Januar 8th, 2019

NUCLEAR CULT (#185, 2017)

Posted in interview by Jan

„Ich hab´ mich inzwischen damit abgefunden, dass so Hardcore-Leute unter 35 nicht auf uns stehen. Dabei haben die doch vom originalen Hardcore gar keine Ahnung, die kennen doch alle nur Void und Negative Approach und sonst hören sie nur Retro-Zeug. Das Problem ist, dass die jungen Menschen Orientierung suchen und Genres, Bandnamen oder Labels bieten halt Orientierung, ohne dass man sich groß auskennen muss. Das ist ja auch irgendwie verständlich, ich mein´, wenn du mit deinen Kumpels beschlossen hast, einen auf Hardcore-buddy zu machen, denn willste ja nich erst zwanzig Jahre vorher Musik studieren. Da guckste, was hörn die anderen, was sind die coolen Labels und dann rann, Arme volltätowieren, Bart wachsen lassen und los geht´s. So entsteht natürlich keine gute Musik“.

NUCLEAR CULT

Ja lebt denn der gute alte schnelle HC-Punk noch? Auf jeden Fall – und es geht ihm sogar besonders gut, so lange es so spannende innovative Bands wie zum Beispiel NUCLEAR CULT aus Berlin geben wird. Mit Bassist Thomas (der auch noch als Betreiber von Thought Crimes Records fungiert) tauschte ich mich per E-Mail-Chat über den nuklearen Kult, sein Label, alte Bands von ihm und seinen Kumpels, Power Violence und noch einiges mehr aus.

Wenn ihr sein Label mal auschecken wollt, dann kann ich euch nur den genialen Sampler „Does it hurt?“ (Thought Crime Records-Release # 38, mit Sotatila, Dumbstruck, Charlie, No Slogan, Ruidosa Inmundicia, Yellow Eyes und Narsaak) ans Herz legen. Well, wie sagte es mal jemand… „Ich habe die Zukunft des Rockn’Roll gesehen, und ihr Name ist Bruce Springsteen“, so der Kritiker Jon Landau 1974. Ich dagegen, ich habe die Zukunft des Rock´n´Rolls leider noch nicht live gesehen, aber sie heißt jetzt schon NUCLEAR CULT! Kurz und knapp wie die Songs der Berliner, so soll die Einleitung sein, let´s rock it. (Disclaimer: es geht auch kritisch um die Grind-Szene, damit meine ich nicht all die geilen Leute in Bands, von den Labels, Booker etc.!!!)

Lieber Thomas, direkt das peinliche Geständnis zu Beginn: bei eurem Namen muss ich immer an Planet der Affen 2 denken, da gab’s ja auch so einen Nuklear-Kult, aber daher habt ihr gewiss nicht euren Bandnamen oder?
Nee, ehrlich gesagt kam mir die Idee durch ´nen Rupture-Song, der „Nuclear Religion“ heißt. Ich bekenn mich dazu, Rupture-Fan zu sein, auch wenn der Sänger irgendwann total durchgeknallt ist und viele ihrer Fans die Band nur mögen, weil sie so „schön“ Anti-PC waren. Zu der Sorte gehör ich nicht, aber ich finde, dass Rupture musikalisch absolut großartig waren, zumindest wenn man die letzten Sachen mal wegdenkt.

Verstehe. Sag mal, wer spielt was in eurer Band? Wart /seid ihr alles „Szene-Bekanntschaften“ oder seid ihr so Sandkasten-Buddies?
Also, ich spiel´ Bass und mein Bruder Keule spielt Schlagzeug. Wir haben zusammen mit unserem alten Freund Hartmut, der Gitarre spielt, schon seit 1994 zuerst in Y und später Solid Decline gespielt. Lars kennen wir fast schon genauso lange. Y haben sich frühzeitig mit Pink Flamingos verbrüdert, wo Lars ja gesungen hat. Das waren für mich meine absoluten Helden damals, darf ich gar nicht so laut sagen, sonst werden se wieder frech, die Jungs. Aber ich denk heute immer noch, dass es neben A.B.C. Diabolo die wichtigste deutsche Hardcoreband der 90er war. Die haben total ihr Ding gemacht, waren unabhängig von Trends der Zeit und musikalisch total im 80er Jahre Hardcore verwurzelt. Die haben ja schon seit 1984 als SM70 zusammen gespielt. Naja, wir sind seit dem Freunde und Lars hatte länger in keiner Band mehr gesungen und bei uns war ´ne Stelle frei und so kam eins zum anderen.

Super, genau die Frage zur Auflösung des ganzen Kosmos „Nuclear Cult-Y-Solid Decline-Pink Flamingos-SM-70“ wollte ich sowieso noch gestellt haben, haben wir also abgehakt. Wobei: eine Frage dazu noch: Thought Crime Records ist doch auch Teil dieser Blase oder?
Thought Crime Records wurde von Jens Walter, dem SM70-/Pink Flamingos-
Basser 1994 gestartet und ich bin kurz danach dazu gestoßen. Jens hatte dann bald keine Zeit mehr, weil er auch noch gerne viel Taxi fährt und Hefeweizen in unfassbaren Mengen trinkt und er auch keinen Bock mehr so auf Punkmucke hatte. Er war aber und ist immer noch ein absoluter Musikmaniac und hat meinen Blick auf die wilde Rockmusik auch sehr stark geprägt. Ich hab das Label seit 1998 dann alleine betrieben. Ein weiteres Kind dieser Mischpoke wär auch noch die Band Stalker, die dann später als Crack Under Pressure nochmal auferstanden ist. Hier hab ich neben anderen alten Bekannten mit Carsten, dem Schlagzeuger von SM70/Pink Flamingos, zusammengespielt.

Ihr schreibt ja auf der Nuclear Cult-Facebook-Seite „Active in this band since 2009, but all of us started our first bands between 1984 and 1992.” Es ist ja eigentlich seltsam, warum gab es beim Trust und SM-70 keine Verbindung, stammen doch beide aus den 80er…? Zufall?
Also es ist jetzt schwer, was zu SM70 zu sagen für mich, ich hab da ja nicht mitgespielt, aber da ich zumindest die drei erwähnten Herrschaften schon lange und sehr gut kenne, würd ich sagen, dass Lars wahrscheinlich jetzt nicht unbedingt Trustleser war, der hört eher Metal und Industrialzeug, zumindest wenn er nüchtern ist. Zu später Stunde findet er jedoch alles gut, was laut ist. Ich bin mir sicher, dass Carsten und Jens schon mal das ein oder andere Trust in der Hand hatten und mich würde es nicht wundern, wenn das Trust wiederum die Band nicht auf dem Schirm hatte. Die waren nicht für die deutsche Szene dieser Zeit gemacht, da ging doch was ganz anderes. International waren die viel besser vernetzt mit den ganzen Ballerfreaks und die erste SM70 EP wurde im MRR ziemlich abgefeiert, 1986 wenn, ich mich richtig erinnere, glaub das Review war sogar von Jello Biafra, bin mir da aber nicht so ganz sicher mehr.

