Juni 10th, 2020

NO U TURN (#184, 2017)

Posted in interview by Thorsten

Myanmar Punkrock

Punk in Ost- und Südostasien hat eine sehr lange Tradition. Schon Ende der 1970er Jahre gab es die ersten Bands in Japan. Nahezu zeitgleich formierten sich Bands in den Philippinen und sehr wahrscheinlich gab es auch in anderen Ländern frustrierte und gelangweilte Kids, denen Punk als Lebensstil und Musik eine Menge gegeben hat. Spätestens in den 1980ern war Punk in den meisten größeren Ländern verbreitet. Doch vor allem in den ärmeren, zum Teil abgeschotteten und kleineren Ländern Südostasiens dauerte es etwas länger. Nach Myanmar (ehemals Burma) kam der Punkrock wohl irgendwann in den 1990ern. Das Land war von der Welt abgeschnitten, es herrschte ein totalitäres Regime, das stark an George Orwells „1984“ erinnerte. Kurioserweise hat gerade George Orwell längere Zeit in Burma verbracht und darüber auch geschrieben. Die burmesische Militärjunta ließ nach einem revolutionären Aufstand am 8. August 1988 die Universitäten schließen, Regimekritiker*innen verfolgen und viele Menschen einsperren, foltern und ermorden. Schon zur damaligen Zeit haben sich einige Wenige außerhalb der Gesellschaft positioniert, auf das System geschissen und sich in diesen dunklen Zeiten nicht verbieten lassen, dem System einen Mittelfinger zu zeigen.

Im Jahr 2000 veröffentlichte Luk Haas (vgl. Interview: Trust #182) eine Split Single von The Ants und Ghost Rider. Meines Wissens die erste und bislang einzige Veröffentlichung von Punk- bzw. artverwandten Bands auf Vinyl. The Ants existierten noch einige Jahre und spielten zuletzt guten Alternative Rock. Im Jahr 2006 – ich war im Land aufgrund einer universitären Exkursion – fielen mir im Straßenbild zwar keine Punks auf, aber in der Altstadt von Yangon (damals: Rangun) sprang mir ein Stand mit Buttons von Bands wie den Adicts, G.B.H., Sex Pistols oder Scattergun (!) in die Augen. Leider fehlte mir in dem Moment die Zeit, die Leute anzusprechen. Punk schien aber schon damals unter der Militärjunta zu existieren. In dieser Anfangszeit des Internets (in Ostwestfalen, in Myanmar gab es kein öffentliches Internet) war es allerdings unmöglich, Bands aufzuspüren oder gar zu kontaktieren. Selbst über thailändische Bands gab es nur sehr wenige Informationen.

Punk in Myanmar war ein Randphänomen, wenig beachtet. Das änderte sich dadurch, dass Mandy Fox für den SWR2 im Jahr 2011 über Punk berichtete. Die Reportage trägt den Titel: „Kleine Fluchten und große Lügen – Die Geschichte der burmesischen Punkrockband Big Bag“. Es folgten in kurzen Abständen vor allem die filmische Dokumentation durch Yangon Calling (2013), Myanmar goes Democrazy (2014), My Buddha is Punk (2015) und nahezu unzähligen Arte-Beiträgen über Punkrocker. Es gab einen Hype und Run auf Punkrock in dem Land, der sich auch dadurch äußerte, dass Journalist*innen in allen möglichen Presseformaten über die Punks berichteten, die den Generälen den Mittelfinger ausstreckten. Die passenden Bilder waren schnell geschossen und zeigten Punks mit Mohawk und bunten Haaren, Nietenjacken und –gürteln sowie Tätowierungen und Piercings. Eigentlich die gleichen Photos, wie sie 40 Jahre früher in England geschossen wurden, nur jetzt unter Palmen und mit der exotischen Wirkung von Südostasien, wo ja immer mehr und mehr Backpacker „das wahre“ Leben in Kambodscha, Laos, Thailand oder eben Myanmar suchen.
Im Zentrum der Berichterstattung steht in der Regel eine mitteleuropäische oder nordamerikanische Sicht auf die Dinge. Bands selbst kommen kaum zu Wort bzw. sind nicht an der Regie oder dem Schnitt der Filme beteiligt. Interpretationen werden von weißen, zumeist Männern, vorgenommen. Auch in vielen Artikeln über die Szene kommen die zentralen Figuren, die Punks in Myanmar, kaum selbst zu Wort. Eine löbliche Ausnahme war ein Schwerpunkt im Punkrock!-Magazin, das in Heft #17 Kyaw Kyaw, Sänger der Band The Rebel Riot, interviewt hat.

