August 13th, 2015

MIOZÄN (#57, 04-1996)

Posted in interview by Jan

Endlich dem elendigen Weihnachtsstress entronnen. Keine aufgesetzte Glückseligkeit mehr, und auch keine peinlichen Verwandtenbesuche und dergleichen, was wünscht man sich noch?

Naja, ein schönes Konzert wär dann auch noch was tolles, und genau das fand im Rahmen der Mad X-mas Tour (welch passender Name), bei der Radical Development, Approach To Concrete, Lash out und auch Miozän spielten, statt. Und so kam dann auch folgendes Interview mit Miozän am 27. 12. in der Küche des Immenhausener Jugendzentrums zu stande. Anwesend war die komplette Band, die aus Kuddel – Gesang (KU), Frank – Bass (F), Carsten – Gitarre (Ca), Kay – Gitarre (Ka) und Harry – Schlagzeug besteht, wobei Harry während des Interviews eher den Part des stillen Zuhörers einnahm.

Hier nochmal ein kurzer Abriß der Bandgeschichte, für diejenigen, die Miozän nicht kennen: Miozän spielen old School Hc, ähnlich Uniform Choice oder Agnostic Front Sachen, sie gründeten sich 1991 und brachten ein Jahr später ihr „Offer Resistance“ Demotape heraus, das sehr positive Reaktionen hervorrief. Danach veröffentlichten sie die Alben „Caught in their free world“ (’93) und „Big Stick Policy“ (’95), die ebenfalls guten Anklang fanden, und zu verschiedenen Touren führten, u.a. mit Jugheads Revenge und Battery. Genug trockene Fakten. Lest am Besten selbst, was Miozän zu sagen haben: …

***

Was bedeutet der Name „Miozän“ eigentlich?

F: Das ist ein biologischer Begriff, der eine Zeitspanne vor 25 mio. Jahren…

Ku: Stimmt überhaupt nicht! Das ist einfach nur ’ne Zeitspanne, die aber nicht unbedingt 25 Millionen Jahre her ist. Ich war nämlich neulich beim Arzt und der hat mich natürlich prompt aufgeklärt was Miozän bedeutet. Das ist nämlich nicht die Zeitspanne die wir immer angegeben haben. Er hat mir dann auch gleich die Richtige genannt, mit fünf Fachwörtern und ich hab da gestanden wie ’nen Doofen.

F: Jedenfalls ist es ein geologischer Begriff.

Warum habt Ihr den Namen gewählt?

F: Wir wollten halt keinen englischen Klischeenamen haben.

Wo wir grad‘ bei Englisch sind, wer schreibt denn bei Euch die Texte?

Ku: Wir beiden ( Kuddel & Frank ).

Ihr macht ja auf Eurem Album auch das Angebot, die deutsche Übersetzung Eurer Texte gegen Rückporto zu bekommen. Machen viele Leute gebrauch davon?

F: Ja doch, relativ viele. Man merkt halt, daß das vor allem Jüngere sind, die das auch gut finden.

Warum schreibt Ihr denn die Songtexte nicht auf deutsch?

Ku: So haben wir angefangen …

F: … und es klingt besser. Ist auch irgendwie internationaler, wir würden halt keine Texte schreiben, sowie Markus von … But Alive oder sowas.

Ku: Würde bei unseren Themen auch nicht ganz hinhauen.

Ca: Also ich find‘ Englisch auch ganz okay.

Neues Thema. Warum seid Ihr denn nach Eurer ersten Platte von Per Koro zu Defiance Rec. gewechselt, auch ’nem ziemlich kleinen Label?

Ku: Per Koro hatte keine Kohle um uns das zu bezahlen. Zu dem Zeitpunkt als wir die Platte aufnehmen wollten, hatten die halt keine Asche, und so war auch nicht das große Interesse da .

Und warum habt Ihr dann das erste Album auf der neuen Cd gleich mitveröffentlicht?

Ku: Ach, die haben wir halt mit ‚draufgepackt, weil wir halt öfter danach gefragt worden sind, vor allem von Jüngeren, die keinen Plattenspieler mehr haben (Anmerk: das erste Album war nur auf Vinyl erhältlich), ob es davon auch ’ne Cd gibt.

