April 14th, 2020

PETERS. (#134, 2009)

Posted in interview by Thorsten

Umgefallen und nicht mehr aufgestanden
1995 – 2008

2001 //
Im zur damaligen Zeit größten & wichtigsten deutschen NIRVANA Internetfanforum finden sich kreative Leute zusammen und entwickeln eine Idee.
2002 //
Ein Sampler wird geplant. Vertreten diverse, größtenteils schauderhafte Bands die heute zurecht aufgelöst sind oder es seit damals nicht geschafft haben den Niederungen der Bedeutungslosigkeit zu entkommen.
2003 //
Der Sampler erscheint Anfang des Jahres. Mit dem Beitrag „Subjekt / Objekt“ hauen die Peters. nicht nur mich vom Hocker.
2004 //
Ich gebe eine obskure Lesung in Karlsruhe, Peters. spielen danach auf. Die Band veröffentlicht ihre erste 7inch – deren Name ist verwirrend.
2005 //
Noch einmal Lesung mit den Peters., diesmal in Aachen. „Diskretion Deluxe“ auf dem I Can’t Relax In Deutschland-Sampler ist das erste neue Stück seit langem. Eingespielt mit den ebenfalls fabelhaften Egotronic. Ich führe mein erstes Peters.-Interview.
2007 //
Zwei Jahre nach dem letzten neuen Song und drei nach der 7inch erscheint Herz statt Kommerz: Die Peters. und andere releasen unreleased Songs als 5-fach Single-Box. Wie aufwändig! Die Band geht ins Studio.
2008 //
„Auffallen durch Umfallen“ erscheint im April, eine Tour schließt sich an. Im Sommer zerrt Kettcars-Erik Langer ¾ der Peters. vor das Mikro. Im Herbst tue ich es ihm gleich eine zweite Tour wird für Dezember gebucht, im Oktober aber wieder abgesagt. Die Peters. lösen sich auf. Kurz danach bringt Zeitstrafe eine 10“ Split heraus. Die Peters. sind dort zusammen mit Bratze und Escapado vertreten. In diesem Heft nun das letzte Interview.

Im Frühjahr habt ihr endlich euer Debutalbum veröffentlicht, was, wie man ja jetzt weiß, leider auch eure letzte Platte bleiben wird. Es hieß „Auffallen durch Umfallen“ und erschien fast fünf Jahre nach euer ersten 7inch „17,73 cm Strukturanalyse“ – wie schwer war es überhaupt noch die Motivation zu finden, weiterzumachen ? Ich las an anderer Stelle das ihr laut Torben das ein und andere Mal ernsthaft überlegt habt hinzuwerfen.

Torben: Waren das wirklich fünf Jahre? Puh. Ich denke aber diese Zeit hat es gebraucht, um überhaupt das Album, wie es heute klingt machen zu können. Ich für meinen Teil hatte es satt Frontmann zu sein. Ich hatte es satt zu schreien und war nicht sonderlich zufrieden mit mir und meiner Umwelt zu dieser Zeit. Da hat mich diese ewige Sauf- und Drecksatmosphäre auf Tour zusätzlich runtergezogen. Singen konnte ich nur, wenn ich voll war und irgendwie haben dann auch alle den Clown erwartet, der voll durchdreht. Damit kam ich nicht mehr klar und privat war auch alles ätzend. Da wir zu dieser Zeit schon dabei waren am Album zu basteln, ich aber überhaupt nicht mehr drüber singen, geschweige denn Texte schreiben konnte, zog sich das dann alles in die Länge und ich bin gefühlte 100 Mal ausgestiegen und wurde zurück gebeten. Das alles war aber sehr wichtig und das Texten über diese Zeit hat mir persönlich und dem Album gutgetan. Wir waren ja auch die ganze Zeit weiterhin auf der Suche nach unserer Musik und nicht bereits irgendwo angekommen. Das wäre ja auch langweilig.
Fabi: Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass wir mit den Aufnahmen für das Album schon 2005 angefangen haben, damals im sog. „Eidexenstudio“, das sich zwei Freunde aufgebaut hatten und somit den wahrhaftig „günstigen“ Nebeneffekt hatte, dass wir nicht soviel Studiomiete zahlen mussten. Außerdem war es gut von Hamburg bzw. Lübeck aus erreichbar, d.h. wir konnten hin und wieder einen oder mehrere Tage am Stück dort aufnehmen. Allerdings mussten die Betreiber Jan und Tobi bald darauf mit ihrem Studio nach Ostfriesland umziehen, womit unsere Aufnahmen irgendwie im Sand verliefen. Würde mich mal interessieren, wie die Sachen von damals so klingen, bestimmt derbe Punk und so… Naja, war jedenfalls für mich noch zusätzlich deprimierend, weil bestimmt schon 4-5 Lieder zumindest instrumental aufgenommen waren.

