März 12th, 2007

MIKE WATT (#99, 03-2003)

Posted in interview by andreas

„Punk is whatever we made it to be“

co-starring: MIKE WATT in THE MAN IN THE VAN WITH A BAss IN HIS HAND

Am 20. Dezember 1957 in Portsmouth/Virginia geboren und seit mehr als drei Jahrzehnten in der kalifornischen Hafenstadt San Pedro lebend, ist MIKE WATT eine der wenigen mir bekannten Persoenlichkeiten, die so etwas wie eine lebende Verkoerperung des Punk Rock-Spirits darstellen.

Als begnadeter Bassist, der auf der Buehne mit seinem Instrument zu verschmelzen scheint, seinen Schweiss in strahlende Funken verwandelt und seine ganze Seele in die Musik legt, hat MIKE WATT insbesondere mit der Band MINUTEMEN Anfang der 80er und nach dem Tod ihres Gitarristen D.BOON mit der Nachfolge FIREHOSE ein wichtiges Kapitel amerikanischer PunkRock/UndergroundRock-Geschichte geschrieben.

So vielseitig seine musikalischen Orientierungen zwischen Folk, Funk und Rock bis Freejazz auch sein moegen und so unterschiedlich seine Veroeffentlichungen im Verlauf von ueber zwanzig Jahren ausgefallen sind, gibt es in der Biographie MIKE WATTs zwei entscheidende Kontinuitaeten, die ihn bis heute zu einem der meist-respektierten Menschen in der Musikwelt fernab vom Gleichstrom haben werden lassen: Zum einen ist da die Aufrechterhaltung des Do It Yourself-Ethos, der ihn originaer inspirierte und sich in seinem Gesamtwerk niederschlaegt, zum anderen der persoenliche Habitus selbstbewusster Bescheidenheit und Natuerlichkeit, der ihn einfach als liebenswerte Person kennzeichnet.

So sehr sich die Oberflaechen unabhaengiger Musik in den letzten zwanzig Jahren auch veraendert haben, bei MIKE WATT ist nicht nur das schlabbrige Flanell-Hemd und das ausgetretene Paar Turnschuhe geblieben, sondern eben eine ganz eigene, hyperventilierende Energie bei jeder Performance, die er an den Tag legt.

An verschiedenen Orten konnte ich mich davon unlaengst wieder ueberzeugen, ob bei Auftritten in Los Angeles mit NELS CLINE oder STEPHEN PERKINS, wo den STOOGES gehuldigt wurde, oder mit JAY MASCIS und den Gebruedern ASHETON in London.

Vor Kurzem erschien in Kanada unter dem Titel „Spiels Of A Minuteman“ ein 130-seitiges Buch mit allen MINUTEMEN-Texten, WATT`s Tourtagebuch mit BLACK FLAG von 1983, Essays von JOE CARDUCCI, RICHARD MELTZER und THURSTON MOORE und Kunst von RAYMOND PETTIBON. (14 Euro inklusive Porto/Versand ueber: L`oie De Cravan, 5460 Rue Waverly, Montréal, Québec, Canada) und zum Erscheinen dieser TRUST-Ausgabe sollte eigentlich MIKE WATT`s neues Solo-Album veroeffentlicht sein. Im Hafen von San Pedro trafen wir uns beide, um folgendes Gespraech zu fuehren.

***

 

Dein Name konnte in den letzten Jahren mit zahlreichen verschiedenen Musikprojekten verbunden werden, nicht aber mehr mit bestaendigen Gruppenkonstellationen, wie noch zu Zeiten von MINUTEMEN und FIREHOSE. Hat sich das Bandkonzept in seiner klassischen Form fuer Dich erledigt?

MIKE: Das ist, als ob du vier Jahre alt bist und Thanksgiving jeden Tag mit deiner Familie feierst. Da kommt der Tag, an dem du anfaengst, allein fuer dich auszugehen. Eventuell zumindest. Das gleiche passiert mit Bands, weil Bands auch so etwas wie kleine Leben sind.

Ich weiss, dass sich das moeglicherweise sehr selbstbezogen ausnimmt, weil eine Band grundsaetzlich ja auch bedeutet, dass sich Individuen unter einem Namen zu einer Band zusammentun, und man jetzt ploetzlich nur noch einen Namen hoert. Der Grund aber, warum ich anfing, meinen eigenen Namen zu gebrauchen, war der, Verantwortung zu uebernehmen, auf das jeder weiss, wer da spielt.

Du weisst, dass Musik wie eine Reise ist. Eine Form, sich auszudruecken, und da sollte es wirklich nicht nur einen Weg geben, das zu tun. Ich versuche, viele Effekte, die ich als junger Punkrocker entwickelt hatte, ehrlich beizubehalten, aber diesen Band-Kontext musste ich einfach hinter mir lassen. Mit den Leuten, mit denen ich zur Zeit zusammenspiele, spiele ich, als ob es eine Band sei.

Mit wem spielst Du denn derzeit zusammen? Unter Deinem eigenen Namen sind schliesslich sehr verschiedene Sachen entstanden: das Wrestling-Album mit grossem „Star“-Aufgebot (BEASTIE BOYS, SONIC YOUTH, NIRVANA, SOUL ASYLUM, SCREAMING TREES), dann die wunderschoene Platte mit NELS CLINE („Contemplating The Engine Room“), die mir persoenlich sehr gut gefaellt

MIKE: Ja, die „Oper“.

