Mai 29th, 2019

MOTORPSYCHO (#81, 2000)

Posted in interview by Thorsten

Abgesehen von ein paar Plattenbesprechungen ist es schon eine ganze Weile her, dass an diesem Ort über Motorpsycho geschrieben wurde. Und seit damals ist eine Menge geschehen. Nicht nur, dass Trondheim’s Finest Jahr um Jahr Album um Album hin bekam, sämtlich Meisterstücke in Rock, die bei aller stilistischen Offenheit nie beliebig wurden, nie stagnierten. Sie scharten dabei auch eine immer noch wachsende Gemeinde um sich, die sich mit seltener Hingabe für diese Band interessiert.

Gerade neulich sorgten Motorpsycho-Afficionados via Internet-Votum dafür, dass ‚Vortex Surfer‘, seit einer Weile ergreifender Abschluss eines jeden Konzertes, 24 Stunden ohn‘ Unterlass im schwedischen Radio gespielt wurde, was der Band natürlich ein fettes Gema-Sümmchen beschert.

Das ist ihnen allerdings noch längst kein hinreichender Grund von nun an das, was als Erfolgsrezept aus ihrem bisherigen Tun extrapoliert werden könnte, zur Grundlage zukünftigen Schaffens zu machen. Motorpsycho suchen immer noch nach musikalischen Herausforderungen, hören sich immer noch in alle möglichen Richtungen um und langweilen sich, wenn sie schon wieder ein Großwerk einspielen sollen. Ist doch nun wirklich keine Herausforderung mehr…

Nach ‚Trust Us‘, einer Doppel-CD, die zwischen den bekannten ausgedehnten Abfahrten und wenigen lauten Pop-Songs vor allem schwitzenden Hardrock featurete, war die Frage, wohin es denn jetzt bitteschön gehen wurde. Ich persönlich und ein paar andere Leute, die ich kenne befürchteten, es könnte vielleicht der Zeitpunkt nahe sein, an dem wir unseren Lieblingen wegen unerquicklicher Bluesrockerei adieu sagen müssten, was durch die letztjährigen Konzerte noch unterstützt wurde, wo sich einiges an neuen Songs tummelte, die auf Stagnation schließen lassen konnten.

Haferbrei vs. Kuchen

Als ich Bent, Snah und Gebhardt von meinen Befürchtungen erzähle, scheint sie das einigermaßen zu erheitern.

Snah: Für uns war es eine Art Exorzismus. Und wir waren auch mitten in den Aufnahmen. Die neuen Sachen konnten wir auf der Tour nicht spielen.

Gebhardt: Es schien das Einfachste zu sein, ein paar ‚pure-energy-highlevel-rock‘-Songs zu spielen, während wir gleichzeitig im Studio etwas ganz anderes taten.
Bent: Ein bisschen schizophren…
G.: Wir arbeiteten sehr intensiv. Wir waren zwei Wochen im Studio, gingen für drei Wochen auf Tour, dann zurück ins Studio und wieder auf Tour.

Das Ergebnis harter Arbeit ist nun fertig und umschmeichelt uns mit Musik, wie sie Motorpsycho zwar auch schon früher durchaus zuzutrauen gewesen ist, die aber nie in solcher Konsequenz zu einem Album geführt hat. Aufwändige Streicher und Bläser, Vielstimmigkeiten, Zitate großer Meister der Vergangenheit, der annähernd komplette Verzicht auf verzerrte Gitarren und die Reduktion auf konventionelle Album-Dimensionen machen ‚Let Them Eat Cake‘ zu einer Überraschung.

Die Einflüsse auf eurem neuen Album sind ja eigentlich eher alt. Es klingt nach einem Widerspruch, die Musik immer weiter pushen zu wollen und gleichzeitig sich so stark auf die Vergangenheit zu beziehen. Wieder ernte ich Heiterkeit.

Bent: Ich weiß nicht. Wir denken nie über diese Dinge nach. Sie kommen heraus, wie sie herauskommen. Wenn du dir die hippsten neuen Techno-Sachen anhörst, dann klingen die alle wie Miles Davis in seiner ‚Bitches Brew‘-Phase. In den letzten zehn Jahren habe ich vielleicht vier oder fünf originelle Platten gehört. Es gibt da nicht so viel zu holen. Ich meine, es gibt nun mal nur einen Beck. Unsere Einflüsse gehen weiter zurück als in die Achtziger und Neunziger.

