Januar 22nd, 2019

NOSEHOLES (#189, 2018)

Posted in interview by Jan

Nein, es hat dann doch nichts mit Seilschaften zu tun. Und wenn, dann eher andersherum. Man stellt angelegentlich fest, dass man manchen Menschen eben nicht nur freundschaftlich, sondern auch ästhetisch verbunden ist. Ich schreibe das hier so direkt, weil der Gedanke ja nicht allzu abwegig erscheinen könnte, dass hier klassische Netzwerk-Mechanismen wirken. Kratz du mir den Rücken, kratz ich dir deinen. Die erste EP der Noseholes aus Hamburg, um die es hier gehen soll, erschien als gemeinschaftliche Veröffentlichung von ChuCHu Records und In A Car, wobei letzteres das Label von unserem Mann Schippy ist, mit dem Jan R. und ich vor einigen Jahren auf große Fahrt gingen.

Man kennt sich. Aber dass In A Car hier seine geschmackvoll arbeitenden Finger drin hat, war mir beim ersten Hören gar nicht bewusst. Mich nahm diese Musik sofort mit. Erinnerte mich an vieles Hochgeschätztes, aber erschöpfte sich dann eben doch nicht in einer Wiederaufbereitung, sondern schaffte es glatt, Dinge wie Post Punk und No Wave frisch zu denken. Als dann ein paar Monate später das erste Album erschien, zögerte ich nicht lange und bestellte mir das Ding gleich bei der Band – ganz gegen meine Art sogar gegen Bares. Als ich dann von meinem Lieblingspromoter (okay, es gibt mehrere) ein Interview angeboten bekam, sagte ich gleich zu. Weil ich zwar ständig in Hamburg bin, aber mir dort dann Theater anschaue, Artsy-fartsy-Konzerte oder die Söhne von Fela Kuti, entschieden wir uns dann für einen Kanal, den ich noch nie für derartige Dinge genutzt habe: den Facebook-Messenger. Live, aber schriftlich. Was dann auch ganz gut geklappt hat. Das dezent überarbeitete Protokoll lest ihr im Folgenden.