Während The Rebel Riot in vielen Berichten zentral zu sein scheinen – sie tragen Mohawks und Nietenjacken – und auch in den Dokus immer wieder vorkommen, Food Not Bombs Aktivitäten in Yangon organisieren, gibt es weitere, unbeachtete Bands, die in Burma aktiv sind. Eine davon sind No U Turn. Ich traf Sänger und Gitarrist Ye Ngwe Soe als ich 2016 das Land bereist habe. Wir haben ein paar Bier getrunken und uns über Musik, Punkrock und das Leben in Yangon unterhalten. Es war spannend, weil viele Probleme, über die YNS berichtet hat, in vielen Ländern der Region ähnlich sind. Zum Beispiel gibt es keine Infrastruktur, um zu spielen. Bars verlangen zum Teil Mieten bis zu 600 US-Dollar, eine völlig utopische Summe. Dazu kommen noch Gebühren für die Genehmigung (bis zu 200 US-Dollar) und man kann sich ausmalen, wie realistisch es ist, das eine Punkband ein paar Konzerte vor Freund*innen spielt. Mir gefiel vor allem der Ansatz der Band, eine Szene organisieren zu wollen, einen Raum zu kreieren, in dem es weniger darauf ankommt, ob du jetzt Punkrocker, Metallkid oder HipHopper bist, sondern darauf, dass du was machen willst.
Aber für alles andere, kann die Band eigentlich genauso gut für sich selber sprechen …

Hey, vielen Dank, dass ihr Euch die Zeit zum Beantworten der Fragen nehmt. Vielleicht fangen wir einfach damit an, dass ihr Euch kurz vorstellt. Wer ist No U Turn und von woher kommt ihr?

YNS: Hi, mein Name ist Ye Ngwe Soe. No U Turn ist eine Punkrock-Band und wir sind von und leben im Stadtteil Yankin, Yangon, Myanmar. Wir haben vier Mitglieder, meine Wenigkeit Ye Ngwe Soe (Lead Singer und Songwriter), Eaiddhi (Guitar), YarZar (Bass) und CK (Drummer).

Irgendwo habe ich gelesen, dass No U Turn im Jahr 2002 gegründet wurde. Das ist schon eine lange Zeit für eine Punkband. Was war Eure Motivation in 2002 eine Band zu gründen?

YNS: Seitdem ich jung war, habe ich viele verschiedene Musikstile gehört und über diese und ihre Geschichte gelernt. Am Anfang habe ich mich für Punkrock entschieden, doch als Punk sich für mich entschieden hat, gab es keine Möglichkeit des Entkommens mehr. Den anderen Jungs in der Band geht es genauso. Wir übten und spielten zu Hause und in Studios. Wir hatten auch schon ein paar öffentliche Auftritte, bevor wir uns als „No U Turn“ gründeten. Wir bekamen von einigen unserer Freunde ein paar Namensvorschläge, aber kein passender war dabei. Der Name „No U Turn“ entstand, als wir auf dem Rückweg vom Swimmingpool waren und Darko von der Band „Side Effect“ sarkastisch auf ein „No U Turn“-Straßenschild zeigte. Eaiddhi und ich einigten uns sofort auf den Namen „No U Turn“. Manchmal ist es so einfach.
ED: Wir haben uns in der Gitarrenschule getroffen und uns entschlossen eine gemeinsame Band zu starten. Am Anfang wollten wir einfach auf der Bühne sein und spielen. Erst später wurden wir leidenschaftlicher und ernsthafter in Bezug auf unsere Musik.

Wie viele Veröffentlichungen habt ihr bis heute?

ED: Drei Alben: Khit Nout Kya Tae Ngar Doh (engl.: We Are Outdated) (2009), Lu Ngal (engl. Jugend) (2011) und Lu Thar Sit Pwal (engl. Human War) (2015).

Euer neuestes Album ist von 2015 und ist nach dem Titelsong „Human War” benannt. Worum geht es bei „Human War“?

YNS: Der Song “Human War” handelt von Diskriminierung.

