November 15th, 2019

PETTYBONE aus #148, 2011

Posted in interview by Jan

„Pettybone is the voice of the voiceless / Pettybone is the voice of the oppressed / The sound of revolt for all those that were told they’re useless / For all those who lost their youth in the Process / For all the kids that believe in their dreams but the fucked up system cut their Wings / For all those living in poverty on the edge with (in) sanity / For all the vagabonds and homeless /For all the women who fight for freedom and Respekt /For all the immigrants trying to make their way through the London streets /For all the sisters and brothers in need /For all the truth seekers… You have a voice (cuz) Another world is possible…“

The Sound Of Revolt: Interview mit PETTYBONE

Nein, es sind keine Rechtschreibefehler und ist kein Interview mit dem Bruder von Greg Ginn, Raymond Pettibon, dem wahnsinnigen Black Flag/ SST Covermaler. Pettybone nennt sich eine sau coole und ganz neue „all female crust noise punk“-Band aus London (wir werden über diese Hervorhebung „Frauenband„ noch im Interview reden). Über ein Review im Maximum RocknRoll bin ich auf sie aufmerksam geworden, hörte mir ihre Songs an und lass mir die Texte durch, geil. Es gab vor zwei-drei Jahren mal die finnische all girl Band KATRINA auf Campary Records, die Sängerin war auch mal bei unserem Frankfurter Trust Stammtisch dabei, da hatte ich mich schon geärgert, kein Interview gemacht zu haben.

Aber auch noch aus einem anderen Grund erscheint dieses Interview: wenn die Vorschau für die kommende Trust Nummer per Newsletter reinschneit, dann fällt es fast immer einigermaßen bizarr auf, wie sehr man raten kann, wer welches Interview gemacht hat. Alva kümmert sich seit einigen Jahren vorbildlich um eine quasi Dokumentation von ex- und aktuellen riot grrls Protagonisten, das ist super, ansonsten wären fast nie weibliche Musiker im Heft. Am meisten überzeugte mich bei PETTYBONE neben dem coolen Namen, der ungewöhnlich gemischten, aber sehr geilen und druckvollen Musik das Mission Statement der Band aus ihrem Song „Pettybone Song“ (siehe Interviewüberschrift). Parolen? Sicher. Aber schön…

Mit Sängerin Amy und Gitarristin Ivona führte ich Ende 2010 dieses Interview, Amy ist übrigens aus Deutschland, die weitere Besetzung ist Lianna am Bass und Zel spielt Schlagzeug. Zel? Da war doch was…

Hi Pettybone, das fiel mir bei eurem Bandnamen aus dem SST Kosmos direkt auf, der Name eurer Schlagzeugerin, Zel, ist keine Anspielung auf den letzten Black Flag Bassisten C´el?

Amy: Nein, ist es nicht, hehe.

Ivona: Nope, Zel is cornish. C’el is totally californian, dude!

Langweilige Frage, aber erzählt doch mal, wie ihr euch getroffen habt?

Amy: Ivona wollte eine allgirl-Band gründen und kannte uns alle wegen unserer anderen Band, ich spiele in einer Band namens Hello Bastards, Zel bei Invasion, Lianna war bei Hang the Bastard und Ivona bei Honour Amongst Thieves dabei. Sie kontaktierte uns alle, ob wir Lust auf die Band hätten und wir hatten alle Lust, so fing das an.

Ivona: Ich hatte einen Song mit meinem Freund aufgenommen und eine Idee für eine Band. Deshalb schickte ich den Mädels den Song (ich kannte sie von anderen Bands, Lianna von Hang the Bastard, Amy von Hello Bastards und Zel von Invasion). Sie mochten den Song und von da an startete es.

Ihr habt schon geile Berichterstattungen, im MRR und auf BBC. Ich will jetzt nicht wie ein Idiot rüberkommen, es freut mich sehr, dass ihr schon so geile Reaktionen bekommen habt, weil eure Musik so außergewöhnlich geil ist, aber vielleicht hat es auch etwas mit dem “Frauen”-Bonus zu tun, also, das alle so ausflippen “Yeah, Frauen-Crustband”? Wobei dieser Ausdruck ja auch total unterkomplex ist, keiner würde bei einem Flyer zu einem EXTREME NOISE TERROR-Konzert dazu schreiben “all male crust”. Was denkt ihr darüber, seid ihr gleichzeitig glücklich, aber auch angepisst, dass ihr nur auf “Frauen”-Ding reduziert werdet?