Genau, und dann?

MIKE: Woran ich gerade arbeite, ist ebenfalls eine Art „Oper“. Ohne Gitarre, zwar immer noch ein Trio, diesmal aber mit Orgel, Schlagzeug und Bass. Ja, weil ich dachte, das sei eher kirchen-aehnlich

TRUST: (lacht)

MIKE: (lacht) Ja, weisst Du, und das entstand aus einer kirchen-aehnlichen Erfahrung, die ich hatte, beinahe gestorben zu sein. Diese Stueck, das ich schrieb, basiert auf der „Goettlichen Kommoedie“ von DANTE. Fuer mich war das ein grosses, ein wichtiges Buch als ein Teenager, als ein Junge, und jetzt, als ich es wieder las, hatte es eine weitaus andere Bedeutung fuer mich. Eben wegen meiner eigenen Erfahrung.

Der Teil ueber die Hoelle stand ploetzlich fuer meine eigene Krankheit, die Passagen ueber das Fegefeuer reflektierten meine Genesung, und wieder Bass spielen und mein Fahrrad fahren zu koennen, verband ich mit dem Paradies. (grinst) Also, das wird mein naechstes Projekt sein.

Natuerlich gibt es daneben ein neues DOS-Album (mit seiner Ex-Frau Kira am zweiten Bass), wird sind fast fertig mit den Aufnahmen zum neuen BANYAN-Album, was eine Band ist, die ich zusammen mit STEPHEN PERKINS (ehemaliger JANES ADDICTION-Schlagzeuger) und NELS CLINE betreibe. Wir haben schon einige Platten gemacht und dies wird das dritte Album, und vielleicht werde ich auch mit VERNON REID (LIVING COLOUR) zusammenarbeiten.

Er fragte mich, etwas zusammen zu machen. Daneben kollaboriere ich mit RICHARD MELTZER, dem Schriftsteller. Er lebt oben in Portland und schickte mir Baender mit seiner Stimme, und ich habe jetzt ein kleines Studio in meinem Appartment und mache etwas mit ihm. Das letzte, woran wir als MINUTEMEN arbeiteten, sollte ein Projekt mit ihm sein.

Er schrieb diese zehn Texte, die er D.BOON in der Nacht gab, als er seine letzte Fahrt antreten sollte. Er war krank, hatte Fieber und seine Freundin fuhr, schlief am Steuerrad ein und der Van ueberschlug sich. D.BOON hatte diese RICHARD MELTZER-Texte. MELTZER war fuer uns sehr von Bedeutung als wir Jungs waren. Er schrieb Texte fuer BLUE OEYSTER CULT, was damals unsere Lieblingsband war.

(lacht) Wirklich?

MIKE: Ja, das war eine unserer grossen Bands, als wir Teenager waren, und er schrieb ueber die MINUTEMEN im CREAM-Magazin, was fuer uns natuerlich erstaunlich war. Das gab uns die Gelegenheit, ihn zu treffen, woraus dann eine Freundschaft erwuchs. Also, das ist auch ein Projekt, was ich derzeit betreibe. Richard und ich nennen es „Spiel-gusher“.

Spiel?

MIKE: Ja, „Spiel“ ist in den Staaten eher als jiddischer Ausdruck zu begreifen. Gemeint ist damit weniger ein Spiel, als etwas mit Hilfe verbaler Rethorik verkaufen zu wollen, und dieses Reden ist das „Spiel“. Viele Woerter aus dem Showgeschaeft sind jiddisch, weil viele Juden hier, europaeische Immigranten, frueh im Showgeschaeft involviert waren. Viele Woerter jiddischer Herkunft faerbten so also auf unseren Sprachgebrauch ab. Es bedeutet also nicht, soccer zu spielen, was ihr Fussball nennt. (lacht) Das treibe ich also gegenwaertig.

Und wie ist es um den Status Deines eigenen Albums bestellt?

MIKE: Die Aufnahmen muessen nur noch fertiggestellt werden, und im Maerz kann es dann veroeffentlicht werden.

Wieder auf Columbia?

MIKE: Ja, Columbia und dann kann ich wieder nach Europa kommen, wo ich seit drei Jahren, nein seit fuenf Jahren nicht mehr gespielt habe.

Nein, mit J MASCIS habe ich Dich doch gesehen.

MIKE: Ah yeah, das ist richtig. Das war auch eine grossartige Tour. Wirklich habe ich nur zwei Leuten beim Touren ausgeholfen: PERRY FARREL (PORNO FOR PYROS) und J MASCIS, und das waren beides gute Erfahrungen. J bewegte mich dazu, wieder mit einem Pick zu spielen, was ich seit siebzehn Jahren nicht mehr gemacht hatte. Das war unglaublich laut.

In Hamburg jedoch ein grossartiger Auftritt, an den ich mich gerne zurueckerinnere.

MIKE: Markthalle.

Richtig!

MIKE: Ich spielte da 1983 mit BLACK FLAG. (lacht) Das war ein Trip. Viele Geister. Aber gute Geister, gute Erinnerungen. Mit J, weisst Du, es ist manchmal wichtig, anderen Menschen zu helfen, weil du nicht alles lernen kannst, wenn du immer der Boss bist. Wenn du jedoch andere unterstuetzt, kannst du etwas dazulernen, was nicht passiert, wenn du derjenige bist, der anderen Menschen immer erzaehlt, was sie zu tun haben.

