Juni 5th, 2019

NRA (#81, 2000)

Posted in interview by Thorsten

Eine Einleitung für NRA zu schreiben sollte überflüssig sein, denn ihr alle hattet Gelegenheit sie in einer oder vielleicht sogar zwei Locations diesen Winter live zu sehen. Die neue LP ‚New Recovery‘ ist einfach nur sagenhaft. Basta!! Vor dem Konzert in Bremen schnappte ich mir schnell Sänger Aziz und Gitarristen Orange und befragte beide.

Die neue Platte ist ja, wie bekannt, bei Flight 13 rausgekommen und wird in verschiedenen Ländern von verschiedenen Labels veröffentlicht. Wie kam es zu dieser Regelung? Und wie seit ihr eigentlich aus dem Vertrag mit Virgin rausgekommen?

Aziz: Als wir bei Virgin unterschrieben, waren wir an dem Punkt, wo wir selbst die Aufnahmen für eine neue Platte nicht hätten bezahlen können. Also mußten wir bei einem Label unterkommen, das uns die kompletten Produktionskosten im Voraus bezahlt. Das ist in Europa ziemlich schwierig, Jürgen Bitzcore hätten es wahrscheinlich gemacht, aber der war leider zu dieser Zeit selbst fast bankrott, also suchten wir nach dem Deal der es und ermöglichen würde ‚Leaded‘ aufzunehmen. Virgin dachte scheinbar, daß wir das nächste große Ding werden würden und tat so als ob sie uns wirklich unterstützen wollen. Also haben wir es gemacht. Wir bereuen es nicht, wirklich nicht. Bei den Verhandlungen war es so, daß wir alles was wir wollten in den Vertrag geschrieben haben und dieser Vertrag immer zwischen uns und Virgin hin und her geschickt wurde. Wir haben dann immer etwas gefunden was wir beanstandet haben und es geändert und den Vertrag wieder zurück geschickt. Das ging so weit, daß wir im Grunde genommen nie einen Vertrag unterschrieben haben. Auf ein Mal sagten sie, so jetzt veröffentlichen wir die Platte. Und dann war sie da. Wir hatten eigentlich damals schon vor, das zu tun, was wir mit der neuen Platte gemacht haben, nämlich Geld für die Aufnahmen zu leihen und dann die Platte von verschiedenen Leuten/Labels in verschiedenen Ländern rausbringen zu lassen. Also Lizenzen vergeben. Das hat jetzt mit der neuen LP wunderbar geklappt.

Orange: Ich denke mal Virgin glaubte, daß eine Band mit Aziz als Sänger gut zu vermarkten sein. Sie glaubten uns, und speziell Aziz, zu Popstars aufbauen zu können. Wir haben ja auch einige Songs die Leuten außerhalb der Punkszene gefallen können. Diese Songs haben Melodien, sind poppig, und für Virgin war es eine große Enttäuschung als ‚Leaded‘ nur 5000 Einheiten verkauft hat. Das war der Grund warum sie dann sagten, daß sie da keine Verbesserungsmöglichkeiten sähen und deshalb nicht interessiert wären eine neue Platte zu veröffentlichen. Also mußten wir etwas anderes versuchen…

Hat die Zusammenarbeit mit Slowdime in den Staaten geklappt, wird die Platte dort vertrieben?

Aziz: Nein, das hat nicht geklappt, wir suchen noch immer einen Partner der die Platte in den USA veröffentlicht, die Leute haben auch Interesse. Aber auch wenn das nicht klappt, dann werden wir versuchen etwas mit einem Vertrieb zu organisieren oder mit Labels Platten tauschen.