Amy: Als erstes würde ich sagen, wir sind überhaupt keine Crustband, obwohl wir von einigen Bands aus dieser Szene beeinflusst sind. Und ja, ich denke, es ist unvermeidlich, dass die Leute uns aufgrund unseres Gender beschreiben, es gibt einfach nicht viele Frauenbands, die diese Art von Musik spielen. Das ist eine Schande, weil wir mehr sind als die Rollen, die uns Leute zuschreiben; indem sie sich nur auf unser Gender konzentrieren, liegt darin auch eine subtiler Beigeschmack von Sexismus, der so verstärkt wird. Jedoch, ich möchte sagen, wir haben ein dickes Fell, das kümmert uns nicht viel und ebenso wenig, was die Leute für eine Wahrnehmung oder Beschreibung von uns haben. Natürlich, idealerweise wollen wir weg von dieser Identifizierung von uns als Band nur durch unsere sexuellen Organe, aber bis zu einer gewissen Grenze akzeptieren wir es. Am Ende des Tages sind wir einfach glücklich, Musik zu machen und froh, dass die Leute Interesse an uns haben. Im MRR reviewt und auf BBC gespielten zu werden, das war einfach unglaublich.

Ivona: Ich möchte darauf hinweisen, dass wir nicht deshalb die Berichterstattungen im MRR und BBD bekommen haben, weil wir eine Frauenband sind. Uns gibt’s schon eine Weile, wir spielen in Bands und helfen anderen Bands. So trafen wir durch unsere Arbeit viele Leute. Ich hab zuerst Bryony für ein Interview für mein Webzine (conspiracyofwomen-cow.blogspot.com) gefragt; ihr erzählte ich auch, dass ich eine Band habe und sie schreibt für MRR, mochte unsere Musik und unseren Gig und deshalb schrieb sie etwas über uns. Für ein paar Mal war ich auch der Stage-Manager für Hexes, das die Band von Daniel, der wiederum beim BBC ist und ich glaube, Liana kennt ihn. Sie schickte ihm unsere Tracks. Das alles würde nicht passiert sein, wenn wir nicht schon längere Zeit aktiv gewesen wären und uns den Arsch abgearbeitet haben. Weder Bryony noch Daniel haben uns als allgirl-Band beschrieben, glaube ich. Auf jeden Fall, es ist unvermeidlich, so gelabelt zu werden, die Schublade kommt früher oder später. Aber wir versuchen, die Promoter zu ermutigen, dass sie unsere Musik auf dem Flyer erwähnen anstelle unseres Geschlechtes.

Euer Bandname ist als Hommage an Raymond Pettibon´s Kunst zu verstehen, nachdem ihr „Get in the van” gelesen habt, so habe ich das aus einem anderen Interview verstanden. Als ich Kira von Black Flag interviewte, ging es um einige seiner Bilder, bei denen es eine Kontroverse gab (in Verbindung mit BF Songs), z.B. „Slip it in”, was denkt ihr dazu, gibt es bestimmte RP-Bilder, die ihr nicht mögt?

Amy: Der Bandname war nur teilweise von Raymond Pettibon beeinflusst, und sicher, wir alle mögen sein Artwork und auf eine bestimmte Weise stellen diese ein Symbol für Punk der damaligen Zeit dar, das respektieren wir sehr. Ich kenne nicht sein gesamtes Werk, deshalb könnte es sein, dass es da einige gibt, die ich nicht mag, ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber wir werden kontinuierlich unseren Weg gehen und Grenzen aufbrechen, wenn immer wir auf welche stoßen.

