Juni 8th, 2016

OLD (#56, 02-1996)

Posted in interview by Jan

Vom Trash zum Yes-Törtchen: O.L.D.

…nein, bitte weiterlesen: Nicht von OMD (Orchestra Manoevers In The Dark) ist hier die Rede, sondern von OLD (Old Lady Drivers), ihres Zeichens eine der außergewöhnlichsten Bands auf Earache-Records. Anlaß, hier mal wieder über den Teich zu telefonieren und einen etwas längeren Artikel zu zimmern, ist ihre neue, soeben auf Earache erschienene LP „formula“ (Mosh 131) -aber nicht, weil die Platte so besonders gut ist, sondern weil sie auf bizarre Weise als Exempel für den Zerfall der Trash/Crust/Core/Noise-Kultur herhalten kann.

Hierzu erst einmal die Geschichte. Und die beginnt mit einem rattenschlechten Debut (Mosh 7) inclusive völlig asozialem, trashigem Comic-Cover. Ich selbst besitze dieses Machwerk (leider) gar nicht, habe es aber vor Jahren bei einem Freund gehört, der damals wirklich nur Todes-metall hörte, Blutgerinsel-Poster an der Wand hatte und von OLD sichtlich enttäuscht war. „Entweder verarschen die einen, oder es ist echt schlecht“, hat er geseufzt, die meterlangen Haare nach hinten geschnickt und das ganze mit A.O.K. verglichen, dieser dämlichen Metal-Verarsch-Combo aus dem TANKARD-Umfeld. — Aber nein, mit A.O.K. (ihr Logo war das D.R.I.-Männlein mit Krücke) hatten OLD gar nichts zu tun, denn sie waren zwar auch blutige Dilettanten, aber keine Witzbolde: Ihre Musik war radikal, ein holpernder Flammenwerfer-Trash, der in einer Kettensägen-Version (he, wieviel Werkzeuge willste noch aufzählen?!) von „Cocaine“ gipfelte.

Alan: „Frag mich doch nicht nach unseren Jugendsünden! Jede Band hat ihre Pubertät und das ist auch gut so. Obwohl, irgendwie stehe ich auch noch hinter dieser Platte. Nur kann ich dir wirklich nicht sagen, ob das ironisch gewesen ist. Wir kamen schon aus dem Trash-Noise-Umfeld, waren davon begeistert… nur, weil wir damals wirklich noch keine technischen Meister waren, haben wir das ganze eben übertrieben. Als schlechte Band hast du nur dann eine Chance, dich nicht lächerlich zu machen, wenn du eine Sache total übertreibst.“

Die Band mauserte sich, nahm eine Platte mit Gastspiel von John Zorn auf („Low Flux To Be“), der seinerzeit gerade auf dem Hardcore-Trip war und legte schließlich 1993 mit „The Dimension Of Sleastack“ ihre Meisterprüfung ab. Was da zu hören war, läßt sich schwer in Worte fassen, war eine Mischung aus hektisch programmiertem Drumcomputer („Wir wollten das Ding so programmieren, daß es klingt, als würde Bill Bruford spielen“, erzählt Alan), Keyboard-Geflirre, Brett-Gitarre und Alien-Gesang. Das Ergebnis war der fiktive Soundtrack für noch nicht gedrehte Splatterfilme (man will sich die gar nicht vorstellen!), denn schon das Intro klang wie die akustische Umsetzung der Verfolgungsjagd in „Tanz der Teufel“. Wo andere Bands dieses Genres nach einem Intro stark nachlassen und nur noch blökenden Einheitsbrei liefern (ich denke an Pappkameraden wie BOLT THROWER), beißen OLD erst richtig zu: „Dimension Of Sleastack“ ist wie eine Hetzjagd gestaltet, Verschnaufspausen gibt es wenige. All das wird ästhetisch erst möglich, weil sich die Band zu diesem Zeitpunkt bereits von fast allem gelöst hat, was in irgendeiner Form mit Metal und mit Trash zu tun hatte. 1993 gelang der Band eine komprimierte Mischung aus Artrock und Industrial, die Brücke von KING CRIMSON zu THROBBING GRISLE … also ein Terrain, das für ’ne Band, die als Trashcore gehandelt wird, schon verwundert.

