lieber sein.“

Ihre Moleküle verwirbelten schnell: Andreas Schmittfull und Schlagzeuger Christof Rath formten Phantom Winter, Gitarrist Michael Melchers gründete Cranial, und Bassist Boris Bilic wanderte ab zu den Würzburger Sludgern Blacksmoker. Die Welt ist seither ein gutes Stück hässlicher geworden – aber wenigstens gibt’s Neues von Phantom Winter…

„Into Dark Science“, dieses dritte PW-Album, macht Musik für ein paar schimmernde, goldene Momente wieder wichtig. Funny, huh? Dabei ist es so ein schwarzes, schwarzes Teil. Es dröhnt in dir weiter, lange, nachdem alles vorbei ist: das Kreischen und Würgen der Sänger (Schmittfull keift, Christian Krank röhrt), die bis zur Unkenntlichkeit runtergestimmten Gitarren, das Sägen derbster Riffs und Sounds, das Gefühl, vom Teufel verdroschen worden zu sein.

Vergleichsgrößen? Sumac minus Holzfällerhemd, vielleicht. Neurosis, aber weniger phallisch und mit mehr Zähnen im Maul. Celeste auf Ritalin. Sechs Songs über „innere Monster, sich rächende Ungeheuer“ und die Allgegenwart der Finsternis, die wir in uns tragen, sagt der Waschzettel. Das traf mich handkantenmäßig, gerade, als ich mal wieder dachte: Ach, nö. Über Musik schreiben, warum? Ich hab‘ fertig: „Die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“ Hugo von Hofmannsthal, auch so ein eitler Sack.

Das Gefühl, „daß mein Geist aus einer so aufgeschwollenen Anmaßung in dieses Äußerste von Kleinmuth und Kraftlosigkeit zusammensinken mußte“: kennen wir alle. Also pötert man eine Weile im Selbstmitleid… bis eine Platte daherkommt, die einen mit dem Kopf ins Eis steckt. Weil: muss ja. Irgendwie muss es weitergehen. Außerdem steckt „Into Dark Science“ so voll Anspielungen und Querverweisen, dass es schwer fällt, dazu KEINE Fragen zu stellen. Also den netten Herrn Schmittfull angeschrieben…

Andreas, wofür steht „Into Dark Science“? In welchem Zustand zeigt es die Band, dich als Songwriter… und die Welt als solche?
Andreas: „‘Into Dark Science‘ ist, wie seine Vorgänger [„CVLT“ von 2015 und „Sundown Pleasures“ von 2016; Anm. d. Verf.], das, was aus mir herausbricht. Alle drei Alben sind in circa sechs Monaten entstanden und in insgesamt drei Jahren erschienen. Ich lege viel Wert darauf, dass die Band ihre Spontaneität und Rohheit behält. Manche Songs entstehen in einem Tag, manche Songs brauchen zwei Wochen, um zu schlüpfen. Wichtig ist, dass nicht herumgeschliffen wird, bis etwas Ausgelutschtes dabei herauskommt. Für die Band gab es eine Weiterentwicklung im Sound, es bleibt zwar schmutzig, aber wird brutaler, dicker und schwerer. Dafür sind Henner und Role von der Tonmeisterei Oldenburg verantwortlich, wie immer. Wir wachsen mehr zusammen, trotz des Lineup-Wechsels [Anm.: er meint den Weggang von Gitarrist Björn Granzow sowie den neuen Gitarristen Florian Brunhuber], wir sind einfach eine kleine und auch große Familie, die auch mal zusammen mit den Partnern und Kindern in den Wald geht und einen schönen Tag hat, ohne Musik zu machen.

Für mich ist die Band meine zweite Familie, und „Into Dark Science“ die neueste Herausforderung und Katharsis in einem. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich das Album hören kann, es gibt mir Ruhe und Kraft, es lässt mich verstehen und wirft gleichzeitig für mich neue Fragen auf, die zu einem vierten Album führen werden. Es zeigt mich aber auch verwundbar, in meinen tiefsten Abgründen und Selbstzweifeln. Die Platte knüpft nahtlos an „Sundown Pleasures“ an. Es kostet mittlerweile mehr und mehr Kraft, die Welt so zu akzeptieren wie sie ist, ohne an ihr zu verzweifeln. Die Welt kann ein wunderschöner Ort sein, wenn man es schafft, mal für einen Moment abzuschalten. Bei vollem Bewusstsein muss man an nahezu an ihr zerbrechen.“