Ivona: Ich kenne nicht alle seine Artworks. Ich mag ihn sehe, weil sein Artwork für Black Flag als provozierend gedacht war und das inspirierte mich. Ich denke nicht, dass „Slip it in“ ein sexistischer Song ist, er ist sarkastisch im Black Flag Stil. Wir sind von den DC Punk/Hardcore Bands wie Fugazi, Embrace, 90’s alternative noise/alternative/grunge Bands wie Nirvana, Drive like Jehu, Slint, von Syd Barrett und den echten alten Blueskünstlern wie Robert Johnson, Muddy Waters, Howlin‘ Wolf beeinflusst worden.

Habt ihr je versucht, ihn zu kontaktieren, damit er was für eure Band malt?

Amy: Das wäre großartig, wenn er irgendwas für uns machen würde, ich bezweifle es aber, haha.

Ivona: Girls are into contacting him …aber ich will lieber junge, ihre Zukunft noch vor sich habende, Künstler unterstützen, die nicht so gut etabliert sind wie er.

Eure Musik ist nicht leicht zu beschreiben, da sie so schön großartig divers ist, vielleicht trifft es „noise crust“?

Amy: Danke für das Kompliment. Yeah, ich denke, auf eine gewisse Art und Wiese ist es schwierig, unsere Musik zu beschreiben, und wenn du dir das Album angehört hast, stellst du fest, das alle Songs sehr unterschiedlich sind. Das ist aber etwas, was wir versuchen, zu erreichen, wir wollen nicht zu einer Schublade einer bestimmten Szene werden und ich hoffe, das wird durch unsere Musik reflektiert.

Ivona: Well, teilweise sind wir von Bands wie Tragedy und Harum Scarum beeinflusst, daher kommen die Crustelemente, denke ich. Aber wir haben viel mehr Einflüsse, Punk, Blues, HC, Rock, Grunge, etc. und wir mixen sie einfach zusammen, um einen Song daraus entstehen zu lassen.

Kennt ihr die (nicht mehr existierende) finnische Band Kathrina, das war auch eine reine Frauen crust band? Was für Bands mögt und hasst ihr?

Amy: Nein, Katharina sagt mir nichts, aber danke für den Tipp. Wir mögen alle so unterschiedliche Arten von Musik, es ist schwer, sich auf spezielle Bands, die wir alle schätzen, festzulegen, aber wir mögen Bands, die alles in Richtung Sludge, Metal, Blues, Rock, Emo (den echten), HC, Crust blabla spielen. Es wäre unfair, Bands aufzuzählen, die wir hassen, haha, aber da gibt’s natürlich ein paar wenige…

Ivona: Ich hab noch nie was von Kathrina gehört, da schaue ich nach. Ich glaube, wir alle mögen Slayer, haha und hassen alle die kindisch gefakten Kerrang Bands.

Wie ist die Situation für junge bzw. neue Bands in London? Wo tretet ihr gerne auf, Kneipen oder Squats?

Amy: London ist großartig für neue Bands, weil es so viele Auftrittsorte und ebenso viele besetzte Häuser gibt, es ist relativ einfach für neue Bands, an Auftritte heranzukommen. Wir haben in allen möglichen Arten von Veranstaltungsläden gespielt, Squats, Clubs, Kneipen und was nicht alles, für uns ist es egal, wo wir spielen, solange wir die Möglichkeit haben, aufzutreten, dann sind wir glücklich. Persönlich bevorzuge ich Auftritte in Squats, weil sie eine Alternative zu dem Mainstream Kommerzläden darstellen und eine Menge des Bullshists der kommerziellen Läden nicht in Squats zu finden ist. Und wir proben in einem solchen besetzten Haus, deshalb ist es für uns wie zu Hause zu spielen und die Szene zu supporten.

Ivona: Es ist ein harter Kampf, um ein gutes Soziales Zentrum in London zu bekommen. Viele Squats werden geräumt, das ist Scheisse. Wir bevorzugen es, dort zu spielen, das ist unsere Heimat, das ist wo wir proben, abhängen und wo ich mal wohnte.

Wie kam es, dass Kurt von Converge der Mixer von eurem Album wurde?

Amy: Ivona ist sehr gut mit Kurt befreundet, sie schickte ihm die Tracks, er mochte sie und wollte sie mixen. Er ist so akribisch mit seiner Arbeit und seine Aufmerksamkeit für jedes Detail ist klasse. Wir sind deshalb sehr glücklich mit dem Endmix.