Alan: „Anfangs wurden wir in eine Schublade gesteckt, in die wir nie rein wollten. Deshalb sind wir auch von Platte zu Platte mehr von den Gitarren weggekommen. Wir sind sehr an Sounds interessiert, an Extremen – an Stimmungen, die den Hörer irritieren. Dies ist ein Weg, den ja einige Earache-Bands gegangen sind, nachdem sie die Trashmusik überdrüssig wurden – SCORN zum Beispiel. Ich finde das sehr begrüßenswert, denn Sound ist wichtiger als Stil. Wer Platten nur nach einem bestimmten Stil kauft, der ist arm dran. Leute, die sich ausschließlich als Punks, als Hip Hopper, als Metaller oder sonstwas bezeichnen, sind nicht unser Publikum. Aber diese Leute sind in der Überzahl, deshalb verkauft sich Avantgarde eben leider nur an eine Minderheit … auch OLD.“

Na ja, Avantgarde ist ein großspuriger Begriff. Obwohl sich das Duo mit dieser Platte tatsächlich vom herkömmlichen Rock-Planeten entfernt hatte: Der Anteil an ‚echten‘ Instrumenten war verschwindend gering, das Gebräu setzte sich zusammen aus Gitarren-Loops, Synthie-Gitarre, Drumcomputer und Samplings. Über Elektronik, meinte Alan mir gegenüber damals im Interview, entstünde ein Entfremdungs-Effekt, der zu „horrified music“ besser paßt als die gewohnten Klänge von Gitarre, Baß und Schlagzeug. Die alte Punk-Gesinnung (die übrigens auch Rock-Gesinnung ist und gerne von STONES-Fans gebracht wird), daß glaubwürdige Musik nur handgespielt ‚klappen‘ kann, halten OLD für eine Mär – und werfen’s über Bord. Beinahe sind sie damit Erben von DEVO und den RESIDENTS, nur daß OLD-Musik auch elektronisch noch immer die Power einer Trashband hat.

Nach einer hervorragenden Remix-LP, mit der OLD in die Welt von Ambient und Dub eintauch-ten, meldeten sie sich in diesem Jahr mit „formula“ (ja, klein geschrieben) zurück. Und ich werde den Eindruck nicht los, daß diese Platte so ziemlich das Gräßlichste ist, was man als Musiker nur machen kann. Gräßlich nicht im Sinne von Ekel, Lärm und Vor-den-Kopf-Stoßen (das wäre ja okay), sondern im Sinne von schlimm und zum Weglaufen, weil manieristischer, ästhetizistischer Bombast. Keine Ahnung, was da passiert ist und wie es dazu kommen konnte, aber „formula“ klingt wie alles, was ich seit meiner frühen Jugend ablehne (und ich bin musikalisch kein sehr toleranter Mensch): das klingt nach GENESIS und YES, aber noch viel schlimmer, es klingt auch nach SAGA, KANSAS, BOSTON und wie sie alle heißen, diese Bartträger-Bands, die Mitte der Siebziger dafür sorgten, daß Punk sie zwei Jahre später wegfegen würde.

Aber irgendetwas hat diese Platte, irgendeinen versteckten Reiz, denn andernfalls würde ich ja nicht so viel Gedanken an sie verschleudern. Der Sound ist plötzlich klar, die aufgepeitscht plär-rende Stimme ist emotionslos und fast melodisch geworden, die Sounds, vor allem das Programming von Gitarre und Drum sind noch immer abenteuerlich, klingen ein bißchen nach KING CRIMSON (besonders nach Fripps Gitarre), ein bißchen nach VOIVOD (ein weiterer Fall von Trash, der sich dem Artrock zuwandte).