Danke für die Einblicke, got it! Wir könnten jetzt mit Fragen zu Nuclear Cult und eurem Genre an und für sich weitermachen und später kämen noch Fragen zum Label… oder erst noch ein bisschen über einige Releases von Thought Crime sprechen, was ist dir lieber?
Och, lass vielleicht mit Nuclear Cult weitermachen.

Leider habe ich euch mit Nuclear Cult noch nie live gesehen, wie seht ihr das, sind euch Plattenaufnahmen und Konzerte gleich wichtig?
Das ist ´ne neuralgische Frage bei mir, weil sich das über die Jahre für mich stark verändert hat. Früher war mir das immer sehr wichtig, viel zu spielen und auch die Band so irgendwie im Gespräch zu halten, aber das brauch ich inzwischen nicht mehr so. Wichtig ist mir allerdings schon, dass wenn wir mal spielen, dann auch alles passt und es ordentlich knallt, aber ich pass das inzwischen viel mehr als früher meinen Bedürfnissen an, guck´, was Spaß bringt und was eher so in Richtung Stress geht, das muss ich dann nicht mehr machen.

Spaß bringt mir zum Beispiel ein paarmal im Jahr einen kleinen Ausflug zu machen, vielleicht ein paar Freunde zu treffen und es 20 Minuten ordentlich krachen zu lassen. Was mich richtig anfixt ist aber, Songs zu machen, die ich selber gerne hören will, das kann mir dann schon im Probenraum total Spaß bringen, aber ich liebe es das dann aufzunehmen und das Ergebnis dann auch zu veröffentlichen. Aber dabei lassen wir uns immer gut Zeit, soll ja nicht in Arbeit ausarten. Wir machen so ca. dreieinhalb Minuten neues Material im Jahr, da bleibt der Output überschaubar.

Yeah, das hört sich nach ´nem guten Kompromiss an. Sag mal, ihr spielt ja viel in Berlin, bislang eher selten im Süden von „West-Deutschland“, woran liegt das? Oder irre ich mich?
Nee, da hast du total Recht, aber das war auch schon immer bei unseren Vorgängerbands so. Von denen hat sicher Y am meisten getourt und wir waren in der gesamten westlichen Hemisphäre unterwegs, aber wir haben in Westdeutschland fast nie irgendwo südlicher als Hannover gespielt, abgesehen von Mannheim, wo unsere Kumpels von Stack uns immer mal hinbestellt haben. Frag mich nicht warum das so ist, aber wir haben noch nie Anfragen aus der Gegend bekommen.

Wir waren immer viel im Osten unterwegs, aber durch Westdeutschland sind wir immer nur durchgefahren. Die coolen Leute dachten halt immer schon über uns `watt sind das denn für welche, kommen die vom Campingplatz oder watt?´…das hatte sich etwas geändert, als wir mit Y irgendwann mal auf Sound Pollution waren, da kamen plötzlich auch Anfragen von den hippen Läden und Festivals, aber damit war´s dann auch sofort wieder vorbei, als wir uns in Solid Decline umbenannt haben. Ich glaub jetzt nicht, dass man West mit „cool“ und Ost mit „uncool“ übersetzen kann, aber Fakt ist, dass das Interesse an uns grade in Süddeutschland eher bescheiden zu sein scheint. Wir haben ja immer für Touren in Südeuropa auch was gesucht da für den Anfang, aber in der Regel mußten wir immer in einem Ruck bis Wien durchheizen erst mal.

Strange… hey, was könnt ihr uns von eurer Teilnahme am Thrash-Fest in Hamburg berichten? Die Vorgabe, dass man dort nur 15 Minuten spielen kann, erfüllt ihr doch locker sowieso…haha.
Also, da waren wir sogar schon zwei Mal und zumindest beim ersten Mal haben wir die 15 Minuten nicht vollgekriegt… die Uhr lief noch ´ne gute Minute, glaub ich, als wir durch waren. Ja, Ralf der Veranstalter, ist ein alter Kumpel von uns und ich würd´ sagen, er hat sicher 50 Prozente aller Konzerte westlich der Elbe von den Bands, in denen ich gespielt hab´, mit zuverantworten. Er ist ein unverbesserlicher Idealist und DIY-Utopist, würd´ ich mal sagen und dafür, dass er in seinem fortgeschrittenen Alter sich immer noch den Stress gibt, davor zieh ich meinen imaginären Hut.

Diesen Typus gibt es fast gar nicht mehr, alle wollen heut ja nur noch angesagte Sachen machen und die unbekannteren Bands sind häufig mehr oder weniger auf Leute angewiesen, die das alles noch nicht so lange machen und da kann dann auch schon mal ganz schön Chaos regieren. Ralf hat Erfahrung, Planungstalent und hätte durchaus auch genügend Kontakte, um da nur die Big Five der Ballerszene auftreten zu lassen, macht er aber nicht und ich denk mal, das ist ´ne bewußte Entscheidung auch. Ein Mann vom alten Schlag. Network of friends… gibt´s sonst kaum noch leider.

Ralf ist echt ein Guter! Nuclear Cult geben als musikalische Einflüsse Heresy, No Comment, S.O.B., Septic Death, Celtic Frost, The Fix und Rorschach an – pflück das doch mal auseinander, wir sind ja hier im Nerd-Blatt, welche Platten genau von den Bands oder meinst du vielleicht auch die Ästhetik der Plattenaufmachung o.ä.? Das Trust entstand 1986 u.a. im Umfeld der Augsburger Band Inferno, Sänger Howie schreibt ja bei uns mit, der Trust-Herausgeber Dolf war früher der Manager… waren Inferno für dich/euch wichtig?
Inferno mocht´ ich schon ganz gerne früher, sicher eine der besseren 80´er Hardcore Bands aus Deutschland, insgesamt fand ich aber deutschen Hardcore immer eher zweitklassig, mal abgesehen von ein paar Ausnahmen. Am besten find ich Malinheads, aber nur die erste Single und Vorkriegsjugend. Aber so im direkten Vergleich mit unseren Nachbarn in Holland war das schon eher nicht so dolle, was hier so los war, glaub ich. Das hat sicher mit der Sprachbarriere zu tun.