“Beware, for we are fearless, and therefore powerful
We are alone and miserable
There is love in us the likes of which you’ve never seen…”
(“Into Dark Science”)

„Into Dark Science“-das-Album ist ein großes, zähes, düsteres Aufbäumen: Bis in die zarten Momente hinein fühlt es sich gewaltig an; selbst ein Flüstern (im Opener, zum Beispiel, oder als gesampelter Dialog aus dem Film „The VVitch“) ist bloß der Vorbote eines sich unweigerlich aufreißenden, mörderischen Rachens… – Welche Geschichten erzählt ihr hier?
„Im Prinzip wollte ich einerseits das Hexenthema, das ich in ‚Bombing the Witches‘ [Anm.: einem Song vom 2016er „Sundown Pleasures“-Album] aufgegriffen habe, erneut bearbeiten. Auf „Into Dark Science“ wird jetzt die Hexe verstärkt zur Chiffre; für was, möchte ich jedem selbst überlassen. Dann wollte ich eine Abhandlung zum Thema „Dunkelheit“ verfassen und einflechten. Als letztes spielt jede Form von Wissenschaft eine Rolle, als Gegenpol für das, was sich gerne als Wissenschaft bezeichnet, aber doch eigentlich billiger Hokuspokus ist, also jegliche Form von Wunderheilern, Verschwörungstheoretikern, Ewiggestrigen, die in leichtgläubigen oder verwundbaren Menschen Ängste und Hass schüren.“

Nimmt man das Booklet und Artwork zur Hand, erahnt man in Andreas den empörten Idealisten… und einen heillosen Romantiker: Sylvia Plath, Oscar Wilde, Rainer Werner Fassbinder, Mary Shelley, Heinrich Heine, Neil Gaiman und zig andere geistern in Textfetzen durch das Album. – Was macht sie zu Stichwortgebern?
„Ich liebe Literatur jeglicher Art, und ich liebe Filme. All diese Menschen weisen insofern eine Homogenität auf, als dass ich das, was sie gemacht haben oder machen, in höchstem Maß verehre. Sie sprechen mir aus der Seele und inspirieren mich. Als mir klar war, dass das Album „Into Dark Science“ heißen würde, wurde mir eines Tages bewusst, dass [Mary Shelleys] Frankenstein wie die Faust aufs Auge passt und um einen Aspekt ergänzt, den des eigenen Versagens. Daher habe ich die Lyrics zum Titelsong nahezu komplett aus Shelley-Zitaten verfasst und ihnen durch die Zusammenstellung eine aus dem Zusammenhang gerissene Bedeutung gegeben.“

“Out of the ash/I rise with my red hair/And I eat men like air” (aus dem Gedicht “Lady Lazarus”, Sylvia Plath)

Neben der 2018 exakt 200 Jahre alten Geschichte vom Wissenschaftler Frankenstein, der sich an seinem Plan, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, gründlich verhebt (und zum Synonym für menschliche Hybris wird), begegnet einem auf dem Album aber auch, wie gesagt, die US-Dichterin Sylvia Plath. Plath, die an einem Februar-Morgen 1963 ihre Küche mit Handtüchern und Stofffetzen abdichtete und den Kopf in den aufgedrehten Gasherd legte, starb mit gerade mal 30 Jahren: zerrieben zwischen Anpassungsdruck und Ausbruchsversuchen, ihrer Arbeit und der ihr zugedachten Rolle, zwischen Hoffnung und Depression…
„Sylvia Plath ist für mich eine prägende und unheimlich eindrucksvolle Person. In ihrer Lyrik hat sie private Erlebnisse aufgearbeitet und ähnliche innere Welten erschaffen, wie ich das versuche, aber natürlich nicht im Ansatz so meistere. Sie ist tragische Figur und warnendes Vorbild in einem. Ihre Aufarbeitung innerer Seelenzustände helfen mir beim Durchblättern der Gedichtbände, eine Selbstauflösung meinerseits zu verhindern. Und auch ihre späteren Auseinandersetzungen mit der jüngeren europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entsprechen häufig meinen Betrachtungsweisen oder ergänzen diese immer wieder aufs Neue. Ich bedaure sehr, dass sie sich das Leben nehmen musste. Ihr Auseinandersetzung mit der Dunkelheit ist prägend für „Into Dark Science“.“