Wenn ich mir das Album anhöre denke ich, dass es viele verschiedene Einflüsse von verschiedenen Musikstilen beinhaltet. Es ist nicht nur Punkrock, aber auch Ska, Alternative Rock und ein Song hat sogar einen Rap-Teil. Was sind Eure internationalen Einflüsse heutzutage und wie stark seid ihr von burmesischer Musik beeinflusst, sei sie traditionell oder Popmusik?

YNS: Ich mag alle Genres unter Punkrock– zum Beispiel Street Punk, Pop Punk, Oi! Punk, Ska Punk, Celtic Punk etc. und ich liebe es auch zu singen. „Urban Life” ist deswegen eine Art „Combination Song” mit anderen befreundeten Musikern wie R Zar Ni und J Me.
ED: Ja, wir haben viele verschiedene Einflüsse von unterschiedlichen Punkbands. Das ist einer der Gründe, warum man so viele verschiedene Stilarten in unserem Album finden kann. Wenn es um das Songwriting von YNS geht, ist er ebenso maßgeblich beeinflusst von burmesischen Künstlern aus den 1980ern und 1990ern, wie Soe Lwin Lwin und Ba Din.

Myanmar hat – soweit ich das beobachten konnte – heutzutage eine kleine, feine Punkrockszene. Es gibt crustige Streetpunk-Bands wie Rebel Riot, Never Reverse oder OAF, es gibt ein paar Indie-Punkbands wie Side Effect, Big Bag oder The Ants (wenn sie den noch existieren) und Punkrockbands wie No U Turn. Gibt es momentan eine Phase, in der es populär ist, eigene Bands in Myanmar zu starten?

YNS: Ich denke schon, dass es seit gut zehn Jahren beliebter ist, eine eigene Band zu gründen, auch wenn viele Bands nicht sehr lange existieren. Side Effect und Big Bag existieren noch, aber The Ants haben aufgehört, weil es sehr anspruchsvoll ist für eine lange Zeit zu existieren. Viele der kommerziellen Musikproduktionen geben überhaupt keine Aufmerksamkeit für die alternative Musikszene. Es ist fast schon eine Art von Revolution abseits des Mainstreams etwas anderes zu machen und aufzuzeigen. Wir haben kein unabhängiges Independent-Plattenlabel im Land. Bis heute habe ich nur einen unabhängigen Produzenten (9 Night Record) in diesem Land getroffen.

9 Night Record veröffentlicht nicht nur Eure Musik, sondern auch verschiedene Bands aus unterschiedlichen Genren. Gibt es eine Zusammenarbeit oder Unterstützung zwischen den Bands, auch jenen die kein Punkrock spielen?

ED: Ja! Abgesehen vom Song „Urban Life“ haben wir einen Punksong mit dem HipHop Künstler „Wareru“ aufgenommen. Er heißt: „Dreams of the North / South Pole“ und ist auf dem Sampler für JAM IT! enthalten. Und manchmal spielen wir auch den Song „Thank You So Much“ von der Frauen-HipHop-Gruppe Y.A.K zusammen mit ihnen, wenn wir die gleiche Bühne teilen. Wir mögen Bands wie Rancid oder die Transplants und genauso mögen wir HipHop. Daher finden wir es toll, mit HipHop-Künstler*innen zusammen zu arbeiten.

Wo nehmt ihre Eure Songs auf? Und wie hoch ist die Auflage, wenn ihr Musik produziert und wie verkauft ihre diese?

ED: Wir haben ein Studio in YNS zu Hause. Normalerweise nehmen wir das Schlagzeug in einem besseren Studio auf und den Rest bei ihm. Wir lassen in der Regel eine 1.000er Auflage pressen und verkaufen davon 700 bis 1.000 Stück. Wir arbeiten mit Distributoren zusammen, aber es ist recht schwer für kleine, unabhängige Gruppen, wie unsere. Wir müssen für die Distribution mindestens 600 US-Dollar bezahlen und dann bleiben die CDs nur für zwei Wochen im Markt, bevor sie wieder verschwinden. Die meisten Musikgeschäfte sind in Shoppingzentren und die kleinen, individuellen Shops sterben alle langsam aufgrund der höheren Miete weg. In den Einkaufszentren haben sie nicht viel Platz, um die CDs auszustellen. Daher stellen sie eher die Alben von Top Hit Künstler*innen aus, statt Künstler*innen wie wir es sind. Für uns lohnt es sich daher eigentlich nicht so viel Geld für zwei Wochen Sichtbarkeit auszugeben. Daher haben wir JAM IT!. Wir versuchen unsere Alben auf unseren Konzerten zu verkaufen und geben anderen Künstler*innen ebenso die Chance dort ihre Alben los zu werden. Und es gibt eine Kneipe, die heißt Rough Cut, sie unterstützen Künstler*innen wie uns und haben eine kleine Ecke, in der sie Alben von JAM IT!, Y.A.K und Kultureshock verkaufen.