Ivona: Kurt traf ich im Underworld, dort arbeitet ich gelegentlich und wir haben uns angefreundet. Er unterstützte uns sehr, ermutigte uns und half mir in sehr schwierigen Zeiten, deshalb fragte ich ihn, ob er die Platte mixen würde und er sagte ja! Er ist der beste!

Ihr plant eine Tour in Israel im Januar, wie lange seid ihr unterwegs?

Amy: Ich denke, wir werden so zehn Tage touren, aber wir arbeiten gerade noch an der Logistik. Die Vorfreude ist groß, das wird spaßig.

Ivona: Es geht jetzt im Februar los, wir werden zehn Tage da sein, und vier Konzerte spielen, zwei in Tel Aviv und eins in Haifa und eins in Jerusalem, hoffentlich.

Ich finde euer Mission Statement in dem Song “Pettybone” total geil, es kommt mir bei neueren Punkbands oft alles inhaltslos leer, keine Sozialkritik mehr, stattdessen nur Drogen, Bier und Drogen.

Amy: Da gebe ich dir in gewisser Hinsicht recht, aber es hängt sehr davon ab, über welche Szene wir hier reden. Ich bin überwiegend in der Crustpunkszene involviert und die Mehrheit dieser Bands sind politisch und haben eine Botschaft, es wäre für eine Band in dieser Szene auch seltsam, keine zu haben. Jedoch ist diese Szene wiederum sehr verschieden im Hinblick zu der HC-Szene, ich hab das Gefühl, dass letztere so kommerzialisiert und redundant in vielen Sachen geworden ist. HC macht immer noch Spaß, es gibt viele gute Bands, aber diese Szene hat sich so verändert im Hinblick darauf, wie ich sie erfahren habe, also der HC, den ich mochte, der ist vor einer langen Zeit verloren gegangen, zumindest fühle ich es so.

Ivona: Die meisten Kids sind privilegiert, das System arbeitet für sie und ihre Musik reflektiert das. Hinzu kommt, das wir einfach mehr und mehr verblöden in sinnlosen Jobs, durch die Medien und anderen Ablenkungen, so verschwindet jegliche Form von Aufmerksamkeit. Wir sind durch das System isoliert, uns wird erzählt, dass wir mit jedem im Wettbewerb stehen anstelle das wir als Menschen zusammenkommen und das Leben kreieren, von dem wir träumen es zu leben, das Leben leben, was wir leben wollen. Die Szene reflektiert einfach das, was wir im Mainstream sehen, die Vereinzelung und Apathie.

Einige Leute sagen, dass „nur” durch die Riot Grrl Bewegung in den 90er es zum ersten Mal klargemacht wurde, dass Frauen in Bands spielen sollten / können. War die riot grrl Bewegung wichtig für euch? Einerseits bin ich großer Fan von Bikini Kill, Bratmobile und den Inhalten etc., auf der anderen Seite finde ich, haben sie einfach die lange Tradition von aktiven Frauen im Punk ausgeblendet, ich meine, Crass, Avengers, Plasmatics, Black Flag mit Kira, Pixies, Breeders, L7…

Amy: Ganz genau, ich stimmte dir vollkommen zu. Ich liebe und schätze es sehr, was die Bewegung geleistet hat und denke, es war wichtig, dass sie ihren eigenen Platz in einer davor von Männern dominierten maskulinen Subkultur besetzt haben. Die Riot grrl Bewegung trug dazu bei, den Sexismus im Punk zu jener Zeit in Frage zu stellen. Auf der anderen Seite ist diese Bewegung für mich eventuell nicht so wichtig wie für die anderen Pettybone-Leute.

Der Riot grrl Bewegung wird zugesprochen, dass sie Frauen zum Punk ermutigte und ihr neuer Einfluss an Ideen für die Punkcommunity wird ebenso ihr zugesprochen, aber die Szene ist, zumindest von meinem Standpunkt, typisch „Americancentric”. Obwohl zu Recht ein großer Fokus dieser Szene auf feministischen Punks liegt, gab es von ihnen nicht genug Credit hinsichtlich Bands wie Conflict, Chumbawamba, Crass und so weiter, die es Frauen ja viel länger vor dem Auftauchen von der Riot Grrl-Szene ermutigte, eine aktive Rolle im Punk zu spielen.