Es ist manchmal ganz gesund, wenn auch dir mal gesagt wird, was du zu tun hast. Auf eine Art ist es ziemlich einfach, Leuten zu sagen, was sie machen sollen. Schwieriger ist es da schon, Leute zu inspirieren. Um solche Qualitaten zu entwickeln, musst du so sein, wie du jemandenen anderes zu fragen beabsichtigst, zu sein. (zeugt auf das Wasser vor uns) Pelikane! Sie sind meine Lieblingsvoegel.

TRUST: (lacht)

MIKE: Ich liebe Pelikane. Siehst Du, wie tief sie fliegen? Die haben keinen Song! Nur als Babys. Der letzte Song auf meinem neuen Album heisst „Pelican Man“. Es geht darum, wie ich mich in einen Pelikan verwandle.

Inspiriert von dieser Hafenszene hier in San Pedro?

MIKE: Ja, ich fahre jeden Morgen mit meinem Fahrrad, und diese Gegend hier ist Teil meiner Tour. 25 Meilen, immer am Wasser entlang. Auf der gegenueberliegenden Seite unseres Platzes hier hast du diese Felsen ; San Pedro ist schon sehr erstaunlich. Ein guter Ort, zu dem es fuer mich keine Alternative gibt.

Woanders haette ich auch D.BOON nicht getroffen, wenn mein Vater hier nicht stationiert worden waere. San Pedro ist naeher an Vietnam, als Virginia, weshalb wir letztendlich hierher kamen.

TRUST: (lacht)

MIKE: Doch , ich liebe Virginia, und es ist ein verruecktes Gefuehl, wenn ich toure und dahin zurueckkehre. Es gibt da Sachen, die du hier nicht findest, wie „fireflies“ und „crabapples“ und „honeysuckles“. Da kommen dann Erinnerungen an meine Kindheit hoch, doch das schlechte Wetter und die schweissfeuchten Sommer lassen mich San Pedro erneut lieben. Es gibt viele verfickte Sachen in Kalifornien, nicht jedoch das Wetter.

Und wenn du den richtigen Platz zum Leben hier gefunden hast, ist es okay. Neben allen abscheulichen Dingen. Es gab Zeiten, beispielsweise in den fruehen 80ern, als ich in Europa tourte und wir die Raketen bei Euch stationierten, Pershings und Cruise Missiles, und die Menschen ziemlich sauer auf Amerikaner waren…

(lacht) Du denkst, nur damals?

MIKE: Und zurueck in Kalifornien waren die Menschen nicht mehr wuetend auf mich. Viele Menschen hier setzen in ihren Koepfen Kalifornien mit dem Himmel gleich. Nirvana, das versprochene Land. Die Realitaet ist natuerlich eine andere. Aber, wir haben grossartiges Wetter, und wenn du Schnee suchst, kannst du 35 Meilen entfernt Berge finden, wenn du Wueste suchst, kannst du die ebenfalls in unmittelbarer Naehe finden; mit anderen Worten gibt es hier all` diese verschieden, grossartigen Orte, nur das viele Leute, die hier wohnen da einfach nicht hingehen.

Die bleiben Zuhause, setzten sich vor ihren Fernseher und schauen sich dort die Wueste an. Eine Schande, doch so geht es mit allen Dingen, die Menschen als selbstverstaendlich betrachten. Phantasie und das versprochene Land sind daher immer weit entfernt, und niemals dort zu finden, wo du lebst. Fuer mich jedoch gilt:

Ich liebe San Pedro. Es ist zwar nicht mein wahres Zuhause, niemand von uns MINUTEMEN stammte schliesslich aus San Pedro. George (Hurley) kam aus Brockton/Massachusetts, in der Naehe von Boston, D.Boon aus Nappa. Wir alle kamen als Jungs hierher und adoptierten es. Liebten es. Manchmal, um etwas wirklich wertschaetzen zu koennen, musst du von woandersher kommen.

Die Bergspitzen-Perspektive.

MIKE: Absolut. In bestimmter Weise bin ich Weltbuerger und das hier ist mein Zuhause. Hier kann ich zu Kraeften kommen, um wieder loszuziehen. Ich muss immer wieder losziehen. Ich habe die Krankheit, neugierig zu sein, und ich mag es zu wissen, was in dieser Welt und in meinem eigenen Land vorsichgeht. Und ich kann nicht wirklich etwas erfahren, wenn mir das nicht unmittelbar, sondern ueber dritte, vierte oder fuenfte Hand zuteil wird.

Ich will selbst da sein. Schon mit MINUTEMEN empfanden wir es als grosse Moeglichkeit, zu touren, waehrend all` diese Rock`n`Roller in ihren Interviews sich ueber diese Art des Lebens stets am Beschweren waren. Wir dachten darueber immer, dass es ein zweiter, grosser Nutzen ist, nicht nur in anderer Leute Staedten zu spielen, sondern ueberhaupt in diese Staedte kommen zu koennen, etwas Neues sehen zu koennen. Unsere Eltern waren arbeitende Menschen; da hatten wir nie wirklich die Moeglichkeit, Dinge zu sehen.

