August 12th, 2019

MOONLIGHTERS (#98, 2003)

Posted in interview by Thorsten

Aloha, hier sind die Moonlighters. Sie bringen Swingstücke hawaiianisch geprägt mit Ukulele, Steel-Gitarre und zweistimmigem Frauengesang auf die Bühne. Und kaum schlagen sie die ersten Töne ihres „Hawaiian Blues“ oder „Resophonic Lullaby“ an, fangen die Füße an unweigerlich zu wippen, die Arme verstricken sich in Hula-Gestik und ein imaginärer Lei schlingt sich um den Hals.
Strenggenommen hätte die Band im TRUST nichts verloren, gäbe es da nicht zwei Protagonisten mit musikalischer Vergangenheit, die sie schon wieder sehr gut ins Heft passen läßt. Als weiblichen Protagonist darf ich vorstellen: Blood. Bliss Blood mit der Lizenz zum Singen. Wer sich glücklich schätzen darf, sie noch aus Zeiten der Pain Teens zu kennen, wird über den Quantensprung überrascht sein, den sie seit dem Ende der Noise Avantgardisten aus Houston mit ihrem Umzug nach New York und Gründung der Moonlighters vollführt hat.

Der männliche Protagonist ist, seitdem die Moonlighters vergangenen Frühling in einer Frankfurter Hippieklitsche gesichtet, gehört und erlebt wurden, mittlerweile ausgestiegen, wie mir Bliss die schlechte Nachricht gleich zu Beginn des Email-Interviews hinterbringt. Gleichwohl zählte der frühere Helmet-Basser Henry Bodgan, dort an der Steel Gitarre, zu den Gründungsmitgliedern der Moonlighters und ist dementsprechend präsent in Fragen und Antworten. Wer sich die Moonlighters live anschauen möchte, kann dies zur Zeit hier tun: Otto’s Shrunken Head, E. 14th bet. Ave B & C, NYC, oder unter der Hotline aktuelle Auftrittstermine abfragen: (212) 414-7665…

Wie ist die Idee entstanden, eine hawaiianisch swingende Steel Gitarren Band in New York City zu gründen?

Ich habe überall in der Stadt Ukulele gespielt und ein Freund stellte mir Henry vor, der jemanden suchte, um hawaiianische Musik zu spielen. Ich hatte kein Interesse an hawaiianischer Musik und er nicht in Jazz, aber wir verschmolzen beides, um einen neuen Sound zusammen mit Andrew Hall am Kontrabaß und Daria Klotz an der Bariton Ukulele zu kreieren. Ich hörte eine Menge 20er und 30er Jahre Jazz und Vokalmusik wie die Boswell Sisters, Annette Hanshaw und befaßte mich mit dem Schreiben von Texten. Henry beschäftigte sich mit hawaiianischer Musik und Country. Wir haben einfach unsere Interessen kombiniert.

Wann und wie haben Du und Henry Interesse am Ukulele und Steel Gitarre spielen entdeckt? Vor, während oder nachdem Ihr bei den Pain Teens und Helmet wart?

Kurz bevor ich nach New York zog, habe ich mit dem Ukulele Spielen angefangen. Ich wollte ein tragbares Instrument, mit dem ich meinen Gesang begleiten konnte. Mein Interesse daran geht zurück auf die 20er Jahre, in denen jeder Ukulele spielte und sogar die meisten Notenblättern Ukulele Akkorde aufgeführt hatten! Henry spielte auch Steel Gitarre als er noch bei Helmet war. Auf ihrem Album „Betty“ hat er ein Stück gemacht, das eigentlich hawaiianisch klang.

Was geschah in der Zeit zwischen Geburtsstunde der Moonlighters im Jahr 1996 bis zum ersten öffentlichen Auftritt im Jahr 1998?

Wir hatten uns getroffen und entschlossen, zusammen zu spielen, aber Henry war noch bei Helmet. Er verließ sie Anfang 1998. Ich spielte in einigen unterschiedlichen Bands rundum New York, schrieb Stücke wie „Mystified“ und „Mink Carpet“, die schließlich auf der „Dreamland“ CD waren. (Anm. – erstes Album, 2002 folgte „Hello Heartstring“)

Wo spielen die Moonlighters normalerweise?