Orange: Das Problem ist, dass auch kleinere Labels nur Bands unter Vertrag nehmen, die schon eine Fanbasis haben, egal wie klein diese auch ist. Ein Label aus Chicago macht etwas mit einer Band, die schon Fans in Chicago hat. Wir sind zwar schon lange dabei, aber in den Staaten doch noch immer Nobodys. Wir hatten dort eine Compilation der letzten beiden Alben draußen, die hat sich auch 1400 mal verkauft und wir haben da auch schon zwei mal getourt, wir hatten die Single auf BYO, aber uns kennen nur die, die auch die Fanzines lesen, oder in der Punkszene verwurzelt sind. Die ganz normalen Kids kennen uns nicht. BYO wollte die neue LP machen, hatten aber Angst, weil sie mit der Terrorgruppe-LP, bzw. mit der Weise, wie die Terrorgruppe die Sache behandelt hatte, nicht zufrieden waren. Terrorgruppe hatten keine einzige Tour zu der Zeit in den Staaten gemacht und sagte BYO, sie brauchten das nicht. Aber BYO braucht eine Band die auch Touren macht, um die Platten zu verkaufen. Mindestens zweimal sollte man durch die US touren, wenn die Platte neu ist. Deshalb hat BYO einfach Angst Geld in europäische Band zu stecken.

Aziz: Außerdem wollte BYO alles machen, also auch Europa, und als wir sagten, daß wir da schon mit Leuten zusammenarbeiten würden und sie nur „Alles-Außer-Europa“ bekommen könnten waren sie auch nicht mehr einverstanden.

Orange: Außerdem war es doch so, daß De Konkurrent uns genau dann ansprach, als wir bei Virgin rausgeflogen sind. De Konkurrent waren nicht mal so sehr an der Musik die wir machen interessiert, sondern an der Art wie wir mit dem Geschäftlichen umgehen, wie wir Konzerte machen, das wir das alles eben nur wegen der Musik machen. Dann kam auch noch Flight 13 und wollte das Vinyl, das De Konkurrent ja gar nicht machen wollte, und auf einmal waren wir phantastisch versorgt. Also haben wir uns gedacht, machen wir es im Team. In Frankreich arbeiten wir auch noch mit einem Label zusammen, das die CD für Frankreich macht und das Vinyl von Flight 13 dort vertreibt, wir haben einige Vertriebsdeals mit Leuten, die wir kennen, z. B. in Spanien, es ist alles viel mehr zurück zu den Wurzeln als bei Virgin. Fühlt sich aber viel besser an, paßt einfach besser. Als wir bei Virgin waren merkten wir erst, daß wir keine Band für ein Major-Label sind, denn wir denken total anders als die Manager von Virgin, oder auch die anderen Bands bei Virgin. Wir wollen zum Beispiel nie bei einer großen Konzertagentur sein, die dann unsere Tour bucht. Denn dann wäre die Gefahr groß, daß wir in eine Situation kommen, die uns nicht behagt. Und das wichtigste ist, wir verdienen mit dieser Band kein Geld. Wir haben alle andere Jobs, machen das nur aus Liebe zur Musik und als Hobby. Wir brauchen nicht groß zu werden. Natürlich ist es schön ein paar Rechnungen bezahlen zu können und dann vielleicht die nächste Platte mit weniger Streß aufzunehmen, und natürlich wollen wir Leute mit unserer Musik erreichen, aber wenn es so wie wir es jetzt machen nicht passiert, dann passiert es eben nicht, dann werden wir daran nicht zu Grunde gehen.

Aziz: So haben wir auch die ganze Kontrolle und könne bei jedem Konzert entscheiden ob wir es machen wollen, oder nicht, können uns aussuchen mit welchen Bands wir touren etc.

Nun, natürlich klingt das sehr schön und auch nachvollziehbar, aber trotzdem wollen doch alle ‚normalen‘ Bands den Erfolg…

Orange: Ja, wir sind in der glücklichen Situation, daß wir in Frankreich und Holland ziemlich bekannt sind. Uns gibt es seit 10 Jahren, wir waren in Holland die ersten, die melodischen Punk gemacht haben. Als das immer mehr Leute hören wollten, waren wir immer noch die einzige Band in Holland. Wir spielen dort vor rund 600 Leuten, schon seit Jahren. Wenn du aber in einer Band bist und immer nur vor deinen 10 Freunden spielst, dann hoffst du auf ein großes Label, weil du so mehr Leute erreichen kannst. Wir waren auf Virgin, wir wissen das es nicht klappt, zumindestens nicht für uns. Wir haben da viel gelernt. Wir haben auch bei der Zusammenarbeit mit Bitzcore viel gelernt, oder jetzt mit Flight 13. Als Amateur suchst du deinen Weg und eigentlich wollen wir nur Musik spielen. Als wir anfingen haben wir ein Demo aufgenommen und es an ein paar Fanzines geschickt. Daraufhin hat uns ein Deutscher geschrieben und vorgeschlagen eine LP zu machen, mein Gott wir dachten nicht mal daran, daß wir aus unserem Proberaum rauskommen würden. Wir haben alles den harten Weg selbst erlernt, wie es läuft und was du als Band selber willst. Das passiert natürlich jeder Band, jeder kleinen Band. Die jungen holländischen Bands denken alle, daß NRA was weiß ich wieviel Geld verdient. Sie wollen auch alle Geld verdienen, ihr Traum ist es, ihre normalen Jobs aufzugeben und nur noch Musik zu spielen. Sie sind dann immer total geschockt wenn wir ihnen sagen, daß das wahrscheinlich nicht passieren wird. Aber wie sollen sie es auch besser wissen, sie sehen doch nicht, daß neben den Musikern noch tausend andere Leute bezahlt werden müssen.