Später ist ja dann Jobst bei Euch eingestiegen, durch den die Peters. nicht nur zum Quartett anwuchsen, sondern durch den ihr vor allem ganz neue musikalische Möglichkeiten zur Verfügung hattet. Hing damals die Entscheidung weiterzumachen vielleicht auch mit seinem Einstieg zusammen?

Hier schließt sich tatsächlich die Frage mit der Motivation an. Jobst hat ja zusammen mit Max das gesamte Album produziert und enorm dazu beigetragen, einen Peters. Sound zu finden, auf den sich alle einigen konnten. Die Arbeit mit ihm war großartig und hat auch wieder neue Energie gegeben. Er hat da so einen Popcharme in die kühle Postkante reingebracht. Ein bisschen Tastengeklimper hier, ein wenig Verzerrung raus und mehr Hall. Dabei hat er aber bereits so viele Teile zu beigesteuert und unseren Musikkosmos erweitert, dass wir ihn auch als Bandmitglied haben wollten, alleine damit wir das auch live umsetzten konnten. Und ja, ohne Jobst wäre die Platte bestimmt noch nicht draußen und wenn dann würde sie sicher ganz anders klingen oder wir hätten uns bereits früher aufgelöst. Wenn ich an die musikalischen Aufnahmen denke, denke ich immer an Sonne, Garten, Hippiespiele, Bußgelder wegen abgelaufener Personalausweise und Absinth und übereinander gestapelte Küchenmöbel. Fantastisch. Obwohl, die Gesangsaufnahmen nochmal eine Katastrophe waren. Egal, ist ja letztendlich alles cool geworden, wie ich finde.

Hatte sich durch ihn oder überhaupt in den letzten Jahren die Arbeitsaufteilung / – weise geändert? Sofern es überhaupt eine feste Aufteilung gab. Du selbst Torben bezeichnetest dich ja schon mal gerne als egozentrisch und bist mit den Texten für einen der wichtigsten Parts verantwortlich – da kam es doch sicher fast automatisch zu Spannungen.

Torben: Spannungen gehörten bei uns zum guten Ton. Das hängt vor allem mit der Riesenfreundschaft zusammen, die uns verbindet. Wir waren halt keine Musiker, die miteinander spielten, sondern sechs Vollpfosten, die sich zu gut kennen und alle ’nen Dickkopf haben. Naja, Andi unser Trommler, der hatte immer gute Laune. Nur wenn’s ums Geld ging, da wurde er wild. Ich bin schon egozentrisch und wenn etwas nicht so lief wie ich es wollte, bin ich früher ganz schön ätzend geworden. Da habe ich mich dann schonmal ein ganzes Konzert auf die Fensterbank gesetzt und den anderen zu geguckt.
Fabi: In den letzten Jahren habe ich versucht mich zurück zu nehmen. Auch das war wichtig für mich. Hat aber leider dazu geführt, dass sich viel anstaut. Bei den Texten war es schon so, dass Torben da letztendlich die Entscheidungen traf, da er ja auch hauptsächlich für die Texte verantwortlich war. Musikalisch waren eigentlich alle gleichermaßen beteiligt. Klar hatten wir mal unterschiedliche Meinungen, was den Klang bestimmter Elemente unserer Musik anging. Aber am Ende fanden wir immer einen Nenner. So blieb es immer auch musikalisch spannend, wie der nächste Song wohl klingen würde und es kam nicht zum Stillstand, wie es bei vielen Bands der Fall war und ist. Wir hören alle die unterschiedlichste Musik und haben versucht diese Elemente miteinander zu vereinen. Ob es gelungen ist? Keinen Plan.