Ivona: Yeah, auf jeden Fall. Bikini Kill ist einer meiner absoluten Lieblingsbands aller Zeiten und als ich sie zum ersten Mal hörte, sprachen sie total meine Sprache. Sie erneuerten Feminismus für Mädels und Frauen auf eine verständliche Art und Weise, so dass die Frauen dass verstehen und einen Bezug dazu aufbauen konnten, ohne einen akademischen Hintergrund zu haben. Natürlich gab‘s vorher schon Frauen im Punk, aber wie viele von ihnen haben über Feminismus und speziellen Themen wie Vergewaltigung, Inzest, Abtreibung etc. gesprochen? Oder wie viele von ihnen haben Songs geschrieben? Nicht viele.

Heute gibt es weltweit Ladyfests, wurdet ihr schon gefragt, bei ihnen aufzutreten?

Amy: Ja, wir wurden schon angefragt und ich hoffe, es wird bald umgesetzt werden.

Ivona: Wir wurden gefragt, eine Art von LF zu spielen, aber am Ende ist es nicht zustande gekommen. Für kommende LF haben wir keine Angebote. Wir wollen Teil davon sein!

In der feministischen Theorie ist seit einigen Jahren die Theorie von Judith Butler populär; nach ihrer Sichtweise gibt es nicht „Mann“ oder „Frau“, es gibt mehr als zwei Geschlechter, keine binäre Matrix (Mann/Frau). Ich frage mich da immer, warum Simone de Beauvoir nicht mehr en vogue ist. Wenn es mehr als zwei Geschlechter gibt, ist es schwierig, über Lohnungleichheiten zwischen Mann und Frau zu diskutieren, weil es gibt ja so gesehen dann gar nicht mehr die „Frau“. Sehr ihr euch mehr als alte Schule Feministinnen oder mögt ihr mehr die neueren Theorien?

Amy: Ich kann nicht für den Rest der Band und ihre Sichtweisen des Feminismus sprechen und nicht alle von uns identifizieren sich mit dem Begriff “Feministin”, davon abgesehen: Ich habe einige Gründe, um sich so zu nennen, als Band haben wir Feminismus-Elemente, die Teil unser Gruppe sind, aber das ist nicht etwas, was nach unserem Gefühl der Hauptbestandteil der Band darstellen soll. Vielleicht wird uns wegen unser “All girl” Band dieser Begriff mehr angehangen als er sollte. Nachdem das gesagt, „Gender Trouble” ist mit einer der wichtigsten Texte über Gender und Identitätspolitik, den es überhaupt gibt.

Ich las ihn vor „Das andere Geschlecht” und ich bin froh, es in dieser Reihenfolge gelesen zu haben, weil ich so Butlers Kritik an De Beauvoir frisch im Kopf hatte, als ich mit „Das andere Geschlecht” anfing. Das half mir, die Arbeit von De Beauvoir anders zu betrachten, wie ich es sonst womöglich nie getan hätte. Ich denke, dass Gender flüssig ist und nicht etwas darstellt, was notwendigerweise einem Individuum zugesprochen werden kann. Und ich fühle mich unzufrieden mit dem binären Gender-Setting. Ich denke nicht, dass Gender statisch ist und ich fühle auch, es kann nicht von uns gesagt werden, wie und was jemand sein soll.

Deshalb denke ich, dass Butler in der heutigen Theorie relevanter ist als De Beauvoir. Darüber hinaus finde ich es auch nicht richtig, strikte Genderlinien beizubehalten, um über Sachen wie Lohnungleichheiten zu reden etc. Mir ist es egal, wer mehr verdient oder wer nicht. Ich verstehe das so: das System ist darauf angelebt, Hierarchien und Aufteilungen zu forcieren, egal, ob Frauen an der Macht sind oder nicht, deshalb lehne ich alle Machtstrukturen ab, die der Kapitalismus hervorbringt. “Anarcha-feminism” hält meiner Meinung nach die Antworten of viele Fragen bereit, die von dem Mainstream-Feminismus vernachlässigt werden.