In Ländern, wo die jungen Leute schon früh Englisch gut konnten, wie Schweden oder Holland, haben die auch schon früher vor allem amerikanische Fanzines gelesen und das hat man dann der Musik auch angehört, weil die einfach auch noch die erste HC-Welle mitgekriegt haben da.

In Deutschland haben doch vor 84 fast alle Deutschpunk gehört und erst danach gings los mit Hardcore in Deutschland, zumindest lässt sich das so an den Veröffentlichungen ablesen, leider war er da zumindest in Amerika schon stark im Sinkflug und statt nach England und Japan zu gucken, wo ab Mitte der 80´er die Abrißbirne rausgeholt wurde, hat man hier die ganze Verhardrockung des U.S. Hardcores abgefeiert und später sogar vor dem ganzen späten Metal New York Hardcore nicht halt gemacht. Also bevor ich gar nicht mehr auf die Frage antworte: Ich mag den frühen U.S. Hardcore bis ca. 84 und dann alles was danach auf Geschwindigkeit gesetzt hat anstatt auf Hardrock und zu große Turnschuhe, also vor allem die Japaner und Engländer. Die erste Rorschach-LP ist eine der wenigen Sternstunden des nordamerikanischen Hardcores jenseits der frühen 80´er, die Platte hätte aber durchaus auch gut ins Jahr 1985 gepasst, so neben Sachen wie Septic Death, Christ On Parade etc.

Hörst du denn auch andere Musik außer schnellem Hardcore (was dann auch in euren Bandsound einfließt)?
Also, ich hör alles Mögliche, wobei vieles wahrscheinlich nicht so seinen Weg findet in unseren Sound. Was aber bestimmt noch eine Rolle spielt, ist früher Thrash Metal wie Slayer und Celtic Frost, wobei wir aber bei der Gitarre aufpassen, dass sie nicht zu metalmäßig wird, aber grad beim Schlagzeug ist Slayer sicher ´ne wichtige Quelle. Es soll halt irgendwie fies und dusterich klingen, aber ohne zu viel in Richtung Metal zu gehen.

So von der Grundidee, würd ich sagen, sind Septic Death da ´ne wichtige Inspiration, Hardcore mit jeder Menge dustericher Assoziationsfläche. Die Sache mit der dusterichen Assoziationsfläche is halt immer ´ne Herausforderung, weil egal, was du machst… wenn man sich mal an einen gewissen Sound gewöhnt hat, isser nicht mehr dusterich, sondern irgendwann nur noch Popmusik. Darum klingt Grindcore oder Deathmetal für mich auch nicht mehr dusterich… weil man sich einfach daran gewöhnt, wenn das tausend Bands machen. Wenn du dir aber so Sachen anhörst wie Zouo oder Septic Death oder auch die erste Rorschach LP, dann klingt das immer noch irgendwie schockermäßig, dusterich eben.

Und so Bands wie Crass, Fugazi, No Means No, Bikini Kill, magst du sowas?
Ja, die mag ich alle, naja, Fugazi und No Means No eigentlich nicht so, aber zu jeder Band der genannten Sparte würde mir, glaub´ ich, ´ne bessere Band einfallen. Wie wär´s mit Flux Of Pink Indians, Hüsker Dü, bei No Means No fällt mir grad nix ein, weil ich generell so Gefrickel eher nicht mag… der Kopf sagt dann immer „ja“, aber im Bauch kommt nix an. Ich glaub´, meine Musikrezeptoren reagieren am besten auf gestampfte Rhythmik und tadellose Melodien.

Bikini Kill waren super, vielleicht waren Sleater-Kinney aber besser… bin mir grad nicht sicher, kenn von denen nicht alles. Ach ja, ich hab´ natürlich Discharge vergessen, aber die vergess´ ich immer, weil die sind eh so selbstverständlich als feste Größe bei mir. Ohne Discharge würde es, glaub´ ich, gar keine richtig gute Musik geben, weder Hardcore noch extremer Metal wären ohne die denkbar gewesen. Das wird in Deutschland immer gerne vergessen, da gibt´s ja immer so ´ne komische Trennung zwischen England-Fans und U.S.-Fans. Geht´s da um Punk oder fühlt man sich zu einer bestimmten Landeskultur hingezogen? Ich find´, da wird häufig was verwechselt. Ohne Discharge kein Poison Idea, kein Misfits, zumindest keine „Earth A.D.“-Platte und auch kein SSD. Amen.

Wie seid ihr zu den Platten auf den Labels Heartfirst, Warm Bath, Rödel- and Pain Of Mind gekommen?
Ja, die ganze Label-Zusammenarbeit war ganz easy eigentlich, bis auf Flo Heart First haben uns alle gefragt. Flo fragt ja nie, er lässt ja fragen. Der Mann hat Prinzipien. Mit allen Leuten haben wir auch schon Jahre lang Kontakt, außer vielleicht mit Niko von Pain Of Mind, den kenn ich noch nicht ganz so lange, aber der hat sich auch schon positiv als Konzertveranstalter für uns hervorgetan, außerdem war er lange Zeit der Mitarbeiter von unserem alten Homie Micha Meyer vom Punk Distro/Fare Well Records. Naja und dann haben wir halt so reihum die Anfragen abgearbeitet und alle sind happy.

Ihr spielt sehr viel mit anderen „gleiches Genre“-Bands zusammen, wäre es nicht auch schön, wieder gemischte Line-ups zu haben, Melodic-Core, Grind und Ska-Punk, so war es doch „früher“…
Also, man kann sich´s ja eh nicht so aussuchen, aber mir sind Genres ja eh ein Dorn im Auge. Heut ist ja alles irgendwie in Genres aufgeteilt und jeder passt sich seiner Schublade an, da kommt dann natürlich in der Regel nicht viel Aufregendes bei rum. Ich hör mir gern gute Musik an, Ruts, Siouxie And The Banshees, 4 Skins, Napalm Death, Possessed, Neon Christ, The System… alles geile Mucke, klar würd ich mit solchen Bands spielen, wenn´s die noch gäbe und wenn sie uns lassen würden.