Es gab in den letzten Jahren eine Menge internationaler Aufmerksamkeit für Punk in Myanamar, zum Beispiel durch die Dokumentation „Yangon Calling” und einige Artikel in Zeitungen in der ganzen Welt. Hat es euch auch geholfen, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen? Oder war es auch mit Risiken verbunden?

YNS: „Yangon Calling“ ist wie ein sprühender Funke und hat eine Menge internationaler Aufmerksamkeit erzeugt. Was No U Turn angeht haben wir eine Menge Interviewanfragen bekommen, aber nicht allzu viele Konzertmöglichkeiten. Und wir haben dadurch auch nicht mehr lokale Fans gewonnen. Ein Risiko war es nicht nur für mich, sondern für jede*n, der drin war.
ED: Ja, „Yangon Calling“ hat eine Menge internationaler Aufmerksamkeit aufgewühlt. Doch für No U Turn, um ehrlich zu sein, gab es zwar mehr Interviews mit Journalist*innen, aber die meisten davon hat unsere Musik nicht im Geringsten interessiert. Uns hat es nicht verändert, weil die meisten Menschen hier nicht all diese Artikel kennen und es ihnen auch scheißegal ist. Wir müssen unsere Fangemeinde schon selbst aufbauen.

Seht ihr große Unterschiede zwischen Punkbands, die sich heute gründen, im Vergleich zu denen, die vor 15 Jahren begonnen haben? Was hat sich verändert?

YNS: In den letzten drei Jahren gibt es definitive mehr neue Bandgründungen in Yangon, aber auch in anderen Städten wie Mandalay.
ED: Ich würde auch sagen, dass es einfacher ist für neue Bands. Es gibt eine größere Anzahl an kleineren Home Studios und man kann sich sogar ein kleines, eigenes Studio aufbauen, da es nicht mehr so viel kostet und recht einfach zu kaufen ist. Daher gibt es auch mehr Proberäume. Als wir 2002 angefangen haben, war es sehr schwierig, die Leute zu erreichen. Wir haben damals Demos an Personen auf Konzerten verteilt, in Downtown oder an den Universitäten. Heute kannst du schnell und einfach deine Songs auf Facebook oder YouTube hochladen und sie teilen. Es geht auf jeden Fall schneller mehr Aufmerksamkeit und Fans zu bekommen.

Einige Aktivist*innen in Myanmar haben mir erzählt, dass es viele Kontroversen mit der älteren Generation gibt. Diese war nicht an den Universitäten (Anm.: die im Rahmen der Proteste vom 8.8.1988 sukzessive geschlossen worden waren und eine gesamte Generation sich eigentlich nur an internationalen Universitäten im Ausland weiterbilden konnte) und einige aus der Generation werden jetzt 40 oder 50 und haben noch nie von Konzepten wie Menschenrechten oder Umweltschutz gehört. Seht ihr da ähnliche Generationskonflikte für Punks?

ED: Einige aus der älteren Generation können vielleicht nicht unsere Musik und Punk verstehen, aber für uns ist das kein Problem.

Bekommt ihr Unterstützung von Eurer Familie und Freund*innen?

ED: Mein Vater war selbst ein Songwriter. Daher bekomme ich, seitdem ich jung bin, seine Unterstützung. Er hat mich zu Klavierstunden geschickt, als ich acht war. Später dann auch zum Gitarrenunterricht. Ich habe es immer geliebt, Zeit im Studio zu verbringen. Nachdem ich die High School beendet habe, hat er mich zu einem Aufnahmestudio geschickt, damit ich das lernen kann. Er ermutigt mich immer das zu tun, was mir gefällt, auch wenn es nicht immer exakt das ist, wie er es tun würde. Und natürlich unterstützen uns auch all unsere Freund*innen.

Eure Texte sind auf Burmesisch. Aber ich habe eine Übersetzung Eurer Songtitel gefunden. Worum geht es bei Euren Texten?

YNS: Die meisten Texte handeln darüber, was um uns herum passiert. Es sind meine eigenen Ansichten und meine Gefühl über diese Dinge. Das kann manchmal über meinen Way of Life sein, über Motivation, Straßenkultur, musikalische Revolution oder Freiheit.