Im Grunde könnte jeder Track mit einem Haufen Fußnoten daherkommen – tut er aber nicht. Stattdessen kriegen die Songs eine Umgebung, in der sie weiterwachsen – etwa mit emblematischen Zitaten unter den Texten. Ist dir wichtig, dass die Hörer dir in diese Kontexte folgen?
„Ich kann verstehen, wenn man sich von Musik treiben lässt, ohne die Kontexte zu hinterfragen oder nachzulesen. Jeder muss selbst wissen, was er mit Musik oder Kunst an sich anfängt. Für mich persönlich funktionieren die Songs nicht ohne die Texte und den Kontext. Aber generell habe ich mir vorgenommen, die Interpretation der Songs, ob mit oder ohne Textgrundlage, mehr den Hörern zu überlassen. Ich glaube, dass unsere Hörer sehr wohl in der Lage sind, unsere Songs für ihren eigenen Lebensweg zu kanalisieren. Wenn das Album dazu dient, eine Autofahrt zu untermalen…gut. Wenn das Album hilft abzuschalten…gut. Wenn das Album in einer schwierigen Situation hilft oder einen neuen Denkanstoß gibt…noch besser.

“Man muss zumindest versuchen zu beschreiben, was man nicht verändern kann.”
(Rainer Werner Fassbinder 1945-1982 – zitiert unter dem Song ‘Frostcoven‘)

Versuchen wir ein Track für Track – bzw., lass mich kurz ins Unreine denken. Auf „The Initiation Of Darkness“ entsteht etwas… Neues? Vielleicht eine Art Akzeptanz: ja, alles ist schlimm, aber das anzunehmen, wirkt befreiend?
„Akzeptanz ist nicht schlecht! Ein Erkennen und Akzeptieren, dass in jedem irgendeine Dunkelheit steckt. Es kommt eben darauf an: was macht die Dunkelheit aus mir?“

Zu dem furiosen Wirbel „Ripping Halos From Angels“ lautete meine Notiz: „wild flaming disappointment“. Enttäuschung als Motor der Erzählung?
„Mich enttäuscht sehr viel. Das ist richtig. Auch ich selbst.“

In „Frostcoven“ (dem Track mit dem VVitch-Sample) ist was Zartes angelegt – eine Emotionalität, die um jeden Preis und mit allen Mitteln verteidigt wird…
„Für mich [ist das] die Ode an die Verrückten, die Hexen, die Teufel, die nicht aufhören, die Heiligenscheine von Häuptern zu schlagen.“

„The Craft And Power…“ schäumt vor stattlicher Schönheit und zelebriert Ziel gerichteten Hass. Ist so Nachtragend-Sein nicht auch furchtbar anstrengend?
„Schöne Idee! Für mich auch: eine Art Statement, das Menschen, die jegliche Form von Empirie, Forschung und wissenschaftliche Erkenntnis kaltschnäuzig ablehnen und sich ihren eigenen Wahnsinn zusammenspinnen, zu dem macht, was sie sind. Vielleicht sollten wir in Zukunft auch ein paar heilende Steine verkaufen oder im Kaffeesatz die Zukunft voraussagen.“

„Into Dark Science“ ist, wie gesagt, Frankenstein pur: Die Kreatur konfrontiert den Schöpfer mit dem Erschaffenen. Das lässt sich weit über jeden persönlichen (oder literarischen) Rahmen hinaus lesen…
„Ja, richtig. Was wir erschaffen kann und wird uns eines Tages in einen Abgrund ziehen.“

Fulminantes Finale dann mit „Godspeed! Voyager“: Tod, Ende, aus? Welche Erkenntnisse warten im Schwarzen Loch?
„Ein Abgesang auf diese Oper der dunklen Wissenschaft. Die Reise durch die eigene Dunkelheit ist nicht einfach, für niemanden. Man kann aufgeben, resignieren, die eigene Integrität und Identität über Bord werfen. Scheitern scheint ein wichtiger Teil des Lebens zu sein. Aber das Unterdrücken der inneren Dunkelheit führt unweigerlich dazu, dass wir zu etwas werden, was nicht akzeptabel ist.“

„There is something at work in my soul,
which I do not understand.”
(Mary Wollstonecraft Shelley 1797-1851 – zitiert unter dem Song ‘Into Dark Science‘)