Haha, gute Antwort. Es gibt in eurem Bereich – ich sage mal, Fast-Core/Power Violence/Grindcore – ja auch reine Fun-Bands, das seid ihr ja nicht. Sind euch Texte wichtig?
Also, wir sind insofern auch ´ne reine Funband, als dass wir den ganzen Quatsch aus Spaß machen und auch ´ne ganze Menge ablachen über uns selbst und über das, was wir so erleben in Punkhausen und Umgebung. Aber wenn du auf dieses Klamauk-Ding mit den Karatehelden beim Popperviolence oder dem „Kranker Tannenbaum“-Phänomen beim Grindcore anspielst, sowas find ich circa zwei Minuten lang witzig und dann is der Joke auch ausgelutscht für mich.

Mich hat immer Musik angezogen, die „weird“, dusterich und morbide ist… wo man so´n leichten Windzug im Nacken spürt, obwohl alle Fenster zu sind. Das hat für mich, glaub ich, immer schon ´ne wichtige psychologische Funktion, ich glaub´, es gelingt mir darüber irgendwie negative Impulse zu kanalisieren und das Schlechte der Welt zu integrieren, ohne daran zu verzweifeln oder darüber abzustumpfen. Klingt das sehr hochtrabend jetzt? Sowas sagen doch sonst immer nur amerikanische Indierockstars, aber dann ohne, dass es Sinn macht. Ich sollte eher sagen „Alter, es muß erst brutal fatschen einfach immer, verstehste?“… aber ich hab auch ´ne sehr analytische Seite und die sagt mir, ich brauch fiese Musik für meine innere Balance.

Das drückt sich dann bei 90 Prozent der Bands, die ich höre, vor allem über Musik aus, aber wenn zusätzlich auch noch die Textschreiber Talent haben, ist das natürlich dann ´ne Eins mit Bienchen. Das kommt aber selten vor, die meisten Texte meiner Lieblingsbands schwanken zwischen „gut gemeint“ und „geht so“. Aber es ist auch viel verlangt, wenn man sich in ´ner Band auch noch ´nen begabten Poeten wünscht. Nick Blinko ist wahrscheinlich so´n Ausnahmetalent. Gerade Rudimentary Peni Texte sind sogar besser noch als die Musik, die auch gut ist, aber durch die Texte knallt das erst richtig, vor allem gilt das für die letzten Veröffentlichungen, bei denen die Musik eher etwas nachgelassen hat zum Frühwerk, aber die Texte sitzen wie´n Schlag in den Nacken mit ´nem nassen Handtuch. Ein ähnliches Gefühl bekomm ich bei Narsaak-Texten.

Haha, was ist denn das „Kranker Tannenbaum“-Phänomen beim Grindcore? Du meinst, so ökologisch korrekte Texte oder wie, kenne den Begriff nicht.
Du hast möglicherweise mal von einer Metalband aus Sachsen Anhalt mit Namen Manos gehört. Die haben so Comedy-Grind gemacht und ein Song von denen hieß „Kranker Tannenbaum“ und der ging glaub ich so: „Kranker Tannenbaum – Wuuuarrrghhhuggiuggiuggi“.

Worum geht es eigentlich in eurem Stück „Federvieh“?
Haha…Federvieh is kryptisch, wa? Also, ich würd sagen, es geht da im weitesten Sinn um vom Aufschwung Ost enttäuschte Wutbürger. Lars hat den Text ja geschrieben und er is der einzige in der Band ohne D.D.R.-Sozialisation. Also vielleicht geht der Text dann auch über den Rest der Band, vielleicht, weil wir immer etwas abgemergelt Sonntags zur Probe erscheinen und uns dann ohne zu fragen über Lars´ Bier- und Metvorräte hermachen, aber ich versteh dis einfach noch als Teil vom Solidarpakt… Lars, sorry du, aber dit verstehste doch wohl mein Junge, oder? Hahaha…

Ah, ick verstehen, danke für die Aufklärungen. Warum habt ihr eigentlich „Children – They Don’t Know The War“ von Gai gecovert?
Gai sind einfach so ´ne geile Band und ich find sie viel besser als den Nachfolger Swankys. Seit ein paar Jahren gibt es ja so nen komischen Raw-Punk Trend, wo alles immer ganz doll verzerrt wird und man eigentlich nichts hört mehr. Gai und Confuse haben das ja mal vorgemacht, aber da kam für mich nie irgendeine von den Nachmacherpopperbands der Neuzeit ran, vor allem auch, weil die Originale nie alles verzerrt haben, sondern nur Gitarre und Gesang noch etwas. Der Bass und vor allem das Schlagzeug haben bei denen viel mehr Punch und geben der ganzen Sache Struktur…und ´nen bißchen Struktur brauch ick einfach in meinem Alter. An irgendwas muß man sich doch orientieren, wenn man sonntags schön im Sessel sitzt und beim Japangewitter beschwingt den Fuß wippen lässt.

Wahnsinn, euer Song „Zeit für Gefühle“ ist mit 1 Minute 15 Sekunden ja total lang, was war da los, haha?
„Zeit für Gefühle“ ist ja nur so lang geworden wegen dem letzten Riff, was wir dann einfach fünfzig Mal spielen. Geil, wa? Sowas kannste eigentlich nur bringen, wenn du schon ein paar Fans hast oder dir alles scheißegal ist. Eigentlich is das doch ´ne ganz linke Nummer, so seine Platte vollzumachen und dann haben wir das gleich nochmal gemacht, beim ersten Song der zweiten EP. Aber das haben wir in der Produktion im Osten so gelernt, ab spätestens Dienstag um eins macht jeder seins.

Ja, nicht alles in der DDR war schlecht, wa, haha.
Welche Veröffentlichungen von euch sollte ein neuer Fan unbedingt auschecken, welche eher nicht? Oder seid ihr mit allen Releases zufrieden?
Welche NuCu-Platten sind am besten… also ich persönlich find „Internal aggressor“ am besten, gefolgt von „Cruel routine“. Die erste EP ist auch nicht schlecht, aber da hatten wir uns noch nicht so richtig gefunden, find ich. Da wär das Demo besser als die EP, welche ja die Demo Songs auch hat, weil beim Demo die Produktion besser ist.

