März 14th, 2007

NAMIBIA REISEBERICHT (#74, 02-1999)

Posted in artikel by andreas

Vor der Küste fliesst der sehr kalte Benguela-Strom nach Norden, und der Wind pfeift mit beängstigender Geschwindigkeit um meine Ohren. Er trägt fürchterlich viel Sand mit sich, was an ein Sandstrahlgebläse erinnert und die Haut rötet. Im Windschatten von grösseren Felsbrocken gibt es einige Pflanzen, die so aussehen, als ob man sie nie giessen müsste, weil sie sowieso keine Feuchtigkeit beinhalten. Immerhin kann sich hier niemand so recht daran erinnern, wann es zum letzten Mal geregnet hat. Nebel – ja, vom Meer, aber der hält sich nicht lange. Man braucht auch keine Reiseführer zu lesen, um zu wissen, dass die südliche Namib-Wüste einer der lebensfeindlichsten Plätze auf dem Globus ist. Hier hat noch nie jemand gewohnt, warum auch.

Das änderte sich, als Anfang des Jahrhunderts Diamanten gefunden wurden. Diese stammen aus den Kimerblit-pipes, dass sind Schlote aus vulkanischem Gestein, die im Landesinnern liegen. Das Gestein verwittert, die Diamanten nicht, werden aber durch den Oranje, den heutigen Grenzfluss zwischen Namibia und Südafrika zum Meer transportiert. Der Fluss ändert seinen Lauf über die Jahrmillionen und alte Flussarme werden von Sand bedeckt – und heute wieder ausgegraben, um an „the ultimate luxury` zu kommen.

Die Diamanten, die es bis ins Meer geschafft haben, werden von der brachialen Brandung wieder auf den Strand geworfen. Um dort in aller Ruhe abbauen zu können, sperrten die Deutschen Kolonialisten die ganze Südwestecke vom damaligen Deutsch Südwestafrika ab – das Sperrgebiet. Umzäunt von Stacheldraht – wobei mir reichlich unklar ist, was dies bringen soll: Hier fällt jeder Mensch sofort auf – anhand der Staubwolke, die jeder Wagen auf den Pisten hinter sich zieht, und ohne Auto kann ich mir keine Durchquerung vorstellen.

Mit der asiatischen Finanzkrise ist auch der grösste Markt für Diamanten auf einmal schwer gefährdet. Die Preise werden zwar vom De Beers Kartell künstlich in der Höhe gehalten, aber die Produktionsstätten in Namibia sind nicht die billigsten. Ausserdem werden sie in 10, 20 Jahren aufgebraucht sein und daher sucht die namibische Regierung schon jetzt nach Möglichkeiten, die ausbleibenden Einnahmen (Die Diamantenförderung in Namibia ist ein 50/50 joint venture zwischen der Regierung und De Beers) zu kompensieren.

Es wird nicht mehr lange dauern, und Heerscharen von Touristen werden einfallen, Pisten asphaltiert, Hotels gebaut, Neckermann… naja, nicht ganz. Das Wasser ist zum Baden zu kalt, die Strömung zu heftig… allenfalls Surfer werden sich in das gelobte Land aufmachen – an einem durschnittlichen Tag sah ich mehrere Spots mit lupenreinen 3 Meter Hämmern, sauber und schnell zur Seite brechend. Keine secret spots, es sind einfach viel zu viele dafür. Aber das wird sicherlich nicht die Massen anlocken. Es gibt ein paar Ghosttowns, aber bis auf die Kegelbahn, die die Deutschen dort in den Zwanziger Jahren errichteten hält sich deren Anziehungskraft in Grenzen.

ökotourismus heisst eine der oft gebrauchten Formulierungen. Hmm ich kann Dutzende von Goretex-umwickelten, erworbene einheimische Musikinstrumente unter dem Arm, „Multikulti`-brüllende Deutsche vor mir sehen – eben so wie überall sonst. Break.

Oranjemund ist die moderne Form einer Rausch-stadt – Diamantenrausch auf Kartell, möchte ich anmerken. Es ist eine verbotene Stadt. Wenn man von Süden kommend den Oranje überquert erreicht man am Nordufer die Namibische Grenzkontrolle. Dort steht – nur so am Rande – ein ölfass voll mit Condomen zur Selbstbedienung bereit. Wenn nicht bald etwas gegen HIV getan werden kann, wird ein Viertel oder ein Drittel der südafrikanischen Gesellschaft an Aids sterben. Aber dazu heute nichts (mehr).

Verlässt man das Grenzhäuschen, kann man etwa 50 Meter weiter fahren, zur nächsten Kontrolle. Die des „Landes` Namdeb – so heisst hier die Firma. Und ohne die Firmenplastikkarte geht`s hier nirgendwo hin. Eine Stadt mit drei Kneipen, einer Pseudodisco, einem Museum, zwei Supermärkten … und alles gehört der Firma. Wenn Angestellte einer Firma ihren Lohn in Geschäften der Firma gegen Waren tauschen, mutet das merkwürdig an. Kollege Stone wüsste jetzt sicherlich besser, wie dass dann heisst, mir fehlen da die politologischen Grundkenntnisse.