Ich weiß aber, dass ihr auch weit obskurere, avanciertere Musik hört. Die Einflüsse, die sich offensichtlich auf der Platte finden lassen, sind eher populärer Art, wie die Beatles, Pink Floyd, Beach Boys, die Allman Brothers Band…

Bent: Diese anderen Sachen werden wahrscheinlich früher oder später herauskommen. Ich habe sehr viel Freejazz und solche Sachen gehört, und es muss irgendwann wieder herauskommen. Bis jetzt ist das noch nicht passiert. Der letzte Song auf dem neuen Album ist ziemlich da draußen auf eine Art. Das ist ein Hinweis darauf, wohin es gehen könnte. Wir müssen warten und sehen. Es kommt heraus, wenn es natürlich ist. Du kannst dich nicht hinsetzen und das planen.
Gebhardt: Als wir die Songs für dieses Album schrieben, waren wir alle in einer bestimmten Stimmung. Wir haben uns jeden Tag im Proberaum gesehen und Dinge versucht und an Ideen gearbeitet. Die Songs wurden in einer bestimmten Periode geschrieben, in der wir eine bestimmte Stimmung hatten.
Bent: Die Songs sind zwar unterschiedlich aber gleichzeitig in einer Stimmung. Deshalb haben wir den Rockkram für eine andere Gelegenheit aufgehoben. Einige meiner Lieblingsalben, wie White Album, haben alle möglichen Arten von Musik drauf. Einige, wie das erste Dave Crosby-Soloalbum, haben nur eine Stimmung. Du legst sie auf, wenn du genau in dieser Stimmung bist. Das ist die Art von Album die wir machen wollten. Wir haben das nie vorher gemacht. Es gab immer die unterschiedlichsten Stile auf den Alben. Und das auf den Punkt zu bringen, hat wirklich Spaß gemacht.

Und was bitte hat das mit Marie Antoinette zu tun, die schließlich diejenige war, die die Ansicht vertrat, die Leute sollten doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot mehr hätten?

Bent: Es ist die ultimativ arrogante selbstsichere Aussage. Ein totaler Mangel an Einsicht in das, was die Leute wollen. Wir dachten uns, dass wenigstens die, die uns nicht zu gut kennen, denken, dass wir eine Hardrock-Band sind. Deswegen kriegen sie etwas Anderes, Süßeres. Es ist also eine etwas billige Metapher dafür, dass Hardrock Haferbrei ist, während das hier Kuchen ist. Und irgendwie fühlen wir uns ein bisschen unsicher, was die Platte angeht. Stoßen wir die Leute vor den Kopf, die unsere Platten kaufen? Es ist sehr soft, poppig, und wir denken, wir halten so ein bisschen den Kopf hin. Und Marie Antoinette hat ihren verloren (lacht). Lass sie Kuchen essen! Lasst uns ein wunderschönes Album machen, ein Kuchen-Album. Es hat etwas von all diesen Dingen. Es ist auch diese arrogante ‚Wir wissen was wir tun‘-Attitüde. Es begann mit ‚Trust Us‘ und ging weiter mit ‚Heavy Metall Iz A Poze, Hardt Rock Iz A Laifschteil‘ (der erste Teil von ‚Roadwork‘, einer losen Folge von Live-Veröffentlichungen). Anstelle all dieser Monster und Dämonen. Ein bisschen hintersinniger.

Es soll in diesem Jahr eine zweite Roadworks geben…

Bent: Es ist ein Konzert, dass wir 1995 mit einer Freejazz-Band namens The Source in Norwegen auf einem Jazz-Festival gegeben haben. Es ist etwas länger als eine Stunde. Wir spielen ein paar von unseren Stücken, sie ein paar ihrer Songs, und es gibt auch eine gemeinsame Improvisation. Es ist im Grunde genommen Weird-ass-heavy-metal-jazz. Es ist sehr seltsam, aber es ist fertig. Wir müssen es nur noch mastern. Und außerdem gibt es noch die Hardrock-Platte mit sieben Songs auf Man’s Ruin.

Da werden wir dann die Exorzismen der beschriebenen Art vorfinden…
Ihr habt über ‚Let Them Eat Cake‘ gesagt, dass es eine Platte sei, die Mütter beim Abwasch hören können. Habt ihr an euren Müttern mal einen Versuch gewagt?

Bent: Ich hatte noch nicht die Gelegenheit. Aber ein paar Songs habe ich ihr vorgespielt, und sie mochte es. Sie hat sich über die Streicher gefreut. Meiner Großmutter spiele ich jedes Mal vor, wenn wir eine Platte gemacht haben, und sie sagt immer: Ihr habt euch seit der ersten Platte so sehr heraus gemacht! Ich habe sie damals wirklich schockiert. Das ist zehn verdammte Jahre her und sie bezieht sich immer noch darauf. Es muss die ultimative höllische Erfahrung für sie gewesen sein, ihrem Enkel zuzuhören, wie er die ganze Platte lang schreit. Alles ist toll für sie, was anders ist als das!