Unsere neue Residenz ist ein wöchentlicher Gig im gleichen Club. Zur Zeit ist es eine Tiki Bar mit dem Namen Otto’s Shrunken Head. Es ist ein guter Platz für uns wegen des leicht verrückten Exotica-Dekors.

Kannst Du den Status der anderen Moonlighters beschreiben?

Andrew spielte bei den Moonlighters von Anfang an, Carla (Anm. – Murray, git & voc) wurde ein Mitglied, als Daria die Band 1999 verließ. Die beiden sind jetzt auch noch dabei. (Anm. – vergangenes Frühjahr war Michael Arenella zusätzlich an der Posaune dabei)

Die meisten Veröffentlichungen über die Moonlighters betonen die musikalische Vergangenheit von Dir und Henry. Was ist Deine Meinung dazu? Hilft es oder schadet es den Moonlighters?

Well, es ist eine gute Möglichkeit, das Interesse der Leute zu erwecken, indem man sie wissen läßt, daß wir erfolgreiche musikalische Anstrengungen in der Vergangenheit unternommen haben, aber wir können nur hoffen, daß die Fans dieser Bands das, was wir jetzt machen, vielleicht mögen. Da Henry nicht soviel Einfluß auf die Musik von Helmet hatte, würde ich denken, daß eingefleischte Helmet Fans die Moonlighters nicht mögen dürften. Die Pain Teens waren soundmäßig ein klein wenig unterschiedlicher gestaltet als Helmet, die Fans mochten meinen Gesang und Songwriting in dieser Band, so daß ich denke, daß Pain Teen Fans wahrscheinlich eher zu Fans der Moonlighters werden könnten, wenigstens habe ich diese Erfahrung gemacht. Ich mache mir nicht allzuviel Sorgen über die Auswirkung, die es auf das Ansehen der Moonlighters hat.

Auch ich muß gestehen, daß ich gerne etwas über die musikalische Vergangenheit wissen möchte. Hast Du Dich komplett davon losgesagt? Hörst oder spielst Du noch in Noise Avantgarde Bands oder hat sich Dein musikalischer Geschmack vollkommen geändert. Wenn ja, warum?

Ich persönlich war es überdrüssig, bei Live Auftritten stimmlich noch nie hörbar gewesen zu sein. Auch fing ich an, mich für Jazz zu interessieren, Billie Holiday zu hören, und ich wollte die Original Aufnahmen der Songs aus den 20er Jahren finden, die sie in den 30ern und 40ern aufnahm, um die Unterschiede heraus zu hören. Ich entdeckte, daß ich das Songwriting und Musikertum der 20er Jahre wirklich liebte und fing an, mich damit zu befassen und soviel Songs zu lernen wie ich nur konnte. Ich hatte Dutzende von Texten bei den Pain Teens geschrieben, jetzt aber wollte ich Texte im Stil von Leuten wie Lorenz Hart, Johnny Mercer, Dorothy Parker, Cole Porter und Dorothy Fields schreiben (diese Liste könnte noch tagelang so weitergehen). Diese Songwriter haben ihre Kunstfertigkeit aufgrund ihres Interesses an etwas entwickelt, das sich „Society Verse“ nennt. Damit wird geistreiche, witzige Poesie bezeichnet, die in Zeitschriften und Büchern der frühen 20er Jahre auftauchte. Der Gedanke dahinter war, Humor, Pathos und verschiedene Bedeutungsebenen in täuschend einfach gereimte Lyrik zu verpacken. Also, das ist das, wonach auch ich nachzueifern strebe.
Ich mag noch immer alle unterschiedliche Arten von Musik, einschließlich „harter“ Musik. Ich mag Earth, Thrones, Melvins (auf ihrem Album „The Crybaby“ von 1999 habe ich ein Stück gemacht), Scorn und fast alles von Mick Harris, dem früheren Drummer von Napalm Death, der jetzt ein überragender Beat Programmierer ist (obwohl zu meiner Bestürzung recht unbekannt in den Vereinigten Staaten). Ich mag diese Musik, weil sie subversiv ist, darum mochte ich auch die Pain Teens. Wir brauchen heutzutage alle Subversion, die wir kriegen können.

Wie werden die alten Stücke ausgewählt und miteinander verschmolzen?