Ferien, die in den USA Urlaub genannt werden, beschraenken sich hier schliesslich auf ein, zwei Tage, und sind nicht wie in Europa auf Wochen ausgedehnt. Sowas gab es also zuvor gar nicht, und ploetzlich waren wir in unserem Bus und hatten die Moeglichkeit zu sehen. Alle diese Dinge aus dem amerikanischen Buergerkrieg beispielsweise, von denen wir nur in der Schule gehoert hatten. Das war etwas voellig Anderes, das direkt aufsuchen zu koennen.

Das war auf einmal nicht mehr laenger nur abstrakt. Ein Revolutionsschlachtfeld in North-Carolina zu besuchen und dort herauszufinden, dass sie ihre besten Schuetzen in die hintersten Reihen gestellt hatten. Warum stellst du deine besten Schuetzen nicht in die Frontlinie, um die Briten zu erschiessen?

Nein, diese Schuetzen waren dazu bestimmt, desertierende Amerikaner des eigenen Heeres abzuknallen. In der Schule wurden uns solche Fakten nicht gelehrt, und wir haetten dergleichen eben nie gelernt, wenn wir nicht tatsaechlich solche Schauplaetze aufgesucht haetten. Es gibt bestimmte Dinge, die du nur wissen kannst, wenn du dich auf den Weg machst, sie dir mit deinen eigenen Augen anschaust, Fragen stellst. Dem Fernsehen hingegen kannst du keine Fragen stellen.

Zu Touren ist fuer mich daher immer von grossem Nutzen gewesen. Es hat mich meine eigene Stadt besser verstehen gelernt, mich jedoch auch gelehrt, andere Wege zu bestreiten und dadurch zu lieben und keine Angst zu haben. Gerade hier, und ich spreche jetzt von den Vereinigten Staaten, werden viele Dinge durch Angst vorangetrieben. Wenn wir uns mit Angst auseinandersetzen, sind wir in erster Linie wahrscheinlich demuetiger, und taeuschen nicht vor, alles zu wissen. In zweiter Linie bedeutet das allerdings auch, neugieriger und freidenkender zu sein, um zu sehen, welcher Gestalt Dinge sind.

Anders ausgedrueckt kann ich mich gluecklich schaetzen, und ich weiss nicht, ob das so sehr Rock`n`Roll ist, schliesslich ist das Problem, wenn du in anderen Staedten spielen willst, das du dorthin gehen musst. Wie auf der Enterprise musst du deinen Transport geregelt kriegen. Du musst dahin fahren. Aber bei all` diesen Unternehmungen geht es eben nicht nur um die Show. Das Leben dreht sich nicht nur um Auftritte und aehnliche Angelegenheiten.

Zu Reisen war also immer ein sehr gluecksbringender Nutzen, warum ich das auch immer noch mag, und solange ich San Pedro in meinem Blut haben werde, werde ich auch Touren in meinem Blut haben. Immer nur hierzubleiben, koennte ich niemals aushalten. Vielleicht entwickelte sich das schon, als ich jung war, weil wir in verschiedenen Orten lebten, das war in der Navy und sie bewegten uns umher, also hatte ich diesen Drang schon sehr frueh. Aber ich habe niemals gedacht, dass alles, was ich weiss, alles, was ich wissen sollte, einfach an einem Ort vorhanden sein und mir mitgegeben sein muesste. Stattdessen wusste ich, das ich mich auf die Suche machen und erkunden sollte.

Das ich mutig sein und andere Dinge ausprobieren muss. Und das ist auch etwas, was ich versuche, den Kids zu vermitteln. Es geht nicht nur darum, Nuernberg-Aufmaersche zu veranstalten, jedermann enthusiastisch zu machen und zum Ausflippen zu bringen. Ich muss eben auch ein Student sein, genauso wie du, und das ist keine schlechte Sache. Wann ist denn der Punkt erreicht, an dem du alles weisst? Und ein grossartiger Aspekt des Student-Seins ist ja gerade der, niemals mit dem Lernen aufzuhoeren. Und der Weg, das zu tun, ist immerfort abenzuteuern. Das ist eben auch ein Teil der Erfahrung.

Ich meine, ich liebe JERRY LEE LEWIS und LITTLE RICHARD und diese alten Rock`n`Roll-Jungs. Die Erfahrungen, die sie durchlebten. Erst Tellerwaescher und dann „Tutty Frutty, alright“. Doch Rock`n`Roll aenderte sich in dieses Ding, das nicht mehr abenteuerlich, nicht mehr unabhaengig oder rebellisch, sondern zu muedem Zeug geworden ist. Es ist natuerlich leicht, das zu beklagen, also muss dafuer etwas getan werden. Auf eine Art vielleicht wie WOODY GUTHRIE, auf die gleiche Weise.

Umherzureisen und vor verschiedensten Leuten zu spielen, nicht immer nur ihnen Dinge zu zeigen, sondern umgekehrt etwas von den Leuten aufzugreifen. Deshalb war er ja ueberhaupt in der Lage, all` diese Songs zu schreiben, all` diese Erfahrungen zu verarbeiten, die er unterwegs gemacht hat. Also ist das vielleicht aelter, als Rock`n`Roll.

Fuer mich klingt das weniger nach Rock`n`Roll, als nach einem idealistischen Ansatz von Berichterstattung, Journalismus im positiven Sinne also, und davon lassen sich in der Geschichte unzaehlige und weitaus weiterzurueckliegende Beispiele finden.