Das grösste Problem an solch einer Festung? Die illegalen (jaja, ich weiss, kein Mensch und so…) EINwanderer, die sich einen Job erhoffen, aus anderen Landesteilen oft brachiale Reisen auf sich nehmen, um hier…. wieder nach Hause geschickt zu werden. Ich sprach lange über viele Biere mit einem Geologen, der in einer ähnlichen Situation in einer „geschlossenen` Minenstadt in Südafrika lebt. Er meinte, in Anbetracht seiner drei Kinder, dass er sich keinen besseren Ort vorstellen könne, um Kinder grosszuziehen.

Null Prozent Gewalt. Null Einbruch, Null Mord, Null Vergewaltigung Null Null Null. Ein interessanter Gedanke? Tausch von persönlicher Freiheit gegen gemeinsame Sicherheit? Ich weiss nicht – aber manchmal wünschte ich es mir, klammheimlich (um ein geschichtsträchtiges Wort mal einfliessen zu lassen). Aber verwerfe den Gedanken glücklicherweise auch wieder schnell.

Die drei Kneipen der Stadt spiegeln die Gesetze der dortige Gesellschaft wieder. Nicht die, die man im Buch findet. Es gibt eine Bar für die Gäste der Firma, eine für die Weissen und eine für die Schwarzen. Das hätte ich nie rausgefunden, es steht auch nicht vorne dran, nicht mal so subtil, wie ich es in anderen Ländern kennengelernt habe, wo es dann heisst „dress restrictions apply` , was sich einzig und allein auf die Hautfarbe bezieht. Wenn mich James nicht reingeschleppt hätte. Laute Musik – Ethnopop, wenn Du willst, rauchschwangere Luft und der Boden klebt ein wenig so wie im AJZ umme Ecke.

Die Locals waren sagen wir genauso irritiert wie wir, aber nachdem sie sahen, dass wir genausoviel Bier wie sie tranken hat sich jeder um seine eigenen Problemchen gekümmert. Dann wurde es aber dennoch brenzlig, als James meinte, hmm ich will ein wenig Zocken und einen namibischen Dollar in einen einarmigen Banditen steckte und etwa den Monatslohn eines Minenarbeiters ín 20 Minuten gewann – ihr hättet es sehen sollen. Mit einem Schlag waren alle Geräte besetzt – von wegen Strähne und so. Wir waren dann auch glücklich betrunken genug, um nach hause zu laufen.

Wenn man eine Diamantenmine betreten möchte, muss man u.a. unterschreiben, dass man beim Verlassen evtl ganzkörpergeröntgt wird. Die Leiter der Exkursion schärften uns ein, nichts vom Boden aufzuheben. Wenn wir etwas betrachten wollte, sollten wir ihnen Bescheid geben, sie würden es dann für uns aufheben. überall in der Dünenlandschaft sind Kameras. Viele davon sieht man nicht einmal. Und dennoch verliert die Firma zwanzig oder dreissig Prozent ihrer Diamanten durch Diebstahl – wie die Leute das da rausbringen ist mir ein Rätsel.

Es gibt Gerüchte, besonders findige Schmuggler hätten Ratten aufgeschnitten, die Diamanten reingestopft, mit Klebeband zugemacht und dann in der Nähe der Todesstreifen ausgesetzt, in der Hoffnung die verendeten Tiere auf der anderen Seite zu finden. Hmm. In Namibia ist der Besitz von ungeschliffenen Diamanten mit brutalen Strafen verboten. Wenn man denn einen Diamanten hat, muss man ihn an die portugiesische Mafia, die den illegalen Handel kontrolliert, verchecken – heisst es. Die finde man in Angola oder im nördlichsten, frei zugänglichen Hafen Südafrikas… Port Nolloth. Wenn man die Mine verlassen will, läuft man durch ein Gebäude, dass unweigerlich an Spionagefilme aus den Sechzigern erinnert, wenn in ihnen ein geheimes weiss-der-geier-was-für-ne-waffe Zentrum gezeigt wird.

Und ein ewig langer Gang, in dem sich die Arbeiter bei Schichtwechsel anstellen, um eventuell geröngt zu werden. Und in diesem vielleicht 30 oder 40 Meter langen Gang hängen überall Zettel, welche Strafe wer für wie viele Diamanten bekommen hat. Für 0,2 Karat – das sind Bruchteile eines Gramms – mit einem Wert von sagen wir mal 5 Dollar (ungeschliffen) oder im besten Falle 100-200 Dollar (geschliffen) fliegt man aus der Firma (was gleichzeitig auch wieder Armut bedeutet, klar..). Für alle über ein Karat geht`s in den Knast, und wie ich dort lesen konnte kam jemand für 40 Karat Diamanten 16 Jahre dorthin.