F: War jetzt aber irgendwie nicht als Bonus gedacht, sondern wenn einfach aus Praktischen Gründen, ohne das es zu teuer war, und so haben wir sie halt mit drauf gepackt.

Sind denn auf der Lp auch beide Alben drauf?

Ca: Nee, du hast halt die Möglichkeit auf die Cd 90 Minuten zu machen, und wir haben halt 28 Minuten auf dem neuen Album gehabt, und da haben wir uns halt gedacht, daß wir das noch anfüllen könnten.

Ihr seit jetzt hier auf einem Immenhauser Label, nahe Kassel, was haltet Ihr von dieser Kasseler Szene, die ja auch so ’nen bißchen von Lost&Found gepäppelt wird?

F: Die „Kassel Crew“ ist gar nicht so groß, das ist nur ein Schlagwort. Die gibts glaub ich gar nicht so, vielleicht lässt sich das so besser verkaufen.

Seht Ihr Euch in irgendeiner Verbindung mit Ihnen?

F: Wir kommen nicht aus Kassel!!

Ach ja, stimmt. Ihr kommt ja aus Schneverdingen, wo liegt das eigentlich?

F: Hmm, … die meisten kommen ja eigentlich aus der Lüneburger Heide. Wir kommen irgendwo aus der Gegend zwischen Hamburg und Hannover.

Themawechsel. Auf der Thankslist Eurer Cd dank Ihr u.a. auch Battery, was haltet Ihr von Straight Edge?

Ku: Nja, wir haben halt mit denen getourt.

F: Harry trinkt halt keinen Alkohol, und ich find seigentlich okay, so lang mir niemand vorschreibt, was ich zu tun habe.

Ku: Wenn Du jetzt aber diese Hardline Leute meinst, die auch so Pro-Life und so drauf sind, die so in eine faschistoide Ecke abgehen, dann find ich das Scheiße. Normale Veganer oder so sind in Ordnung. Die vertreten halt z.B. zwei Sachen die ich gut finde, aber auch drei Sachen die ich Scheiße finde. Manche Leute meinen dann auch noch Straight Edge reicht nicht, sie müßen jetzt den absoluten Hardliner fahren. Ich kann diese Szene nicht einschätzen, wie groß die ist oder so, aber ich glaube das sind gar nicht so viele, aber die hauen halt mächtig auf die Kacke. Mir hat neulich in Berlin einer erzählt, daß irgendwo in der Ruhrgebiet Ecke oder so, daß sie da sogar zwei Faschos geoutet haben.

F: Angeblich bei der Veganen Offensive oder so.

Ku: Ich hab mich zwar nie so mit deren Aussagen beschäftigt, aber die fahren jetzt sogar den Film, daß sie Veganismus auf biologischer Basis erklären wollen. So mit der Masche der Mensch hat ’nen so und so langen Darm und deshalb … Und wenn man anfängt irgendetwas biologisch oder ethnisch zu erklären, dann bist du bei diesem Ding so „Juden haben ja auch ’ne krumme Nase“ und so was. Also vielleicht driften die ja auch so in eine Ecke ab, in die sie vielleicht gar nicht wollen. Vielleicht ist das sogar, und das ist kein Scherz, die obskurste Art von Rechtsradikalismus.

Du meinst Hardline?

Ku: .. Hardline, ja. Stand glaub ich im Antifa Info auch. Also mit diesem biologischen und ethnischen Kram und so, also vom Weltbild her ist das schon irgendwie so wie diese Lebensschützer und so, schon ziemlich seltsam .

..Okay. Was habt Ihr denn jetzt als Band in Zukunft geplant?

F: Wir wollen halt jetzt, wenns klappt, im März in Studio gehen, und wieder was aufnehmen.

Ihr habt schon neue Stücke geschrieben?

F: Ein Paar. Für ’ne Single würde es schon immer reichen. Aber wir wollen uns nach der Tour jetzt so, mehr oder weniger, für zwei Monate im Proberaum einschließen und arbeiten . Bei uns ist es halt so, daß ziemlich viele Stücke auf der Strecke bleiben. Wir haben schon ein paar mehr zusammen, die irgendwo auf Tapes rumfliegen. Und wir suchen dann die Tapes raus und gucken was wird. Aber wir wollen uns nicht dem Druck aussetzen, daß es unbedingt eine 10inch wird, aber ’ne 7inch dürfte es wohl auf jeden Fall werden.