Vielleicht erzählt ihr mir erstmal, was sozusagen vor den Noseholes war, was ihr so gemacht habt, ein bisschen Basiswissen.
Steve Somalia: Also Tobi (Gitarre und Effekte) und ich (Bass / Sax / Trompete) haben bereits schon in ein paar anderen Bands gespielt unter anderem bei den Happy Future Cats und das eNde. Mit HFC hatten wir ein Tape veröffentlicht und mit das eNde eine LP Namens der Teufel ist ein Silberfisch und eine Split EP mit Human Abfall. Im weitesten Sinne Deutschpunk wofür wir vom Plastic Bomb Micha seinerseits aber einen Arty Farty Kunstkackscheiße Stempel erhalten hatten. Darauf sind wir immer noch stolz. Nachdem Schlagzeuger und Sänger ausgestiegen sind wollten wir was Neues machen.
Und das wurden die Noseholes…
Steve Somalia: Zuerst hatten wir dann Henk (der im Übrigen mit in das Label ChuChuRecords eingestiegen ist, welches von mir zu das eNde Zeiten gegründet wurde) gefragt, ob er nicht Schlagzeug spielen möchte. Der hat das mal irgendwann gelernt. Daraufhin hatten wir uns zu dritt in Free Jazz versucht. Dieses Projekt haben wir im Übrigen immer noch am Laufen (es nennt sich handsex) wollten aber auch noch was anderes ausprobieren und hatten deshalb ZooSea Cide gefragt, ob Sie singen möchte.
Henk Haiti: Nach der Auflösung von das eNde, fragte mich Steve, ob ich mir vorstellen könne, mit Tobi und ihm zusammen etwas Neues zu machen. Ich überlegte kurz, ob mit meinem minimalistisch-, dilettantischen Schlagzeugspiel etwas anzufangen ist. Die Antwort war „Ja“!
Wann war das so ungefähr?
Henk: 2015 haben wir das Projekt handsex gestartet und parallel auch mit ZooSea Cide geprobt. Daraufhin sind Noseholes entstanden.
Ah, also alles wirklich noch ziemlich neu.
Steve Somalia: Ja stimmt
Free Jazz findet sich in Spuren auch bei den Noseholes, ein bisschen wie „damals“ bei manchen Bands aus diesem Postpunk-Wust, Pop Group und so, oder auch No Wave. Wie ist denn da euer Verhältnis zu einerseits Free Jazz und andererseits eben diesem weitergedachten Punk.
Steve Somalia: Also ich bin schon sehr lange Fan von Contortions bzw. James Chance und die ganzen Anfänge der No Wave Ära aus New York, aber auch Bands wie ESG, Bush Tetras, Arthur Russel oder Liquid Liquid. Alles was tanzbar, funkig ist und Groove hat. Und Einflüsse aus dem Disco Bereich waren zu Zeiten als wir uns gegründet haben wieder oft auf dem Plattenteller. Auch Bands wie die Chinese Stars oder Disco Post Punk aus den 90ern waren immer präsent. Kann sein das dies Spuren hinterlässt.
Henk Haiti: Ich denke, dass wir im Allgemeinen ein breites Spektrum an Musik hören. Von 4th World Music bis natürlich Brötzmann.
Junior oder Senior?
Steve Somalia: Senior. Anfangs hatte ich mir ein Saxophon geliehen, mittlerweile besitze ich eines worauf ich aber bis heute noch nicht wirklich spielen kann. Das trifft die DIY Sache ganz gut. Einfach mal machen und kucken was bei rum kommt. So viel zum Free Jazz, zum experimentellen. Ansonsten finde ich ja die Musik von Noseholes sehr aufgeräumt.
Henk: Also da gibt es viel kaputtere Sachen.
Das auf jeden Fall. Ich würde ja sogar so gemein sein, und den Begriff Retro einwerfen. Wobei ich eure Sachen toll finde, klar.
Henk Haiti: Ich kenne den Begriff Retro gar nicht! Hab aber mal bei Wikipedia geschaut.
Steve Somalia: Klar irgendwie ist ja alles Retro. Aber das ist ja das Schöne an Post Punk.
Simon Reynolds im Sinn…
Henk: Wir begrenzen ausschließlich auf den wissenschaftlich-künstlerischen Sektor der Post Moderne.
Steve Somalia: Jedenfalls kann man das alte wunderbar mit der Post Modernen verbinden.
Genau, es ist nicht nur alles Retro sondern auch Post…
Steve Somalia: Rip it up and start again. Das ist der einzige Grund warum Punk bei uns noch funktioniert.
Henk Haiti: Was Punk Rock betrifft sind wir uninteressiert.
Ist fast so schlimm wie Indie Rock nowadays… Aber Punk als Gedanke ist immer noch wichtig für euch?
Steve Somalia: ich glaube nicht wirklich. Aber der Habitus schwingt mit und die Punk Sozialisation. Deshalb sind solche Dinge wie DIY Konzerte + Labelarbeit, also Dinge die auch im Punk entstanden sind, immer noch verinnerlicht. Trotzdem können wir mit den meisten Punks nichts anfangen.