Aziz: Sie können es sich nicht vorstellen das man an einem Tag auf einem Festival vor Tausenden von Leuten spielt, Autogramme gibt, den ganzen völlig anormalen „Erfolgsquatsch“ erlebt, und in einer Stadt im Nachbarland, nur einige hundert Kilometer entfernt, am nächsten Tag, in einer Bar vor zehn Leuten spielt und sie einen nur komisch anschauen.

Orange: Als wir das erste Mal in den Staaten waren, ging es uns so. Zu der Zeit waren wir in Holland recht bekannt und wir fingen an, etwas snobistisch zu werden. Einige in der Band verloren ein bißchen den Bezug zur Realität. Wir benahmen uns ein wenig wie Rockstars. Als wir dann in den USA spielten waren wir absolut nichts. Wir spielten in Bars vor 5 Leuten. Aber das brachte uns dorthin zurück womit wir angefangen hatten, auf die Bühne gehen und einfach Gas geben. Also machten wir uns bewußt, daß das mit dem Geld nie klappen wird, wir aber die Musik spielen können. Das ist auch der einzige Grund uns als Band zu mögen. Wir sind nicht die besten Musiker, wir wissen Scheiße über Musiktheorien, aber wir machen diese Musik mit dem Herzen und deswegen ist sie auch gut.

Es gibt einen Song auf der neuen Platte der mir zuerst gar nicht so gefallen hat, mir aber jetzt fast schon am besten gefällt, ‚Mismatch‘, er spaltet die Platte in einer netten Art und Weise, gefällt aber bestimmt nicht allen?

Aziz: Ja, der Song ist sehr untypisch und auch nicht sehr eingängig. Am Anfang wollte ich ihn auch durch ein Veto von der Platte verbannen, aber Orange hat mich überzeugt.

Orange: Der Typ der unsere Platte abgemischt hat, ist ein großer Fan des Stückes, er fand auch das es der Platte einen Einschnitt gibt, und ich gab ihm Recht.

Die Platte hat überhaupt einen rauheren Sound, im Vergleich mit ‚Leaded‘. War das auch einen Art ‘Back To The Roots‘?

Aziz: Ja und Nein, Wir hatten dieses Demo und allen gefiel dieses Demo so gut, das wir die ganze Produktion so ausrichteten, daß die Platte am Schluß so klingt wie das Demo.

Orange: Warum es auch noch so rauh klingt ist, daß wir viele Sachen ausprobiert haben. Zum Beispiel haben wir beim Mischen immer alle Spuren mitlaufen lassen. So kommt es, daß z. B. bei einigen Songs im Hintergrund Gitarrenexperimente, bzw. Vocalexperimente einfach mitlaufen. Sie sind einzeln nicht zu hören, aber geben den Ganzen einen eigenen Touch.

Aziz: Bei ‚Mismatch‘ z.B. singe ich auf dem Demo ganz anders. Der Vocaltrack der am Schluß verwendet wurde ist einer, bei dem ich versuchte so komisch düster zu flüstern, ich dachte am Ende des Takes, ich hätte es total versaut und sang dann noch mal etwas lauter „Duh, Dah“, und sie haben das dann benutzt. Das war auch ein Grund warum ich den Song gar nicht auf der Platte haben wollte.