Was wäre der Band-Traum für dich? Auf Bleaurgh IV vertreten zu sein?
Support-Tour-Band für Septic Death? Japan-Tour mit GISM? Mit Y warst du ja mal in den USA auf Tour, wollt ihr so etwas wiederholen?
Also, ich würd´ sagen Supporttour für Septic Death in Japan, da würd ich schon mal drüber nachdenken wenn uns da einer fragen würde hahaha. Wenn Gauze noch mitkommen und der Typ von G.I.S.M. an die Kette gelegt wird, wär ich dabei. Schon auf Bleaurgh II hätt ich aber wahrscheinlich ohne zusätzliche Geldgeschenke nicht mitgemacht… naja, damals wohl schon, aber heute nich mehr. Wir waren ja tatsächlich nochmal mit Solid Decline in den U.S.A. auf Tour und das war zeitweise echt frustrierend. Wir waren aber auch sehr verwöhnt durch die U.S. Tour von Y, da haben se uns total gefeiert jeden Tag, das war kaum zu fassen.

Bei der Solid Decline- Tour sechs Jahre später sind teilweise keine Leute gekommen, reihenweise haben Supportbands in der letzten Minute gecancled und insgesamt hatte ich das Gefühl, überhaupt keinen Kontakt zu der Szene da mehr zu haben. Dieses Gefühl hat sich bis heute gehalten. Ich komm da irgendwie nicht mehr zu Recht mit wie die da drauf sind. Selbst die meisten meiner alten Kumpels da sind so gar nicht an Kontakt interessiert, wenn man denen nicht total hinterher rennt. Ich hab dann irgendwann mal mit dem hinterher rennen aufgehört und wollt mal gucken was dann passiert… nüscht hahaha. Ein einziger ehrlicher Freund ist mir da geblieben, Mike von Slavestate/Running For Cover etc.. Der schätzt meine Sachen genauso wie ich seine und auch sonst ist das Verhältnis nicht hierarchisch zwischen uns.

Mir sind die Beziehungen zu amerikanischen Szenemenschen sonst oft viel zu asymmetrisch. Das seh´ ich nicht nur bei mir, sondern bei so gut wie allen Leuten, die Freunde oder Projekte da laufen haben. Eine befreundete Band hier aus der Region machte neulich ´ne split-EP mit ´ner U.S. Band, sie liefern Studiomaterial, die Amis Liveaufnahmen, sie kriegen eine Handvoll Freiexemplare, die Amis zehnmal so viel. Hab die genauen Zahlen grad nicht im Kopf, aber es war brutal unfair in meinen Ohren, warum machen die Leute das mit? Ich mein, die machen da doch auch schon lange keine bessere Musik mehr drüben als die Leute hier in Europa. Klingt doch eh alles gleich heut, hahahaha.

Dass die Amis groß im Labern sind und nachher nix kommt, wenn´s um die Taten geht, habe ich leider auch schon erlebt. Thema-Wechsel: warum bezeichnet ihr auf eurer Homepage die Genres Power Violence und Grind als „fragwürdig“? Vielleicht habe ich auch nur Vorurteile, aber es ist ja so für mich: die Genres Power-Violence, Grindcore/Fast-Core und Crust existieren – so habe ich das Gefühl – manchmal in einer sehr speziellen Blase, die mit anderen Musikstilen nichts zu tun haben und sich als sehr elitär empfinden tut; „die“ denken immer, ihre Musik wäre die einzige authentische Form von Underground, dabei gibt es ja noch ganz andere Musik im Underground, wenn ich da zum Beispiel an Riot Grrrl oder Ami-HC von Europäern denke…
Irgendwie ist es immer so ein bisschen „Du siehst nicht nach Crust-Grind aus, du bist nicht cool“, was ich als total albern empfinde, aber gut, ich bin da auch zu sehr ein Bad Religion- und NOFX-Popper, haha. Mir erscheint es manchmal so zu sein, dass Grindcore-Fans nur ausschließlich Grindcore hören und nicht über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen – HC-Punk ist doch sooo breit und mehrdimensional, von X-Ray-Spex über PIL und Gun Club bis hin zu Butthole Surfers, den Ramones und Siege… aber dieser eindimensionale Geschmack, das führt zu einer egozentrischen Haltung, mit der alles, was nicht Krach ist, automatisch in arroganter Art und Weise abgeurteilt wird… Ja, was meinst du?

Ja, da hast du vollkommen Recht, da muss ich eigentlich gar nicht viel ergänzen außer, dass die Retro-Hardcore-Popper heutzutage noch schlimmer sind als die Grinder, haha. Die rümpfen bei allem die Nase, was Blastbeats hat. Ich hab´ mich inzwischen damit abgefunden, dass so Hardcore-Leute unter 35 nicht auf uns stehen. Dabei haben die doch vom originalen Hardcore gar keine Ahnung, die kennen doch alle nur Void und Negative Approach und sonst hören sie nur Retro-Zeug. Das Problem ist, dass die jungen Menschen Orientierung suchen und Genres, Bandnamen oder Labels bieten halt Orientierung, ohne dass man sich groß auskennen muss.

Das ist ja auch irgendwie verständlich, ich mein´, wenn du mit deinen Kumpels beschlossen hast, einen auf Hardcore-buddy zu machen, denn willste ja nich erst zwanzig Jahre vorher Musik studieren. Da guckste, was hörn die anderen, was sind die coolen Labels und dann rann, Arme volltätowieren, Bart wachsen lassen und los geht´s. So entsteht natürlich keine gute Musik. Die entstand meistens, wenn Leuten ein definiertes Genre zu eng wurde und man sich da rausbewegt hat. Ich glaub´, das funktioniert prinzipiell so: vier Freunde haben eine Idee oder der Zufall hilft, weil der Gainregler am Amp klemmt oder der Schlagzeuger hyperaktiv ist und dann verändert sich die Musik plötzlich, die sie spielen. Erst finden das die coolen Leute natürlich lächerlich…

Siege wollte 1984 in Boston ja auch keiner hören und Celtic Frost wurde in den Metal-Zines ja auch nur verrissen erst. Dann melden sich aber die ersten Fans zu Wort und gründen eigene Bands, die meistens noch OK sind und dann nimmt die Geschichte langsam Fahrt auf und spätestens ab der dritten Generation hat das Genre feste Strukturen und die Genrebands kopieren sich nur noch gegenseitig und ab da ist dann für mich der Drops gelutscht und für tausende andere wird´s da erst interessant. Ich mein´, wenn wir mal Napalm Death nehmen als die Band, die Grindcore zwar nicht erfunden hat, aber doch eine der ersten war und mit der die Musik zum Durchbruch kam, wenn man sich vor allem die „Scum“-A-Seite anhört, so hat das doch überhaupt gar nichts mit dem mehr zu tun, was Grindcore heute oder eigentlich schon seit spätestens den 90ern ist und ich finde es auch total interessant, dass es nie wieder eine Band gab, die so wie auf der „Scum“ geklungen hat. Genauso ist das auch bei Power Violence. Da gab´s No Comment, Neanderthal, Crossed Out, Slavestate und Demise und dann war´s das doch eigentlich. Und diese Bands haben eben ´nen Hardcorebackground gehabt und Power Violence war noch kein Genre.