Henk Haiti: Ne, können wir nicht!
Mit der real existierenden Subkultur also?
Steve Somalia: Also wir gehen schon noch viel auf Konzerte und die Subkultur ist wichtig. Das Netzwerk macht auch Spaß. Da lernt man halt immer noch gute Leute kennen, wie zum Beispiel Steve Underwood von Harbinger Sound.
Genau, „DIY-Methoden“ sind ja eben auch ein Teil davon. Wobei man dann immer wieder darauf stößt, dass Punk einerseits entsetzlich konservativ ist. Andererseits aus diesem ganzen Ding immer noch interessante Sachen entstehen. Zum Beispiel die Sleaford Mods.
Steve Somalia: Punks in unserem Alter oder älter sind oft Traditionalisten, welche ihre original Chaos Z Scheibe eingerahmt an der Wohnzimmerwand hängen haben.
Henk Haiti: Aber Sleaford Mods sind halt unglaublich gut, anders und erfrischend. Wir gönnen Ihnen jedenfalls noch viele Rockstarjahre.
Wie kam denn Steve auf euch oder ihr zu ihm?
Steve Somalia: Über Schippy. Der hatte zu diesem Zeitpunkt die Mods – Deutschlandtour mit gefahren und dementsprechend hatten Sie viel miteinander zu tun. Er meinte ich soll unsere Sachen dem Steve Underwood mal schicken. Ja und der fand das halt geil.
Den ihr wiederum schon vorher kanntet?
Steve Somalia: Schippy hatte ich ein paar Mal davor getroffen und wusste das er ein Label angefangen hat zu betreiben. Als er dann Bock hatte die EP mit zu veröffentlichen, haben wir uns auch danach öfter gesehen.
Dann ist der Weg an die Spitze also kurz (kleiner Scherz), wo ihr demnächst auch mit den Mods spielt. Bis jetzt habt ihr noch nicht viele Auftritte gehabt, oder?
Steve Somalia: Wenn diese Ausgabe erscheint an die sieben Auftritte. Das ist schon auch eine respektvolle Sache wie Mr. Underwood sich um seine Newcomer Bands kümmert.
Henk Haiti: In A CAR und ChuChu Records sind auch voll gut!
Bei den Mods und damit eben auch für euch sind das ja wirklich schon einigermaßen große Bühnen.
Steve Somalia: Die Bühnen mit den Mods sind auf jeden Fall groß , aber irgendwie auch geil, ein wenig Surreal. Bei den Mods passt das schon.
Immerhin seid ihr zu viert, die nur zu zweit…
Henk: Ach das wird geil!
Es gibt ja schon Verbindendes zwischen euch und den Mods. So ein Hang zum Pöbeln. Der bei denen immer so als zeitgemäß diagnostiziert wird. Ist das die adäquate Antwort auf „die Zeiten“? Oder auf ein bestimmtes gesellschaftliches Klima?
Steve Somalia: Ich glaube, Pöbeln macht auch Spaß. Allerdings sehen wir uns nicht als Politische Band und denken auch das alles bereits gesagt ist. Politsche Statements in der Musik sind für uns nicht wichtig. Wobei das unpolitsche auch schon wieder Politsch sein kann, weil natürlich alles irgendwie politisch ist. Nur hat es in unserer Musik nichts zu suchen. Genauso wie wir Pathos und zu viel Emotion in der Musik langweilig finden. Fickt eure Gefühle!
Henk Haiti: Pöbeln hat ja auch immer einen therapeutischen Ansatz!
Für Argumente sind die Songs ja auch zu kurz.
Steve Somalia: Und wir achten auch drauf das unsere Songs selbst für uns schwer zu interpretieren bleiben. Wobei bei diesem Song EX Driver wollten wir klar mitteilen das wir Hunde und deren Besitzer nicht leiden können.
Henk Haiti: Man hat die Hunde nie gefragt ob sie einen Besitzer haben wollen.
Sowas wie Nichteinverstandensein manifestiert sich in Gepöbel ja allemal. Ohne dabei natürlich beliebig sein zu müssen. Aber können die Hunde was dafür?
Steve Somalia: Ich glaube nicht. Bei den Noseholes schon!
Henk Haiti: Und Hundekacke an meinen weißen Tommy Hilfiger Schuhen sieht einfach nur Scheiße aus.
Und was ist mit den Taxifahrern? Die kommen doch im gleichen Song vor.
Steve Somalia: Taxis haben eine urbane Ausstrahlung. Meistens sitzen da auch gut runtergekommene Gestalten drin.
Die Fahrer oder die Kunden?
Steve Somalia: Wir sprechen da schon die Fahrer an. Vor ca. 15 Jahren hat uns mal der Slime Sänger mit seinem Taxi auf den Kiez gefahren. Klar Pöbeln und nicht einverstanden sein passt definitiv zusammen.