Bedrock sweepers – hey wäre ein guter Bandname. Der coolste Job unter den Scheissjobs. Wenn die Bagger den Sand weggeschaufelt haben und den unterliegende Felsboden zur Oberfläche kommt müssen sie ran. In den Unebenheiten des Felsbodens gibt es besonders viele Diamanten. Und deshalb müssen die bedrock sweepers mit gigantischen Staubsaugern den Sand aus den kleinsten Ritzen und Löchers saugen. Dies impliziert, dass sie sehr gewissenhaft arbeiten müssen, was wiederum bedeutet, dass sie sich ihre Zeit nehmen.

Und wenn sie schneller arbeiten würden, wären die Vorkommen schneller erschöpft und sie hätten keinen Job mehr. Kurzum: Die Jungs stehen meistens rum und schwätzen. Und man lässt sie auch, denn ihre Vorgesetzten wissen ja selber, dass es gar nicht so angenehm wäre, wenn die Mine leer wäre. Als wir in ihre Nähe kommen, können sie die Lage nicht einschätzen und malochen wie die Ochsen – ein verdammt unangenehmes Gefühl für mich.

Port Nolloth – inmitten einer mehrere hundert Kilometer langen, unzugänglichen und abgesperrten Küste, gibt es einen einzigen ‚offenen‘ Hafen. Als ob man eine Stadt des Goldrauschs im letzten Jahrhundert importiert hätte. Mehr Nightclubs als man fassen kann, „American Feverrrr` heisst einer. Es gibt eine schwer bewachte Bank, leere Strassen und im Hafen liegen die Schiffe der Kontraktoren, die mit einer Schürflizenz für den Meeresboden (!) diesen mit grossen Staubsaugern absaugen und direkt an Bord auf den grossen Fund prospektieren….

die meisten seien ständig pleite und bettelten bei der Bank um einen Kredit… reichgeworden ist wohl noch keiner… lustig aber, wie die Staubsaugerschläuche hinter den Boten imWasser dümpeln. Von all den brauchbaren und guten Surfspots, die ich sah, gab es hier den Besten: Ein ca. 500 Meter vor dem Strand liegendes Riff, auf dem die Flut in klar übermannshohen Wellen brach – langsam, ohne tube, aber gewaltig und regelmässig. Vielleicht schafft es jemand einmal dorthin zu kommen…

„Doc` nennen sie ihn und er ist der Prinz der Wüste. Er ist vielleicht sechzig Jahre alt, burischer Herkunft, und lebt seit seiner Jugend im Sperrgebiet. Seine Hände sind gigantisch, Bratpfannen, obwohl er keinen Deut länger als ich mit meinen 1,78 ist. Sein Job – ist schwer zu beschreiben, da er auch kein besonderes Aufgabengebiet hat und von der Firma wohl nur noch beschäftigt wird, weil er schon so lange dabei ist.

Nennen wir ihn einmal den Hausmeister der südlichen Namib. Wer sonst fährt mit seinem Pickup (wie in allen Drittweltländern ein Toyota Hilux – Traumauto, wenn überhaupt eins) durch die Wüste und nimmt manchmal Bohrausrüstung mit und bohrt Wasserlöcher für die Antilopen. Manchmal fährt er einen Geologen von A (nirgendwo) nach B (auch nirgendwo). Und erzählt dabei solche Knaller wie „als ich mich neulich – vor ein paar Jahren – mit meinem Auto mehrfach überschlug war ich lange im Krankenhaus „and suffered brain-damage` und fährt dabei lustig mit 140 auf einer Schotterpiste….

Der Traum, eine verbotene Stadt und ein verbotenes Land besuchen zu können, wirkte sehr attraktiv auf mich, auf der anderen Seite war eine gewisse Vergänglichkeit nicht zu übersehen – und zu spüren. Und mit diese Gefühl kamen die Gedanken, was die ganzen armen Schweine, die hier leben und arbeiten, oftmals Hunderte von Kilometer von ihren Familien weg, dann machen, wenn auf einmal der „reiche weisse Mann` nicht mehr in der Lage ist, den Kram zu kaufen… ich bin zu keinem Schluss gekommen, ob die Ausbeutung des Landes hier positiv oder negativ zu bewerten ist. Es ist, wie wohl immer, einfach zu vielschichtig.

Eine Frage gilt es noch zu klären: Man hört gar keinen Punkrock im Sperrgebiet. Hättest Du etwas anderes erwartet? Siehste – es bleibt eben Erstweltweissemittelklassenmusik – na und.

***

Unterwegs: Daniel

Bildunterschriften:

1. schwererkennbar, aber lupenreine 3 Meter Hämmer

2. südliches Namib

3. „how much punkrock do you hear in the“ – Titelphoto?

4. südliches Namib

5. Bedrock Sweepers

6. Bedrock Sweepers

7. Die Kegelbahn

8. südliches Namib

9. südliches Namib

10. gut erkennbar: die Staubsaugerschläuche

11. ausgebeuteter Strandabschnitt

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