Ein Song der „Human War“ CD heißt „There are arrests“. Worum geht es darin?

YNS: Der Song ist über Drogenkonsum und die Verhaftungen von jungen Menschen, die die Drogen nutzen oder besitzen und wie sie in den Knast gebracht werden. Und das soll ein Gesetz sein? Anstatt vernünftige Rehabilitierungszentren zu errichten und die chemische Drogenproduktion zu beenden?

Ein wichtiger Punkt. Verfolgt ihr die Situation in den Philippinen, wo mutmaßliche Drogenkonsument*innen und Drogenhändler*innen von der Regierung ermordet werden? Hat das einen Einfluss auf die Diskussion über Drogen in Myanmar?

ED: Natürlich findet man das überall im Internet, also haben wir es natürlich auch schon gesehen. Aber in Myanmar sind Drogen schon vorher ein großes Thema gewesen. Es gibt viele Menschen, die Mohnblumen anbauen und Opium, Heroin und Meth im Land produzieren. Gleichzeitig wurde zum Beispiel ein Freund von mir verhaftet, weil er einen Joint mit Weed dabeihatte und hat sechs Jahre hinter Gittern verbracht. Der einfache Konsum dieser Drogen kann dich für fünf bis 15 Jahre ins Gefängnis bringen. Aber es ist nicht so schlimm, wie auf den Philippinen, weil die Polizei sie nicht umbringt. Aber es betrifft natürlich die jungen Menschen, die ihr Leben verlieren, weil sie so viel Zeit hinter Gittern verbracht haben. Es gibt hier leider keine adäquaten Rehabilitierungszentren und kein Gesetz, was diesen Leuten hilft nicht ins Gefängnis geworfen zu werden.

Als ich in Yangon war habe ich einen Artikel über Alkoholismus in der burmesischen Gesellschaft gelesen. Ist das für Euch auch ein Thema?

ED: Es ist kein ganz so großes Thema. Alkoholiker*innen sind überall, nicht nur Punks. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Punks hier und Punks in Deutschland oder Europa: Ich habe häufig Punks in Deutschland gesehen, sie hatten keinen Job, bettelten und waren betrunken. Die meisten Punks hier sind Teenagers. In unserer Kultur unterstützen einen Eltern sehr. Einige Punks sind noch in den Universitäten und einige haben sogar Jobs. Ich habe noch nie Punks in den Straßen von Yangon betteln sehen.

Als wir uns in Yangon getroffen haben, erwähntest Du, Ye Ngwe Soe, dass Zensur für eine Band wie No U Turn kein großes Thema ist. Auf der anderen Seite habe ich gehört, dass einige Bands und Aktivist*innen immer noch damit zu kämpfen haben. Wie kommt es dazu?

YNS: Well … die Frage ist ein wenig langweilig, um ehrlich zu sein. Ich habe da keine wirkliche Ansicht zu. Wir sind mit dem ganzen Zensurproblem um uns herum aufgewachsen. Wir wurden noch nie zurückgewiesen, mit einer Ausnahme: Dem Song „Car Cassette” im Jahr 2009. Wir mussten eine Zeile ändern, die besagte: „Turn the radio off”. Sie dachten, wir seien gegen das Regierungsradio. Ich ändere keine Texte und im Jahr 2016 ist es erlaubt worden, den Song zu veröffentlichten.
ED: Tatsächlich ist einer meiner Songs von der Zensurbehörde verboten worden, als wir unser erstes Album im Jahr 2009 veröffentlichten. Der Song handelt über Straßenkinder, die von ihren Eltern verstoßen worden sind. Die Zensurbehörde hat geschrieben, dass wir keine schlechten Sachen über die Eltern schreiben sollten, weil in unserer Kultur man die Eltern, wie auch immer, respektieren sollte. Und im Jahr 2011 habe ich das Wort „Suizid“ gebraucht und sie zwangen mich, das zu ändern. Nachdem sie aber die Zensur gelockert haben, haben wir keine Probleme mehr. Aber es gibt noch immer eine gewisse Zensur für Filme und andere Medien.

Das politische System in Myanmar hat sich ja stark gewandelt von 2002 bis 2017. Habt ihr dadurch mehr Freiheiten live zu spielen, aufzunehmen und als Punkband zu existieren?