Ich wähle nur die Stücke, die ich mag und versuche die Songs auszulassen, die die meisten Leute wiedererkennen würden. Aus diesem Grund mag ich keine Standards, weil ich das Abgedroschene und Banale vermeiden möchte und Songs, mit denen die Leute vorausgehende Assoziationen haben könnten, wirken sehr stark auf diese Weise. Wenn wir ein Medley machen, suchen wir manchmal nach Stücken mit ähnlichen Akkord Wechseln wie beim „Tickling the Strings Medley“ und manchmal sind es Stücke, deren Texte sich verweben lassen, um eine tiefsinnigere Geschichte zu erzählen wie „Forgotten Man/Brother Can You Spare a Dime?“ Es ist ein sehr organischer Prozeß und wenn manches nicht auf anhieb funktioniert oder paßt, verwerfen wir es und wählen ein anderes Stück aus. „Forgotten Man“ aus dem Film „Gold Diggers of 1933“ war eins, das ich seit langem machen wollte, und es hat nicht funktioniert, bis ich auf die Idee kam, es mit „Brother Can You Spare a Dime?“ zu verschmelzen, damit eine ernste sozialkritische Aussage über die obdachlosen Kriegsveteranen überall in New York zu machen. Beide Songs handeln von Veteranen des 1. Weltkrieges, aber einige Dinge ändern sich nie.

Was inspiriert Dich zu den Texten?

Meine eigenen Erfahrungen, ich lese sehr viel und versuche, emotionale Zustände zu verstehen, sie zu teilen und andere Leute meine Einblicke fühlen zu lassen. Das macht den Zauber von Texten aus, jemand anderen etwas durch Phantasie und Einfühlungsvermögen empfinden zu lassen.

Wie sind Euere Zukunftspläne?

Wir würden gerne wieder nach Europa kommen, und ich habe verschiedene andere Bands, mit denen ich zur Zeit arbeite. Eine davon heißt Cantonement und ist eine Blaskapelle im Stil der 20er Jahre (Tuba, Posaune, Trompete, Klarinette, Saxophon, Banjo und Gesang). Wir spielen Stücke von Bessie Smith, Ma Rainey, Jack Teagarden, und andere Klassiker. Dann habe ich auch eine Blues Band namens Delta Dreambox, die Delta Blues spielt wie die Mississippi Sheiks, Robert Johnson, Charlie Patton, Blind Lemon Jefferson mit Gitarre, Geige, Ukulele, Posaune und Tuba. Ich habe auch eine Jazz Band im Stil der 50er Jahre mit Vibraphon, Posaune, Saxophon, Gitarre, Bass und Schlagzeuger, die sich Here’s How nennt, und sehr swinging und sexy ist. Mein nächstes Ziel ist, eigene Stücke auch für all diese anderen Projekte zu schreiben.
Die Moonlighters arbeiten mit japanischen Vertrieben und werden als nächstes hoffentlich auf Japan Tour gehen. Wir suchen nach jemandem, der Henry ersetzt, und es gibt einige Gitarristen, die interessiert sind. Wir haben ungefähr neun neue Stücke, die wir spielen (auch schon auf der Deutschland Tour spielten), aber bislang noch nicht aufgenommen haben, so daß wir unsere dritte CD durchaus zusammenbekommen werden. Wir hoffen, im Herbst 2003 nach Deutschland zurückzukehren.

Willst Du was über die anderen Interessen neben Musik, die als links auf der Homepage zu finden sind, erzählen?

Ich bin eine begierige Leserin und liebe Filme, insbesondere Film Noir, Horrorfilme und klassisches Kino. Ich versuche momentan als nächstes Klavierspielen zu lernen und ich würde gerne eines Tages ein Buch schreiben. Auch liebe ich es zu kochen, Kleider zu nähen und Kostüme für meine Bands (ich habe kürzlich sogar Gamaschen angefertigt!), und ich interessiere mich für Verschwörungstheorien. Eines Tages würde ich gerne in Europa leben.

Deine Lebensphilosopie?

Follow your bliss. Do what you love and the money will follow. Remember yourself, observe yourself, and don’t waste energy on negative emotions. My favorite philosophy of life is „The Fourth Way“ by P.D. Ouspensky, a follower of Gurdjieff. Make every day a day full of peak experiences.

Interview: Andrea Stork

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