MIKE: Well, ich habe damit begonnen, meine Tagebuecher ins Internet zu setzen. Die Leute koennen also aktuell nachlesen, wie ich toure. Weil ich denke, dass viele Leute voellig verzerrte Illusionen und Phantasien vom Sein in einer Band haben. Ich dachte also, durch das Schreiben darueber, was mir genau waehrend einer Tour passiert, verlieren Leute vielleicht auch ihre Angst, soetwas selbst auszuprobieren, und erkennen die verschieden Moeglichkeiten, etwas derartiges durchzufuehren und nicht nur der MTV-Repraesentation davon Glauben zu schenken.

Also, ja, ich habe mich auch in etwas wie einen Journalisten entwickelt. Ich denke aber, dass das wichtig ist, weil Leute den Bezug verlieren. Vielleicht haben sie schon immer diesen Bezug verloren, weil sie sich nicht weiterbewegen, und stattdessen diese merkwuerdigen Arten der Unterhaltung komplett andere Moeglichkeiten, Dinge zu lernen, ersetzen. Die meisten Kids beziehen ihre Informationen doch von Rockstars und das ist gefaehrlich.

(lacht) Von verbloedeten, narzistischen Analphabeten

MIKE: Yeah, die den ganzen Tag von Babysittern betreut und zugeschmiert werden. Was kann von denen also wirklich gelernt werden? Das ist absolut dekadent, und ich denke, dass dies eben nicht der einzige Weg sein kann. Da setze ich mich doch lieber mit einem normalen Menschen auseinander, und nicht mit Rockstars und diesem ganzen Schrott.

Haetten sie doch bloss ihren Tagesjob nicht aufgegeben, muss ich da immer wieder feststellen. Aber sprechen wir doch ueber ein weitaus dominanteres Medium als Rockmusik, naemlich Fernsehen. Was geht in Dir vor, wenn Du diese Dauer-Berieselung aus Irak-Berichten, dem Ruf nach Patriotismus und dem laufenden Kreuzzug gegen den Islam reflektierst?

MIKE: Das ist beaengstigend. Die Leute scheinen Leben und Politik mit einem Fussballspiel gleichzusetzen und schauen nicht auf die Konsequenzen. Wir haben nur zwei Nachbarn, Kanada und Mexiko, und es scheint, das wir keine Idee haben, mit anderen Leuten umzugehen. Politische Ausseinandersetzungen erscheinen hier schnell sehr abstrakt zu sein, und ich denke, dass in dieser Situation die Menschen sehr stark vom Fernsehen manipuliert werden. Hinzukommt, dass die Ereignisse in New York (11.9.01) die Menschen hier stark getroffen haben. Da kam schon die Bereitschaft auf, alles zu opfern.

Hat das etwas damit zu tun, dass die USA in ihrer Geschichte nie einen Krieg im eigenen Land erlebt haben?

MIKE: Nun, wir hatten den Buergerkrieg, und das war unser schlimmstes Kriegsereignis hier, aber das ist wichtig, weil wir uns eben nur untereinander bekriegt haben und sich dies in den Koepfen weniger als Bedrohung festgestezt hat, als auslaendische Eindringlinge. Klar, die Briten kamen hierher und brannten 1812 das Weisse Haus nieder, und die Japaner griffen Pearl Harbour und Hawaii an, doch diese Ereignisse wurden eher als Abenteuer verbucht.

Und, ja, meine letzte eigene Tour startete genau am Tag der Attacke, und ich konnte das Land an verschiedensten Orten gleich danach erleben, und Ja, es gibt hier ein grosses Gefuehl von Rache; die Leute wollen Rache nehmen. Auf irgendeine Weise. Weil ihr Stolz verletzt wurde. Deswegen siehst Du hier jetzt auch all` diese Flaggen. Die Leute sagen, wir muessten jetzt zusammenruecken und so weiter. Ich weiss nicht. (schweigt kurz)

Mein Vater fuhr ja zur See, und ich wuchs mit diesem militaerischen Hintergrund auf, das ganze Regierungsprogramm, Navy-Unterbringung und dieses Zeug halt, und ich fuehle nicht die Notwendigkeit, dass ich einen Beweis braeuchte, dass ich aus den Vereinigten Staaten komme. Es kommt mir wie eine Beleidigung vor, dass hier jetzt verlangt wird, unter Beweis zu stellen, dass ich meinen Mitbuergern gegenueber loyal bin, in dem die amerikanische Flagge geschwenkt wird. Wenn sie wirklich patriotisch werden wollen, sollten sie besser damit anfangen, sich gegenseitig besser zu behandeln. Nicht wie Arschloecher zu fahren. Nicht so boese und selbstbezogen zu sein.

Auslaender als Feinde zu betrachten, um uns besser zu fuehlen, laesst uns niemals das Problem loesen, wie wir uns gegenseitig behandeln Und dann sind in diesem Gebaeude (gemeint ist das WTC) ja auch viele Amerikaner getoetet worden.

Ohne etwas verharmlosen zu wollen, sterben in Deinem Land pro Jahr allerding weitaus mehr Menschen durch Waffenmissbrauch …

MIKE: Oh yeah, und mehr Kinder in Afrika und Asien.

Das passt vielleicht zum World Trade, lass` uns aber beim Thema bleiben.