Wer Phantom Winter je live gesehen hat, weiß um die zwei Seelen in ihrer Brust: wie sie stoisch im Fast-ganz-Dunkeln stehen und Andreas und Christian sich in Rede und Widerrede die Köppe rotbrüllen – „Call & Response“, auch auf der neuen Platte…
„Ja, damit spiele ich gerne. Es ist immer ein Austesten dessen, was generell möglich ist und in der jeweiligen inhaltlichen Situation passt. Natürlich hat das auch eine kompositorische Bewandtnis, um an den richtigen Stellen das Riff auf besondere Art und Weise zu unterstützen und in die gewollte Richtung zu pushen. Bei ‚Ripping Halos from Angels‘ weiß ich immer noch nicht, wie ich den Blastbeatpart vor dem Finale live stimmlich bewältigen soll. Aber es war klar, dass hier die helle Stimme, das Gekeife, alleine stehen muss. An anderen Stellen verlangt der Kontext wieder nach einer Mischform der Stimmen oder nach einem rein tiefen Grölen. Oder wir müssen zusammen die Dunkelheit beschwören, wie in ‚The Initiation of Darkness‘.

Auch das Artwork von Oliver Hummel [www.hummelgrafik.de – siehe seine schicken Cover für Omega Massif und Planks!] evoziert das Dunkle: Das Cover von „Into Dark Science“ ziert eine morbid collagierte Figur, die an die Fotos von Joel-Peter Witkin und Dave McKeans Illustrationen für Neil Gaiman erinnert. Wie habt ihr euch über die Optik verständigt?
„Über direkte Einflüsse müsste Oliver schreiben, das ist für mich nicht zu beantworten. Gaiman ist für mich sicher einer meiner Haupteinflüsse, ich verwende ständig Zitate von ihm, auch in den Texten. Ich liebe seine Arbeit und seine Aussagen einfach. Die Optik ist grundlegend seit „Cvlt“ klar, die haben wir und vor allem Oliver mit dem Album festgelegt. Hier mache ich grobe Angaben zu den Inhalten der Platte, schicke die Texte, beantworte eventuell Fragen. In diesem konkreten Fall habe ich grob skizziert, dass ich eine weibliche Figur auf dem Cover haben möchte, eine Art Hexe. Das Ergebnis hat sich perfekt in das Ganze eingefügt. Hexe, Dunkelheit, Wissenschaft. Oder eben die Kritik an dem, was mit Wissenschaft für uns rein gar nichts zu tun hat. Oliver entwickelt, einmal in Gang gebracht, eine unaufhaltsame kreative Gewalt. Im Positiven.“

„Man muss seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt worden.”
(Heinrich Heine 1797-1856 – zitiert unter dem Song ‘The Craft and the Power of Black Magic Wielding’)

… alles Songwriting in einer Hand: ist das immer noch euer Modus Operandi?
„Ja, ich bereite die gesamten Songs vor, nehme die Instrumente auf, setze mich mit den anderen hin und spreche alles durch. Die Gesamtvision ist in einer Hand, für uns zahlt sich das aus! Es gibt keine Streitereien um das Songwriting, man spart sich monatelange Jamsessions, man kann über die Situation endlos Witze machen.“

Ich habe euch das letzte Mal live in Wiesbaden gesehen, mit Full of Hell, und war weggeblasen von der Konzentration und Reduktion auf der Bühne – dieses dichte, enge „alles Unnötige weglassen“… eine intensive Kommunikation. Das neue Material dürfte euch da einiges abfordern, auch körperlich, oder?
„Live wird das heftig. Wir wollen mindestens zwei, eventuell drei Songs einbauen. Die Erfahrungen im Proberaum bisher zeigen, dass es ordentlich ballern wird, wenn wir uns alle zusammenreißen. Und die Bühnensituation ist von uns allen so gewollt und ergibt sich aus unserer Gesamtstimmung. Da sind alle in ihrem Film gefangen.“

Familie, Jobs und Band jonglieren, das war schon vorher nicht einfach. Wie managt ihr das zurzeit?
„…es ist eine Gratwanderung. Zuerst die Familie, dann alles andere. Irgendwie geht es dann, wenn man Partnerinnen und Kinder hat, die hinter einem stehen und unterstützen.“

Interview: Melanie Aschenbrenner

Phantom Winter sind…

Andreas Schmittfull – Guitar/ Vocals
Florian Brunhuber – Guitar
Christof Rath – Drums
Martin Achter – Bass
Christian Krank – Vocals

Links
Offical: http://www.phantomwinter.com/
Facebook: https://www.facebook.com/wintercvlt
Instagram: https://www.instagram.com/phantomwinter/
Twitter: https://twitter.com/phantomwinter
Label: http://www.goldenantenna.com

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