Ivona: Beide brachten verschiedene Meinungen und Ideen zu den Erklärungen von Gender und Unterdrückung, das schätze ich und bewundere sie dafür. Aber im Allgemeinen glaube ich, dass der Kapitalismus die Hauptunterdrückung darstellt, er verstärkt das Patriarchat, die Aufteilungen und Hierarchien, die dann andere ausbeuten können. Anarchofeminismus ist wichtiger für mich .

Die HC-Punk-Szene sieht sich als anti-sexistisch. Super, finde ich auch klasse, manchmal scheint es jedoch, dass dieser richtige Gedanke viel zu weit realisiert wird, ich denke an Geschichten von abgebrochenen Konzerten, weil der Bassist einen Playboybunny auf seinem Bass hat oder Unterbrechungen des Konzertes wg. Macho-pogo und alle müssten sich daraufhin auf den Boden setzen. Oder eben auch, dass vielleicht Jungs, die mit dem harschen Antisexismus sozialisiert werden, sich dann irgendwie total schämen, überhaupt irgendwas zu sagen, und sei es auch nur, ein nettes Kompliment, über das sich jeder freut, zu sagen. Ok, das Frauen als Objekt gesehen und dargestellt werden, die Dominanz von Typen im Punk, alles alte Probleme und immer noch ungelöst. Meine Frage ist, wie seht ihr euch, als total strikte Feministen oder irgendwie dogmatisch?

Amy: Well, als Typ mag für dich die HC-Punk-Szene anti-sexistisch erscheinen, aber las dir gesagt sein, sie ist es nicht oder vielleicht nicht so, wie wir denken, sie wäre es. Uns ist es egal, wie die Leute bei unseren Konzerten tanzen oder wie Leute oder Bands sich verhalten im Hinblick auf Respekt füreinander. Wir sind nicht die Sorte von Band, die deliberativ provokativ und in your face ist. Wenn wir auf Standpunkte treffen, mit denen wir nicht übereinstimmen, eben sexistischen, dann würden wir eher das Gespräch zu der Person suchen, anstatt ihnen den Rücken zuzudrehen und nur dann, wenn das nicht geklappt hat… wir sind ziemlich gut darin, unsere Fäuste zu verwenden!

Ivona: Wir sind keine PC-Polizei. Die Kinder sind große Jungs und Mädels, die wissen was sie tun, aber du wenn mir gegenüber ein Arsch bist, dann habe ich ein oder zwei Wörter für dich: Fick dich! Ha.

Am Ende kurze Fragen, kurze Antworten, Kiss oder AC/DC?

Amy: Kiss.

Ivona: Uffff.

Kim Deal oder Kim Gordon?

Amy: Kim Deal.

Ivona: Kim Deal.

Girlschool oder Hole?

Amy: Hole.

Ivona: Babes in Toyland.

Sexieste Frau in Punk, Hc, Indie, für mich ist das Kim Deal?

Amy: Die punkigste von allen, Emma Goldman!

Ivona: Brody Dalle, keiner kommt an sie heran oder?

Und der sexieste Typ, ich so Evan Dando?

Amy: Ah, ich wusste gar nicht, dass es da welche gibt.

Ivona: Dennis Lyxzen, einfach nur wegen seinen Bewegungen.

Was habt ihr für Zukunftspläne mit der Band?

Amy: Wir wollen so viele Konzerte spielen und in so vielen Ländern touren wie möglich.

Ivona: Schreiben, auftreten, reisen.

Danke für eure Zeit, habt ihr noch Grüsse an unsere Leser?

Amy: Danke für das Interview, wir schätzen das sehr und wir hoffen, eines Tages in Deutschland zu spielen, deshalb: hört euch uns mal an.

Ivona: Danke für die Möglichkeit, in eurem Heft zu sein und unsere Ideen mitzuteilen. Das ist schön, gehört zu werden! Wir hoffen sehr, bald nach Deutschland zu kommen! Oh, kennst du diese Dead Prez-Zeile „I´ve been to Germany, don’t wanna do it again“? Haha.

Interview: Jan Röhlk
Bilder, Logos: Pettybone
Kontakt: myspace.com/thesoundoftherevolt

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