Ist es eigentlich auch vielleicht nur ein Ressentiment von mir, dass viele Grindcore-/Power Violence-/Fast-/Crust-Core-Leute verhinderte Metaller mit entsprechender „Metal-Einstellung“ zum Beispiel im Hinblick auf Männlichkeitsbilder sind oder stimmt das? Ich meine diese „schneller, härter, lauter“-Grundhaltung, das ist ja doch auch ein wenig dieses Männlichkeits-Rocker-Ding…“Ey ich bin so hart drauf, ich höre nur harte Musik“;
wenn du dir zum Beispiel die ersten Napalm Death-Earache-Scheiben anguckst, die waren von der Einstellung her progressiv-links und ihre harte Musik ihre Interpretation bzw. Wiederspiegelung der harten, unmenschlichen Gesellschaft; das hat sich aber doch dann schnell total verselbstständigt, so dass es nur noch um Härte und Geschwindigkeit ging und die Texte völlig „unpolitisch“ wurden und auch diverse „normale“ Leute angezogen wurden, die überhaupt nichts mehr mit der ursprünglichen gesellschaftskritischen Haltung zu tun haben, sondern wie der gemeine Metal-Head an sich nur die Geschwindigkeit und Power der Musik geil finden…
und heute, 30 Jahre später, hast du da nur noch so eine leere Hülle ohne spannendes emanzipatorisches Bewusstsein und nur Parolen-Texte und völlig kopierte D-Beat-Musik ohne eigenes kreatives Zutun… keine Ahnung, du bist der Experte, was meinst du? Klaro, ist nicht bei allen Bands dieser Stilarten so und es ist auch keine Kritik, die nur für diese Richtung gilt, aber mir fällt´s da einfach immer so leicht auf…

Also, ich kenn´ mich tatsächlich mit Grindcore und auch Power Violence nicht wirklich aus. Wie gesagt interessieren mich Genres maximal bis zur zweiten Generation, aber ich denk´, genau dann passiert wahrscheinlich das, was du meinst. Die Leute, die progressive Ideen haben oder vielleicht einfach nur kreatives Potenzial, was die Musik betrifft, sind längst weitergezogen und entweder halbprofessionelle Hühnerzüchter geworden oder machen Techno, Justin Broadrick, der mal bei Napalm Death war, macht übrigens hammergeilen Techno, und dann kommen die Leute, die nur Blastbeats wollen oder deren einziger zusammenhängender Satz aus dem Wort „Slayer!“ besteht. Ich will das nicht abwerten, die Leute sollen auch ihren Spaß haben und ich bin ein starker Gegner von elitärem Gehabe, aber die Musik klingt dann für mich halt eher Scheiße, wa?

Right said Fred – und: ui, ja, SCORN fand ich live auch geil… Mensch, danke für deine interessanten und fixen Antworten auf diese langen Fragen, ´nuff said, ich denke, die Pioniere hatten auch irgendwie keine Wahl, die mussten das so machen, wie sie es gemacht haben, weil es aus ihrem Inneren ein Bedürfnis war…
Bevor wir zum Ende hin kurz über Berlin und einige Veröffentlichungen von deinem Label plaudern, würde ich nach diesen zwei langen Fragen-Komplexen einen kleinen Break vorschlagen und dir einige Stichwörter nennen, zu denen du „ganz spontan“ – sofern das bei schriftlichen Interviews möglich ist – deine Assoziation doch bitte für uns notieren könntest, quasi kurze Fragen und kurze Antworten… let´s go: Deutsche Trinker Jugend oder Ätztussies?
Ach du Scheiße!

Combat not Conform oder Jingo de Lunch?
Jingo, weil Tom Schwoll so´n Schnuffi is und weil die Sängerin bis heute die einzige Frau is, die ich mit Septic Death-Shirt gesehen hab. Dafür verzeih ich ihr sogar diesen Filmauftritt in „Trouble“ 1993.

Rorschach – My War-Cover oder Black Flag-Original?
Original, bin aber nich´ so´n Rollins-Fan… eigentlich find ich den sogar total kacke, außer mit S.O.A., hahaha.

Dropdead oder Converge?
Dropdead.

Slayer oder Metallica?
SLAYER!!!

Infest (hab´ nie verstanden, warum gerade die zum Kult wurden) oder Siege (da schon eher)?
Siege, is aber eng. Infest haben einfach auch alles auf´s Spiel gesetzt 1988, ich mein, alter U.S. Hardcore plus SXE Mosh plus Euro Thrash war damals nicht grad en vogue als Mischung. Mutig. Aber Siege… keine Ahnung, was die gedacht haben, was sie machen. Ich glaub´, die hatten selbst keine Ahnung, das war bestimmt 50 Prozent geiler Schlagzeuger, 30 Prozent Zufall und der Rest war die krass brutale Produktion vom Studio. Aber das Ergebnis zählt. Bombe! Die Reunions find ich beide eher albern.

Aphex Twin oder Alec Empire?
Keine Ahnung, kenn´ ich beides erst, seit ich Online Dating mach´. Wahrscheinlich Aphex Twin.

Becks Pistols oder Cock Sparrer?
Cock Sparrer… aber mindestens einmal im Jahr is bei mir Becks Pistols-Tag und da hol ick die Keule raus und dreh durch.

Fussball, Ficken, Alkohol?
Ficken… der Rest is langweilig, naja, Alkohol manchmal. Ich bevorzuge aber das Wort „kuscheln“, das kommt dem auch näher, was in meinem Alter noch möglich is.

Toten Hosen oder Ärzte?
Ärzte, aber nur 80er.