Wir sprachen ja schon über eure lange Veröffentlichungspause, die nur ab undzZu mal durch den einen oder anderen Sampler-Beitrag unterbrochen wurde. Gerade dadurch klingt euer erst zweiter richtiger Tonträger schon ganz anders als der vorherige, eine Entwicklung die sich bei den meisten anderen Bands über mehrere Releases hinzieht. Man merkt das die Songs ausgefeilter sind, ruhiger, Torben schreit nicht mehr so viel, ihr traut euch musikalisch mehr. Inwiefern wart ihr von der Entwicklung selbst überrascht und wie haben die Leute auf das neue Material reagiert, die noch die Peters. zu Zeiten der „17,73 cm Strukturanalyse“-7inch kannten und mochten?

Torben: Wie schon gesagt hat sich bei allen der musikalische Horizont erweitert. Früher haben wir alle Punk und Posthardcore gehört. Wir saßen im Tal und konnten kaum über die Berge blicken. Irgendwann hat uns ein Vögelchen gezwitschert, das hinter den Bergen riesige fruchtbare Ländereien liegen. Vielen von uns hat immer nur Punk und Hardcore irgendwann gelangweilt. Alles klang gleich und ist mit einer bestimmten Attitüde verbunden. Klar, das ist in jeder Musikrichtung so. Jede hat einen gewissen Stil an den sie geknüpft ist, das steht außer Frage. Ich selbst hörte in der letzten Zeit ziemlich viel Folk und Bands wie Low, Sonic Youth oder Kraut Zeug aus den 70ern. Neu!, Cluster, die ersten Kraftwerk Sachen. Das ist Musik, die mich zurzeit fasziniert. Die Platte ist vom Sound ja trotzdem noch ganz schön Post. Abgesehen von Jobst Sachen und meinem Gesang ist es wieder eine Peters.-Platte geworden, die man auch als solche erkennt. Nicht ganz so krachig wie die 7inch zwar, aber eine logische Weiterentwicklung. Zu der Zeit mochten wir es halt sanfter. Was andere Leute angeht, da waren die Reaktionen gemischt. Von Seiten der Medien haben wir überwiegend gute Kritiken bekommen. Aber halt eher im Indie Bereich. Die Punk und Hardcore Fanzines waren da eher zwiegespalten, was ich verstehen kann. Damit das einen alte Fans und Freunde der Band nicht mehr mögen, muss man auch leben. Danny von Jetblack findet meinen Gesang zum Beispiel furchtbar. Doch macht man Musik in erster Linie für sich. Und wie schon erwähnt, hätte ich weiter diesen Hardcore-Kreisch machen müssen, nur um geliebt zu werden, wäre ein Ende schon viel früher gekommen.

Apropos Leute, in Interviews spracht ihr oft davon, das ihr weder früher in Lübeck noch dann später in Hamburg, so richtig zu einer Szene gehört habt, das ihr immer irgendwo zwischen den Stühlen standet. Wen spracht ihr mit eurer Musik an, gab und gibt es vielleicht trotzdem oder gerade deswegen so was wie eine typische Peters.-Hörerschaft, ganz egal ob auf Platte oder live?