MIKE: Ja, in den USA haben wir ein grosses Problem mit Mord, 25-30.000 pro Jahr. In Kalifornien werden um die 1000 Waffen taeglich verkauft. Das habe ich in der Zeitung gelesen, und das bezieht sich nur auf Kalifornien. Aber in Kalifornien haben wir jetzt soviele Menschen wie in ganz Kanada. Du kannst mir das glauben!

Das ist ein massiver Staat, der sich wandelt, und mehr und mehr Menschen kommen. Ja, wie ich schon gesagt habe, haben wir dieses Problem: unser schlimmster Krieg war der Buergerkrieg. Wir haben ein wirkliches Problem im Umgang miteinander. Und seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich hier dieser Traum entwickelt, etwas, wie das neue Rom zu werden.

Aber du kannst dir Laender wie Holland anschauen, und du kannst dort ziemlich gut leben, ohne das du wie ein Rom sein musst. Ein kleines Land, wahrscheinlich von der Groesse Ohios, und sie haben auch Probleme und so`n Zeug, aber deswegen sind die nicht gleich agressiv. Was ich jetzt im Fernsehen sehe, Du fragtest mich nach dem Fernsehen, also da sind eine ganze Menge pro-militaerischer Shows, Werbung, um Leute zu rekrutieren, da ist eine ganze militaerische Geisteshaltung, die verkauft wird.

Es gibt Leute, die schreiben, wie sexy das Militaer ist. Der Bevoelkerung wird regelrecht ins Gehirn geschissen. Wenn jemand in den Vereinigten Staaten Soldat wird, muss diese Person einen Eid auf die Verfassung ablegen; das ist der eigentliche Job, die Verfassung zu verteidigen. Ich sehe nicht, was die augenblicklichen Uebertragungen von Unsicherheiten, moeglicherweise nicht mehr die Besten, Staerksten und Agressivsten zu sein, damit zu tun hat.

Fuer mich, der in dieser Kultur aufgewachsen ist, hat das keine Vorstellungskraft. Als mein Vater mit 17 Jahren von einer kleinen Farmstadt weg zum Militaer gegangen ist, war das ein Weg des Entkommens. Spaeter legte er mir nahe, nie der Armee beizutreten. Das sei nicht das Abenteuer, was viele Menschen darin sehen wuerden. Ich erinnere mich daran, wie wir einmal in Frankfurt gespielt haben, wo viele US-Soldaten stationiert waren. Das erste was sie dir erzaehlen, jeder von ihnen, ist in etwa: „Acht Monate, vier Wochen, drei Tage!“. Die Zeit, wann sie entlassen werden.

Das Leben in der Armee ist (zischt nur) Aber die Dinge sind abstrakt fuer Leute, die in ihren Stuehlen sitzen. Dinge sind abstrakt in grossen Arena-Rock-Konzerten, die fuer mich den Nuernberg-Aufmaerschen sehr aehneln, die durch den ersten wirklichen Rock-Star Adolf Hitler perfektioniert wurden.

Also, es ist sehr vertrackt derzeit; ich denke jedoch, dass es ein „human problem“ ist und nichts wirklich Neues daran. Wie in der Geschichte. Alle moeglichen Leute sind durch diese Zyklen gegangen. Zur Zeit betrachten viele Menschen Skandinavien; Norwegen, Daenemark, Schweden, als die womoeglich zivilisiertesten Laender der Welt, die sich rational und ruhig verhalten.

Doch diese Menschen waren einmal Wikinger! (lacht) They were the craziest motherfuckers alive! Ich denke also, alle Voelker bewegen sich durch diese Zyklen, und in diesem Moment befinden sich die Vereinigten Staaten an diesem Punkt. Ich weiss halt nicht, wie ich bereits sagte, ob die Menschen hier die daraus erfolgenden Konsequenzen erkennen.

Und wo befindest Du Dich in dem von Dir beschriebenen Szenario?

MIKE: Ich bin hier in Pedro. Jedoch versuche ich den Leuten meine Erfahrungen mitzuteilen, die ich gemacht habe, als ich beim Militaer war. Ich hatte nie Ferien als Sohn eines Seemanns, weisst Du; also wie ich die Welt kennengelernt habe und viele Laender, ich habe gerade erst meine 49ste Tour absolviert, ist durch das Touren moeglich geworden. Also versuche ich ihnen zu erzaehlen, wie es ist, in verschiedenen Orten zu sein. Viele Amerikaner sehen schliesslich nichts von der Welt, sie verlassen nie ihren Ort. Den einzigen Wechsel, den manche vollziehen, ist fuer den Highschool-Abschluss. Dafuer musst du Schlagzeug lernen und einige Jahre ausserhalb der USA verbringen.

Weil, nun, wenn du Schlagzeug spielen kannst, kannst du alles spielen. Also versuch` ein wenig Selbstbewusstsein zu erlangen, in dem du deinen Verstand zusammenraffst, was etwas ist, was ich von meiner alten Punkszene gelernt habe. Anders zu sein ist in Ordnung. Du bekommst vielleicht eine ganze Menge Extra-Aerger, was ein Kampf ist, aber eine lange Strecke ist der beste Weg. Du musst fuer dich selbst denken lernen, und das versuche ich den Leuten zu vermitteln.