NOFX oder Rancid?
Komm, hör uff…

Doors oder Janis Joplin?
Doors, die zweite Platte is Hammer.
(Anmerkung JR: in der Tat, „Strange days“ rult!)

Jimmy Cliff oder Bob Marley?
Ai jai jai.

AC/DC oder KISS?

Ick geh ma Hühner füttern… nee, ok, Bon Scott-Ära-AC/DC is gut. Hör ich trotzdem nie. Kiss fand ich mit zwölf krass schockermäßig von der Optik her, dann hab ich se gehört und dachte, der Typ, der mir das Tape aufgenommen hat, will mich verarschen.

Hahaha, yeah, danke für deine ehrlichen Antworten! Sprechen wir kurz über Berlin. Seid ihr dort sonst noch in anderen Bands oder Punk-DIY-Projekten involviert oder bedarf es da keinem Engagement, weil euch die Punk-HC-Szene so gut gefällt, dass alles von alleine läuft? Wohin geht ihr am liebsten aus für Bier und Konzerte?
Also, bis vor ´ner Woche war ich noch in Crack Under Pressure wie gesagt, aber wir haben alle keine Zeit mehr für die Band und hören auf. Früher hab ich hier in Berlin auch Konzerte organisiert, aber da bin ich lange raus. Ich erlaub mir da auch die DIY-Rente jetzt, weil ich glaub´, ich hab genug gemacht hier in den 90ern und frühen 00ern. Kein Bock mehr. Auf Punk-Konzerten sieht man mich auch selten, wenn wir nicht selber spielen. Es is aber gar nicht so, dass ich alles so furchtbar schlecht finde, was heute so gemacht wird. Ich mein´, vieles find ich furchtbar schlecht, aber ich denk´, in Berlin gäb´s immer noch genug sehenswerte Konzerte in dem Bereich, aber mir ist das einfach immer zu spät. Auch wenn ich grad noch wieder Vollzeitstudent bin, ist mein Biorhythmus durch jahrelange Lohnarbeit auf tagaktiv geeicht und ab zehn fahr ich abends einfach runter. Da geh ich grad´ lieber mal in irgend ´ne Kirche und guck mir um 18 Uhr ´nen klassisches Konzert für umme an. Das is´ auch gut und da bin ich noch halbwegs wach.

Wie bereits erwähnt, ich habe da noch einige Fragen zu deinem Label Thought Crime Records (übrigens: sehr guter Label-Name ausgesucht vom Gründer!): die erste Veröffentlichung war die Active Minds/Yacopsae Split-Single, warum gerade die beiden Bands, wie kam es dazu? (Finde beide Bands auch cool by the way).
Die hat ja Jens noch alleine gemacht, aber das lässt sich leicht erklären, denk´ ich. Yacopsae haben ja da angefangen, grad, glaub ich, und waren genauso wie Active Minds mit Jens befreundet. Ich denk´, da wurde dann mal zu späterer Stunde irgendwann nach sechsundvierzig Hefeweizen was ausgeknobelt. Geile Platte, vor allem Active Minds find ich da drauf heute immer noch top.

Ihr habt die wahnsinnige Platte von den Bodensee-Punks Abraxas Fäkalien gemacht, die waren live in den 90er auch sau gut und ich trug jahrelang ihren Patch auf der Tarnhose, haha. Tja, wie kam es zu dieser Veröffentlichung?
Haha, meine Erinnerung verschwimmt da etwas. Ich glaub´, die Band hat in unserem damaligen Stammlokal LSD hier in Berlin mal gespielt. Dann hab ich das Konzert wahrscheinlich auch gemacht, was wiederum bedeutet, dass ich die Geschichte grad irgendwo in der Mitte anfange, zu erzählen. Naja, ich fand sie live auch total gut und es dürfte so eine der ersten Platten gewesen sein, für die ich auf dem Label mehr oder weniger verantwortlich war. Ich glaub´, zu der Zeit haben wir den Produktionsprozess auch etwas aufgeteilt. Jeder von uns beiden musste sich, glaub´ ich, um seine Faves kümmern. Nachdem ich dann das Layout mit der Band total in den Sand gesetzt habe, sind wir glaub ich erstmal von dieser Arbeitsteilung abgerückt. Naja, jeder fängt mal an.

Du hast die Malinheads – Probegepogt- Single wieder herausgebracht, das ist ja so eine Granate!!! Die wollte ich ja auch fürs Trust interviewen, leider meldeten sich die nie zurück, ein echtes Zeitdokument der West-Berliner-HC-Musik aus den 80er…auch hier die Frage, warum und wieso? Waren die nett drauf, als du sie fragtest, manchmal wollen so alte Leute ja gar nicht mehr mit ihrer „Jugendsünde“ Punk in Verbindung gebracht werden…
Also, das war so: Nachdem es erst Gerüchte gab, Andreas Kelling, vom spektakulären Pogar Label, wär tot, hat mein alter Sportsfreund Iffi, der heut weltberühmt is durch seine Band Diät und seine gelegentlichen Ausflüge ins Reich des wilden Wahnsinns, ihn plötzlich ausgegraben irgendwo in Berlin Moabit und ihm unfassbar günstig ´ne Menge Platten aus Vinyl Boogie-Restbeständen abgesaugt. In dem Laden wurde weit vor meiner Zeit die Westberliner Jugend frühzeitig mit bestem Geballer aus U.S.A., Skandinavien und Brasilien versorgt.

Der Typ hatte da einfach schon sehr früh in den 80ern die Kontakte und konnte offensichtlich irgendwie Englisch und so hat sich in Berlin tatsächlich schon einige Jahre vor der offiziellen Einführung des Hardcores in Deutschland eine jugendliche Fanschar etabliert, vor allem auch in den Außenbezirken wie Spandau und Reinickendorf. Also Jens, der erste Malinheadssänger, hat mir erzählt, er wär seit 1984 auf keinem Punkkonzert mehr gewesen, und er hätt da aber vorher schon den ganzen Dischord- und Propaganda-Kram und so bezogen.