Torben: Ich weiß nicht wen wir genau ansprachen oder auch jetzt noch ansprechen. Ich glaube, dass gerade mit der letzten Platte die potentielle Hörerschaft sogar noch geschrumpft ist. Wir haben uns da wohl wieder, wie es unsere Art ist, zwischen die Stühle gesetzt. Für viele Hardcore/Punk Hörer ist das ganze wohl zu weit weg von ihren eigentlichen Hörgewohnheiten und dem normalen Pop/Mainstream/Indie Hörer ist das Ganze auch noch viel zu abgedreht und zu wenig eingängig. Was sind denn das für komische Rhythmen und Breaks? Wo ist die Strophe und wo der Refrain. Wie singt der Kasper denn da bloß? Soll das singen sein? Ich kann gar nicht dazu klatschen! Muss ich das verstehen? Ich glaube am besten kamen wir mit unserer Musik noch bei denjenigen an, die wirklich Musik lieben und dafür leben. Ein Großteil davon waren wohl auch selber Musiker. Wenn du bei Konzerten von uns rumgeguckt hattest und gefragt hättest, wer von denen in einer Band spielt, dann hättest du wahrscheinlich sehr viele Hände oben gesehen. So ist das wohl, wenn man die Musik in erster Linie für sich macht. Es wird Musik von Musikliebhabern für Musikliebhaber. Ein Nischenprodukt, was nicht sehr viele Menschen erreichen wird. Aber so wollten wir das auch und so war es auch gut! Allerdings ist es wohl wichtig zu betonen, dass die Platte auf der einen Seite und die Konzerte auf der anderen Seite nochmal zwei verschiedene paar Schuhe waren. Die Platte hören sich bestimmt viele Leute an. Vor allem Menschen, die Zeit haben Musik zu hören und sich mit ihr zu beschäftigen. Zeit braucht unser Album. Es ist kein Hitalbum, was sofort ins Ohr geht. Dafür passiert auf der Platte zu viel. Live war das was anderes. Klar kamen auch die Leute, die einfach nur die Musik gut finden. Dazu kam aber bei uns der Spaßfaktor, der diese Komplexität unserer Platte etwas auflockerte. Da waren wir halt sechs Freunde, die unheimlich viel Spaß hatten an der Musik und auch einfach untereinander. Wir haben viel mit dem Publikum geredet, tranken ein wenig und hatten gemeinsam mit den Leuten einen schönen Abend. Aber eine bestimmte Hörerschaft gab es nicht.

Auf jeden Fall gibt es ein paar Musikerkollegen aus Hamburg mit denen ihr befreundet seid und / oder die Euch auch mal unter die Arme griffen. So hat Euch Kettcar-Gitarrist Erik Langer erst kürzlich interviewt, Simon Rass (GHvC) gilt ebenso als Fan von euch. Mit Kevin Hamann (Clickclickdecker, Bratze) verbindet Euch eine langjährige Freundschaft und mit Herrenmagazin, einer Band von Rasmus Engler (u.a. noch Gary, Das Bierbeben) habt ihr schon mehrfach zusammen gespielt. Wenn also schon nicht eine bestimmte Fanszene, was privat Konzertgänger, Musikhörer usw. angeht, konntet ihr zumindest auf Bekannte unter Musiker von einem gewissen Schlag zurückgreifen …

Torben: Ich denke, dass man die ganzen Leute kennengelernt hat liegt vor allem daran, dass man die gleichen Interessen teilt. Und wenn man Jahre lang in Hamburg lebt, auf Konzerte geht, selber Musik macht und gerne einen über den Durst trinkt, läuft man sich halt über den Weg. Klar, muss da die Chemie stimmen. Leute wie Kevin, Rasmus oder Simon sind halt richtige Freunde. Viele Leute vermuten oft, dass die, die du aufgezählt hast und noch ein paar andere, so eine coole Musikerszene seien die den ganzen Tag nichts anderes tun als Musik zu machen und darüber zu quatschen. Klar haben wir uns alle über die Musik kennengelernt, jetzt grillen wir aber lieber zusammen, gehen zum Fußball oder ins Kino Indiana Jones gucken. Wenn man Freundschaften nur über Musik oder irgendeine andere einzelne Sache definiert nervt das schnell. Ich habe keine Lust den ganzen Tag nur über dieses eine Thema zu reden. Das machen viele Leute, die ich kenne. Echt mies.

Letztes Jahr haben Kettcar im Rahmen ihrer Albumveröffentlichung fünf Konzerte, an fünf Abenden in ebenso vielen verschiedenen Orten in Hamburg gespielt und ihr durftet in diesem Rahmen den Gig im Knust eröffnen. Wie war’s, wie kamt ihr an?