Orange: Wir wollten auch diesmal nicht so sehr, daß das Ganze nach irgendetwas anderes klang außer nach NRA. In der Vergangenheit wollten wir wie Black Flag klingen, oder sonst was, diesmal mixten wir bis es uns objektiv am besten gefiel.

Ihr habt vorhin von eurem Bekanntheitsgrad in Frankreich gesprochen. Mir wurde berichtet, daß ihr im Fernsehen bei einer Soap-Opera als Band richtig mitgespielt habt, und dann auf der Straße von Teenagens angefallen wurdet. Klingt nicht schlecht, ist aber sicherlich übertrieben, oder?

Aziz: Ja das war sehr lustig. Zu der Zeit wurden wir wirklich in Frankreich an Tankstellen erkannt. Das war vor ca. zwei Jahren. Es ist aber keine Soap, sondern das einzige Programm in Frankreich wo gute Bands eingeladen werden um live zu spielen. Social Distortion waren dort, Rocket From The Crypt, Jesus Lizard, es war wirklich eine Ehre, dort auftreten zu dürfen.

Orange: Nur der Ablauf war etwas komisch. Wir kamen da an und hatten so ungefähr 12 Soundchecks. Erstmal nur wir live, dann wir live aufgenommen, damit sie es sich anhören konnten. Dann wir live mit Licht, dann noch mal mit Kameras und so weiter…

Aziz. Und den ganzen nNchmittag saßen wir Backstage und tranken…

Orange: Und wir hatten auch zu niemanden Kontakt, der einzige der mit uns sprach war der Assistent vom Assistent vom Assistent. Irgendwann wurde dann in diesem riesigen Studio noch Bühnenelemente rein gefahren hinter denen wir warteten bis man uns ankündigte. Als wir dann auf die Bühne kamen fielen wir fast um, das Studio war riesig und voll mit Leuten die wie verrückt schrien und uns hören wollten.

Aziz: Und sie hatten sich alle fein gemacht, weil sie wußten, daß sie im Fernsehen sein würden. Völlig verrückt. Zuerst dachten wir, daß es peinlich werden würde, aber war es überhaupt nicht, die Leute gingen sehr gut mit. Danach haben wir die ganze Nacht in Paris gefeiert.

Noch so ein Gerücht ist, daß du, Orange, ein gefeierter Industriedesigner seist, der diverse Printer und Scanner für HP entworfen hast. Stimmt das?

Orange: Gefeierter Designer?? Nein, es stimmt, daß ich Industriedesigner bin, aber ich bin eher in mechanischem Design spezialisiert. Früher habe ich bei Philipps gearbeitet, habe aber gekündigt. Ich entwerfe Plastikteile, Optiken und Teile, die spezielle Toleranzen haben müssen. In den letzten Jahren habe ich viel für HP gearbeitet und dort immer an Scannern, deren optische Teile und wie sie wohin sollen. Aber das bin ich jetzt nicht allein, sondern das ist immer eine Gruppe von Leuten.

Als ich euch vor rund zwei Monaten in Karlsruhe gesehen habe war Svengus noch dabei, nur euer Schlagzeuger war neu jetzt ist er auch nicht mehr dabei, wie kommt’s…

Aziz: Das mit Svengus hat eine längere Vorgeschichte, aber ich weiß nicht, ob die hier hergehört. Äh, er wollte einfach nicht mehr mit uns spielen, er hat jetzt nicht direkt einen Grund dafür genannt, aber wir müssen das respektieren…

Bleibt ihr ein Quartett, oder fehlt die zweite Gitarre zu sehr?

Aziz: Erstmal wollen wir als Quartett weitermachen, obwohl bei der nächsten Platte…wer weiß, wir haben noch nie richtig darüber nachgedacht. Es ging auch erst einmal um die Frage ob wir als Band ohne ihn überhaupt weitermachen können.

Orange: Wir haben etwas verloren, aber auch etwas gewonnen. Er hat ja mehr die Melodien gespielt und ich den Rhythmus. Jetzt ist der Sound etwas anders, die Melodien sind etwas leiser, dafür ist der Rhythmus viel akzentuierter. Es ist jetzt auch nicht so, daß wir im großen Streit auseinander gegangen sind.
Aziz: Wir wußten es auch schon einige Zeit, das Konzert in Karlsruhe war eines der Letzten mit Svengus.

Text/Fotos: Al

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