Bei heruntergekommenen Gestalten fällt mir noch euer Song „Yelzins Affair“ ein…
Steve Somalia: Ein interessanter Song, weil der erst im Studio entstanden ist. Wir hatten auf Aufnahme gedrückt und in einem Take ist der entstanden. Dann hat Susi eine Assoziation mit Russland gehabt, ist an das Mikro und hat eine Fantasiesprache rein gemurmelt. Soll Pseudo Russisch sein.
Der Gesang kam also nachträglich drauf?
Steve Somalia: Ja, aber auch in einem Take. Wir waren sehr stolz auf Susi und auch auf den Rest. Ich weiß noch nicht, wie hoch die Halbwertszeit in dem Song ist, aber er ist auf jeden Fall cool entstanden. Und Yelzin war ja auch ein toller Sänger.
Und Tänzer!
Steve Somalia: Ab und zu reicht halt nur ein Lied und dazu ein Name, und alles ist gesagt.
Someone still loves you Boris Yeltsin… Also echt eine Fantasiesprache. Ich hatte schon gerätselt, ob es nicht doch russisch ist.
Steve Somalia: nah dran. Ich könnte das nicht. Respekt. Der klingt Live jedes Mal anders. Bei den anderen Songs haben wir schon lange dran gearbeitet. Bis auf den letzten Song mit dem Saxophone, der ist auch improvisiert.
Henk Haiti: Fuck, ich bin bis heute davon ausgegangen das es russisch ist!
Aber ist doch super, wenn ein Song jedes Mal anders klingt, oder nicht? Jazz!
Steve Somalia: Ja das stimmt. Aber wir haben ein paar andere Songs für Live die auch immer anders klingen nur noch besser sind.
Also habt ihr nicht für das Album und die Single euer ganzes Repertoire verbraten?
Steve Somalia: Ich glaube wir werden die Mischung beibehalten. Gute, groovy, Funk Songs mit Struktur zu schreiben und immer ein paar improvisierte Sachen mit aufzunehmen und diese auch live spielen.
Henk Haiti: Wir haben mittlerweile auch schon wieder neue Songs, die es noch nicht auf einem Tonträger zu hören gibt.
Ihr seid ja wahrscheinlich nicht hauptberuflich Noseholes. Wie verbringt ihr eure Zeit ansonsten? Ihr macht noch das Label. Und sonst?
Steve Somalia: Lohnarbeit ist kein interessantes Thema.
Henk Haiti: Viel Denken!
Honorartätigkeiten?
Henk Haiti: Bei mir auch Lohnarbeit.
Das gute Leben… Aber es wirft seine Schatten auf die Punk-Seite der Dinge.
Steve Somalia: Nicht wirklich. Mit Noseholes und ChuChuRecords, haben wir noch genug Punk und Kunst in unserem Leben. Finanziell wird man davon wahrscheinlich nie leben können, da machen wir meistens Miese. Lohnarbeit ist halt oft nervig, aber „We are all Prostitutes“, wie Pop Group sagten. Der Satz bringt schon vieles auf den Punkt. Deshalb mag ich auch viele politische Bands nicht, die sich nur profilieren wollen. Links reden und rechts leben sagte eins Helmut Kohl.
Henk Haiti: Ich kann von den Noseholes und Chuchu Records recht gut leben, ich bekomme 80% der Einnahmen. Die Verluste zahlen die anderen!
Aber die Mods, die jetzt zum letzten Mal in diesem Interview herhalten müssen, sind ja auf ihre Weise sehr politisch, die Pop Group ja auch.
Steve Somalia: Auf jeden Fall. Man kann das auch sehr cool verkleiden. Ich habe eher von den plakativen Bands gesprochen. Die Mods machen das hervorragend, und Pop Group wahrscheinlich auch noch.
Finde ich auch. Pop Group, Gang of Four, Wire, zumindest früher mal…
Steve Somalia: Wollte ich gerade sagen, Gang of Four, zumindest früher mal
Gott, was wir uns wieder einig sind…
Steve Somalia: Ja das passt
Und übrigens natürlich Brötzmann (zumindest früher) auch, siehe „Machine Gun“ vor fast 50 Jahren.
Henk: Brutal, einfach nur brutal.
Na sicher, 1968, Machine Gun, Vietnamkrieg, das war die Zeit, wo nicht nur in Deutschland künstlerische Aufbrüche mit sozialen zumindest zeitlich zusammenfielen. Und bei Leuten wie Archie Shepp auch direkt.
Steve Somalia: Absolut ist auf jeden Fall auch ein politisches Statement. Der Titel, die kompromisslose Art, das Artwork.
Ja, und, würde ich sagen, schon das Prinzip der kollektiven Improvisation und so, generell damals im Free Jazz. Aber das führt uns dann doch weit weg…
Steve Somalia: für mich mehr Punk als Punk Rock.

Text/Interview: Stone

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