Das erklärt auch, warum die erste Malinheads klingt, wie sie klingt. Pushead hatte sie auf dem Radar schon und ich geb´ ihm Recht, dass es sicher eine der Top 100 Hardcoreplatten der 80er ist. Jedenfalls hat Iffi mich mit Andreas bekannt gemacht und wir haben ein paar Mal geredet über ´ne Malinheads Re-Issue, aber da haben wir uns total im Kreis gedreht. Das war so 2002 rum. Sieben, acht Jahre später trifft plötzlich Schotter, ein anderer Kumpel, der früher da bei den Spandauern dabei war, Jens von Malinheads anner Bushaltestelle und hat ihm geistesgegenwärtig von mir und meinen Plänen erzählt und dann hab ich mir mit Jens 2010 in ´nem Biergarten am Spandauer Bahnhof ein paar Fußball-WM- Spielchen angeguckt und nachdem ich dann noch irgendwie Andreas Kelling wieder ausfindig gemacht habe, der inzwischen nach Dresden gezogen war, ging dann alles recht schnell und ich konnte die Platte sogar mit den original Presswerkzeugen nachpressen. Wie geil is das denn, sagen se ma?

Hammer! Warum ist gerade die Pink Flamingos „poppin eye effect”-Single so wichtig bzw. geil für dich?
Also ganz ehrlich… SM70 waren zwar wirklich früh und 1986 gab´s in dieser Geschindigkeitsliga wirklich weltweit nur eine kleine Handvoll Bands, aber so richtig erste Liga warn ´se für mich doch noch nicht auf ihren Platten. Das hätten sie sicher sein können mit der Produktion vom Siege Demo oder wenn sie einen wie Andreas Kelling gehabt hätten, der sie ins Music Lab aufnehmen geschickt hätte wie Malinheads. Aber so gemein ´is die Geschichte einfach manchmal.

Aber zum Glück waren SM70 ne 80er Jahre Band und deshalb werden ´se heute wenigstens etwas gewürdigt. Meiner Meinung nach und ich glaub, da stimmen mir die Bandmitglieder weitgehend zu, haben die Herrschaften erst so ab Anfang der 90er so richtig gewusst, was sie tun. Da hießen sie schon Pink Flamingos und als 90er Band aus Deutschland sind sie leider Kandidaten für die Dollarbins. So funktionieren Schubladen und Labels. Wenn man die mal beiseitelässt und einfach nur hinhört, wird man feststellen, dass die Band sich zu dem Zeitpunkt von ´ner guten Baller-Schülerband zu ´ner absoluten Instanz gemausert hatte. Ich hab sie vorher nicht bei meinem Power Violence-Ranking genannt, weil die original Power Violence-Geschichte ein amerikanisches Ding war, aber sie würden absolut in diese Reihe gehören und zwar sicher nicht an letzter Stelle.

Die hatten denselben Background wie diese amerikanischen Bands und kannten die Leute auch teilweise. Ich würd´ sagen, wenn jemand schnellen HC mag und den Wunsch verspürt, von mir in Bezug auf Musik halbwegs ernstgenommen und nicht wie ich´s in der Regel sonst schnell tue, geschickt in andere interessante Themenfelder umgeleitet zu werden, dann hat er oder sie gefälligst die „Poppin eye effect“ und die split-EPs mit M.V.D. und Substandard im Schrank. Wer dann SM70 nicht kennt, bleibt vorerst im Rennen, aber ohne Pink Flamingos im Regal würd ich mich denn lieber erstmal über Enten oder den Speedway Grand Prix weiter unterhalten. Dis sind auch schöne Themen.

Du sprichst davon, dass
dein Release # 32 – die L Amico Di Martucci / Cementerio Shöw-Split-Single – also, LADM, die beste Band jemals auf deinem Label war. Warum?
Also, das steht auf meiner Website… haha, die hab ich seit 2008 nicht mehr upgedatet, ich konnt´ ja nicht ahnen, dass sich da nochmal jemand für interessiert. Ich hör ja immer nur, Thought Crime Records? Noch nie jehört, hahaha. Zu diesem Zeitpunkt war das so für mich und ich find die Band immer noch hammergeil. Die waren mit ihrem Surf-Italo Hardcore einfach total originell und ´ne echte live Bombe. Bei ihrem Berlin Konzert kamen 20 Leute, wie bei den meisten Konzerten, die ich gemacht hab, haha. Da waren ein paar echte Nerds in der Band, mit krassem Musikwissen, spielerischem und Song-writerischem Talent und ´ner hilfreichen Ahnungslosigkeit, was zeitgenössische Trends anging. Der wahnsinnige Gitarrist macht jetzt ´ne Metalband, Destroy all Gondolas und die klingen wie ´ne Mischung aus Venom und Agent Orange… ich weiß, wenn man so ´ne Beschreibung hört, wird die Milch sauer, aber ich hab die Aufnahmen zu ´ner Platte gehört, die im Mai rauskommt, und das ist seit Jahren mal wieder zeitgenössische Rockmusik die ich echt abfeier!

Well, das letzte Thought Crime-Release liegt etwas zurück, gibt’s das Label denn noch, hasse was nettes in der Pipeline?

Also, ich hör eigentlich seit knapp zehn Jahren auf. Deshalb habe ich auch meine Website eingeschläfert. Dann kamen danach aber doch noch ein paar – wie ich finde – sehr geile Sachen raus, mehr oder weniger alles Re-issues: Disorder (Sunderland) Diskografie-LP, Death Sentence-LP mit der „Ryan“-EP und Bonuszeug, Hallowed Butchery „Canticle of the Beast“-12“, Blood Robots- Diskografie-LP. Ich rede noch mit meinem Kumpel Mike über eine Slavestate-Diskografie-LP aber danach is wirklich Sense. Schulz. Ende Jelände.

Ich danke dir für deine Zeit und Mühe, hast du noch einen Gruß an unsere Leser?
Oh, ich danke dir und dem Trust für´s Interesse. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass ich nach ´nem Interview für ein größeres deutsches Fanzine gefragt wurde, würd ich sagen. Ja und beste Grüße an die Leser, wenn wa mal spielen, kommta am besten mal rum. Wir spielen och nich lange. Aber ick sag´s lieber mal gleich, wir sehen nich´ so jut aus… nich´, dass ihr euch wundert, wa? Und wir machen keinen Power Violence, sondern dusterichen Hardcore und bei uns is Helmpflicht auf den Konzerten. Immer schon, hält sich blos keine Sau dran.

Interview: Jan Röhlk
Kontakt: nuclearcult.bandcamp.com, facebook.com/Nuclear-Cult-932828540134760/, thoughtcrimerecords.de, thoughtcrimerecords.bandcamp.com
Fotos: Stefan Barsch

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