YNS: Ja, ein bisschen mehr Freiheiten gibt es schon. Und vor allem besseren Zugang zu Informationen. Aber es gibt noch immer keine Unterstützung für eine Punkrock- oder alternative Musikszene. Keine Produzenten, keine Sponsoren und wir sind immer noch eine sehr kleine Gesellschaft. Aber einige von uns genießen immer noch diese Art des Lebens und ich werde nicht einmal daran denken, aus kommerziellen Gründen zum Mainstream herüber zu gehen.
ED: Bevor es zu diesem Wandel kam, war es tatsächlich illegal die Songs auf der Bühne live zu spielen, die nicht von der Zensurbehörde abgesegnet worden waren. Aber sie haben nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf uns verschwendet und die Menschen waren auch verängstigt, politische Songs in der Öffentlichkeit zu spielen. Zu dieser Zeit gab es in einiger Tonstudio sogar Aufkleber auf denen stand: „Politische Songs dürfen hier nicht aufgenommen werden“, weil die Leute keinen Ärger mit dem Geheimdienst riskieren wollten. Heutzutage singen und sprechen alle frei über Politik.

Wie ist es als Punkband in Myanmar Orte zum Spielen zu finden? Gibt es unabhängige Clubs oder Bars, wo man einfach spielen kann?

ED: Es gibt viele Restaurants mit Bühnen, aber diese sind für Cover-Bands und zurecht gemachte Mädels sowie Karaoke reserviert. Von den vielen, neuen Bars gibt es nur sehr wenige, die Live-Bands spielen lassen. Das Problem ist: Diese sind sehr teuer und somit ist es schwer, für die lokalen Leute dorthin zu kommen. Die meisten Kneipen sind für die Ausländer*innen errichtet.

Wie oft spielt ihr dann?

ED: Im Jahr 2016 haben wir 15 Konzerte gespielt. Wir haben noch nie so viele Gigs zuvor in einem Jahr gespielt.

Ihr habt JAM IT! gegründet. Was ist JAM IT! und was macht ihr?

ED: Wir haben im Jahr 2012 angefangen, wegen den genannten Problemen, wie das Fehlen von Orten, wo wir performen können. Die Idee ist, eine Musikszene und eine Plattform zu erschaffen für neue, junge Artist*innen und Bands, wie wir es sind. Wir organisieren eine Reihe von kleinen Live-Konzerten mit verschiedenen Artist*innen.

Ich habe gesehen, dass auch Graffiti- und HipHop-Künstler*innen Teil von JAM IT! sind. Wie funktioniert es, verschiedene Kunstarten und Künstler*innen zusammen zu bringen?

ED: Wir sind schon lange mit den Graffiti-Künstler*innen befreundet. Wir wollten mit ihnen zusammenarbeiten, da wir nicht nur die Musikszene unterstützen wollen, sondern auch die Subkultur von Yangon. Es ist wichtig, dass wir zusammenarbeiten und uns gegenseitig unterstützen, um eine gemeinsame Szene zu entwickeln.

Wie entwickelt sich die Szene in Yangon?

ED: Wir haben mit einem Akustikgitarren-Auftritt in einem öffentlichen Park mit vier Bands angefangen, die vor 20 Leuten gespielt haben. Heute kommt es auf den Ort und die Veranstaltung an, aber es kommen Hunderte von Leuten zu JAM IT!-Veranstaltungen. Jedes Mal haben wir vor allem Leute mit unterschiedlichen Interessen, Leute die Punk, HipHop und Metal mögen kommen zusammen zu unseren Konzerten.

Gibt es außerhalb von Yangon weitere Punks und seid ihr mit ihnen verbunden?

ED: Wir haben Kontakte zu einigen Bands aus Mandalay, aber die sind keine spezifischen Punks.

Wie sehen Eure Zukunftspläne aus?

ED: Wir werden mit JAM IT! weitermachen, wo immer wir auch die Chance haben. Wir planen gerade die Feier zu vier Jahren JAM IT! in Yangon und in einer anderen Stadt: Taung Ngu City, was in der Magwe Division liegt. Für No U Turn kann ich sagen, dass YNS neue Songs schreibt und Demos aufnimmt für unser nächstes Album.

Musik / Kontakt No U Turn:
https://www.facebook.com/nouturnpunkrock/

Video von No U Turn:

Kontakt JAM It:

Facebook-Link funktioniert leider nicht mehr (der Uploader)

Interview / Übersetzung:
Mika Reckinnen

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