Alan: „Unsere Begeisterung für KING CRIMSON und andere Art-Rocker ist ja kein Geheimnis. Mit einem SAGA-Vergleich bin ich nicht einverstanden, denn solche Elemente benutzen wir höchstens, um mit ihnen zu spielen. Wenn wir bombastisch werden, dann nicht auf diese falsche, verlogene Art, mit der Bombast-Bands im Publikum Emotionen erwecken wollen. Auch dort, wo wir dick auftragen, bleibt die Musik frei von Emotion. Das ist das Faszinierende an den späteren KING CRIMSON: Sie waren keine Hippie-Band mehr, denn sie hatten einen eiskalten Sound. Robert Fripp spielte wie ein Mathematiker, aber mit herkömmlichen Gitarrensolos hatte das nichts mehr zu tun.“

James Plotkin und Alan Dubin, die beiden OLD-Soundbastler, haben beide Bärte und lange Haare, machen Musik, die nach Menschen mit Bärten und langen Haaren klingt, wollen aber eigentlich den Hippie-Mythos mit dessen eigenen Mitteln zerstören. Und das ist wohl auch das seltsam Faszinierende an „formula“: Einerseits wird hier genauso komponiert, als wolle man einen SAGA-Song schreiben, der aber wird so von aller vorge-heuchelter Emotion und von aller Authentizität entschlackt, bis nur noch ein eisiger Horrortrip übrigbleibt, ein Monolith aus stampfendem Rhythmus und flirrenden Sirenen. Hat das nicht etwas von LAIBACH, die sich auch besonders bombastische Emotions-Stücke wie „The Final Countdown“ und „One Vision“ vornehmen, um sie in all ihrer Falschheit zu entlarven?

Alan: „Bei uns fehlt der politische Aspekt. Musikalisch ist das, was wir machen allerdings immer ein Grat aus Zitat und Zerstörung. Wir speisen unsere Synthies mit dem Programm der Siebziger, aber was herauskommt ist ein Programm für das kommende Jahrtausend. Wenn wir uns bei den Siebziger bedienen, dann ja nicht nur beim Artrock, sondern auch bei Industrial. Damit setzt sich unsere Musik aus zwei Komponenten zusammen, die sich gegenseitig fast schon wieder aufheben, die sich neutralisieren…“

Gesagt, getan: In der Soloarbeit zieht das OLD-Duo alle Register der Unverkäuflichkeit, Stücke, die Earache selbst bei größter anzunehmender Toleranz wohl nie veröffentlichen würden. So erschien eine Doppel-EP unter dem schlichten Namen JIMMY PLOTKIN / ALAN DUBIN bei „Speeding Across My Hemisphere“ (P.O. Box 1403 / 58285 Gevelsberg), die in sägenden Loops lärmt, als habe es den ganzen Krach der Industrial-Pioniere nie gegeben. Die vier EP-Seiten werden von Photos überfahrener Tiere gekrönt… ich mußte an „Who killed Bambi?“ auf dem Rückencover der „Great Rock’n’Roll

Swindle“ denken, aber das ist sicher nur Zufall. Dieses radikale, schwer verkäufliche Noise-Produkt steht im krassen Gegensatz zum Bombast-Rock der „formula“, obwohl Alan da gleich wieder einhakt: „… glaubst du, ‚formula‘ wäre gut verkäuflich? Kein bißchen. Ich befürchte fast schon, daß wir das Abschreibeprojekt von Earache sind. Die Leute wollen Trash, schnell, hart und zwar genau so, wie sie es gewohnt sind. Okay, meinetwegen ist unsere Platte eine Auseinandersetzung mit dem Artrock der Siebziger – aber wen interessiert das? Für die, die Artrock mögen, sind wir viel zu radikal krachig und negativ, für die Trasher sind wir zu hintergründig und filigran. In Amerika habe ich eine positive Besprechung in ’nem Jazz-Magazin gelesen… Oh je, dort wollen wir eigentlich auch nicht hin, aber vielleicht sind dies wirklich die letzten, die uns gegenüber noch aufgeschlossen sind.“