Motorsource Massacre

wird aller Voraussicht nach die Live-Platte mit der Freejazz-Band heißen. Und sie wird wohl auch nicht die letzte Live-Platte bleiben. Motorpsycho nehmen jedes Konzert auf, das sie spielen, und nach jeder Tour setzt sich jemand hin und hört alles an. Wenn sie der Ansicht sind, diese oder jene Performance wäre es wert, eine Schallplatte zu werden, dann gibt es eine neue Roadwork-Platte. Ganz ohne Druck und selbstgemachte Verpflichtung auf Regelmäßigkeit oder sonstigen Quatsch. Dass Motorpsycho sich nicht lumpen lassen werden, steht zu vermuten. Wer schließlich hätte sie dazu verdonnert, in diesem Jahr gleich drei Platten zu veröffentlichen?

Bent: Es ist immer gut, die Leute zu verwirren. Vielleicht nicht für den Verkauf aber…

Straßenarbeiter

Im Frühjahr werden Motorpsycho dann auch wieder auf Tour gehen, mit einem vierten Mann, der Keyboards spielt, was sie nicht nur in die Lage versetzt, sich auch live den Arrangements der neuen Platte anzunähern. Auf einer kleinen Norwegen-Tour konnten sie mit diesen erweiterten Möglichkeiten schon erste Erfahrungen machen.

Snah: Es war sehr nett, alte Songs wiederzuentdecken und ihnen ihre richtige Instrumentierung zu geben. Mellotrone, Clavinets, Klavier, und er singt auch. Er fügt viele andere Dimensionen hinzu. Auf der nächsten Tour könnte es eine sehr viel abwechslungsreichere Show geben.
Gebhardt: Wir würden gern etwas mehr davon machen, denn wir spielen jetzt schon seit ein paar Jahren als Drei-Mann-Band, und als wir im Sommer von unserer Tour kamen, waren wir gelangweilt. Wir wollen auch dem Live-Konzept eine neue Richtung geben.
Bent: Wir werden versuchen, so viele neue Songs wie möglich zu spielen. Und wir werden hoffentlich mehr Akustik-Sachen spielen können. Der Piano-Typ spielt auch Kontrabass, und dann könnten wir Bluegrass machen, was wir sehr mögen.

Es bleibt also offen, was wir zu hören bekommen werden, außer dass bei Motorpsycho bislang noch immer ein tolles Konzert dabei herausgesprungen ist.
Ihr wisst, was zu tun ist: Kuchen essen!

wort: stone/bild: felix

Selfindulgent Mono-Minds

Ein Nachtrag
Parallel zu ‚Let Them Eat Cake‘ erscheint die CD-Version eines ausverkauften, auf 500 Vinyl-Exemplare limitierten Motorpsycho-Tributs namens ‚Selfindulgent Mono-Minds‘ (Supermodern/Indigo). Ein Haufen Bands, von denen hier bislang (fast) keine von sich reden gemacht hat, außer vielleicht den Dipsomaniacs und höchstens noch Origami Republika, spielt sich durch zehn Jahre Motorpsycho. Bei American Suitcase klingt das, als hätten die Byrds höchstselbst aus luftigen acht Meilen Höhe gnädig eine Vision von ‚Sunchild‘ zu uns herab segeln lassen, Origami Republika betrachten das ohnehin schon weit entrückte ‚Un chien d’espace‘ durch eine Dub-Linse, die Tacoheads ersäufen ‚Frances‘ in Krach, Lasse Marhaug tut Selbiges noch etwas konsequenter in ‚Home Of The Noise‘, Zea unterlegen ‚The Skies Are Full Of … Wine?‘ mit knarzenden Elektroniksounds und die Hobbits beschleunigen ‚Nothing To Say‘ unskrupulös auf ein albern-ausgelassenes Polka-Tempo. Lofi (viel), Punkrock (weniger) und eine Band (sogar), die größenwahnsinnig genug ist, sich an ‚Vortex Surfer‘ zu versuchen. Wie (eher) selten hier wesentlich über das hinausgegangen wird, was Motorpsycho selbst auf ihren Nebenwerken schon an Verfremdungsmöglichkeiten vorgegeben haben, zeigt ihren derzeit ziemlich einzigartigen Status an. Ein sehr unterhaltsames Stück Sekundärliteratur.

stone

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