Torben: Knust, ja das war was. Erstmal war es total schwer Fabi davon zu überzeugen, da mitzumachen. Er hasst große Bühnen. Ich glaube für ihn war es auch echt schlimm dort oben vor 600 Leuten zu stehen. Ich habe es geliebt. Ich war zwar derbe aufgeregt aber hatte Spaß. Wir haben das Konzert zugesagt, weil wir uns dachten „Hey prima schön den Leuten vorn Kopf stoßen mit unserer Musik.“ Und so war es auch teilweise. Ich meine irgendwie haben die Leute applaudiert und es kam gut an, auf der anderen Seite fanden viele vor allem mich und meine Ansagen ziemlich für‘n Arsch.- Mission erfüllt. Ich meinte halt einmal „Hamburg, warum geht bei euch nichts“ und am nächsten Tag im Kettcar Forum haben sich viele voll aufgeregt. Da kam Reimer von Kettcar zu mir und meinte „Haste schon gelesen im Forum? Geil. Unbedingt benutzen für Promo“ da standen solch Sachen wie: “Peters fand ich nicht so dolle. Vor allem die beleidigte-Leberwurst-Nummer des Sängers war extrem nervig. Warum sind Vorbands immer gleich angepisst, wenn das Publikum nicht “abgeht”? Und „Wie hätte man zu deren Musik “abgehen” sollen?” oder „Ja, der peters-Sänger war echt ein “Highlight” Eine Freundin, mit der ich da war konnte sich nach deren Auftritt auch ein “Was für ein Arschloch” nicht verkneifen. Fand ich musikalisch auch nicht sooo super, Texte hab ich kaum verstanden, aber okay zum “mal anschauen”. Spitze oder? Wer mit unserer Art nix anfangen kann, der wird es wohl auch schwer mit unserer Musik haben. Aber wir wollen und können es ja auch nicht jedem recht machen. Erst recht nicht mit so einer Art von Musik. Ein anderer Typ kam allerdings an und wollte unbedingt Autogramme weil er meinte, wir hätten ein große Zukunft vor uns. Ach ja der Spruch „Mir zu Turbostaat, da hör ich lieber Bratze“ von unserer Myspace Seite kam auch daher. Egal, Kettcar fanden es super, sind super und wir hatten einen echt schönen Abend. Obwohl Kettcar enttäuscht waren, dass wir so nüchtern waren. Simon meinte im Vorfeld wir seien voll behämmert und unberechenbar. Nun gut „Viel Spaß mit Tomte“ fanden die Leute richtig dumm.

Eure Tonträger wurden zum größten Teil bei Unterm Durschnitt veröffentlicht, auch durch einzelne Konzerte oder Beiträgen zu Samplern konnte man eure politische Richtung zumindest eingrenzen. Vor drei Jahren wart ihr zum Beispiel Teil der Initiative „I Can’t Relax In Deutschland“, dem Gegenentwurf eines Bündnisses verschiedener Initiatoren zur damaligen „Du bist Deutschland“-Kampagne zu dem dazugehörigem Sampler ihr einen Track beigesteuert habt. Das Medienecho darauf war, natürlich auch Dank anderer beteiligter Bands wie Die Goldenen Zitronen, Kettcar, Superpunk oder Tocotronic groß – was ist heute von der Gegenkampagne an sich und ihren damaligen Zielen geblieben?