Für mich ist „formula“ nach wie vor – bei aller Sympathie für die Musiker und die Sache selbst – ein Eingeständnis der Ratlosigkeit. Und damit kein Einzelfall. Zeichen, daß Hardcore als Musik in eine Sackgasse geraten ist (es sei denn, man mag dieses New York-Gebrülle, feisten Crossover oder den Sekten-Müll von SHELTER). Die Ablehnung gegen ‚die Hippies‘ war ab einem bestimmten Zeitpunkt aus verschiedenen Gründen nicht mehr aufrecht zu erhalten. Zum einen, weil die meisten Musiker selbst besser geworden sind und nun auch einmal einen Reiz darin sahen, ein Solo einzubauen. Zweitens, weil Hardcore selbst ja immer mehr Hippie-Werte übernommen hatte. Und drittens, weil sich sowieso keine Musik über Jahre einfach so reproduzieren läßt, als würde die ganze Welt drumherum im Dornröschenschlaf stille liegen.

OLD sind kein Einzelfall. Man höre nur NEUROSIS: Auch da ist Bombast drin, PINK FLOYD plus ALAN PARSONS PROJECT. Oder SHUDDER TO THINK, die wie ’ne härtere Form von Peter Gabriel klingen. Weitere Beispiele finden sich fast am Meter. Das, was wir von Metal ja längst gewöhnt sind, scheint sich seit geraumer Zeit auch für HC und Umfeld bewahrheitet zu haben: Sie sind die letzten Hippies, die letzten, die noch an den grundehrlichen, ekstatischen Rock glauben… komisch angesichts der Tatsache, daß Punk einmal mit dem Spruch „Never trust a hippie“ auf die Welt kam. – Na, ich will ja gar nicht meckern, ich stelle nur fest, insgeheim auch vergnügt, wie sich Kreise doch immer wieder schließen. Bleibt die Frage, ob das Zurück zu den drei Akkorden, zum simplen Streetpunk noch eine Alternative darstellt. Anders gefragt: Können Bands wie TERRORGRUPPE und …BUT ALIVE zurückholen, was Hardcore in seiner Spätphase (angeblich) in Sachen ‚Street credibility‘ eingebüßt hat? Ich versuchte diese Überlegung auf internationale Verhältnisse zu übertragen und frage schließlich Alan danach.

„Ich kann das Bedürfnis nach solchen Bands verstehen – hierzulande wär’s ja so eine Band wie GREEN DAY. Aber ich sehe darin musikalisch keinen Sinn. Diese Musik hatten wir ja jetzt wirklich schon seit zwanzig Jahren (stimmt, 1996 ist 20jähriges Punk-Jubiläum!, d.V.). Für mich als Musiker ist das ziemlich unbefriedi-gend, denn ich suche natürlich immer nach dem Neuen, nach neuen Ausdrucksformen. Tja, sollte ich die Frage… äh, soziologisch beantworten, glaube ich eigentlich nicht an irgendeine gegenseitige Beeinflussung. Ich glaube weder, daß das Punk-Revival etwas Rebellisches hat, noch, daß man Musiker wie uns dafür verantwortlich machen kann. Das sind ganz verschiedene Publikumsschichten. Die Kids, die heute GREEN DAY hören, kennen uns gar nicht. Und die etwas Älteren, die uns heute hö-ren, haben vor zehn Jahren vielleicht mal Musik gehört, die so wie GREEN DAY klang. Es ist ja auch ein gutes Recht, sich mit dem Alter zu verändern, oder?“

Text/Interview: Martin Büsser

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