Wird das neue Material auch auf Defiance veröffentlicht?

Ku: Nee.

Warum wechselt Ihr jetzt wieder?

Ca: Der Mensch der eigentlich die Hauptarbeit gemacht hat, der macht es halt jetzt nicht mehr.

F: .. das heißt nicht, daß wir damit nicht zufrieden waren, aber wir haben halt ein neues Angebot bekommen, von einem Berliner Label ( der Name war auf Band leider nicht mehr verständlich, da mein alter Rekorder mit dem Lärm nicht mehr fertig wurde, Sorry ), und das Angebot war recht gut. Den Wechsel werden uns zwar einige Leute krumm nehmen, aber das ist uns egal !!!

Habt Ihr eine Ahnung wie es mit Defiance Records weitergeht, denn das Label ist ja noch recht jung und hat noch nicht so viel veröffentlicht?

F: Ja, es wird wohl gerade nach einer neuen Band gesucht.

Was denkt Ihr denn über die Zukunft der deutschen Hc-Szene? Wie gehts weiter? Was kommt noch?

Ku: Dat wird schon.

F: Dat wird schon.

Ku: Also was wir jetzt so mitkriegen, … wir haben uns da letztens noch drüber unterhalten. Es gibt ja jetzt auch das „nahe europäische Ausland“, also Belgien, Holland und so, und da sind deutsche Hc Bands jetzt auch mehr gefragt, und so bietet sich die Möglichkeit zu mehr Auftritten und so. Es sind halt nicht nur Amis gefragt. Das kann man ja auch an dieser Tour sehen, bei der fast nur deutsche Bands spielen, und es eigentliche eine gute Resonanz gibt, von den Besucherzahlen her, zum Beispiel. Ich denk mal es wird zwar nie ’ne große Band geben, und Ryker’s werden für ewige Zeit ’ne Ausnahme sein, jetzt vom Bekanntheitsgrad her meine ich. Aber es wird dann auch immer ein paar Bands geben, die gut in der Mitte liegen werden.

(Anm.: Danach ging es noch ein weilchen um den alten Gitarristen der Band, P.L., und seine Kapriolen. Ihm ist ein „Ganz Besonderer Dank“ auf dem Cd Umschlag gewidmet. An seiner Stelle spielt seit ca. 1 1/2 Jahren Carsten als zweiter Gittarist.)

Habt Ihr auch Side Projekts?

F: Noch nicht, aber demnächst!! ( Die Stimmung steigt )

Ka: Ja, wir haben jetzt nämlich einen Proberaum im Haus meiner Eltern, und da wollen wir dann mit ein paar Leuten was machen. Das wird so Ska Punk mäßig….. so zwei Akkorde mit‘ nen Paar Trompeten und sowas, ma gucken was da sonst noch bei ærauskommt.

F: Ich sing auch bei ‚Bomber Harrisö‘ !!

Ku: Noch ’ne komischere Kapelle. Das ist so ’ne Oi -Punk Band.

F: Das ist aber wirklich nur Fun!

Ca: Wie oft habt Ihr nochmal geprobt? Einmal?

F: Wir haben aber schon zwei Stücke! Und die heißen : … „Working class brigade“ und … !

Ka: …“March of the living Oi“!

Ca: Die gibts aber schon seit drei Monaten!

(Anm.: Die Rede kommt nochmal auf Ihr altes Label zu sprechen, und es geht etwas noch über Vertriebe und Bekanntheitsgrade, die dadurch erreicht werden, daß die Platte einfach in den Läden präsent ist, auch wenn der Kunde sie nicht unbedingt kauft. Der Vertrieb war auch wiederum ein Grund für den wieder bevorstehenden Labelwechsel, da Defiance Records ihr Material selbst vertreiben, und das neue Label auf dem Miozän seien werden, einen Vertriebspartner hat.)

Habt Ihr noch einen letzten frommen Wunsch?

F: Oi. ( Gelächter )

Danke.

***

Interview & Photos: Peter Rupprecht

Links (2015):
Wikipedia
Facebook
Discogs

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