Neulich habe ich wieder eine Deiner alten MINUTEMEN-Platten bei mir aufgelegt („3-Way Tie (For Last)) und musste insbesondere bei einem Text, der sich gegen die Contras in Nicaragua richtet, ein wenig schmunzeln. Siehst Du einen roten Faden zwischen Deinen fueheren Punkrock-Aktivitaeten und dem, was Du heute treibst?

MIKE: Oh, ich bin auf alles stolz, was MINUTEMEN gemacht haben. Die Idee der MINUTEMEN in unseren Songs war die gleiche, wie du uns auch nach der Show treffen konntest. So waren wir halt. Wir wollten nie geteilt sein, nach dem Motto: hier ist etwas fuer die Buehne und hier ist etwas fuers Private. Folgerichtig waren wir auch an allem interessiert, worueber wir am Singen waren.

Und was mich damals aufregte und was wir mit dem Song auszudruecken versuchten, war, das genausowenig wie ich eine fremde Armee hier haben moechte, sollten wir unsere Nachbarn dort nicht unterwerfen. Einer meiner Traeume ist, eine wirkliche amerikanische Tour zu machen. Was heisst, hier in Nordamerika anzufangen und sich dann runter nach Zentral- und Suedamerika zu bewegen. In acht, neun Jahren ist mir das vielleicht moeglich, weil ich das in meinem Van machen moechte.

Das war also die Idee, ueber diesen Kram zu singen. Wir fuehlten Solidaritaet mit diesen Leuten, denen wir wuenschten, so behandelt zu werden, wie wir es uns selbst erwuenschten. Und so war es insgesamt mit MINUTEMEN. Wir dachten ueber Dinge nach und sprachen unsere Gedanken aus. Fuer mich ist das bis heute gleichgeblieben, mit einem grossen Unterschied: Ich habe nicht mehr D.BOON an meiner Seite; er ist jetzt tot. Dieser Teil wird also fuer immer anders sein. Diesbezueglich kann ich nie mehr der gleiche sein.

Jetzt erscheint ein Buch mit allen Texten, die ich mit MINUTEMEN geschrieben habe. Ich musste dafuer auch eine Einleitung schreiben; ein Verlag in Quebec hat es veroeffentlicht; in Englisch und franzoesischer Uebersetzung. Sich jetzt all` diese MINUTEMEN-Texte anzuschauen, ich schrieb sechzig Songs fuer sie, einige der Texte sind lustig, aber ich schaeme mich nicht dafuer. Absolut nicht. Du verstehst, wenn du anfaengst, Songs zu schreiben, als eine Erweiterung deinerselbst.

Als wir im Alter von dreizehn Jahren anfingen, Musik zu machen, schrieben wir ja noch keine eigenen Songs, bis wir mit MINUTEMEN anfingen. Wir hatten da diese kleine Band vorher, die sich REACTIONARIES nannte. Mit der fingen wir an, und es war bizarr. Worueber sollen wir schreiben, worueber sollte geschrieben werden? Wie koennen wir unsere Band anders machen, als andere, bestehende Bands? Wir als Menschen waren ziemlich anders, also fragten wir uns, wie wir unsere Songs das repraesentieren lassen koennten.

Wir hatten kein Konzept davon, wovon Rock`n`Roll-Songs handeln sollten. Gerettet hat uns dann JOHN FOGERTY. Und CREEDENCE hatte einen grossen Einfluss auf uns. Und er, der diese Hippie-Songs sang, wie „Fortunate Son“ und „Effegy“. Bei „Effegy“ geht es ja darum, das Weisse Haus niederzubrennen. Wir fragten uns damals, was soll das bedeuten, worum geht es denn hier?

Ich mochte auch diese Shirts, Du weisst, ich wuchs mit diesem militaerische Hintergrund auf, und ich wusste nicht, dass Flanel-Shirts Farmer-Hemden waren. Ich dachte einfach, sie waeren die besten Rock`n`Roll-Shirts. Und dann auf der Highschool, als wir mit Punkrock konfrontiert wurden, hatte das einen grossen Einfluss auf uns. Sie schienen einfach ueber alles zu singen. Diese Band aus England, POP GROUP, die hatten keine Angst, ueber alles zu reden. Punk gab dir damals ein Bewusstsein von einer Bewegung, die zuerst fast etwas Spirituelles hatte.

Uns gab das Selbstbewusstsein schon durch den Umstand, im Schlafzimmer Platten zu kopieren und eine Band zu starten, Songs zu schreiben und unsere innere Stimme zu finden. Kuerzlich gab ich einem Typen aus England ein Interview, der ein Buch ueber die 80er schreibt. Es gibt ja jetzt mehr und mehr Zeug, was ueber diese Zeit geschrieben wird, was in gewisser Weise gut ist.

Musikalisch bewegen wir uns ja auch wieder in diese Zeit zurueck, was sich in den Veroeffentlichungen von RADIO 4, NUMBERS, ERASE ERRATA, vielem Elektronischen und auch in den Comebacks von SUICIDE, WIRE, SOFT CELL etc. widerspiegelt.

MIKE: Ja, das ist dieser Trip, und es ist auch eine Menge Zeit vergangen, in der Leute nur von den SEX PISTOLS und NIRVANA, aber von nichts dazwischen gesprochen haben. Und das ist einfach laecherlich. Nun, dieser Typ aber hatte fuer sein Buch ebenfalls ein Interview mit dem POP GROUP-Schlagzeuger gefuehrt. Er lebt jetzt in New York City und seine Frau ist eine erfolgreiche Maklerin, mit viel Geld, einem schicken Appartment und alldem, und er regte sich regelrecht auf ueber die alten POP GROUP-Songs.