Torben: Hmm, wie kann man denn unsere politische Richtung eingrenzen? Ich glaube wir haben nicht allzu hohe Erwartungen in diese Kampagne gesteckt. Natürlich finden wir diese Kampagne als Statement weiterhin sehr wichtig (Also den Gegenentwurf nicht Du bist Deutschland), doch glaube ich nicht, dass sie sehr viel ausgerichtet hat. Wir können das natürlich auch nicht beurteilen, weil wir die Auswirkungen nicht mehr genauer analysiert haben. Vielleicht liegen wir da in unserem subjektiven Empfinden auch völlig falsch. Bis zur Mitte der Gesellschaft ist diese Gegenkampagne wohl kaum vorgedrungen, was man alleine ja schon an deren Neuauflage 2008 sieht. Kinder kriegen für Deutschland. Sehr schön! Latent rassistisches, sexistisches und antisemitisches Gedankengut ist weiterhin bei viel zu vielen Menschen vorhanden. Es findet weiterhin eine unreflektierte schwarz-weiß Malerei statt und deutschsprachige Musik wird weiterhin oft dazu verwendet den Deutschlandhype voranzutreiben. Bei einigen so genannten Linken könnte diese ganze Diskussion allerdings schon etwas gebracht haben. Ursache und Wirkung wird bei einigen vielleicht nicht mehr so schnell gleichgesetzt oder vertauscht. Die Erhöhung des eigenen Ichs auf Kosten Anderer wird bei vielen nicht mehr ganz so schnell vorgenommen. Und das ist ja auch schon mal was. Man soll ja immer positiv denken. Andererseits haben wir das Gefühl, dass eine z.B. antideutsche Haltung immer öfter zur reinen Hype- und Spaßhaltung verkommen ist. Auch in ehemals „linken“ Bereichen. Der Begriff Antideutsch ist für mich eh durch viele Aussagen von bestimmten Personen und durch das Verhalten von anderen eher problematisch besetzt, obwohl da ursprünglich im Kern extrem wichtige und gute Sachen standen. Ich habe z.B. manchmal das Gefühl, dass viele Leute im Publikum bei vielen Konzerten wo wir auch Gäste sind nur noch Party machen wollen, zwar die Texte mitgröhlen aber eigentlich könnte man auch die Nationalhymne drüber singen. Nicht alle. Aber bei vielen ist eine irgendwie geartete Protesthaltung nicht mehr zu erkennen. Naja, vielleicht ist es auch das Feiern. Ist bei uns ja auch so. Wenn wir rausgehen wollen wir in erster Linie Spaß haben und nicht immer ewig lange diskutieren. Kann man ab einem gewissen Pegel auch gar nicht mehr. Ich weiß es nicht.

Ich möchte mit dir Torben noch kurz über Station 17 sprechen, einer weiteren Band in der du neben deinem anderen Projekt The Sea und damals den Peters. spielst.
Bisher hatte ich nichts von ihnen gehört, die Tatsache das dort aber Menschen mit und ohne Behinderung zusammenspielen finde ich sehr interessant. Kannst du uns ein wenig mehr über dieses Projektes erzählen?

Torben: Station17 gibt es schon seit 20 Jahren und wurde damals von meinem Chef Kai Boysen gegründet. Es ist ein integratives Musik Projekt aus behinderten und nichtbehinderten Musikern. Kai hat damals auf einer Wohngruppe für behinderte Menschen gearbeitet, die früher noch ziemlich geschlossene Strukturen hatten. Daher auch der Name Station17. Da er ziemlich schnell das kreative Potenzial der Menschen mit Behinderung erkannt hat, gründete er zusammen mit anderen Musikern das Projekt Station17. Dazu gehörten zum Beispiel Produzenten wie Holger Czukay (Can), FM Einheit (Einstürzende Neubauten), Thomas Fehlmann (Kompakt, ehem. Palais Schaumburg, The Orb). Musikalisch wurde es im Laufe der Jahre immer elektronischer, in letzter Zeit ging es aber wieder mehr in die offene Jamsession-Kraut Richtung der Anfangstage. Sozusagen voll am Trend vorbei. Haha. Wichtig bei Station17 ist, dass nicht dieser Gutmensch Gestus im Vordergrund steht. Wir machen keine Musiktherapie. Klar ist das Projekt heute zu einer kulturellen Werkstatt für behinderte Menschen herangewachsen und daher auch zum Teil abhängig von den geltenden Regelungen für eben so eine Werkstatt aber trotzdem steht die Kunst im Vordergrund. Wir leisten keine sozialpädagogische Arbeit, sondern arbeiten mit Künstlern im Bereich Film, Musik, Tanz oder auch Siebdruck und Comicwerkstatt. Ich bin dort über ein Praktikum gelandet und spiele jetzt seit ca. 3 Jahren Gitarre in der Band. Wir haben dort auch ein eigenes Label, was von behinderten Menschen mit geführt wird, eine Bookingagentur und ein hauseigenes Studio, in dem wir alle unsere Musik produzieren können. Da wurde das neue Station17 Album produziert, die neue ClickClickdecker und unser neuer und wie du jetzt weißt letzter Peters. Song für eine gemeinsame Split mit Bratze und Escapado. Diese ganzen Dinge mit und um die Station 17 herum von denen ich eben sprach, ermöglichen es mir unglaublich kreativ zu sein.