Ich muss dagegen feststellen, dass ich in keinster Weise erzuernt ueber irgendetwas bin, was die MINUTEMEN gemacht haben. Im Gegenteil waere ich heute nichts von dem, was ich bin, ohne MINUTEMEN. Und wenn D.BOON nicht getoetet worden waere, koennte ich uns heute noch als Band vorstellen, die immer noch zusammenspielen wuerde.

Wir waren halt Freunde, fast solange, wie ich denken kann. Und wenn du mit einem Freund zusammen auf der Buehne stehst, fuehlst du einfach Power. Ploetzlich hast du keine Angst mehr, nachdem du in den meisten Situationen in deinem Leben zuvor Angst verspuert hast. Also war das eine sehr spannende Zeit fuer mich, mit MINUTEMEN zu spielen.

Wir spielten auch in Deutschland zusammen mit BLACK FLAG. Ein kleines Tagebuch dieser Zeit ist in dem Buch, ueber das ich vorhin sprach, enthalten. Das war 1983 in Osnabrueck. Wir eroeffneten fuer RICHARD HELL. Fuer mich war das unglaublich. Er war mein erster Punk-Held und er liess mich seinen Bass spielen. (lacht) 1976 hatte ich sogar ein Bild von ihm auf meinem Bass. Und das war damals soetwas wie eine Linie im Sand, die rote Linie fuer viele in unserer Stadt.

Da kamen Reaktionen wie: „you`re fucking with Rock`n`Roll, what is this Punk-shit?“. Da gab es viel Erniedrigung fuer uns, viel Demuetigung. Zu der Zeit scherte ich mich jedoch einen Dreck um solcherlei Reaktionen. Schliesslich schrieben wir unsere Songs, entwickelten unsere Ideen, nahmen auf und gingen auf Tour. Und was waren diese Leute am machen? DEEP PURPLE-Coverversionen am Spielen? Uns war egal, was sie ueber uns sagten.

Diesen Ansatz habe ich nie aufgehoert, zu verfolgen. Was dann aber passierte ist, dass Punkrock gross wurde. Heute sind die Kids automatisch Punkrocker. Das ist nicht mehr dieses verrueckte, kleine Ding. Keine Ahnung, ob das so in Ordnung ist, aber das ist die Realitatet. Die Leute loesten also einen Wechsel aus.

Heute gibt es Punkrock im Fernsehen und in der Werbung. Also wird es nicht mehr wirklich gebraucht. Das ist jetzt wie jedes andere Ding der Vergangenheit, toleriert und verkauft. Und das ist kein neues Problem. Punk ist nicht die erste Sache, die korrumpiert worden ist. Wenn du eine Bewegung hast, ohne Regeln und ohne Hirarchie, kann das leicht passieren. ()

Heute mag ich es, wenn ich Leute treffe, die nicht wissen, wer ich bin. Gewoehnlich aendere ich mein Gesicht, lass` mir einen Bart wachsen oder rasier` mich. Weil wenn du anonym bist, weisst Du, ist das echter. Das uebelste in der Welt ist Hype. Ja, und ich bin stolz darauf, bei MINUTEMEN und FIREHOSE mitgemacht zu haben, aber wirklich sollte ich fuer das beurteilt werden, was ich jetzt mache.

Alles Gute, Mike und danke fuer Deine Zeit.

***

Interview: Tom Dreyer

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Diskographie:

mit MINUTEMEN

„Paranoid Times“ EP („80/ssT)

„Joy“ 7″ („81/ssT)

„The Punch Line“ LP („81/ssT)

„Bean Spill“ EP („82/Thermidor Records)

„What Makes A Man Start Fires“ LP („83/ssT)

„Buzz Or Howl Under The Influence Of Heat“ („83/ssT)

„Double Nickles On The Dime“ DLP („84/ssT)

„The Politics Of Time“ LP („84/New Alliance)

„Tour-Spiel“ EP („85/Reflex)

„My First Bells“ Kassette („85/ssT)

„Project Mersh“ EP („85/ssT)

„Minuteflag“ EP (mit BLACK FLAG) („85/ssT)

„3-Way Tie (For Last)“ LP („85/ssT)

„Ballot Result“ live-LP (`87)

mit FIREHOSE

„Ragin`, Full-On“ LP („86/ssT)

„If`n“ LP („87/ssT)

„Sometimes“ EP („88/ssT)

„Fromohio“ LP („89/ssT)

„Flyin` The Flannel“ LP („91/Columbia)

„Live Totem Pole“ EP („92/Columbia)

„Mr. Machinery Operator“ LP („93/Columbia)

„Big Bottom Pow Wow“ 7″ („94/Columbia)

Projekte

CICCONE YOUTH „Whitey Album“ (`88)

DOS „Uno Con Dos“ (`91)

DOS „Justamente Tres“ (`96)

BANYAN s/t (`97)

BANYAN „Anytime At All“ (`99)

Solo

MIKE WATT „Ball-Hog Or Tugboat“ DLP („95/Columbia)

MIKE WATT „Contemplating The Engine Room“ („97/Columbia)

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