Gerade arbeitet ihr mit Station 17 an der Reihe „Die Goldstein Variationen“, in deren Laufe ihr sechs Vinyl-Singles veröffentlichen werdet die Kooperationen mit zahlreichen, namhaften Musikern sowie dazugehörige Remixe beinhalten. Was genau hat es mit der Idee auf sich? Bei den ganzen beteiligten Künstler fiel mir spontan ein, das es sich bei dieser Aktion um eine Art Benefitz halten könnte. Dabei sind eine ganze Reihe namhafter Indiekünstler wie die Nürnberger Formation The Robocop Kraus, Barbara Morgenstern, Von Spar, Stereo Total oder auch einzelne Mitglieder von Chicks on Speed und Neu!

Torben: Das Projekt ist alles andere als ein Benefiz für behinderte Menschen oder so was ähnliches. Station17 hat schon in der Vergangenheit oft mit anderen Künstlern kooperiert. Die Idee dahinter ist ganz einfach. Die nichtbehinderten Musiker von Station17, die vorher in der Band waren, sind damals alle nach und nach ausgestiegen, weil sie sich anderen Dingen widmen wollten. Station17 ist damals ein wenig von dem Grundgedanken abgekommen, offene musikalische Strukturen zu haben, über den sich jeder in Jamsessions einbringen kann. Es wurde Elektro produziert, wo die Jungs und Mädels nur noch drüber gesungen haben. Als wir damals in die Band einstiegen, mit wir meine ich Peter Tiedeken, der damals bei Robocop Kraus Bass spielte und jetzt bei Saboteur spielt, Tobias Bade, mit dem ich auch bei The Sea spiele, Christian Fleck von Like a Stuntman und Florian Busche, der neben Station17 auch noch ein anderes Projekt in der Einrichtung leitet, gab es diesen kreativen offenen Austausch von Behinderten und nichtbehinderten Musikern nicht mehr. Das wollten wir ändern und da hatte Peter die Idee eines Kooperationsprojektes mit bekannten Bands aus unserem Umfeld. Ein reguläres Station17 Album war gerade erst erschienen, da war der Vorschlag von Peter genau richtig um unser Vorhaben vorantreiben zu können. Alle waren von der Idee begeistert. Die Zusammenarbeit mit dem Atelier Goldstein, die die Cover für die insgesamt fünf 12inches entworfen haben, lag dabei auf der Hand, denn wir wollten mit dem Atelier schon lange einmal zusammenarbeiten. Das Atelier Goldstein ist ebenfalls ein Projekt mit behinderten Künstlern allerdings eher im bildenden und malerischen Kunstbereich aus Frankfurt. Alle Bands und Musiker, die wir angeschrieben und von unserem Vorhaben erzählt haben, waren sofort begeistert. Die Zusammenarbeit war großartig. Wir haben teilweise drei Stunden am Stück im Proberaum gesessen und einfach nur gejammt und dabei aufgenommen. Fantastisch. Die Remixe sind ein Bonus, um auch die elektronische Komponente von vorher beizubehalten und die 12 inches interessant zu machen. So DJ mässig halt. Die 12inches gibt es auch als CD-Version. die erscheint übrigens im November. Lohnt sich wirklich. Allerdings dann ohne die Remixe. Dazu wird es auch noch eine DVD über die Entstehung geben.

Disco für die Ewigkeit:
– Escapado / Peters. / Bratze (Split 10“, Zeitstrafe, 2008)
– Auffallen durch Umfallen (CD / LP, Unterm Durchschnitt, 2008)
– 1,2 oder 3 (lim.7“, Unterm Durchschnitt, 2007)
– V/A “Herz Statt Kommerz” (5 x 7“ Box, Herz Statt Kommerz, 2007)
– V/A “I Can’t Relax In Deutschland” (CD, Unterm Durchschnitt, 2005)
– V/A “Friends Don’t Eat Each Other” (Tape, flames.waves.words., 2004)
– 17,73 cm Strukturanalyse (7“, Unterm Durchschnitt, 2004)
– V/A „The Anti Rockstar Revolution” (CD, Unterm Durchschnitt, 2002)

Kevin Goonewardena

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